Die Unbeugsame

Madeline Miller: Ich bin Circe

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Nachdem sich Madeline Miller in ihrem Erstlingswerk Das Lied des Achill bereits ausgiebig der griechischen Mythologie und einem ihrer strahlenden – männlichen – Helden widmete, hat sie nunmehr in ihrem neuesten Roman eine mythologische Außenseiterin als Protagonistin in den Fokus ihrer Geschichte gestellt: Circe, Tochter des Sonnengottes Helios und der Okeanide Perse, ist keine Lichtgestalt oder verehrte Göttin wie Athene oder Aphrodite, sondern eher eine Randfigur, die man – wenn überhaupt – aus der Odysseus-Sage kennt. In unserer Sprache erinnert noch das schöne Verb becircen an die legendenumwobene Zauberin, deren Schicksal – ähnlich wie das der Nymphe Echo – ungehört verhallt. Miller sorgt dafür, dass dies nicht so bleibt und erzählt Circes Geschichte aus ihrer ganz eigenen Sicht.

Doch dies allein war der Autorin nicht genug: Peu à peu lässt sie im Verlauf ihrer einzigartigen Erzählung eine Vielzahl der wichtigsten mythologischen Figuren mit einfließen und webt in Circes Mikrokosmos sehr gekonnt den Makrokosmos der griechischen Sagenwelt ein. Diese literarische Finesse in Kombination mit Millers außerordentlichem Erzähltalent machen ihren Roman zu einer lebendigen, anschaulichen und sehr interessanten Lehrfahrt durch die spannende Vielfalt der antiken griechischen Mythen, die ihresgleichen sucht.

Die Außenseiterin

Zur Enttäuschung ihrer Eltern, Sonnengott Helios und Nymphe Perse, ist Circe nicht mit Schönheit gesegnet. Ihre gelben Augen und ihre merkwürdige Stimme machen sie oftmals zur Zielscheibe des Spotts ihrer Geschwister Pasiphaë und Perses. Sie ist zumeist auf sich allein gestellt und wird so zu einer stillen Beobachterin vieler Vorkommnisse innerhalb der Götterwelt. U.a. wird sie Zeuge der Bestrafung ihres Onkels Prometheus, der dem Göttergeschlecht der Titanen entstammt und sich den Zorn des Olympier-Herrschers Zeus zuzog, weil er den Sterblichen das Feuer brachte. Circe sympathisiert mit dem in Ungnade gefallenen Rebell und gibt dem fürchterlich Misshandelten heimlich göttlichen Nektar zu trinken – ein revolutionärer Akt für das noch kleine – unsterbliche – Mädchen, das entsetzt ist, als es von der grausamen Strafe am Kaukasusfelsen hört, die sich die Götter für Prometheus ausgedacht haben.

Die Verbannte

Als ihr Bruder Aiëtes zur Welt kommt, ist Circe zum ersten Mal glücklich. Sie kümmert sich hingebungsvoll um das kleine Wesen, das ihr jeden Tag mehr ans Herz wächst. Doch als beide erwachsen sind, trennen sich ihre Wege, denn für seinen Sohn hat Helios große Pläne. Circe ist am Boden zerstört und hadert mit ihrem Schicksal. Das ändert sich erst, als sie Glaukos, einen Fischer, kennen- und liebenlernt. Aber für Glaukos ist sie nur Mittel zum Zweck. Als er sich in die wunderschöne Nymphe Scylla verliebt, ist Circe außer sich. Sie sinnt auf Rache – und ist erfolgreich: Mit einem aus einer Blume gewonnenen Gift will sie Scyllas wahres Wesen zum Vorschein bringen und verwandelt sie in ein Meeresungeheuer. Ihr Vater ist entsetzt, als er erfährt, dass seine farblose Tochter über eine solche „Hexen-Gabe“ verfügt und diese auch noch rücksichtslos anwendet. Zur Strafe verbannt er sie auf eine einsame Insel, Aiaia, ohne jegliche Aussicht auf Rückkehr.

