Tödliche Vergangenheit

Helen Callaghan: Lügen. Nichts als Lügen

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Nach dem Überraschungserfolg ihres Debütromans Dear Amy, der in Windeseile zum Bestseller wurde, ist Ende des letzten Jahres der zweite Psychothriller der britisch-amerikanischen Schriftstellerin Helen Callaghan erschienen. Mit Lügen. Nichts als Lügen hat sie erneut eine packende Story erdacht, die bis zum explosiven Finale in Atem hält. Und so verwundert es auch nicht, dass man Callaghans neuestes Werk – wie zuvor auch ihren Erstling – der Kategorie Premium Crime zugeordnet hat, denn diese klug konzipierte, hochspannende und fesselnde Geschichte mit ihren mysteriösen Wendungen und ihrer spektakulären Auflösung kann definitiv als eines der Highlights dieses Genres bezeichnet werden. Zudem ist Callaghan für mich eine d e r Neuentdeckungen unter den Krimiautorinnen der letzten Jahre, von der wir mit Sicherheit noch viele Pageturner erwarten können.

Eine grausame Entdeckung

Als die junge Architektin Sophia Mackenzie einen Job bei der angesagten AMITY-Agentur in London antritt, sieht sie sich am Ziel ihrer Wünsche. Schnell zieht sie die Aufmerksamkeit von Star-Architekt und Womanizer Benjamin Velasquez auf sich, der alles daransetzt, Sophia auf die Liste seiner zahlreichen Eroberungen zu setzen. Doch dann erreicht sie ein beunruhigender Anruf ihrer Mutter Nina, die sie bittet, sofort nach Hause zu kommen. Sophia, die mal wieder zu viel getrunken hat und den Abend lieber mit Benjamin verbringen möchte, ist genervt, verspricht ihr jedoch, am nächsten Tag vorbeizuschauen – eine Entscheidung, die sie bitter bereuen soll. Denn als sie auf dem Gärtnerei-Anwesen ihrer Eltern im ländlichen Suffolk eintrifft, bietet sich ihr ein Bild des Grauens: Sie findet ihre Mutter erhängt an einem Baum und ihren lebensgefährlich verletzten Vater, dessen Körper schwere Stichwunden aufweist.

Ein mysteriöser Fund

Die Polizei geht von versuchtem Mord mit anschließendem Selbstmord aus, doch Sophia weigert sich, an diese Theorie zu glauben. Ihre Eltern führten ein in ihren Augen beschaulich-spießiges Leben, ihre Ehe war eher leidenschaftslos. Warum sollte also ihre Mutter, ein Mensch, der Gewalt verabscheut, versuchen, ihren Vater zu töten? Sophia ignoriert die Erkenntnisse der Polizei und beginnt, eigene Nachforschungen anzustellen. Zu ihrer Überraschung erfährt Sophia, dass ihre Mutter ein Buch veröffentlichen wollte. Doch worüber? Als sie schließlich im Schuppen ihres Vaters, den sie – aus ihr unverständlichen Gründen – nie betreten durfte, auf die Tagebücher ihrer Mutter stößt, ahnt sie nicht, dass sie die sprichwörtliche Büchse der Pandora geöffnet hat: Ninas schonungslose Lebensbeichte lässt Sophia nicht nur den Boden unter den Füßen verlieren, sondern bringt sie auch in tödliche Gefahr, denn jemand aus der skandalumwitterten Vergangenheit ihrer Mutter ist bereit, über Leichen zu gehen, um die Wahrheit niemals ans Licht kommen zu lassen…

Erstklassiger Psychothriller mit fulminantem Ende

Dieser Psychothriller übertrifft an Spannung meines Erachtens sogar noch Callaghans Erstlingswerk Dear Amy, was schon ein Kunststück für sich ist. Die außergewöhnliche, mysteriöse Geschichte, die die Autorin von Anfang bis Ende brillant aufbaute, hat Sogwirkung. Gekonnt spielt Callaghan mit den Ängsten und Zweifeln der Protagonistin und zieht die Auflösung des mehr als rätselhaften Falles mit einem sich langsam aufbauenden Spannungsbogen bis zum meisterhaften Finale geschickt hinaus. Die realitätsnahen Charaktere (besonders gut gelungen sind hier Nina, Sophias Mutter, und der teuflisch-charismatische Aaron), tragen dazu bei, dass die dramatische Story noch lange nach Lektüre im Gedächtnis bleibt. Daher mein Fazit: Hochspannung pur – ein Must Read!

