Die Rückkehr des Bösen

Gabriella Ullberg Westin: Der Schmetterling

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Eine weitere vielversprechende Neuentdeckung unter den hochwertigen skandinavischen Krimiautorinnen ist für mich die schwedische Schriftstellerin Gabriella Ullberg Westin. Band 1 ihrer Johan Rokka-Krimireihe, Der Schmetterling, hat mich durch ein ausgeklügeltes, äußerst spannendes Plot und exzellent gezeichnete Charaktere begeistert und macht alles in allem Lust auf mehr. Hinzu kommt der besondere Schreibstil der Literatin, der den Leser nicht nur medias in res in die Geschichte zieht, sondern durch eine klare, lebendige Sprache die schleichend ansteigende Spannung und die psychischen Dilemmata der Hauptfiguren fühlbar macht.

Ein grausamer Weihnachtsmord

Als Henna Pedersen, die Frau des schwedischen Fußballstars Måns Sandin, von einem als Weihnachtsmann verkleideten Killer vor den Augen ihrer Kinder am Heiligabend in ihrem Haus in Hudiksvall erschossen wird, ist ganz Schweden erschüttert. Kriminalinspektor Johan Rokka, der nach erfolgreicher Karriere gerade erst wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist, wird der Fall, der medial hohe Wellen schlägt, übertragen. Der grausame Mord trifft ihn persönlich, denn er und sein Freund Peter spielten mit Måns in ihrer Jugend in einer Fußballmannschaft.

Rokka hatte sich eigentlich zurückversetzen lassen, um das mysteriöse Verschwinden seiner Jugendliebe Fanny vor 20 Jahren endlich aufzuklären, doch seine privaten Dämonen müssen warten. Er und sein Team – Kriminaltechnikerin Janna sowie die Ermittler Maria und Pelle – beginnen unverzüglich mit ihren Nachforschungen, wobei Måns als Ehemann zunächst der Verdächtige Nr. 1 ist. Doch sein Alibi scheint sich zu bestätigen. Und so ermitteln Rokka und seine Kollegen weiter in alle Richtungen, aber kein Hinweis verdichtet sich. Zeitweise vermutet man sogar, dass Måns das eigentliche Ziel war, aber auch hierfür finden sich keinerlei Beweise.

Morgenröte

Als Rokka schließlich Hennas Vergangenheit beleuchtet, wird der Fall zunächst noch undurchsichtiger. Im Alter von sechs Jahren zog Henna mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder in die skandalumwitterte Kommune Morgenröte. Durch ein dort erlebtes schreckliches Trauma wurde sie von ihrer selbstfindungsbesessenen Mutter getrennt und wuchs bei ihrer Großmutter auf, die sie über alle Maßen liebte. Doch der seelische Bruch, den sie im frühen Alter erlitt, lässt sie bis zu ihrem gewaltsamen Tod nicht mehr los. Henna bleibt verschlossen und vertraut sich keinem Menschen an, auch nicht ihrem Ehemann, mit dem sie hofft, ihrer Vergangenheit zu entkommen. Doch das Böse kehrt in ihr Leben zurück.

Jagd auf ein Phantom

Rokka sieht schließlich nur einen Ausweg: Er muss nach Florenz fahren, wo Henna einst lebte und dort den Spuren ihrer Vergangenheit folgen. Nach längeren Recherchen stößt er auf den „Einsamen Schmetterling“, eine Person, die Henna vier Jahre lang einen gewissen Geldbetrag überwiesen hat. Allerdings gelingt es ihm nicht herauszufinden, wer hinter diesem Pseudonym steckt. Als ein weiterer Mord geschieht, gerät Rokka unter Zugzwang, doch er scheint einem Phantom nachzujagen. Nichts ist greifbar, niemand rückt ins direkte Visier der Ermittler. Als Rokka schließlich auf die Spur des Killers kommt, holt dieser zu einem gefährlichen Gegenschlag aus, um ihn in die Knie zu zwingen…

