Im Schatten des Genies

Slavenka Drakulić:
Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Bei ihr stehen zumeist starke Frauen im Vordergrund. Kluge Frauen voller Kreativität, die am Beginn einer vielversprechenden Karriere stehen, aber deren Leben an der Seite eines berühmten Genies tragisch endet. Die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulić hat in ihrer einzigartigen Fiktion bereits die Geschichte zweier Frauen dieses Kalibers thematisiert, deren Liebe zu einem exzentrischen Künstler ihrer Zeit in Selbstaufgabe mündete: Die bedeutende Malerin Frida Kahlo und ihre bedingungslose Hingabe zu Diego Rivera (Frida, 2007) sowie die bekannte Fotografin und Malerin Dora Maar und ihre obsessive Leidenschaft für Pablo Picasso  (Dora und der Minotaurus, 2016).

In den Fokus ihres neuesten Werkes stellt Drakulić erneut eine äußerst intelligente Frau und studierte Physikerin, die jedoch an der Seite ihres namhaften Mannes gar nicht wahrgenommen wurde und die ihr zugeteilte Rolle der Ehefrau und Mutter schweigsam absorbierte, bis sie daran zerbrach: Mileva Einstein, die erste Frau des Physik-Nobelpreisträgers Albert Einstein. Ihr Leben im Schatten des omnipräsenten Wissenschaftlers, das die Autorin mit großem Einfühlungsvermögen aus Milevas Sicht erzählt, beginnt im siebten Himmel und endet in der absoluten Hölle – ein psychisches Martyrium, dem nicht einmal die Scheidung ein Ende setzen kann. Was ihr letztendlich bleibt, ist ein existentieller Scherbenhaufen, eine zerstörerische Lethargie und ein Verlust, der zu groß ist, um ihn jemals bewältigen zu können…

Auf dem Tiefpunkt

Der Roman beginnt mit einem entscheidenden Tiefpunkt in Milevas Leben. Ihre Ehe mit Einstein steht nach elf Jahren vor dem Aus. Noch schlimmer als die Trennung, die jedoch nicht öffentlich bekannt werden soll, ist die Verachtung und Ignoranz, die ihr seitens Albert unverhohlen entgegenschlägt. Er wagt es sogar, ihr einen Forderungskatalog für ihr Verhalten bei gelegentlichen Besuchen zu übermitteln, der u.a. folgende Anweisungen enthält:

Du sorgst dafür, dass meine Kleider und Wäsche ordentlich in Stand gehalten werden; dass ich die drei Mahlzeiten im Zimmer ordnungsgemäß vorgesetzt bekomme … Du hast weder Zärtlichkeiten von mir zu erwarten noch mir irgendwelche Vorwürfe zu machen.1

Natürlich übergibt er diese Bedingungen Mileva nicht persönlich. Nein, er lässt diese für ihn unschöne Aufgabe von einem Kollegen erledigen, denn Mut gehört nicht zu den Qualitäten des Konfliktvermeiders, der den Schein unbedingt wahren möchte. Dabei kursieren längst Gerüchte, dass er in seine Cousine Elsa verliebt und mit ihr bereits verbandelt sein soll.

Wehmütiger Rückblick

Mileva bleibt bei aller Demütigung nichts anderes übrig, als auf Alberts Forderungen einzugehen, denn sie und ihre zwei Söhne, Hans Albert (10) und Eduard (4), sind finanziell gänzlich von ihm abhängig. Immer häufiger ist sie deprimiert und würde am liebten nicht mehr aufstehen, doch für ihre Kinder will sie stark sein. Aber wozu? Ihr eigenes Leben, ihre vielversprechende Laufbahn als Physikerin hat sie zugunsten von Alberts Karriere aufgegeben.

Wehmütig denkt sie an ihre Studienzeit zurück, als sie und Albert sich kennenlernten. Beide waren Außenseiter und schienen wie für einander geschaffen: Mileva, die Hinkende, die seit frühester Jugend Zielscheibe des Spotts ihrer Mitmenschen war, und Albert, der bizarre Junge mit den strubbeligen Haaren, dessen Sarkasmus und verletzende Witze ihn in seiner Studiengruppe relativ unbeliebt machten.

