Des Menschen Fragilität und Stärke

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Wie soll man das Romandebüt eines jungen vietnamesisch-amerikanischen Schriftstellers beschreiben, das mit seiner Wahrhaftigkeit und Lebensklugheit mitten ins Herz trifft? Dessen Gegensätze aus Schönheit und Rohheit aufeinanderprallen und doch ein symbiotisches Ganzes ergeben. Und dessen Wechsel von poetisch-ausdrucksvoller und drastischer Sprache scheinbar mühelos gelingen. Die bewegende, tragische Geschichte seiner Hauptfigur erzählt Vuong einfühlsam und würdevoll – ohne Pathos, aber mit einer Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht. 

Es ist ein Kaleidoskop der Erinnerungen, das Ocean Vuongs 28-jähriger Protagonist eindrücklich zutage bringt. Eine Retrospektive auf ein junges Leben, das von vielen negativen Erfahrungen, aber auch von stillen Glücksmomenten geprägt ist. Es ist ein Blick zurück im Zorn und in Wehmut, aber auch ein Zurücksehnen nach der einen großen Liebe, die der Ewigkeit nicht standhielt. Über allem ruht das Wissen um die existentiellen Dilemmata, um das, was uns als Menschen in all unserer Widersprüchlichkeit ausmacht, was uns antreibt und am Leben hält.

In einem Interview stellte Ocean Vuong heraus, dass sein Roman in Teilen auch autobiografischer Natur ist:

„What I wanted, what I hoped to do was to speak to a rich American tradition of autobiography, all the way down to Herman Melville and Moby Dick. And so for myself, I always saw the self in the American space as a potent moment of fiction. And I wanted to start with truth and end with art, as a writer. That was very important to me.“1

Ein langer Brief

In einem langen Brief an seine vietnamesische Mutter schreibt sich der Ich-Erzähler alles von der Seele, auch wenn er weiß, dass sie ihn nie lesen wird, denn sie ist Analphabetin. Das bisschen Englisch, das sie beherrscht, reicht gerade für ihren Job in einem Nagelstudio in Connecticut. Er hingegen hat es trotz vieler Hindernisse weit gebracht: Als einziger seiner Familie, die nach dem Vietnam-Krieg in die USA floh, hat er das College besucht und seinen Abschluss gemacht. Er kann sogar erste Erfolge mit seiner Dichtkunst verzeichnen. Doch bevor er das Erreichte genießen kann, muss er den Ballast der Vergangenheit abwerfen. Schonungslos und ehrlich zu den Menschen sein, die ihm am nächsten stehen.

Mutter und Monster

Die Adressatin seiner Lebensrückschau ist seine Mutter Hong, Tochter eines vietnamesischen Bauernmädchens und eines amerikanischen Soldaten, die ihn von Kindesbeinen an regelmäßig schlägt. In ihren Augen ist er ein viel zu weinerliches Kind, das sich alles gefallen lässt und sich nie wehrt. Seine kindlichen Versuche, sie die englische Sprache zu lehren, empfindet sie als Affront, als Umkehrung der natürlichen Hierarchie, denn nur Eltern bringen ihren Kindern etwas bei. Ihre Hilflosigkeit und Entwurzelung entladen sich in unberechenbarer Aggression. „Monster“ nennt er sie, als er älter ist, um ihr zu zeigen, wie sehr er ihr Verhalten verachtet. Doch im selben Moment tut es ihm auch schon wieder leid, denn er weiß nur zu gut, dass sie gemeinsam mit ihrer Mutter Lan der Hölle des Vietnam-Krieges nur knapp entkommen ist. Und dass sie sich manchmal, wenn die schlimmen Erinnerungen kommen, im Schrank versteckt und Chopin hört.

