Selbstverleugnung

James Baldwin: Giovannis Zimmer

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

James Baldwin war eine der bedeutendsten Stimmen für ein offenes, tolerantes Amerika und kämpfte Zeit seines Lebens – u.a. gemeinsam mit der Bürgerrechtsbewegung in den 50er und 60er Jahren – gegen Rassismus und Diskrimierung. Doch er ließ sich nicht in eine Schublade pressen und schon gar nicht vor einen Karren spannen: Er wollte weder eine Leitfigur der erniedrigten Schwarzen noch der entwürdigten Homosexuellen sein. In Raoul Pecks brillantem Dokumentarfilm über den Autor mit dem bezeichnenden Titel I Am Not Your Negro wird deutlich, dass Baldwin sich stets für Individualismus und ein selbstbestimmtes Leben einsetzte. Und so zentrieren sich denn auch seine Romane nicht ausschließlich um Ausgrenzung, Stigmatisierung und gleichgeschlechtliche Liebe, sondern thematisieren in erster Linie existentielle Dilemmata, die einen Menschen in seinen Grundfesten erschüttern und oftmals in einer Tragödie enden.

Dies gilt auch für einen seiner berühmtesten Romane Giovannis Zimmer, mit dem Baldwin sein Renommee als Schriftsteller manifestierte, obwohl er von der tragischen Liebe zweier Männer handelt – ein Skandal und Tabubruch in der damaligen Zeit, denn der Autor erzählt in aller Offenheit von Leidenschaft, Lust und sexueller Obsession in einer Gesellschaft, in der Prüderie zum Lebensalltag gehörte und jede Form des Andersseins als krankhaft betrachtet wurde. Selbstverleugnung und Selbsthass waren die Folgen, die nicht selten in einen Identitätskonflikt und Sinnverlust mündeten. Schonungslos zeigt Baldwin auf, wie eine solch bigotte Gesellschaft ein Individuum zerstören kann, wie sie ihm jegliche Würde und Selbstachtung nimmt, bis am Ende nichts mehr übrig ist, außer dem Ekel vor der eigenen Persönlichkeit.

„Ich vermute, einer der Gründe, warum Menschen so hartnäckig an ihrem Hass festhalten, ist, weil sie spüren: Wenn der Hass einmal verschwunden ist, werden sie gezwungen sein, sich mit Schmerz zu beschäftigen.“ – so versuchte Baldwin, die verabscheuungswürdigen Auswüchse einer rigiden, menschenfeindlichen Gesellschaft zu erklären. Zum damaligen Zeitpunkt konnte er nicht ahnen, wie wahrhaftig sein Statement gerade in der heutigen Zeit noch sein würde…

Schicksalhafte Begegnung

Der junge Amerikaner David hat seiner Heimat den Rücken gekehrt, um in Paris einen Neuanfang zu wagen. Nach dem Tod seiner Mutter war das Zusammenleben mit seinem trinkfreudigen Vater und seiner engstirnigen Tante so unerträglich für ihn, dass er sein altes Leben nur noch hinter sich lassen wollte. Eine sexuelle Erfahrung mit einem Jungen warf ihn dann völlig aus der Bahn, so dass er – völlig schockiert über sich selbst – die Flucht in die französische Hauptstadt antrat.

Doch auch dort gestaltet sich das Leben alles andere als einfach. Das Geld, das ihm sein Vater gegeben hatte, reicht vorn und hinten nicht, und so wendet sich David an seinen homosexuellen Bekannten Jacques, um sich etwas zu leihen. Als sich die beiden in Guillaumes Gay Bar auf einen Drink treffen, lernen sie den attraktiven neuen Barmann Giovanni kennen. Der ältere Jacques ist sofort Feuer und Flamme, doch David geht zunächst auf Distanz. Giovanni lässt jedoch nicht locker und buhlt um Davids Gunst. Er gibt nicht auf und zeigt sich sogar ungerührt, als David ihm von seiner Verlobten Hella erzählt, die in Spanien verweilt. Schließlich freunden sich beide an und beginnen eine stürmische Affäre, die David nur noch mehr verstört.

Zerstörerische Leidenschaft

Während Giovanni ganz in der Beziehung aufgeht und versucht, das Zusammenleben der beiden in seinem kleinen schäbigen Zimmer so normal es zur damaligen Zeit eben geht zu gestalten, hadert David mit der Beziehung. Er kann sich nicht einbringen und verleugnet sein wahres Ich, indem er sich einredet, dass alles anders wird, sobald Hella wieder zurückgekehrt ist. Giovanni bemerkt Davids Reserviertheit und Kälte und wirft ihm wütend vor, nicht lieben zu können. Dies trifft David ins Mark, aber trotz alledem bringt er es nicht über sich, zu seinen Gefühlen zu stehen. Im Gegenteil: Davids anfängliche Zuneigung schlägt in Verachtung um, bis er schließlich kaum noch Zeit mit Giovanni verbringt, der sehr darunter leidet.

Schreckliche Tragödie

Als Hella aus Spanien zurückkehrt, glaubt David, dass alles wieder so wird wie vorher. Aber er bemerkt schnell, wie sehr er sich getäuscht hat. Auch zu ihr kann er keine wirkliche Beziehung aufbauen, er ist hin- und hergerissen zwischen einem konventionellen Leben mit Ehefrau und Kindern, das ihn an Hellas Seite erwarten würde, und seinen leidenschaftlichen Gefühlen für Giovanni. Hella erkennt, wie sehr sich David verändert hat und ist irritiert, als David ihr Giovanni als „einen Freund“ vorstellt, denn sie spürt, dass zwischen den beiden etwas Ungreifbares schwebt.

Als David den Wirrwarr in seinem Kopf nicht mehr ertragen kann, flüchtet er sich in eine Affäre mit einem Unbekannten und setzt damit eine tragische Abwärtsspirale in Gang, die den Menschen, der ihm am meisten bedeutet, in den Abgrund reisst…

Tragische Liebesgeschichte mit existentiellem Hintergrund

Giovannis Zimmer ist nicht nur eine berührende tragische Liebesgeschichte, sondern beschreibt auch das existentielle und moralische Dilemma von David, ein zutiefst zerrissener Mensch, der sich nicht zu dem bekennen kann, was er ist. Zum einen, weil er seine verworrenen Gefühle nicht einordnen kann – zum anderen, weil es in seinen Augen keinen Platz für ihn in einer Welt voller festgefahrener Rollenbilder zu geben scheint. Er bleibt ein Außenseiter, der nirgendwo Fuß fasst, ein Outcast, dessen ständige Begleiter Scham, Schuldgefühle und Reue sind, weil er dem Männerbild der damaligen Zeit nicht entspricht.

Und so bleibt ihm nicht anderes als Distanz zu den Menschen zu halten und mit lieblosen Affären seiner Einsamkeit zu entfliehen. Nachdem seine Beziehung mit Giovanni in einer Katastrophe geendet hat, macht er sich große Vorwürfe, aber ihm ist auch bewusst, dass er sich niemals aus seinem inneren Gefängnis befreien kann. Eine traurige Einsicht, die ihn am Ende weiterziehen lässt, wohl wissend, dass er ein weiteres Mal die Flucht ergreift – nicht nur vor den schrecklichen Erinnerungen, sondern in erster Linie vor sich selbst.

James Baldwin: Bedeutender US-Schriftsteller, Dramatiker, Essayist und Poet

James Baldwin wurde 1924 in Harlem/New York geboren. Seine Mutter trennte sich von seinem biologischen drogensüchtigen Vater und heiratete den Baptistenprediger David Baldwin. Die Familie war arm, lebte im Ghetto, und James geriet ständig mit seinem strengen, von religiösem Fanatismus geprägten Stiefvater aneinander, der ihn schlecht behandelte. Um jegliches Konfliktpotential zu vermeiden, verbrachte er den größten Teil seiner Zeit allein in der Bibliothek. Schon früh entdeckte Baldwin seine Leidenschaft fürs Schreiben und verfasste im Alter von nur 13 Jahren den Artikel „Harlem – Then and Now“, der prompt in der Schulzeitung veröffentlicht wurde.

Um die Spannungen zwischen ihm und seinem Stiefvater zu mildern, war Baldwin bis zu seinem 17. Lebensjahr als Nachwuchsprediger in der gleichen Gemeinde tätig, nur um sich danach desillusioniert vom Christentum abzuwenden, das in seinen fatalistischen Auswüchsen ebenfalls Diskriminierung proklamierte. Und davon hatte er mehr als genug, denn bereits in seiner Jugend machte Baldwin existentielle Erfahrungen mit Rassismus, der ihm aufgrund seiner Hautfarbe unverhohlen entgegenschlug.

Nachdem er die Schule in der Bronx erfolgreich abgeschlossen hatte und dort erste Schreib-Erfahrungen mit der Herausgabe einer Schülerzeitung sammeln konnte, verließ er zunächst seine Familie, um Autor zu werden, kehrte aber nach dem Tod seines Stiefvaters zurück. Dank seines schriftstellerischen Mentors Richard Wright erhielt er schließlich ein Stipendium. Doch der erhoffte Erfolg blieb aus, und auch sein Verhältnis zu Wright wurde bald durch dessen puritanischen Ansichten getrübt, die Baldwin nicht akzeptieren konnte.

Baldwin verließ die USA und zog nach Paris. Aber auch hier kam er nicht zu Ruhe und erlitt einen Nervenzusammenbruch. Nach seiner Rückkehr in die USA schrieb er 1953 seinen ersten Roman Go tell it on the mountain, mit dem ihm endlich der langersehnte schriftstellerische Durchbruch gelang. Sein zweites Werk, Giovannis Zimmer, das 1956 erschien, sorgte für einen Eklat, denn niemand hatte sich zuvor derart offen mit dem Thema Homosexualität auseinandergesetzt. Und so wurde es zunächst in England veröffentlicht, weil Baldwins amerikanische Verleger den Roman aus Angst vor der öffentlichen  Reaktion ablehnten.

Für Baldwin ging es karrieremäßig weiter bergauf. Er engagierte sich für die Bürgerrechtsbewegung, verließ aber angesichts des Attentats auf Martin Luther King sein Land erneut, um ins Exil nach Frankreich zu gehen – dieses Mal kehrte er nicht zurück. Der glorreiche amerikanische Traum, Leitbild so vieler Amerikaner, hatte für ihn seinen Glanz und vor allem seine Realisierbarkeit verloren. Baldwins letzter Roman Just above my head erschien 1981. Er starb am 1. Dezember 1987 in Saint-Paul-de-Vence, Provence-Alpes-Côte d’Azur, an Krebs.


Originalausgabe: Baldwin, James. Giovanni’s Room. New York: Dial Press, 1956.
Deutsche Ausgabe: Baldwin, James. Giovannis Zimmer. Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2020.
Buchcover:  © dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Bildnachweis: © StockSnap (pixabay)