Im Auge des Betrachters

Julian Barnes: Kunst sehen

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Über Kunst lässt sich bekanntlich streiten, denn sie und ihre Wirkung – ebenso wie die Schönheit – liegen im Auge des Betrachters. Doch wie betrachtet man ein Gemälde? Wie s i e h t man Kunst? Dieser und anderen Frage(n) widmet sich der englische Schriftsteller Julian Barnes in seiner inspirierenden Kurzgeschichten-Sammlung Kunst sehen. In seinen 17 erfrischenden Stories nimmt er uns mit auf einen spannenden und äußerst lehrreichen Streifzug durch Epochen und Stilrichtungen – von der Romantik über den Realismus, Impressionismus, Symbolismus bis hin zur Klassischen Moderne mit Schwerpunkt auf Surrealismus und Pop Art. Im Vordergrund stehen dabei nicht nur berühmte Gemälde, ihre Betrachtungsweise und Entschlüsselung, sondern auch und vor allem die jeweiligen genialen Künstlerpersönlichkeiten, ihre individuelle Lebensart, ihre oftmals wunderlichen Eigenarten und ebenso ihre Skandale, die sie durch ihre Kunst oder ihr Privatleben verursachten.

Barnes‘ umfassendes Expertenwissen, das er auf so kluge, charmante Weise und mit einem augenzwinkernden Humor übermittelt, ist eine Klasse für sich und macht diese Tour de l’Art zu einem ganz besonderen, sehr dynamischen Erlebnis. Ehe wir uns versehen, sind wir nicht nur mitten im künstlerischen Gestern,  in Gesellschaft der alten Meister, Möchte-gern Rebellen und Dandys, sondern auch im sich rasant verändernden Heute mit seinen radikalen kreativen Erneuerern, in deren Werken oftmals – wenn auch verzerrt – Spuren der Kunstkonzepte ihrer traditionellen Vorreiter zu finden sind. Barnes zeigt auf, wie Kunst sich im Laufe der Jahrhunderte verändert hat und in welcher jeweiligen Ausdrucksform sich dieser stetige Wandel niederschlägt. Das klingt recht theoretisch, aber der Autor weiß genau, wie er diese Informationen am besten übermittelt, um seine Leser zu fesseln: Mit Geschichten um Künstler und ihre Gemälde, die so außergewöhnlich sind, dass sie im Gedächtnis bleiben…

Kunst und Wahrheit

Kunst und Wahrheit sind der Themenschwerpunkt der ersten von drei Geschichten, die ich ausgewählt habe und kurz vorstellen möchte. Als Beispiel führt Barnes hier Théodore Gericault, einen der wichtigsten Vertreter der französischen Romantik, und sein wohl berühmtestes Werk, Das Floß der Medusa, an. Der tragische Schiffsbruch der Fregatte Medusa und der auf einem Floß verzweifelt um ihr Leben kämpfenden Passagiere ist die menschliche Tragödie, die er nach eingehenden Recherchen und nach Lektüre des Berichtes des überlebenden Arztes Henri Savigny auf die Leinwand bringt. Er schert sich den Kopf kahl, um seine Konzentration zu forcieren und macht sich mit maßloser Akribie an die Arbeit. Das Bild, das er 1819 fertigstellt, wird der größte Erfolg seines Lebens – und sein größter Fluch, denn es findet zu seinen Lebzeiten nicht die Anerkennung, die es verdient. Dies hat nicht nur politische Gründe, sondern beruht auch auf der Tatsache, dass der Horror der Katastrophe, den er so lebensecht zum Ausdruck gebracht hat, seine Zeitgenossen abstößt.

Doch wie steht es um die Wahrheit? Wie hat Gericault diese Katastrophe in seiner Kunst verarbeitet? Realitätsgetreu? Sicher nicht, so Barnes, denn Gericaults Darstellung der Passagiere beispielsweise, die allesamt muskulös und gut genährt sind, hat nichts mit den ausgemergelten und halbtoten Menschen zu tun, die sich auf dem Floß befanden und nach einem fürchterlichen Martyrium überlebten. Auch der Kanibalismus untereinander ist nur ganz vage sichtbar und zeigt nicht das wahre Ausmaß der Katastrophe, die Menschen zu Tieren machte. Aber all dies ist auch nicht notwendig, denn Gericaults Kunst besteht darin, dass er das Unglück auf eine andere Ebene transzendiert. Die Situation zwischen Hoffen und Aufgeben, als die Passagiere merken, dass die Rettung, die sich andeutet, nichts als ein Trugschluss ist, spiegelt Gericault als Situation der Conditio Humana wider, der Schiffsbruch wird zu Höherem stilisiert. Und genau darin liegt das Großartige seines einzigartigen Werkes.

Künstler und Selbstinszenierung

Als Selbstinszenierer unter den Künstlern par excellence hat Barnes das Skandalon des Realismus, Gustave Courbet, in den Fokus gestellt, der vor allem aufgrund seines damals als anstößig geltenden Werks L’Origine du Monde (Der Ursprung der Welt) in Erinnerung bleibt. Der Maler, der sich als „stolzesten und arrogantesten Mann Frankreichs“1 bezeichnete, schien das Self-Marketing, so Barnes, erfunden zu haben. Er erschuf seinen eigenen Mythos als ungehobelter Revoluzzer, der nicht nur seine künstlerischen Erfolge, sondern auch seine angefachten Eklats monetär ausschlachtete. Und seine Rechnung ging auf: Verkauften sich seine Bilder zu immensen Preisen, ließ er es das ganze Land wissen, lief das Geschäft mit der Kunst nicht so gut, malte er ein Bild, von dem er wusste, dass man es ablehnen würde, nur damit er im Gespräch blieb und seine künstlerische Attraktivität stieg. Better bad publicity than no publicity – dieses Motto galt wohl auch schon für Courbet, der damit gut leben konnte. Nicht umsonst porträtierte er sich in seinem berühmten Werk L’Atelier du Peintre als gottähnlicher Kreator, der sich – natürlich mit einer schönen Frau im Arm – die Welt malt, wie sie ihm gefällt.

Das Ende des egomanischen Draufgängers war jedoch ganz und gar nicht rühmlich: Courbet verscherzte es sich mit den politischen Entscheidungsträgern seiner Zeit, so dass ihm nur das Schweizer Exil blieb. Und auch sein Leben im Übermaß forderte schließlich seinen Tribut: Er starb einen schrecklichen Tod an durch starken Alkoholismus verursachter Wassersucht. Posthum wurde ihm, dem großspurigen Teufelskerl, jedoch eine besondere Ehre zuteil: Sein o.g. Skandalbild hängt nun im renommierten Musée d’Orsay in Paris.

Pop Art oder „Kunst, die etwas anderes tut, als in einem Museum auf dem Arsch zu sitzen“

Eine leichte, nicht allzu ernste Form der Kunst ist Pop Art, die in den 50er Jahren in Großbritannien und in den USA als Reaktion auf den stetig steigenden Konsum und die Dominanz der Massenmedien entstand, und zu deren wichtigsten Vertretern Andy Warhol,  Roy Lichtenstein und Claes Oldenburg zählen. Letzterem widmet Barnes seine Kurzgeschichte Schöne weiche Witzigkeit – und witzig ist sie allemal. Oldenburg, der sich tongue-in-cheek als kreativer Rebell definiert und als Performance-Künstler startete, machte sich mit alltagsgebräuchlichen Objekten bzw. Skulpturen einen Namen, die aufgrund der Weichheit ihrer einfachen Materialien nach etwas völlig anderem aussahen, z.B. ein Münztelefon, das zu einer Golftasche mutiert2.

Oldenburgs Kunst sollte sich von den traditionellen Konzepten insofern unterscheiden, als dass sie anfassbar und lebendig ist und darüber hinaus auch noch Spaß macht, anstatt – wie er es ausdrückte – in einem Museum auf dem Arsch zu sitzen3. Großes Nachdenken ist hier nicht angesagt, weitreichende Interpretationen – ebenfalls Fehlanzeige. Anschauen, gut oder nicht gut finden und ein Lächeln zum Vorschein bringen, wenn es gefällt – das ist das simple Ziel dieser spielerischen künstlerischen Ausdrucksform, die in unserer schnelllebigen Zeit immer noch wahrgenommen wird, ob man sie nun mag oder nicht. Unabhängig von der allgemeinen Kunstbetrachtung oder der eigenen Präferenz, hat Pop Art Kunst ein – wenn auch skurriles – Spaßelement hinzugefügt, und dies ist ebenfalls eine wichtige Errungenschaft.

Erfrischender und äußerst lehrreicher Streifzug durch die Welt der Kunst

Julian Barnes‘ Kurzgeschichtensammlung Kunst sehen hat mich wirklich begeistert. Man muss kein Kunstexperte sein, um die Stories zu verstehen bzw. genießen zu können. Für Laien wie mich waren sie eine gelungene Einführung in die unterschiedlichen Kunstrichtungen und eine sehr interessante Annäherung an verschiedene Künstlerpersönlichkeiten und ihre wichtigsten Werke. Ich habe mir während der Lektüre immer das jeweilige Bild auf den Museumsseiten angeschaut, und die Betrachtung in Kombination mit den Geschichten war wirklich sehr spannend und aufschlussreich. Daher mein Fazit: Barnes ist ein grandioser Erzähler, der seinen Lesern Kunst auf sehr unterhaltsame Weise näherbringt. Kunst sehen ist eine echte literarische Bereicherung und äußerst lesenswert!

Julian Barnes: Preisgekrönter Schriftsteller und Übersetzer

Julian Barnes wurde 1946 in Leicester/England geboren. Nach einem mit Auszeichnung absolvierten Sprachenstudium in Oxford arbeitete er zunächst als Lexikograph für das Oxford English Dictionary Supplement. Danach war er als Rezensent, Literatur- und Fernsehkritiker für den New Statesman, den New Review und den Observer tätig.

In den 80er Jahren wandte er sich der Schriftstellerei zu und veröffentlichte zunächst Kriminalromane unter dem Pseudonym Dan Kavanagh. Der internationale Durchbruch gelang ihm schließlich mit seinem herausragenden postmodernen Werk Flauberts Papagei (1984). Es folgten weitere große literarische Romanerfolge wie Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln (1990) und Vom Ende einer Geschichte (2011), für den er mit dem renommierten Man Booker Prize ausgezeichnet und der zu den 100 bedeutendsten britischen Romanen gewählt wurde.

Barnes hat zahlreiche weitere Romane, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. Darüber hinaus ist er auch als Übersetzer tätig und übertrug u.a. Werke der französischen Schriftsteller Alphonse Daudet und Gustave Flaubert sowie eine Sammlung deutscher Cartoons von Volker Kriegel ins Englische.

Für sein literarisches Schaffen wurde Barnes 2004 mit dem berühmten französischen L’Ordre des Arts et des Lettres (Orden der Künste und der Literatur) ausgezeichnet. Darüber hinaus erhielt er den renommierten Somerset Maugham Award und den Geoffrey Faber Memorial Prize. In den USA wurde der Autor 2013 zum auswärtigen Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt, in Deutschland verlieh man ihm 2016 den Siegfried Lenz Preis


Originalausgabe: Barnes, Julian. Keeping an Eye Open: Essays on Art. London: Jonathan Cape, 2015.
Deutsche Ausgabe
: Barnes, Julian. Kunst sehen. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger und Thomas Bodmer. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, 2019.

1 Barnes, Julian. Kunst sehen. S. 79
2 Barnes, Julian. Kunst sehen. S. 285
3 Barnes, Julian. Kunst sehen. S. 278

Buchcover: © Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG
Bildnachweis: © Ana Thira (privat)

Eine Kindheit zwischen Extremen:
Leben mit einer singulären Mutter

Violaine Huisman: Die Entflohene

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Das autobiografische Romandebüt Die Entflohene von Violaine Huisman ist ein äußerst mutiges, verstörendes und warmherziges Werk, das mich sehr bewegt hat. Schonungslos und mit großer Offenheit erzählt die Autorin darin von ihrer zwischen Himmel und Hölle schwankenden Kindheit mit ihrer bildschönen, manisch-depressiven Mutter Catherine, deren tragische Lebensgeschichte sie in ihre Story eingewebt hat. Sie lässt dabei kein noch so schreckliches Detail aus – eine besondere Herausforderung für den Leser, denn manchmal ist das, was die Kinder an der Seite ihrer Mutter erleiden müssen, mehr als man ertragen kann. Und doch überrascht es, mit wie viel Liebe, Zärtlichkeit und großem Verständnis Huisman das Porträt ihrer unberechenbaren, labilen Mutter zeichnet, die sie und ihre ältere Schwester Elsa trotz allem vergötterten.

Doch wie wurde die freiheitsliebende, emanzipierte und freizügige Catherine, eine unzähmbare Naturgewalt, wie Huisman es ausdrückt, zu der Frau, deren extreme Stimmungsschwankungen, gefährliche Wutausbrüche und unerträgliche verbale und physische Grausamkeiten ihr eigenes Leben zu einem seelischen Gefängnis und das ihrer Familie zu einem Martyrium machten? Mit viel Einfühlungsvermögen, Sanftmut und Empathie sucht ihre Tochter Violaine einen Weg, um zu ihrer Mutter durchzudringen und erfährt schließlich immer mehr Bruchstücke aus Catherines Kindheit und Leben, das – einer griechischen Tragödie gleich – sie in diese Abwärtsspirale geraten ließ. Dies entschuldigt nichts, in keiner Weise, doch es lässt verstehen, wie sie zu der Person werden konnte, die sich selbst am meisten fremd war.

Maman und ihre Töchter

Schon im frühen Alter lernen Violaine und ihre Schwester Elsa, das ihre Maman nicht so ist wie andere Mütter. Normalität ist eine Seltenheit: Ihr Kinderleben ist entweder ein Paradies oder ein absoluter Alptraum, ein Dazwischen gibt es nicht. Zum einen überschüttet Catherine sie mit Liebe, liest ihnen vor und macht Späße, ein anderes Mal ohrfeigt sie sie, zieht sie mit den Haaren über den Boden und beschimpft sie als undankbare Gören, die nie vergessen sollten, das sie ihnen mal den Arsch abgewischt hat. Von ihrem Vater Antoine, der sie nach der Scheidung jeden Tag besucht, und ihrer Oma Jacqueline hören sie nur: Eure Mutter ist krank – manisch-depressiv – doch damit können Violaine und Elsa nichts anfangen. Als ihre Mutter in ihren schlimmen Phasen des Öfteren in die Psychiatrie eingewiesen wird, werden die kleinen Töchter herumgereicht: Sie wohnen abwechselnd bei ihren Schulfreunden, ihren Großeltern und ihrem Vater, der mit der Situation jedoch komplett überfordert ist.

Auf Zehenspitzen

Als Catherine von ihren Klinik-Aufenthalten zurückkehrt, gehen die Kleinen auf Zehenspitzen, um jegliche Eskalation zu vermeiden. Doch ihnen ist schnell klar, dass das nicht möglich ist. Sie lernen anhand der Mimik und Gestik ihrer Mutter ihre Tagesform und Konstitution zu deuten, um Schlimmeres zu verhindern, doch oftmals gelingt es nicht. An schlechten Tagen übernehmen sie die Mutterrolle und versuchen, ihre Mamam so gut es geht vor sich selbst zu schützen. Sie wissen genau, was zu tun ist, wenn sie aufgrund von zu viel Alkohol und Tabletten mal wieder ohnmächtig wird und wohin sie sich zu verkriechen haben, wenn sie ausflippt. Als Catherine durch ihre riskante Fahrweise einen schweren Unfall verursacht und sich und ihre Kinder dabei in große Gefahr bringt, lässt ihr Vater sie erneut einweisen, doch es gelingt den Ärzten nur, sie für eine kurze Zeit zu stabilisieren.

Auf Konfrontation

Als Violaine und Elsa heranwachsen, geht Elsa auf Konfrontation mit ihrer Mutter, denn sie hat genug. Sie streitet sich mit ihr bis aufs Blut, auch wenn sie dafür oft Prügel einstecken muss. Violaine ist nicht so mutig und bleibt stumm, obwohl sie ihr schlechtes Gewissen plagt, weil sie sich nicht traut, ihrer Schwester zu helfen. Währenddessen häufen sich die Zusammenbrüche ihrer Mutter. Verzweifelt versucht sie immer wieder, ihr Leben in den Griff zu bekommen, doch ihre Vergangenheit holt sie ein. Als ihre Töchter zwecks Ausbildung das Haus verlassen, bleibt sie allein zurück und hadert mit sich, ihrem Leben und mit der Frau, zu der sie geworden ist und nie werden wollte. Doch wer war sie?

Auf Selbstsuche

In stillen Momenten gibt Catherine ihrer Tochter Violaine Stück für Stück von sich preis, erzählt ihr von ihrem Leben, das von Anfang an unter keinem guten Stern stand: Von dem schüchternen und kränklichen Mädchen, das aus einer Vergewaltigung entstand und stets unter der eisigen Gefühlskälte ihrer Mutter litt, die sie selbst nach monatelangem Krankenhausaufenthalt nicht ein einziges Mal besuchte, und von ihrem Zuhälter-Vater, der in seinem krankhaften Begehren selbst vor seiner eigenen Tochter keinen Halt machte.

Aber Catherine sieht sich nicht nur als Opfer, sie erzählt auch von ihren eigenen Verfehlungen, die sie sich nicht verzeihen kann: Wie sie Paul, ihren ersten Mann und ihre große Liebe, für Antoine verließ, der ihr ein Leben im Luxus bieten konnte. Wie sie ihre beste Freundin Claude, mit der sie eine innige Liebe und jahrelange Beziehung verband, am Ende allein sterben ließ und wie sie in einem emotionalen Ausnahmezustand ihren Hund tötete. Catherines ständige Rückblicke auf ihr Leben tormentieren sie, und so ist eines Tages für sie, die so viel erleiden musste und selbst so viel Leid verursachte, die Grenze des Erträglichen erreicht. In ihrer Verzweiflung sieht sie schließlich nur einen Ausweg, den ihre Töchter zwar kommen sahen, der sie aber am Ende doch bis ins Mark erschüttert…

Sehr bewegendes,  liebevolles Porträt einer nicht alltäglichen Mutter

Mit Die Entflohene ist Violaine Huisman ein sehr berührendes Porträt und einfühlsames Psychogramm ihrer manisch-depressiven Mutter gelungen, das gleichermaßen schockiert und zu Herzen geht. Mit großer Sensibilität zeigt sie auf, wie in der Kindheit durchlebte seelische Grausamkeiten das Leben eines Menschen beeinflussen können – dies gilt sowohl für sie und ihre Schwester Elsa als auch für ihre Mutter Catherine, die als kleines Mädchen nie Liebe erfuhr und sich daher vornahm, später einmal eine bessere Mutter zu werden. Huisman schildert den permanenten verzweifelten Kampf ihrer Mutter, ihr mentales Gleichgewicht wieder zu finden und ihre Kinder nicht zu verlieren, mit einer emotionalen Wucht, die erschüttert. Die Autorin legt die innerliche Zerissenheit ihrer Mutter, die aufgrund ihrer Schönheit und Unkonventionalität von Männern und Frauen gleichermaßen verehrt wurde, offen und zeigt, welche zerbrechliche Seele sich dahinter verbarg, die nicht mehr heilen konnte.

Die außergewöhnliche Geschichte, die die Autorin mit ihrem einzigartigen Schreibstil und einer streckenweise sehr poetischen Sprache erzählt, ist auf hohem literarischen Niveau und ein großartiges Debüt, das seinesgleichen sucht. Daher mein Fazit: Eine sehr große Leseempfehlung für diesen äußerst eindrucksvollen Roman!

Violaine Huisman: Erfolgreiche Schriftstellerin, Lektorin und Übersetzerin

Über die Debütautorin Violaine Huisman gibt es – noch – nicht sehr viel zu berichten. Die 1979 in Paris geborene Französin lebt und arbeitet seit 20 Jahren in der Verlagsbranche in New York. Sie ist als Lektorin und Übersetzerin (u.a. David Grann und Ben Lerner) tätig und organisiert darüber hinaus Literaturfestivals und andere Eventformate.

Ihr autobiografisches Erstlingswerk «Fugitive parce que reine», das hier vorgestellte Die Entflohene, wurde von den Kritikern der renommiertesten französischen Zeitungen und Magazine wie Le Monde, Le Nouvel Observateur und Le Point mit Begeisterung aufgenommen und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter u.a. der Prix Littéraire de L’Ens Cachan (2019), der Prix Françoise-Sagan (2018) und Prix Marie Claire du Roman Féminin (2018).


Originalausgabe: Huisman, Violaine. Fugitive parce que reine. Paris: Éditions Gallimard, 2018.
Deutsche Ausgabe
: Huisman, Violaine. Die Entflohene. Aus dem Französischen von Eva Scharenberg. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag GmbH, 2019.
Buchcover: © S. Fischer Verlag GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat)
Quelle Biografie: Verlagsinformationen

Hemingway in der Serenissma: Auf der Suche nach Inspiration und Erneuerung

Hanns-Josef Ortheil: Der von den Löwen träumte

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Er war einer der bedeutendsten US-Schriftsteller aller Zeiten und zählt zu den wichtigsten Vertretern der amerikanischen Moderne: Ernest Hemingway, der seinen eigenen überlebensgroßen Mythos schuf und sich wie kein anderer als literarischer Revolutionär, unwiderstehlicher Frauenheld und verwegener Abenteurer mit einer Vorliebe für Stierkampf und Safaris selbst inszenierte. Mit traumwandlerischer Sicherheit bediente er sich dabei der Medien, die seinem Wunsch nur zu gerne entsprachen und ihn als Inkarnation des Männlichen, begehrenswerten Teufelskerl und innovativen Autorentypus porträtierten. Doch hinter dieser glorreichen Fassade verbarg sich – wenn man den unzähligen Biografien Glauben schenken darf – ein widersprüchlicher, zutiefst unsicherer und zerrissener Mensch, der von Ängsten und Depressionen gequält wurde, die er mit Alkohol zu bekämpfen versuchte.

Oftmals mündeten Hemingways persönliche Krisen, seine Panik vor dem Altern und vor körperlichem Verfall in lähmende Schreibblockaden, die ihn an seinen Fähigkeiten als Schriftsteller zweifeln ließen. In einer solch lethargischen Lebensphase des Autors setzt Hanns-Josef Ortheils brillanter neuer Roman Der von den Löwen träumte an und erzählt die außergewöhnliche, exzellent konzipierte Geschichte von Hemingways Venedig-Aufenthalt im Jahre 1948, als er dort nach Inspiration und Erneuerung suchte. Und dies obwohl La Serenissima so gar nicht in sein Location-Beuteschema passte, denn Venedig, die einzigartige Lagunenstadt mit ihrem besagten Zauber, war nicht gerade ein Abenteuerschauplatz, der dem alternden Literaten vorschwebte – zumal er mit der Region auch traumatische Kriegserinnerungen verband. Und doch entstanden dort die Ideen für sein Buch Über den Fluss und in die Wälder und für einen Kurzroman, der für alle Zeiten Kultstatus innehaben und als sein Meisterwerk in die Literaturgeschichte eingehen sollte: Der alte Mann und das Meer.

Zu neuen Ufern

Als Hemingway 1948 in Venedig mit seiner vierten Frau Mary und Übersetzerin Fernanda eintrifft, möchte er nur eines: Ruhe und einen ungestörten Platz zum Schreiben, denn seit geraumer Zeit hat er keinen Roman mehr veröffentlicht. Der Druck auf ihn wächst, und er hofft, in Venedig Inspiration und Ideen für eine neue Geschichte zu finden. Doch sein hoher Bekanntheitsgrad macht ihm zunächst einen Strich durch die Rechnung: Die italienische Presse hat bereits mitbekommen, dass er im Lande ist und im mondänen Hotel Gritti wohnt. Erster Mann vor Ort ist Sergio Carini, Journalist der Tageszeitung Il Gazzettino, der ein großer Bewunderer des Autors ist. Er und Hemingway sind sich auf Anhieb sympathisch, denn Carini respektiert dessen Wunsch nach Anonymität. 

Eine bereichernde Begegnung

Hemingway erkundet Venedig allein und jenseits der Touristen-Attraktionen, während Carini ihn in die angesagten Treffpunkte der Stadt, u.a. Harry’s Bar, führt. Doch es ist sein 16-jähriger Sohn Paolo, der dem Schriftsteller das andere Venedig, die Stadt fernab des Trubels, näherbringt. Gemeinsam schippern sie durch die Lagunenlandschaft – schweigend oder im Gespräch vertieft. Hemingway ist begeistert von Paolos Authentizität, von seinem unbeirrbaren Wunsch, niemals etwas anderes als ein einfacher Fischer sein zu wollen. Und schließlich entdeckt Hemingway durch ihn sogar den idealen Platz zum Schreiben: Die Locanda Cipriani auf der winzigen menschenleeren Insel Torcello. Einen Protagonisten für seine neue Romanidee hat er ebenfalls gefunden: Weltkriegsveteran Richard Cantwell, der dem Autor – wen wundert’s – sehr ähnlich ist.

Eine skandalöse Liebe

Doch es geht nicht voran, denn Hemingway bleibt rastlos: Er sucht nach etwas, das ihn wieder lebendig werden lässt, das ihn beflügelt und seinem Leben einen neuen Sinn gibt. Als er die schöne 18-jährige Venezianerin Adriana kennenlernt, ist es um ihn geschehen. Er macht sie zur weiblichen Hauptfigur Renata seines neuen Romans, dessen Titel er bereits im Kopf hat: Über den Fluss und in die Wälder. Adriana wird zu seiner ständigen Begleiterin – sehr zum Missfallen seiner Frau Mary, die von seinen Kapriolen und ständigen Alkoholeskapaden schlichtweg genug hat. Und auch Paolo ist entsetzt, denn er hält gar nichts von Hemingways junger neuer Inspiration und noch weniger von seiner Geschichte, die er, wie er dem Autor ganz unverblümt mitteilt, für nicht echt, sondern für viel zu künstlich hält.

Die Geschichte seines Lebens: Der alte Mann und das Meer

Vielmehr sieht Paolo in Hemingways passionierter Verbundenheit mit dem Meer und seiner profunden Kenntnis über die Fischerei den Stoff, aus dem sein neuer Roman sein sollte. Und es geschieht das, womit der junge Fischer am wenigsten rechnet: Hemingway besinnt sich und schreibt die Erzählung, für die er 1953 den renommierten Pulitzerpreis und ein Jahr später den Literaturnobelpreis erhalten wird. Als Paolo das ihm von seinem liebgewonnenen Schriftsteller gewidmete Exemplar zu Ende gelesen hat, ist er zu Tränen gerührt – nicht nur, weil Manolin, der junge Freund des alten Fischers Santiago, seine Züge trägt, sondern weil er weiß, dass Hemingway mit Der alte Mann und das Meer die Geschichte seines Lebens geschrieben hat: Authentisch und wahrhaftig – eine Hymne auf das Leben,  die Hoffnung und die Erinnerung, auf das Sich-nicht-Aufgeben und die menschliche Würde im Angesicht des Scheiterns.

Brillanter Roman über die Ideen- und Selbstsuche eines Ausnahmeschriftstellers

Mit Der von den Löwen träumte ist Hanns-Josef Ortheil nicht nur eine ganz wunderbare Geschichte, sondern auch eine einzigartige Annäherung an die Schriftsteller-Legende Ernest Hemingway gelungen. Mit seinem singulären Schreibstil versetzt er uns zurück in das Venedig der 50er Jahre und führt uns an all die Orte, die Hemingway während seines dortigen Aufenthaltes aufsuchte: Wo er schrieb, wo er trank und wohin er sich zurückzog, wenn alles zuviel wurde. Und dies so lebensecht und historisch detailgetreu, dass man als Leser nicht nur das Gefühl hat, mitten im Geschehen zu sein, sondern auch in die Gedankenwelt des tormentierten Literaten einzutauchen. Ortheil macht Hemingways Widersprüchlichkeit, seine Rastlosigkeit und seine existentiellen Ängste spürbar und gewährt so einen einfühlsamen Einblick in das Seelenleben eines Mannes, der dem von ihm geschaffenen Mythos von Macho- und Heldentum nie gerecht werden konnte und daran schließlich scheiterte.

Am Ende des Romans – nachdem wir Hemingway dank Ortheils exzeptioneller Erzählkunst ein kurzes Stück des Weges begleiten und kennenlernen durften – können wir erahnen, warum keine Auszeichnung der Welt ihm seine Selbstzweifel und seine Angst vor der kreativen Leere nehmen konnte. Mit zunehmendem Alter zerrann sein so sorgsam inszeniertes Selbstbild, mit beginnender Demenz verlor er die Fähigkeit zu schreiben, so dass ihm am Ende nichts geblieben ist. Uns Lesern aber bleibt sein bedeutendes literarisches Vermächtnis, das seine schriftstellerische Brillanz auf beeindruckende Weise manifestiert.

Mein Fazit: Eine ganz große Leseempfehlung für diesen herausragenden Künstlerroman!

Multitalent Hanns-Josef Ortheil: Schriftsteller, Pianist und Professor

Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Musik war von Kind an seine Passion, so dass er aufgrund seines augenscheinlichen Talents zunächst Pianist werden wollte. Doch während seines Studiums am römischen Konservatorium setzten permanente Sehnenscheidenentzündungen seinem Berufswunsch ein Ende. Ortheil studierte danach Kunstgeschichte in Rom und später Philosophie, Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an unterschiedlichen Universitäten. An der Universität Mainz promovierte er über das Thema Der poetische Widerstand im Roman. Geschichte und Auslegung des Romans im 17. und 18. Jahrhundert.

Ortheil arbeitete u.a. als Film- und Musikjournalist, Feuilletonist und Literaturkritiker für renommierte Magazine und Zeitungen wie z.B. die FAZ, die ZEIT und den Spiegel. 1979 erschien sein Romandebüt Fermer, für das er mit dem Aspekte Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Seine schriftstellerische Karriere entwickelte sich in rasantem Tempo: Er schrieb nicht nur zeitgenössische und autobiografische Romane (z. B. Das Kind, das nicht fragte, Der Stift und das Papier), sondern auch Sachliteratur (z. B. Die Pariser Abende mit Roland Barthes) und Drehbücher (gemeinsam mit Christine Soetbeer: Ezra Pound – Ein amerikanischer Hochverräter) sowie historische Romane (Faustinas Küsse, Die Nacht des Don Juan und das hier vorgestellte Werk Der von den Löwen träumte).

Seit 2008 ist Ortheil Direktor des Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft an der Universität Hildesheim, die junge Autoren fördert. Darüber hinaus ist Ortheil Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München. Zudem ist er Honorarprofessor der Universität Heidelberg und Kurator des Gargonza Arts Awards.


Originalausgabe: Ortheil, Hanns-Josef. Der von den Löwen träumte. München: Luchterhand Literaturverlag/ Verlagsgruppe Random House GmbH, 2019.

Buchcover: © Luchterhand Literaturverlag/Verlagsgruppe Random House GmbH
Bildnachweis – Foto 1: © Antonio Salgueiro, Pixabay – Hemingway at Madame Tussaud’s
Bildnachweis – Foto 2: © Dimitris Vetsikas, Pixabay
Quellen Biografie: Verlagsinformationen + Wikipedia