Befreiungsschlag

Camilla Läckberg: Golden Cage

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Auf Camilla Läckbergs neuestes Werk Golden Cage war ich ganz besonders gespannt, denn es ist der erste Roman, der nicht zu ihrer erfolgreichen Fjällbacka-Thrillerreihe zählt. Das Warten hat sich gelohnt, denn ihr Neuling ist eine Klasse für sich und übertrifft sogar an Spannung und Qualität noch meinen Allzeit-Favoriten der Autorin, Meerjungfrau, um Längen. Was also macht diese Geschichte so außergewöhnlich? Zum einen ist das hochkarätige Beziehungsdrama brillant konzipiert und äußerst fesselnd erzählt. Zum anderen ist es ein Buch, das die Stärke, die enorme Willenskraft und die Überlebensfähigkeit von Frauen in den Vordergrund stellt. Als Leser merkt man schnell, wie viel Herzblut der Autorin in dieser Erzählung steckt. Erst kürzlich verriet sie in einem Interview:

Ich bin mutiger und stärker geworden. Erst jetzt habe ich mich an diesen Stoff getraut. Und außerdem habe ich die Geduld verloren mit allen, die versuchen, Frauen zum Schweigen zu bringen.1

Diese Kraft und Unerschrockenheit hat Läckberg auf ihre Protagonistin übertragen, die sich weder in ein Schema pressen lässt noch in ein antiquiertes Frauenklischee passt. Obwohl sie zu Beginn der Geschichte untergeordnet und stets verständnisvoll erscheint, ist unterschwellig in jeder Zeile zu spüren, dass sie die Rolle des braven Frauchen nicht für immer ausfüllen wird, denn zu hoch ist ihr Selbstwertgefühl, zu stark ihr Wissen um ihre eigenen Fähigkeiten. Und so lässt sie sich auf einen riskanten Tanz mit dem Teufel ein, bei dem sie eigentlich nur verlieren kann. Eigentlich…

Das Ende eines Traumpaars

Oberflächlich betrachtet sind Faye und Jack das perfekte Paar der Haute Volée Schwedens. Mit seinem Investmentunternehmen Compare hat sich Jack als erfolgreicher Geschäftsmann etabliert. Faye führt ein Leben im Luxus und kümmert sich liebevoll um Töchterchen Julienne. Doch hinter verschlossenen Türen bröckelt die Heile-Welt-Fassade: Jack macht keinen Hehl daraus, wie sehr er seine Frau verachtet: Für ihn ist sie nicht mehr interessant, vor allem aber nicht mehr jung und dünn genug. Der Kick ist verflogen, und Jack lässt keine Gelegenheit aus, um sie das spüren zu lassen. So sehr sich Faye – mittels Diät, Sport etc. – auch bemüht, seinem Schönheitsideal wieder zu entsprechen, umso öfter demütigt er sie.

Schlussstrich

Zunächst versucht Faye noch, Jacks Verhalten zu entschuldigen und seine wechselnden, für sie unerträglichen Launen mit geschäftlichem Stress zu rechtfertigen. Selbst als er sie zu etwas zwingt, was sie moralisch verwerflich findet und vor sich selbst in keiner Weise verantworten kann, gehorcht sie und gibt seinem Willen nach. Als sie Jack jedoch in flagranti mit seiner jungen Assistentin Ylva erwischt, hat Faye endgültig genug. Sie will die Scheidung und ist sich sicher, von dem Geld, das sie von Jack im Trennungsfall erhalten wird, mit Julienne gut leben zu können.

Doch sie hat die Rechnung ohne Jack gemacht. Er ist nicht bereit, ihr auch nur einen Cent zu zahlen und schlägt ihr vor, sich doch eine Arbeit zu suchen. Faye schäumt, denn sie weiß, dass Jack ohne sie niemals an die Spitze gekommen wäre. Sie war es, die den Business Plan für sein kleines Start-up Unternehmen erstellte, und es waren ihre Ideen, die das Unternehmen so erfolgreich machten.

Ein grauenvoller Verdacht

Faye wird schmerzlich bewusst, dass sie für diesen unberechenbaren Narzissten ihre unternehmerische Karriere aufgegeben hat und dass sie mit ihrer kleinen Tochter nun vor dem Nichts steht. Nach dem ersten Schock und tiefen Selbstzweifeln fängt sich Faye wieder und kämpft sich mühsam ins Leben zurück. Sie setzt zum Befreiungsschlag an und ihr zunächst wenig erfolgversprechender Plan, für sich und ihre Tochter eine unabhängige Existenz aufzubauen, geht langsam aber sicher auf.

Doch dann verschwinden Jack und Julienne nach einem Bootsausflug spurlos. Faye ist außer sich vor Angst und rechnet mit dem Schlimmsten, denn sie weiß, dass Jack ihre Eigenständigkeit ein Dorn im Auge ist und er nach einem Weg sucht, um sie in die Knie zu zwingen. Doch wäre er wirklich imstande, ihrer Tochter etwas anzutun, um sie zu bestrafen?

Packender Psychothriller mit zwei vielschichtigen Protagonisten

Golden Cage ist meines Erachtens Camilla Läckbergs bester Roman. Die hochspannende Story lebt von der Intensität ihrer beiden vielschichtigen Hauptcharaktere Faye und Jack, die – so scheint es zunächst – einem VIP-Hochglanzmagazin entsprungen sein könnten. Doch der Schein trügt: Weder Faye noch Jack sind das, was sie vorgeben zu sein. Die Autorin nimmt die Rollen- bzw. Schwarz-Weiß-Klischees im Laufe ihrer packenden Story Stück für Stück auseinander und legt die Wahrheit hinter der Fassade offen. Dies gilt für Jack und Faye gleichermaßen, denn auch Faye ist keinesfalls nur das arme Opfer. Parallel zu den aktuellen Geschehnissen um das sich bekämpfende Paar und das Drama ihrer verschwundenen Tochter entspinnt Läckberg in separaten Kapiteln Fayes Vorgeschichte, die es ebenfalls in sich hat und den Leser zuweilen irritiert zurücklässt.

Schleichend entwickelt sich die eskalierende Beziehungstragödie mittels eines raffinierten Spannungsbogens zu einem nervenaufreibenden Psychothriller, dessen Ausgang mehr als überraschend ist. Nichts bleibt, wie es ist, Grenzen verschwimmen, und alles wird auf den Kopf gestellt, nur um sich am Ende zu einem perfekten Ganzen zusammenzufügen. Das ist die  außergewöhnliche literarische Kunst von Camilla Läckberg, die sich mit ihrem neuen Roman meines Erachtens selbst übertroffen hat.

Daher mein Fazit: Für mich bisher einer der besten Romane des Jahres. Unbedingt lesenswert!

Camilla Läckberg: Schwedens erfolgreichste Kriminalschriftstellerin ist ein Multitalent

Camilla Läckberg wurde 1974 in dem kleinen Küstenstädtchen Fjällbacka im Westen Schwedens geboren, wo sie aufwuchs und in dem auch ihre Romane spielen. Schon als kleines Mädchen schrieb sie sehr gerne Geschichten, die sie mit eigenen Illustrationen versah. Nach der Schule studierte sie zunächst Wirtschaftswissenschaften in Göteborg und arbeitete nach erfolgreichem Abschluss zunächst bei einem Energiekonzern in Stockholm.

Ein wegweisendes Weihnachtsgeschenk

Doch ihre Begeisterung für das Schreiben gewann schließlich die Oberhand. Hier schwebten ihr insbesondere Kriminalromane vor, für die sie schon immer ein Faible hatte. Als ihr ihre Familie zu Weihnachten ein Seminar für Krimiautoren schenkte, stand ihre Entscheidung, Schriftstellerin zu werden, endgültig fest. Noch in diesem Seminar verfasste sie eine Geschichte, die sie zu ihrem ersten Buch Die Eisprinzessin schläft weiterentwickeln sollte, das 2002 erschien und als erster Band der Falck-Hedström-Reihe ein großer Erfolg wurde. Schon bald folgten weitere Bestseller wie Der Prediger von Fjällbacka, Die Töchter der Kälte, Die Totgesagten, Schneesturm und Mandelduft, Engel aus Eis sowie mein absoluter Favorit, der Gänsehaut-Thriller Meerjungfrau. Läckbergs jüngste Veröffentlichungen sind Die Eishexe und ihr neuester Roman, der hier vorgestellte Golden Cage.

Camilla Läckberg ist Schwedens Queen of Crime und mit über 23 Millionen verkauften Büchern die erfolgreichste Kriminalautorin ihres Landes. 2006 wurde sie mit dem renommierten Folket-Literaturpreis ausgezeichnet.

Läckbergs Vielfalt: Thriller, Kinder-, Koch- und Drehbücher – und ein Unternehmen

Neben ihren weltweit publizierten Thrillern schreibt sie auch Kinderbücher (Super-Charlie) und hat außerdem in Kooperation mit Starkoch Christian Hellberg, den sie bereits seit ihrer Jugend kennt, zwei Kochbücher mit regionalen Gerichten herausgebracht. Sie schrieb ebenso die Drehbücher zu den Verfilmungen ihrer Romane (TV-Serie: Mord in Fjällbacka), die bei den Zuschauern sehr gut ankamen.

Darüber hinaus hat sie gemeinsam mit Christina Saliba ein eigenes Unternehmen, Invest in Her, gegründet, mit dem sie in Produkte und Dienstleistungen von Frauen investiert, um ein gleichberechtigteres Geschäftsleben zu schaffen.


Originalausgabe: Läckberg, Camilla. En bur av guld. Stockholm: Forum, 2019.
Deutsche Ausgabe: Läckberg, Camilla. Golden Cage. Aus dem Schwedischen von Katrin Frey. Berlin: List Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH, 2019.
Zitat1: Kurzinterview mit der Autorin in der deutschen Ausgabe

Buchcover: © List Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat)

Über Bord

Ruth Ware: Woman in Cabin 10

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Nachdem mich bereits ihr erster Roman Im tiefen, tiefen Wald begeistert hat, war ich sehr gespannt auf Ruth Wares neuestes Werk, Woman in Cabin 10. Und ich wurde nicht enttäuscht: Auch dieser hochdramatische Psychothriller ist wieder erstklassig und garantiert mit vielen falschen Fährten, spektakulären Wendungen und einem fulminanten Show-down Hochspannung pur. Ein weiteres Mal hat die Autorin eine erstrangige, nervenaufreibende Story erdacht, die bis zur letzten Seite in Atem hält. Dies liegt nicht nur an der gewöhnungsbedürftigen und überaus unverlässlichen Protagonistin, die eine echte Herausforderung für den Leser darstellt, sondern auch an dem klaustrophobischen Setting, das sein Übriges tut, um Thrill und Suspense zu erzeugen.

Traumauftrag zum schlechten Zeitpunkt

Als Laura „Lo“ Blacklock, Journalistin beim angesagten Reisemagazin Velocity, von ihrer Chefin gebeten wird, an ihrer Stelle die Jungfernfahrt des Luxuskreuzfahrtschiffs Aurora Borealis anzutreten und von dort exklusiv zu berichten, könnte der Zeitpunkt nicht schlechter sein: Lo leidet immer noch an Panikattacken, die von einem Einbruch in ihre Wohnung herrühren, bei dem sie nur mit knapper Not einem Übergriff des Täters entgangen ist. Wie gewohnt, greift Lo zum Alkohol, um ihre Angst zu betäuben, obwohl sie danach nur noch verwirrter ist als zuvor. Auch in ihrer Beziehung zu Freund Judah kriselt es, was sie in ihrer derzeitigen fragilen Verfassung nur noch mehr herunterzieht. Doch trotz aller Probleme will sich Lo den o.g. Traumauftrag auf gar keinen Fall entgehen lassen, und so bereitet sie sich in aller Eile auf ihre Schiffsreise zu den norwegischen Fjorden vor.

Mord oder Halluzination?

Das Schiff könnte nicht exklusiver sein, aber Lo fühlt sich angesichts des ganzen Luxus völlig deplatziert. Obwohl ihre Kabine keine Wünsche offenlässt, empfindet Lo eine seltsame Beengheit, die ihr Angst macht. Und wieder greift sie zum Alkohol, wenngleich ihr nur wenig Zeit bleibt, um sich für den exklusiven Empfang zu stylen, den Schiffseigner, Lord Bullmer, und seine Frau Anne, für die ausgewählten Gäste am Abend arrangiert haben. Da sich Lo mit ihrem Spiegelbild nicht anfreunden kann, klopft sie an ihre benachbarte Kabine 10, um sich Wimperntusche zu leihen. Die junge, lässige Frau mit dem Pink-Floyd-T-Shirt, die ihr öffnet, ist Lo sofort sympathisch, obwohl sie sich äußerst merkwürdig verhält. Sie schenkt Lo die Wimperntusche und schließt dann nahezu panisch die Tür. Lo denkt nicht weiter über die mysteriöse Begegnung nach und gesellt sich zum elitären Empfang. Neben den Gastgebern lernt Lo das Who is Who der Reisejournalisten, Fotografen und Investmentgrößen kennen. Zu ihrem Entsetzen ist auch Ex-Freund Ben unter den Gästen, was sie völlig aus dem Konzept bringt. Sofort greift sie wieder zu ihrem Allheilmittel Alkohol – und dieses Mal übertreibt sie es maßlos.

Als sie nachts durch ein Geräusch aus dem Schlaf schreckt, steckt ihr der Rausch noch vollends in den Knochen. Sie ist sofort hellwach, als sie zu hören meint, wie ein Körper ins Wasser geworfen wird. Als sie auch noch Blut an der Reling entdeckt, alarmiert sie das Sicherheitspersonal, doch nach erneuter Sichtung des Geländers ist der Blutfleck verschwunden. Auch die Frau in Kabine 10 scheint es laut Bordpersonal nie gegeben zu haben, denn die Nobelkajüte war angabegemäß gar nicht belegt. Lo ist sich sicher, dass sie Zeugin eines Mordes geworden ist, obwohl ihr niemand glaubt, denn ihr enormer Alkoholkonsum ist keinem an Bord verborgen geblieben.

Gegen jede Chance

Trotz allem lässt Jo nicht locker, auch wenn sie mehr und mehr an ihrem Verstand zweifelt. Als sie eines Abends auf ihrem Spiegel die Warnung „Halt dich raus“ findet, siegt ihr journalistischer Spürsinn über ihre Angst, und sie beschließt, sich Lord Bullmer anzuvertrauen. Obwohl Bullmer ihr als einziger Gehör schenkt, gelingt es ihm mit Leichtigkeit, ihre Geschichte Stück für Stück auseinander zu nehmen, so dass Lo zum ersten Mal Bedenken kommen. Aber ihr Bauchgefühl sagt ihr, dass sie Recht hat und so forscht sie weiter, bis sie schließlich einem teuflischen Komplott auf die Spur kommt, dessen Perfidität Los schlimmste Befürchtungen übersteigt…

Effektvoller Thriller par excellence

Ruth Wares neuestes Werk ist für mich bereits jetzt eines der Highlights seines Genres in diesem Jahr, denn der Roman ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Protagonistin Lo ist  der Autorin meines Erachtens ganz besonders gut gelungen, denn ihre alkoholvernebelten Wahrnehmungsstörungen und häufigen Panikreaktionen machen sie zu einer echten literarischen „Wackelfigur“, der man als Leser nicht trauen kann. Man weiß nie, ob sie Dinge wirklich erlebt oder ob sie halluziniert, aber andererseits macht dies auch den ganz besonderen Reiz dieser Geschichte aus. Das undurchsichtige Puzzle aus Gedankenfragmenten und Erinnerungsstücken der Antiheldin zusammenzusetzen, ist für den Leser nicht nur ein sehr komplexes Unterfangen, sondern vor allem eine hochspannende und sehr unterhaltsame Herausforderung.

Hinzu kommt die ganz besondere Atmosphärik des Schauplatzes, ein luxuriöses Kreuzfahrtschiff, das wir jedoch durch Los Augen als düster-beengten Locus Terribilis, einen Ort des Schreckens, wahrnehmen. Die klaustrophobischen Schwingungen sind fühlbar und übertragen sich schleichend auf den Leser, der die mentalen Aufs und Abs der Hauptfigur mit wachsendem Argwohn zur Kenntnis nimmt. Immer wenn man sicher ist, der Auflösung ein Stück näher gekommen zu sein, belehren uns die Autorin – und ihre Protagonistin – eines Besseren. Das ist Crime & Thrill at its best. Daher mein Fazit: Ein grandioser, unbedingt lesenswerter Pageturner, der exzellent geschrieben ist.

Ruth Ware: Englische Bestseller-Autorin und Expertin für Psychothriller

Ruth Ware wurde 1977 in West Sussex geboren und wuchs in Lewes an der Südküste Englands auf. Sie studierte Englisch an der Manchester Universität, wo sie ihre Liebe zu alt- und mittelenglischen Texten entdeckte. Bevor sie sich der Schriftstellerei widmete, arbeitete sie als Kellnerin und Buchhändlerin. Darüber hinaus unterrichtete sie Englisch als Fremdsprache in Paris und war nach ihrer Rückkehr 14 Jahre lang als Pressereferentin für einen Verlag tätig. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder arbeitete sie zunächst in Teilzeit und begann dann zu schreiben.

Unter dem Pseudonym Ruth Warburton verfasste sie fünf Romane für junge Erwachsene, bevor sie sich dem Genre der Psychothriller zuwandte. Mit ihrem Debütroman In a Dark, Dark Wood (Im tiefen, tiefen Wald), der 2015 erschien, gelang ihr nicht nur der Sprung auf die Bestsellerlisten in Großbritannien und den USA, sondern auch der Durchbruch als Schriftstellerin. Die Verfilmung des Buches soll von Hollywood-Star Reese Witherspoon produziert werden. Auch Wares darauf folgender Thriller, der hier vorgestellte The Woman in Cabin 10, wurde ein internationaler Bestseller und schaffte es sogar auf Platz 1 der amerikanischen Top Seller. Die Rechte für die Verfilmung des Pageturners hat sich bereits CBS Films gesichert.

Ihr dritter Roman, The Lying Game, der noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, erschien im Juli 2017 und wurde ebenfalls von Kritikern und Lesern begeistert aufgenommen. Auch dieser Thriller soll von der Gotham Group verfilmt werden. Im Sommer 2018 erscheint nunmehr ihr viertes Werk, das den Titel The Death of Mrs. Westaway trägt und mit Sicherheit wieder ein Bestseller wird.

In ihrer Freizeit ist die Autorin eine begeisterte Leserin. Ihre ganz private Top Five Booklist beinhaltet folgende Romane: 1. Miss Pym Disposes von Josephine Tey, 2. The Secret History von Donna Tartt, 3. Gaudy Night von Dorothy L. Sayers, 4. Murder Most Unladylike von Robin Stevens sowie 5. Note on a Scandal von Zoe Heller.

Weitere Informationen über die Schriftstellerin findet ihr auf ihrer Website www.ruthware.com, der Verlags- und der englischen Wikipedia-Seite, denen ich auch die o.g. biografischen Details entnommen habe.


Originalausgabe: Ware, Ruth. The Woman in Cabin 10. London: Harvill Secker/Vintage Publishing/Penguin Random House, 2016.
Deutsche Ausgabe: Ware, Ruth. Woman in Cabin 10. Aus dem Englischen von Stefanie Ochel. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2017.

Buchcover: ©  dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Bildnachweis: ©  Dannysee, Pixabay

Lesehighlights der ganz besonderen Art:
Die Leo-Wechsler-Krimis von Susanne Goga

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Wer meinen Blog des Öfteren liest, weiß, wie sehr ich die 20er Jahre und ausgeklügelte, nervenaufreibende Krimis mit vielen unerwarteten Wendungen liebe. Bei Susanne Gogas Krimireihe um Kommissar Leo Wechsler, die im Berlin der Zwanziger Jahre spielt, kommen beide Komponenten auf brillante Weise zusammen und sorgen mit spannenden Fällen, außergewöhnlichen Protagonisten und vielen interessanten historischen Informationen für exzellente Unterhaltung. Die Autorin hat ausführlich recherchiert und erweckt das Berlin der damaligen Zeit mit seinen politischen Wirren und sozialen Gegensätzen, kulturellen Attraktionen, moralischen Abgründen und ausschweifender Dekadenz mit großer Detailtreue wieder zum Leben. Sie nimmt die Leser mit auf eine erlebnisreiche und soghafte Zeitreise in die Roaring Twenties und zeigt auch die unglamouröse Seite dieser oftmals glorifizierten Ära, die von Inflation und bitterer Armut geprägt war.

Sehr gekonnt verbindet Goga fesselnde Kriminalfälle mit der persönlichen Lebensgeschichte ihres Protagonisten, Kommissar Leo Wechsler. Dieser ist nach dem tragischen Tod seiner Frau Dorothea mit seinen beiden Kindern Georg und Marie auf sich allein gestellt. Seine Schwester Ilse zieht zu ihm und kümmert sich um den Haushalt und die Kleinen, denn Leos Job wäre als alleinerziehender Vater sonst nicht machbar. Obwohl Leo und Ilse sich im Allgemeinen gut verstehen, gibt es des Öfteren Reibereien, denn Leo ist viel zu oft nicht zuhause, und Ilse hadert mit ihrem Privatleben, das auf der Strecke bleibt. Aber auch Leos Privatleben lässt zu wünschen übrig: Seine On-und-Off-Affäre mit Lebedame Marlen vermag seine innere Leere nicht zu füllen. Der einzige Lichtblick ist Clara, die eine kleine Leihbücherei betreibt und die er immer wieder gerne besucht, um ihr sein Herz auszuschütten. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.  Nur so viel: Die Auf und Abs in Leos Leben sind ebenso packend wie die rätselhaften Verbrechen, die er aufklären muss.

Band 1: Leo Berlin

Berlin 1922: Der Wunderheiler Gerhard Sartorius wird tot in seiner luxuriösen Wohnung in Charlottenburg aufgefunden – erschlagen mit einer schweren Buddha-Figur aus Jade. Ein Schock für die Haute Volée Berlins, denn Sartorius behandelte primär die Schönen und Reichen, die seine Dienste mit äußerster Diskretion untereinander weiterempfahlen. Kommissar Leo Wechsler steht vor einem Rätsel: Es gibt keinerlei Anhaltspunkt, keine Zeugen und nicht die geringste Spur des Täters, den Sartorius scheinbar gekannt haben muss, da es keinerlei Hinweis auf ein gewaltsames Eindringen gibt. Wechsler findet heraus, dass Sartorius seine betuchte Kundschaft nicht nur mit Händeauflegen behandelte, sondern sie ebenso mit Kokain versorgte. Doch diesbezüglich laufen seine Ermittlungen ins Leere.

Als man dann zu einem späteren Zeitpunkt die Leiche einer alternden Prostituierten im Scheunenviertel findet, die brutal erdrosselt wurde, wird Wechsler hellhörig. Sein Bauchgefühl sagt ihm, dass zwischen den Morden ein mysteriöser Zusammenhang bestehen muss, obwohl es nichts gibt, was seine These stützt. Der Täter bleibt ein nicht greifbares Phantom, bis Wechsler schließlich eine entscheidende Information erhält, die ihn über Umwege auf die Spur des rachsüchtigen Killers führt…

Band 2: Tod in Blau

Der junge Carl Bremer, der als Verkäufer in einer Konfektionshandlung arbeitet, wird tot aus dem Landwehrkanal gezogen. Wechsler vermutet zunächst Selbstmord, doch es verdichten sich Hinweise, die auf Mord hindeuten. Insbesondere seine Korrespondenz mit der Asgard-Gesellschaft, einer rechtsextremen Organisation, deren Mitglieder ausschließlich ehemalige Offiziere sind, weckt Wechslers Interesse. Doch der Kommissar und sein Team können nichts Verwertbares gegen diese nationalistische Vereinigung in Erfahrung bringen. Da sich ein Mord ebenso wenig nachweisen lässt, ist Wechsler gezwungen, die Ermittlungen zunächst als abgeschlossen zu betrachten.

Als dann der skandalträchtige Maler Arnold Wegner, der das Establishment mit seinen Bildern gleichermaßen schockiert wie begeistert, verbrannt in seinem Atelier aufgefunden wird, führt die Spur ein weiteres Mal zur dubiosen Asgard-Gesellschaft. Doch dieses Mal lässt sich Wechsler nicht so einfach abwimmeln, insbesondere da sich Wegners Tod als brutaler Mord herausgestellt hat. Aber auch in diesem Fall kann der Kommissar nichts Belastendes gegen die aalglatten Vertreter der geheimnisvollen Organisation finden, bis ihn seine Ermittlungen schließlich zur Tänzerin Thea Pabst, das letzte Modell des Malers, und zum kleinen Paul führen, der – ohne es zu ahnen – das Motiv zum Mord an Wegner hütet: Der Maler hatte ihm sein letztes Bild mit dem Titel Die blaue Stunde zur Aufbewahrung anvertraut, weil er die Gefahr ahnte. Paul ist nicht bereit, sein Versprechen gegenüber Wegner zu brechen, und so beginnt für Wechsler ein Wettlauf mit der Zeit, denn der Kleine gerät ins Visier des Täters, der vor nichts und niemandem zurückschreckt, um sein dunkles Geheimnis zu bewahren…

Band 3: Die Tote von Charlottenburg

Berlin 1923: Leo Wechsler und seine Freundin Clara Bleibtreu verbringen entspannte Urlaubstage auf Hiddensee, wo Clara die Ärztin und engagierte Frauenrechtlerin Henriette Strauss kennenlernt. Henriette ist Clara sofort sympathisch, ihre offene und erfrischende Art findet sie äußerst wohltuend. Als Henriette einige Monate später plötzlich verstirbt, ist Clara mehr als schockiert. Die Todesursache soll ein Herzanfall gewesen sein, doch Henriettes Neffe Adrian, der sehr an seiner Tante hing, kann und will das nicht glauben, denn Henriette erfreute sich bester Gesundheit und hatte keinerlei Herzprobleme. Leo ermittelt und kommt schließlich einem perfiden Verbrechen auf die Spur: Die Ärztin wurde mit einer seltenen Substanz vergiftet.

Der Kommissar ermittelt daraufhin in alle Richtungen: Angefangen beim Krankenhaus, in dem Henriette arbeitete, wo man von nicht genehmigten Experimenten an Patienten munkelt, die die streitbare Ärztin keinesfalls mittragen wollte, bis hin zu ihrer vehementen Ablehnung des Abtreibungsparagraphen, für dessen Abschaffung sie sich stark machte. Aber auch ihr sogenannter Frauenzirkel, dem u.a. eine Arztin, eine Rechtsanwältin und eine Journalistin angehören, gerät ins Visier der Polizei. Doch dann richtet sich zu Wechslers Entsetzen der Fokus auf eine Person, der man einen solch teuflischen Mord niemals zutrauen würde. Der Kommissar glaubt an einen Irrtum, denn es lässt sich keinerlei Motiv erkennen. Doch schließlich kommt er Henriettes dunklem Geheimnis auf die Spur, das sie selbst ihrer Familie nie offenbarte…

Band 4: Mord in Babelsberg

Berlin 1926: In Kreuzberg wird die Leiche einer Frau im Hinterhof einer luxuriösen Wohnanlage gefunden, die mit einer roten Glasscherbe erstochen wurde. Leo Wechsler stockt der Atem, als er die Tote sieht: Es handelt sich um Marlen Dornow, mit der er vor einigen Jahren nach dem Tod seiner Frau Dorothea ein Verhältnis hatte. Dornow ließ sich stets von reichen Männern, darunter auch Politiker, aushalten und machte daraus auch keinen Hehl. Wechsler gelingt es nur mit Mühe, sein Entsetzen zu verbergen. Er beschließt, niemanden darüber zu informieren, dass er die Tote kannte – weder seine Kollegen noch seine Frau Clara, vor der er sich schämt.

Die Ermittlungen führen zunächst ins Leere, es gibt keine Zeugen und keine Spur des Täters. Doch dann wird der berühmte Regisseur Viktor König, dessen neuestes Werk Die Insel des Magiers sein Publikum zu Begeisterungsstürmen hingerissen hat, tot aufgefunden – ebenfalls mit einer roten Glasscherbe erstochen. Nunmehr erhält der Fall eine ganz neue, dringliche Aktualität, denn die Öffentlichkeit will den Täter so schnell wie möglich hinter Gittern sehen. Wechsler ermittelt mit Hochdruck, aber wo liegt die Verbindung zwischen Marlen Dornow und Viktor König? Bei Marlen hatte er zunächst vermutet, dass einer ihrer namhaften Sugar Daddys der Täter ist, doch dies erwies sich scheinbar als unbegründet. Als Leo dann nach detaillierten Recherchen endlich einen Hinweis auf den möglichen Täter findet, erwartet ihn ein weiterer Schock…

Band 5: Es geschah in Schöneberg

Berlin 1927: Der Modesalon Morgenstern & Fink, dessen Inhaber das Ehepaar Lotte Morgenstern und Carl Fink ist, hat für seine neueste Modenschau eine ganz besondere Location gewählt: Das Romanische Café in Berlin, in dem sich das Who is Who der Künstlerszene trifft, scheint wie geschaffen für die extravagante Mode des Fashion Hauses, zu dessen Kunden auch bekannte Filmschauspielerinnen zählen. Doch das bis ins Detail geplante Event endet in einer Katastrophe: Zwei der Kleider wurden mit einem Kontaktgift präpariert, die jeweiligen Models kommen mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus. Wechsler, der mittlerweile zum Oberkommissar ernannt wurde, ermittelt zunächst bei der Konkurrenz des aufstrebenden Modesalons, der für die alteingesessenen Modehäuser durch die innovativen, kapriziös-eleganten Entwürfe von Fink mehr und mehr zu einer existentiellen Bedrohung geworden ist.

Noch bevor sich Wechsler allerdings näher mit den Wettbewerbern befassen kann, wird er zu einem weiteren Tatort gerufen: Rainer Vogt, ein Mitarbeiter von Dr. Markus Hirschfeld am Institut für Sexualwissenschaft, liegt erschlagen in seiner Wohnung. Dort findet Wechsler zu seiner Überraschung auch einen Flyer des Modesalons Morgenstern & Fink. Für den Kommissar ist offensichtlich, dass es zwischen dem Anschlag auf das Modehaus und dem brutalen Mord an Vogt eine Verbindung geben muss, doch wie hängen die Fälle zusammen? Als sich Carl Fink nach Übermittlung der Todesnachricht von Vogt völlig verzweifelt abkapselt, glaubt Wechsler, den Hintergrund zu kennen, nicht ahnend, dass er von der Lösung des Falles noch meilenweit entfernt ist…

***

Der neue Fall von Leo Wechsler und gleichzeitig der sechste Band dieser Krimireihe trägt den Titel Nachts am Askanischen Platz und erscheint am 9. Februar 2018. Ich bin schon sehr gespannt, denn dieses Mal ermittelt Leo Wechsler im „Cabaret des Bösen“…

Ich empfehle euch die o.g. Krimireihe von Susanne Goga wirklich sehr, denn ihre Romane sind nicht nur äußerst klug konzipiert und sehr gehaltvoll, sondern vermitteln darüber hinaus ein lebendiges Bild vom Berlin der Zwanziger Jahre, dessen Mythos als Sünden-Babel lediglich an der schillernden Oberfläche kratzt. Goga zeigt die Menschen im Schatten, die Schicksale der verelendeten Bevölkerung, die hungernden, herumstreunenden Kinder (z.B. der kleine Paul aus Tod in Blau), für die es nirgends einen Platz gibt. Ebenso exponiert sie die Welt der Mächtigen und Reichen der damaligen Zeit (z. B. Protagonist Viktor König aus Mord in Babelsberg) und ihr sorgloses Leben im Überfluss, das angesichts der inflationären Verarmung mehr als dekadent erscheint.

Alles in allem sind Gogas Romane spannende, erstrangige Lesehighlights der ganz besonderen Art, die sich von der Masse der historischen Kriminalromane erfolgreich abheben. Sehr lesenswert!

© Myriam Topel

Susanne Goga: Schriftstellerin und Literaturübersetzerin

Susanne Goga wurde 1967 in Mönchengladbach geboren und studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf mit den Schwerpunkten Englisch und Französisch. Zunächst arbeitete sie hauptberuflich als Übersetzerin und hat seit 1995 ca. 100 Romane (u.a. von Gillian Flynn, Chris Cleave, Elizabeth Gilbert, Peter James u.v.m.), Kurzgeschichten und Sachbücher aus dem Englischen und Französischen ins Deutsche übersetzt.

Seit 2001 ist sie ebenfalls sehr erfolgreich als Schriftstellerin tätig. Neben der o.g. einzigartigen und äußerst spannenden Kriminalromanreihe um den Berliner Kommissar Leo Wechsler schreibt Goga auch historische Romane: Das Leonardo-Papier, Die Sprache der Schatten, Der verbotene Fluss, Der dunkle Weg, Das Haus in der Nebelgasse und ihr neuestes Werk, Die vergessene Burg, das am 10. September 2018 erscheint.

Mit ihrer Kurzgeschichte Der Sparkasten belegte Susanne Goga 2006 Platz 2 des Moerser Literaturpreises. Ein Jahr später gelang ihr mit ihrer Kurzgeschichte Zigarettenmädchen der Sprung auf Platz 1 des Moerser Literaturpreises. 2012 erhielt sie für ihren o.g. historischen Roman Die Sprache der Schatten den DeLia-Literaturpreis. Drei Jahre später wurde der Autorin eine ganz besondere Ehre zuteil: Für Band 4 ihrer Leo-Wechsler Reihe – Mord in Babelsberg – erhielt sie den Goldenen HOMER für den besten historischen Kriminalroman.

Susanne Goga ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, das zu PEN International, einem Verbund von über 140 Schriftstellerorganisationen aus 101 Ländern, gehört.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website susannegoga.de, der ich auch ihre biografischen Informationen entnommen habe.


Goga, Susanne. Leo Berlin. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2005.
Goga, Susanne. Tod in Blau. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2007.
Goga, Susanne. Die Tote von Charlottenburg. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2012.
Goga, Susanne. Mord in Babelsberg. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2014.
Goga, Susanne. Es geschah in Schöneberg. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2016.
Goga, Susanne. Nachts am Askanischen Platz. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 9.2.2018.

Buchcover: © dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Autorenfoto: © Myriam Topel
Bildnachweis: © Jake William Heckey, Pixabay