Eine Kindheit zwischen Extremen:
Leben mit einer singulären Mutter

Violaine Huisman: Die Entflohene

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Das autobiografische Romandebüt Die Entflohene von Violaine Huisman ist ein äußerst mutiges, verstörendes und warmherziges Werk, das mich sehr bewegt hat. Schonungslos und mit großer Offenheit erzählt die Autorin darin von ihrer zwischen Himmel und Hölle schwankenden Kindheit mit ihrer bildschönen, manisch-depressiven Mutter Catherine, deren tragische Lebensgeschichte sie in ihre Story eingewebt hat. Sie lässt dabei kein noch so schreckliches Detail aus – eine besondere Herausforderung für den Leser, denn manchmal ist das, was die Kinder an der Seite ihrer Mutter erleiden müssen, mehr als man ertragen kann. Und doch überrascht es, mit wie viel Liebe, Zärtlichkeit und großem Verständnis Huisman das Porträt ihrer unberechenbaren, labilen Mutter zeichnet, die sie und ihre ältere Schwester Elsa trotz allem vergötterten.

Doch wie wurde die freiheitsliebende, emanzipierte und freizügige Catherine, eine unzähmbare Naturgewalt, wie Huisman es ausdrückt, zu der Frau, deren extreme Stimmungsschwankungen, gefährliche Wutausbrüche und unerträgliche verbale und physische Grausamkeiten ihr eigenes Leben zu einem seelischen Gefängnis und das ihrer Familie zu einem Martyrium machten? Mit viel Einfühlungsvermögen, Sanftmut und Empathie sucht ihre Tochter Violaine einen Weg, um zu ihrer Mutter durchzudringen und erfährt schließlich immer mehr Bruchstücke aus Catherines Kindheit und Leben, das – einer griechischen Tragödie gleich – sie in diese Abwärtsspirale geraten ließ. Dies entschuldigt nichts, in keiner Weise, doch es lässt verstehen, wie sie zu der Person werden konnte, die sich selbst am meisten fremd war.

Maman und ihre Töchter

Schon im frühen Alter lernen Violaine und ihre Schwester Elsa, das ihre Maman nicht so ist wie andere Mütter. Normalität ist eine Seltenheit: Ihr Kinderleben ist entweder ein Paradies oder ein absoluter Alptraum, ein Dazwischen gibt es nicht. Zum einen überschüttet Catherine sie mit Liebe, liest ihnen vor und macht Späße, ein anderes Mal ohrfeigt sie sie, zieht sie mit den Haaren über den Boden und beschimpft sie als undankbare Gören, die nie vergessen sollten, das sie ihnen mal den Arsch abgewischt hat. Von ihrem Vater Antoine, der sie nach der Scheidung jeden Tag besucht, und ihrer Oma Jacqueline hören sie nur: Eure Mutter ist krank – manisch-depressiv – doch damit können Violaine und Elsa nichts anfangen. Als ihre Mutter in ihren schlimmen Phasen des Öfteren in die Psychiatrie eingewiesen wird, werden die kleinen Töchter herumgereicht: Sie wohnen abwechselnd bei ihren Schulfreunden, ihren Großeltern und ihrem Vater, der mit der Situation jedoch komplett überfordert ist.

Auf Zehenspitzen

Als Catherine von ihren Klinik-Aufenthalten zurückkehrt, gehen die Kleinen auf Zehenspitzen, um jegliche Eskalation zu vermeiden. Doch ihnen ist schnell klar, dass das nicht möglich ist. Sie lernen anhand der Mimik und Gestik ihrer Mutter ihre Tagesform und Konstitution zu deuten, um Schlimmeres zu verhindern, doch oftmals gelingt es nicht. An schlechten Tagen übernehmen sie die Mutterrolle und versuchen, ihre Mamam so gut es geht vor sich selbst zu schützen. Sie wissen genau, was zu tun ist, wenn sie aufgrund von zu viel Alkohol und Tabletten mal wieder ohnmächtig wird und wohin sie sich zu verkriechen haben, wenn sie ausflippt. Als Catherine durch ihre riskante Fahrweise einen schweren Unfall verursacht und sich und ihre Kinder dabei in große Gefahr bringt, lässt ihr Vater sie erneut einweisen, doch es gelingt den Ärzten nur, sie für eine kurze Zeit zu stabilisieren.

