Die surrealistische Göttin



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Sie war seine nie versiegende Inspiration, seine zweite Seelenhälfte und seine abgöttische große Liebe: Gala, die Frau und Muse des Surrealisten-Genies Salvador Dalí, die ihren eigenen Mythos schuf und sich mit großer Öffentlichkeitswirksamkeit selbst inszenierte. Dalí ließ sie in all ihrem Glanz scheinen, verewigte sie in seiner Kunst und räumte ihr einen ebenbürtigen Platz an seiner Seite ein. Damit stand er im krassen Gegensatz zu Künstlergrößen wie Pablo Picasso, der niemand anderen neben sich duldete und dessen ebenso talentierte Frauen – wenn überhaupt – nur schmückendes Beiwerk waren. 

In ihrem neuen Roman Am Horizont der Meere: Gala Dalí lässt Unda Hörner, die ihre Leserschaft schon mit Kafka und Felice begeisterte, das bewegte Leben dieser einzigartigen Frau Revue passieren, die gleichermaßen faszinierte wie polarisierte. Hörner geht zurück zu Galas Anfängen, als die gebürtige Russin noch Helena Diakonova hieß, und rekonstruiert in dieser detailliert recherchierten und exzellent geschriebenen Geschichte ihren Weg von der fragilen, tuberkulosekranken jungen Frau bis hin zur strahlenden, künstlerischen Ideengeberin, cleveren Managerin und zum favorisierten Modell ihres exzentrischen Maler-Gatten Dalí, an dessen Seite sie endlich als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen wurde. 

Junge Liebe

Als die 18-jährige Helena, die sich Gala nennt, 1912 bei einem Sanatoriumsaufenthalt in Davos den jungen Paul Éluard kennenlernt, ist sie fasziniert. Paul ist der Sohn eines erfolgreichen Pariser Immobilienmaklers, doch er hat wenig Lust, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Er träumt davon, ein großer Dichter zu werden und besitzt auch ein außergewöhnliches Gespür für Sprachschönheit, was er beim Rezitieren seiner Lieblingsverse zum Besten gibt. Gala fühlt sich sofort zu ihm hingezogen, lässt sich mitreißen von seinem künstlerischen Genie und verfasst mit ihm gemeinsam avantgardistische Gedichte. Heimlich verloben sich die beiden Liebenden, obwohl ihre Familien wenig begeistert von ihrer Wahl sind.

Bourgeoise Langeweile

Auch der beginnende Krieg 1914 kann dem Paar und ihrer Liebe auf Distanz nichts anhaben. Schließlich ladet Pauls Familie Gala nach Paris ein, und sie spürt zum ersten Mal einen Hauch von großer Welt. Doch schnell langweilt sie sich in ihrer neuen bourgeoisen Umgebung. Gala ist schon früh klar, dass sie entgegen der damaligen Rollenverteilung keine geborene Hausfrau ist und auch niemals werden will: Sie hasst die häuslichen Pflichten und kann mit den Ratschlägen ihrer zukünftigen Schwiegermutter nicht viel anfangen.

Als Paul und Gala schließlich inmitten der Kriegswirren heiraten, erhofft sie sich Unabhängigkeit. Doch ihre Schwangerschaft macht zunächst all ihre Pläne zunichte. Als Töchterchen Cécile geboren wird, stellen sich bei Gala keinerlei Muttergefühle ein. Sie will ihr Leben genießen, sich weiterbilden und schließt sich lieber Paul und seinen neuen Freunden der Dadaismus-Bewegung um den charismatischen André Breton an. Die jungen Männer sprühen vor Kreativität und innovativen Gedanken, doch auch hier fühlt sich Gala nicht wirklich zugehörig, denn als Frau bleibt sie „unsichtbar“.