Doch Mileva versteht ihn wie keine andere und nimmt ihn stets in Schutz. Beide können stundenlang über wissenschaftliche Theorien diskutieren und dabei alles um sich herum vergessen. Mileva leistet ihm fachkundig Hilfestellung und unterstützt ihn bei allen Aufgaben. Für Albert ist sie eine gleichberechtigte Partnerin, die ihn geistig fordert. Dass sie hinkt, stört ihn in keiner Weise, er thematisiert es nicht. Mileva liebt ihn dafür und blüht in seiner Anwesenheit regelrecht auf. Als die beiden schließlich heiraten, sieht sich Mileva am Ziel ihrer Wünsche.

Schleichende Entfremdung

Doch das junge Glück hält nicht lange. Ein schwerer traumatischer Verlust, der sie beide betrifft, aber der nur Mileva in tiefe Verzweiflung stürzt, belastet ihre Ehe. Als sie jedoch ihre Kinder bekommt, fasst sie sich eine Zeit lang wieder. Aber Alberts beruflicher Aufstieg verstärkt die schleichende Entfremdung des Ehepaars, die Mileva nicht wahrhaben will. Er verbringt immer mehr Zeit ohne sie und die Kinder. Denn mit dem Erfolg kommen die Frauen: Albert wird umschmeichelt und ist nicht mehr länger nur eine Randfigur. Das stärkt sein Selbstbewusstsein – bis zur Überheblichkeit. Mileva zieht sich gekränkt zurück und verfällt wieder in Depressionen.

Desillusionierter Rückzug

Nach ihrer Trennung von Albert zieht Mileva mit ihren Kindern zurück nach Zürich. Ihre depressiven Phasen nehmen zu und ihr permanent kränkelnder Körper reflektiert ihre Seele, die Stück für Stück zerbricht. Ihre völlige Selbstaufgabe fordert ihren Tribut – die Einsamkeit, die ganz von ihr Besitz ergriffen hat, frisst sie auf. Doch sie darf nicht aufgeben, denn bei Sohn Eduard wird eine schwere psychische Erkrankung diagnostiziert. Mileva nimmt nochmals all ihre Kraft zusammen, doch reicht sie aus, um ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben?

Ein einfühlsamer Roman über eine starke, kluge Frau, die an ihrem Selbstverlust zerbrach

Mit Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit ist Slavenka Drakulić ein großartiger, sehr berührender Roman gelungen, der die ganze Lebenstragik einer Frau offenbart, deren Liebe in völliger Selbstaufgabe endete. Mit viel Empathie und einem brillanten Gespür für die leisen Untertöne menschlicher Befindlichkeiten lässt uns die Autorin teilhaben an Milevas Gedankenwelt, an ihrer innigen Zuneigung zu Albert, ihren Hoffnungen und Träumen, aber auch an ihren Selbstzweifeln und Dämonen, die sie ihr Leben lang verfolgten. Mit einer einfachen, klaren Sprache macht Drakulić Milevas zunehmende Einsamkeit und Verzweiflung spürbar, ohne dabei in Rührseligkeit zu verfallen.

Aber die Autorin macht auch deutlich, dass Mileva nicht allein an ihrem Selbstverlust zerbrach. Als eine der ersten Physikstudentinnen der damaligen Zeit, in der Frauenbildung in der Gesellschaft einen Sonderstatus hatte, wurde sie misstrauisch beäugt. Eine eigene Karriere für Frauen war undenkbar, sie hatten ausschließlich mit Ehegatten eine Daseinsberechtigung. So bleibt auch Mileva im Grunde nur die Passivrolle, in der sie stumm ausharrt – eine Tatsache, die sie sich später immer wieder vorwirft. Ihre Unfähigkeit, sich zu wehren und ihren eigenen Weg zu gehen, rührt somit auch von der Rigidität einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft, an der jede Form der weiblichen Auflehnung abprallt.