Auf Konfrontation

Als Violaine und Elsa heranwachsen, geht Elsa auf Konfrontation mit ihrer Mutter, denn sie hat genug. Sie streitet sich mit ihr bis aufs Blut, auch wenn sie dafür oft Prügel einstecken muss. Violaine ist nicht so mutig und bleibt stumm, obwohl sie ihr schlechtes Gewissen plagt, weil sie sich nicht traut, ihrer Schwester zu helfen. Währenddessen häufen sich die Zusammenbrüche ihrer Mutter. Verzweifelt versucht sie immer wieder, ihr Leben in den Griff zu bekommen, doch ihre Vergangenheit holt sie ein. Als ihre Töchter zwecks Ausbildung das Haus verlassen, bleibt sie allein zurück und hadert mit sich, ihrem Leben und mit der Frau, zu der sie geworden ist und nie werden wollte. Doch wer war sie?

Auf Selbstsuche

In stillen Momenten gibt Catherine ihrer Tochter Violaine Stück für Stück von sich preis, erzählt ihr von ihrem Leben, das von Anfang an unter keinem guten Stern stand: Von dem schüchternen und kränklichen Mädchen, das aus einer Vergewaltigung entstand und stets unter der eisigen Gefühlskälte ihrer Mutter litt, die sie selbst nach monatelangem Krankenhausaufenthalt nicht ein einziges Mal besuchte, und von ihrem Zuhälter-Vater, der in seinem krankhaften Begehren selbst vor seiner eigenen Tochter keinen Halt machte.

Aber Catherine sieht sich nicht nur als Opfer, sie erzählt auch von ihren eigenen Verfehlungen, die sie sich nicht verzeihen kann: Wie sie Paul, ihren ersten Mann und ihre große Liebe, für Antoine verließ, der ihr ein Leben im Luxus bieten konnte. Wie sie ihre beste Freundin Claude, mit der sie eine innige Liebe und jahrelange Beziehung verband, am Ende allein sterben ließ und wie sie in einem emotionalen Ausnahmezustand ihren Hund tötete. Catherines ständige Rückblicke auf ihr Leben tormentieren sie, und so ist eines Tages für sie, die so viel erleiden musste und selbst so viel Leid verursachte, die Grenze des Erträglichen erreicht. In ihrer Verzweiflung sieht sie schließlich nur einen Ausweg, den ihre Töchter zwar kommen sahen, der sie aber am Ende doch bis ins Mark erschüttert…

Sehr bewegendes,  liebevolles Porträt einer nicht alltäglichen Mutter

Mit Die Entflohene ist Violaine Huisman ein sehr berührendes Porträt und einfühlsames Psychogramm ihrer manisch-depressiven Mutter gelungen, das gleichermaßen schockiert und zu Herzen geht. Mit großer Sensibilität zeigt sie auf, wie in der Kindheit durchlebte seelische Grausamkeiten das Leben eines Menschen beeinflussen können – dies gilt sowohl für sie und ihre Schwester Elsa als auch für ihre Mutter Catherine, die als kleines Mädchen nie Liebe erfuhr und sich daher vornahm, später einmal eine bessere Mutter zu werden. Huisman schildert den permanenten verzweifelten Kampf ihrer Mutter, ihr mentales Gleichgewicht wieder zu finden und ihre Kinder nicht zu verlieren, mit einer emotionalen Wucht, die erschüttert. Die Autorin legt die innerliche Zerissenheit ihrer Mutter, die aufgrund ihrer Schönheit und Unkonventionalität von Männern und Frauen gleichermaßen verehrt wurde, offen und zeigt, welche zerbrechliche Seele sich dahinter verbarg, die nicht mehr heilen konnte.

Die außergewöhnliche Geschichte, die die Autorin mit ihrem einzigartigen Schreibstil und einer streckenweise sehr poetischen Sprache erzählt, ist auf hohem literarischen Niveau und ein großartiges Debüt, das seinesgleichen sucht. Daher mein Fazit: Eine sehr große Leseempfehlung für diesen äußerst eindrucksvollen Roman!