Desillusionierende Ménage à trois

Gala beginnt – nach Aufforderung von Paul – eine Affäre mit dem deutschen Maler Max Ernst, Mitbegründer der Kölner Dada-Gruppe. Da Pauls Auslegung des avantgardistischen Dada-Lebenskonzeptes auch die freie Liebe beinhaltet, ist er fasziniert von dieser Ménage à trois: Er bewundert Max Ernst sehr und fühlt sich durch dessen Interesse an seiner Frau geschmeichelt. Dies gilt jedoch nicht für Ernsts Frau, Lou, die Gala für eine eitle und selbstgefällige Egomanin hält, die ständig im Mittelpunkt stehen will und der die Gefühle anderer völlig egal sind. Aber auch Gala kann diesem neuen Arrangement nicht wirklich etwas abgewinnen und fühlt sich gegen ihren Willen „herumgereicht“, obwohl sie Max als Mann faszinierend findet – nicht zuletzt, weil er sie des Öfteren zum Bestandteil seiner Kunst macht.

Der Reiz der für die Öffentlichkeit skandalösen Dreiecksbeziehung ist schnell verflogen. Gala erkennt die Verlogenheit des als modernistisch angepriesenen Lebensmodells, das in ihren Augen lediglich als Deckmantel zum Ausleben männlicher Fantasien dient. Und so hängt auch ihre Ehe mit Paul nur noch an einem seidenen Faden. Beide flüchten sich in Affären, beschließen aber nach einer Aussprache, es nochmals miteinander zu versuchen.

Schicksalhafte Begegnung in Cadaqués

Ihr Weg führt sie ins spanische Cadaqués, wo sie einen jungen, äußerst talentierten Maler treffen, dessen Exzentrik selbst für Gala gewöhnungsbedüftig ist: Salvador Dalí, charismatisch und scheinbar ziemlich verrückt, provoziert mit seinen Bildern, die jedes Tabu brechen. Er ist Surrealist im wahrsten Sinne des Wortes und beeindruckt die zehn Jahre ältere Gala mit seiner Authentizität und seinem wahnwitzigen Charme. Was als Affäre beginnt, wird zur großen Liebe, gegen die selbst Paul nichts ausrichten kann. Dalí macht Gala zu seiner Göttin, sie macht ihn zu einem der reichsten – und, wie man sagt, glücklichsten – Maler seiner Ära. Und schließlich wird sie durch seine maßlose Liebe und madonnenähnliche Verehrung das, was sie sich stets gewünscht hat: Sie wird als eigenständiges kreatives Individuum an seiner Seite sichtbar.

Brillante Hommage an eine singuläre Frau und starke Persönlichkeit

Unda Hörners Roman ist eine sehr gelungene Hommage an Gala Dalí, eine singuläre, beeindruckende Frau, die entgegen dem damaligen weiblichen Rollenverständnis unbeirrt ihren eigenen Weg ging, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, und die es wagte, aus dem Schatten ihres berühmten Ehemanns zu treten und sich selbst als starke Persönlichkeit mit einem untrüglichen Kunst- und Geschäftssinn zu behaupten. Nicht zuletzt Galas Talent, sich immer wieder neu zu erfinden, machte dabei ihren ganz besonderen Reiz aus und verstärkte noch ihre Ausstrahlung, die – gepaart mit ihrem Eigensinn – eine aparte Mischung ergab.

Doch die Autorin zeigt auch Galas Negativseite – ihren Wunsch, immer und überall im Fokus zu stehen, sich selbst und ihre Bedürfnisse an die erste Stelle zu setzen, ohne dabei an ihre Familie – und hier vor allem an ihre Tochter – zu denken. Eine äußerst ungewöhnliche, beinahe maskuline Einstellung für die damalige Zeit, die man einer Frau zum Vorwurf machte, während sie bei einem Mann kritiklos akzeptiert wurde.

Darüber hinaus spiegelt die Autorin sehr gekonnt die inspirierende Aufbruchstimmung um die charismatischen Hauptakteure der revolutionären Kunstströmungen des Dadaismus und Surrealismus wider und lässt viele interessante diesbezügliche Informationen in ihre Geschichte mit einfließen.

Alles in allem ist Hörners einzigartiges Porträt von Gala Dalí für mich eines der Highlights dieses Jahres. Der Roman ist derart brillant geschrieben, dass man fast vergisst, dass es sich hierbei um – glänzend recherchierte – Fiktion handelt. Daher mein Fazit: Dieses Buch muss man einfach gelesen haben. Sehr empfehlenswert!

