Philosophenmorde

Ingo Bott: Das Recht zu strafen

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Er ist einer der toughsten Strafverteidiger Deutschlands und renommierter Berater des Europarats, der sich auch auf internationaler Ebene einen Namen als versierter Jurist gemacht hat. Ein rundum ausfüllender Job, könnte man meinen, doch dann hat Ingo Bott die Schriftstellerei für sich entdeckt – und offenbart ein weiteres seiner Talente. Mit seinem Erstlingswerk Das Recht zu strafen ist ihm ein sehr vielversprechendes, klug konzipiertes Thriller-Debüt gelungen, das bis zum fulminanten Ende in Atem hält. Sein Protagonist, der erfolgsverwöhnte Strafverteidiger und Womanizer Max Faber, hat das Zeug zur Serienfigur – in jeder Hinsicht. Obwohl Bott den smarten, gutaussehenden Advokaten zunächst in das übliche aalglatte Rechtsanwalts-Klischee steckt, bemerkt man als Leser sehr schnell, dass Faber vielschichtiger ist, als es den Anschein hat. Allerdings ist es äußerst schwierig, ihn zu mögen, denn er ist nicht gerade ein Sympathieträger. Seine Kaltschnäuzigkeit, sein steinzeitliches Frauenbild und seine Selbstverliebtheit sind grenzwertig – doch er ist ein Typ, dessen Lebensfährte man als Leser einfach aufnehmen muss, weil man ahnt, dass unter seiner Oberfläche etwas Ungreifbares lauert. Doch zunächst zur Story:

Wie ein Schlaf ohne Traum1: Mord im Zeichen der Philosophie

Als die junge griechische Philosophiestudentin Anastasia Marafakis ermordet und verstümmelt in einem Gewölbe in Berlin gefunden wird, steht das Ermittlerteam um Kommissar Lutz Hennings vor einem Rätsel. Die Leiche wurde wie ein antikes Gemälde inszeniert, Spuren gibt es keine. Nach der Obduktion ist lediglich klar, dass die Frau an einer Vergiftung starb. Staatsanwältin Anna Sánchez-Amann ist schockiert über die Brutalität der Tat und versucht mit Hochdruck, den Fall voranzubringen. Doch dies gestaltet sich mehr als problematisch, denn die Suche nach Hinweisen und Anhaltspunkten, die zum Täter und seinem Motiv führen könnten, bleibt erfolglos – bis Sánchez-Amann ein anonymes Schreiben mit einem Zitat von Sokrates erhält.

Ein geeigneter Verdächtiger?

Aber noch bevor die Ermittler zu neuen Erkenntnissen gelangen, geschieht der zweite, noch bizarrere Mord: Das Opfer ist die französische Philosophielehrerin Fabienne Wiltord, die ebenfalls vergiftet wurde. Und auch dieses Mal macht der Killer die Staatsanwältin mit einem philosophischen Zitat von Descartes auf sich aufmerksam. Die abscheulichen Taten rufen die Presse auf den Plan, die die Philosophenmorde nur allzu gerne öffentlichkeitswirksam ausschlachtet. Nach dem Auffinden einer dritten Leiche und weitergehenden intensiven Recherchen rückt ein Philosophieprofessor in den Fokus von Staatsanwältin Sánchez-Amann, die trotz lediglich schwacher Indizien einen Haftbefehl erwirkt.

Ein Fall für Faber

Doch sie hat die Rechnung ohne den gerissenen Strafverteidiger und Mediendarling Max Faber gemacht, der sich wie ein Besessener auf den spektakulären Fall stürzt und den Angeklagten verteidigt. Dies natürlich nicht nur, weil er so ein guter Mensch ist und an die Unschuld seines Mandanten glaubt, sondern vor allem, um sich und seine Kanzlei medienwirksam zu inszenieren und weitere Mandate zu akquirieren. Der Staranwalt und die Staatsanwältin kommen sich allerdings nicht nur ins Gehege – sie landen auch zusammen im Bett. Faber ist von sich schwer begeistert und sonnt sich in seinem persönlichen und beruflichen Erfolg, bis Staatsanwältin Sánchez-Amann zum Entsetzen ihrer Soko-Kollegen vom einen auf den anderen Tag spurlos verschwindet.

Wettlauf gegen die Zeit

Die Spur führt zu Faber, der plötzlich als Beschuldigter ins Visier der Ermittler gerät. Ihm ist klar, dass er sich aus dieser brenzligen Lage nicht mit seinem üblichen Charme und seiner juristischen Finesse befreien kann, sondern dass er auf eigene Faust ermitteln muss, wenn er sich und seinen Ruf retten will. Doch ihm läuft die Zeit davon, denn alles spricht dafür, dass Sánchez-Amann in nur wenigen Tagen das nächste Opfer des phantomhaften Serienkillers werden wird…

Fesselndes Thriller-Debüt mit dramatischem Show-down

Nach längerer Zeit habe ich mit Das Recht zu strafen endlich mal wieder einen qualitativ hochwertigen Thriller gelesen, der nicht nur durch ein einzigartiges Plot überzeugt. Neben Hochspannung, vielen geschickt eingestreuten falschen Fährten und einem dramatischen Show-Down-Finale, das seinesgleichen sucht, hat Bott mit Max Faber einen Protagonisten erschaffen, der im Gedächtnis bleibt – und das obwohl oder gerade weil er angesichts seiner Überheblichkeit und Egozentrik nur schwer zu ertragen ist. Die Bukowsky-eske Ausdrucksweise, mit der der Autor uns an der Gedankenwelt seiner Hauptfigur teilhaben lässt, insbesondere in Bezug auf Frauen, tut ihr Übriges, um Faber als archaischen Männertypus zu etablieren, den selbst seine männliche Kollegen als Arschloch bezeichnen. Doch das allein wäre zu einfach und klischeebehaftet. Man spürt Fabers Einsamkeit trotz vieler Affären und erfolgreicher Auftritte im Rampenlicht und seine innere Unruhe, die ihn umtreibt und vermuten lässt, dass hinter seiner schillernden Fassade etwas verborgen liegt, das er nicht ans Licht kommen lassen kann und darf.

Gleiches gilt für Botts zentrale weibliche Hauptfigur, Anna Sánchez-Amann, die ebenfalls hervorragend gezeichnet ist und deren verhängnisvolles Geheimnis am Ende auf so dramatische Weise zutage tritt. Ihr Ehrgeiz und ihr damit verbundener unbedingter Wille, sich als erfolgreiche Staatsanwältin zu behaupten, machen sie zu einem Spiegel ihres männlichen Pendants, aber im Gegensatz zu Faber gibt sie ihrer Verletzlichkeit und ihrer Verzweiflung Raum – auch wenn sie es nur im Verborgenen und nicht vor ihren Kollegen  tut.

Zusammenfassend hat Das Recht zu strafen alles, was einen hervorragenden Thriller ausmacht: Eine ausgefallene Story mit Sogwirkung, singuläre Charaktere und ein absolut überraschendes, schockierendes Ende. Zudem gibt es auch noch einen kurzen hochinteressanten philosophischen Exkurs über Sokrates, Descartes und Camus. Daher mein Fazit: Eine große Leseempfehlung für einen packenden Thriller, der meines Erachtens schon längst auf der Bestseller-Liste stehen müsste.

Im Übrigen haben Das Recht zu strafen und sein gewöhnungsbedürftiger Protagonist Max Faber meines Erachtens unbedingtes Verfilmungspotential. Clemens Schick, der gerade in der Nordic Noir-Serie Arctic Circle als undurchsichtiger Pharmaboss Eiben brilliert, wäre hier sicherlich die Idealbesetzung für den egozentrischen Staranwalt..

Dr. Ingo Bott: Erfolgreicher Strafverteidiger und Schriftsteller

Dr. Ingo Bott wurde 1983 in Rastatt geboren. Nach einem abgeschlossenen Studium der Rechtswissenschaften – u.a. in Freiburg, Sevilla, Montevideo, Passau – promovierte er über das Thema In dubio pro Straffreiheit – Untersuchungen zum Lebensnotstand. Nach seiner Zulassung als Anwalt 2012 war er zunächst in einer auf Wirtschaftsstrafrecht spezialisierten Kanzlei in Düsseldorf tätig, bis er schließlich im Mai 2018 seine eigene Kanzlei Plan A gründete. So war er u.a. auch im kontroversen Loveparade-Prozess als Verteidiger erfolgreich tätig.

Darüber hinaus berät Bott, wie bereits erwähnt, den Europarat und ist außerdem als Dozent tätig.

Neben der Juristerei ist die Schriftstellerei sein zweites Steckenpferd. Sein erster Roman, der hier vorgestellte Das Recht zu strafen, erschien 2017 im GRAFIT Verlag. Derzeit arbeitet Bott am zweiten Roman seiner Serie um Protagonist Max Faber. Ich bin sehr gespannt, wie es hier weitergeht…


Originalausgabe: Bott, Ingo. Das Recht zu strafen. Dortmund: GRAFIT Verlag GmbH, 2017.
Buchcover:  © GRAFIT Verlag GmbH
Autorenfoto: © Dr. Ingo Bott
Bildnachweis Philosophenbüsten: © morhamedufmg, Pixabay
1Quelle – Sokrates über den Tod. In: Des Sokrates Verteidigung (Apologie): „32. Hoffnungen für den Tod“, Übersetzung Schleiermacher 1805.

Tödliches Erbe

Ruth Ware: Der Tod der Mrs. Westaway

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Seit ihrem allerersten Roman bin ich ein großer Fan der britischen Thrillerautorin Ruth Ware, denn ihre Geschichten sind nicht nur qualitätsmäßig auf hohem Niveau, sondern generieren auch Hochspannung bis in die Haarspitzen. Und daher habe ich es auch noch nie geschafft, eines ihrer Werke in mehreren Etappen zu lesen – es musste immer eine komplette Lesenacht sein. Gleiches trifft ebenfalls wieder auf ihren neuesten Pageturner, Der Tod der Mrs. Westaway, zu, mit dem sie sich meines Erachtens selbst übertroffen hat, denn sie tritt hier sehr erfolgreich in die großen Fußstapfen der renommierten Schriftstellerin Daphne du Maurier, die mit ihrem Meisterwerk Rebecca Weltruhm erlangte. Wie schon du Maurier, vereint Ware in ihrem aktuellen Spannungsdrama äußerst gekonnt Elemente des Schauer- und psychologischen Romans. Ein Herrenhaus à la Manderley und eine angsteinflößende Haushälterin im Stil von Mrs. Danvers machen das Déjà Vu komplett.

Doch das ist auch schon alles, was die beiden Romane gemeinsam haben. Wares Story hat eine komplett andere Dimension, ihre Protagonisten sind ambivalent, und sie arbeitet mit unterschiedlichen Spannungsebenen, was den besonderen Reiz des Ganzen ausmacht. Hinzu kommt ihr zweisträngiger Erzählstil, wobei in Strang 1 die Vergangenheit in Tagebuchform präsentiert wird, während Strang 2 in der Gegenwart des Romans spielt. Am meisten beeindruckt jedoch die junge Hauptfigur, die die Autorin so tiefgehend menschlich und lebensecht erdacht hat und deren große Verzweiflung, aber gleichermaßen auch unzerstörbaren Überlebenswillen sie deutlich spürbar macht. Fieberhaft folgen wir als Leser ihren Nachforschungen, begleiten sie bei ihrer unermüdlichen Suche nach der Wahrheit – immer mit dem unheimlichen, beklemmenden Gefühl, dass jeden Moment etwas Schreckliches passieren kann. Atempausen gönnt uns Ware nur selten – und das ist auch gut so, denn es ist gerade dieser Aspekt, der die Brillanz ihres Thrillers ausmacht.

Eine folgenschwere Verwechslung

Als die 22-jährige Harriet „Hal“ Westaway ein Schreiben von einem Anwalt in Cornwall erhält, das besagt, dass ihre Großmutter Hester verstorben und sie eine der Erben ist, könnte der Zeitpunkt nicht besser sein. Nach dem tragischen Tod ihrer Mutter, die von einem Auto überfahren wurde, schlägt sich Hal mehr schlecht als recht durchs Leben. In ihrer kleine Bude auf dem Pier in Brighton, die sie von ihrer Mutter übernommen hat, hält sie sich mit Tarot-Kartenlegen über Wasser, obwohl sie es für ausgemachten Humbug hält. Ihr schäbiges Mini-Apartment ist ihr einziger Zufluchtsort, doch auch dort ist sie nicht mehr sicher, denn der Kredithai, bei dem sie Schulden hat, ist ihr auf den Fersen und schreckt auch vor Gewalt nicht zurück. Somit kommt die Einladung nach Cornwall wie gerufen, wenn es da nicht ein größeres Problem gäbe: Ihre Oma ist schon seit 20 Jahren tot und hieß auch nicht Hester…

Ein dunkler Ort

Hal ist klar, dass es nur eine Verwechslung sein kann. Sie hadert zwar mit sich, doch sie geht das Risiko ein: Völlig abgebrannt macht sie sich auf den Weg nach Trepassen House, das sich als großes, aber heruntergekommenes Herrenhaus und ehemals feudaler Landsitz der Westaways entpuppt. Die Familie, die keine Ahnung von Hals Existenz hatte, ist mehr als überrascht, versucht aber, sich nichts anmerken zu lassen. Nachdem Hal die Westaways bereits gegoogelt hatte, um besser vorbereitet zu sein, lernt sie nun alle Familienmitglieder persönlich kennen: Harding Westaway, seine Gattin Mitzi und deren Kinder Kitty und Freddie, Abel Westaway und seinen Partner Edward und Ezra Westaway. Maud, die einzige Tochter und ihre angebliche Mutter, gilt als spurlos verschwunden.

Ein schreckliches Geheimnis

Hal kann alle Eindrücke gar nicht so schnell verarbeiten, wie sie auf sie einprasseln. Sie beginnt weiter nachzuforschen, und es scheint tatsächlich eine Verbindung zwischen ihr und den Westaways zu geben. Insbesondere die alte, furchteinflößende Haushälterin Mrs. Warren steht ihr feindselig gegenüber und gibt ihr mehr als einmal deutlich zu verstehen, dass es besser für sie wäre, wenn sie verschwindet.  Als das Testament schließlich verlesen wird und Hal daraus als Alleinerbin hervorgeht, sind alle außer sich, insbesondere Harding macht aus seinem Ärger keinen Hehl. Hal kann es nicht fassen und hat ein denkbar schlechtes Gewissen, weil sie sich als Betrügerin fühlt. Und so spielt sie ernsthaft mit dem Gedanken, allen die Wahrheit zu sagen. Doch dann stößt sie auf ein schreckliches Geheimnis, dass den Unfalltod ihrer Mutter in einem anderen Licht erscheinen lässt und sie auf die Spur eines kaltblütigen Killers führt, der lange im Verborgenen ein ganz normales Leben führte und nun bereit ist, ein weiteres Mal über Leichen zu gehen, damit es auch so bleibt…

Nervenaufreibender Thriller mit effektvollen Schauerelementen

Was für ein hochspannendes Thriller-Highlight! Nach Woman in Cabin 10 und Im dunklen, dunklen Wald ist Ruth Ware mit ihrem neuesten Werk Der Tod der Mrs. Westaway wieder ein brillanter Pageturner gelungen, der bis zum fulminanten Ende in Atem hält. Besonders gefallen haben mir die effektvollen Schauerelemente à la Daphne du Maurier, die die Autorin gekonnt in die moderne Zeit transferiert hat. Neben der fesselnden Story sind ihr auch die vielschichtigen Hauptfiguren, allen voran die junge Hal, wieder sehr gut gelungen. Ware versteht es meisterhaft, die Leser in die Irre zu führen, das wechselhafte Zusammenspiel der Protagonisten ad extremum zu führen und am Ende eine Lösung zu präsentieren, die nicht vorhersehbar ist und uns geschockt zurücklässt. Daher mein Fazit: Ruth Ware ist Großbritanniens neue Queen of Crime. Jeder Roman von ihr ist eine unbedingte Leseempfehlung!

Ruth Ware: Englische Bestseller-Autorin und Expertin für Psychothriller

Ruth Ware wurde 1977 in West Sussex geboren und wuchs in Lewes an der Südküste Englands auf. Sie studierte Englisch an der Manchester Universität, wo sie ihre Liebe zu alt- und mittelenglischen Texten entdeckte. Bevor sie sich der Schriftstellerei widmete, arbeitete sie als Kellnerin und Buchhändlerin. Darüber hinaus unterrichtete sie Englisch als Fremdsprache in Paris und war nach ihrer Rückkehr 14 Jahre lang als Pressereferentin für einen Verlag tätig. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder arbeitete sie zunächst in Teilzeit und begann dann zu schreiben.

Unter dem Pseudonym Ruth Warburton verfasste sie fünf Romane für junge Erwachsene, bevor sie sich dem Genre der Psychothriller zuwandte. Mit ihrem Debütroman In a Dark, Dark Wood (Im dunklen, dunklen Wald), der 2015 erschien, gelang ihr nicht nur der Sprung auf die Bestsellerlisten in Großbritannien und in den USA, sondern auch der Durchbruch als Schriftstellerin. Die Verfilmung des Buches soll von Hollywood-Star Reese Witherspoon produziert werden. Auch Wares darauf folgender Thriller, The Woman in Cabin 10, wurde ein internationaler Bestseller und schaffte es sogar auf Platz 1 der amerikanischen Top Seller. Die Rechte für die Verfilmung des Pageturners hat sich bereits CBS Films gesichert.

Ihr dritter Roman, Wie tief ist deine Schuld, wurde ebenfalls von Kritikern und Lesern begeistert aufgenommen und soll von der Gotham Group verfilmt werden. Im Sommer 2018 erschien dann ihr vierter Thriller in Großbritannien, Der Tod der Mrs. Westaway, der – wie nicht anders zu erwarten – auch wieder ein Bestseller wurde.

In ihrer Freizeit ist die Autorin eine begeisterte Leserin. Ihre ganz private Top Five Booklist beinhaltet folgende Romane: 1. Miss Pym Disposes von Josephine Tey, 2. The Secret History von Donna Tartt, 3. Gaudy Night von Dorothy L. Sayers, 4. Murder Most Unladylike von Robin Stevens sowie 5. Note on a Scandal von Zoe Heller.

Weitere Informationen über die Schriftstellerin findet ihr auf ihrer Website, der Verlags- und der englischen Wikipedia-Seite, denen ich auch die o.g. biografischen Details entnommen habe.


Originalausgabe: Ware, Ruth. The Death of Mrs. Westaway. London: Harvill Secker/Vintage Publishing/Penguin Random House, 2018.
Deutsche Ausgabe: Ware, Ruth. Der Tod der Mrs. Westaway. Aus dem Englischen von Stefanie Ochel. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2019.

Buchcover: ©  dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Bildnachweis: ©  Free-Photos, Pixabay

Mord in der Idylle

Danya Kukafka: Girl in Snow

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Dieses Erstlingswerk von Danya Kukafka ist eine Klasse für sich. Der einzigartige Spannungsroman des vielversprechenden amerikanischen Erzähltalents hat um Einiges mehr zu bieten als ein herkömmlicher Thriller. Leise und unaufgeregt, aber mit unglaublicher Durchschlagskraft und einem Gespür für menschliche Abgründe erzählt Kukafka die Geschichte eines Mordes in einer amerikanischen Kleinstadt, der die scheinbare Idylle sprengt und lang verborgene Geheimnisse zutage treten lässt. Erzählt wird die dramatische Story aus drei Perspektiven, was dem geschickt aufgebauten Plot einmal mehr dienlich ist, denn der Leser kann nie sicher sein, welche Sicht der Dinge bzw. welche Wahrheit Gewicht hat. Eines haben jedoch alle Erzähler gemeinsam: Sie sind Außenseiter, die im kleinbürgerlichen Broomsville nicht wirklich dazugehören. Und doch ist es am Ende gerade einer dieser Sonderlinge, der den entscheidenden Hinweis zur Auflösung des Verbrechens gibt, das alle gleichermaßen erschüttert hat.

Tod einer Schülerin

Als die 15-jährige Schülerin Lucinda Hayes ermordet aufgefunden wird, sitzt der Schock tief, insbesondere bei den Mitschülerin des beliebten Mädchens. Sofort fällt der Verdacht auf Cameron Whitley, Sohn des nach einem Skandal spurlos verschwundenen Polizisten Lee Whitley, der in Lucinda verliebt war, sie täglich beobachtete und unzählige Skizzen von ihr anfertigte. Erschwerend zu seinem „Stalker-Profil“, das die Polizei nur allzu gerne von ihm anlegt, kommt hinzu, dass Cameron Lucinda auch am Tag ihres Todes nachstellte, doch sich – zu seinem eigenen Entsetzen – an rein gar nichts mehr erinnern kann. Dies macht ihn in den Augen der Polizei völlig unglaubwürdig, aber auch andere Verdächtige geraten nach und nach ins Visier der Ermittler: Der vorbestrafte Hausmeister Ivan, der die Leiche fand, Lucindas Ex-Freund Zap und der beliebte Zeichenlehrer Mr. O., den alle Schülerinnen anhimmeln.

American Psycho?

Doch alle Spuren führen ins Leere. Obwohl eine Schülerin Außenseiter Cameron als American Psycho und den typischen High-School-Amokläufer diskreditiert, fehlen der Polizei Beweise, um ihn dingfest zu machen. Einzig und allein Jade, ebenfalls Außenseiterin und oftmals Zielscheibe des Spotts wegen ihres Übergewichts und ihrer Akne, glaubt nicht, dass Cameron der Mörder ist. Sie sieht in ihm einen Seelenverwandten, der in seiner eigenen Welt gefangen ist und den Schmerz über den Verlust seines Vaters verdrängt.

Während der Druck der Öffentlichkeit stetig wächst, versucht man fieberhaft, den Killer zu finden. Ermittler Russ kämpft mit seinen eigenen Dämonen: Der Verlust seines Partnern Lee, Camerons Vater, nagt an ihm. Auch seine Ehe steht vor dem Aus, so dass er bei den Nachforschungen nicht wirklich bei der Sache ist. Alles in allem scheint Cameron der perfekte Täter zu sein – allerdings so perfekt, dass erste Zweifel bei Russ aufkommen. Aber Camerons Gedächtnisverlust wirft mehr und mehr Fragen auf und lässt die Aufklärung des Falles immer schwieriger werden. Schließlich wird Cameron jedoch klar, dass er nur eine Chance hat, um sein Leben zu retten: Er muss die Ereignisse des Mordtages rekapitulieren, wenn er seine Unschuld beweisen will. Doch Erinnerung lässt sich nicht erzwingen, und der wahre Killer ist einer von ihnen…

Ein leiser Pageturner mit enormer Durchschlagkraft

Danya Kukafkas Debütroman ist ein leiser Pageturner: Ohne blutrünstige Schockeffekte erzählt sie die Geschichte eines Mordes in einer Kleinstadt mit der Durchschlagskraft einer emotionalen Handgranate. Alles wird aufgewühlt, alte Fehden und gut gehütete dunkle Geheimnisse treten zutage und lassen das anheimelnde bourgeoise Gebilde mit seinem verworrenen Beziehungsgeflecht in sich zusammenfallen. Jeder misstraut jedem, und der Sündenbock ist schnell gefunden: Ein Außenseiter mit Gedächtnisverlust – wie unglaublich passend. Man hofft auf einen schnellen Prozess, damit alles beim Alten bleibt. Doch nichts ist und wird je wieder werden, wie es vorher war.

Mit einem tiefgehenden Wissen um die Befindlichkeiten der Menschen spielt Kukafka Schein und Sein gegeneinander aus und entlarvt die Heuchelei des spießbürgerlichen Gutmenschentums, indem sie gerade den Außenseitern – Cameron, Jade und Russ – eine gewichtige Stimme gibt. Ihre Gefühlslagen, Beobachtungen und Eindrücke ziehen uns sogartig in die Geschichte und lassen uns bis zur Auflösung des Falles nicht mehr los. Daher mein Fazit: Ein exzellent geschriebener Erstling von einer sehr talentierten literarischen Neuentdeckung mit einem fesselnden und glasklaren Schreibstil – sehr lesenswert!

Danya Kukafka: Mit dem Erstlingswerk auf die Bestseller-Listen

Über die 24-jährige Debütautorin gibt es noch nicht sehr viel zu berichten. Sie ist Absolventin der New York University Gallatin School of Individual Study, wo sie Creative Writing studierte. Neben der Schriftstellerei arbeitet sie als Lektorin bei Riverhead Books.

Mit Girl in Snow, ihrem ersten Buch, gelang ihr auf Anhieb der Sprung auf die Bestsellerlisten. Doch damit nicht genug: Ihr Roman wurde für mehrere namhafte Preise nominiert und soll von Amazon Prime als Serie verfilmt werden. Ein beachtlicher Überraschungserfolg für die Jungschriftstellerin, von der wir, da bin ich sicher, noch viel hören werden.


Originalausgabe: Kukafka, Danya. Girl in Snow. New York: Simon & Schuster, 2017.
Deutsche Ausgabe: Kukafka, Danya. Girl in Snow. Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné. München: Verlagsgruppe Random House GmbH, 2018.

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