Violaine Huisman: Erfolgreiche Schriftstellerin, Lektorin und Übersetzerin

Über die Debütautorin Violaine Huisman gibt es – noch – nicht sehr viel zu berichten. Die 1979 in Paris geborene Französin lebt und arbeitet seit 20 Jahren in der Verlagsbranche in New York. Sie ist als Lektorin und Übersetzerin (u.a. David Grann und Ben Lerner) tätig und organisiert darüber hinaus Literaturfestivals und andere Eventformate.

Ihr autobiografisches Erstlingswerk «Fugitive parce que reine», das hier vorgestellte Die Entflohene, wurde von den Kritikern der renommiertesten französischen Zeitungen und Magazine wie Le Monde, Le Nouvel Observateur und Le Point mit Begeisterung aufgenommen und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter u.a. der Prix Littéraire de L’Ens Cachan (2019), der Prix Françoise-Sagan (2018) und Prix Marie Claire du Roman Féminin (2018).


Originalausgabe: Huisman, Violaine. Fugitive parce que reine. Paris: Éditions Gallimard, 2018.
Deutsche Ausgabe
: Huisman, Violaine. Die Entflohene. Aus dem Französischen von Eva Scharenberg. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag GmbH, 2019.
Buchcover: © S. Fischer Verlag GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat)
Quelle Biografie: Verlagsinformationen

Hemingway in der Serenissma: Auf der Suche nach Inspiration und Erneuerung

Hanns-Josef Ortheil: Der von den Löwen träumte

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Er war einer der bedeutendsten US-Schriftsteller aller Zeiten und zählt zu den wichtigsten Vertretern der amerikanischen Moderne: Ernest Hemingway, der seinen eigenen überlebensgroßen Mythos schuf und sich wie kein anderer als literarischer Revolutionär, unwiderstehlicher Frauenheld und verwegener Abenteurer mit einer Vorliebe für Stierkampf und Safaris selbst inszenierte. Mit traumwandlerischer Sicherheit bediente er sich dabei der Medien, die seinem Wunsch nur zu gerne entsprachen und ihn als Inkarnation des Männlichen, begehrenswerten Teufelskerl und innovativen Autorentypus porträtierten. Doch hinter dieser glorreichen Fassade verbarg sich – wenn man den unzähligen Biografien Glauben schenken darf – ein widersprüchlicher, zutiefst unsicherer und zerrissener Mensch, der von Ängsten und Depressionen gequält wurde, die er mit Alkohol zu bekämpfen versuchte.

Oftmals mündeten Hemingways persönliche Krisen, seine Panik vor dem Altern und vor körperlichem Verfall in lähmende Schreibblockaden, die ihn an seinen Fähigkeiten als Schriftsteller zweifeln ließen. In einer solch lethargischen Lebensphase des Autors setzt Hanns-Josef Ortheils brillanter neuer Roman Der von den Löwen träumte an und erzählt die außergewöhnliche, exzellent konzipierte Geschichte von Hemingways Venedig-Aufenthalt im Jahre 1948, als er dort nach Inspiration und Erneuerung suchte. Und dies obwohl La Serenissima so gar nicht in sein Location-Beuteschema passte, denn Venedig, die einzigartige Lagunenstadt mit ihrem besagten Zauber, war nicht gerade ein Abenteuerschauplatz, der dem alternden Literaten vorschwebte – zumal er mit der Region auch traumatische Kriegserinnerungen verband. Und doch entstanden dort die Ideen für sein Buch Über den Fluss und in die Wälder und für einen Kurzroman, der für alle Zeiten Kultstatus innehaben und als sein Meisterwerk in die Literaturgeschichte eingehen sollte: Der alte Mann und das Meer.

Zu neuen Ufern

Als Hemingway 1948 in Venedig mit seiner vierten Frau Mary und Übersetzerin Fernanda eintrifft, möchte er nur eines: Ruhe und einen ungestörten Platz zum Schreiben, denn seit geraumer Zeit hat er keinen Roman mehr veröffentlicht. Der Druck auf ihn wächst, und er hofft, in Venedig Inspiration und Ideen für eine neue Geschichte zu finden. Doch sein hoher Bekanntheitsgrad macht ihm zunächst einen Strich durch die Rechnung: Die italienische Presse hat bereits mitbekommen, dass er im Lande ist und im mondänen Hotel Gritti wohnt. Erster Mann vor Ort ist Sergio Carini, Journalist der Tageszeitung Il Gazzettino, der ein großer Bewunderer des Autors ist. Er und Hemingway sind sich auf Anhieb sympathisch, denn Carini respektiert dessen Wunsch nach Anonymität. 

