Kunst und Leben

Naomi Wood: Diese goldenen Jahre

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Nachdem Naomi Wood in ihrem vorangegangenen brillanten Roman Als Hemingway mich liebte das turbulente Leben der einzigartigen Schriftsteller-Legende thematisierte, widmet sie sich in ihrem neuesten Werk Diese goldenen Jahre der avantgardistischen Bauhaus-Ära – von ihren inspirierenden, vielversprechenden Anfängen im Jahre 1919 unter der Ägide ihres charismatischen Gründers Walter Gropius bis zu ihrem bitteren, dramatischen Ende im Jahre 1933, als die Nazis mit ihrer menschenverachtenden Ideologie das Ende der progressiven Kunstschule besiegelten. Was sie jedoch nicht zerstören konnten, war der nachhaltige Einfluss, den das Bauhaus, das in diesem Jahr sein 100-jähriges Jubiläum feiert, mit seinem Konzept einer modernen Architektur und der freien, angewandten Kunst bis heute weltweit noch immer hat.

Das Renommee dieser einzigartigen Institution wurde neben Gropius natürlich auch von seinen lehrenden Meistern geprägt: Künstlergrößen wie der deutsche Maler und Grafiker Paul Klee, der russischer Maler und Kunsttheoretiker Wassily Kandinsky und der Schweizer Maler und Pädagoge Johannes Itten, die die Autorin alle mit in ihren Roman eingebaut hat, drückten dem Bauhaus ihren ganz eigenen Stempel auf und führten ihre Studenten an ein neuartiges Kunstverständnis heran, dessen zukunftsweisende Impulse eine ganz besondere Auswirkung auf ihr kreatives Schaffen hatte.

Doch die Gesellschaft und auch die Politik beäugten die eingeschworene Bauhaus-Community und ihren bahnbrechenden Aufbruch in eine neue Kunstära mit Misstrauen: Zu freizügig, zu innovativ und stets einen Schritt über die Grenze des konventionellen Wohlgefallens. Und so war es denn auch nicht verwunderlich, dass die breite Masse mit dem Bauhaus als solchem nicht viel anfangen konnte. Es fehlte gänzlich das Verständnis und die Weitsicht für diesen in ihren Augen modernistischen Schnickschnack, dessen Sinn sich ihnen nicht erschloss.

Bauhaus-Babys

Aber zunächst zurück zu den Anfängen, nach Weimar ins Jahr 1922, wo Naomi Woods Roman beginnt. Der Ich-Erzähler, der erfolgreiche Maler Paul Beckermann, der mittlerweile im Exil in England lebt, lässt die schicksalhafte Bauhaus-Zeit angesichts eines Todesfalls Revue passieren. Mit Wehmut, Verbitterung und großer Traurigkeit denkt er zurück an die glorreichen ersten Jahre, die er und seine Freunde, die Clique der Bauhaus-Babys, wie die Anfänger damals genannt wurden, gemeinsam verbrachten und auf welche tragische Weise sie auseinanderdrifteten. Sein erster Gedanke gilt Charlotte, die verschlossene, ernsthafte Künstlerin aus Prag, in die er sich gleich am ersten Tag unsterblich verliebt. Hinzu kommen die bodenständigen, eng miteinander verbundenen Freunde Irmi und Kaspar sowie der rätselhafte, unbeherrschte Jenö und Walter, der für Paul zu einem engen Vertrauten wird.

Künstlerische Herausforderungen

Die Freunde sind hochmotiviert und stürzen sich mit Feuereifer auf die ihnen gestellten Aufgaben, doch die lehrenden Meister zeigen ihnen schnell ihre Grenzen auf. Dies gilt insbesondere für Johannes Itten, den kahlköpfigen Kunstfanatiker, an dessen kreativen Herausforderungen viele Erstlinge scheitern. Hierzu zählt auch Paul, der zwar ein exzellenter Maler im klassischen Sinne ist, sich aber mit Ittens künstlerischer Herangehensweise sehr schwer tut. Da kommt ihm das Angebot des undurchsichtigen Ernst Steiner gerade recht, der ihm einen lukrativen Nebenjob anbietet. Paul soll kitschige Heimatkunst reproduzieren, die Steiner dann an gut betuchte ausländische Kunden veräußert. Obwohl ihn alle warnen, nimmt Paul den Job an, denn er möchte endlich unabhängig von seinen Eltern sein.

Erste Risse, politischer Umbruch und ein unverzeihlicher Verrat

Der Zauber der ersten Jahre verfliegt rasend schnell. Die Freundschaft der Clique wird durch Pauls unerfüllte Liebe zu Charlotte, Walters unerwiderte Zuneigung zu Jenö und einen schockierenden Zwischenfall, für den die ganze Clique Hausarrest erhält, auf eine harte Probe gestellt. Hinzu kommen zunächst moderate, dann radikale politische Veränderungen, die eine Verlegung des Bauhauses nach Dessau (1925) und später nach Berlin (1932) erforderlich machen.

Die sogenannte „Bauhaus-Zählung“, mit der gezielt ausländische Studenten identifiziert werden sollen, empört sowohl die Schulleitung als auch die Studierenden, insbesondere Charlotte, die Angst hat, ihren Studienplatz zu verlieren. Als sich herausstellt, dass einer der Freunde die Namen aller Ausländer an eine rechtsradikale Zeitung weitergegeben hat, sitzen der Schock und die Enttäuschung bei allen tief.

Erdrückende Schuld

Nach der Machtübernahme Hitlers dominieren Angst und Entsetzen. Die Clique hat sich aufgelöst, einige Mitglieder verlassen das Land, u.a. auch Paul. Doch an sein neues Leben als Mr. Bricker in England kann er sich nur sehr schwer gewöhnen. Zu erdrückend ist die Schuld, die er auf sich geladen hat, zu schmerzhaft die Erinnerung an eine Liebe, die keinen Bestand hatte und zu monströs der Gedanke, dass er aufgrund seiner Indifferenz eine Katastrophe nicht verhinderte. Was ihn am Leben hält, ist die Reminiszenz an viele glückliche Augenblicke, an magische Momente der überberstenden Kreativität und der Stille und an Stunden der Leidenschaft, die für ihn die ganze Welt bedeuteten…

Ein herausragender Roman mit exzellent gezeichneten Protagonisten und geschichtlichem Tiefgang

Mit ihrem aktuellen Buch ist Naomi Wood erneut ein erstklassiges Lesehighlight gelungen. Die außergewöhnliche, sehr ans Herz gehende Story um ihren Protagonisten Paul und seine fünf Freunde, die sie in zwei parallelen Handlungssträngen erzählt, verwebt sie sehr gelungen mit dem historischen Kontext. Dabei fängt sie die Atmosphäre der damaligen Zeit en détail ein: Sie macht die beflügelnde Aufbruchstimmung unter den Studenten ebenso deutlich fühlbar wie die lähmende Angst, die sich nach der Machtergreifung der Nazis überall ausbreitet.

Die persönlichen Schicksale ihrer Hauptfiguren schildert die Autorin mit großem Feingefühl und einem untrüglichen Gespür für die Befindlichkeiten der Menschen, insbesondere in Zeiten einer politischen Schreckensherrschaft, in denen es zumeist ums nackte Überleben geht. Wood bewertet nicht, sie urteilt nicht, sondern lässt die Geschehnisse als solche für sich sprechen. Was wir als Leser aus ihrem herausragenden Roman mitnehmen, sind nicht nur äußerst interessante Inside-Bauhaus-Informationen und spezielle geschichtliche Hintergründe, die die Autorin eingehend recherchiert hat, sondern ebenso differenzierte Einsichten in das Menschsein an sich: Was uns verbindet, was uns trennt und wie große Empfindungen uns manchmal zu gefühllosen Taten verleiten, die im Rückblick unverzeihlich sind. Und wie wir trotz allem weiterleben – mit der Erinnerung an das Schöne, das unauslöschlich ist.

Mein Fazit: Eine große Leseempfehlung für einen der besten Romane des Jahres! 

Naomi Wood: Renommierte Schriftstellerin und Dozentin

Naomi Wood wurde 1983 in Yorkshire/England geboren. Im Alter von acht Jahren zog sie mit ihren Eltern nach Hong Kong, wo sie zehn Jahre lebte. Mit 18 kehrte sie zurück nach England und studierte Englische Literatur an der namhaften University of Cambridge. Danach arbeitete sie zunächst für Random House und studierte dann Creative Writing an der University of East Anglia in Norwich (UEA). Neben ihrem Studium entstand ihr erster Roman The Godless Boys, der 2011 in England und Norwegen veröffentlicht wurde und demnächst angabengemäß sogar verfilmt werden soll.

Nachdem Wood an der UEA ein volles Promotionsstipendium erhalten hatte, begann sie mit den Recherchen zu ihrem zweiten Buch, Als Hemingway mich liebte (Mrs. Hemingway). Sie besuchte die Schauplätze und Lebensschwerpunkte Hemingways in Chicago, Boston, Key West, Cuba, Antibes und Paris und recherchierte als Stipendiatin zudem einige Zeit an der Library of Congress in Washington D.C.

Mit Mrs. Hemingway, der 2014 in England erschien und inzwischen in mehr als 15 Ländern publiziert wurde, gelang ihr der literarische Durchbruch. Der Roman wurde bereits in seinem Erscheinungsjahr mit dem Jerwood Fiction Uncovered Prize ausgezeichnet und erhielt eine exzellente Besprechung in der namhaften New York Times. Auch hier ist eine TV-Verfilmung in Planung.

Danach startete sie mit ihren Recherchen zu ihrem dritten Roman The Hiding Game, der hier vorgestellte Diese goldenen Jahre, der in diesem Jahr veröffentlicht wurde und mit Sicherheit den Sprung auf die Bestsellerlisten schaffen wird.

Neben der Schriftstellerei unterrichtet Naomi Wood Creative Writing an der University of East Anglia. 

Die Autorin lebt und arbeitet in Norwich/UK.


Originalausgabe: Wood, Naomi. The Hiding Game. London: Picador/Pan Macmillan, 2019.
Deutsche Ausgabe: Wood, Naomi. Diese goldenen Jahre. Aus dem Englischen von Claudia Feldmann. Hamburg: Atlantik Verlag/Hoffmann und Campe Verlag GmbH, 2019.

Buchcover: © Atlantik Verlag/Hoffmann und Campe Verlag GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat) – erstellt mit PhotoLab

Mein herzlicher Dank gilt dem Atlantik Verlag/Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, die mir diesen Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

Kinderbuchautor David Walliams:
Mit „Gangsta-Oma“ an die Spitze

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

J. K. Rowlings ernstzunehmender Konkurrent

Mit mehr als 29 Mio. verkauften Büchern weltweit – Tendenz: rasant steigend – hat sich der englische Schriftsteller, Schauspieler, Comedian und Britain’s Got Talent-Juror David Walliams als einer der erfolgreichsten internationalen Kinderbuchautoren der letzten Jahre etabliert. Obwohl er noch weit von der unangefochtenen Meisterin des Genres und Harry-Potter-Schöpferin J. K. Rowling entfernt ist, kann man ihn bereits jetzt als einen ernstzunehmenden Konkurrenten bezeichnen. Von seinem wunderbaren Buch The Ice Monster, das letzten November in England erschien, aber leider noch nicht in deutscher Sprache erhältlich ist, wurden innerhalb von nur fünf Tagen 110.000 Exemplare allein in Großbritannien verkauft. Es war somit seit Harry Potter und das verwunschene Kind der meistverkaufteste Roman – und ein Ende ist nicht in Sicht. 

Dabei begann Walliams‘ Schriftstellerkarriere zunächst eher verhalten. Seine drei ersten in Großbritannien veröffentlichten Bücher (Leseempfehlung: ab 9 Jahre) – Kicker im Kleid (2008), Mr. Stink (2009) und Billionen-Boy (2010) – wurden von den kleinen Leserinnen und Lesern zwar gut angenommen, doch es reichte noch nicht für den endgültigen Durchbruch. Der gelang ihm allerdings explosionsartig mit seinem vierten Roman Gangsta-Oma, der 2011 in England erschien und ihn über Nacht als Schriftsteller berühmt machte. Das Buch stürmte die Bestseller-Listen und katapultierte Walliams in die erste Riege der renommierten Kinderbuchautoren. Noch bevor weitere Romane herauskamen, entdeckte man seine o.g. Erstlingswerke neu, und ehe man sich versah, schnellten Walliams‘ Verkaufszahlen in die Höhe, denn seine außergewöhnlichen Erzählungen wurden nunmehr – auch international – regelrecht verschlungen.

Nach Gangsta-Oma brachte Walliams jährlich ein weiteres Buch heraus – jedes wurde ein Bestseller: Ratten-Burger, Zombie-Zahnarzt, Terror-Tantchen, Propeller-Opa, Die schlimmsten Kinder der Welt, Die Mitternachtsbande, Die schlimmsten Kinder der Welt 2 (noch nicht in deutscher Sprache erschienen), Banditen-Papa sowie Die schlimmsten Kinder der Welt 3, The Ice Monster, Fing und das jüngst in GB erschienene The World’s Worst Teachers (noch nicht übersetzt).

Das Erfolgsheimnis des Multitalents

Was also ist das Erfolgsgeheimnis von David Walliams? Zum einen sind es sicherlich seine überaus witzigen, aber gleichzeitig auch sehr berührenden Geschichten, die immer auf einer sehr originellen Idee basieren. Zum anderen sind seine Bücher stets ein Aufruf zu Toleranz, Offenheit und Empathie, der in jeder seiner Stories zum Tragen kommt. Darüber hinaus lässt Walliams auch keine Gelegenheit aus, um auf die Wichtigkeit von Werten wie Respekt (insbesondere vor der älteren Generation), Ehrlichkeit und Loyalität zu verweisen. Auch die Bedeutung von Familie, Freundschaft und Zusammenhalt stellt der Autor immer wieder in den Fokus. Überdies führt er seine Leserinnen und Leser auch sehr, sehr behutsam an Themen wie Verlust und Tod heran, die seines Erachtens auch mit einbezogen werden sollten – dies aber nur äußerst marginal.

Obwohl alle Romane von Walliams echte Lesehighlights sind, möchte ich drei Bücher empfehlen, die mein Patenkind – und mich – restlos begeistert haben:

Leseempfehlung 1: Gangsta-Oma

Der 11-jährige Ben hat es nicht leicht: Obwohl er für sein Leben gerne Klempner werden würde, möchten seine Eltern ihn zu einem Tanzstar machen, auch wenn er nicht das geringste Talent hat. Doch damit nicht genug: Jedes Mal, wenn seine tanzbegeisterten Eltern zur Sendung Dancing with the Stars fahren, muss Ben bei seiner Oma übernachten – ein absoluter Alptraum für ihn, denn seine unglaublich langweilige und ständig nach Kohl riechende Großmutter ist ihm ein Graus. Seine Meinung ändert sich allerdings schlagartig, als er zufällig und zu seiner großen Überraschung herausfindet, dass seine Oma einst eine gefürchtete Juwelendiebin war und nun auch noch plant, die Kronjuwelen im Tower of London zu stehlen. Bens Interesse ist geweckt und auf einmal werden seine Aufenthalte bei Oma zu einem Abenteuer, denn er beschließt, sie bei ihrem großen Coup tatkräftig zu unterstützen. Doch wie sollen sie in den Tower gelangen, der streng bewacht wird? Da kommt selbst Bens mit allen Wassern gewaschene Oma ins Grübeln, aber ihr Enkel hat längst einen klempnermäßigen Plan…

Leseempfehlung 2: Kicker im Kleid

Der zwölfjährige Dennis lebt nach der Scheidung seiner Eltern gemeinsam mit seinem älteren Bruder John bei seinem Vater. Er vermisst seine Mutter sehr, doch sein Hobby Fußball lenkt ihn meistens von seinen trüben Gedanken ab. Er ist der talentierteste Spieler seines Teams und wird es, da ist man überzeugt, noch weit bringen. Als er eines Tages auf dem Cover der VOGUE das gelbe Kleid seiner Mutter wiedererkennt, das er so liebt, kann er nicht anders: Er kauft das Modemagazin, auch wenn ihn sein Bruder dafür hänselt und ihn fortan nur noch Denise nennt. Sein Vater ist außer sich, als er das Magazin findet und kann nicht verstehen, was in seinem Sohn vorgeht. Als er eines Tages beim Nachsitzen die hübsche und völlig modebegeisterte Lisa kennenlernt, nimmt sein Leben eine ungeahnte Wendung. Lisa kleidet Dennis als Mädchen ein und nimmt ihn als Denise mit in die Öffentlichkeit, wo ihn niemand erkennt. Doch sein Cross-Dressing bleibt nicht lange unentdeckt und bringt ihn in allergrößte Schwierigkeiten. Wie gut, dass er seine beste Freundin Lisa und seine Fußball-Kumpels hat, die alles tun, um ihm zu helfen…

Leseempfehlung 3: Billionen-Boy

Im Leben des zwölfjährigen Joe, Sohn eines Milliardärs, sind eigentlich keine Wünsche offen: Er lebt mit seinem Vater Len in einer riesigen Villa und hat – man höre und staune – einen Orang-Utan als Butler. Neben einem eigenen Kino und einer Bowling-Bahn hat er jede Menge Personal, das rund um die Uhr nur für ihn da ist. Doch Joe ist todunglücklich, denn er hat nicht einen einzigen Freund. Erst als er von einer exklusiven Privatschule – inkognito – auf eine öffentliche Schule wechselt, ändert sich sein Leben von gleich auf jetzt: Er lernt den 12-jährigen, übergewichtigen Bob kennen, der sein bester Freund wird. Joe beschützt Bob, als er wieder mal Zielscheibe des Spotts der gefürchteten Grubb-Zwillinge wird. Durch eine unbedachte Aktion von Joe wird ihre Freundschaft jedoch auf eine harte Probe gestellt. Als dann auch noch die hübsche Lauren neu an die Schule kommt und Joe den Kopf verdreht, ist es um ihn geschehen, doch seine Funkstille mit Bob macht ihm sehr zu schaffen. Aber dann überschlagen sich die Ereignisse und Joe erkennt, was wirklich im Leben zählt…

***

Walliams‘ Geschichten sind nicht nur einzigartig, sie sind auch dank der wunderbaren Illustrationen von Quentin Blake und Tony Ross wahre kleine Kunstwerke. Sie machen gute Laune, beflügeln die Fantasie und bleiben insbesondere aufgrund ihrer originellen Hauptfiguren noch lange in Erinnerung. Doch man muss kein Kind sein, um Walliams‘ Romane zu mögen. Sie sind auch für Erwachsene wunderbar unterhaltsam. Daher mein Fazit: Ein Lesegenuss für alle Altersstufen – sehr empfehlenswert!  


Deutsche Ausgaben:

Walliams, David. Gangsta-Oma. Aus dem Englischen von Sahla Naoura. Hamburg: rororo rotfuchs/Rowohlt Verlag GmbH, 2016.

Walliams, David: Kicker im Kleid. Aus dem Englischen von Dorothee Haentjes-Holländer. Hamburg: rororo rotfuchs/Rowohlt Verlag GmbH, 2017.

Walliams, David: Billionen-Boy. Aus dem Englischen von Dorothee Haentjes-Holländer. Hamburg: rororo rotfuchs/Rowohlt Verlag GmbH, 2018.

Autorenfoto: © HarperCollins Children’s Publishers UK
Buchcover: © Rowohlt Verlag GmbH

Mein herzlicher Dank gilt der Rowohlt Verlag GmbH, die mir das Autorenfoto zur Verfügung gestellt hat.

Des Menschen Fragilität und Stärke

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Wie soll man das Romandebüt eines jungen vietnamesisch-amerikanischen Schriftstellers beschreiben, das mit seiner Wahrhaftigkeit und Lebensklugheit mitten ins Herz trifft? Dessen Gegensätze aus Schönheit und Rohheit aufeinanderprallen und doch ein symbiotisches Ganzes ergeben. Und dessen Wechsel von poetisch-ausdrucksvoller und drastischer Sprache scheinbar mühelos gelingen. Die bewegende, tragische Geschichte seiner Hauptfigur erzählt Vuong einfühlsam und würdevoll – ohne Pathos, aber mit einer Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht. 

Es ist ein Kaleidoskop der Erinnerungen, das Ocean Vuongs 28-jähriger Protagonist eindrücklich zutage bringt. Eine Retrospektive auf ein junges Leben, das von vielen negativen Erfahrungen, aber auch von stillen Glücksmomenten geprägt ist. Es ist ein Blick zurück im Zorn und in Wehmut, aber auch ein Zurücksehnen nach der einen großen Liebe, die der Ewigkeit nicht standhielt. Über allem ruht das Wissen um die existentiellen Dilemmata, um das, was uns als Menschen in all unserer Widersprüchlichkeit ausmacht, was uns antreibt und am Leben hält.

In einem Interview stellte Ocean Vuong heraus, dass sein Roman in Teilen auch autobiografischer Natur ist:

„What I wanted, what I hoped to do was to speak to a rich American tradition of autobiography, all the way down to Herman Melville and Moby Dick. And so for myself, I always saw the self in the American space as a potent moment of fiction. And I wanted to start with truth and end with art, as a writer. That was very important to me.“1

Ein langer Brief

In einem langen Brief an seine vietnamesische Mutter schreibt sich der Ich-Erzähler alles von der Seele, auch wenn er weiß, dass sie ihn nie lesen wird, denn sie ist Analphabetin. Das bisschen Englisch, das sie beherrscht, reicht gerade für ihren Job in einem Nagelstudio in Connecticut. Er hingegen hat es trotz vieler Hindernisse weit gebracht: Als einziger seiner Familie, die nach dem Vietnam-Krieg in die USA floh, hat er das College besucht und seinen Abschluss gemacht. Er kann sogar erste Erfolge mit seiner Dichtkunst verzeichnen. Doch bevor er das Erreichte genießen kann, muss er den Ballast der Vergangenheit abwerfen. Schonungslos und ehrlich zu den Menschen sein, die ihm am nächsten stehen.

Mutter und Monster

Die Adressatin seiner Lebensrückschau ist seine Mutter Hong, Tochter eines vietnamesischen Bauernmädchens und eines amerikanischen Soldaten, die ihn von Kindesbeinen an regelmäßig schlägt. In ihren Augen ist er ein viel zu weinerliches Kind, das sich alles gefallen lässt und sich nie wehrt. Seine kindlichen Versuche, sie die englische Sprache zu lehren, empfindet sie als Affront, als Umkehrung der natürlichen Hierarchie, denn nur Eltern bringen ihren Kindern etwas bei. Ihre Hilflosigkeit und Entwurzelung entladen sich in unberechenbarer Aggression. „Monster“ nennt er sie, als er älter ist, um ihr zu zeigen, wie sehr er ihr Verhalten verachtet. Doch im selben Moment tut es ihm auch schon wieder leid, denn er weiß nur zu gut, dass sie gemeinsam mit ihrer Mutter Lan der Hölle des Vietnam-Krieges nur knapp entkommen ist. Und dass sie sich manchmal, wenn die schlimmen Erinnerungen kommen, im Schrank versteckt und Chopin hört.

Doch es gibt auch schöne Momente, die er mit seiner Mutter zelebriert: Ihre gemeinsamen Shopping-Touren, für die sie sich schick machen, obwohl sie sich nur eine Handvoll Schokoladentäfelchen leisten können. Ihre einfache Art, ihm mit zwei vietnamesischen Worten zu sagen, dass sie etwas schön findet, während er die Dinge für sie im Englischen benennt. Oder ihre Versuche, ihn mit Milch zu einem starken Jungen aufzupeppeln, um ihn vor den Gewalttätigkeiten seiner Mitschüler zu schützen, die in ihm als „dummen Ausländer“ eine ideale Zielscheibe sehen.

Großmutter und Beschützerin

Die konfliktbeladene Beziehung zu seiner Mutter belastet ihn sehr, doch es gibt einen Menschen, der ihm Halt gibt und ihn beschützt: Seine schizophrene Oma Lan, die bei ihnen wohnt und ihm, als er eines Tages von zuhause wegläuft, wieder zurückholt und ihm erklärt, dass seine Mutter „krank“ ist. Die ihn liebevoll „Little Dog“ nennt, ihm Reis mit Jasmintee zubereitet und ihn so an ihren kleinen Glücksmomenten teilhaben lässt. Doch sie ist nicht nur seine Vertraute. Als er älter ist, wird er ihr Vertrauter gleichermaßen: Sie erzählt ihm ihre tragische Lebensgeschichte: Wie sie einer arrangierten Ehe entfloh, wie ihre Eltern sie verstießen, als sie schwanger war, wie sie sich und ihrer Tochter Blumennamen gab (Lan = Lilie, Hong = Rose), um etwas Schönheit in ihre triste Existenz zu bringen und wie sie sich in Vietnam prostituierte, um mit ihrer Tochter zu überleben.

Geliebter und Schicksalsmensch

Als er seinen ersten Job auf einer Tabakfarm bekommt, ist er zum ersten Mal glücklich und hat ein Gefühl von Unabhängigkeit, auch wenn die sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen mehr als zu wünschen übrig lassen. Er verliebt sich in Trevor, den attraktiven Enkel des Farmbesitzers, und eine schicksalhafte Beziehung nimmt seinen Lauf. Trevor kann nicht zu seiner Homosexualität stehen und behandelt ihn des Öfteren mehr als geringschätzig. Ähnlich wie in der Beziehung zu seiner Mutter findet er sich auch mit Trevor in einem Wechselbad der Gefühle zwischen Liebe und Gewalt wieder, eine demütigende Spirale, der er scheinbar nicht entkommen kann. Doch die glücklichen Stunden mit Trevor möchte er keinesfalls missen, dafür nimmt er alles in Kauf und unterwirft sich völlig. Dies ändert sich jedoch, als Trevor – resultierend aus einer Schmerzmittel-Abhängigkeit – schwer drogensüchtig wird. Hilflos muss er den körperlichen Verfall seines Geliebten mit ansehen, bis er schließlich gezwungen ist, eine Entscheidung zu treffen, die sein Leben für immer verändern wird…

Ein stilles, eindringliches Meisterwerk mit existentieller Tiefe

Das literarische Debüt von Ocean Vuong ist ein stilles, eindringliches Meisterwerk und zählt für mich schon jetzt zu den besten Romanen dieses Jahres. Der Autor verknüpft die singuläre Lebensgeschichte seiner Hauptfigur mit existentiellen Themen und analysiert so auf eindrucksvolle Weise die Conditio Humana, die Natur des Menschen, in all ihren Facetten. Am Beispiel seiner Mutter und Großmutter, die er als Produkte des Krieges bezeichnet, schildert er auf bewegende Weise, was Menschen tun, um zu überleben, wie sie sich selbst neu erfinden, um den allgegenwärtigen Schmerz zu mildern und wie sie versuchen, trotz des erlebten Grauens und des oftmals daraus resultierenden Verlustes ihrer geistigen Gesundheit ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben. Und wie sie sich angesichts von Entwurzelung und Identitätskonflikt dem Leben in einer für sie fremden, neuen Umgebung jeden Tag aufs Neue stellen.

Auf Erden sind wir kurz grandios illuminiert in eindrucksvoller Weise die essentiellen Attribute unseres Menschseins: Unsere Fragilität und unsere Stärke. Die Fähigkeit, sich auch als zerbrechliches Individuum in einer Welt zu behaupten, in der Schwäche als verachtenswert gilt und Stärke zumeist mit Gewalt einhergeht. Liebe und Schönheit zu erkennen und wertzuschätzen, auch wenn die existentiellen Bedingungen alles andere als ideal sind. Und, dem Protagonisten gleich, niemals aufzugeben und seinen Weg – auch als Außenseiter – stoisch weiterzugehen, um irgendwann seinen Platz im Leben und in der Gesellschaft zu finden. Doch im Gegensatz zum Amerikanischen Traum ist diese Lebensmaxime nicht ausschließlich mit materiellem Erfolg verbunden. Bei sich angekommen zu sein, ist Errungenschaft genug.

Mein Fazit: Ein erstklassiges Romandebüt – sehr lesens- und empfehlenswert!

Ocean Vuong: Renommierter Dichter und Schriftsteller

Ocean Vuong wurde 1988 in Saigon/Vietnam geboren, zog aber bereits im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie nach Amerika. Heute lebt er in Northampton/Massachusetts, wo er als Assistant Professor im MFA Program for Poets and Writers bei Umass-Amherst tätig ist. 

Vuong ist ein renommierter Lyriker, der für seinen von den Kritikern gefeierten Gedichtband Night Sky with Exit Wounds mit Preisen überhäuft wurde. Für dieses einzigartige Werk wurde der Autor mit dem T.S. Eliot Prize, dem Whiting Award, dem Thom Gunn Award und dem Forward Prize for Best First Collection ausgezeichnet. 

Seine Gedichte wurden in etablierten Magazinen wie The Atlantic, Harpers, The Nation, New Republic, The New Yorker, The New York Times, The Village Voice und American Poetry Review veröffentlicht, die ihm auch den Stanley Kunitz Prize for Younger Poets verliehen haben. Darüber hinaus wurde der Autor vom Foreign Policy Magazine 2016 in die hochkarätige Liste der 100 Leading Global Thinker neben Hillary Clinton, Ban Ki-Moon und Justin Trudeau aufgenommen.

Auf Erden sind wir kurz grandios ist Vuongs erster Roman, der von Kritikern und Lesern gleichermaßen begeistert aufgenommen wurde.


Originalausgabe: Vuong, Ocean. On Earth We’re Briefly Gorgeous. New York: Penguin Press, 2019.
Deutsche Ausgabe: Vuong, Ocean. Auf Erden sind wir kurz grandios. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag. München: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 2019.

Zitat1: Author Interview von Scott Simon: „Start with truth and end with art“ – Ocean Vuong on his debut novel. In: NPR National Public Radio Inc. US, 1. Juni 2019.


Mein herzlicher Dank gilt der Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, die mir das E-Book als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Buchcover: © Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Bildnachweis: © Cbill, Pixabay