Doch es gibt auch schöne Momente, die er mit seiner Mutter zelebriert: Ihre gemeinsamen Shopping-Touren, für die sie sich schick machen, obwohl sie sich nur eine Handvoll Schokoladentäfelchen leisten können. Ihre einfache Art, ihm mit zwei vietnamesischen Worten zu sagen, dass sie etwas schön findet, während er die Dinge für sie im Englischen benennt. Oder ihre Versuche, ihn mit Milch zu einem starken Jungen aufzupeppeln, um ihn vor den Gewalttätigkeiten seiner Mitschüler zu schützen, die in ihm als „dummen Ausländer“ eine ideale Zielscheibe sehen.

Großmutter und Beschützerin

Die konfliktbeladene Beziehung zu seiner Mutter belastet ihn sehr, doch es gibt einen Menschen, der ihm Halt gibt und ihn beschützt: Seine schizophrene Oma Lan, die bei ihnen wohnt und ihm, als er eines Tages von zuhause wegläuft, wieder zurückholt und ihm erklärt, dass seine Mutter „krank“ ist. Die ihn liebevoll „Little Dog“ nennt, ihm Reis mit Jasmintee zubereitet und ihn so an ihren kleinen Glücksmomenten teilhaben lässt. Doch sie ist nicht nur seine Vertraute. Als er älter ist, wird er ihr Vertrauter gleichermaßen: Sie erzählt ihm ihre tragische Lebensgeschichte: Wie sie einer arrangierten Ehe entfloh, wie ihre Eltern sie verstießen, als sie schwanger war, wie sie sich und ihrer Tochter Blumennamen gab (Lan = Lilie, Hong = Rose), um etwas Schönheit in ihre triste Existenz zu bringen und wie sie sich in Vietnam prostituierte, um mit ihrer Tochter zu überleben.

Geliebter und Schicksalsmensch

Als er seinen ersten Job auf einer Tabakfarm bekommt, ist er zum ersten Mal glücklich und hat ein Gefühl von Unabhängigkeit, auch wenn die sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen mehr als zu wünschen übrig lassen. Er verliebt sich in Trevor, den attraktiven Enkel des Farmbesitzers, und eine schicksalhafte Beziehung nimmt seinen Lauf. Trevor kann nicht zu seiner Homosexualität stehen und behandelt ihn des Öfteren mehr als geringschätzig. Ähnlich wie in der Beziehung zu seiner Mutter findet er sich auch mit Trevor in einem Wechselbad der Gefühle zwischen Liebe und Gewalt wieder, eine demütigende Spirale, der er scheinbar nicht entkommen kann. Doch die glücklichen Stunden mit Trevor möchte er keinesfalls missen, dafür nimmt er alles in Kauf und unterwirft sich völlig. Dies ändert sich jedoch, als Trevor – resultierend aus einer Schmerzmittel-Abhängigkeit – schwer drogensüchtig wird. Hilflos muss er den körperlichen Verfall seines Geliebten mit ansehen, bis er schließlich gezwungen ist, eine Entscheidung zu treffen, die sein Leben für immer verändern wird…

Ein stilles, eindringliches Meisterwerk mit existentieller Tiefe

Das literarische Debüt von Ocean Vuong ist ein stilles, eindringliches Meisterwerk und zählt für mich schon jetzt zu den besten Romanen dieses Jahres. Der Autor verknüpft die singuläre Lebensgeschichte seiner Hauptfigur mit existentiellen Themen und analysiert so auf eindrucksvolle Weise die Conditio Humana, die Natur des Menschen, in all ihren Facetten. Am Beispiel seiner Mutter und Großmutter, die er als Produkte des Krieges bezeichnet, schildert er auf bewegende Weise, was Menschen tun, um zu überleben, wie sie sich selbst neu erfinden, um den allgegenwärtigen Schmerz zu mildern und wie sie versuchen, trotz des erlebten Grauens und des oftmals daraus resultierenden Verlustes ihrer geistigen Gesundheit ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben. Und wie sie sich angesichts von Entwurzelung und Identitätskonflikt dem Leben in einer für sie fremden, neuen Umgebung jeden Tag aufs Neue stellen.