Eine bereichernde Begegnung

Hemingway erkundet Venedig allein und jenseits der Touristen-Attraktionen, während Carini ihn in die angesagten Treffpunkte der Stadt, u.a. Harry’s Bar, führt. Doch es ist sein 16-jähriger Sohn Paolo, der dem Schriftsteller das andere Venedig, die Stadt fernab des Trubels, näherbringt. Gemeinsam schippern sie durch die Lagunenlandschaft – schweigend oder im Gespräch vertieft. Hemingway ist begeistert von Paolos Authentizität, von seinem unbeirrbaren Wunsch, niemals etwas anderes als ein einfacher Fischer sein zu wollen. Und schließlich entdeckt Hemingway durch ihn sogar den idealen Platz zum Schreiben: Die Locanda Cipriani auf der winzigen menschenleeren Insel Torcello. Einen Protagonisten für seine neue Romanidee hat er ebenfalls gefunden: Weltkriegsveteran Richard Cantwell, der dem Autor – wen wundert’s – sehr ähnlich ist.

Eine skandalöse Liebe

Doch es geht nicht voran, denn Hemingway bleibt rastlos: Er sucht nach etwas, das ihn wieder lebendig werden lässt, das ihn beflügelt und seinem Leben einen neuen Sinn gibt. Als er die schöne 18-jährige Venezianerin Adriana kennenlernt, ist es um ihn geschehen. Er macht sie zur weiblichen Hauptfigur Renata seines neuen Romans, dessen Titel er bereits im Kopf hat: Über den Fluss und in die Wälder. Adriana wird zu seiner ständigen Begleiterin – sehr zum Missfallen seiner Frau Mary, die von seinen Kapriolen und ständigen Alkoholeskapaden schlichtweg genug hat. Und auch Paolo ist entsetzt, denn er hält gar nichts von Hemingways junger neuer Inspiration und noch weniger von seiner Geschichte, die er, wie er dem Autor ganz unverblümt mitteilt, für nicht echt, sondern für viel zu künstlich hält.

Die Geschichte seines Lebens: Der alte Mann und das Meer

Vielmehr sieht Paolo in Hemingways passionierter Verbundenheit mit dem Meer und seiner profunden Kenntnis über die Fischerei den Stoff, aus dem sein neuer Roman sein sollte. Und es geschieht das, womit der junge Fischer am wenigsten rechnet: Hemingway besinnt sich und schreibt die Erzählung, für die er 1953 den renommierten Pulitzerpreis und ein Jahr später den Literaturnobelpreis erhalten wird. Als Paolo das ihm von seinem liebgewonnenen Schriftsteller gewidmete Exemplar zu Ende gelesen hat, ist er zu Tränen gerührt – nicht nur, weil Manolin, der junge Freund des alten Fischers Santiago, seine Züge trägt, sondern weil er weiß, dass Hemingway mit Der alte Mann und das Meer die Geschichte seines Lebens geschrieben hat: Authentisch und wahrhaftig – eine Hymne auf das Leben,  die Hoffnung und die Erinnerung, auf das Sich-nicht-Aufgeben und die menschliche Würde im Angesicht des Scheiterns.

Brillanter Roman über die Ideen- und Selbstsuche eines Ausnahmeschriftstellers

Mit Der von den Löwen träumte ist Hanns-Josef Ortheil nicht nur eine ganz wunderbare Geschichte, sondern auch eine einzigartige Annäherung an die Schriftsteller-Legende Ernest Hemingway gelungen. Mit seinem singulären Schreibstil versetzt er uns zurück in das Venedig der 50er Jahre und führt uns an all die Orte, die Hemingway während seines dortigen Aufenthaltes aufsuchte: Wo er schrieb, wo er trank und wohin er sich zurückzog, wenn alles zuviel wurde. Und dies so lebensecht und historisch detailgetreu, dass man als Leser nicht nur das Gefühl hat, mitten im Geschehen zu sein, sondern auch in die Gedankenwelt des tormentierten Literaten einzutauchen. Ortheil macht Hemingways Widersprüchlichkeit, seine Rastlosigkeit und seine existentiellen Ängste spürbar und gewährt so einen einfühlsamen Einblick in das Seelenleben eines Mannes, der dem von ihm geschaffenen Mythos von Macho- und Heldentum nie gerecht werden konnte und daran schließlich scheiterte.

