Die Grenzgängerin

Leila Slimani: All das zu verlieren

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Nachdem Leila Slimani uns mit ihrem Gänsehaut-Thriller Dann schlaf auch du das Fürchten lehrte, ist nun ein weiteres ihrer Werke in deutscher Sprache erschienen, das in einem gänzlich anderen Genre angesiedelt ist und die literarische Wandelbarkeit der französisch-marokkanischen Autorin eindrucksvoll unter Beweis stellt. In All das zu verlieren, dessen Protagonistin die französische Zeitung Libération zu Recht als „moderne Madame Bovary“ bezeichnete, entwirft Slimani das Psychogramm einer Frau, die ihrem Lebens- und Selbstüberdruss mit aller Macht entfliehen möchte und dabei in eine selbstzerstörerische Abwärtsspirale gerät, deren Irreversibilität ihr nur selten bewusst wird.

Obwohl die weibliche Hauptfigur in keiner Weise eine Sympathieträgerin ist, geschweige denn eine Identifikationsfigur, gelingt Slimani ein gewagter Drahtseilakt: Auch wenn man als Leser weder Mitgefühl für die destruktive Protagonistin aufbringen noch ihre Ansichten nachvollziehen kann, offenbart der Blick hinter die Fassade eine zutiefst freud- und beziehungsunfähige Frau, deren große Einsamkeit zutiefst berührt. Und es ist genau diese Erkenntnis, die uns auf menschlicher Ebene zu ihr durchdringen lässt – wenn auch nur in kurzen Augenblicken.

Der Inbegriff des Spießertums

Oberflächlich betrachtet fehlt Adèle nichts zu ihrem Glück: Sie lebt mit ihrem Mann Richard, einem angesehenen Arzt, und ihrem kleinen Sohn Lucien in einem exklusiven Pariser Stadtviertel und arbeitet als unabhängige Journalistin für eine Tageszeitung. Doch ihre Unzufriedenheit frisst sie auf: Sie hasst es zu arbeiten – lieber würde sie den ganzen Tag chillen und shoppen. Ihr Leben ist für sie der Inbegriff des Spießertums. Und so hat sie denn auch für die Ambitionen ihres Mannes, der von morgens bis abends arbeitet, um ihr ein angemessenes Leben zu ermöglichen, keinerlei Verständnis. Seine Strebsamkeit findet sie verachtenswert. Auch in dem Haus auf dem Land, das ihr Mann kaufen möchte und das ihr gut gefällt, sieht sie sich in ihrer Zukunft nicht. Doch wo liegt ihre Zukunft?

Süchtig

Adèle fühlt sich vernachlässigt und flüchtet sich in zahlreiche Affären mit den unterschiedlichsten Männern. Dabei ist sie nicht wählerisch und nimmt jeden, der in ihre Reichweite kommt. Doch schon bald werden ihre One-Night-Stands zur Sucht so wie ihr permanenter Wunsch nach Aufmerksamkeit zur Manie wird. Immer öfter, immer schneller, immer brutaler holt sie sich das, was sie braucht. An ihre kleine Familie denkt sie dabei selten. Solange sie im Fokus steht, ist sie glücklich – wenn man dies angesichts ihrer emotionalen Verfassung überhaupt so nennen kann. Doch das trügerische Hochgefühl hält nie lange an. Sobald sie aus dem Bett eines fremden Mannes steigt, ist sie angewidert – von ihrem Lover und von sich. Ihre beginnende Magersucht, die aus ihrem wachsenden Selbstekel resultiert, lässt sich schon bald nicht mehr verheimlichen, doch noch kann sie beruflichen Stress als Ursache dafür angeben.

