Hemingway in der Serenissma: Auf der Suche nach Inspiration und Erneuerung

Hanns-Josef Ortheil: Der von den Löwen träumte

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Er war einer der bedeutendsten US-Schriftsteller aller Zeiten und zählt zu den wichtigsten Vertretern der amerikanischen Moderne: Ernest Hemingway, der seinen eigenen überlebensgroßen Mythos schuf und sich wie kein anderer als literarischer Revolutionär, unwiderstehlicher Frauenheld und verwegener Abenteurer mit einer Vorliebe für Stierkampf und Safaris selbst inszenierte. Mit traumwandlerischer Sicherheit bediente er sich dabei der Medien, die seinem Wunsch nur zu gerne entsprachen und ihn als Inkarnation des Männlichen, begehrenswerten Teufelskerl und innovativen Autorentypus porträtierten. Doch hinter dieser glorreichen Fassade verbarg sich – wenn man den unzähligen Biografien Glauben schenken darf – ein widersprüchlicher, zutiefst unsicherer und zerrissener Mensch, der von Ängsten und Depressionen gequält wurde, die er mit Alkohol zu bekämpfen versuchte.

Oftmals mündeten Hemingways persönliche Krisen, seine Panik vor dem Altern und vor körperlichem Verfall in lähmende Schreibblockaden, die ihn an seinen Fähigkeiten als Schriftsteller zweifeln ließen. In einer solch lethargischen Lebensphase des Autors setzt Hanns-Josef Ortheils brillanter neuer Roman Der von den Löwen träumte an und erzählt die außergewöhnliche, exzellent konzipierte Geschichte von Hemingways Venedig-Aufenthalt im Jahre 1948, als er dort nach Inspiration und Erneuerung suchte. Und dies obwohl La Serenissima so gar nicht in sein Location-Beuteschema passte, denn Venedig, die einzigartige Lagunenstadt mit ihrem besagten Zauber, war nicht gerade ein Abenteuerschauplatz, der dem alternden Literaten vorschwebte – zumal er mit der Region auch traumatische Kriegserinnerungen verband. Und doch entstanden dort die Ideen für sein Buch Über den Fluss und in die Wälder und für einen Kurzroman, der für alle Zeiten Kultstatus innehaben und als sein Meisterwerk in die Literaturgeschichte eingehen sollte: Der alte Mann und das Meer.

Zu neuen Ufern

Als Hemingway 1948 in Venedig mit seiner vierten Frau Mary und Übersetzerin Fernanda eintrifft, möchte er nur eines: Ruhe und einen ungestörten Platz zum Schreiben, denn seit geraumer Zeit hat er keinen Roman mehr veröffentlicht. Der Druck auf ihn wächst, und er hofft, in Venedig Inspiration und Ideen für eine neue Geschichte zu finden. Doch sein hoher Bekanntheitsgrad macht ihm zunächst einen Strich durch die Rechnung: Die italienische Presse hat bereits mitbekommen, dass er im Lande ist und im mondänen Hotel Gritti wohnt. Erster Mann vor Ort ist Sergio Carini, Journalist der Tageszeitung Il Gazzettino, der ein großer Bewunderer des Autors ist. Er und Hemingway sind sich auf Anhieb sympathisch, denn Carini respektiert dessen Wunsch nach Anonymität. 

Eine bereichernde Begegnung

Hemingway erkundet Venedig allein und jenseits der Touristen-Attraktionen, während Carini ihn in die angesagten Treffpunkte der Stadt, u.a. Harry’s Bar, führt. Doch es ist sein 16-jähriger Sohn Paolo, der dem Schriftsteller das andere Venedig, die Stadt fernab des Trubels, näherbringt. Gemeinsam schippern sie durch die Lagunenlandschaft – schweigend oder im Gespräch vertieft. Hemingway ist begeistert von Paolos Authentizität, von seinem unbeirrbaren Wunsch, niemals etwas anderes als ein einfacher Fischer sein zu wollen. Und schließlich entdeckt Hemingway durch ihn sogar den idealen Platz zum Schreiben: Die Locanda Cipriani auf der winzigen menschenleeren Insel Torcello. Einen Protagonisten für seine neue Romanidee hat er ebenfalls gefunden: Weltkriegsveteran Richard Cantwell, der dem Autor – wen wundert’s – sehr ähnlich ist.

Eine skandalöse Liebe

Doch es geht nicht voran, denn Hemingway bleibt rastlos: Er sucht nach etwas, das ihn wieder lebendig werden lässt, das ihn beflügelt und seinem Leben einen neuen Sinn gibt. Als er die schöne 18-jährige Venezianerin Adriana kennenlernt, ist es um ihn geschehen. Er macht sie zur weiblichen Hauptfigur Renata seines neuen Romans, dessen Titel er bereits im Kopf hat: Über den Fluss und in die Wälder. Adriana wird zu seiner ständigen Begleiterin – sehr zum Missfallen seiner Frau Mary, die von seinen Kapriolen und ständigen Alkoholeskapaden schlichtweg genug hat. Und auch Paolo ist entsetzt, denn er hält gar nichts von Hemingways junger neuer Inspiration und noch weniger von seiner Geschichte, die er, wie er dem Autor ganz unverblümt mitteilt, für nicht echt, sondern für viel zu künstlich hält.

Die Geschichte seines Lebens: Der alte Mann und das Meer

Vielmehr sieht Paolo in Hemingways passionierter Verbundenheit mit dem Meer und seiner profunden Kenntnis über die Fischerei den Stoff, aus dem sein neuer Roman sein sollte. Und es geschieht das, womit der junge Fischer am wenigsten rechnet: Hemingway besinnt sich und schreibt die Erzählung, für die er 1953 den renommierten Pulitzerpreis und ein Jahr später den Literaturnobelpreis erhalten wird. Als Paolo das ihm von seinem liebgewonnenen Schriftsteller gewidmete Exemplar zu Ende gelesen hat, ist er zu Tränen gerührt – nicht nur, weil Manolin, der junge Freund des alten Fischers Santiago, seine Züge trägt, sondern weil er weiß, dass Hemingway mit Der alte Mann und das Meer die Geschichte seines Lebens geschrieben hat: Authentisch und wahrhaftig – eine Hymne auf das Leben,  die Hoffnung und die Erinnerung, auf das Sich-nicht-Aufgeben und die menschliche Würde im Angesicht des Scheiterns.

Brillanter Roman über die Ideen- und Selbstsuche eines Ausnahmeschriftstellers

Mit Der von den Löwen träumte ist Hanns-Josef Ortheil nicht nur eine ganz wunderbare Geschichte, sondern auch eine einzigartige Annäherung an die Schriftsteller-Legende Ernest Hemingway gelungen. Mit seinem singulären Schreibstil versetzt er uns zurück in das Venedig der 50er Jahre und führt uns an all die Orte, die Hemingway während seines dortigen Aufenthaltes aufsuchte: Wo er schrieb, wo er trank und wohin er sich zurückzog, wenn alles zuviel wurde. Und dies so lebensecht und historisch detailgetreu, dass man als Leser nicht nur das Gefühl hat, mitten im Geschehen zu sein, sondern auch in die Gedankenwelt des tormentierten Literaten einzutauchen. Ortheil macht Hemingways Widersprüchlichkeit, seine Rastlosigkeit und seine existentiellen Ängste spürbar und gewährt so einen einfühlsamen Einblick in das Seelenleben eines Mannes, der dem von ihm geschaffenen Mythos von Macho- und Heldentum nie gerecht werden konnte und daran schließlich scheiterte.

Am Ende des Romans – nachdem wir Hemingway dank Ortheils exzeptioneller Erzählkunst ein kurzes Stück des Weges begleiten und kennenlernen durften – können wir erahnen, warum keine Auszeichnung der Welt ihm seine Selbstzweifel und seine Angst vor der kreativen Leere nehmen konnte. Mit zunehmendem Alter zerrann sein so sorgsam inszeniertes Selbstbild, mit beginnender Demenz verlor er die Fähigkeit zu schreiben, so dass ihm am Ende nichts geblieben ist. Uns Lesern aber bleibt sein bedeutendes literarisches Vermächtnis, das seine schriftstellerische Brillanz auf beeindruckende Weise manifestiert.

Mein Fazit: Eine ganz große Leseempfehlung für diesen herausragenden Künstlerroman!

Multitalent Hanns-Josef Ortheil: Schriftsteller, Pianist und Professor

Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Musik war von Kind an seine Passion, so dass er aufgrund seines augenscheinlichen Talents zunächst Pianist werden wollte. Doch während seines Studiums am römischen Konservatorium setzten permanente Sehnenscheidenentzündungen seinem Berufswunsch ein Ende. Ortheil studierte danach Kunstgeschichte in Rom und später Philosophie, Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an unterschiedlichen Universitäten. An der Universität Mainz promovierte er über das Thema Der poetische Widerstand im Roman. Geschichte und Auslegung des Romans im 17. und 18. Jahrhundert.

Ortheil arbeitete u.a. als Film- und Musikjournalist, Feuilletonist und Literaturkritiker für renommierte Magazine und Zeitungen wie z.B. die FAZ, die ZEIT und den Spiegel. 1979 erschien sein Romandebüt Fermer, für das er mit dem Aspekte Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Seine schriftstellerische Karriere entwickelte sich in rasantem Tempo: Er schrieb nicht nur zeitgenössische und autobiografische Romane (z. B. Das Kind, das nicht fragte, Der Stift und das Papier), sondern auch Sachliteratur (z. B. Die Pariser Abende mit Roland Barthes) und Drehbücher (gemeinsam mit Christine Soetbeer: Ezra Pound – Ein amerikanischer Hochverräter) sowie historische Romane (Faustinas Küsse, Die Nacht des Don Juan und das hier vorgestellte Werk Der von den Löwen träumte).

Seit 2008 ist Ortheil Direktor des Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft an der Universität Hildesheim, die junge Autoren fördert. Darüber hinaus ist Ortheil Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München. Zudem ist er Honorarprofessor der Universität Heidelberg und Kurator des Gargonza Arts Awards.


Originalausgabe: Ortheil, Hanns-Josef. Der von den Löwen träumte. München: Luchterhand Literaturverlag/ Verlagsgruppe Random House GmbH, 2019.

Buchcover: © Luchterhand Literaturverlag/Verlagsgruppe Random House GmbH
Bildnachweis – Foto 1: © Antonio Salgueiro, Pixabay – Hemingway at Madame Tussaud’s
Bildnachweis – Foto 2: © Dimitris Vetsikas, Pixabay
Quellen Biografie: Verlagsinformationen + Wikipedia

Weiterleben

Rhiannon Navin: Alles still auf einmal

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Kein Roman hat mich in diesem Jahr so zu Tränen gerührt wie das literarische Erstlingswerk der amerikanischen Schriftstellerin Rhiannon Navin. Die ergreifende Geschichte, die die Autorin ganz behutsam und mit viel Herzenswärme und Innigkeit erzählt, geht unter die Haut und trifft mitten ins Herz. Und dies nicht nur, weil sie aus Sicht eines kleinen sechsjährigen Jungen erzählt wird. Das Thema, das Navin gewählt hat, ist erschreckend real und geht sehr, sehr nahe: Die Story handelt von einem Amoklauf an einer amerikanischen Grundschule, bei dem 19 Kinder und Lehrer ihr Leben verlieren. Ein Alptraum, nach dem das Leben der betroffenen Eltern und Hinterbliebenen nie mehr dasselbe ist.

Während sie – gefangen in ihrer Trauer – nach diesem schweren Verlust durch die Hölle gehen und kaum mehr einen Blick für die Realität haben, geht das Leben weiter. Aber das können und wollen sie nicht akzeptieren, denn zu tief sitzt der Schmerz, zu groß ist ihre Wut und zu durchdringend ist die immer wiederkehrende Frage, auf die es keine Antwort gibt: „Warum gerade mein Kind?“ Doch trotz aller Verzweifung funktionieren sie – für ihre Familie und insbesondere für ihre übrigen Kinder, die nach einem solchen schrecklichen Trauma alleine zurückbleiben.

Der Amoklauf

Ein solches Kind ist auch der kleine Zach Taylor, der Protagonist von Navins Roman, der bei einem Amoklauf an seiner Schule seinen älteren Bruder Andy verliert. Während er und seine Klassenkameraden von ihrer Lehrerin in einem Wandschrank versteckt werden und dort voller Angst die unzähligen Schüsse und panischen Schreie mitanhören müssen, fallen Andy und viele weitere Schüler in der Aula dem Amokschützen zum Opfer. Als Zach und seine Klasse endlich gerettet werden, ist alles still – gespenstisch still. Obwohl man die Kinder anhält, sich bei ihrem Weg nach draußen nicht umzudrehen, schaut Zach nach hinten und sieht das Blut und die regungslosen Körper. Völlig verschreckt wartet er in einer nahegelegenen Kirche gemeinsam mit den anderen Kindern auf seine Eltern.

Bruderlos

Die Todesnachricht trifft die Familie mit unfassbarer Härte. Zachs Mutter Melissa bricht zusammen, sein Vater Jim leidet still. Die Großeltern und Tanten treffen ein, um den Eltern beizustehen, doch Zach rückt immer mehr in den Hintergrund. Der Kleine fühlt sich zunehmend vernachlässigt und zieht sich mit Plüschgiraffe Clancy in Andys großen Kleiderschrank zurück – sein Geheimversteck wird zu seinem Refugium, zu einem verborgenen Rückzugsort, an dem er versucht, das Erlebte zu verarbeiten. Seine verworrenen Gefühle, die ihn ganz durcheinander machen, versucht er durch Malen zu ordnen, für jedes Gefühl bemalt er ein Blatt Papier mit nur einer einzigen Farbe. Das Schlimmste sind jedoch seine ständigen Alpträume, nach denen ihn sein Vater meistens liebevoll tröstet, obwohl er selbst Trost bitter nötig hat.

Trauer, Wut und Scham

Zachs Mutter hingegen schottet sich völlig ab, was der Kleine nur bedingt versteht. Er vermisst das Gute-Nacht-Lied, das sie jeden Abend mit ihm singt und vor allem ihre zärtliche Fürsorge. Er versucht, seine Mutter zu unterstützen so gut er kann, doch sie ist dem Alltagsleben in keiner Weise gewachsen und hat kein Ohr für die Belange ihres Sohnes. Was Zach überhaupt nicht versteht, ist die Tatsache, dass alle seinen Bruder jetzt in den Himmel heben, wo er doch mit seinen permanenten Wutanfällen das Sorgenkind der Familie war und auch Zach oft gemein behandelte. Doch trotz alledem vermisst er seinen Bruder sehr und erinnert sich in seinem Versteck an die schönen und witzigen Momente, die beide zusammen erlebten.

Als Zach erfährt, dass der Todesschütze, der bei der Stürmung der Schule ebenfalls  ums Leben kam, ausgerechnet der Sohn seines Lieblings-Schulwachmanns Charlie ist, versinkt er in Traurigkeit. Seine Mutter hingegen reisst diese Nachricht aus ihrer Lethargie. Endlich ist der Schuldige gefunden, von nun an kann sie all ihre Wut gegen dessen Eltern richten. Zum Missfallen von Zachs Vater lässt sie keine Gelegenheit aus, um Charlies Familie in zahlreichen Interviews zu diffamieren, die ihrer Meinung nach die Tat ihres labilen Sohns hätte vorhersehen müssen. Zach ist traurig und schockiert und schämt sich für seine Mutter, denn für ihn ist Charlie ein Freund und guter Kumpel, der in der Schule immer auf ihn aufpasst.

Zachs Mission

Als seine Mutter gemeinsam mit anderen Betroffenen eine Klage gegen Charlies Familie einreichen will, ist Zach alarmiert. Er möchte, das alles wieder so ist, wie es vorher war, doch er weiß auch, dass das nicht geht. Und weil er sich nicht zu helfen weiß, vertieft er sich in seine alten Kinderbücher – und hier stößt er auf die vier Geheimnisse des Glücks, die zwei seiner Mini-Helden nach und nach entdecken. Und so fasst Zach schließlich einen folgenschweren Plan, um seinen Eltern und auch Charlies Familie einen ersten zaghaften Weg aus ihrer Trauer zu zeigen…

Ein sehr berührendes, erstklassiges Romandebüt

Mit Alles still auf einmal ist Rhiannon Navin ein ganz außergewöhnliches und sehr beseeltes Erstlingswerk gelungen. Der Roman ist wunderbar geschrieben und vereint auf sehr berührende Weise Trauer und Lebensbejahung. Navin lässt uns an der Gedankenwelt des kleinen Zach teilhaben, durch dessen Augen und mit dessen einfacher kindlicher Sprache wir die Geschehnisse erfahren und aufnehmen. Mittels dieser ergreifenden Erzählweise generiert die Autorin große Emotionen, derer man sich als Leser nicht erwehren kann. Während man fassungslos all die Dinge wahrnimmt, die auf den Kleinen einstürzen, zeigt sich nach und nach, mit welcher Schlicht- und Geradheit Zach versucht, wieder einen Funken Glück und Hoffnung für sich und seine Familie zu finden.

Und letztendlich erkennen auch Zachs Eltern in all ihrer Trauer, dass es ihr kleiner Sohn ist, der alles daran setzt, um sie behutsam in ihr normales Leben zurückzuführen, auch wenn der Weg dorthin noch sehr weit ist. Was zählt ist, dass sie einen Anfang machen und dann einen Tag nach dem anderen bewältigen – dies mit dem Wissen, dass sie nicht allein sind. Denn Zach geht dabei mit kleinen Schritten voraus und zeigt ihnen, dass das Glück auch durch schöne Erinnerungen wiederkehren kann, die Zuversicht und Kraft zum Weiterleben geben.

Mein Fazit: Wenn ich in diesem Jahr nur einen Buchfavoriten wählen dürfte, dann wäre es dieser bemerkenswerte, herzerwärmende Roman!!!

Rhiannon Navon: Von der Werbeagentur zur Schriftstellerei

Rhiannon Navin wuchs in Bremen auf, siedelte aber später in die USA über, wo sie für verschiedene Werbeagenturen in New York arbeitete, um ihre Karriere voranzutreiben. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in einem New Yorker Vorort. Eine ganz besondere Situation mit ihrem kleinen Sohn Garrett brachte sie auf die Idee für ihren Debütroman Only Child, der hier vorgestellte Alles still auf einmal: Als sie den Kleinen eines Tages zusammengekauert unter dem Tisch vorfand, antwortete er auf ihre Frage, was er da mache, mit: „Ich verstecke mich vor dem bösen Mann“. Wie die Autorin später erfuhr, hatte es in der Vorschulklasse ihres Sohnes eine Amokübung gegeben, die ihn sehr verängstigte.

Mit ihrem Erstlingswerk gelang Navin sogleich der Sprung auf die Bestsellerliste. Der außergewöhnliche Roman wurde in mehr als 17 Sprachen übersetzt und erfuhr auch auf internationaler Ebene hohe literarische Anerkennung. Ein großer Überraschungserfolg für die herausragende Schriftstellerin, die für mich mit ihrem einzigartigen Erzähltalent zu den Entdeckungen des Jahres zählt.


Originalausgabe: Navin, Rhiannon. Only Child. New York: Alfred A. Knopf, a division of Penguin Random House LLC, 2018.
Deutsche Ausgabe
: Navin, Rhiannon. Alles still auf einmal. Aus dem Amerikanischen von Britta Mümmler. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2019.

Buchcover: © dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Bildnachweis: © Alexas_Fotos, Pixabay
Quelle Biografie: dtv Verlagsinformationen und Knopf Q&A Interview

Die Unbeugsame

Madeline Miller: Ich bin Circe

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Nachdem sich Madeline Miller in ihrem Erstlingswerk Das Lied des Achill bereits ausgiebig der griechischen Mythologie und einem ihrer strahlenden – männlichen – Helden widmete, hat sie nunmehr in ihrem neuesten Roman eine mythologische Außenseiterin als Protagonistin in den Fokus ihrer Geschichte gestellt: Circe, Tochter des Sonnengottes Helios und der Okeanide Perse, ist keine Lichtgestalt oder verehrte Göttin wie Athene oder Aphrodite, sondern eher eine Randfigur, die man – wenn überhaupt – aus der Odysseus-Sage kennt. In unserer Sprache erinnert noch das schöne Verb becircen an die legendenumwobene Zauberin, deren Schicksal – ähnlich wie das der Nymphe Echo – ungehört verhallt. Miller sorgt dafür, dass dies nicht so bleibt und erzählt Circes Geschichte aus ihrer ganz eigenen Sicht.

Doch dies allein war der Autorin nicht genug: Peu à peu lässt sie im Verlauf ihrer einzigartigen Erzählung eine Vielzahl der wichtigsten mythologischen Figuren mit einfließen und webt in Circes Mikrokosmos sehr gekonnt den Makrokosmos der griechischen Sagenwelt ein. Diese literarische Finesse in Kombination mit Millers außerordentlichem Erzähltalent machen ihren Roman zu einer lebendigen, anschaulichen und sehr interessanten Lehrfahrt durch die spannende Vielfalt der antiken griechischen Mythen, die ihresgleichen sucht.

Die Außenseiterin

Zur Enttäuschung ihrer Eltern, Sonnengott Helios und Nymphe Perse, ist Circe nicht mit Schönheit gesegnet. Ihre gelben Augen und ihre merkwürdige Stimme machen sie oftmals zur Zielscheibe des Spotts ihrer Geschwister Pasiphaë und Perses. Sie ist zumeist auf sich allein gestellt und wird so zu einer stillen Beobachterin vieler Vorkommnisse innerhalb der Götterwelt. U.a. wird sie Zeuge der Bestrafung ihres Onkels Prometheus, der dem Göttergeschlecht der Titanen entstammt und sich den Zorn des Olympier-Herrschers Zeus zuzog, weil er den Sterblichen das Feuer brachte. Circe sympathisiert mit dem in Ungnade gefallenen Rebell und gibt dem fürchterlich Misshandelten heimlich göttlichen Nektar zu trinken – ein revolutionärer Akt für das noch kleine – unsterbliche – Mädchen, das entsetzt ist, als es von der grausamen Strafe am Kaukasusfelsen hört, die sich die Götter für Prometheus ausgedacht haben.

Die Verbannte

Als ihr Bruder Aiëtes zur Welt kommt, ist Circe zum ersten Mal glücklich. Sie kümmert sich hingebungsvoll um das kleine Wesen, das ihr jeden Tag mehr ans Herz wächst. Doch als beide erwachsen sind, trennen sich ihre Wege, denn für seinen Sohn hat Helios große Pläne. Circe ist am Boden zerstört und hadert mit ihrem Schicksal. Das ändert sich erst, als sie Glaukos, einen Fischer, kennen- und liebenlernt. Aber für Glaukos ist sie nur Mittel zum Zweck. Als er sich in die wunderschöne Nymphe Scylla verliebt, ist Circe außer sich. Sie sinnt auf Rache – und ist erfolgreich: Mit einem aus einer Blume gewonnenen Gift will sie Scyllas wahres Wesen zum Vorschein bringen und verwandelt sie in ein Meeresungeheuer. Ihr Vater ist entsetzt, als er erfährt, dass seine farblose Tochter über eine solche „Hexen-Gabe“ verfügt und diese auch noch rücksichtslos anwendet. Zur Strafe verbannt er sie auf eine einsame Insel, Aiaia, ohne jegliche Aussicht auf Rückkehr.

Die Hexe

Circe fügt sich ihrem Schicksal, und die Insel wird für sie zu einem neuen Zuhause. Die Einsamkeit macht sie stark – und erfinderisch: Sie erforscht die Tiere und insbesondere die Pflanzenwelt, aus der sie nach unzähligen Versuchen Heilmittel, Gifte und Zaubertränke schöpft. Und sie bleibt nicht allein: Zahlreiche Besucher wie Götterbote Hermes, Ikarus-Vater Dädalus, ihre Nichte Medea, deren obsessive Liebe zu Iason ein schreckliches Ende nimmt, und sogar die verehrt-gefürchtete Göttin Athene kommen auf ihre Insel – jedoch nicht immer mit guten Absichten.

Eines Tages wird Circe ihre Gastfreundschaft zum Verhängnis. Als sie – wie des Öfteren – gestrandeten Seemännern ein Obdach und Beköstigung bietet, wird sie Opfer einer Vergewaltigung. Fortan konzentriert sich ihr ganzer Hass auf alle Seeleute, die auf ihrer Insel Zuflucht suchen: Sie verwandelt sie in Schweine, also in die Tiere, die ihrem Charakter entsprechen, und überlässt sie ihrem Schicksal. Aber auch dies verschafft ihr nur kurzzeitig Genugtuung.

Die Geliebte

Als der sagenumwobene Odysseus auf ihrer Insel strandet, verliebt sich Circe gegen ihren Willen in den verwegenen Abenteurer und Geschichtenerzähler, obwohl er keinen Zweifel daran lässt, wie sehr er seine Frau Penelope verehrt. Die beiden werden ein Paar und genießen ihre gemeinsame Zeit, doch Circe weiß, dass ihr Glück nicht von großer Dauer ist. Odysseus zögert seine Rückkehr nach Ithaka, wo seine Familie schon so lange auf ihn wartet, zwar hinaus, aber beide wissen nur zur gut, dass die Zeit des Abschieds gekommen ist. Schweren Herzens lässt Circe ihn ziehen – das Kind, das sie unter dem Herzen trägt und das sie ihm verheimlicht, soll nur ihr allein gehören.

Die Mutter

Als ihr Sohn Telegonos auf die Welt kommt, ist Circe überglücklich, doch schnell überfordert sie die Mutterrolle, obwohl sie ihr Kind abgöttisch liebt. Sie behütet und beschützt ihn vor allen Gefahren, die auf der Insel lauern und versucht, jedes seiner Wehwehchen mit ihren pflanzlichen Mitteln zu lindern. Als er erwachsen ist, passiert das, wovor sich Circe immer gefürchtet hat: Telegonos will die Insel verlassen und die Welt erkunden. Und natürlich seinen Vater aufsuchen, den er unbedingt kennenlernen möchte. Circe weiß, dass sie ihn nicht aufhalten kann und gibt ihm zu seinem Schutz und zu seiner Verteidigung einen mit Gift getränkten Speer – nicht ahnend, dass sie damit eine Katastrophe heraufbeschwört…

Brillant erdachte Lebensgeschichte einer mythologischen Außenseiterin und beeindruckende Allegorie weiblicher Stärke

Mit Ich bin Circe ist Madeline Miller ein echtes literarisches Glanzstück gelungen. Sehr kenntnisreich und äußerst klug erzählt sie Circes Geschichte aus der weiblichen Perspektive – ohne Pathos und glorreichem Heldentum. Schon die Auswahl ihrer Protagonistin zeigt, dass die Autorin hier bewusst eine mythologische Nebenfigur in den Mittelpunkt gestellt hat, die nicht – wie in vielen antiken Sagen und Legenden üblich – durch Schönheit und Liebreiz verzaubert. Somit entspricht sie weder dem anmutigen Weibchen-Klischee noch dem glänzenden Göttinnen-Bild. Was sie jedoch auszeichnet, ist ihre Charakterstärke, ihre mentale Kraft und ihre weiblichen Urinstinkte, die sie zu einer Überlebenden machen. Sie beugt sich nicht und lässt sich nicht brechen – auch wenn so manches Mal Verzweiflung ihr einziger Begleiter ist. Ihre Macht, die Götter wie Sterbliche fürchten, liegt in ihrem selbst erworbenen Wissen um die heilenden und tödlichen Mittel, die die Natur hervorbringt – und deren Einsatz sie gezielt anwendet. Ihre Klugheit und ihr Listenreichtum werden somit zur größten Bedrohung der männerdominierten mythologischen Welt.

Doch Millers Geschichte geht weit über moderne Mythenerzählung hinaus. Sie ist auch eine eindrucksvolle Allegorie weiblicher Stärke, ein realistischer Lobgesang auf das, was Frauen leisten, wozu sie imstande sind, was sie antreibt und prosperieren lässt. Sie zeigt aber ebenso, was sie erniedrigt und sie zerstört. So zeichnet Miller Circe trotz ihres Göttinnen-Status in erster Linie als Frau, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt und die es dabei immer wieder zu den ihr so vertrauten Sterblichen zieht. Ihre Unsterblichkeit ist für sie eine Schreckensvision, die sie zu verhindern sucht. Denn so wie sie eins mit der Natur ist, soll auch ihr Leben irgendwann ein natürliches Ende haben. Circes letztliche Hinkehr zu den Menschen ist ihr ganz persönlicher Akt der Befreiung und Selbstbestimmung – eine Entscheidung, die keine Macht der (Götter-)Welt zu verhindern vermag.

Mein Fazit: Eine sehr große Lesempfehlung für diesen außergewöhnlichen Roman. Überaus lesenswert!

Madeline Miller: Bestseller-Autorin und Dozentin mit einem Faible für griechische Mythologie

Madeline Miller wurde in Boston geboren, wuchs aber in New York City und Philadelphia auf. Sie ist Absolventin der Brown University, wo sie ihren BA und MA im Studienfach Altphilologie absolvierte. Seit ca. 20 Jahren unterrichtet sie Latein, Griechisch und Shakespeare an einer High School.

Obwohl Lehrerin stets ihr Traumjob war, gewann ihr Wunsch, Schriftstellerin zu werden, schließlich die Oberhand. Der Erfolg gab ihr Recht: Bereits ihr erster Roman, Das Lied des Achill, der 2012 veröffentlicht wurde, schaffte auf Anhieb den Sprung auf die New York Times Bestsellerliste und wurde mit dem renommierten Orange Prize for Fiction ausgezeichnet.

Gleiches gelang ihr auch wieder mit ihrem zweiten Roman, dem hier vorgestellten Ich bin Circe, der sich sofort auf Platz 1 der New York Times Bestsellerliste katapultierte. Für ihr neues Werk erhielt sie bereits zahlreiche Preise wie den Indies Choice Best Adult Fiction of the Year Award, den Indies Choice Best Audiobook of the Year Award, The Red Tentacle Award, den American Library Association Alex Award und den Elle Big Book Award 2018. Darüber hinaus schaffte sie es mit ihrem neuen Roman auch auf die Shortlist für den Women’s Prize for Fiction.

Zudem schreibt Miller Essays, die u.a. in The Guardian, im Wall Street Journal, der Washington Post und im Telegraph veröffentlicht werden.

Wie die Autorin in einem Interview mit The Booktopian verriet, zählen die Klassiker von Vergil, Homer und Shakespeare zu ihren literarischen Favoriten. Ihre Lieblingsautoren der Gegenwart sind u.a. Isabel Allende, Gabriel García Márquez, Jeanette Winterson, David Mitchell und John Updike, dessen Roman Gertrude und Claudius sie für eines der besten Bücher aller Zeiten hält.

Darüber hinaus hat sie ein Faible für griechische Mythologie, wie man an den Themen ihrer beiden Romane unschwer erkennt. Die überlieferten Geschichten zu studieren und zu analysieren, ist ihr Steckenpferd.

Die Autorin lebt und arbeitet in einem Vorort von Philadelphia.


Originalausgabe: Miller, Madeline. Circe. London: Bloomsbury Publishing Plc., 2018
Deutsche Ausgabe: Miller, Madeline. Ich bin Circe. Aus dem amerikanischen Englisch von Frauke Brodd. Berlin: Eisele Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH, 2019.

Buchcover: © Eisele Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat) – erstellt mit PhotoLab

Mein herzlicher Dank gilt dem Eisele Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH. der mir den Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.