Am Ende des Romans – nachdem wir Hemingway dank Ortheils exzeptioneller Erzählkunst ein kurzes Stück des Weges begleiten und kennenlernen durften – können wir erahnen, warum keine Auszeichnung der Welt ihm seine Selbstzweifel und seine Angst vor der kreativen Leere nehmen konnte. Mit zunehmendem Alter zerrann sein so sorgsam inszeniertes Selbstbild, mit beginnender Demenz verlor er die Fähigkeit zu schreiben, so dass ihm am Ende nichts geblieben ist. Uns Lesern aber bleibt sein bedeutendes literarisches Vermächtnis, das seine schriftstellerische Brillanz auf beeindruckende Weise manifestiert.

Mein Fazit: Eine ganz große Leseempfehlung für diesen herausragenden Künstlerroman!

Multitalent Hanns-Josef Ortheil: Schriftsteller, Pianist und Professor

Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Musik war von Kind an seine Passion, so dass er aufgrund seines augenscheinlichen Talents zunächst Pianist werden wollte. Doch während seines Studiums am römischen Konservatorium setzten permanente Sehnenscheidenentzündungen seinem Berufswunsch ein Ende. Ortheil studierte danach Kunstgeschichte in Rom und später Philosophie, Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an unterschiedlichen Universitäten. An der Universität Mainz promovierte er über das Thema Der poetische Widerstand im Roman. Geschichte und Auslegung des Romans im 17. und 18. Jahrhundert.

Ortheil arbeitete u.a. als Film- und Musikjournalist, Feuilletonist und Literaturkritiker für renommierte Magazine und Zeitungen wie z.B. die FAZ, die ZEIT und den Spiegel. 1979 erschien sein Romandebüt Fermer, für das er mit dem Aspekte Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Seine schriftstellerische Karriere entwickelte sich in rasantem Tempo: Er schrieb nicht nur zeitgenössische und autobiografische Romane (z. B. Das Kind, das nicht fragte, Der Stift und das Papier), sondern auch Sachliteratur (z. B. Die Pariser Abende mit Roland Barthes) und Drehbücher (gemeinsam mit Christine Soetbeer: Ezra Pound – Ein amerikanischer Hochverräter) sowie historische Romane (Faustinas Küsse, Die Nacht des Don Juan und das hier vorgestellte Werk Der von den Löwen träumte).

Seit 2008 ist Ortheil Direktor des Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft an der Universität Hildesheim, die junge Autoren fördert. Darüber hinaus ist Ortheil Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München. Zudem ist er Honorarprofessor der Universität Heidelberg und Kurator des Gargonza Arts Awards.


Originalausgabe: Ortheil, Hanns-Josef. Der von den Löwen träumte. München: Luchterhand Literaturverlag/ Verlagsgruppe Random House GmbH, 2019.

Buchcover: © Luchterhand Literaturverlag/Verlagsgruppe Random House GmbH
Bildnachweis – Foto 1: © Antonio Salgueiro, Pixabay – Hemingway at Madame Tussaud’s
Bildnachweis – Foto 2: © Dimitris Vetsikas, Pixabay
Quellen Biografie: Verlagsinformationen + Wikipedia

Weiterleben

Rhiannon Navin: Alles still auf einmal

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Kein Roman hat mich in diesem Jahr so zu Tränen gerührt wie das literarische Erstlingswerk der amerikanischen Schriftstellerin Rhiannon Navin. Die ergreifende Geschichte, die die Autorin ganz behutsam und mit viel Herzenswärme und Innigkeit erzählt, geht unter die Haut und trifft mitten ins Herz. Und dies nicht nur, weil sie aus Sicht eines kleinen sechsjährigen Jungen erzählt wird. Das Thema, das Navin gewählt hat, ist erschreckend real und geht sehr, sehr nahe: Die Story handelt von einem Amoklauf an einer amerikanischen Grundschule, bei dem 19 Kinder und Lehrer ihr Leben verlieren. Ein Alptraum, nach dem das Leben der betroffenen Eltern und Hinterbliebenen nie mehr dasselbe ist.