Helen Callaghan: Bestseller-Autorin mit einem Faible für die mittelalterliche Küche

Helen Callaghan wurde in Los Angeles als Tochter britischer Eltern geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend abwechselnd in den USA und Großbritannien. Als junge Erwachsene konnte sie sich nur schwer auf einen Beruf festlegen und testete zunächst unterschiedliche Jobs und Tätigkeiten aus – Krankenschwester, Barfrau und Schauspielschülerin -, bis sie schließlich als Buchhändlerin ihre Erfüllung fand. Sie arbeitete für unterschiedliche Buchhandlungen und war dort primär für den Belletristik-Bereich verantwortlich. Parallel dazu holte sie ihr Abitur auf der Abendschule nach und erhielt schließlich sogar einen Studienplatz für Archäologie an der renommierten University of Cambridge.

Die Schriftstellerei blieb jedoch ihr Steckenpferd, mit dem ihr der Durchbruch als Autorin schneller gelang als erwartet: Mit ihrem Debütroman, Dear Amy, gelang ihr in nur kurzer Zeit der Sprung auf die Bestsellerlisten.

Wie die Autorin auf ihrer Website berichtet, lebt sie mit Unmengen von Büchern in Cambridge, wo sie auch arbeitet. Sie hat einen Blog, auf dem sie über ihre Romane, die Schriftstellerei an sich und über Dinge, die sie gelesen oder recherchiert hat, berichtet. So erfährt man u.a., dass Callaghan ein Faible für alte Herrenhäuser hat, mit denen sie literaturbedingt immer etwas Unheimliches bzw. Schauriges verbindet (z.B. Thornfield Hall aus Charlotte Brontës Jane Eyre oder Manderley aus Daphne du Mauriers Rebecca).

Wenn Callaghan nicht gerade hochspannende Stories erfindet, schreibt sie technische Dokumentationen für IT-Unternehmen oder kocht Rezepte aus dem Mittelalter nach, eine weitere Passion der Schriftstellerin.


Originalausgabe: Callaghan, Helen. Everything is Lies. London: Penguin Books Ltd., 2018.
Deutsche Ausgabe: Callaghan, Helen. Lügen. Nichts als Lügen. Aus dem Englischen von Heike Reissig und Stephanie Schäfer. München: Droemer Knaur GmbH & Co. KG, 2018.

Buchcover: © Droemer Knaur GmbH & Co. KG
Bildnachweis: © OpenClipart-Vectors, Pixabay

Die Rückkehr des Bösen

Gabriella Ullberg Westin: Der Schmetterling

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Eine weitere vielversprechende Neuentdeckung unter den hochwertigen skandinavischen Krimiautorinnen ist für mich die schwedische Schriftstellerin Gabriella Ullberg Westin. Band 1 ihrer Johan Rokka-Krimireihe, Der Schmetterling, hat mich durch ein ausgeklügeltes, äußerst spannendes Plot und exzellent gezeichnete Charaktere begeistert und macht alles in allem Lust auf mehr. Hinzu kommt der besondere Schreibstil der Literatin, der den Leser nicht nur medias in res in die Geschichte zieht, sondern durch eine klare, lebendige Sprache die schleichend ansteigende Spannung und die psychischen Dilemmata der Hauptfiguren fühlbar macht.

Ein grausamer Weihnachtsmord

Als Henna Pedersen, die Frau des schwedischen Fußballstars Måns Sandin, von einem als Weihnachtsmann verkleideten Killer vor den Augen ihrer Kinder am Heiligabend in ihrem Haus in Hudiksvall erschossen wird, ist ganz Schweden erschüttert. Kriminalinspektor Johan Rokka, der nach erfolgreicher Karriere gerade erst wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist, wird der Fall, der medial hohe Wellen schlägt, übertragen. Der grausame Mord trifft ihn persönlich, denn er und sein Freund Peter spielten mit Måns in ihrer Jugend in einer Fußballmannschaft.