Getrieben

Als Adèle eine Affäre mit einem guten Bekannten ihres Mannes beginnt, ist sie sich des Risikos voll bewusst. Sie wird immer paranoider und ist ständig von der Angst getrieben, dass Richard hinter ihr Doppelleben kommt. Wie ein gehetztes Tier ist sie permanent auf der Hut – vor sich selbst und den anderen – und will nicht wahrhaben, dass ihr Leben ihr jeden Tag ein Stück mehr entgleitet. Richard kann sich ihr bizarres Verhalten nicht erklären und verliert immer häufiger die Geduld. Auch ihre gute Freundin Lauren beobachtet Adèles zunehmende Rastlosigkeit und ihren körperlichen Verfall mit großer Sorge. Doch Adèle will von alledem nichts hören – bis schließlich die größtmögliche Katastrophe ihr Leben in Scherben legt…

Verstörendes Psychogramm einer Hedonistin

In ihrem Roman All das zu verlieren zeichnet Leila Slimani das verstörende Porträt einer Frau, deren Sucht ihr Leben dominiert. Sehenden Auges geht sie dabei ihrer Selbstzerstörung entgegen, ohne dabei auch nur im geringsten an die Konsequenzen für sich und ihre Familie zu denken. Die permanente Unzufriedenheit, die ständige Frustration und der tagtägliche Missmut der Antiheldin sind eine Herausforderung für den Leser, denn so sehr man sich auch bemüht, die Beweggründe für ihr irritierendes Verhalten zu eruieren, umso weniger erschließt sich ihre widersprüchliche Natur, da sie schlicht nicht greifbar ist. Slimanis Adèle ist nicht nur, wie bereits oben aufgeführt, eine moderne Madame Bovary. Sie hat auch die tragische Ausstrahlung einer Belle de Jour, deren Leben zwischen Tagträumen und unkontrolliertem Ausleben ihrer Bedürfnisse zum Scheitern verurteilt ist.

Doch man kann Slimanis Roman, der brillant geschrieben ist, auch als Allegorie verstehen: Adèle als Symptom, als Grenzgängerin unserer schnelllebigen Zeit, die sich auf der ständigen Suche nach Beachtung im launenhaften Feelgood-Modus selbst verliert. Als Vergnügungssüchtige, die angeödet von ihrer Zweckehe mit einem Mann, den sie allein des Ansehens wegen geheiratet hat, nur im schnellen Rausch existieren kann. Und nicht zuletzt als leichtfertige, oberflächliche Hasardeurin, die alle Limits überschreitet, um Selbstreflexion zu vermeiden.

Es ist kein leicht verdauliches Thema, dem sich Slimani widmet – doch es ist sicherlich eines, das nachdenklich stimmt und aufwühlt. Eines, das die unschönen Auswüchse einer Zeit illuminiert, in der man Alltagsflucht als sinngebend definiert und jeder seine eigene Moral bestimmt. Wohin das führt, lässt sich nicht absehen. Welche Tragödien es hervorbringen kann, zeigt uns die Autorin auf schonungslos reale Weise – jedoch ohne mahnenden Zeigefinger. Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist Mahnung genug.

Mein Fazit: Ein erstklassig geschriebener Roman – unbedingt lesenswert!

Leila Slimani: Bestseller-Autorin und Journalistin

Leila Slimani wurde 1981 in Rabat/Marokko geboren, wo sie auch aufwuchs. In Paris studierte sie Medien und Politik am Institut d’Études Politique de Paris und an der ESCP Europe. Nach ihrem Studium versuchte sie sich zunächst als Schauspielerin, wandte sich jedoch dann der Schriftstellerei zu. Gleich für ihr Erstlingswerk, das hier vorgestellte Alles das zu verlieren (Dans le jardin de l’ogre) wurde sie in Marokko mit dem renommierten Prix de La Mamounia ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman, Dann schlaf auch du (Chanson douce), schaffte auf Anhieb den Sprung auf die internationalen Bestsellerlisten. Für diesen exzellenten Thriller wurde ihr der namhafte Prix Goncourt verliehen.

Slimani ist seit 2017 offiziell Botschafterin für Frankophonie. Als Journalistin arbeitet sie für das afrikanische Magazin Jeune Afrique. Die Autorin lebt in Paris.


Originalausgabe: Slimani, Leila. Dans le jardin de l’ogre. Paris: Éditions Gallimard, 2015.
Deutsche Ausgabe
: Slimani, Leila. All das zu verlieren. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. München: Luchterhand Literaturverlag/Verlagsgruppe Random House GmbH, 2019.

Buchcover: © Luchterhand Literaturverlag/Verlagsgruppe Random House GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat) – erstellt mit PhotoLab

Unter die Haut

Han Kang: Deine kalten Hände

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Die Romane Han Kangs sind von großer literarischer Anziehungskraft. Sie sind – oberflächlich betrachtet – leichte Lektüre, doch in der Essenz schwer verdaulich, denn mit ihren seltsam anmutenden Geschichten, die ihr Penchant für das Groteske offenbaren, mutet die Autorin ihren Lesern schon Einiges zu. So handelt beispielsweise ihr erstes Werk, der internationale Bestseller Die Vegetarierin, von einer Hausfrau, deren Umstellung auf vegetarische Ernährung schließlich in den manischen Wunsch mündet, eine Pflanze zu sein. Das alles klingt bizarr, doch wie die Schriftstellerin das menschliche Drama um ihre sonderbare Protagonistin als Allegorie der Auflehnung konzipiert hat und vor allem mit welcher kraftvollen, poetischen Sprache sie es erzählt, ist einzigartig.

Gleiches gilt auch wieder für ihren neuesten Roman, Deine kalten Hände, der abermals die ganze Bandbreite von Han Kangs literarischem Können offenbart. Auch dieses Mal steht ein von seiner Umgebung als eher sonderlich wahrgenommener Mensch, in diesem Falle ein aufstrebender Künstler, im Fokus des Geschehens, der mittels seiner Skulpturen gegen die Bigotterie und den schönen – falschen – Schein der Menschen bis zur Besessenheit rebelliert. Diese großartige Erzählung nimmt uns mit auf eine Reise in das Innerste des Menschen, zu alledem, was hinter den alltäglichen Masken verborgen liegt. Eine Geschichte, die unter die Haut geht. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Verstörende Kunst

Durch Zufall stösst die Schriftstellerin H. auf die Werke des jungen Künstlers Jang Unhyong, die sie als verstörend wahrnimmt und die ihr jedes Mal Gänsehaut bescheren. Trotzdem kann sie ihren Blick nicht von den befremdlichen Skulpturen abwenden, die er mittels Gipsabdrücken von Menschen (echte Körperabformung) kreiert. Nach einer Theateraufführung, zu der er ein Requisit beisteuert, lernt sie ihn persönlich kennen. Obwohl er auf den ersten Blick ganz sympathisch und komplett in sich zu ruhen scheint, ist er ihr unheimlich. H. ist sich sicher, dass hinter dieser stillen Fassade ein dunkler seelischer Abgrund lauert. Genau aus diesem Grund lehnt sie auch dankend ab, als er sie bittet, für ihn als Modell zu fungieren.

Seelenabgrund

Nach einiger Zeit erhält H. einen beunruhigenden Anruf von Jang Unhyongs Schwester, die ihr mitteilt, dass ihr Bruder spurlos verschwunden ist. Geblieben sind nur seine Tagebuch-Aufzeichnungen, in denen auch H. erwähnt wird. Seine Schwester bittet sie, diese zu lesen und ihr Bescheid zu geben, wenn sie einen Hinweis auf seinen Verbleib findet. H. ist zunächst zögerlich, doch am Ende siegt ihre Neugier. Was sie liest, ist mehr als nur die Lebensgeschichte eines zutiefst verunsicherten und rastlosen Menschen, der Wahrhaftigkeit nur in seiner Kunst zu finden glaubt. Es sind Einblicke in die zerbrochene Seele eines Mannes, der aus seinem ungeliebten, heuchlerischen Umfeld ausbricht und mit seinen Skulpturen der Welt den Spiegel vorhalten will.

Mehr Schein als Sein

Schon im Kindesalter lernt Jang Unhyong, dass niemand so ist, wie er scheint: Nicht seine äußerst beliebte Mutter, die ständig lächelt, doch hart und unnachgiebig zu ihren Kindern ist, mit denen sie nicht das Geringste anfangen kann. Auch nicht sein Vater, der von seinen Studenten verehrt wird, aber für seine Kinder nur Schweigen und für seine Frau nur Verachtung übrig hat. Und auch nicht sein Onkel, Trinker und schwarzes Schaf der Familie, der seine Kriegsverletzung, eine entstellte Hand, und seine Empfindsamkeit so akribisch verbarg, dass es niemandem auffiel – außer dem kleinen Jang.

Blick ins Innerste

Fortan versucht Jang, mittels seiner Kunst und seinen lebensechten Gipsabdrücken hinter die Masken der Menschen zu blicken und das zur Schau zu stellen, was sie verbergen. Als er der stark übergewichtigen Studentin L. begegnet, die ihren Körper ablehnt, fühlt er sich auf merkwürdige Weise mit ihr verbunden. Ihre Hände ziehen ihn magisch an, und sie erlaubt ihm, Abdrücke davon zu nehmen. Nach und nach nähern sich die beiden Außenseiter einander an, und L. glaubt, in Jang einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Aber seine künstlerische Manie und ihr permanentes Bodyshaming sind keine wirkliche Basis für eine gemeinsame Zukunft.

Als er die zierliche Innenarchitektin E. kennenlernt, wittert er, wie üblich, auch bei ihr ein Geheimnis, das sie mit aller Macht zu verbergen versucht. Aber die selbstbewusste E. ist keines seiner Versuchskaninchen. Sie steht ihm zwar als Modell zur Verfügung und kommt ihm auch näher als ihr eigentlich lieb ist, aber eine Beziehung mit ihm strebt sie zunächst nicht an. Doch nach und nach fasst sie zu ihm Vertrauen und lässt sich auf ihn ein. Aber auch dieses Mal mündet seine anfängliche Zuneigung in eine Besessenheit, die alles zu zerstören droht…

Brillanter Roman über die Conditio Humana in einer substanzlosen Welt

Mit Deine kalten Hände ist Han Kang ein weiteres literarisches Glanzstück gelungen. Einfühlsam, aber ohne jegliches Pathos, schreibt sie über die Befindlichkeit eines zerrissenen Künstlers in einer Welt voller leerer Hüllen, die jeglicher Substanz entbehrt. Die von ihm dargestellten menschlichen Skulpturen mit ihren exponierten Hohlräumen spiegeln deren seelische Verödung und Einsamkeit wider. Vor diesem Hintergrund sind Han Kangs Romane immer auch Zustandsbeschreibungen der Conditio Humana in einer Welt, in der das Oberflächliche vorherrscht. Jangs Kunst ist seine Art der Auflehnung gegen diesen Zustand. Es ist seine Art zu zeigen, was unter der Haut bzw. hinter der Alltagsmaske steckt. Und es ist ebenso die Demonstration seines manischen Wunsches, die Dominanz des Scheins zu brechen und das Sein zum Vorschein zu bringen.

Dieser düsteren Welt- und Menschenanschauung setzt Han Kang jedoch das größte aller Gefühle entgegen: Jangs aufkeimende Liebe zu E. erfüllt ihn und reißt ihn zum ersten Mal aus seinem künstlerischen Mikrokosmos. Die Tatsache, dass sie sich ihm – nach ihren Regeln – öffnet und ihn hinter ihre Hülle schauen lässt, kommt fast einer Versöhnung mit seinem negativen Menschenbild gleich. Als er realisiert, dass es nun an ihm ist, auch seine Maske abzustreifen, verfällt er in seine übliche Manie. Doch irgendwann bröckelt auch der größte Selbstschutz und enthüllt das, was ihn als Menschen ausmacht.

Mein Fazit: Han Kang präsentiert mit ihrem neuen Roman ein weiteres tiefgehendes Leseerlebnis auf höchstem Niveau. Sehr empfehlenswert!

Han Kang: Südkoreanische Schriftstellerin mit einem Faible für das Groteske

Han Kang wurde 1970 in Gwangju geboren und wuchs in Seoul auf. Sie studierte koreanische Literatur und machte sich nach ihrem erfolgreichen Abschluss zunächst als Dichterin einen Namen. Danach wechselte sie zur Prosa und erhielt nach nur kurzer Zeit einen Literaturpreis für ihre Kurzgeschichte Rotes Segel.  Im Jahr 2000 wurde ihr der Preis für junge Künstler von heute verliehen, es folgte ein weiterer Literaturpreis ihres Landes im Jahre 2005.

Der internationale Durchbruch als Schriftstellerin gelang ihr mit ihrem Roman Die Vegetarierin, der 2016 mit dem renommierten Man Booker International Prize ausgezeichnet, von den Kritikern enthusiastisch besprochen und als kafkaeskes Meisterwerk gefeiert wurde. Auch ihr neuestes Buch, das hier vorgestellte Deine kalten Hände, wurde wieder hervorragend rezipiert und etabliert die Autorin als eine der renommiertesten Literatinnen Koreas.

Für ihren Roman Menschenwerk, der ebenfalls in deutscher Übersetzung erhältlich ist und der die blutige Auflösung des Gwangju-Aufstandes thematisiert, wurde sie in Italien mit dem namhaften Malaparte-Preis ausgezeichnet.

Neben der Schriftstellerei lehrt Han Kang kreatives Schreiben am Seoul Institute of the Arts.


Deutsche Ausgabe: Kang, Han. Deine kalten Hände. Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel . Berlin: Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, 2019.

Buchcover: © Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
Bildnachweis: © Ana Thira (privat)

Befreiungsschlag

Camilla Läckberg: Golden Cage

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Auf Camilla Läckbergs neuestes Werk Golden Cage war ich ganz besonders gespannt, denn es ist der erste Roman, der nicht zu ihrer erfolgreichen Fjällbacka-Thrillerreihe zählt. Das Warten hat sich gelohnt, denn ihr Neuling ist eine Klasse für sich und übertrifft sogar an Spannung und Qualität noch meinen Allzeit-Favoriten der Autorin, Meerjungfrau, um Längen. Was also macht diese Geschichte so außergewöhnlich? Zum einen ist das hochkarätige Beziehungsdrama brillant konzipiert und äußerst fesselnd erzählt. Zum anderen ist es ein Buch, das die Stärke, die enorme Willenskraft und die Überlebensfähigkeit von Frauen in den Vordergrund stellt. Als Leser merkt man schnell, wie viel Herzblut der Autorin in dieser Erzählung steckt. Erst kürzlich verriet sie in einem Interview:

Ich bin mutiger und stärker geworden. Erst jetzt habe ich mich an diesen Stoff getraut. Und außerdem habe ich die Geduld verloren mit allen, die versuchen, Frauen zum Schweigen zu bringen.1

Diese Kraft und Unerschrockenheit hat Läckberg auf ihre Protagonistin übertragen, die sich weder in ein Schema pressen lässt noch in ein antiquiertes Frauenklischee passt. Obwohl sie zu Beginn der Geschichte untergeordnet und stets verständnisvoll erscheint, ist unterschwellig in jeder Zeile zu spüren, dass sie die Rolle des braven Frauchen nicht für immer ausfüllen wird, denn zu hoch ist ihr Selbstwertgefühl, zu stark ihr Wissen um ihre eigenen Fähigkeiten. Und so lässt sie sich auf einen riskanten Tanz mit dem Teufel ein, bei dem sie eigentlich nur verlieren kann. Eigentlich…

Das Ende eines Traumpaars

Oberflächlich betrachtet sind Faye und Jack das perfekte Paar der Haute Volée Schwedens. Mit seinem Investmentunternehmen Compare hat sich Jack als erfolgreicher Geschäftsmann etabliert. Faye führt ein Leben im Luxus und kümmert sich liebevoll um Töchterchen Julienne. Doch hinter verschlossenen Türen bröckelt die Heile-Welt-Fassade: Jack macht keinen Hehl daraus, wie sehr er seine Frau verachtet: Für ihn ist sie nicht mehr interessant, vor allem aber nicht mehr jung und dünn genug. Der Kick ist verflogen, und Jack lässt keine Gelegenheit aus, um sie das spüren zu lassen. So sehr sich Faye – mittels Diät, Sport etc. – auch bemüht, seinem Schönheitsideal wieder zu entsprechen, umso öfter demütigt er sie.

Schlussstrich

Zunächst versucht Faye noch, Jacks Verhalten zu entschuldigen und seine wechselnden, für sie unerträglichen Launen mit geschäftlichem Stress zu rechtfertigen. Selbst als er sie zu etwas zwingt, was sie moralisch verwerflich findet und vor sich selbst in keiner Weise verantworten kann, gehorcht sie und gibt seinem Willen nach. Als sie Jack jedoch in flagranti mit seiner jungen Assistentin Ylva erwischt, hat Faye endgültig genug. Sie will die Scheidung und ist sich sicher, von dem Geld, das sie von Jack im Trennungsfall erhalten wird, mit Julienne gut leben zu können.

Doch sie hat die Rechnung ohne Jack gemacht. Er ist nicht bereit, ihr auch nur einen Cent zu zahlen und schlägt ihr vor, sich doch eine Arbeit zu suchen. Faye schäumt, denn sie weiß, dass Jack ohne sie niemals an die Spitze gekommen wäre. Sie war es, die den Business Plan für sein kleines Start-up Unternehmen erstellte, und es waren ihre Ideen, die das Unternehmen so erfolgreich machten.

Ein grauenvoller Verdacht

Faye wird schmerzlich bewusst, dass sie für diesen unberechenbaren Narzissten ihre unternehmerische Karriere aufgegeben hat und dass sie mit ihrer kleinen Tochter nun vor dem Nichts steht. Nach dem ersten Schock und tiefen Selbstzweifeln fängt sich Faye wieder und kämpft sich mühsam ins Leben zurück. Sie setzt zum Befreiungsschlag an und ihr zunächst wenig erfolgversprechender Plan, für sich und ihre Tochter eine unabhängige Existenz aufzubauen, geht langsam aber sicher auf.

Doch dann verschwinden Jack und Julienne nach einem Bootsausflug spurlos. Faye ist außer sich vor Angst und rechnet mit dem Schlimmsten, denn sie weiß, dass Jack ihre Eigenständigkeit ein Dorn im Auge ist und er nach einem Weg sucht, um sie in die Knie zu zwingen. Doch wäre er wirklich imstande, ihrer Tochter etwas anzutun, um sie zu bestrafen?

Packender Psychothriller mit zwei vielschichtigen Protagonisten

Golden Cage ist meines Erachtens Camilla Läckbergs bester Roman. Die hochspannende Story lebt von der Intensität ihrer beiden vielschichtigen Hauptcharaktere Faye und Jack, die – so scheint es zunächst – einem VIP-Hochglanzmagazin entsprungen sein könnten. Doch der Schein trügt: Weder Faye noch Jack sind das, was sie vorgeben zu sein. Die Autorin nimmt die Rollen- bzw. Schwarz-Weiß-Klischees im Laufe ihrer packenden Story Stück für Stück auseinander und legt die Wahrheit hinter der Fassade offen. Dies gilt für Jack und Faye gleichermaßen, denn auch Faye ist keinesfalls nur das arme Opfer. Parallel zu den aktuellen Geschehnissen um das sich bekämpfende Paar und das Drama ihrer verschwundenen Tochter entspinnt Läckberg in separaten Kapiteln Fayes Vorgeschichte, die es ebenfalls in sich hat und den Leser zuweilen irritiert zurücklässt.

Schleichend entwickelt sich die eskalierende Beziehungstragödie mittels eines raffinierten Spannungsbogens zu einem nervenaufreibenden Psychothriller, dessen Ausgang mehr als überraschend ist. Nichts bleibt, wie es ist, Grenzen verschwimmen, und alles wird auf den Kopf gestellt, nur um sich am Ende zu einem perfekten Ganzen zusammenzufügen. Das ist die  außergewöhnliche literarische Kunst von Camilla Läckberg, die sich mit ihrem neuen Roman meines Erachtens selbst übertroffen hat.

Daher mein Fazit: Für mich bisher einer der besten Romane des Jahres. Unbedingt lesenswert!

Camilla Läckberg: Schwedens erfolgreichste Kriminalschriftstellerin ist ein Multitalent

Camilla Läckberg wurde 1974 in dem kleinen Küstenstädtchen Fjällbacka im Westen Schwedens geboren, wo sie aufwuchs und in dem auch ihre Romane spielen. Schon als kleines Mädchen schrieb sie sehr gerne Geschichten, die sie mit eigenen Illustrationen versah. Nach der Schule studierte sie zunächst Wirtschaftswissenschaften in Göteborg und arbeitete nach erfolgreichem Abschluss zunächst bei einem Energiekonzern in Stockholm.

Ein wegweisendes Weihnachtsgeschenk

Doch ihre Begeisterung für das Schreiben gewann schließlich die Oberhand. Hier schwebten ihr insbesondere Kriminalromane vor, für die sie schon immer ein Faible hatte. Als ihr ihre Familie zu Weihnachten ein Seminar für Krimiautoren schenkte, stand ihre Entscheidung, Schriftstellerin zu werden, endgültig fest. Noch in diesem Seminar verfasste sie eine Geschichte, die sie zu ihrem ersten Buch Die Eisprinzessin schläft weiterentwickeln sollte, das 2002 erschien und als erster Band der Falck-Hedström-Reihe ein großer Erfolg wurde. Schon bald folgten weitere Bestseller wie Der Prediger von Fjällbacka, Die Töchter der Kälte, Die Totgesagten, Schneesturm und Mandelduft, Engel aus Eis sowie mein absoluter Favorit, der Gänsehaut-Thriller Meerjungfrau. Läckbergs jüngste Veröffentlichungen sind Die Eishexe und ihr neuester Roman, der hier vorgestellte Golden Cage.

Camilla Läckberg ist Schwedens Queen of Crime und mit über 23 Millionen verkauften Büchern die erfolgreichste Kriminalautorin ihres Landes. 2006 wurde sie mit dem renommierten Folket-Literaturpreis ausgezeichnet.

Läckbergs Vielfalt: Thriller, Kinder-, Koch- und Drehbücher – und ein Unternehmen

Neben ihren weltweit publizierten Thrillern schreibt sie auch Kinderbücher (Super-Charlie) und hat außerdem in Kooperation mit Starkoch Christian Hellberg, den sie bereits seit ihrer Jugend kennt, zwei Kochbücher mit regionalen Gerichten herausgebracht. Sie schrieb ebenso die Drehbücher zu den Verfilmungen ihrer Romane (TV-Serie: Mord in Fjällbacka), die bei den Zuschauern sehr gut ankamen.

Darüber hinaus hat sie gemeinsam mit Christina Saliba ein eigenes Unternehmen, Invest in Her, gegründet, mit dem sie in Produkte und Dienstleistungen von Frauen investiert, um ein gleichberechtigteres Geschäftsleben zu schaffen.


Originalausgabe: Läckberg, Camilla. En bur av guld. Stockholm: Forum, 2019.
Deutsche Ausgabe: Läckberg, Camilla. Golden Cage. Aus dem Schwedischen von Katrin Frey. Berlin: List Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH, 2019.
Zitat1: Kurzinterview mit der Autorin in der deutschen Ausgabe

Buchcover: © List Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat)