Agatha Christies Poirot:
Warum David Suchet unübertroffen bleibt

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Hercule Poirot (David Suchet)

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Er ist d e r Meisterdetektiv schlechthin und einer der weltberühmten Romanfiguren der britischen Queen of Crime, Agatha Christie: Hercule Poirot, der kleine Belgier mit dem Schnauzbart und einem exzeptionellen Hang zur Exzentrik, vor dessen messerscharfem Verstand und beispielloser Kombinationsgabe selbst der gerissenste Verbrecher kapitulieren muss. Nichts entgeht seiner Beobachtung, kein noch so kleines Detail bleibt vor ihm verborgen, denn seine kleinen grauen Zellen arbeiten unablässig. Zumeist weiß er schon längst, wer der Mörder ist, während die Polizei noch im Dunkeln tappt. Alles in allem ein sehr komplexer fiktionaler Charakter, dessen zahlreiche Facetten ihn einzigartig machen.

Ca. 70 Krimis schrieb Christie mit Poirot als Titelhelden. Viele davon wurden von diversen Regisseuren in deren speziellem Stil verfilmt. Die Adaptionen standen und fielen natürlich mit dem Schauspieler, der Poirot verkörperte, darunter die preisgekrönten Mimen Albert Finney und Sir Peter Ustinov. In jüngster Zeit wagte sich auch der namhafte englische Shakespeare-Akteur Kenneth Branagh an die Verfilmung des Klassikers Mord im Orient-Express, den er als opulentes Meisterwerk mit einem großen Staraufgebot und sich selbst in der Titelrolle inszenierte. Auch die amerikanische Schauspielgröße John Malkovich versucht sich derzeit als Poirot in der Netflix-Serie Die Morde des Herrn ABC.

Darüber vergisst man fast, dass nur ein Schauspieler das große Privileg hatte, Hercule Poirot in allen Episoden (1989 – 2003) zu verkörpern: Dem englischen Charakterdarsteller David Suchet gelang das, was selbst die renommiertesten seiner Kollegen nicht erreichten: Er machte aus der kleinen Serie, Agatha Christie’s Poirot, die nur für kurze Zeit im englischen TV laufen sollte, einen – immer noch anhaltenden – weltweiten Erfolg. Was unterscheidet ihn somit von seinen berühmten Vorgängern bzw. Nachfolgern? Zum einen ist es sicherlich die Tatsache, dass Suchet Hercule Poirot genau so darstellte, wie Agatha Christie ihn einst konzipierte. Wie er in einem Interview verriet, las er akribisch jeden einzelnen von Christies Poirot-Romanen und schrieb jede Eigenart des Detektivs heraus, um tout en tout die Figur darzustellen, die die Autorin erschaffen hatte. Dazu gehörte natürlich auch der Poirot-typische, kurzschrittige Trippelgang, den Suchet perfekt in Szene setzt.

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Samuel Ratchett (Toby Jones) und Hercule Poirot (David Suchet)

Alles in allem kein einfaches Unterfangen, denn Agatha Christie lehnte laut ihrer Tochter Rosalind Hicks jede Darstellung ihrer berühmten Detektivfigur kategorisch ab. Als Suchet 1989 auf Wunsch der Christie-Familie die Rolle des Hercule Poirot erhielt, wurde er angabengemäß von Hicks anlässlich eines Lunchs regelrecht „gegrillt“, denn sie teilte ihm unmissverständlich mit, dass Hercule Poirot weder eine Witzfigur noch ein Clown sei und sie wünsche, dass er ihn originalgetreu porträtiere. Und dies gelang Suchet wie keinem anderen: Er spielte Poirot nicht als überdrehte Karikatur, sondern als hochintelligenten, warmherzigen Mann mit Charisma, Witz und – sogar – mit einem gewissen Charme, womit er schnell die Herzen der Zuschauer eroberte.

Poirots augenscheinliche Exzentrik rückt dabei fast in den Hintergrund, denn Suchet stellt den Menschen in den Vordergrund: Ein lebensechter anstatt überlebensgroßer Held, ein bodenständiges Mastermind anstelle eines abgehobenen Superkombinierers, der bei aller Verschrobenheit äußerst liebenswert ist. Mit seiner brillanten Darstellung setzte Suchet Poirot ein einzigartiges Denkmal und erhielt von Christies Tochter das wohl schönste Kompliment für die Rolle seines Lebens, die er fast 25 Jahre lang spielte: Sie teilte ihm mit, dass sie fest davon überzeugt sei, dass ihre Mutter mit seiner Verkörperung von Poirot sehr glücklich gewesen wäre.

Doch nicht nur die Titelrolle ist mit Suchet exzellent besetzt. Auch sein Team, Poirots langjähriger Freund Captain Arthur Hastings, seine kluge Sekretärin, Miss Felicity Lemon, deren Namen er mit gnadenloser Regelmäßigkeit französisch ausspricht, und der stets genervte Chief Inspector James Japp werden von Hugh Fraser, Pauline Moran und Philip Jackson glänzend verkörpert.

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Felicity Lemon (Pauline Moran), Chief Inspector Japp (Philip Jackson)
Hercule Poirot (David Suchet), Captain Hastings (Hugh Fraser)

Die Gaststars können sich ebenfalls sehen lassen: Neben Schauspielgrößen wie James Fox, Martin Shaw, Barbara Hershey, Jessica Chastain, Michael Fassbender, Damian Lewis und Emily Blunt ist die amerikanische Aktrice Zoë Wanamaker ein ganz besonderes Glanzlicht. Für ihre Rolle als exzentrische Kriminalschriftstellerin Ariadne Oliver, die sich bei Poirots Recherchen stets als hilfreich erweist, ihm aber mit ihren Kapriolen und ihrer Unordnung den letzten Nerv raubt, ist sie die absolute Idealbesetzung. Ariadne Oliver soll Agatha Christie im Übrigen als ihr überzeichnetes Alter Ego mit einem großen Touch Selbstironie geschaffen haben. Für diese Theorie spricht auch Olivers Begeisterung für Äpfel, die sie – was für ein Zufall – mit der Autorin teilt.

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Hercule Poirot (David Suchet) und Ariadne Oliver (Zoë Wanamaker)

Die Chemie der beiden Darsteller ist grandios, und ihre Dialoge sind geprägt von Esprit und Wortwitz. Die sechs Episoden, in denen sie aufeinandertreffen, sind ganz besonders spannende Leckerbissen: Mit offenen Karten, Mrs. McGinty ist tot, Die vergessliche Mörderin, Die Halloween Party, Elefanten vergessen nie und Wiedersehen mit Mrs. Oliver.

Auch die beiden Episoden – Die russische Gräfin und Die Arbeiten des Herkules – mit der betörenden, aber undurchsichtigen Vera Rossakoff, in die sich Poirot auf den ersten Blick verliebt, sind herausragend. Es knistert gewaltig, obwohl Poirot ja mehr für Verstand als für Gefühl steht. 

Jede der verfilmten Poirot-Episoden ist ein kleines Meisterwerk für sich. Bildgewaltig und mit einer augenscheinlichen Liebe zum Detail haben sie absolutes Suchtpotential. Auch die Drehorte sind vom Allerfeinsten: Die Londoner Art-Déco-Apartmentanlage Addisland Court, das Burgh Island Hotel in Devon, Rotherfield Park in Hampshire, The Peacock House in Holland Park, St. Anne’s Court in Chertsey, das Hotel Olympos in den Schweizer Alpen und – als besonderes Highlight – Agatha Christies Haus Greenway.

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Die kompletten Poirot-Folgen sind in 12 DVD-Collections (polyband Medien GmbH) erhältlich. Ich habe sie alle und kann nur sagen, dass mich jede Folge begeistert hat. Die Highlights sind natürlich Klassiker wie Mord im Orient-Express, Das Böse unter der Sonne, Tod auf dem Nil und Die Morde des Herrn ABC, aber auch selten verfilmte Folgen wie Mord in Mesopotamien, Die Katze im Taubenschlag, Der blaue Express und der Zweiteiler Das Haus auf der Klippe wurden exzellent umgesetzt. Hervorzuheben ist abschließend noch die Verfilmung von Der Wachsblumenstrauss, die ich bis dato nur mit der großartigen Margret Rutherford als Miss Marple kannte, obwohl Agatha Christie die Originalgeschichte mit Poirot verfasst hat. Die Neuadaption ist wirklich sehr gelungen und ein Must See in jeglicher Hinsicht. Gleiches gilt für die Episode Nikotin mit dem großartigen Martin Shaw, der als Gaststar auf Augenhöhe mit Suchet eine absolute Glanzleistung vollbringt. Sehr sehenswert!


Mein herzlicher Dank gilt der polyband Medien GmbH, die mir freundlicherweise alle o.g. Fotos inkl. DVD-Cover zur Verfügung gestellt hat.

Bildnachweis: © polyband Medien GmbH

Interview: Holly and Phil Chat with David Suchet, 13.11.2013, Youtube

Rowan Atkinson als Kommissar Maigret
Zwei neue spannende Verfilmungen

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Nach dem großen Erfolg der ersten Staffel von Kommissar Maigret, den Rowan Atkinson, weltberühmt durch seine Rollen Mr. Bean und Johnny English, zum Erstaunen aller Kritiker und Zuschauer so brillant verkörpert, wurden nun am 1. und 2. Weihnachtstag zwei neue spannende Verfilmungen der Kriminalromanreihe von Georges Simenon – Die Nacht an der Kreuzung und Die Tänzerin und die Gräfin – im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Downton Abbey-Regisseur Ashley Pearce, der für BBC1 und ITV1 schon seit vielen Jahren hochwertige Serien realisiert, hat diese beiden Folgen erneut eindrucksvoll inszeniert und lässt das Paris der 50er Jahre mit großer Detailtreue und atmosphärischer Dichte ein weiteres Mal lebendig werden. Dies gelingt ihm meines Erachtens meisterhaft, denn die außergewöhnlichen Episoden leben gleichermaßen von eindrucksvollen Momentaufnahmen, opulenten Bildern und düsteren Szenarien, die nicht nur ein Fest fürs Auge sind, sondern auch spannende Unterhaltung garantieren.

Die Nacht an der Kreuzung

Als man die Leiche eines Mannes in der Garage des Dänen Carl Anderson findet, der in einem Landhaus nahe Paris gemeinsam mit seiner Schwester Else lebt, fällt der Verdacht sofort auf den unnahbaren, überheblichen Skandinavier, dessen Vorliebe für Waffen von der Nachbarschaft äußerst kritisch beäugt wird. Sowohl die beiden Betreiber einer Autowerkstatt als auch der Handelsvertreter Michonnet und seine Frau, die als Köchin bei den Andersons arbeitet, trauen dem undurchsichtigen Ausländer, von dem es heißt, er schließe seine Schwester jeden Tag in ihrem Zimmer ein, nicht über den Weg.

© polyband Medien GmbH – Maigret (ROWAN ATKINSON)

Der für den Fall zuständige Inspecteur Grandjean kontaktiert seinen langjährigen Freund Maigret, als sich die Hinweise verdichten, dass Anderson mit seiner Schwester nach Paris fliehen will. Maigret lässt beide bei ihrer Ankunft verhaften – und bei dieser Gelegenheit findet sich auch die Mordwaffe. Inspecteur Grandjean ist hochzufrieden, dass er den Täter so schnell dingfest machen konnte und betrachtet den Fall als abgeschlossen. Doch Maigret hegt nach einem Verhör mit dem Verdächtigen erste Zweifel. Es gibt seines Erachtens zu viele Punkte, die nicht schlüssig sind. Als die dänische Botschaft die Identität von Anderson nicht bestätigen kann und dieser versucht, sich in der Zelle zu erhängen, weiß Maigret, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt, und er beschließt, auf eigene Faust weiter zu ermitteln – sehr zum Ärger von Inspecteur Grandjean.

© polyband Medien GmbH – Maigret (ROWAN ATKINSON)

Nach intensiven Recherchen findet Maigret schließlich heraus, wer der Tote ist: Es handelt sich um den Juwelier und Diamantenhändler Isaac Goldberg, der – so hat es den Anschein – auch als Hehler tätig war. Anderson behauptet, ihn nicht zu kennen, doch Maigret kann dies nur schwerlich glauben. Da Anderson weder seine wahre Identität noch für den Fall relevante Informationen preisgibt, veranlasst Maigret, ihn auf freien Fuß zu setzen und ihn Tag und Nacht zu überwachen. Inspecteur Grandjean ist fassungslos, er fühlt sich und seine Autorität untergraben und bricht einen handfesten Streit mit Maigret vom Zaun. Doch dieser lässt sich nicht beeindrucken und hält an seiner Strategie fest. Zu seinem Entsetzen muss Maigret feststellen, dass der Mord nur die Spitze des Eisbergs ist und dass die perfide Verschwörung, die er aufdeckt, in die eigenen Reihen führt – und zu Andersons fragiler Schwester Else, die ihm – insbesondere auf persönlicher Ebene – bereits viel zu nahe gekommen ist…

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Else (MIA JEXEN), Grandjean (KEVIN R McNALLY) and Maigret (ROWAN ATKINSON)

Die Tänzerin und die Gräfin

Eines Nachts taucht die junge Nachtclubsängerin Arlette angetrunken auf dem Polizeirevier auf. Sie behauptet, nach ihrer Performance einen von zwei Männern geschmiedeten Mordplan mit angehört zu haben: Das Opfer soll eine Gräfin sein, ein Mann namens Oscar ist angeblich der Schlüssel zu allem. Maigret ist irritiert, schenkt ihrer Aussage aber Gehör, auch wenn ihre Informationen mehr als dürftig sind. Wer die Gräfin ist, kann Arlette nicht sagen, sie ist sich aber sicher, dass sie in höchster Gefahr schwebt. Noch bevor Maigret reagieren kann, schläft sie ein – nur um wenig später aus einem Alptraum hochzuschrecken und davonzulaufen, weil sie verzweifelt und wütend ist, dass man ihr nicht glaubt.

Maigret kann sich keinen Reim auf die wirren Ausführungen der Sängerin machen, aber es beschleicht ihn gegen seinen Willen ein ganz ungutes Gefühl. Und es soll ihn nicht trügen: Am nächsten Tag findet man Arlette erdrosselt in ihrer Wohnung. Maigret hat große Gewissensbisse und gibt sich die Schuld an ihrem Tod, weil er sie nicht beschützen ließ. Doch wie hätte er ahnen können, dass Arlette zum Opfer wird, wo doch eine Gräfin angeblich im Visier des Killers stand? Noch bevor er sich dieser Frage widmen kann, wird die Leiche einer heruntergekommenen morphiumsüchtigen Gräfin gefunden, die ebenfalls erwürgt wurde. Maigret ist sich sicher, dass es ein und derselbe Täter ist und befürchtet, dass dieser wieder zuschlagen wird, doch einen Beweis dafür hat er nicht – lediglich ein Bauchgefühl, das ihm keine Ruhe lässt.

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Mme. Dussardier (SARA KESTELMAN) u. Maigret (ROWAN ATKINSON)

Von Dr. Bloch, dem Arzt der Gräfin, erfährt er, dass die Gräfin einen Stricher, Philippe, auf ihrem Speicher wohnen ließ, der nach dem Mord jedoch unauffindbar ist. Somit weiß Maigret nicht, wo er ansetzen soll. Seine Ermittlungen gehen ins Leere, denn es gibt offensichtlich keinerlei Verbindung zwischen Arlette und der alten Gräfin, die scheinbar überhaupt nichts gemeinsam haben. Maigret beschließt, sich ins sündige Montmartre zu begeben und sich in Arlettes Nachtclub umzuhören, während seine Männer mit Hochdruck nach Philippe suchen – und schließlich fündig werden.

© polyband Medien GmbH – Maigret (ROWAN ATKINSON)

Philippe erzählt ihnen, dass der Mörder der Gräfin, den er nicht sehen konnte, auch versucht hat, ihn zu töten, er jedoch nur mit viel Glück überlebte. Während Maigrets Kollegen dem Morphiumsüchtigen keinerlei Glauben schenken, ist der Kommissar überzeugt, endlich einen Ansatzpunkt gefunden zu haben – zumal er zwischenzeitlich Arlettes richtigen Namen in Erfahrung bringen konnte. Und so schmiedet er einen gefährlichen Plan, der den Killer in die Falle locken soll: Er setzt Philippe auf freien Fuß und lässt überall in Montmartre verbreiten, dass der junge Mann den Angriff des Mörders überlebt und sein Gesicht gesehen hat. Aber Maigret unterschätzt den Täter und gerät in Lebensgefahr, als er selbst zur Zielscheibe des Killers wird…

***

Ich kann euch diese 2. Staffel von Kommissar Maigret nur wärmstens empfehlen. Diese wunderbar nostalgischen Krimis sind superbe und machen Lust auf weitere spannende Fälle.

Besonders hervorzuheben ist die exzellente Besetzung, allen voran Rowan Atkinson, der seinen leisen Titelhelden gänzlich an Simenons literarische Schöpfung anlehnt und darüber hinaus zeigt, dass er nicht nur ein ausgezeichneter Comedian, sondern auch ein wahrer Charakterdarsteller ist. Gleiches gilt für die britische Schauspielerin Lucy Cohu, die Maigrets Ehefrau Louise mit viel Charme, Esprit und Bodenständigkeit verkörpert. Auch Maigrets Team, der coole Inspecteur Janvier (Shaun Dingwall) und der leicht arrogant wirkende Inspecteur LaPointe (Leo Starr), werden von den entsprechenden Akteuren sehr gut porträtiert.

Die Gaststars sind ebenfalls wieder erstklassig: In Folge 1 Die Nacht an der Kreuzung brillieren der renommierte deutsche Schauspieler Thomas „Tom“ Wlaschiha (Game of Thrones) in seiner Rolle als zwielichtiger Carl Anderson, die dänische Schauspielerin Mia Jexen, die ihrer Figur Else Anderson eine dramatische Dualität verleiht und der britische Mime Kevin R. McNally (Room at the Top), der als Inspecteur Grandjean eine schauspielerische Glanzleistung abliefert. In Folge 2 Die Tänzerin und die Gräfin geben die britische Theaterschauspielerin Olivia Vinall als Arlette, der britische Darsteller Sebastian de Souza als Philippe und die britische Mimin Lorraine Ashbourne als Rosa Alfonsi bemerkenswerte Kostproben ihres Talents.

Mein Fazit: Spannende Unterhaltung und ein filmischer Augenschmaus – sehr sehenswert!


Kommissar Maigret – Staffel 2: Die Nacht an der Kreuzung/Die Tänzerin und die Gräfin
Erscheinungsdatum: 27.12.2017
Deutscher Vertrieb: polyband Medien GmbH, München

Bilder nachweis inkl. DVD-Cover: ©  polyband Medien GmbH

Machtspiele: Das Polit-Drama Marseille

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Es gibt nur wenige Polit-Dramen, die mich von Anfang an in ihren Bann ziehen. Die Netflix-Produktion Marseille mit Frankreichs Schauspieler-Urgestein Gérard Depardieu in der Hauptrolle ist eine solche Serie, denn sie ist – en tout – brillant konzipiert. Die Scripts für alle acht Episoden der ersten Staffel schrieb der französische Schriftsteller und Drehbuchautor Dan Franck, der mit renommierten Serien wie Carlos – Der Schakal und Spin – Paris im Schatten der Macht bereits sein Talent unter Beweis stellte. Als Regisseure konnten Florent-Emilio Siri und Samuel Benchetrit gewonnen werden, die die einzigartige Story, die ausschließlich in der südfranzösischen Hafenstadt spielt, gekonnt in Szene setzten. Im letzten Jahr feierte Marseille Premiere und wurde von den Zuschauern so gut angenommen, dass man bereits eine 2. Staffel in Auftrag gegeben hat. Eine weise Entscheidung, denn Marseille hat meines Erachtens enormes Entwicklungspotential, sowohl auf inhaltlicher als auch auf Figuren-Ebene, das unbedingt ausgeschöpft werden sollte.

Letzte Amtshandlung

Robert Taro (Gérard Depardieu), seit 20 Jahren Bürgermeister von Marseille, ist amtsmüde und will sich zurückziehen. Er hat das ganze Polittheater und vor allem die Presse satt und will sich nunmehr endlich wieder Zeit für seine Familie, Ehefrau Rachel (Géraldine Pailhas), eine berühmte Cellistin, und Tochter Julia (Stéphanie Caillard), eine engagierte Journalistin, nehmen. Als seinen Nachfolger hat er den charismatischen Lucas Barrès (Benoît Magimel), seinen Protégé und politischen Ziehsohn, auserkoren, der in seine Fußstapfen treten und das Amt in seinem Sinne fortführen soll. Als letzte Profilierung will Taro ein Prestige-Projekt realisieren: Der Umbau der Marina zu einem exklusiven Yachthafen mit einem Casino, Hotels und Restaurants soll Marseille – angelehnt an Marbella – zur mondänen Hauptstadt Südeuropas machen. Doch im Stadtrat wird dieses Vorhaben kontrovers diskutiert: Seine Gegner werfen Taro vor, dass dieses Projekt unweigerlich kriminelle Organisationen anlocke, um dort Geld im großen Stil zu waschen, doch der Bürgermeister schmettert jegliche Kritik ab. Gemeinsam mit Barrès setzt er alles daran, um seinen ehrgeizigen Plan zu verwirklichen.

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Robert Taro (Gérard Depardieu)

Der Verrat

Als eine Mehrheit im Stadtrat für ihn stimmt, sieht sich Taro am Ziel, doch ihm ist klar, dass es noch eine wichtige Hürde zu überwinden gilt: Der Hafen-Aufsichtsrat muss dem Verkauf des Grundstücks zustimmen. Alles in allem ist er jedoch zuversichtlich: Mit einer namhaften Richterin, ebenfalls Mitglied des Stadtrats, die ihren Einfluss beim Hafen-Aufsichtsrat für Taros Projekt geltend machen will, und einem engagierten, ihm wohlgesonnenen Bauunternehmer auf seiner Seite fühlt er sich siegesgewiss. Doch dann wendet sich das Blatt: Die Richterin kommt bei einem mysteriösen Unfall ums Leben, und sein Hoffnungsträger Barrès stimmt ohne mit der Wimper zu zucken gegen ihn. Taro ist fassungslos und kann nicht glauben, dass sein Protégé ihm in den Rücken fällt. Was für ihn jedoch noch viel schwerer wiegt, ist Barrès offene Verachtung, mit der er ihm plötzlich ohne ersichtlichen Grund entgegentritt.

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Lucas Barrès (Benoît Magimel) und Robert Taro (Gérard Depardieu)

Erbitterte Schlacht

Als dann auch noch der befreundete Bauunternehmer bei einem Autounfall ums Leben kommt, steht für Taro zweifelsfrei fest, dass es Mord war. Auch den mysteriösen Unglücksfall, der die Richterin das Leben kostete, sieht er plötzlich in einem ganz anderen Licht. Er beschließt, wider den Rat seiner Entourage erneut als Bürgermeister zu kandidieren und trotz aller Widrigkeiten gegen seinen Ziehsohn anzutreten. Aus den beiden Freunden werden erbitterte Feinde, und Barrès lässt nichts unversucht, um Taro zu diskreditieren. Als wäre das nicht schon Ärger genug, erhält Taro anonyme E-Mails, die auf einen dunklen Punkt in seiner Vergangenheit hinweisen und die er nicht einordnen kann. Auch Taros Kokain-Konsum, der in der Zwischenzeit beängstigende Ausmaße angenommen hat, schlachtet Barrès medial aus. Doch schnell muss er feststellen, dass Taro das Spiel um die Macht besser beherrscht als er und selbst den größten Skandal zu seinen Gunsten wenden kann.

Und das Krokodil, wie Taro sich selbst bezeichnet, schlägt zurück. Mit aller Härte – und mit Tochter Julia, die angesichts ihrer maßlosen Enttäuschung über Barrès hinterhältige Vorgehensweise in dessen Vergangenheit recherchiert und dabei herausfindet, dass seine rührselige Geschichte der armen Vollwaise, mit der er die Presse und seine Anhänger eingelullt hat, vollständig erlogen ist. Zum anderen unterhält er gefährliche Kontakte zur Unterwelt, die sich von ihm im Gegenzug eine wohlwollende Politik erhofft. Auch auf der menschlichen Seite ist Barrès nicht untätig: Er erschläft sich einen Gefallen nach dem anderen und macht dabei auch vor Vanessa d’Abrantes (Nadia Farès), Präsidentin des Regionalrats, keinen Halt, die ihn für ihre Zwecke einbinden will. Sie ahnt nicht, dass sie für den teuflisch berechnenden Barrès nur Mittel zum Zweck ist, um seine eigenen ehrgeizigen Ziele in die Tat umzusetzen.

© polyband Medien GmbH – Vanessa d’Abrantes (Nadia Farès)

Als über Taro eine familiäre Katastrophe hineinbricht, scheint die Schlacht für ihn verloren. Barrès sonnt sich im Blitzlichtgewitter und genießt die Aufmerksamkeit, die man ihm, dem Kronprinzen, der die Zukunft von Marseille in den Händen zu halten scheint, entgegenbringt. Doch das Krokodil bäumt sich ein letztes Mal auf, und es gelingt das Undenkbare – bis Julia auf ein Geheimnis der beiden Kontrahenten stößt, das ihre Welt und ihre gesamte Familie ins Wanken bringt und nachdem nichts mehr so ist wie vorher…

Marseille: Polit-Serie der Extraklasse

Marseille ist für mich eine der besten Polit-Serien, die ich bisher gesehen habe. Was mir neben der spannenden Story besonders gefällt, ist, dass sich das Drama nicht nur mit den Geschehnissen auf den Korridoren der Macht beschäftigt, sondern darüber hinaus auch eine beängstigend realitätsnahe Milieustudie der Cités, der Armenviertel und sozialen Brennpunkte der Stadt, ohne jegliche Sozialromantik präsentiert. Aus der Perspektive von Julia, die dort im kriminellen Milieu recherchiert, werden wir auf die Probleme aufmerksam gemacht, die nicht kameratauglich sind: Hohe Arbeitslosigkeit, Drogen und ein großes Gewaltpotential unter den Jugendlichen, die sich angesichts ihrer aussichtslosen Lage schon längst aufgegeben haben und vor nichts zurückschrecken, um aus dem täglichen Überlebenskampf nicht als Verlierer hervorzugehen.

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Was Marseille überdies so sehenswert macht, ist die schauspielerische Glanzleistung der beiden Hauptdarsteller Gérard Depardieu und Benoît Magimel, die in ihren Rollen brillieren. Depardieu gibt dem amts- und machtmüden Taro ein sympathisches, leicht überhebliches Flair, das jedoch von seiner aus langjähriger politischer Erfahrung resultierenden Kaltschnäuzigkeit relativiert wird. Er weiß genau, wie er sich den Medien zu präsentieren hat und spielt mit ihnen; seine Abscheu vor dem Pressezirkus verbirgt er hinter einem charmanten Lächeln, auf das auch nach 20 Jahren noch immer alle reinfallen.

Nur innerhalb der Familie lässt Depardieu die menschlichen Züge seiner Hauptfigur aufblitzen: Beim Frühstück mit Tochter Julia, die er vergöttert, oder im zärtlichen Tête-à-tête mit Gattin Rachel, um die er ständig besorgt ist. Außerhalb der Familie ist Depardieus Taro jedoch ein Kämpfer, der sich in jede noch so aussichtslose Schlacht stürzt, um seine Ziele zu erreichen und dabei nicht zimperlich ist, auch wenn er stets wie ein gutmütiger Tanzbär wirkt. Depardieu versteht es exzellent, Taros Dualität herauszustellen und ihn so zu einem schwer einschätzbaren Charakter zu machen.

Die eigentliche schauspielerische Entdeckung dieser Serie ist für mich allerdings César-Preisträger Benoît Magimel, der in Filmen wie Die Klavierspielerin, La Tête Haute oder My Way – Ein Leben für das Chanson bereits bewiesen hat, dass er zu den besten französischen Schauspielern seiner Generation zählt. Sein Porträt von Lucas Barrès ist herausragend: Er spielt den emphatie-und rücksichtslosen Emporkömmling mit abstoßender Berechnung. Seine absolute Geringschätzung von Frauen tut sein Übriges dazu, um ihn als Bad Guy der Serie zu klassifizieren.

Als Zuschauer haben wir uns über Barrès schnell ein vernichtendes Urteil gebildet. Doch was, wenn wir falsch liegen? Magimel hält uns in seiner Rolle schonungslos den Spiegel vor und sät mehr und mehr Zweifel an der abgrundtiefen Verdorbenheit seiner Figur. Und nach einiger Zeit bemerken wir es auch – an Gesten, an Blicken -, doch wir können es uns nicht erklären. Immer wenn wir denken, ihn endgültig einordnen zu können, zeigt er eine komplett andere Seite seines Charakters. Dies macht Magimels Barrès und Depardieus Taro gleichermaßen undurchschaubar. Das Zusammenspiel der beiden Schauspiel-Giganten stellt den ganz speziellen Reiz dieser Serie dar und katapultiert sie in die erste Riege der Polit-Dramen, die ganz besonders sehenswert sind.


Marseille
Produktionsland: Frankreich
Regie: Florent-Emilio Siri und Samuel Benchetrit
Drehbuch: Dan Franck
Produktion: Sue Vertue

Deutscher Vertrieb: polyband Medien GmbH, München

Bilder inkl. DVD-Cover: © polyband Medien GmbH