Rokka hatte sich eigentlich zurückversetzen lassen, um das mysteriöse Verschwinden seiner Jugendliebe Fanny vor 20 Jahren endlich aufzuklären, doch seine privaten Dämonen müssen warten. Er und sein Team – Kriminaltechnikerin Janna sowie die Ermittler Maria und Pelle – beginnen unverzüglich mit ihren Nachforschungen, wobei Måns als Ehemann zunächst der Verdächtige Nr. 1 ist. Doch sein Alibi scheint sich zu bestätigen. Und so ermitteln Rokka und seine Kollegen weiter in alle Richtungen, aber kein Hinweis verdichtet sich. Zeitweise vermutet man sogar, dass Måns das eigentliche Ziel war, aber auch hierfür finden sich keinerlei Beweise.

Morgenröte

Als Rokka schließlich Hennas Vergangenheit beleuchtet, wird der Fall zunächst noch undurchsichtiger. Im Alter von sechs Jahren zog Henna mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder in die skandalumwitterte Kommune Morgenröte. Durch ein dort erlebtes schreckliches Trauma wurde sie von ihrer selbstfindungsbesessenen Mutter getrennt und wuchs bei ihrer Großmutter auf, die sie über alle Maßen liebte. Doch der seelische Bruch, den sie im frühen Alter erlitt, lässt sie bis zu ihrem gewaltsamen Tod nicht mehr los. Henna bleibt verschlossen und vertraut sich keinem Menschen an, auch nicht ihrem Ehemann, mit dem sie hofft, ihrer Vergangenheit zu entkommen. Doch das Böse kehrt in ihr Leben zurück.

Jagd auf ein Phantom

Rokka sieht schließlich nur einen Ausweg: Er muss nach Florenz fahren, wo Henna einst lebte und dort den Spuren ihrer Vergangenheit folgen. Nach längeren Recherchen stößt er auf den „Einsamen Schmetterling“, eine Person, die Henna vier Jahre lang einen gewissen Geldbetrag überwiesen hat. Allerdings gelingt es ihm nicht herauszufinden, wer hinter diesem Pseudonym steckt. Als ein weiterer Mord geschieht, gerät Rokka unter Zugzwang, doch er scheint einem Phantom nachzujagen. Nichts ist greifbar, niemand rückt ins direkte Visier der Ermittler. Als Rokka schließlich auf die Spur des Killers kommt, holt dieser zu einem gefährlichen Gegenschlag aus, um ihn in die Knie zu zwingen…

Vielschichtiger Thriller mit einem außergewöhnlichen Protagonisten

Der Schmetterling ist ein wirklich bemerkenswerter Roman, dessen Plot sich in zwei Erzählsträngen entfaltet. Während Erzählstrang 1 das aktuelle Geschehen wiedergibt, besteht Erzählstrang 2 aus Briefen, die das Opfer Henna an ihren Bruder schreibt und der ihre Lebenstragik offenbart. Zusammen ergibt diese Mischung aus Kriminal- und Briefroman ein komplexes Ganzes, das beeindruckend lebensecht geschrieben ist. Ullberg Westins Charaktere sind komplex und widersprüchlich, allen voran ihr außergewöhnlicher Protagonist, Johan Rokka, über dessen persönlichen Fall man unbedingt mehr erfahren möchte. Aber auch die beiden Frauenfiguren Henna und Janna gehen in die Tiefe und sind geheimnisbeladen. Alles in allem macht das Zusammenspiel der Protagonisten – neben der packenden Story – den ganz besonderen Reiz dieses Romans aus und verbindet die Mikrokosmen der unterschiedlichen Figuren auf sehr bewegende Weise miteinander. Daher mein Fazit: Ein vielversprechender Start einer spannenden Krimireihe mit exzellent skizzierten Charakteren – sehr lesenswert!

Gabriella Ullberg Westin: Von Modedesign/Kommunikation zur Schriftstellerei

Gabriella Ullberg Westin wurde im schwedischen Hudiksvall geboren, wo auch ihre Krimis spielen. Nach einem Modedesign- und Kommunikationsstudium arbeitete sie zunächst viele Jahre für eine große schwedische Telefongesellschaft. Dann entdeckte sie ihre Passion für die Schriftstellerei und schuf mit ihrer Johan-Rokka-Krimireihe ein sehr erfolgreiches Format. Nach Band 1 Der Schmetterling ist nun auch die zweite Folge Der Läufer in deutscher Sprache erschienen, den ich ebenfalls sehr empfehlen kann.

Darüber hinaus hat die Autorin bereits drei weitere Romane dieser Serie veröffentlicht – Der Fixer, Der Metzger und Der Verräter -, die aber noch nicht in deutscher Übersetzung verfügbar sind. Bleibt zu hoffen, dass die deutschen Leser bald auch in den Genuss der o.g. Romane kommen…


Original: Ullberg Westin, Gabriella. Ensamfjäril. HarperCollins, Nordic. 2015.
Deutsche Ausgabe: Ullberg Westin, Gabriella. Der Schmetterling. Aus dem Schwedischen von Stefanie Werner. München: HarperCollins Germany GmbH, 2018.

Buchcover: © HarperCollins Germany GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat) – erstellt mit PhotoLab

Die Unbeugsame

Madeline Miller: Ich bin Circe

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Nachdem sich Madeline Miller in ihrem Erstlingswerk Das Lied des Achill bereits ausgiebig der griechischen Mythologie und einem ihrer strahlenden – männlichen – Helden widmete, hat sie nunmehr in ihrem neuesten Roman eine mythologische Außenseiterin als Protagonistin in den Fokus ihrer Geschichte gestellt: Circe, Tochter des Sonnengottes Helios und der Okeanide Perse, ist keine Lichtgestalt oder verehrte Göttin wie Athene oder Aphrodite, sondern eher eine Randfigur, die man – wenn überhaupt – aus der Odysseus-Sage kennt. In unserer Sprache erinnert noch das schöne Verb becircen an die legendenumwobene Zauberin, deren Schicksal – ähnlich wie das der Nymphe Echo – ungehört verhallt. Miller sorgt dafür, dass dies nicht so bleibt und erzählt Circes Geschichte aus ihrer ganz eigenen Sicht.

Doch dies allein war der Autorin nicht genug: Peu à peu lässt sie im Verlauf ihrer einzigartigen Erzählung eine Vielzahl der wichtigsten mythologischen Figuren mit einfließen und webt in Circes Mikrokosmos sehr gekonnt den Makrokosmos der griechischen Sagenwelt ein. Diese literarische Finesse in Kombination mit Millers außerordentlichem Erzähltalent machen ihren Roman zu einer lebendigen, anschaulichen und sehr interessanten Lehrfahrt durch die spannende Vielfalt der antiken griechischen Mythen, die ihresgleichen sucht.

Die Außenseiterin

Zur Enttäuschung ihrer Eltern, Sonnengott Helios und Nymphe Perse, ist Circe nicht mit Schönheit gesegnet. Ihre gelben Augen und ihre merkwürdige Stimme machen sie oftmals zur Zielscheibe des Spotts ihrer Geschwister Pasiphaë und Perses. Sie ist zumeist auf sich allein gestellt und wird so zu einer stillen Beobachterin vieler Vorkommnisse innerhalb der Götterwelt. U.a. wird sie Zeuge der Bestrafung ihres Onkels Prometheus, der dem Göttergeschlecht der Titanen entstammt und sich den Zorn des Olympier-Herrschers Zeus zuzog, weil er den Sterblichen das Feuer brachte. Circe sympathisiert mit dem in Ungnade gefallenen Rebell und gibt dem fürchterlich Misshandelten heimlich göttlichen Nektar zu trinken – ein revolutionärer Akt für das noch kleine – unsterbliche – Mädchen, das entsetzt ist, als es von der grausamen Strafe am Kaukasusfelsen hört, die sich die Götter für Prometheus ausgedacht haben.

Die Verbannte

Als ihr Bruder Aiëtes zur Welt kommt, ist Circe zum ersten Mal glücklich. Sie kümmert sich hingebungsvoll um das kleine Wesen, das ihr jeden Tag mehr ans Herz wächst. Doch als beide erwachsen sind, trennen sich ihre Wege, denn für seinen Sohn hat Helios große Pläne. Circe ist am Boden zerstört und hadert mit ihrem Schicksal. Das ändert sich erst, als sie Glaukos, einen Fischer, kennen- und liebenlernt. Aber für Glaukos ist sie nur Mittel zum Zweck. Als er sich in die wunderschöne Nymphe Scylla verliebt, ist Circe außer sich. Sie sinnt auf Rache – und ist erfolgreich: Mit einem aus einer Blume gewonnenen Gift will sie Scyllas wahres Wesen zum Vorschein bringen und verwandelt sie in ein Meeresungeheuer. Ihr Vater ist entsetzt, als er erfährt, dass seine farblose Tochter über eine solche „Hexen-Gabe“ verfügt und diese auch noch rücksichtslos anwendet. Zur Strafe verbannt er sie auf eine einsame Insel, Aiaia, ohne jegliche Aussicht auf Rückkehr.

Die Hexe

Circe fügt sich ihrem Schicksal, und die Insel wird für sie zu einem neuen Zuhause. Die Einsamkeit macht sie stark – und erfinderisch: Sie erforscht die Tiere und insbesondere die Pflanzenwelt, aus der sie nach unzähligen Versuchen Heilmittel, Gifte und Zaubertränke schöpft. Und sie bleibt nicht allein: Zahlreiche Besucher wie Götterbote Hermes, Ikarus-Vater Dädalus, ihre Nichte Medea, deren obsessive Liebe zu Iason ein schreckliches Ende nimmt, und sogar die verehrt-gefürchtete Göttin Athene kommen auf ihre Insel – jedoch nicht immer mit guten Absichten.

Eines Tages wird Circe ihre Gastfreundschaft zum Verhängnis. Als sie – wie des Öfteren – gestrandeten Seemännern ein Obdach und Beköstigung bietet, wird sie Opfer einer Vergewaltigung. Fortan konzentriert sich ihr ganzer Hass auf alle Seeleute, die auf ihrer Insel Zuflucht suchen: Sie verwandelt sie in Schweine, also in die Tiere, die ihrem Charakter entsprechen, und überlässt sie ihrem Schicksal. Aber auch dies verschafft ihr nur kurzzeitig Genugtuung.

Die Geliebte

Als der sagenumwobene Odysseus auf ihrer Insel strandet, verliebt sich Circe gegen ihren Willen in den verwegenen Abenteurer und Geschichtenerzähler, obwohl er keinen Zweifel daran lässt, wie sehr er seine Frau Penelope verehrt. Die beiden werden ein Paar und genießen ihre gemeinsame Zeit, doch Circe weiß, dass ihr Glück nicht von großer Dauer ist. Odysseus zögert seine Rückkehr nach Ithaka, wo seine Familie schon so lange auf ihn wartet, zwar hinaus, aber beide wissen nur zur gut, dass die Zeit des Abschieds gekommen ist. Schweren Herzens lässt Circe ihn ziehen – das Kind, das sie unter dem Herzen trägt und das sie ihm verheimlicht, soll nur ihr allein gehören.

Die Mutter

Als ihr Sohn Telegonos auf die Welt kommt, ist Circe überglücklich, doch schnell überfordert sie die Mutterrolle, obwohl sie ihr Kind abgöttisch liebt. Sie behütet und beschützt ihn vor allen Gefahren, die auf der Insel lauern und versucht, jedes seiner Wehwehchen mit ihren pflanzlichen Mitteln zu lindern. Als er erwachsen ist, passiert das, wovor sich Circe immer gefürchtet hat: Telegonos will die Insel verlassen und die Welt erkunden. Und natürlich seinen Vater aufsuchen, den er unbedingt kennenlernen möchte. Circe weiß, dass sie ihn nicht aufhalten kann und gibt ihm zu seinem Schutz und zu seiner Verteidigung einen mit Gift getränkten Speer – nicht ahnend, dass sie damit eine Katastrophe heraufbeschwört…

Brillant erdachte Lebensgeschichte einer mythologischen Außenseiterin und beeindruckende Allegorie weiblicher Stärke

Mit Ich bin Circe ist Madeline Miller ein echtes literarisches Glanzstück gelungen. Sehr kenntnisreich und äußerst klug erzählt sie Circes Geschichte aus der weiblichen Perspektive – ohne Pathos und glorreichem Heldentum. Schon die Auswahl ihrer Protagonistin zeigt, dass die Autorin hier bewusst eine mythologische Nebenfigur in den Mittelpunkt gestellt hat, die nicht – wie in vielen antiken Sagen und Legenden üblich – durch Schönheit und Liebreiz verzaubert. Somit entspricht sie weder dem anmutigen Weibchen-Klischee noch dem glänzenden Göttinnen-Bild. Was sie jedoch auszeichnet, ist ihre Charakterstärke, ihre mentale Kraft und ihre weiblichen Urinstinkte, die sie zu einer Überlebenden machen. Sie beugt sich nicht und lässt sich nicht brechen – auch wenn so manches Mal Verzweiflung ihr einziger Begleiter ist. Ihre Macht, die Götter wie Sterbliche fürchten, liegt in ihrem selbst erworbenen Wissen um die heilenden und tödlichen Mittel, die die Natur hervorbringt – und deren Einsatz sie gezielt anwendet. Ihre Klugheit und ihr Listenreichtum werden somit zur größten Bedrohung der männerdominierten mythologischen Welt.

Doch Millers Geschichte geht weit über moderne Mythenerzählung hinaus. Sie ist auch eine eindrucksvolle Allegorie weiblicher Stärke, ein realistischer Lobgesang auf das, was Frauen leisten, wozu sie imstande sind, was sie antreibt und prosperieren lässt. Sie zeigt aber ebenso, was sie erniedrigt und sie zerstört. So zeichnet Miller Circe trotz ihres Göttinnen-Status in erster Linie als Frau, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt und die es dabei immer wieder zu den ihr so vertrauten Sterblichen zieht. Ihre Unsterblichkeit ist für sie eine Schreckensvision, die sie zu verhindern sucht. Denn so wie sie eins mit der Natur ist, soll auch ihr Leben irgendwann ein natürliches Ende haben. Circes letztliche Hinkehr zu den Menschen ist ihr ganz persönlicher Akt der Befreiung und Selbstbestimmung – eine Entscheidung, die keine Macht der (Götter-)Welt zu verhindern vermag.

Mein Fazit: Eine sehr große Lesempfehlung für diesen außergewöhnlichen Roman. Überaus lesenswert!

Madeline Miller: Bestseller-Autorin und Dozentin mit einem Faible für griechische Mythologie

Madeline Miller wurde in Boston geboren, wuchs aber in New York City und Philadelphia auf. Sie ist Absolventin der Brown University, wo sie ihren BA und MA im Studienfach Altphilologie absolvierte. Seit ca. 20 Jahren unterrichtet sie Latein, Griechisch und Shakespeare an einer High School.

Obwohl Lehrerin stets ihr Traumjob war, gewann ihr Wunsch, Schriftstellerin zu werden, schließlich die Oberhand. Der Erfolg gab ihr Recht: Bereits ihr erster Roman, Das Lied des Achill, der 2012 veröffentlicht wurde, schaffte auf Anhieb den Sprung auf die New York Times Bestsellerliste und wurde mit dem renommierten Orange Prize for Fiction ausgezeichnet.

Gleiches gelang ihr auch wieder mit ihrem zweiten Roman, dem hier vorgestellten Ich bin Circe, der sich sofort auf Platz 1 der New York Times Bestsellerliste katapultierte. Für ihr neues Werk erhielt sie bereits zahlreiche Preise wie den Indies Choice Best Adult Fiction of the Year Award, den Indies Choice Best Audiobook of the Year Award, The Red Tentacle Award, den American Library Association Alex Award und den Elle Big Book Award 2018. Darüber hinaus schaffte sie es mit ihrem neuen Roman auch auf die Shortlist für den Women’s Prize for Fiction.

Zudem schreibt Miller Essays, die u.a. in The Guardian, im Wall Street Journal, der Washington Post und im Telegraph veröffentlicht werden.

Wie die Autorin in einem Interview mit The Booktopian verriet, zählen die Klassiker von Vergil, Homer und Shakespeare zu ihren literarischen Favoriten. Ihre Lieblingsautoren der Gegenwart sind u.a. Isabel Allende, Gabriel García Márquez, Jeanette Winterson, David Mitchell und John Updike, dessen Roman Gertrude und Claudius sie für eines der besten Bücher aller Zeiten hält.

Darüber hinaus hat sie ein Faible für griechische Mythologie, wie man an den Themen ihrer beiden Romane unschwer erkennt. Die überlieferten Geschichten zu studieren und zu analysieren, ist ihr Steckenpferd.

Die Autorin lebt und arbeitet in einem Vorort von Philadelphia.


Originalausgabe: Miller, Madeline. Circe. London: Bloomsbury Publishing Plc., 2018
Deutsche Ausgabe: Miller, Madeline. Ich bin Circe. Aus dem amerikanischen Englisch von Frauke Brodd. Berlin: Eisele Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH, 2019.

Buchcover: © Eisele Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat) – erstellt mit PhotoLab

Mein herzlicher Dank gilt dem Eisele Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH. der mir den Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.