Die fatale Liebe der Primadonna Assoluta

Michelle Marly: Die Diva

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Sie war eine der größten Sopranistinnen aller Zeiten mit einer einzigartigen Stimme, die mitten ins Mark traf und gleichermaßen verzauberte wie verstörte. Maria Callas, die Primadonna assoluta, deren Eigenwilligkeit und legendären Wutausbrüche ihr den geliebt-gehassten Ruf als schwierige Diva einbrachten. Nur wenige kannten die wahre Maria, die schüchterne, komplexbeladene Frau hinter der glamourösen Fassade der göttlichen Callas, die sie so hervorragend verbarg. Ihr Leben, einer griechischen Tragödie gleich, kreiste um ihre einzige große Liebe, an deren Scheitern sie zerbrach. Der griechische Reeder und Milliardär Aristoteles Onassis, der sich gern mit berühmten Frauen schmückte, eroberte das Herz der singulären Opernsängerin im Sturm und bettete sie auf Rosen – nur um sie am Ende für eine noch prominentere Frau, Jacqueline Kennedy, zu verlassen.

In ihrem neuesten Roman Die Diva erzählt Michelle Marly die Liebesgeschichte der beiden Ausnahmepersönlichkeiten ohne Kitsch und romantisches Pathos – von ihrer ersten Begegnung auf einer von Elsa Maxwells prunkvollen Partys im exklusiven Nobelhotel Danieli in Venedig bis hin zu ihrer dramatischen Trennung 1968 als Onassis zum Entsetzen aller JFKs Witwe auf Skorpios heiratete – ein Dolchstoß für Maria, die stets darauf gehofft hatte, seine Frau zu werden. Doch Marly belässt es nicht bei dem dramatischen Verlauf der skandalösen Love Story, die ein gefundenes Fressen für die internationale Presse war. Mit großem Einfühlungsvermögen gewährt sie einen Blick unter die glamouröse Star-Oberfläche der Operndiva und versucht, die Frau zu entdecken, die im Verborgenen liegt. Dies gelingt Marly angesichts ihrer brillanten Recherche so gut, dass man als Leser fast vergisst, dass es sich hierbei um Fiktion handelt.

Schicksalhafte Begegnung: La Divina und der griechische Tycoon

Als sich die Callas und Onassis in Venedig im Jahre 1957 zum ersten Mal begegnen, ist die 34-jährige auf dem Zenit ihrer Karriere. Die Opernwelt liegt ihr zu Füßen, sie gehört zum Who is Who der Reichen und Schönen. Unter den strengen Augen ihres 30 Jahre älteren Gatten Giovanni Battista Meneghini, ein vermögender Bauunternehmer, feiert sie einen Triumph nach dem anderen. Doch die Strapazen der anstrengenden Opernaufführungen machen ihr zu schaffen. Sie fühlt sich ausgebrannt und wünscht sich nichts sehnlicher als Urlaub, um zu relaxen und wieder zu sich selbst zu finden. Aber das ist mit ihrem Mann nicht zu machen: Er treibt sie immer weiter an und fordert Höchstleistungen – angeblich damit sie ihr künstlerisches Niveau halten kann. In Wahrheit geht es ihm jedoch in erster Linie ums Geld, ihr Geld, das er mit vollen Händen ausgibt.

Wie wohltuend ist da Aristoteles Onassis, ihr Tischnachbar auf der o.g. Luxus-Party. Er ist griechischer Abstammung wie Maria und hat sich von ganz unten zu einem der reichsten Männer der Welt hochgearbeitet – eine weitere Gemeinsamkeit, denn auch sie stammt aus einfachen Verhältnissen und hat es bis an die Spitze geschafft. Und doch könnten die beiden nicht unterschiedlicher sein: Er ist ein großspuriger Macho wie er im Buche steht und ist an Kultur, insbesondere Oper, überhaupt nicht interessiert. Sie ist ein freiheitsliebender Feingeist, der seine Privatsphäre über alles liebt.

Eine skandalöse Affäre

Als Onassis die Callas und ihren Mann auf seine Jacht einlädt, kommen sich die beiden allmählich näher. Maria fühlt sich zum ersten Mal als Frau wahrgenommen und nicht als Geldmaschine, die funktionieren muss. Onassis umschmeichelt sie, zeigt ihr, was es heißt, das Leben zu genießen und legt ihr die Welt zu Füßen – sehr zum Mißfallen ihres Mannes, der Marias Karriere unbedingt weiter voranbringen möchte und von Urlaub gar nichts hält. Doch Maria hört zum ersten Mal auf ihr Herz: Sie lässt sich nicht drängen und nimmt sich immer mehr Auszeiten. Onassis unterstützt sie dabei – es ist ihm egal, dass sie ihre Profession vernachlässigt.

Erste Gerüchte kommen auf und rücken insbesondere die Callas in ein schlechtes Licht. Beide sind noch verheiratet und beteuern, dass sie nur gute Freunde seien. Doch lange können sie die Scharade nicht aufrechterhalten, und so kommt es wie es kommen muss: Maria und Aristo, wie sie ihn liebevoll nennt, trennen sich von ihren Ehepartnern und zeigen sich fortan als Paar.

Ein dramatisches Ende

Maria genießt ihre Liebe mit Onassis, doch schnell erkennt sie, dass er schon wieder nach weiteren Eroberungen Ausschau hält. Neues Objekt seiner Begierde soll, so munkelt man, die stylische Kennedy-Witwe sein. Die Callas schäumt vor Wut und verlässt ihn in einer Nacht- und Nebelaktion. Insgeheim hofft sie jedoch, dass er sie um Verzeihung bittet und zu ihr zurückkehrt. Doch da kann sie lange warten. Maria ist verzweifelt und wendet sich nach einer Karriereflaute wieder der Oper zu. Und ihr gelingt ein grandioses Comeback mit endlich wieder positiven Schlagzeilen, von denen sie hofft, dass auch Onassis sie liest. Aber er meldet sich nicht. Als sie schließlich aus der Zeitung von seiner Hochzeit mit Jackie Kennedy erfährt, ist sie am Boden zerstört und versinkt in einer Depression.

Hoffnung auf einen Neubeginn?

Aber auch Onassis muss erkennen, dass er sich für die falsche Frau entschieden hat. Seine berühmte Trophäe ist nicht wirklich an einem gemeinsamen Leben mit ihm interessiert. Jackie zieht von einer Einkaufstour zur nächsten und genießt die Freiheit, die sein Geld ihr bietet. Ihm wird klar, dass sie vor allem die schrecklichen Erinnerungen und den mächtigen Kennedy-Clan hinter sich lassen wollte und angesichts ihrer Lage in ihm den sichersten Ausweg sah.

Onassis sucht wieder Marias Nähe, aber sie weist ihn ab.  Zu tief sitzt ihr Schmerz, zu verletztend waren die Demütigungen, die sie durch ihn erdulden musste. Aber schließlich gewinnt ihre Liebe zu Aristo wieder die Oberhand – doch reicht sie aus, um einen Neuanfang zu wagen?

Brillant recherchierter Roman über eine außergewöhnliche Frau und ihre tragische Liebe

Mit Die Diva ist Michelle Marly meines Erachtens ihr bislang bester Roman gelungen. Sehr eindrucksvoll schildert sie nicht nur die schicksalhafte Liebe der Gesangsikone, sondern streut in ihre sehr berührende Geschichte auch sehr viele Informationen über das Leben und die Persönlichkeit der Callas mit ein. Da ich bereits einige Biografien über die Operndiva gelesen habe, war ich begeistert, wie gekonnt die Autorin die wichtigsten Stationen der Callas – von ihren zaghaften Anfängen unter der Fuchtel ihrer strengen Mutter bis hin zu ihrem kometenhaften Aufstieg zur unangefochtenen Meisterin ihres Fachs und schließlich zu ihrem traurigen Absturz – eingebaut hat.

Somit setzt Marly einer außergewöhnlichen Frau ein Denkmal, die von ihren Zeitgenossen und Bewunderern viel Liebe, aber ebenso viel Ablehnung erfuhr. Ihr für die damalige Zeit viel zu emanzipiertes Verhalten für eine Frau, d.h. ihr Leben nach ihren Regeln zu leben, stieß vielen als unpassend auf und ließ sie auch bei der Crème de la crème in Ungnade fallen. Doch sie ließ sich nicht beirren, ging weiter ihren Weg und stand immer wieder auf, wenn sie am Boden war, bis sie schließlich nach und nach ihre Stimme verlor. Das Publikum klatscht nicht für das, was einmal war soll die Callas am Ende ihrer Karriere gesagt haben. Es ist Ironie des Schicksals, dass sie nicht mehr erleben konnte, wie sie mit ihrer einzigartigen Gesangskunst und außergewöhnlichen Persönlichkeit zu einem Mythos wurde, der die Zeit überdauert.

Mein Fazit: Eine große Leseempfehlung für diesen wunderbaren Roman!

Michelle Marly: Von der Redakteurin zur Bestseller-Autorin

Michelle Marly ist das Pseudonym von Micaela Jary, Tochter der Komponisten-Legende Michael Jary. Sie wuchs in Hamburg inmitten von namhaften Musikern und Künstlern auf. Bevor sie sich der Schriftstellerei widmete, arbeitete sie als Redakteurin, u.a. auch am Theater. Schließlich zog es sie nach Paris, wo sie sich fortan der Schriftstellerei widmete. Eine sehr gute Entscheidung, wie sich herausstellte, denn mit ihren Romanen schrieb sie sich in die Herzen der Leserinnen und Leser und avancierte zur Bestseller-Autorin. 

In ihren Werken im Rahmen der Serie Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe widmet sich Marly zumeist starken weiblichen Persönlichkeiten, die sie faszinieren und in denen sie manchmal auch etwas von sich selbst wiederfindet, wie sie auf ihrer Website offenbart: Coco Chanel, Edith Piaf und zuletzt Maria Callas erweckt sie mit ihrem ganz eigenen, wunderbar leichten Schreibstil wieder zum Leben und lässt uns teilhaben an ihrer Geschichte, ihrer Liebe und ihren Schicksalsschlägen. Ich bin schon sehr gespannt darauf, welche weibliche Berühmtheit die Protagonistin ihres nächsten Romans wird…

Darüber hinaus schreibt Marly unter ihrem richtigen Namen Micaela Jary diverse Sagas wie z.B. Das Kino am Jungfernstieg (Kino-Saga) oder Sterne über der Alster (Alsterufer-Saga).

Die Autorin lebt und arbeitet abwechselnd in Berlin und München.


Originalausgabe: Marly, Michelle. Die Diva. Berlin: Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, 2020.
Buchcover:  © Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
Bildnachweis: © letitiamperry (pixabay)

Im Auge des Betrachters

Julian Barnes: Kunst sehen

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Über Kunst lässt sich bekanntlich streiten, denn sie und ihre Wirkung – ebenso wie die Schönheit – liegen im Auge des Betrachters. Doch wie betrachtet man ein Gemälde? Wie s i e h t man Kunst? Dieser und anderen Frage(n) widmet sich der englische Schriftsteller Julian Barnes in seiner inspirierenden Kurzgeschichten-Sammlung Kunst sehen. In seinen 17 erfrischenden Stories nimmt er uns mit auf einen spannenden und äußerst lehrreichen Streifzug durch Epochen und Stilrichtungen – von der Romantik über den Realismus, Impressionismus, Symbolismus bis hin zur Klassischen Moderne mit Schwerpunkt auf Surrealismus und Pop Art. Im Vordergrund stehen dabei nicht nur berühmte Gemälde, ihre Betrachtungsweise und Entschlüsselung, sondern auch und vor allem die jeweiligen genialen Künstlerpersönlichkeiten, ihre individuelle Lebensart, ihre oftmals wunderlichen Eigenarten und ebenso ihre Skandale, die sie durch ihre Kunst oder ihr Privatleben verursachten.

Barnes‘ umfassendes Expertenwissen, das er auf so kluge, charmante Weise und mit einem augenzwinkernden Humor übermittelt, ist eine Klasse für sich und macht diese Tour de l’Art zu einem ganz besonderen, sehr dynamischen Erlebnis. Ehe wir uns versehen, sind wir nicht nur mitten im künstlerischen Gestern,  in Gesellschaft der alten Meister, Möchte-gern Rebellen und Dandys, sondern auch im sich rasant verändernden Heute mit seinen radikalen kreativen Erneuerern, in deren Werken oftmals – wenn auch verzerrt – Spuren der Kunstkonzepte ihrer traditionellen Vorreiter zu finden sind. Barnes zeigt auf, wie Kunst sich im Laufe der Jahrhunderte verändert hat und in welcher jeweiligen Ausdrucksform sich dieser stetige Wandel niederschlägt. Das klingt recht theoretisch, aber der Autor weiß genau, wie er diese Informationen am besten übermittelt, um seine Leser zu fesseln: Mit Geschichten um Künstler und ihre Gemälde, die so außergewöhnlich sind, dass sie im Gedächtnis bleiben…

Kunst und Wahrheit

Kunst und Wahrheit sind der Themenschwerpunkt der ersten von drei Geschichten, die ich ausgewählt habe und kurz vorstellen möchte. Als Beispiel führt Barnes hier Théodore Gericault, einen der wichtigsten Vertreter der französischen Romantik, und sein wohl berühmtestes Werk, Das Floß der Medusa, an. Der tragische Schiffsbruch der Fregatte Medusa und der auf einem Floß verzweifelt um ihr Leben kämpfenden Passagiere ist die menschliche Tragödie, die er nach eingehenden Recherchen und nach Lektüre des Berichtes des überlebenden Arztes Henri Savigny auf die Leinwand bringt. Er schert sich den Kopf kahl, um seine Konzentration zu forcieren und macht sich mit maßloser Akribie an die Arbeit. Das Bild, das er 1819 fertigstellt, wird der größte Erfolg seines Lebens – und sein größter Fluch, denn es findet zu seinen Lebzeiten nicht die Anerkennung, die es verdient. Dies hat nicht nur politische Gründe, sondern beruht auch auf der Tatsache, dass der Horror der Katastrophe, den er so lebensecht zum Ausdruck gebracht hat, seine Zeitgenossen abstößt.

Doch wie steht es um die Wahrheit? Wie hat Gericault diese Katastrophe in seiner Kunst verarbeitet? Realitätsgetreu? Sicher nicht, so Barnes, denn Gericaults Darstellung der Passagiere beispielsweise, die allesamt muskulös und gut genährt sind, hat nichts mit den ausgemergelten und halbtoten Menschen zu tun, die sich auf dem Floß befanden und nach einem fürchterlichen Martyrium überlebten. Auch der Kanibalismus untereinander ist nur ganz vage sichtbar und zeigt nicht das wahre Ausmaß der Katastrophe, die Menschen zu Tieren machte. Aber all dies ist auch nicht notwendig, denn Gericaults Kunst besteht darin, dass er das Unglück auf eine andere Ebene transzendiert. Die Situation zwischen Hoffen und Aufgeben, als die Passagiere merken, dass die Rettung, die sich andeutet, nichts als ein Trugschluss ist, spiegelt Gericault als Situation der Conditio Humana wider, der Schiffsbruch wird zu Höherem stilisiert. Und genau darin liegt das Großartige seines einzigartigen Werkes.

Künstler und Selbstinszenierung

Als Selbstinszenierer unter den Künstlern par excellence hat Barnes das Skandalon des Realismus, Gustave Courbet, in den Fokus gestellt, der vor allem aufgrund seines damals als anstößig geltenden Werks L’Origine du Monde (Der Ursprung der Welt) in Erinnerung bleibt. Der Maler, der sich als „stolzesten und arrogantesten Mann Frankreichs“1 bezeichnete, schien das Self-Marketing, so Barnes, erfunden zu haben. Er erschuf seinen eigenen Mythos als ungehobelter Revoluzzer, der nicht nur seine künstlerischen Erfolge, sondern auch seine angefachten Eklats monetär ausschlachtete. Und seine Rechnung ging auf: Verkauften sich seine Bilder zu immensen Preisen, ließ er es das ganze Land wissen, lief das Geschäft mit der Kunst nicht so gut, malte er ein Bild, von dem er wusste, dass man es ablehnen würde, nur damit er im Gespräch blieb und seine künstlerische Attraktivität stieg. Better bad publicity than no publicity – dieses Motto galt wohl auch schon für Courbet, der damit gut leben konnte. Nicht umsonst porträtierte er sich in seinem berühmten Werk L’Atelier du Peintre als gottähnlicher Kreator, der sich – natürlich mit einer schönen Frau im Arm – die Welt malt, wie sie ihm gefällt.

Das Ende des egomanischen Draufgängers war jedoch ganz und gar nicht rühmlich: Courbet verscherzte es sich mit den politischen Entscheidungsträgern seiner Zeit, so dass ihm nur das Schweizer Exil blieb. Und auch sein Leben im Übermaß forderte schließlich seinen Tribut: Er starb einen schrecklichen Tod an durch starken Alkoholismus verursachter Wassersucht. Posthum wurde ihm, dem großspurigen Teufelskerl, jedoch eine besondere Ehre zuteil: Sein o.g. Skandalbild hängt nun im renommierten Musée d’Orsay in Paris.

Pop Art oder „Kunst, die etwas anderes tut, als in einem Museum auf dem Arsch zu sitzen“

Eine leichte, nicht allzu ernste Form der Kunst ist Pop Art, die in den 50er Jahren in Großbritannien und in den USA als Reaktion auf den stetig steigenden Konsum und die Dominanz der Massenmedien entstand, und zu deren wichtigsten Vertretern Andy Warhol,  Roy Lichtenstein und Claes Oldenburg zählen. Letzterem widmet Barnes seine Kurzgeschichte Schöne weiche Witzigkeit – und witzig ist sie allemal. Oldenburg, der sich tongue-in-cheek als kreativer Rebell definiert und als Performance-Künstler startete, machte sich mit alltagsgebräuchlichen Objekten bzw. Skulpturen einen Namen, die aufgrund der Weichheit ihrer einfachen Materialien nach etwas völlig anderem aussahen, z.B. ein Münztelefon, das zu einer Golftasche mutiert2.

Oldenburgs Kunst sollte sich von den traditionellen Konzepten insofern unterscheiden, als dass sie anfassbar und lebendig ist und darüber hinaus auch noch Spaß macht, anstatt – wie er es ausdrückte – in einem Museum auf dem Arsch zu sitzen3. Großes Nachdenken ist hier nicht angesagt, weitreichende Interpretationen – ebenfalls Fehlanzeige. Anschauen, gut oder nicht gut finden und ein Lächeln zum Vorschein bringen, wenn es gefällt – das ist das simple Ziel dieser spielerischen künstlerischen Ausdrucksform, die in unserer schnelllebigen Zeit immer noch wahrgenommen wird, ob man sie nun mag oder nicht. Unabhängig von der allgemeinen Kunstbetrachtung oder der eigenen Präferenz, hat Pop Art Kunst ein – wenn auch skurriles – Spaßelement hinzugefügt, und dies ist ebenfalls eine wichtige Errungenschaft.

Erfrischender und äußerst lehrreicher Streifzug durch die Welt der Kunst

Julian Barnes‘ Kurzgeschichtensammlung Kunst sehen hat mich wirklich begeistert. Man muss kein Kunstexperte sein, um die Stories zu verstehen bzw. genießen zu können. Für Laien wie mich waren sie eine gelungene Einführung in die unterschiedlichen Kunstrichtungen und eine sehr interessante Annäherung an verschiedene Künstlerpersönlichkeiten und ihre wichtigsten Werke. Ich habe mir während der Lektüre immer das jeweilige Bild auf den Museumsseiten angeschaut, und die Betrachtung in Kombination mit den Geschichten war wirklich sehr spannend und aufschlussreich. Daher mein Fazit: Barnes ist ein grandioser Erzähler, der seinen Lesern Kunst auf sehr unterhaltsame Weise näherbringt. Kunst sehen ist eine echte literarische Bereicherung und äußerst lesenswert!

Julian Barnes: Preisgekrönter Schriftsteller und Übersetzer

Julian Barnes wurde 1946 in Leicester/England geboren. Nach einem mit Auszeichnung absolvierten Sprachenstudium in Oxford arbeitete er zunächst als Lexikograph für das Oxford English Dictionary Supplement. Danach war er als Rezensent, Literatur- und Fernsehkritiker für den New Statesman, den New Review und den Observer tätig.

In den 80er Jahren wandte er sich der Schriftstellerei zu und veröffentlichte zunächst Kriminalromane unter dem Pseudonym Dan Kavanagh. Der internationale Durchbruch gelang ihm schließlich mit seinem herausragenden postmodernen Werk Flauberts Papagei (1984). Es folgten weitere große literarische Romanerfolge wie Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln (1990) und Vom Ende einer Geschichte (2011), für den er mit dem renommierten Man Booker Prize ausgezeichnet und der zu den 100 bedeutendsten britischen Romanen gewählt wurde.

Barnes hat zahlreiche weitere Romane, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. Darüber hinaus ist er auch als Übersetzer tätig und übertrug u.a. Werke der französischen Schriftsteller Alphonse Daudet und Gustave Flaubert sowie eine Sammlung deutscher Cartoons von Volker Kriegel ins Englische.

Für sein literarisches Schaffen wurde Barnes 2004 mit dem berühmten französischen L’Ordre des Arts et des Lettres (Orden der Künste und der Literatur) ausgezeichnet. Darüber hinaus erhielt er den renommierten Somerset Maugham Award und den Geoffrey Faber Memorial Prize. In den USA wurde der Autor 2013 zum auswärtigen Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt, in Deutschland verlieh man ihm 2016 den Siegfried Lenz Preis


Originalausgabe: Barnes, Julian. Keeping an Eye Open: Essays on Art. London: Jonathan Cape, 2015.
Deutsche Ausgabe
: Barnes, Julian. Kunst sehen. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger und Thomas Bodmer. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, 2019.

1 Barnes, Julian. Kunst sehen. S. 79
2 Barnes, Julian. Kunst sehen. S. 285
3 Barnes, Julian. Kunst sehen. S. 278

Buchcover: © Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG
Bildnachweis: © Ana Thira (privat)

Eine Kindheit zwischen Extremen:
Leben mit einer singulären Mutter

Violaine Huisman: Die Entflohene

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Das autobiografische Romandebüt Die Entflohene von Violaine Huisman ist ein äußerst mutiges, verstörendes und warmherziges Werk, das mich sehr bewegt hat. Schonungslos und mit großer Offenheit erzählt die Autorin darin von ihrer zwischen Himmel und Hölle schwankenden Kindheit mit ihrer bildschönen, manisch-depressiven Mutter Catherine, deren tragische Lebensgeschichte sie in ihre Story eingewebt hat. Sie lässt dabei kein noch so schreckliches Detail aus – eine besondere Herausforderung für den Leser, denn manchmal ist das, was die Kinder an der Seite ihrer Mutter erleiden müssen, mehr als man ertragen kann. Und doch überrascht es, mit wie viel Liebe, Zärtlichkeit und großem Verständnis Huisman das Porträt ihrer unberechenbaren, labilen Mutter zeichnet, die sie und ihre ältere Schwester Elsa trotz allem vergötterten.

Doch wie wurde die freiheitsliebende, emanzipierte und freizügige Catherine, eine unzähmbare Naturgewalt, wie Huisman es ausdrückt, zu der Frau, deren extreme Stimmungsschwankungen, gefährliche Wutausbrüche und unerträgliche verbale und physische Grausamkeiten ihr eigenes Leben zu einem seelischen Gefängnis und das ihrer Familie zu einem Martyrium machten? Mit viel Einfühlungsvermögen, Sanftmut und Empathie sucht ihre Tochter Violaine einen Weg, um zu ihrer Mutter durchzudringen und erfährt schließlich immer mehr Bruchstücke aus Catherines Kindheit und Leben, das – einer griechischen Tragödie gleich – sie in diese Abwärtsspirale geraten ließ. Dies entschuldigt nichts, in keiner Weise, doch es lässt verstehen, wie sie zu der Person werden konnte, die sich selbst am meisten fremd war.

Maman und ihre Töchter

Schon im frühen Alter lernen Violaine und ihre Schwester Elsa, das ihre Maman nicht so ist wie andere Mütter. Normalität ist eine Seltenheit: Ihr Kinderleben ist entweder ein Paradies oder ein absoluter Alptraum, ein Dazwischen gibt es nicht. Zum einen überschüttet Catherine sie mit Liebe, liest ihnen vor und macht Späße, ein anderes Mal ohrfeigt sie sie, zieht sie mit den Haaren über den Boden und beschimpft sie als undankbare Gören, die nie vergessen sollten, das sie ihnen mal den Arsch abgewischt hat. Von ihrem Vater Antoine, der sie nach der Scheidung jeden Tag besucht, und ihrer Oma Jacqueline hören sie nur: Eure Mutter ist krank – manisch-depressiv – doch damit können Violaine und Elsa nichts anfangen. Als ihre Mutter in ihren schlimmen Phasen des Öfteren in die Psychiatrie eingewiesen wird, werden die kleinen Töchter herumgereicht: Sie wohnen abwechselnd bei ihren Schulfreunden, ihren Großeltern und ihrem Vater, der mit der Situation jedoch komplett überfordert ist.

Auf Zehenspitzen

Als Catherine von ihren Klinik-Aufenthalten zurückkehrt, gehen die Kleinen auf Zehenspitzen, um jegliche Eskalation zu vermeiden. Doch ihnen ist schnell klar, dass das nicht möglich ist. Sie lernen anhand der Mimik und Gestik ihrer Mutter ihre Tagesform und Konstitution zu deuten, um Schlimmeres zu verhindern, doch oftmals gelingt es nicht. An schlechten Tagen übernehmen sie die Mutterrolle und versuchen, ihre Mamam so gut es geht vor sich selbst zu schützen. Sie wissen genau, was zu tun ist, wenn sie aufgrund von zu viel Alkohol und Tabletten mal wieder ohnmächtig wird und wohin sie sich zu verkriechen haben, wenn sie ausflippt. Als Catherine durch ihre riskante Fahrweise einen schweren Unfall verursacht und sich und ihre Kinder dabei in große Gefahr bringt, lässt ihr Vater sie erneut einweisen, doch es gelingt den Ärzten nur, sie für eine kurze Zeit zu stabilisieren.

Auf Konfrontation

Als Violaine und Elsa heranwachsen, geht Elsa auf Konfrontation mit ihrer Mutter, denn sie hat genug. Sie streitet sich mit ihr bis aufs Blut, auch wenn sie dafür oft Prügel einstecken muss. Violaine ist nicht so mutig und bleibt stumm, obwohl sie ihr schlechtes Gewissen plagt, weil sie sich nicht traut, ihrer Schwester zu helfen. Währenddessen häufen sich die Zusammenbrüche ihrer Mutter. Verzweifelt versucht sie immer wieder, ihr Leben in den Griff zu bekommen, doch ihre Vergangenheit holt sie ein. Als ihre Töchter zwecks Ausbildung das Haus verlassen, bleibt sie allein zurück und hadert mit sich, ihrem Leben und mit der Frau, zu der sie geworden ist und nie werden wollte. Doch wer war sie?

Auf Selbstsuche

In stillen Momenten gibt Catherine ihrer Tochter Violaine Stück für Stück von sich preis, erzählt ihr von ihrem Leben, das von Anfang an unter keinem guten Stern stand: Von dem schüchternen und kränklichen Mädchen, das aus einer Vergewaltigung entstand und stets unter der eisigen Gefühlskälte ihrer Mutter litt, die sie selbst nach monatelangem Krankenhausaufenthalt nicht ein einziges Mal besuchte, und von ihrem Zuhälter-Vater, der in seinem krankhaften Begehren selbst vor seiner eigenen Tochter keinen Halt machte.

Aber Catherine sieht sich nicht nur als Opfer, sie erzählt auch von ihren eigenen Verfehlungen, die sie sich nicht verzeihen kann: Wie sie Paul, ihren ersten Mann und ihre große Liebe, für Antoine verließ, der ihr ein Leben im Luxus bieten konnte. Wie sie ihre beste Freundin Claude, mit der sie eine innige Liebe und jahrelange Beziehung verband, am Ende allein sterben ließ und wie sie in einem emotionalen Ausnahmezustand ihren Hund tötete. Catherines ständige Rückblicke auf ihr Leben tormentieren sie, und so ist eines Tages für sie, die so viel erleiden musste und selbst so viel Leid verursachte, die Grenze des Erträglichen erreicht. In ihrer Verzweiflung sieht sie schließlich nur einen Ausweg, den ihre Töchter zwar kommen sahen, der sie aber am Ende doch bis ins Mark erschüttert…

Sehr bewegendes,  liebevolles Porträt einer nicht alltäglichen Mutter

Mit Die Entflohene ist Violaine Huisman ein sehr berührendes Porträt und einfühlsames Psychogramm ihrer manisch-depressiven Mutter gelungen, das gleichermaßen schockiert und zu Herzen geht. Mit großer Sensibilität zeigt sie auf, wie in der Kindheit durchlebte seelische Grausamkeiten das Leben eines Menschen beeinflussen können – dies gilt sowohl für sie und ihre Schwester Elsa als auch für ihre Mutter Catherine, die als kleines Mädchen nie Liebe erfuhr und sich daher vornahm, später einmal eine bessere Mutter zu werden. Huisman schildert den permanenten verzweifelten Kampf ihrer Mutter, ihr mentales Gleichgewicht wieder zu finden und ihre Kinder nicht zu verlieren, mit einer emotionalen Wucht, die erschüttert. Die Autorin legt die innerliche Zerissenheit ihrer Mutter, die aufgrund ihrer Schönheit und Unkonventionalität von Männern und Frauen gleichermaßen verehrt wurde, offen und zeigt, welche zerbrechliche Seele sich dahinter verbarg, die nicht mehr heilen konnte.

Die außergewöhnliche Geschichte, die die Autorin mit ihrem einzigartigen Schreibstil und einer streckenweise sehr poetischen Sprache erzählt, ist auf hohem literarischen Niveau und ein großartiges Debüt, das seinesgleichen sucht. Daher mein Fazit: Eine sehr große Leseempfehlung für diesen äußerst eindrucksvollen Roman!

Violaine Huisman: Erfolgreiche Schriftstellerin, Lektorin und Übersetzerin

Über die Debütautorin Violaine Huisman gibt es – noch – nicht sehr viel zu berichten. Die 1979 in Paris geborene Französin lebt und arbeitet seit 20 Jahren in der Verlagsbranche in New York. Sie ist als Lektorin und Übersetzerin (u.a. David Grann und Ben Lerner) tätig und organisiert darüber hinaus Literaturfestivals und andere Eventformate.

Ihr autobiografisches Erstlingswerk «Fugitive parce que reine», das hier vorgestellte Die Entflohene, wurde von den Kritikern der renommiertesten französischen Zeitungen und Magazine wie Le Monde, Le Nouvel Observateur und Le Point mit Begeisterung aufgenommen und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter u.a. der Prix Littéraire de L’Ens Cachan (2019), der Prix Françoise-Sagan (2018) und Prix Marie Claire du Roman Féminin (2018).


Originalausgabe: Huisman, Violaine. Fugitive parce que reine. Paris: Éditions Gallimard, 2018.
Deutsche Ausgabe
: Huisman, Violaine. Die Entflohene. Aus dem Französischen von Eva Scharenberg. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag GmbH, 2019.
Buchcover: © S. Fischer Verlag GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat)
Quelle Biografie: Verlagsinformationen