Zeit für Poesie

Wunderweiße Nächte

Es gibt so wunderweiße Nächte,
Drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
Als ob er fromme Hirten brächte
Zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Diamantenstaube
Bestreut, erscheinen Flur und Flut,
Und in die Herzen, traumgemut,
Steigt ein kapellenloser Glaube,
Der leise seine Wunder tut.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)


Quelle: www.rilke.de
Bildnachweis: © A Million Pages

Zeit für Poesie

Die Gedanken sind frei

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten.
Sie ziehen vorbei, wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger sie schießen.
Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei.

Ich denke, was ich will und was mich beglücket.
Doch alles in der Still‘, und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren kann niemand mir wehren.
Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei.

Und sperrt man mich ein in finsteren Kerker.
Das alles sind rein vergebliche Werke.
Denn meine Gedanken zerreißen die Schranken
Und Mauern entzwei: Die Gedanken sind frei.

Drum will ich auf immer den Sorgen entsagen
Und will mich auch nimmer mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen stets lachen und scherzen
Und denken dabei: Die Gedanken sind frei.

                                    ***

Text: volkstümlich


Dies ist mein Beitrag zur originellen Wolken-Blogparade, die die liebe Bee von my everydaylife initiiert hat. Allen Nicht-Fotografen hat Bee netterweise angeboten, das eingereichte Foto mit Lyrischem zu versehen. Dieses Angebot habe ich gerne angenommen. Und da meines Erachtens zu Wolken nichts besser passt als Verse über die Freiheit des Geistes und des Denkens, habe ich mein Lieblingsvolkslied Die Gedanken sind frei gewählt.

Das Foto ist an einem relaxten Urlaubs-Spätnachmittag am Strand von Büsum/Nordsee entstanden. Normalerweise käme es mir nie in den Sinn, Wolken zu fotografieren (das Meer schon eher), aber dieses Panorama musste ich einfach festhalten. Und es ist auch tatsächlich gelungen, was mich besonders freut, denn ich bin wirklich keine begnadete Fotografin. Das Foto habe ich im Übrigen mit meinem Samsung-Handy geschossen, mit dem ich am liebsten fotografiere. Ich habe zwar noch einen alten, recht guten Fotoapparat und eine kleine Digitalkamera zuhause, aber ich benutze sie gar nicht mehr, was eigentlich schade ist.

Alles in allem kann ich somit hier keine fototechnischen Einzelheiten beisteuern, ich hoffe aber dennoch, dass euch mein Foto und die volkstümlichen Verse gefallen.

Vielleicht habt ihr ja auch Lust, euer Foto bei Bees Wolken-Blogparade zu veröffentlichen und es mit einem Gedicht zu verschönern? Ich finde, es ist eine wirklich originelle Idee, die einfach zum Mitmachen animiert.


Bildnachweis: © A Million Pages

Zeit für Poesie

Herbstbild

Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum. 

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel (1813-1863)


Quelle: Projekt Gutenberg http://gutenberg.spiegel.de/buch/friedrich-hebbel-gedichte-2662/169

Bildnachweis: © Ana Thira (privat)