Im Auge des Betrachters

Julian Barnes: Kunst sehen

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Über Kunst lässt sich bekanntlich streiten, denn sie und ihre Wirkung – ebenso wie die Schönheit – liegen im Auge des Betrachters. Doch wie betrachtet man ein Gemälde? Wie s i e h t man Kunst? Dieser und anderen Frage(n) widmet sich der englische Schriftsteller Julian Barnes in seiner inspirierenden Kurzgeschichten-Sammlung Kunst sehen. In seinen 17 erfrischenden Stories nimmt er uns mit auf einen spannenden und äußerst lehrreichen Streifzug durch Epochen und Stilrichtungen – von der Romantik über den Realismus, Impressionismus, Symbolismus bis hin zur Klassischen Moderne mit Schwerpunkt auf Surrealismus und Pop Art. Im Vordergrund stehen dabei nicht nur berühmte Gemälde, ihre Betrachtungsweise und Entschlüsselung, sondern auch und vor allem die jeweiligen genialen Künstlerpersönlichkeiten, ihre individuelle Lebensart, ihre oftmals wunderlichen Eigenarten und ebenso ihre Skandale, die sie durch ihre Kunst oder ihr Privatleben verursachten.

Barnes‘ umfassendes Expertenwissen, das er auf so kluge, charmante Weise und mit einem augenzwinkernden Humor übermittelt, ist eine Klasse für sich und macht diese Tour de l’Art zu einem ganz besonderen, sehr dynamischen Erlebnis. Ehe wir uns versehen, sind wir nicht nur mitten im künstlerischen Gestern,  in Gesellschaft der alten Meister, Möchte-gern Rebellen und Dandys, sondern auch im sich rasant verändernden Heute mit seinen radikalen kreativen Erneuerern, in deren Werken oftmals – wenn auch verzerrt – Spuren der Kunstkonzepte ihrer traditionellen Vorreiter zu finden sind. Barnes zeigt auf, wie Kunst sich im Laufe der Jahrhunderte verändert hat und in welcher jeweiligen Ausdrucksform sich dieser stetige Wandel niederschlägt. Das klingt recht theoretisch, aber der Autor weiß genau, wie er diese Informationen am besten übermittelt, um seine Leser zu fesseln: Mit Geschichten um Künstler und ihre Gemälde, die so außergewöhnlich sind, dass sie im Gedächtnis bleiben…

Kunst und Wahrheit

Kunst und Wahrheit sind der Themenschwerpunkt der ersten von drei Geschichten, die ich ausgewählt habe und kurz vorstellen möchte. Als Beispiel führt Barnes hier Théodore Gericault, einen der wichtigsten Vertreter der französischen Romantik, und sein wohl berühmtestes Werk, Das Floß der Medusa, an. Der tragische Schiffsbruch der Fregatte Medusa und der auf einem Floß verzweifelt um ihr Leben kämpfenden Passagiere ist die menschliche Tragödie, die er nach eingehenden Recherchen und nach Lektüre des Berichtes des überlebenden Arztes Henri Savigny auf die Leinwand bringt. Er schert sich den Kopf kahl, um seine Konzentration zu forcieren und macht sich mit maßloser Akribie an die Arbeit. Das Bild, das er 1819 fertigstellt, wird der größte Erfolg seines Lebens – und sein größter Fluch, denn es findet zu seinen Lebzeiten nicht die Anerkennung, die es verdient. Dies hat nicht nur politische Gründe, sondern beruht auch auf der Tatsache, dass der Horror der Katastrophe, den er so lebensecht zum Ausdruck gebracht hat, seine Zeitgenossen abstößt.

Doch wie steht es um die Wahrheit? Wie hat Gericault diese Katastrophe in seiner Kunst verarbeitet? Realitätsgetreu? Sicher nicht, so Barnes, denn Gericaults Darstellung der Passagiere beispielsweise, die allesamt muskulös und gut genährt sind, hat nichts mit den ausgemergelten und halbtoten Menschen zu tun, die sich auf dem Floß befanden und nach einem fürchterlichen Martyrium überlebten. Auch der Kanibalismus untereinander ist nur ganz vage sichtbar und zeigt nicht das wahre Ausmaß der Katastrophe, die Menschen zu Tieren machte. Aber all dies ist auch nicht notwendig, denn Gericaults Kunst besteht darin, dass er das Unglück auf eine andere Ebene transzendiert. Die Situation zwischen Hoffen und Aufgeben, als die Passagiere merken, dass die Rettung, die sich andeutet, nichts als ein Trugschluss ist, spiegelt Gericault als Situation der Conditio Humana wider, der Schiffsbruch wird zu Höherem stilisiert. Und genau darin liegt das Großartige seines einzigartigen Werkes.

Künstler und Selbstinszenierung

Als Selbstinszenierer unter den Künstlern par excellence hat Barnes das Skandalon des Realismus, Gustave Courbet, in den Fokus gestellt, der vor allem aufgrund seines damals als anstößig geltenden Werks L’Origine du Monde (Der Ursprung der Welt) in Erinnerung bleibt. Der Maler, der sich als „stolzesten und arrogantesten Mann Frankreichs“1 bezeichnete, schien das Self-Marketing, so Barnes, erfunden zu haben. Er erschuf seinen eigenen Mythos als ungehobelter Revoluzzer, der nicht nur seine künstlerischen Erfolge, sondern auch seine angefachten Eklats monetär ausschlachtete. Und seine Rechnung ging auf: Verkauften sich seine Bilder zu immensen Preisen, ließ er es das ganze Land wissen, lief das Geschäft mit der Kunst nicht so gut, malte er ein Bild, von dem er wusste, dass man es ablehnen würde, nur damit er im Gespräch blieb und seine künstlerische Attraktivität stieg. Better bad publicity than no publicity – dieses Motto galt wohl auch schon für Courbet, der damit gut leben konnte. Nicht umsonst porträtierte er sich in seinem berühmten Werk L’Atelier du Peintre als gottähnlicher Kreator, der sich – natürlich mit einer schönen Frau im Arm – die Welt malt, wie sie ihm gefällt.

Das Ende des egomanischen Draufgängers war jedoch ganz und gar nicht rühmlich: Courbet verscherzte es sich mit den politischen Entscheidungsträgern seiner Zeit, so dass ihm nur das Schweizer Exil blieb. Und auch sein Leben im Übermaß forderte schließlich seinen Tribut: Er starb einen schrecklichen Tod an durch starken Alkoholismus verursachter Wassersucht. Posthum wurde ihm, dem großspurigen Teufelskerl, jedoch eine besondere Ehre zuteil: Sein o.g. Skandalbild hängt nun im renommierten Musée d’Orsay in Paris.

Pop Art oder „Kunst, die etwas anderes tut, als in einem Museum auf dem Arsch zu sitzen“

Eine leichte, nicht allzu ernste Form der Kunst ist Pop Art, die in den 50er Jahren in Großbritannien und in den USA als Reaktion auf den stetig steigenden Konsum und die Dominanz der Massenmedien entstand, und zu deren wichtigsten Vertretern Andy Warhol,  Roy Lichtenstein und Claes Oldenburg zählen. Letzterem widmet Barnes seine Kurzgeschichte Schöne weiche Witzigkeit – und witzig ist sie allemal. Oldenburg, der sich tongue-in-cheek als kreativer Rebell definiert und als Performance-Künstler startete, machte sich mit alltagsgebräuchlichen Objekten bzw. Skulpturen einen Namen, die aufgrund der Weichheit ihrer einfachen Materialien nach etwas völlig anderem aussahen, z.B. ein Münztelefon, das zu einer Golftasche mutiert2.

Oldenburgs Kunst sollte sich von den traditionellen Konzepten insofern unterscheiden, als dass sie anfassbar und lebendig ist und darüber hinaus auch noch Spaß macht, anstatt – wie er es ausdrückte – in einem Museum auf dem Arsch zu sitzen3. Großes Nachdenken ist hier nicht angesagt, weitreichende Interpretationen – ebenfalls Fehlanzeige. Anschauen, gut oder nicht gut finden und ein Lächeln zum Vorschein bringen, wenn es gefällt – das ist das simple Ziel dieser spielerischen künstlerischen Ausdrucksform, die in unserer schnelllebigen Zeit immer noch wahrgenommen wird, ob man sie nun mag oder nicht. Unabhängig von der allgemeinen Kunstbetrachtung oder der eigenen Präferenz, hat Pop Art Kunst ein – wenn auch skurriles – Spaßelement hinzugefügt, und dies ist ebenfalls eine wichtige Errungenschaft.

Erfrischender und äußerst lehrreicher Streifzug durch die Welt der Kunst

Julian Barnes‘ Kurzgeschichtensammlung Kunst sehen hat mich wirklich begeistert. Man muss kein Kunstexperte sein, um die Stories zu verstehen bzw. genießen zu können. Für Laien wie mich waren sie eine gelungene Einführung in die unterschiedlichen Kunstrichtungen und eine sehr interessante Annäherung an verschiedene Künstlerpersönlichkeiten und ihre wichtigsten Werke. Ich habe mir während der Lektüre immer das jeweilige Bild auf den Museumsseiten angeschaut, und die Betrachtung in Kombination mit den Geschichten war wirklich sehr spannend und aufschlussreich. Daher mein Fazit: Barnes ist ein grandioser Erzähler, der seinen Lesern Kunst auf sehr unterhaltsame Weise näherbringt. Kunst sehen ist eine echte literarische Bereicherung und äußerst lesenswert!

Julian Barnes: Preisgekrönter Schriftsteller und Übersetzer

Julian Barnes wurde 1946 in Leicester/England geboren. Nach einem mit Auszeichnung absolvierten Sprachenstudium in Oxford arbeitete er zunächst als Lexikograph für das Oxford English Dictionary Supplement. Danach war er als Rezensent, Literatur- und Fernsehkritiker für den New Statesman, den New Review und den Observer tätig.

In den 80er Jahren wandte er sich der Schriftstellerei zu und veröffentlichte zunächst Kriminalromane unter dem Pseudonym Dan Kavanagh. Der internationale Durchbruch gelang ihm schließlich mit seinem herausragenden postmodernen Werk Flauberts Papagei (1984). Es folgten weitere große literarische Romanerfolge wie Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln (1990) und Vom Ende einer Geschichte (2011), für den er mit dem renommierten Man Booker Prize ausgezeichnet und der zu den 100 bedeutendsten britischen Romanen gewählt wurde.

Barnes hat zahlreiche weitere Romane, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. Darüber hinaus ist er auch als Übersetzer tätig und übertrug u.a. Werke der französischen Schriftsteller Alphonse Daudet und Gustave Flaubert sowie eine Sammlung deutscher Cartoons von Volker Kriegel ins Englische.

Für sein literarisches Schaffen wurde Barnes 2004 mit dem berühmten französischen L’Ordre des Arts et des Lettres (Orden der Künste und der Literatur) ausgezeichnet. Darüber hinaus erhielt er den renommierten Somerset Maugham Award und den Geoffrey Faber Memorial Prize. In den USA wurde der Autor 2013 zum auswärtigen Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt, in Deutschland verlieh man ihm 2016 den Siegfried Lenz Preis


Originalausgabe: Barnes, Julian. Keeping an Eye Open: Essays on Art. London: Jonathan Cape, 2015.
Deutsche Ausgabe
: Barnes, Julian. Kunst sehen. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger und Thomas Bodmer. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, 2019.

1 Barnes, Julian. Kunst sehen. S. 79
2 Barnes, Julian. Kunst sehen. S. 285
3 Barnes, Julian. Kunst sehen. S. 278

Buchcover: © Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG
Bildnachweis: © Ana Thira (privat)