Auf Erden sind wir kurz grandios illuminiert in eindrucksvoller Weise die essentiellen Attribute unseres Menschseins: Unsere Fragilität und unsere Stärke. Die Fähigkeit, sich auch als zerbrechliches Individuum in einer Welt zu behaupten, in der Schwäche als verachtenswert gilt und Stärke zumeist mit Gewalt einhergeht. Liebe und Schönheit zu erkennen und wertzuschätzen, auch wenn die existentiellen Bedingungen alles andere als ideal sind. Und, dem Protagonisten gleich, niemals aufzugeben und seinen Weg – auch als Außenseiter – stoisch weiterzugehen, um irgendwann seinen Platz im Leben und in der Gesellschaft zu finden. Doch im Gegensatz zum Amerikanischen Traum ist diese Lebensmaxime nicht ausschließlich mit materiellem Erfolg verbunden. Bei sich angekommen zu sein, ist Errungenschaft genug.

Mein Fazit: Ein erstklassiges Romandebüt – sehr lesens- und empfehlenswert!

Ocean Vuong: Renommierter Dichter und Schriftsteller

Ocean Vuong wurde 1988 in Saigon/Vietnam geboren, zog aber bereits im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie nach Amerika. Heute lebt er in Northampton/Massachusetts, wo er als Assistant Professor im MFA Program for Poets and Writers bei Umass-Amherst tätig ist. 

Vuong ist ein renommierter Lyriker, der für seinen von den Kritikern gefeierten Gedichtband Night Sky with Exit Wounds mit Preisen überhäuft wurde. Für dieses einzigartige Werk wurde der Autor mit dem T.S. Eliot Prize, dem Whiting Award, dem Thom Gunn Award und dem Forward Prize for Best First Collection ausgezeichnet. 

Seine Gedichte wurden in etablierten Magazinen wie The Atlantic, Harpers, The Nation, New Republic, The New Yorker, The New York Times, The Village Voice und American Poetry Review veröffentlicht, die ihm auch den Stanley Kunitz Prize for Younger Poets verliehen haben. Darüber hinaus wurde der Autor vom Foreign Policy Magazine 2016 in die hochkarätige Liste der 100 Leading Global Thinker neben Hillary Clinton, Ban Ki-Moon und Justin Trudeau aufgenommen.

Auf Erden sind wir kurz grandios ist Vuongs erster Roman, der von Kritikern und Lesern gleichermaßen begeistert aufgenommen wurde.


Originalausgabe: Vuong, Ocean. On Earth We’re Briefly Gorgeous. New York: Penguin Press, 2019.
Deutsche Ausgabe: Vuong, Ocean. Auf Erden sind wir kurz grandios. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag. München: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 2019.

Zitat1: Author Interview von Scott Simon: „Start with truth and end with art“ – Ocean Vuong on his debut novel. In: NPR National Public Radio Inc. US, 1. Juni 2019.


Mein herzlicher Dank gilt der Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, die mir das E-Book als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Buchcover: © Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Bildnachweis: © Cbill, Pixabay

Im Schatten des Genies

Slavenka Drakulić:
Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Bei ihr stehen zumeist starke Frauen im Vordergrund. Kluge Frauen voller Kreativität, die am Beginn einer vielversprechenden Karriere stehen, aber deren Leben an der Seite eines berühmten Genies tragisch endet. Die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulić hat in ihrer einzigartigen Fiktion bereits die Geschichte zweier Frauen dieses Kalibers thematisiert, deren Liebe zu einem exzentrischen Künstler ihrer Zeit in Selbstaufgabe mündete: Die bedeutende Malerin Frida Kahlo und ihre bedingungslose Hingabe zu Diego Rivera (Frida, 2007) sowie die bekannte Fotografin und Malerin Dora Maar und ihre obsessive Leidenschaft für Pablo Picasso  (Dora und der Minotaurus, 2016).