Die Hexe

Circe fügt sich ihrem Schicksal, und die Insel wird für sie zu einem neuen Zuhause. Die Einsamkeit macht sie stark – und erfinderisch: Sie erforscht die Tiere und insbesondere die Pflanzenwelt, aus der sie nach unzähligen Versuchen Heilmittel, Gifte und Zaubertränke schöpft. Und sie bleibt nicht allein: Zahlreiche Besucher wie Götterbote Hermes, Ikarus-Vater Dädalus, ihre Nichte Medea, deren obsessive Liebe zu Iason ein schreckliches Ende nimmt, und sogar die verehrt-gefürchtete Göttin Athene kommen auf ihre Insel – jedoch nicht immer mit guten Absichten.

Eines Tages wird Circe ihre Gastfreundschaft zum Verhängnis. Als sie – wie des Öfteren – gestrandeten Seemännern ein Obdach und Beköstigung bietet, wird sie Opfer einer Vergewaltigung. Fortan konzentriert sich ihr ganzer Hass auf alle Seeleute, die auf ihrer Insel Zuflucht suchen: Sie verwandelt sie in Schweine, also in die Tiere, die ihrem Charakter entsprechen, und überlässt sie ihrem Schicksal. Aber auch dies verschafft ihr nur kurzzeitig Genugtuung.

Die Geliebte

Als der sagenumwobene Odysseus auf ihrer Insel strandet, verliebt sich Circe gegen ihren Willen in den verwegenen Abenteurer und Geschichtenerzähler, obwohl er keinen Zweifel daran lässt, wie sehr er seine Frau Penelope verehrt. Die beiden werden ein Paar und genießen ihre gemeinsame Zeit, doch Circe weiß, dass ihr Glück nicht von großer Dauer ist. Odysseus zögert seine Rückkehr nach Ithaka, wo seine Familie schon so lange auf ihn wartet, zwar hinaus, aber beide wissen nur zur gut, dass die Zeit des Abschieds gekommen ist. Schweren Herzens lässt Circe ihn ziehen – das Kind, das sie unter dem Herzen trägt und das sie ihm verheimlicht, soll nur ihr allein gehören.

Die Mutter

Als ihr Sohn Telegonos auf die Welt kommt, ist Circe überglücklich, doch schnell überfordert sie die Mutterrolle, obwohl sie ihr Kind abgöttisch liebt. Sie behütet und beschützt ihn vor allen Gefahren, die auf der Insel lauern und versucht, jedes seiner Wehwehchen mit ihren pflanzlichen Mitteln zu lindern. Als er erwachsen ist, passiert das, wovor sich Circe immer gefürchtet hat: Telegonos will die Insel verlassen und die Welt erkunden. Und natürlich seinen Vater aufsuchen, den er unbedingt kennenlernen möchte. Circe weiß, dass sie ihn nicht aufhalten kann und gibt ihm zu seinem Schutz und zu seiner Verteidigung einen mit Gift getränkten Speer – nicht ahnend, dass sie damit eine Katastrophe heraufbeschwört…

Brillant erdachte Lebensgeschichte einer mythologischen Außenseiterin und beeindruckende Allegorie weiblicher Stärke

Mit Ich bin Circe ist Madeline Miller ein echtes literarisches Glanzstück gelungen. Sehr kenntnisreich und äußerst klug erzählt sie Circes Geschichte aus der weiblichen Perspektive – ohne Pathos und glorreichem Heldentum. Schon die Auswahl ihrer Protagonistin zeigt, dass die Autorin hier bewusst eine mythologische Nebenfigur in den Mittelpunkt gestellt hat, die nicht – wie in vielen antiken Sagen und Legenden üblich – durch Schönheit und Liebreiz verzaubert. Somit entspricht sie weder dem anmutigen Weibchen-Klischee noch dem glänzenden Göttinnen-Bild. Was sie jedoch auszeichnet, ist ihre Charakterstärke, ihre mentale Kraft und ihre weiblichen Urinstinkte, die sie zu einer Überlebenden machen. Sie beugt sich nicht und lässt sich nicht brechen – auch wenn so manches Mal Verzweiflung ihr einziger Begleiter ist. Ihre Macht, die Götter wie Sterbliche fürchten, liegt in ihrem selbst erworbenen Wissen um die heilenden und tödlichen Mittel, die die Natur hervorbringt – und deren Einsatz sie gezielt anwendet. Ihre Klugheit und ihr Listenreichtum werden somit zur größten Bedrohung der männerdominierten mythologischen Welt.