Die Lebensbilanz, die Mileva am Ende zieht, ist bitter. Für ihre aufopferungsvolle Liebe und ihren Verzicht auf Selbstverwirklichung hat sie den höchsten Preis gezahlt – einen Preis, der es nicht wert war.

Mein Fazit: Ein unbedingtes Must read – wie alle Romane von Slavenka Drakulić!

Slavenka Drakulić: Renommierte kroatische Schriftstellerin und namhafte Journalistin

Slavenka Drakulić wurde 1949 in Rijeka/Kroatien geboren. Sie ist eine der berühmtesten Autorinnen ihres Landes und schreibt Romane, Sachbücher und Essays, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Auf Deutsch erschienen in der Rubrik Fiktion bisher u.a. Das Prinzip Sehnsucht, Marmorhaut, Das Liebesopfer, Als gäbe es mich nicht, Frida, Dora und der Minotaurus sowie der hier vorgestellte Roman Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit. Im Bereich Sachbücher und Essays sind u.a. die Werke Todsünden des Feminismus, Wie wir den Kommunismus überstanden – und dennoch lachten, Sterben in Kroatien. Vom Krieg mitten in Europa, Café Paradies oder die Sehnsucht nach Europa und Leben spenden. Was Menschen dazu bewegt, Gutes zu tun in deutscher Sprache erhältlich.

Für ihre Abhandlung Keiner war dabei – Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht wurde die Autorin 2005 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Darüber hinaus wurde sie 2010 auf der Internationalen Schriftsteller-Konferenz in Prag zu einer der einflussreichsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Europas ernannt.

Zudem ist Drakulić auch eine namhafte Journalistin. Sie ist Redakteurin bei The Nation (USA) und schreibt als freie Autorin für The New Republic, The New York Times Magazine und The New York Review of Books (USA) sowie für die Süddeutsche ZeitungInternazionale (Italien), Dagens Nyheter (Schweden), The Guardian (UK), Eurozine und andere bekannte Zeitungen und Magazine.


Originalausgabe: Drakulić, Slavenka. Mileva Einstein, teorija tuge. Zaprešić: Fraktura, 2016.
Deutsche Ausgabe
: Drakulić, Slavenka. Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit. Aus dem Kroatischen von Katharina Wolf-Grießhaber. Berlin: Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, 2018.
Zitat1: Deutsche Ausgabe, S. 6 (Auszug)

Buchcover: © Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
Bildnachweis: © Ana Thira (privat) – erstellt mit PhotoLab

Die Grenzgängerin

Leila Slimani: All das zu verlieren

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Nachdem Leila Slimani uns mit ihrem Gänsehaut-Thriller Dann schlaf auch du das Fürchten lehrte, ist nun ein weiteres ihrer Werke in deutscher Sprache erschienen, das in einem gänzlich anderen Genre angesiedelt ist und die literarische Wandelbarkeit der französisch-marokkanischen Autorin eindrucksvoll unter Beweis stellt. In All das zu verlieren, dessen Protagonistin die französische Zeitung Libération zu Recht als „moderne Madame Bovary“ bezeichnete, entwirft Slimani das Psychogramm einer Frau, die ihrem Lebens- und Selbstüberdruss mit aller Macht entfliehen möchte und dabei in eine selbstzerstörerische Abwärtsspirale gerät, deren Irreversibilität ihr nur selten bewusst wird.

Obwohl die weibliche Hauptfigur in keiner Weise eine Sympathieträgerin ist, geschweige denn eine Identifikationsfigur, gelingt Slimani ein gewagter Drahtseilakt: Auch wenn man als Leser weder Mitgefühl für die destruktive Protagonistin aufbringen noch ihre Ansichten nachvollziehen kann, offenbart der Blick hinter die Fassade eine zutiefst freud- und beziehungsunfähige Frau, deren große Einsamkeit zutiefst berührt. Und es ist genau diese Erkenntnis, die uns auf menschlicher Ebene zu ihr durchdringen lässt – wenn auch nur in kurzen Augenblicken.

Der Inbegriff des Spießertums

Oberflächlich betrachtet fehlt Adèle nichts zu ihrem Glück: Sie lebt mit ihrem Mann Richard, einem angesehenen Arzt, und ihrem kleinen Sohn Lucien in einem exklusiven Pariser Stadtviertel und arbeitet als unabhängige Journalistin für eine Tageszeitung. Doch ihre Unzufriedenheit frisst sie auf: Sie hasst es zu arbeiten – lieber würde sie den ganzen Tag chillen und shoppen. Ihr Leben ist für sie der Inbegriff des Spießertums. Und so hat sie denn auch für die Ambitionen ihres Mannes, der von morgens bis abends arbeitet, um ihr ein angemessenes Leben zu ermöglichen, keinerlei Verständnis. Seine Strebsamkeit findet sie verachtenswert. Auch in dem Haus auf dem Land, das ihr Mann kaufen möchte und das ihr gut gefällt, sieht sie sich in ihrer Zukunft nicht. Doch wo liegt ihre Zukunft?

Süchtig

Adèle fühlt sich vernachlässigt und flüchtet sich in zahlreiche Affären mit den unterschiedlichsten Männern. Dabei ist sie nicht wählerisch und nimmt jeden, der in ihre Reichweite kommt. Doch schon bald werden ihre One-Night-Stands zur Sucht so wie ihr permanenter Wunsch nach Aufmerksamkeit zur Manie wird. Immer öfter, immer schneller, immer brutaler holt sie sich das, was sie braucht. An ihre kleine Familie denkt sie dabei selten. Solange sie im Fokus steht, ist sie glücklich – wenn man dies angesichts ihrer emotionalen Verfassung überhaupt so nennen kann. Doch das trügerische Hochgefühl hält nie lange an. Sobald sie aus dem Bett eines fremden Mannes steigt, ist sie angewidert – von ihrem Lover und von sich. Ihre beginnende Magersucht, die aus ihrem wachsenden Selbstekel resultiert, lässt sich schon bald nicht mehr verheimlichen, doch noch kann sie beruflichen Stress als Ursache dafür angeben.

Getrieben

Als Adèle eine Affäre mit einem guten Bekannten ihres Mannes beginnt, ist sie sich des Risikos voll bewusst. Sie wird immer paranoider und ist ständig von der Angst getrieben, dass Richard hinter ihr Doppelleben kommt. Wie ein gehetztes Tier ist sie permanent auf der Hut – vor sich selbst und den anderen – und will nicht wahrhaben, dass ihr Leben ihr jeden Tag ein Stück mehr entgleitet. Richard kann sich ihr bizarres Verhalten nicht erklären und verliert immer häufiger die Geduld. Auch ihre gute Freundin Lauren beobachtet Adèles zunehmende Rastlosigkeit und ihren körperlichen Verfall mit großer Sorge. Doch Adèle will von alledem nichts hören – bis schließlich die größtmögliche Katastrophe ihr Leben in Scherben legt…

Verstörendes Psychogramm einer Hedonistin

In ihrem Roman All das zu verlieren zeichnet Leila Slimani das verstörende Porträt einer Frau, deren Sucht ihr Leben dominiert. Sehenden Auges geht sie dabei ihrer Selbstzerstörung entgegen, ohne dabei auch nur im geringsten an die Konsequenzen für sich und ihre Familie zu denken. Die permanente Unzufriedenheit, die ständige Frustration und der tagtägliche Missmut der Antiheldin sind eine Herausforderung für den Leser, denn so sehr man sich auch bemüht, die Beweggründe für ihr irritierendes Verhalten zu eruieren, umso weniger erschließt sich ihre widersprüchliche Natur, da sie schlicht nicht greifbar ist. Slimanis Adèle ist nicht nur, wie bereits oben aufgeführt, eine moderne Madame Bovary. Sie hat auch die tragische Ausstrahlung einer Belle de Jour, deren Leben zwischen Tagträumen und unkontrolliertem Ausleben ihrer Bedürfnisse zum Scheitern verurteilt ist.

Doch man kann Slimanis Roman, der brillant geschrieben ist, auch als Allegorie verstehen: Adèle als Symptom, als Grenzgängerin unserer schnelllebigen Zeit, die sich auf der ständigen Suche nach Beachtung im launenhaften Feelgood-Modus selbst verliert. Als Vergnügungssüchtige, die angeödet von ihrer Zweckehe mit einem Mann, den sie allein des Ansehens wegen geheiratet hat, nur im schnellen Rausch existieren kann. Und nicht zuletzt als leichtfertige, oberflächliche Hasardeurin, die alle Limits überschreitet, um Selbstreflexion zu vermeiden.

Es ist kein leicht verdauliches Thema, dem sich Slimani widmet – doch es ist sicherlich eines, das nachdenklich stimmt und aufwühlt. Eines, das die unschönen Auswüchse einer Zeit illuminiert, in der man Alltagsflucht als sinngebend definiert und jeder seine eigene Moral bestimmt. Wohin das führt, lässt sich nicht absehen. Welche Tragödien es hervorbringen kann, zeigt uns die Autorin auf schonungslos reale Weise – jedoch ohne mahnenden Zeigefinger. Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist Mahnung genug.

Mein Fazit: Ein erstklassig geschriebener Roman – unbedingt lesenswert!

Leila Slimani: Bestseller-Autorin und Journalistin

Leila Slimani wurde 1981 in Rabat/Marokko geboren, wo sie auch aufwuchs. In Paris studierte sie Medien und Politik am Institut d’Études Politique de Paris und an der ESCP Europe. Nach ihrem Studium versuchte sie sich zunächst als Schauspielerin, wandte sich jedoch dann der Schriftstellerei zu. Gleich für ihr Erstlingswerk, das hier vorgestellte Alles das zu verlieren (Dans le jardin de l’ogre) wurde sie in Marokko mit dem renommierten Prix de La Mamounia ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman, Dann schlaf auch du (Chanson douce), schaffte auf Anhieb den Sprung auf die internationalen Bestsellerlisten. Für diesen exzellenten Thriller wurde ihr der namhafte Prix Goncourt verliehen.

Slimani ist seit 2017 offiziell Botschafterin für Frankophonie. Als Journalistin arbeitet sie für das afrikanische Magazin Jeune Afrique. Die Autorin lebt in Paris.


Originalausgabe: Slimani, Leila. Dans le jardin de l’ogre. Paris: Éditions Gallimard, 2015.
Deutsche Ausgabe
: Slimani, Leila. All das zu verlieren. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. München: Luchterhand Literaturverlag/Verlagsgruppe Random House GmbH, 2019.

Buchcover: © Luchterhand Literaturverlag/Verlagsgruppe Random House GmbH
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Unter die Haut

Han Kang: Deine kalten Hände

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Die Romane Han Kangs sind von großer literarischer Anziehungskraft. Sie sind – oberflächlich betrachtet – leichte Lektüre, doch in der Essenz schwer verdaulich, denn mit ihren seltsam anmutenden Geschichten, die ihr Penchant für das Groteske offenbaren, mutet die Autorin ihren Lesern schon Einiges zu. So handelt beispielsweise ihr erstes Werk, der internationale Bestseller Die Vegetarierin, von einer Hausfrau, deren Umstellung auf vegetarische Ernährung schließlich in den manischen Wunsch mündet, eine Pflanze zu sein. Das alles klingt bizarr, doch wie die Schriftstellerin das menschliche Drama um ihre sonderbare Protagonistin als Allegorie der Auflehnung konzipiert hat und vor allem mit welcher kraftvollen, poetischen Sprache sie es erzählt, ist einzigartig.

Gleiches gilt auch wieder für ihren neuesten Roman, Deine kalten Hände, der abermals die ganze Bandbreite von Han Kangs literarischem Können offenbart. Auch dieses Mal steht ein von seiner Umgebung als eher sonderlich wahrgenommener Mensch, in diesem Falle ein aufstrebender Künstler, im Fokus des Geschehens, der mittels seiner Skulpturen gegen die Bigotterie und den schönen – falschen – Schein der Menschen bis zur Besessenheit rebelliert. Diese großartige Erzählung nimmt uns mit auf eine Reise in das Innerste des Menschen, zu alledem, was hinter den alltäglichen Masken verborgen liegt. Eine Geschichte, die unter die Haut geht. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Verstörende Kunst

Durch Zufall stösst die Schriftstellerin H. auf die Werke des jungen Künstlers Jang Unhyong, die sie als verstörend wahrnimmt und die ihr jedes Mal Gänsehaut bescheren. Trotzdem kann sie ihren Blick nicht von den befremdlichen Skulpturen abwenden, die er mittels Gipsabdrücken von Menschen (echte Körperabformung) kreiert. Nach einer Theateraufführung, zu der er ein Requisit beisteuert, lernt sie ihn persönlich kennen. Obwohl er auf den ersten Blick ganz sympathisch und komplett in sich zu ruhen scheint, ist er ihr unheimlich. H. ist sich sicher, dass hinter dieser stillen Fassade ein dunkler seelischer Abgrund lauert. Genau aus diesem Grund lehnt sie auch dankend ab, als er sie bittet, für ihn als Modell zu fungieren.

Seelenabgrund

Nach einiger Zeit erhält H. einen beunruhigenden Anruf von Jang Unhyongs Schwester, die ihr mitteilt, dass ihr Bruder spurlos verschwunden ist. Geblieben sind nur seine Tagebuch-Aufzeichnungen, in denen auch H. erwähnt wird. Seine Schwester bittet sie, diese zu lesen und ihr Bescheid zu geben, wenn sie einen Hinweis auf seinen Verbleib findet. H. ist zunächst zögerlich, doch am Ende siegt ihre Neugier. Was sie liest, ist mehr als nur die Lebensgeschichte eines zutiefst verunsicherten und rastlosen Menschen, der Wahrhaftigkeit nur in seiner Kunst zu finden glaubt. Es sind Einblicke in die zerbrochene Seele eines Mannes, der aus seinem ungeliebten, heuchlerischen Umfeld ausbricht und mit seinen Skulpturen der Welt den Spiegel vorhalten will.

Mehr Schein als Sein

Schon im Kindesalter lernt Jang Unhyong, dass niemand so ist, wie er scheint: Nicht seine äußerst beliebte Mutter, die ständig lächelt, doch hart und unnachgiebig zu ihren Kindern ist, mit denen sie nicht das Geringste anfangen kann. Auch nicht sein Vater, der von seinen Studenten verehrt wird, aber für seine Kinder nur Schweigen und für seine Frau nur Verachtung übrig hat. Und auch nicht sein Onkel, Trinker und schwarzes Schaf der Familie, der seine Kriegsverletzung, eine entstellte Hand, und seine Empfindsamkeit so akribisch verbarg, dass es niemandem auffiel – außer dem kleinen Jang.

Blick ins Innerste

Fortan versucht Jang, mittels seiner Kunst und seinen lebensechten Gipsabdrücken hinter die Masken der Menschen zu blicken und das zur Schau zu stellen, was sie verbergen. Als er der stark übergewichtigen Studentin L. begegnet, die ihren Körper ablehnt, fühlt er sich auf merkwürdige Weise mit ihr verbunden. Ihre Hände ziehen ihn magisch an, und sie erlaubt ihm, Abdrücke davon zu nehmen. Nach und nach nähern sich die beiden Außenseiter einander an, und L. glaubt, in Jang einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Aber seine künstlerische Manie und ihr permanentes Bodyshaming sind keine wirkliche Basis für eine gemeinsame Zukunft.

Als er die zierliche Innenarchitektin E. kennenlernt, wittert er, wie üblich, auch bei ihr ein Geheimnis, das sie mit aller Macht zu verbergen versucht. Aber die selbstbewusste E. ist keines seiner Versuchskaninchen. Sie steht ihm zwar als Modell zur Verfügung und kommt ihm auch näher als ihr eigentlich lieb ist, aber eine Beziehung mit ihm strebt sie zunächst nicht an. Doch nach und nach fasst sie zu ihm Vertrauen und lässt sich auf ihn ein. Aber auch dieses Mal mündet seine anfängliche Zuneigung in eine Besessenheit, die alles zu zerstören droht…

Brillanter Roman über die Conditio Humana in einer substanzlosen Welt

Mit Deine kalten Hände ist Han Kang ein weiteres literarisches Glanzstück gelungen. Einfühlsam, aber ohne jegliches Pathos, schreibt sie über die Befindlichkeit eines zerrissenen Künstlers in einer Welt voller leerer Hüllen, die jeglicher Substanz entbehrt. Die von ihm dargestellten menschlichen Skulpturen mit ihren exponierten Hohlräumen spiegeln deren seelische Verödung und Einsamkeit wider. Vor diesem Hintergrund sind Han Kangs Romane immer auch Zustandsbeschreibungen der Conditio Humana in einer Welt, in der das Oberflächliche vorherrscht. Jangs Kunst ist seine Art der Auflehnung gegen diesen Zustand. Es ist seine Art zu zeigen, was unter der Haut bzw. hinter der Alltagsmaske steckt. Und es ist ebenso die Demonstration seines manischen Wunsches, die Dominanz des Scheins zu brechen und das Sein zum Vorschein zu bringen.

Dieser düsteren Welt- und Menschenanschauung setzt Han Kang jedoch das größte aller Gefühle entgegen: Jangs aufkeimende Liebe zu E. erfüllt ihn und reißt ihn zum ersten Mal aus seinem künstlerischen Mikrokosmos. Die Tatsache, dass sie sich ihm – nach ihren Regeln – öffnet und ihn hinter ihre Hülle schauen lässt, kommt fast einer Versöhnung mit seinem negativen Menschenbild gleich. Als er realisiert, dass es nun an ihm ist, auch seine Maske abzustreifen, verfällt er in seine übliche Manie. Doch irgendwann bröckelt auch der größte Selbstschutz und enthüllt das, was ihn als Menschen ausmacht.

Mein Fazit: Han Kang präsentiert mit ihrem neuen Roman ein weiteres tiefgehendes Leseerlebnis auf höchstem Niveau. Sehr empfehlenswert!

Han Kang: Südkoreanische Schriftstellerin mit einem Faible für das Groteske

Han Kang wurde 1970 in Gwangju geboren und wuchs in Seoul auf. Sie studierte koreanische Literatur und machte sich nach ihrem erfolgreichen Abschluss zunächst als Dichterin einen Namen. Danach wechselte sie zur Prosa und erhielt nach nur kurzer Zeit einen Literaturpreis für ihre Kurzgeschichte Rotes Segel.  Im Jahr 2000 wurde ihr der Preis für junge Künstler von heute verliehen, es folgte ein weiterer Literaturpreis ihres Landes im Jahre 2005.

Der internationale Durchbruch als Schriftstellerin gelang ihr mit ihrem Roman Die Vegetarierin, der 2016 mit dem renommierten Man Booker International Prize ausgezeichnet, von den Kritikern enthusiastisch besprochen und als kafkaeskes Meisterwerk gefeiert wurde. Auch ihr neuestes Buch, das hier vorgestellte Deine kalten Hände, wurde wieder hervorragend rezipiert und etabliert die Autorin als eine der renommiertesten Literatinnen Koreas.

Für ihren Roman Menschenwerk, der ebenfalls in deutscher Übersetzung erhältlich ist und der die blutige Auflösung des Gwangju-Aufstandes thematisiert, wurde sie in Italien mit dem namhaften Malaparte-Preis ausgezeichnet.

Neben der Schriftstellerei lehrt Han Kang kreatives Schreiben am Seoul Institute of the Arts.


Deutsche Ausgabe: Kang, Han. Deine kalten Hände. Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel . Berlin: Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, 2019.

Buchcover: © Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
Bildnachweis: © Ana Thira (privat)