Vielschichtiger Thriller mit einem außergewöhnlichen Protagonisten

Der Schmetterling ist ein wirklich bemerkenswerter Roman, dessen Plot sich in zwei Erzählsträngen entfaltet. Während Erzählstrang 1 das aktuelle Geschehen wiedergibt, besteht Erzählstrang 2 aus Briefen, die das Opfer Henna an ihren Bruder schreibt und der ihre Lebenstragik offenbart. Zusammen ergibt diese Mischung aus Kriminal- und Briefroman ein komplexes Ganzes, das beeindruckend lebensecht geschrieben ist. Ullberg Westins Charaktere sind komplex und widersprüchlich, allen voran ihr außergewöhnlicher Protagonist, Johan Rokka, über dessen persönlichen Fall man unbedingt mehr erfahren möchte. Aber auch die beiden Frauenfiguren Henna und Janna gehen in die Tiefe und sind geheimnisbeladen. Alles in allem macht das Zusammenspiel der Protagonisten – neben der packenden Story – den ganz besonderen Reiz dieses Romans aus und verbindet die Mikrokosmen der unterschiedlichen Figuren auf sehr bewegende Weise miteinander. Daher mein Fazit: Ein vielversprechender Start einer spannenden Krimireihe mit exzellent skizzierten Charakteren – sehr lesenswert!

Gabriella Ullberg Westin: Von Modedesign/Kommunikation zur Schriftstellerei

Gabriella Ullberg Westin wurde im schwedischen Hudiksvall geboren, wo auch ihre Krimis spielen. Nach einem Modedesign- und Kommunikationsstudium arbeitete sie zunächst viele Jahre für eine große schwedische Telefongesellschaft. Dann entdeckte sie ihre Passion für die Schriftstellerei und schuf mit ihrer Johan-Rokka-Krimireihe ein sehr erfolgreiches Format. Nach Band 1 Der Schmetterling ist nun auch die zweite Folge Der Läufer in deutscher Sprache erschienen, den ich ebenfalls sehr empfehlen kann.

Darüber hinaus hat die Autorin bereits drei weitere Romane dieser Serie veröffentlicht – Der Fixer, Der Metzger und Der Verräter -, die aber noch nicht in deutscher Übersetzung verfügbar sind. Bleibt zu hoffen, dass die deutschen Leser bald auch in den Genuss der o.g. Romane kommen…


Original: Ullberg Westin, Gabriella. Ensamfjäril. HarperCollins, Nordic. 2015.
Deutsche Ausgabe: Ullberg Westin, Gabriella. Der Schmetterling. Aus dem Schwedischen von Stefanie Werner. München: HarperCollins Germany GmbH, 2018.

Buchcover: © HarperCollins Germany GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat) – erstellt mit PhotoLab

Befreiungsschlag

Camilla Läckberg: Golden Cage

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Auf Camilla Läckbergs neuestes Werk Golden Cage war ich ganz besonders gespannt, denn es ist der erste Roman, der nicht zu ihrer erfolgreichen Fjällbacka-Thrillerreihe zählt. Das Warten hat sich gelohnt, denn ihr Neuling ist eine Klasse für sich und übertrifft sogar an Spannung und Qualität noch meinen Allzeit-Favoriten der Autorin, Meerjungfrau, um Längen. Was also macht diese Geschichte so außergewöhnlich? Zum einen ist das hochkarätige Beziehungsdrama brillant konzipiert und äußerst fesselnd erzählt. Zum anderen ist es ein Buch, das die Stärke, die enorme Willenskraft und die Überlebensfähigkeit von Frauen in den Vordergrund stellt. Als Leser merkt man schnell, wie viel Herzblut der Autorin in dieser Erzählung steckt. Erst kürzlich verriet sie in einem Interview:

Ich bin mutiger und stärker geworden. Erst jetzt habe ich mich an diesen Stoff getraut. Und außerdem habe ich die Geduld verloren mit allen, die versuchen, Frauen zum Schweigen zu bringen.1

Diese Kraft und Unerschrockenheit hat Läckberg auf ihre Protagonistin übertragen, die sich weder in ein Schema pressen lässt noch in ein antiquiertes Frauenklischee passt. Obwohl sie zu Beginn der Geschichte untergeordnet und stets verständnisvoll erscheint, ist unterschwellig in jeder Zeile zu spüren, dass sie die Rolle des braven Frauchen nicht für immer ausfüllen wird, denn zu hoch ist ihr Selbstwertgefühl, zu stark ihr Wissen um ihre eigenen Fähigkeiten. Und so lässt sie sich auf einen riskanten Tanz mit dem Teufel ein, bei dem sie eigentlich nur verlieren kann. Eigentlich…

Das Ende eines Traumpaars

Oberflächlich betrachtet sind Faye und Jack das perfekte Paar der Haute Volée Schwedens. Mit seinem Investmentunternehmen Compare hat sich Jack als erfolgreicher Geschäftsmann etabliert. Faye führt ein Leben im Luxus und kümmert sich liebevoll um Töchterchen Julienne. Doch hinter verschlossenen Türen bröckelt die Heile-Welt-Fassade: Jack macht keinen Hehl daraus, wie sehr er seine Frau verachtet: Für ihn ist sie nicht mehr interessant, vor allem aber nicht mehr jung und dünn genug. Der Kick ist verflogen, und Jack lässt keine Gelegenheit aus, um sie das spüren zu lassen. So sehr sich Faye – mittels Diät, Sport etc. – auch bemüht, seinem Schönheitsideal wieder zu entsprechen, umso öfter demütigt er sie.

Schlussstrich

Zunächst versucht Faye noch, Jacks Verhalten zu entschuldigen und seine wechselnden, für sie unerträglichen Launen mit geschäftlichem Stress zu rechtfertigen. Selbst als er sie zu etwas zwingt, was sie moralisch verwerflich findet und vor sich selbst in keiner Weise verantworten kann, gehorcht sie und gibt seinem Willen nach. Als sie Jack jedoch in flagranti mit seiner jungen Assistentin Ylva erwischt, hat Faye endgültig genug. Sie will die Scheidung und ist sich sicher, von dem Geld, das sie von Jack im Trennungsfall erhalten wird, mit Julienne gut leben zu können.

Doch sie hat die Rechnung ohne Jack gemacht. Er ist nicht bereit, ihr auch nur einen Cent zu zahlen und schlägt ihr vor, sich doch eine Arbeit zu suchen. Faye schäumt, denn sie weiß, dass Jack ohne sie niemals an die Spitze gekommen wäre. Sie war es, die den Business Plan für sein kleines Start-up Unternehmen erstellte, und es waren ihre Ideen, die das Unternehmen so erfolgreich machten.

Ein grauenvoller Verdacht

Faye wird schmerzlich bewusst, dass sie für diesen unberechenbaren Narzissten ihre unternehmerische Karriere aufgegeben hat und dass sie mit ihrer kleinen Tochter nun vor dem Nichts steht. Nach dem ersten Schock und tiefen Selbstzweifeln fängt sich Faye wieder und kämpft sich mühsam ins Leben zurück. Sie setzt zum Befreiungsschlag an und ihr zunächst wenig erfolgversprechender Plan, für sich und ihre Tochter eine unabhängige Existenz aufzubauen, geht langsam aber sicher auf.

Doch dann verschwinden Jack und Julienne nach einem Bootsausflug spurlos. Faye ist außer sich vor Angst und rechnet mit dem Schlimmsten, denn sie weiß, dass Jack ihre Eigenständigkeit ein Dorn im Auge ist und er nach einem Weg sucht, um sie in die Knie zu zwingen. Doch wäre er wirklich imstande, ihrer Tochter etwas anzutun, um sie zu bestrafen?

Packender Psychothriller mit zwei vielschichtigen Protagonisten

Golden Cage ist meines Erachtens Camilla Läckbergs bester Roman. Die hochspannende Story lebt von der Intensität ihrer beiden vielschichtigen Hauptcharaktere Faye und Jack, die – so scheint es zunächst – einem VIP-Hochglanzmagazin entsprungen sein könnten. Doch der Schein trügt: Weder Faye noch Jack sind das, was sie vorgeben zu sein. Die Autorin nimmt die Rollen- bzw. Schwarz-Weiß-Klischees im Laufe ihrer packenden Story Stück für Stück auseinander und legt die Wahrheit hinter der Fassade offen. Dies gilt für Jack und Faye gleichermaßen, denn auch Faye ist keinesfalls nur das arme Opfer. Parallel zu den aktuellen Geschehnissen um das sich bekämpfende Paar und das Drama ihrer verschwundenen Tochter entspinnt Läckberg in separaten Kapiteln Fayes Vorgeschichte, die es ebenfalls in sich hat und den Leser zuweilen irritiert zurücklässt.

Schleichend entwickelt sich die eskalierende Beziehungstragödie mittels eines raffinierten Spannungsbogens zu einem nervenaufreibenden Psychothriller, dessen Ausgang mehr als überraschend ist. Nichts bleibt, wie es ist, Grenzen verschwimmen, und alles wird auf den Kopf gestellt, nur um sich am Ende zu einem perfekten Ganzen zusammenzufügen. Das ist die  außergewöhnliche literarische Kunst von Camilla Läckberg, die sich mit ihrem neuen Roman meines Erachtens selbst übertroffen hat.

Daher mein Fazit: Für mich bisher einer der besten Romane des Jahres. Unbedingt lesenswert!

Camilla Läckberg: Schwedens erfolgreichste Kriminalschriftstellerin ist ein Multitalent

Camilla Läckberg wurde 1974 in dem kleinen Küstenstädtchen Fjällbacka im Westen Schwedens geboren, wo sie aufwuchs und in dem auch ihre Romane spielen. Schon als kleines Mädchen schrieb sie sehr gerne Geschichten, die sie mit eigenen Illustrationen versah. Nach der Schule studierte sie zunächst Wirtschaftswissenschaften in Göteborg und arbeitete nach erfolgreichem Abschluss zunächst bei einem Energiekonzern in Stockholm.

Ein wegweisendes Weihnachtsgeschenk

Doch ihre Begeisterung für das Schreiben gewann schließlich die Oberhand. Hier schwebten ihr insbesondere Kriminalromane vor, für die sie schon immer ein Faible hatte. Als ihr ihre Familie zu Weihnachten ein Seminar für Krimiautoren schenkte, stand ihre Entscheidung, Schriftstellerin zu werden, endgültig fest. Noch in diesem Seminar verfasste sie eine Geschichte, die sie zu ihrem ersten Buch Die Eisprinzessin schläft weiterentwickeln sollte, das 2002 erschien und als erster Band der Falck-Hedström-Reihe ein großer Erfolg wurde. Schon bald folgten weitere Bestseller wie Der Prediger von Fjällbacka, Die Töchter der Kälte, Die Totgesagten, Schneesturm und Mandelduft, Engel aus Eis sowie mein absoluter Favorit, der Gänsehaut-Thriller Meerjungfrau. Läckbergs jüngste Veröffentlichungen sind Die Eishexe und ihr neuester Roman, der hier vorgestellte Golden Cage.

Camilla Läckberg ist Schwedens Queen of Crime und mit über 23 Millionen verkauften Büchern die erfolgreichste Kriminalautorin ihres Landes. 2006 wurde sie mit dem renommierten Folket-Literaturpreis ausgezeichnet.

Läckbergs Vielfalt: Thriller, Kinder-, Koch- und Drehbücher – und ein Unternehmen

Neben ihren weltweit publizierten Thrillern schreibt sie auch Kinderbücher (Super-Charlie) und hat außerdem in Kooperation mit Starkoch Christian Hellberg, den sie bereits seit ihrer Jugend kennt, zwei Kochbücher mit regionalen Gerichten herausgebracht. Sie schrieb ebenso die Drehbücher zu den Verfilmungen ihrer Romane (TV-Serie: Mord in Fjällbacka), die bei den Zuschauern sehr gut ankamen.

Darüber hinaus hat sie gemeinsam mit Christina Saliba ein eigenes Unternehmen, Invest in Her, gegründet, mit dem sie in Produkte und Dienstleistungen von Frauen investiert, um ein gleichberechtigteres Geschäftsleben zu schaffen.


Originalausgabe: Läckberg, Camilla. En bur av guld. Stockholm: Forum, 2019.
Deutsche Ausgabe: Läckberg, Camilla. Golden Cage. Aus dem Schwedischen von Katrin Frey. Berlin: List Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH, 2019.
Zitat1: Kurzinterview mit der Autorin in der deutschen Ausgabe

Buchcover: © List Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat)

Über Bord

Ruth Ware: Woman in Cabin 10

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Nachdem mich bereits ihr erster Roman Im tiefen, tiefen Wald begeistert hat, war ich sehr gespannt auf Ruth Wares neuestes Werk, Woman in Cabin 10. Und ich wurde nicht enttäuscht: Auch dieser hochdramatische Psychothriller ist wieder erstklassig und garantiert mit vielen falschen Fährten, spektakulären Wendungen und einem fulminanten Show-down Hochspannung pur. Ein weiteres Mal hat die Autorin eine erstrangige, nervenaufreibende Story erdacht, die bis zur letzten Seite in Atem hält. Dies liegt nicht nur an der gewöhnungsbedürftigen und überaus unverlässlichen Protagonistin, die eine echte Herausforderung für den Leser darstellt, sondern auch an dem klaustrophobischen Setting, das sein Übriges tut, um Thrill und Suspense zu erzeugen.

Traumauftrag zum schlechten Zeitpunkt

Als Laura „Lo“ Blacklock, Journalistin beim angesagten Reisemagazin Velocity, von ihrer Chefin gebeten wird, an ihrer Stelle die Jungfernfahrt des Luxuskreuzfahrtschiffs Aurora Borealis anzutreten und von dort exklusiv zu berichten, könnte der Zeitpunkt nicht schlechter sein: Lo leidet immer noch an Panikattacken, die von einem Einbruch in ihre Wohnung herrühren, bei dem sie nur mit knapper Not einem Übergriff des Täters entgangen ist. Wie gewohnt, greift Lo zum Alkohol, um ihre Angst zu betäuben, obwohl sie danach nur noch verwirrter ist als zuvor. Auch in ihrer Beziehung zu Freund Judah kriselt es, was sie in ihrer derzeitigen fragilen Verfassung nur noch mehr herunterzieht. Doch trotz aller Probleme will sich Lo den o.g. Traumauftrag auf gar keinen Fall entgehen lassen, und so bereitet sie sich in aller Eile auf ihre Schiffsreise zu den norwegischen Fjorden vor.

Mord oder Halluzination?

Das Schiff könnte nicht exklusiver sein, aber Lo fühlt sich angesichts des ganzen Luxus völlig deplatziert. Obwohl ihre Kabine keine Wünsche offenlässt, empfindet Lo eine seltsame Beengheit, die ihr Angst macht. Und wieder greift sie zum Alkohol, wenngleich ihr nur wenig Zeit bleibt, um sich für den exklusiven Empfang zu stylen, den Schiffseigner, Lord Bullmer, und seine Frau Anne, für die ausgewählten Gäste am Abend arrangiert haben. Da sich Lo mit ihrem Spiegelbild nicht anfreunden kann, klopft sie an ihre benachbarte Kabine 10, um sich Wimperntusche zu leihen. Die junge, lässige Frau mit dem Pink-Floyd-T-Shirt, die ihr öffnet, ist Lo sofort sympathisch, obwohl sie sich äußerst merkwürdig verhält. Sie schenkt Lo die Wimperntusche und schließt dann nahezu panisch die Tür. Lo denkt nicht weiter über die mysteriöse Begegnung nach und gesellt sich zum elitären Empfang. Neben den Gastgebern lernt Lo das Who is Who der Reisejournalisten, Fotografen und Investmentgrößen kennen. Zu ihrem Entsetzen ist auch Ex-Freund Ben unter den Gästen, was sie völlig aus dem Konzept bringt. Sofort greift sie wieder zu ihrem Allheilmittel Alkohol – und dieses Mal übertreibt sie es maßlos.

Als sie nachts durch ein Geräusch aus dem Schlaf schreckt, steckt ihr der Rausch noch vollends in den Knochen. Sie ist sofort hellwach, als sie zu hören meint, wie ein Körper ins Wasser geworfen wird. Als sie auch noch Blut an der Reling entdeckt, alarmiert sie das Sicherheitspersonal, doch nach erneuter Sichtung des Geländers ist der Blutfleck verschwunden. Auch die Frau in Kabine 10 scheint es laut Bordpersonal nie gegeben zu haben, denn die Nobelkajüte war angabegemäß gar nicht belegt. Lo ist sich sicher, dass sie Zeugin eines Mordes geworden ist, obwohl ihr niemand glaubt, denn ihr enormer Alkoholkonsum ist keinem an Bord verborgen geblieben.

Gegen jede Chance

Trotz allem lässt Jo nicht locker, auch wenn sie mehr und mehr an ihrem Verstand zweifelt. Als sie eines Abends auf ihrem Spiegel die Warnung „Halt dich raus“ findet, siegt ihr journalistischer Spürsinn über ihre Angst, und sie beschließt, sich Lord Bullmer anzuvertrauen. Obwohl Bullmer ihr als einziger Gehör schenkt, gelingt es ihm mit Leichtigkeit, ihre Geschichte Stück für Stück auseinander zu nehmen, so dass Lo zum ersten Mal Bedenken kommen. Aber ihr Bauchgefühl sagt ihr, dass sie Recht hat und so forscht sie weiter, bis sie schließlich einem teuflischen Komplott auf die Spur kommt, dessen Perfidität Los schlimmste Befürchtungen übersteigt…

Effektvoller Thriller par excellence

Ruth Wares neuestes Werk ist für mich bereits jetzt eines der Highlights seines Genres in diesem Jahr, denn der Roman ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Protagonistin Lo ist  der Autorin meines Erachtens ganz besonders gut gelungen, denn ihre alkoholvernebelten Wahrnehmungsstörungen und häufigen Panikreaktionen machen sie zu einer echten literarischen „Wackelfigur“, der man als Leser nicht trauen kann. Man weiß nie, ob sie Dinge wirklich erlebt oder ob sie halluziniert, aber andererseits macht dies auch den ganz besonderen Reiz dieser Geschichte aus. Das undurchsichtige Puzzle aus Gedankenfragmenten und Erinnerungsstücken der Antiheldin zusammenzusetzen, ist für den Leser nicht nur ein sehr komplexes Unterfangen, sondern vor allem eine hochspannende und sehr unterhaltsame Herausforderung.

Hinzu kommt die ganz besondere Atmosphärik des Schauplatzes, ein luxuriöses Kreuzfahrtschiff, das wir jedoch durch Los Augen als düster-beengten Locus Terribilis, einen Ort des Schreckens, wahrnehmen. Die klaustrophobischen Schwingungen sind fühlbar und übertragen sich schleichend auf den Leser, der die mentalen Aufs und Abs der Hauptfigur mit wachsendem Argwohn zur Kenntnis nimmt. Immer wenn man sicher ist, der Auflösung ein Stück näher gekommen zu sein, belehren uns die Autorin – und ihre Protagonistin – eines Besseren. Das ist Crime & Thrill at its best. Daher mein Fazit: Ein grandioser, unbedingt lesenswerter Pageturner, der exzellent geschrieben ist.

Ruth Ware: Englische Bestseller-Autorin und Expertin für Psychothriller

Ruth Ware wurde 1977 in West Sussex geboren und wuchs in Lewes an der Südküste Englands auf. Sie studierte Englisch an der Manchester Universität, wo sie ihre Liebe zu alt- und mittelenglischen Texten entdeckte. Bevor sie sich der Schriftstellerei widmete, arbeitete sie als Kellnerin und Buchhändlerin. Darüber hinaus unterrichtete sie Englisch als Fremdsprache in Paris und war nach ihrer Rückkehr 14 Jahre lang als Pressereferentin für einen Verlag tätig. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder arbeitete sie zunächst in Teilzeit und begann dann zu schreiben.

Unter dem Pseudonym Ruth Warburton verfasste sie fünf Romane für junge Erwachsene, bevor sie sich dem Genre der Psychothriller zuwandte. Mit ihrem Debütroman In a Dark, Dark Wood (Im tiefen, tiefen Wald), der 2015 erschien, gelang ihr nicht nur der Sprung auf die Bestsellerlisten in Großbritannien und den USA, sondern auch der Durchbruch als Schriftstellerin. Die Verfilmung des Buches soll von Hollywood-Star Reese Witherspoon produziert werden. Auch Wares darauf folgender Thriller, der hier vorgestellte The Woman in Cabin 10, wurde ein internationaler Bestseller und schaffte es sogar auf Platz 1 der amerikanischen Top Seller. Die Rechte für die Verfilmung des Pageturners hat sich bereits CBS Films gesichert.

Ihr dritter Roman, The Lying Game, der noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, erschien im Juli 2017 und wurde ebenfalls von Kritikern und Lesern begeistert aufgenommen. Auch dieser Thriller soll von der Gotham Group verfilmt werden. Im Sommer 2018 erscheint nunmehr ihr viertes Werk, das den Titel The Death of Mrs. Westaway trägt und mit Sicherheit wieder ein Bestseller wird.

In ihrer Freizeit ist die Autorin eine begeisterte Leserin. Ihre ganz private Top Five Booklist beinhaltet folgende Romane: 1. Miss Pym Disposes von Josephine Tey, 2. The Secret History von Donna Tartt, 3. Gaudy Night von Dorothy L. Sayers, 4. Murder Most Unladylike von Robin Stevens sowie 5. Note on a Scandal von Zoe Heller.

Weitere Informationen über die Schriftstellerin findet ihr auf ihrer Website www.ruthware.com, der Verlags- und der englischen Wikipedia-Seite, denen ich auch die o.g. biografischen Details entnommen habe.


Originalausgabe: Ware, Ruth. The Woman in Cabin 10. London: Harvill Secker/Vintage Publishing/Penguin Random House, 2016.
Deutsche Ausgabe: Ware, Ruth. Woman in Cabin 10. Aus dem Englischen von Stefanie Ochel. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2017.

Buchcover: ©  dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
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