Doch Millers Geschichte geht weit über moderne Mythenerzählung hinaus. Sie ist auch eine eindrucksvolle Allegorie weiblicher Stärke, ein realistischer Lobgesang auf das, was Frauen leisten, wozu sie imstande sind, was sie antreibt und prosperieren lässt. Sie zeigt aber ebenso, was sie erniedrigt und sie zerstört. So zeichnet Miller Circe trotz ihres Göttinnen-Status in erster Linie als Frau, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt und die es dabei immer wieder zu den ihr so vertrauten Sterblichen zieht. Ihre Unsterblichkeit ist für sie eine Schreckensvision, die sie zu verhindern sucht. Denn so wie sie eins mit der Natur ist, soll auch ihr Leben irgendwann ein natürliches Ende haben. Circes letztliche Hinkehr zu den Menschen ist ihr ganz persönlicher Akt der Befreiung und Selbstbestimmung – eine Entscheidung, die keine Macht der (Götter-)Welt zu verhindern vermag.

Mein Fazit: Eine sehr große Lesempfehlung für diesen außergewöhnlichen Roman. Überaus lesenswert!

Madeline Miller: Bestseller-Autorin und Dozentin mit einem Faible für griechische Mythologie

Madeline Miller wurde in Boston geboren, wuchs aber in New York City und Philadelphia auf. Sie ist Absolventin der Brown University, wo sie ihren BA und MA im Studienfach Altphilologie absolvierte. Seit ca. 20 Jahren unterrichtet sie Latein, Griechisch und Shakespeare an einer High School.

Obwohl Lehrerin stets ihr Traumjob war, gewann ihr Wunsch, Schriftstellerin zu werden, schließlich die Oberhand. Der Erfolg gab ihr Recht: Bereits ihr erster Roman, Das Lied des Achill, der 2012 veröffentlicht wurde, schaffte auf Anhieb den Sprung auf die New York Times Bestsellerliste und wurde mit dem renommierten Orange Prize for Fiction ausgezeichnet.

Gleiches gelang ihr auch wieder mit ihrem zweiten Roman, dem hier vorgestellten Ich bin Circe, der sich sofort auf Platz 1 der New York Times Bestsellerliste katapultierte. Für ihr neues Werk erhielt sie bereits zahlreiche Preise wie den Indies Choice Best Adult Fiction of the Year Award, den Indies Choice Best Audiobook of the Year Award, The Red Tentacle Award, den American Library Association Alex Award und den Elle Big Book Award 2018. Darüber hinaus schaffte sie es mit ihrem neuen Roman auch auf die Shortlist für den Women’s Prize for Fiction.

Zudem schreibt Miller Essays, die u.a. in The Guardian, im Wall Street Journal, der Washington Post und im Telegraph veröffentlicht werden.

Wie die Autorin in einem Interview mit The Booktopian verriet, zählen die Klassiker von Vergil, Homer und Shakespeare zu ihren literarischen Favoriten. Ihre Lieblingsautoren der Gegenwart sind u.a. Isabel Allende, Gabriel García Márquez, Jeanette Winterson, David Mitchell und John Updike, dessen Roman Gertrude und Claudius sie für eines der besten Bücher aller Zeiten hält.

Darüber hinaus hat sie ein Faible für griechische Mythologie, wie man an den Themen ihrer beiden Romane unschwer erkennt. Die überlieferten Geschichten zu studieren und zu analysieren, ist ihr Steckenpferd.

Die Autorin lebt und arbeitet in einem Vorort von Philadelphia.


Originalausgabe: Miller, Madeline. Circe. London: Bloomsbury Publishing Plc., 2018
Deutsche Ausgabe: Miller, Madeline. Ich bin Circe. Aus dem amerikanischen Englisch von Frauke Brodd. Berlin: Eisele Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH, 2019.

Buchcover: © Eisele Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat) – erstellt mit PhotoLab

Mein herzlicher Dank gilt dem Eisele Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH. der mir den Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Die surrealistische Göttin



Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Sie war seine nie versiegende Inspiration, seine zweite Seelenhälfte und seine abgöttische große Liebe: Gala, die Frau und Muse des Surrealisten-Genies Salvador Dalí, die ihren eigenen Mythos schuf und sich mit großer Öffentlichkeitswirksamkeit selbst inszenierte. Dalí ließ sie in all ihrem Glanz scheinen, verewigte sie in seiner Kunst und räumte ihr einen ebenbürtigen Platz an seiner Seite ein. Damit stand er im krassen Gegensatz zu Künstlergrößen wie Pablo Picasso, der niemand anderen neben sich duldete und dessen ebenso talentierte Frauen – wenn überhaupt – nur schmückendes Beiwerk waren. 