Unda Hörner: Renommierte Schriftstellerin, Journalistin und Übersetzerin

Unda Hörner wurde 1961 in Kaiserslautern geboren. Sie studierte Germanistik und Romanistik an der Freien Universität Berlin und promovierte über Elsa Triolet, eine russisch-französische Schriftstellerin und Frau des Dichters, Autors und Surrealisten Louis Aragon. Über die Liebesgeschichte des ungewöhnlichen Paares schrieb Hörner auch ihr erstes Werk: Elsa Triolet und Louis Aragon. Die Liebenden des Jahrhunderts. In ihrer darauffolgenden Publikation Die realen Frauen der Surrealisten beleuchtet die Autorin das bewegende Leben von Simone Breton, Elsa Triolet und Gala Éluard an der Seite ihrer berühmten Männer.

Hörners erster Roman Unter Nachbarn wurde 2000 veröffentlicht. Es folgten u.a. Madame Man Ray – Fotografinnen der Avantgarde in Paris, Nancy Cunard. Enfant Terrible der Pariser Bohème, Die Architekten Bruno und Max Taut. Zwei Brüder – zwei Lebenswege, Ohne Frauen geht es nicht. Kurt Tucholsky und die Liebe, 1919 – Das Jahr der Frauen und ihr zweiter Roman, Kafka und Felice, der ein großer Erfolg wurde.

2001 wurde Unda Hörner für ihre Kurzgeschichte Hangar für Hellermann mit dem renommierten Bettina-von-Arnim-Preis ausgezeichnet.

Die Autorin lebt und arbeitet in Berlin.


Originalausgabe: Hörner, Unda. Am Horizont der Meere: Gala Dalí. Berlin: ebersbach & simon, 2019.

Buchcover: © ebersbach & simon
Grafik rechts: © A Million Pages
Bildnachweis: © falco, Pixabay: Dalí-Museum in Figueres

Mein herzlicher Dank gilt ebersbach & simon, die mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

Ausweglos

Antonella Lattanzi: Noch war es Nacht

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Wenn aus Liebe Hass wird. Wie oft ist diese fast schon klischeehafte Wandlung Dreh- und Angelpunkt eines Beziehungsdramas. Und doch sind wir stets aufs Neue darüber schockiert, was Menschen einander antun können. Wozu sie fähig sind, wenn verletzte Eitelkeiten und lange unter der Oberfläche brodelnde Gefühle aufbrechen und tiefe Verletzlichkeit oder geschickt verborgenen Narzissmus offenbaren. Kommen dann noch nicht enden wollende Demütigungen und körperliche Gewalt ins Spiel, ist eine Tragödie unweigerlich vorprogrammiert. Eine Spirale aus Angst und erzwungener Unterordnung verzögert zwar die nahende Katastrophe, kann sie jedoch nicht aufhalten. Gewinner gibt es nach einem solchen (Ehe)-Martyrium nicht, nur Überlebende.

Flucht aus der Ehehölle

Eine solche Überlebende ist auch Carla Romano, die Protagonistin von Antonella Lattanzis neuestem Roman, Noch war es Nacht. Nach einer leidenschaftlichen, obsessiven Ehe mit dem gewalttätigen und krankhaft eifersüchtigen Vito trennt sie sich in einer Nacht- und Nebelaktion von ihm und reicht die Scheidung ein – zur großen Erleichterung ihrer bereits erwachsenen Kinder, Tochter Rosa (19) und Sohn Nicola (21). Mit ihrem Nachkömmling, der kleinen Maja (3), zieht sie in eine moderate Zweizimmerwohnung und knüpft sogar wieder zarte Liebesbande mit dem verständnisvollen Manuel, der ihr Halt gibt. Diese moralische Unterstützung hat sie auch bitter nötig, denn Vito kann sich mit Carlas Trennung in keiner Weise abfinden. In seiner kleingeistigen Welt, in der sich alles um ihn als Nonplusultra dreht und in der er das Sagen hat, kann es nicht sein, dass eine Frau ihren Mann verlässt. Er beschimpft, verfolgt und bedroht sie und macht ganz unmissverständlich klar, dass er sie niemals in Ruhe lassen wird.

Tyrannenmord

Als die Wogen sich ein wenig zu glätten scheinen und Majas dritter Geburtstag bevorsteht, lädt Carla Vito auf Wunsch ihrer kleinen Tochter zu ihrer Feier ein, auch wenn sie dabei ein ungutes Gefühl hat. Ihre Kinder Rosa und Nicola reagieren mit völligem Unverständnis, kommen aber trotzdem zu Majas Geburtstagsparty, obwohl sie für ihren Vater nichts als Verachtung empfinden. Zur Überraschung aller verläuft der Abend friedlich und ohne besondere Vorkommnisse. Doch am nächsten Tag ist Vito spurlos verschwunden. Seine Schwester, mit der Carla seit der Scheidung auf Kriegsfuß steht, gibt sogleich eine Vermisstenanzeige auf. Sie ist fest davon überzeugt, dass etwas Schreckliches geschehen sein muss. Und sie soll Recht behalten: Man findet Vitos Leiche auf einer Müllhalde.

Im Visier der Ermittler

Nach kurzer Zeit gerät Carla ins Visier der Ermittler. Es ist kein Geheimnis, dass Vito seine Frau tyrannisierte und sie regelmäßig grün und blau schlug, doch nach seiner Ermordung mutiert er bei Familie und Freunden plötzlich zu einem Heiligen. Natürlich war er ein bisschen grob, aber er war eben ein Mordskerl, ein ganzer Mann, den man einfach nur zu nehmen verstehen musste. Carla wird zur Hauptverdächtigen, zur rachsüchtigen Ex-Frau, die ihren unbequemen Mann gemeinsam mit ihrem Liebhaber loswerden wollte. Es beginnt eine beispiellose Hexenjagd, obwohl nicht der kleinste Beweis gegen Carla vorliegt. Aber dann bekommt die Geschichte plötzlich eine ungeahnte Wendung, die ein völlig anderes Licht auf die Vorkommnisse – und auf Carla – wirft. Kann sie – die Überlebende – sich noch einmal retten?

Düsteres Beziehungsdrama par excellence

Mit Noch war es Nacht ist Antonella Lattanzi ein düsteres Beziehungsdrama par excellence gelungen, das seinesgleichen sucht. Vor der Kulisse Roms entspinnt die Autorin ein zwischenmenschliches Inferno mit einer emotionalen Wucht, die ins Mark trifft. Ihre Charaktere, speziell Carla und Vito, sind realistisch, vielschichtig und fernab jeglicher Klischees. Ihre Liebes- und Leidensgeschichte ist verstörend und geht bis an die Grenzen des Erträglichen. Auch ihr soziales Umfeld bleibt nicht unangetastet: Schonungslos entlarvt Lattanzi familiäre Heuchelei, falsche Freunde, Bigotterie und perfide Intrigen, die ein Leben zerstören können.

Darüber hinaus kritisiert die Autorin das antiquierte Frauenbild, das auch in der heutigen Zeit noch Gültigkeit hat: Die devote Gefährtin, die ihrem Mann jeden Wunsch von den Augen abliest. Fügt sie sich nicht oder lässt sie sich gar scheiden, ist sie die Schuldige, die nichts taugt und der ohne Mann jegliche Daseinsberechtigung abgesprochen wird. Aber Protagonistin Carla kann und will dieser Rollenidiotie nicht entsprechen. Sie bricht aus und riskiert einen Neustart, auch wenn Angst ihr ständiger Wegbegleiter ist. Dieses Wagnis hat seinen Preis. Doch Carla ist bereit, ihn zu zahlen. Ausweglos war gestern!

Mein Fazit: Ein Must Read – sehr empfehlenswert!

Antonella Lattanzi: Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Dozentin

Antonella Lattanzi wurde 1979 in Bari geboren. Nachdem sie ein Literaturstudium in Rom absolvierte, gab sie 2004 ihr literarisches Debüt mit den Kurzgeschichten Col culo scomomodo (Mit unbequemem Arsch) und verfasste danach einen ungewöhnlichen Reiseführer mit den Legenden, Kuriositäten und populären Geschichten ihrer Heimat Apulien.

Ihren ersten Roman Devozione (Hingabe) veröffentlichte sie im Jahre 2010, gefolgt von ihrem zweiten Werk Prima che tu tradisca (Bevor du mich betrügst), mit der ihr 2013 der Sprung auf die Finalistenliste des renommierten Premio Stresa gelang. Mit Una storia nera, dem hier vorgestellten Noch war es Nacht, gewann sie 2017 den Premio Cortina d’Ampezzo. Die Filmrechte an diesem Roman erwarb die Produktionsfirma Lucky Red, die eine TV-Serie aus dieser dramatischen Story machen möchte. Lattanzi selbst wird das Drehbuch hierzu schreiben. In diesem Bereich verfügt sie bereits über professionelle Erfahrung, denn sie schrieb die entsprechenden Drehbücher für den Film Fiore von Claudio Giovannesi in 2013 und 2night von Ivan Silvestrini in 2016.

Die Autorin lebt und arbeitet in Rom.


Originalausgabe: Lattanzi, Antonella. Una Storia Nera. Mondadori Libri S.p.A., 2017.
Deutsche Ausgabe: Lattanzi, Antonella. Noch war es Nacht. Aus dem Italienischen von Margit Knapp. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH, 2018.

Buchcover: © Rowohlt Verlag GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat)

Kunst und Leben

Naomi Wood: Diese goldenen Jahre

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Nachdem Naomi Wood in ihrem vorangegangenen brillanten Roman Als Hemingway mich liebte das turbulente Leben der einzigartigen Schriftsteller-Legende thematisierte, widmet sie sich in ihrem neuesten Werk Diese goldenen Jahre der avantgardistischen Bauhaus-Ära – von ihren inspirierenden, vielversprechenden Anfängen im Jahre 1919 unter der Ägide ihres charismatischen Gründers Walter Gropius bis zu ihrem bitteren, dramatischen Ende im Jahre 1933, als die Nazis mit ihrer menschenverachtenden Ideologie das Ende der progressiven Kunstschule besiegelten. Was sie jedoch nicht zerstören konnten, war der nachhaltige Einfluss, den das Bauhaus, das in diesem Jahr sein 100-jähriges Jubiläum feiert, mit seinem Konzept einer modernen Architektur und der freien, angewandten Kunst bis heute weltweit noch immer hat.

Das Renommee dieser einzigartigen Institution wurde neben Gropius natürlich auch von seinen lehrenden Meistern geprägt: Künstlergrößen wie der deutsche Maler und Grafiker Paul Klee, der russischer Maler und Kunsttheoretiker Wassily Kandinsky und der Schweizer Maler und Pädagoge Johannes Itten, die die Autorin alle mit in ihren Roman eingebaut hat, drückten dem Bauhaus ihren ganz eigenen Stempel auf und führten ihre Studenten an ein neuartiges Kunstverständnis heran, dessen zukunftsweisende Impulse eine ganz besondere Auswirkung auf ihr kreatives Schaffen hatte.

Doch die Gesellschaft und auch die Politik beäugten die eingeschworene Bauhaus-Community und ihren bahnbrechenden Aufbruch in eine neue Kunstära mit Misstrauen: Zu freizügig, zu innovativ und stets einen Schritt über die Grenze des konventionellen Wohlgefallens. Und so war es denn auch nicht verwunderlich, dass die breite Masse mit dem Bauhaus als solchem nicht viel anfangen konnte. Es fehlte gänzlich das Verständnis und die Weitsicht für diesen in ihren Augen modernistischen Schnickschnack, dessen Sinn sich ihnen nicht erschloss.

Bauhaus-Babys

Aber zunächst zurück zu den Anfängen, nach Weimar ins Jahr 1922, wo Naomi Woods Roman beginnt. Der Ich-Erzähler, der erfolgreiche Maler Paul Beckermann, der mittlerweile im Exil in England lebt, lässt die schicksalhafte Bauhaus-Zeit angesichts eines Todesfalls Revue passieren. Mit Wehmut, Verbitterung und großer Traurigkeit denkt er zurück an die glorreichen ersten Jahre, die er und seine Freunde, die Clique der Bauhaus-Babys, wie die Anfänger damals genannt wurden, gemeinsam verbrachten und auf welche tragische Weise sie auseinanderdrifteten. Sein erster Gedanke gilt Charlotte, die verschlossene, ernsthafte Künstlerin aus Prag, in die er sich gleich am ersten Tag unsterblich verliebt. Hinzu kommen die bodenständigen, eng miteinander verbundenen Freunde Irmi und Kaspar sowie der rätselhafte, unbeherrschte Jenö und Walter, der für Paul zu einem engen Vertrauten wird.

Künstlerische Herausforderungen

Die Freunde sind hochmotiviert und stürzen sich mit Feuereifer auf die ihnen gestellten Aufgaben, doch die lehrenden Meister zeigen ihnen schnell ihre Grenzen auf. Dies gilt insbesondere für Johannes Itten, den kahlköpfigen Kunstfanatiker, an dessen kreativen Herausforderungen viele Erstlinge scheitern. Hierzu zählt auch Paul, der zwar ein exzellenter Maler im klassischen Sinne ist, sich aber mit Ittens künstlerischer Herangehensweise sehr schwer tut. Da kommt ihm das Angebot des undurchsichtigen Ernst Steiner gerade recht, der ihm einen lukrativen Nebenjob anbietet. Paul soll kitschige Heimatkunst reproduzieren, die Steiner dann an gut betuchte ausländische Kunden veräußert. Obwohl ihn alle warnen, nimmt Paul den Job an, denn er möchte endlich unabhängig von seinen Eltern sein.

Erste Risse, politischer Umbruch und ein unverzeihlicher Verrat

Der Zauber der ersten Jahre verfliegt rasend schnell. Die Freundschaft der Clique wird durch Pauls unerfüllte Liebe zu Charlotte, Walters unerwiderte Zuneigung zu Jenö und einen schockierenden Zwischenfall, für den die ganze Clique Hausarrest erhält, auf eine harte Probe gestellt. Hinzu kommen zunächst moderate, dann radikale politische Veränderungen, die eine Verlegung des Bauhauses nach Dessau (1925) und später nach Berlin (1932) erforderlich machen.

Die sogenannte „Bauhaus-Zählung“, mit der gezielt ausländische Studenten identifiziert werden sollen, empört sowohl die Schulleitung als auch die Studierenden, insbesondere Charlotte, die Angst hat, ihren Studienplatz zu verlieren. Als sich herausstellt, dass einer der Freunde die Namen aller Ausländer an eine rechtsradikale Zeitung weitergegeben hat, sitzen der Schock und die Enttäuschung bei allen tief.

Erdrückende Schuld

Nach der Machtübernahme Hitlers dominieren Angst und Entsetzen. Die Clique hat sich aufgelöst, einige Mitglieder verlassen das Land, u.a. auch Paul. Doch an sein neues Leben als Mr. Bricker in England kann er sich nur sehr schwer gewöhnen. Zu erdrückend ist die Schuld, die er auf sich geladen hat, zu schmerzhaft die Erinnerung an eine Liebe, die keinen Bestand hatte und zu monströs der Gedanke, dass er aufgrund seiner Indifferenz eine Katastrophe nicht verhinderte. Was ihn am Leben hält, ist die Reminiszenz an viele glückliche Augenblicke, an magische Momente der überberstenden Kreativität und der Stille und an Stunden der Leidenschaft, die für ihn die ganze Welt bedeuteten…

Ein herausragender Roman mit exzellent gezeichneten Protagonisten und geschichtlichem Tiefgang

Mit ihrem aktuellen Buch ist Naomi Wood erneut ein erstklassiges Lesehighlight gelungen. Die außergewöhnliche, sehr ans Herz gehende Story um ihren Protagonisten Paul und seine fünf Freunde, die sie in zwei parallelen Handlungssträngen erzählt, verwebt sie sehr gelungen mit dem historischen Kontext. Dabei fängt sie die Atmosphäre der damaligen Zeit en détail ein: Sie macht die beflügelnde Aufbruchstimmung unter den Studenten ebenso deutlich fühlbar wie die lähmende Angst, die sich nach der Machtergreifung der Nazis überall ausbreitet.

Die persönlichen Schicksale ihrer Hauptfiguren schildert die Autorin mit großem Feingefühl und einem untrüglichen Gespür für die Befindlichkeiten der Menschen, insbesondere in Zeiten einer politischen Schreckensherrschaft, in denen es zumeist ums nackte Überleben geht. Wood bewertet nicht, sie urteilt nicht, sondern lässt die Geschehnisse als solche für sich sprechen. Was wir als Leser aus ihrem herausragenden Roman mitnehmen, sind nicht nur äußerst interessante Inside-Bauhaus-Informationen und spezielle geschichtliche Hintergründe, die die Autorin eingehend recherchiert hat, sondern ebenso differenzierte Einsichten in das Menschsein an sich: Was uns verbindet, was uns trennt und wie große Empfindungen uns manchmal zu gefühllosen Taten verleiten, die im Rückblick unverzeihlich sind. Und wie wir trotz allem weiterleben – mit der Erinnerung an das Schöne, das unauslöschlich ist.

Mein Fazit: Eine große Leseempfehlung für einen der besten Romane des Jahres! 

Naomi Wood: Renommierte Schriftstellerin und Dozentin

Naomi Wood wurde 1983 in Yorkshire/England geboren. Im Alter von acht Jahren zog sie mit ihren Eltern nach Hong Kong, wo sie zehn Jahre lebte. Mit 18 kehrte sie zurück nach England und studierte Englische Literatur an der namhaften University of Cambridge. Danach arbeitete sie zunächst für Random House und studierte dann Creative Writing an der University of East Anglia in Norwich (UEA). Neben ihrem Studium entstand ihr erster Roman The Godless Boys, der 2011 in England und Norwegen veröffentlicht wurde und demnächst angabengemäß sogar verfilmt werden soll.

Nachdem Wood an der UEA ein volles Promotionsstipendium erhalten hatte, begann sie mit den Recherchen zu ihrem zweiten Buch, Als Hemingway mich liebte (Mrs. Hemingway). Sie besuchte die Schauplätze und Lebensschwerpunkte Hemingways in Chicago, Boston, Key West, Cuba, Antibes und Paris und recherchierte als Stipendiatin zudem einige Zeit an der Library of Congress in Washington D.C.

Mit Mrs. Hemingway, der 2014 in England erschien und inzwischen in mehr als 15 Ländern publiziert wurde, gelang ihr der literarische Durchbruch. Der Roman wurde bereits in seinem Erscheinungsjahr mit dem Jerwood Fiction Uncovered Prize ausgezeichnet und erhielt eine exzellente Besprechung in der namhaften New York Times. Auch hier ist eine TV-Verfilmung in Planung.

Danach startete sie mit ihren Recherchen zu ihrem dritten Roman The Hiding Game, der hier vorgestellte Diese goldenen Jahre, der in diesem Jahr veröffentlicht wurde und mit Sicherheit den Sprung auf die Bestsellerlisten schaffen wird.

Neben der Schriftstellerei unterrichtet Naomi Wood Creative Writing an der University of East Anglia. 

Die Autorin lebt und arbeitet in Norwich/UK.


Originalausgabe: Wood, Naomi. The Hiding Game. London: Picador/Pan Macmillan, 2019.
Deutsche Ausgabe: Wood, Naomi. Diese goldenen Jahre. Aus dem Englischen von Claudia Feldmann. Hamburg: Atlantik Verlag/Hoffmann und Campe Verlag GmbH, 2019.

Buchcover: © Atlantik Verlag/Hoffmann und Campe Verlag GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat) – erstellt mit PhotoLab

Mein herzlicher Dank gilt dem Atlantik Verlag/Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, die mir diesen Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.