Philosophenmorde

Ingo Bott: Das Recht zu strafen

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Er ist einer der toughsten Strafverteidiger Deutschlands und renommierter Berater des Europarats, der sich auch auf internationaler Ebene einen Namen als versierter Jurist gemacht hat. Ein rundum ausfüllender Job, könnte man meinen, doch dann hat Ingo Bott die Schriftstellerei für sich entdeckt – und offenbart ein weiteres seiner Talente. Mit seinem Erstlingswerk Das Recht zu strafen ist ihm ein sehr vielversprechendes, klug konzipiertes Thriller-Debüt gelungen, das bis zum fulminanten Ende in Atem hält. Sein Protagonist, der erfolgsverwöhnte Strafverteidiger und Womanizer Max Faber, hat das Zeug zur Serienfigur – in jeder Hinsicht. Obwohl Bott den smarten, gutaussehenden Advokaten zunächst in das übliche aalglatte Rechtsanwalts-Klischee steckt, bemerkt man als Leser sehr schnell, dass Faber vielschichtiger ist, als es den Anschein hat. Allerdings ist es äußerst schwierig, ihn zu mögen, denn er ist nicht gerade ein Sympathieträger. Seine Kaltschnäuzigkeit, sein steinzeitliches Frauenbild und seine Selbstverliebtheit sind grenzwertig – doch er ist ein Typ, dessen Lebensfährte man als Leser einfach aufnehmen muss, weil man ahnt, dass unter seiner Oberfläche etwas Ungreifbares lauert. Doch zunächst zur Story:

Wie ein Schlaf ohne Traum1: Mord im Zeichen der Philosophie

Als die junge griechische Philosophiestudentin Anastasia Marafakis ermordet und verstümmelt in einem Gewölbe in Berlin gefunden wird, steht das Ermittlerteam um Kommissar Lutz Hennings vor einem Rätsel. Die Leiche wurde wie ein antikes Gemälde inszeniert, Spuren gibt es keine. Nach der Obduktion ist lediglich klar, dass die Frau an einer Vergiftung starb. Staatsanwältin Anna Sánchez-Amann ist schockiert über die Brutalität der Tat und versucht mit Hochdruck, den Fall voranzubringen. Doch dies gestaltet sich mehr als problematisch, denn die Suche nach Hinweisen und Anhaltspunkten, die zum Täter und seinem Motiv führen könnten, bleibt erfolglos – bis Sánchez-Amann ein anonymes Schreiben mit einem Zitat von Sokrates erhält.

Ein geeigneter Verdächtiger?

Aber noch bevor die Ermittler zu neuen Erkenntnissen gelangen, geschieht der zweite, noch bizarrere Mord: Das Opfer ist die französische Philosophielehrerin Fabienne Wiltord, die ebenfalls vergiftet wurde. Und auch dieses Mal macht der Killer die Staatsanwältin mit einem philosophischen Zitat von Descartes auf sich aufmerksam. Die abscheulichen Taten rufen die Presse auf den Plan, die die Philosophenmorde nur allzu gerne öffentlichkeitswirksam ausschlachtet. Nach dem Auffinden einer dritten Leiche und weitergehenden intensiven Recherchen rückt ein Philosophieprofessor in den Fokus von Staatsanwältin Sánchez-Amann, die trotz lediglich schwacher Indizien einen Haftbefehl erwirkt.

Ein Fall für Faber

Doch sie hat die Rechnung ohne den gerissenen Strafverteidiger und Mediendarling Max Faber gemacht, der sich wie ein Besessener auf den spektakulären Fall stürzt und den Angeklagten verteidigt. Dies natürlich nicht nur, weil er so ein guter Mensch ist und an die Unschuld seines Mandanten glaubt, sondern vor allem, um sich und seine Kanzlei medienwirksam zu inszenieren und weitere Mandate zu akquirieren. Der Staranwalt und die Staatsanwältin kommen sich allerdings nicht nur ins Gehege – sie landen auch zusammen im Bett. Faber ist von sich schwer begeistert und sonnt sich in seinem persönlichen und beruflichen Erfolg, bis Staatsanwältin Sánchez-Amann zum Entsetzen ihrer Soko-Kollegen vom einen auf den anderen Tag spurlos verschwindet.

Wettlauf gegen die Zeit

Die Spur führt zu Faber, der plötzlich als Beschuldigter ins Visier der Ermittler gerät. Ihm ist klar, dass er sich aus dieser brenzligen Lage nicht mit seinem üblichen Charme und seiner juristischen Finesse befreien kann, sondern dass er auf eigene Faust ermitteln muss, wenn er sich und seinen Ruf retten will. Doch ihm läuft die Zeit davon, denn alles spricht dafür, dass Sánchez-Amann in nur wenigen Tagen das nächste Opfer des phantomhaften Serienkillers werden wird…

Fesselndes Thriller-Debüt mit dramatischem Show-down

Nach längerer Zeit habe ich mit Das Recht zu strafen endlich mal wieder einen qualitativ hochwertigen Thriller gelesen, der nicht nur durch ein einzigartiges Plot überzeugt. Neben Hochspannung, vielen geschickt eingestreuten falschen Fährten und einem dramatischen Show-Down-Finale, das seinesgleichen sucht, hat Bott mit Max Faber einen Protagonisten erschaffen, der im Gedächtnis bleibt – und das obwohl oder gerade weil er angesichts seiner Überheblichkeit und Egozentrik nur schwer zu ertragen ist. Die Bukowsky-eske Ausdrucksweise, mit der der Autor uns an der Gedankenwelt seiner Hauptfigur teilhaben lässt, insbesondere in Bezug auf Frauen, tut ihr Übriges, um Faber als archaischen Männertypus zu etablieren, den selbst seine männliche Kollegen als Arschloch bezeichnen. Doch das allein wäre zu einfach und klischeebehaftet. Man spürt Fabers Einsamkeit trotz vieler Affären und erfolgreicher Auftritte im Rampenlicht und seine innere Unruhe, die ihn umtreibt und vermuten lässt, dass hinter seiner schillernden Fassade etwas verborgen liegt, das er nicht ans Licht kommen lassen kann und darf.

Gleiches gilt für Botts zentrale weibliche Hauptfigur, Anna Sánchez-Amann, die ebenfalls hervorragend gezeichnet ist und deren verhängnisvolles Geheimnis am Ende auf so dramatische Weise zutage tritt. Ihr Ehrgeiz und ihr damit verbundener unbedingter Wille, sich als erfolgreiche Staatsanwältin zu behaupten, machen sie zu einem Spiegel ihres männlichen Pendants, aber im Gegensatz zu Faber gibt sie ihrer Verletzlichkeit und ihrer Verzweiflung Raum – auch wenn sie es nur im Verborgenen und nicht vor ihren Kollegen  tut.

Zusammenfassend hat Das Recht zu strafen alles, was einen hervorragenden Thriller ausmacht: Eine ausgefallene Story mit Sogwirkung, singuläre Charaktere und ein absolut überraschendes, schockierendes Ende. Zudem gibt es auch noch einen kurzen hochinteressanten philosophischen Exkurs über Sokrates, Descartes und Camus. Daher mein Fazit: Eine große Leseempfehlung für einen packenden Thriller, der meines Erachtens schon längst auf der Bestseller-Liste stehen müsste.

Im Übrigen haben Das Recht zu strafen und sein gewöhnungsbedürftiger Protagonist Max Faber meines Erachtens unbedingtes Verfilmungspotential. Clemens Schick, der gerade in der Nordic Noir-Serie Arctic Circle als undurchsichtiger Pharmaboss Eiben brilliert, wäre hier sicherlich die Idealbesetzung für den egozentrischen Staranwalt..

Dr. Ingo Bott: Erfolgreicher Strafverteidiger und Schriftsteller

Dr. Ingo Bott wurde 1983 in Rastatt geboren. Nach einem abgeschlossenen Studium der Rechtswissenschaften – u.a. in Freiburg, Sevilla, Montevideo, Passau – promovierte er über das Thema In dubio pro Straffreiheit – Untersuchungen zum Lebensnotstand. Nach seiner Zulassung als Anwalt 2012 war er zunächst in einer auf Wirtschaftsstrafrecht spezialisierten Kanzlei in Düsseldorf tätig, bis er schließlich im Mai 2018 seine eigene Kanzlei Plan A gründete. So war er u.a. auch im kontroversen Loveparade-Prozess als Verteidiger erfolgreich tätig.

Darüber hinaus berät Bott, wie bereits erwähnt, den Europarat und ist außerdem als Dozent tätig.

Neben der Juristerei ist die Schriftstellerei sein zweites Steckenpferd. Sein erster Roman, der hier vorgestellte Das Recht zu strafen, erschien 2017 im GRAFIT Verlag. Derzeit arbeitet Bott am zweiten Roman seiner Serie um Protagonist Max Faber. Ich bin sehr gespannt, wie es hier weitergeht…


Originalausgabe: Bott, Ingo. Das Recht zu strafen. Dortmund: GRAFIT Verlag GmbH, 2017.
Buchcover:  © GRAFIT Verlag GmbH
Autorenfoto: © Dr. Ingo Bott
Bildnachweis Philosophenbüsten: © morhamedufmg, Pixabay
1Quelle – Sokrates über den Tod. In: Des Sokrates Verteidigung (Apologie): „32. Hoffnungen für den Tod“, Übersetzung Schleiermacher 1805.