In ihrem neuen Roman Am Horizont der Meere: Gala Dalí lässt Unda Hörner, die ihre Leserschaft schon mit Kafka und Felice begeisterte, das bewegte Leben dieser einzigartigen Frau Revue passieren, die gleichermaßen faszinierte wie polarisierte. Hörner geht zurück zu Galas Anfängen, als die gebürtige Russin noch Helena Diakonova hieß, und rekonstruiert in dieser detailliert recherchierten und exzellent geschriebenen Geschichte ihren Weg von der fragilen, tuberkulosekranken jungen Frau bis hin zur strahlenden, künstlerischen Ideengeberin, cleveren Managerin und zum favorisierten Modell ihres exzentrischen Maler-Gatten Dalí, an dessen Seite sie endlich als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen wurde. 

Junge Liebe

Als die 18-jährige Helena, die sich Gala nennt, 1912 bei einem Sanatoriumsaufenthalt in Davos den jungen Paul Éluard kennenlernt, ist sie fasziniert. Paul ist der Sohn eines erfolgreichen Pariser Immobilienmaklers, doch er hat wenig Lust, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Er träumt davon, ein großer Dichter zu werden und besitzt auch ein außergewöhnliches Gespür für Sprachschönheit, was er beim Rezitieren seiner Lieblingsverse zum Besten gibt. Gala fühlt sich sofort zu ihm hingezogen, lässt sich mitreißen von seinem künstlerischen Genie und verfasst mit ihm gemeinsam avantgardistische Gedichte. Heimlich verloben sich die beiden Liebenden, obwohl ihre Familien wenig begeistert von ihrer Wahl sind.

Bourgeoise Langeweile

Auch der beginnende Krieg 1914 kann dem Paar und ihrer Liebe auf Distanz nichts anhaben. Schließlich ladet Pauls Familie Gala nach Paris ein, und sie spürt zum ersten Mal einen Hauch von großer Welt. Doch schnell langweilt sie sich in ihrer neuen bourgeoisen Umgebung. Gala ist schon früh klar, dass sie entgegen der damaligen Rollenverteilung keine geborene Hausfrau ist und auch niemals werden will: Sie hasst die häuslichen Pflichten und kann mit den Ratschlägen ihrer zukünftigen Schwiegermutter nicht viel anfangen.

Als Paul und Gala schließlich inmitten der Kriegswirren heiraten, erhofft sie sich Unabhängigkeit. Doch ihre Schwangerschaft macht zunächst all ihre Pläne zunichte. Als Töchterchen Cécile geboren wird, stellen sich bei Gala keinerlei Muttergefühle ein. Sie will ihr Leben genießen, sich weiterbilden und schließt sich lieber Paul und seinen neuen Freunden der Dadaismus-Bewegung um den charismatischen André Breton an. Die jungen Männer sprühen vor Kreativität und innovativen Gedanken, doch auch hier fühlt sich Gala nicht wirklich zugehörig, denn als Frau bleibt sie „unsichtbar“.

Desillusionierende Ménage à trois

Gala beginnt – nach Aufforderung von Paul – eine Affäre mit dem deutschen Maler Max Ernst, Mitbegründer der Kölner Dada-Gruppe. Da Pauls Auslegung des avantgardistischen Dada-Lebenskonzeptes auch die freie Liebe beinhaltet, ist er fasziniert von dieser Ménage à trois: Er bewundert Max Ernst sehr und fühlt sich durch dessen Interesse an seiner Frau geschmeichelt. Dies gilt jedoch nicht für Ernsts Frau, Lou, die Gala für eine eitle und selbstgefällige Egomanin hält, die ständig im Mittelpunkt stehen will und der die Gefühle anderer völlig egal sind. Aber auch Gala kann diesem neuen Arrangement nicht wirklich etwas abgewinnen und fühlt sich gegen ihren Willen „herumgereicht“, obwohl sie Max als Mann faszinierend findet – nicht zuletzt, weil er sie des Öfteren zum Bestandteil seiner Kunst macht.