Während sie – gefangen in ihrer Trauer – nach diesem schweren Verlust durch die Hölle gehen und kaum mehr einen Blick für die Realität haben, geht das Leben weiter. Aber das können und wollen sie nicht akzeptieren, denn zu tief sitzt der Schmerz, zu groß ist ihre Wut und zu durchdringend ist die immer wiederkehrende Frage, auf die es keine Antwort gibt: „Warum gerade mein Kind?“ Doch trotz aller Verzweifung funktionieren sie – für ihre Familie und insbesondere für ihre übrigen Kinder, die nach einem solchen schrecklichen Trauma alleine zurückbleiben.

Der Amoklauf

Ein solches Kind ist auch der kleine Zach Taylor, der Protagonist von Navins Roman, der bei einem Amoklauf an seiner Schule seinen älteren Bruder Andy verliert. Während er und seine Klassenkameraden von ihrer Lehrerin in einem Wandschrank versteckt werden und dort voller Angst die unzähligen Schüsse und panischen Schreie mitanhören müssen, fallen Andy und viele weitere Schüler in der Aula dem Amokschützen zum Opfer. Als Zach und seine Klasse endlich gerettet werden, ist alles still – gespenstisch still. Obwohl man die Kinder anhält, sich bei ihrem Weg nach draußen nicht umzudrehen, schaut Zach nach hinten und sieht das Blut und die regungslosen Körper. Völlig verschreckt wartet er in einer nahegelegenen Kirche gemeinsam mit den anderen Kindern auf seine Eltern.

Bruderlos

Die Todesnachricht trifft die Familie mit unfassbarer Härte. Zachs Mutter Melissa bricht zusammen, sein Vater Jim leidet still. Die Großeltern und Tanten treffen ein, um den Eltern beizustehen, doch Zach rückt immer mehr in den Hintergrund. Der Kleine fühlt sich zunehmend vernachlässigt und zieht sich mit Plüschgiraffe Clancy in Andys großen Kleiderschrank zurück – sein Geheimversteck wird zu seinem Refugium, zu einem verborgenen Rückzugsort, an dem er versucht, das Erlebte zu verarbeiten. Seine verworrenen Gefühle, die ihn ganz durcheinander machen, versucht er durch Malen zu ordnen, für jedes Gefühl bemalt er ein Blatt Papier mit nur einer einzigen Farbe. Das Schlimmste sind jedoch seine ständigen Alpträume, nach denen ihn sein Vater meistens liebevoll tröstet, obwohl er selbst Trost bitter nötig hat.

Trauer, Wut und Scham

Zachs Mutter hingegen schottet sich völlig ab, was der Kleine nur bedingt versteht. Er vermisst das Gute-Nacht-Lied, das sie jeden Abend mit ihm singt und vor allem ihre zärtliche Fürsorge. Er versucht, seine Mutter zu unterstützen so gut er kann, doch sie ist dem Alltagsleben in keiner Weise gewachsen und hat kein Ohr für die Belange ihres Sohnes. Was Zach überhaupt nicht versteht, ist die Tatsache, dass alle seinen Bruder jetzt in den Himmel heben, wo er doch mit seinen permanenten Wutanfällen das Sorgenkind der Familie war und auch Zach oft gemein behandelte. Doch trotz alledem vermisst er seinen Bruder sehr und erinnert sich in seinem Versteck an die schönen und witzigen Momente, die beide zusammen erlebten.

Als Zach erfährt, dass der Todesschütze, der bei der Stürmung der Schule ebenfalls  ums Leben kam, ausgerechnet der Sohn seines Lieblings-Schulwachmanns Charlie ist, versinkt er in Traurigkeit. Seine Mutter hingegen reisst diese Nachricht aus ihrer Lethargie. Endlich ist der Schuldige gefunden, von nun an kann sie all ihre Wut gegen dessen Eltern richten. Zum Missfallen von Zachs Vater lässt sie keine Gelegenheit aus, um Charlies Familie in zahlreichen Interviews zu diffamieren, die ihrer Meinung nach die Tat ihres labilen Sohns hätte vorhersehen müssen. Zach ist traurig und schockiert und schämt sich für seine Mutter, denn für ihn ist Charlie ein Freund und guter Kumpel, der in der Schule immer auf ihn aufpasst.

Zachs Mission

Als seine Mutter gemeinsam mit anderen Betroffenen eine Klage gegen Charlies Familie einreichen will, ist Zach alarmiert. Er möchte, das alles wieder so ist, wie es vorher war, doch er weiß auch, dass das nicht geht. Und weil er sich nicht zu helfen weiß, vertieft er sich in seine alten Kinderbücher – und hier stößt er auf die vier Geheimnisse des Glücks, die zwei seiner Mini-Helden nach und nach entdecken. Und so fasst Zach schließlich einen folgenschweren Plan, um seinen Eltern und auch Charlies Familie einen ersten zaghaften Weg aus ihrer Trauer zu zeigen…

Ein sehr berührendes, erstklassiges Romandebüt

Mit Alles still auf einmal ist Rhiannon Navin ein ganz außergewöhnliches und sehr beseeltes Erstlingswerk gelungen. Der Roman ist wunderbar geschrieben und vereint auf sehr berührende Weise Trauer und Lebensbejahung. Navin lässt uns an der Gedankenwelt des kleinen Zach teilhaben, durch dessen Augen und mit dessen einfacher kindlicher Sprache wir die Geschehnisse erfahren und aufnehmen. Mittels dieser ergreifenden Erzählweise generiert die Autorin große Emotionen, derer man sich als Leser nicht erwehren kann. Während man fassungslos all die Dinge wahrnimmt, die auf den Kleinen einstürzen, zeigt sich nach und nach, mit welcher Schlicht- und Geradheit Zach versucht, wieder einen Funken Glück und Hoffnung für sich und seine Familie zu finden.

Und letztendlich erkennen auch Zachs Eltern in all ihrer Trauer, dass es ihr kleiner Sohn ist, der alles daran setzt, um sie behutsam in ihr normales Leben zurückzuführen, auch wenn der Weg dorthin noch sehr weit ist. Was zählt ist, dass sie einen Anfang machen und dann einen Tag nach dem anderen bewältigen – dies mit dem Wissen, dass sie nicht allein sind. Denn Zach geht dabei mit kleinen Schritten voraus und zeigt ihnen, dass das Glück auch durch schöne Erinnerungen wiederkehren kann, die Zuversicht und Kraft zum Weiterleben geben.

Mein Fazit: Wenn ich in diesem Jahr nur einen Buchfavoriten wählen dürfte, dann wäre es dieser bemerkenswerte, herzerwärmende Roman!!!

Rhiannon Navon: Von der Werbeagentur zur Schriftstellerei

Rhiannon Navin wuchs in Bremen auf, siedelte aber später in die USA über, wo sie für verschiedene Werbeagenturen in New York arbeitete, um ihre Karriere voranzutreiben. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in einem New Yorker Vorort. Eine ganz besondere Situation mit ihrem kleinen Sohn Garrett brachte sie auf die Idee für ihren Debütroman Only Child, der hier vorgestellte Alles still auf einmal: Als sie den Kleinen eines Tages zusammengekauert unter dem Tisch vorfand, antwortete er auf ihre Frage, was er da mache, mit: „Ich verstecke mich vor dem bösen Mann“. Wie die Autorin später erfuhr, hatte es in der Vorschulklasse ihres Sohnes eine Amokübung gegeben, die ihn sehr verängstigte.

Mit ihrem Erstlingswerk gelang Navin sogleich der Sprung auf die Bestsellerliste. Der außergewöhnliche Roman wurde in mehr als 17 Sprachen übersetzt und erfuhr auch auf internationaler Ebene hohe literarische Anerkennung. Ein großer Überraschungserfolg für die herausragende Schriftstellerin, die für mich mit ihrem einzigartigen Erzähltalent zu den Entdeckungen des Jahres zählt.


Originalausgabe: Navin, Rhiannon. Only Child. New York: Alfred A. Knopf, a division of Penguin Random House LLC, 2018.
Deutsche Ausgabe
: Navin, Rhiannon. Alles still auf einmal. Aus dem Amerikanischen von Britta Mümmler. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2019.

Buchcover: © dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Bildnachweis: © Alexas_Fotos, Pixabay
Quelle Biografie: dtv Verlagsinformationen und Knopf Q&A Interview