In den Fokus ihres neuesten Werkes stellt Drakulić erneut eine äußerst intelligente Frau und studierte Physikerin, die jedoch an der Seite ihres namhaften Mannes gar nicht wahrgenommen wurde und die ihr zugeteilte Rolle der Ehefrau und Mutter schweigsam absorbierte, bis sie daran zerbrach: Mileva Einstein, die erste Frau des Physik-Nobelpreisträgers Albert Einstein. Ihr Leben im Schatten des omnipräsenten Wissenschaftlers, das die Autorin mit großem Einfühlungsvermögen aus Milevas Sicht erzählt, beginnt im siebten Himmel und endet in der absoluten Hölle – ein psychisches Martyrium, dem nicht einmal die Scheidung ein Ende setzen kann. Was ihr letztendlich bleibt, ist ein existentieller Scherbenhaufen, eine zerstörerische Lethargie und ein Verlust, der zu groß ist, um ihn jemals bewältigen zu können…

Auf dem Tiefpunkt

Der Roman beginnt mit einem entscheidenden Tiefpunkt in Milevas Leben. Ihre Ehe mit Einstein steht nach elf Jahren vor dem Aus. Noch schlimmer als die Trennung, die jedoch nicht öffentlich bekannt werden soll, ist die Verachtung und Ignoranz, die ihr seitens Albert unverhohlen entgegenschlägt. Er wagt es sogar, ihr einen Forderungskatalog für ihr Verhalten bei gelegentlichen Besuchen zu übermitteln, der u.a. folgende Anweisungen enthält:

Du sorgst dafür, dass meine Kleider und Wäsche ordentlich in Stand gehalten werden; dass ich die drei Mahlzeiten im Zimmer ordnungsgemäß vorgesetzt bekomme … Du hast weder Zärtlichkeiten von mir zu erwarten noch mir irgendwelche Vorwürfe zu machen.1

Natürlich übergibt er diese Bedingungen Mileva nicht persönlich. Nein, er lässt diese für ihn unschöne Aufgabe von einem Kollegen erledigen, denn Mut gehört nicht zu den Qualitäten des Konfliktvermeiders, der den Schein unbedingt wahren möchte. Dabei kursieren längst Gerüchte, dass er in seine Cousine Elsa verliebt und mit ihr bereits verbandelt sein soll.

Wehmütiger Rückblick

Mileva bleibt bei aller Demütigung nichts anderes übrig, als auf Alberts Forderungen einzugehen, denn sie und ihre zwei Söhne, Hans Albert (10) und Eduard (4), sind finanziell gänzlich von ihm abhängig. Immer häufiger ist sie deprimiert und würde am liebten nicht mehr aufstehen, doch für ihre Kinder will sie stark sein. Aber wozu? Ihr eigenes Leben, ihre vielversprechende Laufbahn als Physikerin hat sie zugunsten von Alberts Karriere aufgegeben.

Wehmütig denkt sie an ihre Studienzeit zurück, als sie und Albert sich kennenlernten. Beide waren Außenseiter und schienen wie für einander geschaffen: Mileva, die Hinkende, die seit frühester Jugend Zielscheibe des Spotts ihrer Mitmenschen war, und Albert, der bizarre Junge mit den strubbeligen Haaren, dessen Sarkasmus und verletzende Witze ihn in seiner Studiengruppe relativ unbeliebt machten.

Doch Mileva versteht ihn wie keine andere und nimmt ihn stets in Schutz. Beide können stundenlang über wissenschaftliche Theorien diskutieren und dabei alles um sich herum vergessen. Mileva leistet ihm fachkundig Hilfestellung und unterstützt ihn bei allen Aufgaben. Für Albert ist sie eine gleichberechtigte Partnerin, die ihn geistig fordert. Dass sie hinkt, stört ihn in keiner Weise, er thematisiert es nicht. Mileva liebt ihn dafür und blüht in seiner Anwesenheit regelrecht auf. Als die beiden schließlich heiraten, sieht sich Mileva am Ziel ihrer Wünsche.

Schleichende Entfremdung

Doch das junge Glück hält nicht lange. Ein schwerer traumatischer Verlust, der sie beide betrifft, aber der nur Mileva in tiefe Verzweiflung stürzt, belastet ihre Ehe. Als sie jedoch ihre Kinder bekommt, fasst sie sich eine Zeit lang wieder. Aber Alberts beruflicher Aufstieg verstärkt die schleichende Entfremdung des Ehepaars, die Mileva nicht wahrhaben will. Er verbringt immer mehr Zeit ohne sie und die Kinder. Denn mit dem Erfolg kommen die Frauen: Albert wird umschmeichelt und ist nicht mehr länger nur eine Randfigur. Das stärkt sein Selbstbewusstsein – bis zur Überheblichkeit. Mileva zieht sich gekränkt zurück und verfällt wieder in Depressionen.

Desillusionierter Rückzug

Nach ihrer Trennung von Albert zieht Mileva mit ihren Kindern zurück nach Zürich. Ihre depressiven Phasen nehmen zu und ihr permanent kränkelnder Körper reflektiert ihre Seele, die Stück für Stück zerbricht. Ihre völlige Selbstaufgabe fordert ihren Tribut – die Einsamkeit, die ganz von ihr Besitz ergriffen hat, frisst sie auf. Doch sie darf nicht aufgeben, denn bei Sohn Eduard wird eine schwere psychische Erkrankung diagnostiziert. Mileva nimmt nochmals all ihre Kraft zusammen, doch reicht sie aus, um ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben?

Ein einfühlsamer Roman über eine starke, kluge Frau, die an ihrem Selbstverlust zerbrach

Mit Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit ist Slavenka Drakulić ein großartiger, sehr berührender Roman gelungen, der die ganze Lebenstragik einer Frau offenbart, deren Liebe in völliger Selbstaufgabe endete. Mit viel Empathie und einem brillanten Gespür für die leisen Untertöne menschlicher Befindlichkeiten lässt uns die Autorin teilhaben an Milevas Gedankenwelt, an ihrer innigen Zuneigung zu Albert, ihren Hoffnungen und Träumen, aber auch an ihren Selbstzweifeln und Dämonen, die sie ihr Leben lang verfolgten. Mit einer einfachen, klaren Sprache macht Drakulić Milevas zunehmende Einsamkeit und Verzweiflung spürbar, ohne dabei in Rührseligkeit zu verfallen.

Aber die Autorin macht auch deutlich, dass Mileva nicht allein an ihrem Selbstverlust zerbrach. Als eine der ersten Physikstudentinnen der damaligen Zeit, in der Frauenbildung in der Gesellschaft einen Sonderstatus hatte, wurde sie misstrauisch beäugt. Eine eigene Karriere für Frauen war undenkbar, sie hatten ausschließlich mit Ehegatten eine Daseinsberechtigung. So bleibt auch Mileva im Grunde nur die Passivrolle, in der sie stumm ausharrt – eine Tatsache, die sie sich später immer wieder vorwirft. Ihre Unfähigkeit, sich zu wehren und ihren eigenen Weg zu gehen, rührt somit auch von der Rigidität einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft, an der jede Form der weiblichen Auflehnung abprallt.

Die Lebensbilanz, die Mileva am Ende zieht, ist bitter. Für ihre aufopferungsvolle Liebe und ihren Verzicht auf Selbstverwirklichung hat sie den höchsten Preis gezahlt – einen Preis, der es nicht wert war.

Mein Fazit: Ein unbedingtes Must read – wie alle Romane von Slavenka Drakulić!

Slavenka Drakulić: Renommierte kroatische Schriftstellerin und namhafte Journalistin

Slavenka Drakulić wurde 1949 in Rijeka/Kroatien geboren. Sie ist eine der berühmtesten Autorinnen ihres Landes und schreibt Romane, Sachbücher und Essays, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Auf Deutsch erschienen in der Rubrik Fiktion bisher u.a. Das Prinzip Sehnsucht, Marmorhaut, Das Liebesopfer, Als gäbe es mich nicht, Frida, Dora und der Minotaurus sowie der hier vorgestellte Roman Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit. Im Bereich Sachbücher und Essays sind u.a. die Werke Todsünden des Feminismus, Wie wir den Kommunismus überstanden – und dennoch lachten, Sterben in Kroatien. Vom Krieg mitten in Europa, Café Paradies oder die Sehnsucht nach Europa und Leben spenden. Was Menschen dazu bewegt, Gutes zu tun in deutscher Sprache erhältlich.

Für ihre Abhandlung Keiner war dabei – Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht wurde die Autorin 2005 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Darüber hinaus wurde sie 2010 auf der Internationalen Schriftsteller-Konferenz in Prag zu einer der einflussreichsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Europas ernannt.

Zudem ist Drakulić auch eine namhafte Journalistin. Sie ist Redakteurin bei The Nation (USA) und schreibt als freie Autorin für The New Republic, The New York Times Magazine und The New York Review of Books (USA) sowie für die Süddeutsche ZeitungInternazionale (Italien), Dagens Nyheter (Schweden), The Guardian (UK), Eurozine und andere bekannte Zeitungen und Magazine.


Originalausgabe: Drakulić, Slavenka. Mileva Einstein, teorija tuge. Zaprešić: Fraktura, 2016.
Deutsche Ausgabe
: Drakulić, Slavenka. Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit. Aus dem Kroatischen von Katharina Wolf-Grießhaber. Berlin: Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, 2018.
Zitat1: Deutsche Ausgabe, S. 6 (Auszug)

Buchcover: © Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
Bildnachweis: © Ana Thira (privat) – erstellt mit PhotoLab

Zeit für Poesie

Die einzigartige Dichtkunst von Lord Byron 

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Neben Percy Shelley war er einer der wichtigsten Vertreter der englischen Romantik und das Enfant Terrible seiner Zeit: George Gordon Lord Byron. „Mad, bad and dangerous to know“ – so beschrieb ihn Lady Caroline Lamb, mit der er eine außereheliche Affäre hatte. Byrons obsessive Beziehung zu seiner Halbschwester Augusta und seine skandalumwitterte Ehe mit Annabella Milbanke machten ihn zu einem gesellschaftlich Geächteten, doch um Konventionen und Moral scherte er sich wenig.

Freiheit war für ihn das höchste Gut, und so war es denn auch wenig verwunderlich, dass er sich maßgeblich an der Griechischen Revolution (1821-1829) beteiligte. Seinen Mut und seinen rastlosen Einsatz bezahlte er jedoch mit seinem Leben. Für die Griechen ist er bis heute ein Held, und auch in England erhielt er schließlich die Anerkennung, die ihm zu Lebzeiten verwehrt blieb. Eine Gedenktafel im Poets‘ Corner von Westminster Abbey erinnert an den singulären Dichter und sein eindrucksvolles literarisches Schaffen.

Sein Vermächtnis sind seine einzigartigen Werke und hier inbesondere seine wunderschönen Liebesgedichte, von denen ich das folgende für euch ausgewählt habe:

In ihrer Schönheit wandelt sie..

In ihrer Schönheit wandelt sie
Wie wolkenlose Sternennacht;
Vermählt auf ihrem Anlitz sieh‘
Des Dunkels Reiz, des Lichtes Pracht;
Der Dämmerung zarte Harmonie,
Die hinstirbt, wenn der Tag erwacht.

Ein Schatten mehr, Licht minder klar,
So wär‘ die tiefe Anmut nicht,
Die niederwallt im Rabenhaar
Und sanft verklärt ihr Angesicht,
Aus welchem hold und wunderbar
Die reine liebe Seele spricht.

O diese Wang‘, o diese Brau’n,
Wie sanft und still und doch beredt,
Was wir in ihrem Lächeln schau’n!
Ein frommes Wirken früh und spät;
Ein Herz voll Frieden und Vertrau’n,
Und Lieb‘, unschuldig, wie Gebet.

***

George Gordon Lord Byron
Übersetzt von Otto Gildemeister (1823-1902)


Quelle: Lord Byrons Werke in sechs Bänden. Hrsg.: Otto Gildemeister. Band 3, 5. Auflage, Berlin, 1903 – S. 133.

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