Der Reiz der für die Öffentlichkeit skandalösen Dreiecksbeziehung ist schnell verflogen. Gala erkennt die Verlogenheit des als modernistisch angepriesenen Lebensmodells, das in ihren Augen lediglich als Deckmantel zum Ausleben männlicher Fantasien dient. Und so hängt auch ihre Ehe mit Paul nur noch an einem seidenen Faden. Beide flüchten sich in Affären, beschließen aber nach einer Aussprache, es nochmals miteinander zu versuchen.

Schicksalhafte Begegnung in Cadaqués

Ihr Weg führt sie ins spanische Cadaqués, wo sie einen jungen, äußerst talentierten Maler treffen, dessen Exzentrik selbst für Gala gewöhnungsbedüftig ist: Salvador Dalí, charismatisch und scheinbar ziemlich verrückt, provoziert mit seinen Bildern, die jedes Tabu brechen. Er ist Surrealist im wahrsten Sinne des Wortes und beeindruckt die zehn Jahre ältere Gala mit seiner Authentizität und seinem wahnwitzigen Charme. Was als Affäre beginnt, wird zur großen Liebe, gegen die selbst Paul nichts ausrichten kann. Dalí macht Gala zu seiner Göttin, sie macht ihn zu einem der reichsten – und, wie man sagt, glücklichsten – Maler seiner Ära. Und schließlich wird sie durch seine maßlose Liebe und madonnenähnliche Verehrung das, was sie sich stets gewünscht hat: Sie wird als eigenständiges kreatives Individuum an seiner Seite sichtbar.

Brillante Hommage an eine singuläre Frau und starke Persönlichkeit

Unda Hörners Roman ist eine sehr gelungene Hommage an Gala Dalí, eine singuläre, beeindruckende Frau, die entgegen dem damaligen weiblichen Rollenverständnis unbeirrt ihren eigenen Weg ging, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, und die es wagte, aus dem Schatten ihres berühmten Ehemanns zu treten und sich selbst als starke Persönlichkeit mit einem untrüglichen Kunst- und Geschäftssinn zu behaupten. Nicht zuletzt Galas Talent, sich immer wieder neu zu erfinden, machte dabei ihren ganz besonderen Reiz aus und verstärkte noch ihre Ausstrahlung, die – gepaart mit ihrem Eigensinn – eine aparte Mischung ergab.

Doch die Autorin zeigt auch Galas Negativseite – ihren Wunsch, immer und überall im Fokus zu stehen, sich selbst und ihre Bedürfnisse an die erste Stelle zu setzen, ohne dabei an ihre Familie – und hier vor allem an ihre Tochter – zu denken. Eine äußerst ungewöhnliche, beinahe maskuline Einstellung für die damalige Zeit, die man einer Frau zum Vorwurf machte, während sie bei einem Mann kritiklos akzeptiert wurde.

Darüber hinaus spiegelt die Autorin sehr gekonnt die inspirierende Aufbruchstimmung um die charismatischen Hauptakteure der revolutionären Kunstströmungen des Dadaismus und Surrealismus wider und lässt viele interessante diesbezügliche Informationen in ihre Geschichte mit einfließen.

Alles in allem ist Hörners einzigartiges Porträt von Gala Dalí für mich eines der Highlights dieses Jahres. Der Roman ist derart brillant geschrieben, dass man fast vergisst, dass es sich hierbei um – glänzend recherchierte – Fiktion handelt. Daher mein Fazit: Dieses Buch muss man einfach gelesen haben. Sehr empfehlenswert!

Unda Hörner: Renommierte Schriftstellerin, Journalistin und Übersetzerin

Unda Hörner wurde 1961 in Kaiserslautern geboren. Sie studierte Germanistik und Romanistik an der Freien Universität Berlin und promovierte über Elsa Triolet, eine russisch-französische Schriftstellerin und Frau des Dichters, Autors und Surrealisten Louis Aragon. Über die Liebesgeschichte des ungewöhnlichen Paares schrieb Hörner auch ihr erstes Werk: Elsa Triolet und Louis Aragon. Die Liebenden des Jahrhunderts. In ihrer darauffolgenden Publikation Die realen Frauen der Surrealisten beleuchtet die Autorin das bewegende Leben von Simone Breton, Elsa Triolet und Gala Éluard an der Seite ihrer berühmten Männer.

Hörners erster Roman Unter Nachbarn wurde 2000 veröffentlicht. Es folgten u.a. Madame Man Ray – Fotografinnen der Avantgarde in Paris, Nancy Cunard. Enfant Terrible der Pariser Bohème, Die Architekten Bruno und Max Taut. Zwei Brüder – zwei Lebenswege, Ohne Frauen geht es nicht. Kurt Tucholsky und die Liebe, 1919 – Das Jahr der Frauen und ihr zweiter Roman, Kafka und Felice, der ein großer Erfolg wurde.

2001 wurde Unda Hörner für ihre Kurzgeschichte Hangar für Hellermann mit dem renommierten Bettina-von-Arnim-Preis ausgezeichnet.

Die Autorin lebt und arbeitet in Berlin.


Originalausgabe: Hörner, Unda. Am Horizont der Meere: Gala Dalí. Berlin: ebersbach & simon, 2019.

Buchcover: © ebersbach & simon
Grafik rechts: © A Million Pages
Bildnachweis: © falco, Pixabay: Dalí-Museum in Figueres

Mein herzlicher Dank gilt ebersbach & simon, die mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

Ausweglos

Antonella Lattanzi: Noch war es Nacht

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Wenn aus Liebe Hass wird. Wie oft ist diese fast schon klischeehafte Wandlung Dreh- und Angelpunkt eines Beziehungsdramas. Und doch sind wir stets aufs Neue darüber schockiert, was Menschen einander antun können. Wozu sie fähig sind, wenn verletzte Eitelkeiten und lange unter der Oberfläche brodelnde Gefühle aufbrechen und tiefe Verletzlichkeit oder geschickt verborgenen Narzissmus offenbaren. Kommen dann noch nicht enden wollende Demütigungen und körperliche Gewalt ins Spiel, ist eine Tragödie unweigerlich vorprogrammiert. Eine Spirale aus Angst und erzwungener Unterordnung verzögert zwar die nahende Katastrophe, kann sie jedoch nicht aufhalten. Gewinner gibt es nach einem solchen (Ehe)-Martyrium nicht, nur Überlebende.

Flucht aus der Ehehölle

Eine solche Überlebende ist auch Carla Romano, die Protagonistin von Antonella Lattanzis neuestem Roman, Noch war es Nacht. Nach einer leidenschaftlichen, obsessiven Ehe mit dem gewalttätigen und krankhaft eifersüchtigen Vito trennt sie sich in einer Nacht- und Nebelaktion von ihm und reicht die Scheidung ein – zur großen Erleichterung ihrer bereits erwachsenen Kinder, Tochter Rosa (19) und Sohn Nicola (21). Mit ihrem Nachkömmling, der kleinen Maja (3), zieht sie in eine moderate Zweizimmerwohnung und knüpft sogar wieder zarte Liebesbande mit dem verständnisvollen Manuel, der ihr Halt gibt. Diese moralische Unterstützung hat sie auch bitter nötig, denn Vito kann sich mit Carlas Trennung in keiner Weise abfinden. In seiner kleingeistigen Welt, in der sich alles um ihn als Nonplusultra dreht und in der er das Sagen hat, kann es nicht sein, dass eine Frau ihren Mann verlässt. Er beschimpft, verfolgt und bedroht sie und macht ganz unmissverständlich klar, dass er sie niemals in Ruhe lassen wird.

Tyrannenmord

Als die Wogen sich ein wenig zu glätten scheinen und Majas dritter Geburtstag bevorsteht, lädt Carla Vito auf Wunsch ihrer kleinen Tochter zu ihrer Feier ein, auch wenn sie dabei ein ungutes Gefühl hat. Ihre Kinder Rosa und Nicola reagieren mit völligem Unverständnis, kommen aber trotzdem zu Majas Geburtstagsparty, obwohl sie für ihren Vater nichts als Verachtung empfinden. Zur Überraschung aller verläuft der Abend friedlich und ohne besondere Vorkommnisse. Doch am nächsten Tag ist Vito spurlos verschwunden. Seine Schwester, mit der Carla seit der Scheidung auf Kriegsfuß steht, gibt sogleich eine Vermisstenanzeige auf. Sie ist fest davon überzeugt, dass etwas Schreckliches geschehen sein muss. Und sie soll Recht behalten: Man findet Vitos Leiche auf einer Müllhalde.

Im Visier der Ermittler

Nach kurzer Zeit gerät Carla ins Visier der Ermittler. Es ist kein Geheimnis, dass Vito seine Frau tyrannisierte und sie regelmäßig grün und blau schlug, doch nach seiner Ermordung mutiert er bei Familie und Freunden plötzlich zu einem Heiligen. Natürlich war er ein bisschen grob, aber er war eben ein Mordskerl, ein ganzer Mann, den man einfach nur zu nehmen verstehen musste. Carla wird zur Hauptverdächtigen, zur rachsüchtigen Ex-Frau, die ihren unbequemen Mann gemeinsam mit ihrem Liebhaber loswerden wollte. Es beginnt eine beispiellose Hexenjagd, obwohl nicht der kleinste Beweis gegen Carla vorliegt. Aber dann bekommt die Geschichte plötzlich eine ungeahnte Wendung, die ein völlig anderes Licht auf die Vorkommnisse – und auf Carla – wirft. Kann sie – die Überlebende – sich noch einmal retten?

Düsteres Beziehungsdrama par excellence

Mit Noch war es Nacht ist Antonella Lattanzi ein düsteres Beziehungsdrama par excellence gelungen, das seinesgleichen sucht. Vor der Kulisse Roms entspinnt die Autorin ein zwischenmenschliches Inferno mit einer emotionalen Wucht, die ins Mark trifft. Ihre Charaktere, speziell Carla und Vito, sind realistisch, vielschichtig und fernab jeglicher Klischees. Ihre Liebes- und Leidensgeschichte ist verstörend und geht bis an die Grenzen des Erträglichen. Auch ihr soziales Umfeld bleibt nicht unangetastet: Schonungslos entlarvt Lattanzi familiäre Heuchelei, falsche Freunde, Bigotterie und perfide Intrigen, die ein Leben zerstören können.

Darüber hinaus kritisiert die Autorin das antiquierte Frauenbild, das auch in der heutigen Zeit noch Gültigkeit hat: Die devote Gefährtin, die ihrem Mann jeden Wunsch von den Augen abliest. Fügt sie sich nicht oder lässt sie sich gar scheiden, ist sie die Schuldige, die nichts taugt und der ohne Mann jegliche Daseinsberechtigung abgesprochen wird. Aber Protagonistin Carla kann und will dieser Rollenidiotie nicht entsprechen. Sie bricht aus und riskiert einen Neustart, auch wenn Angst ihr ständiger Wegbegleiter ist. Dieses Wagnis hat seinen Preis. Doch Carla ist bereit, ihn zu zahlen. Ausweglos war gestern!

Mein Fazit: Ein Must Read – sehr empfehlenswert!

Antonella Lattanzi: Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Dozentin

Antonella Lattanzi wurde 1979 in Bari geboren. Nachdem sie ein Literaturstudium in Rom absolvierte, gab sie 2004 ihr literarisches Debüt mit den Kurzgeschichten Col culo scomomodo (Mit unbequemem Arsch) und verfasste danach einen ungewöhnlichen Reiseführer mit den Legenden, Kuriositäten und populären Geschichten ihrer Heimat Apulien.

Ihren ersten Roman Devozione (Hingabe) veröffentlichte sie im Jahre 2010, gefolgt von ihrem zweiten Werk Prima che tu tradisca (Bevor du mich betrügst), mit der ihr 2013 der Sprung auf die Finalistenliste des renommierten Premio Stresa gelang. Mit Una storia nera, dem hier vorgestellten Noch war es Nacht, gewann sie 2017 den Premio Cortina d’Ampezzo. Die Filmrechte an diesem Roman erwarb die Produktionsfirma Lucky Red, die eine TV-Serie aus dieser dramatischen Story machen möchte. Lattanzi selbst wird das Drehbuch hierzu schreiben. In diesem Bereich verfügt sie bereits über professionelle Erfahrung, denn sie schrieb die entsprechenden Drehbücher für den Film Fiore von Claudio Giovannesi in 2013 und 2night von Ivan Silvestrini in 2016.

Die Autorin lebt und arbeitet in Rom.


Originalausgabe: Lattanzi, Antonella. Una Storia Nera. Mondadori Libri S.p.A., 2017.
Deutsche Ausgabe: Lattanzi, Antonella. Noch war es Nacht. Aus dem Italienischen von Margit Knapp. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH, 2018.

Buchcover: © Rowohlt Verlag GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat)