Eine Kindheit zwischen Extremen:
Leben mit einer singulären Mutter

Violaine Huisman: Die Entflohene

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Das autobiografische Romandebüt Die Entflohene von Violaine Huisman ist ein äußerst mutiges, verstörendes und warmherziges Werk, das mich sehr bewegt hat. Schonungslos und mit großer Offenheit erzählt die Autorin darin von ihrer zwischen Himmel und Hölle schwankenden Kindheit mit ihrer bildschönen, manisch-depressiven Mutter Catherine, deren tragische Lebensgeschichte sie in ihre Story eingewebt hat. Sie lässt dabei kein noch so schreckliches Detail aus – eine besondere Herausforderung für den Leser, denn manchmal ist das, was die Kinder an der Seite ihrer Mutter erleiden müssen, mehr als man ertragen kann. Und doch überrascht es, mit wie viel Liebe, Zärtlichkeit und großem Verständnis Huisman das Porträt ihrer unberechenbaren, labilen Mutter zeichnet, die sie und ihre ältere Schwester Elsa trotz allem vergötterten.

Doch wie wurde die freiheitsliebende, emanzipierte und freizügige Catherine, eine unzähmbare Naturgewalt, wie Huisman es ausdrückt, zu der Frau, deren extreme Stimmungsschwankungen, gefährliche Wutausbrüche und unerträgliche verbale und physische Grausamkeiten ihr eigenes Leben zu einem seelischen Gefängnis und das ihrer Familie zu einem Martyrium machten? Mit viel Einfühlungsvermögen, Sanftmut und Empathie sucht ihre Tochter Violaine einen Weg, um zu ihrer Mutter durchzudringen und erfährt schließlich immer mehr Bruchstücke aus Catherines Kindheit und Leben, das – einer griechischen Tragödie gleich – sie in diese Abwärtsspirale geraten ließ. Dies entschuldigt nichts, in keiner Weise, doch es lässt verstehen, wie sie zu der Person werden konnte, die sich selbst am meisten fremd war.

Maman und ihre Töchter

Schon im frühen Alter lernen Violaine und ihre Schwester Elsa, das ihre Maman nicht so ist wie andere Mütter. Normalität ist eine Seltenheit: Ihr Kinderleben ist entweder ein Paradies oder ein absoluter Alptraum, ein Dazwischen gibt es nicht. Zum einen überschüttet Catherine sie mit Liebe, liest ihnen vor und macht Späße, ein anderes Mal ohrfeigt sie sie, zieht sie mit den Haaren über den Boden und beschimpft sie als undankbare Gören, die nie vergessen sollten, das sie ihnen mal den Arsch abgewischt hat. Von ihrem Vater Antoine, der sie nach der Scheidung jeden Tag besucht, und ihrer Oma Jacqueline hören sie nur: Eure Mutter ist krank – manisch-depressiv – doch damit können Violaine und Elsa nichts anfangen. Als ihre Mutter in ihren schlimmen Phasen des Öfteren in die Psychiatrie eingewiesen wird, werden die kleinen Töchter herumgereicht: Sie wohnen abwechselnd bei ihren Schulfreunden, ihren Großeltern und ihrem Vater, der mit der Situation jedoch komplett überfordert ist.

Auf Zehenspitzen

Als Catherine von ihren Klinik-Aufenthalten zurückkehrt, gehen die Kleinen auf Zehenspitzen, um jegliche Eskalation zu vermeiden. Doch ihnen ist schnell klar, dass das nicht möglich ist. Sie lernen anhand der Mimik und Gestik ihrer Mutter ihre Tagesform und Konstitution zu deuten, um Schlimmeres zu verhindern, doch oftmals gelingt es nicht. An schlechten Tagen übernehmen sie die Mutterrolle und versuchen, ihre Mamam so gut es geht vor sich selbst zu schützen. Sie wissen genau, was zu tun ist, wenn sie aufgrund von zu viel Alkohol und Tabletten mal wieder ohnmächtig wird und wohin sie sich zu verkriechen haben, wenn sie ausflippt. Als Catherine durch ihre riskante Fahrweise einen schweren Unfall verursacht und sich und ihre Kinder dabei in große Gefahr bringt, lässt ihr Vater sie erneut einweisen, doch es gelingt den Ärzten nur, sie für eine kurze Zeit zu stabilisieren.

Auf Konfrontation

Als Violaine und Elsa heranwachsen, geht Elsa auf Konfrontation mit ihrer Mutter, denn sie hat genug. Sie streitet sich mit ihr bis aufs Blut, auch wenn sie dafür oft Prügel einstecken muss. Violaine ist nicht so mutig und bleibt stumm, obwohl sie ihr schlechtes Gewissen plagt, weil sie sich nicht traut, ihrer Schwester zu helfen. Währenddessen häufen sich die Zusammenbrüche ihrer Mutter. Verzweifelt versucht sie immer wieder, ihr Leben in den Griff zu bekommen, doch ihre Vergangenheit holt sie ein. Als ihre Töchter zwecks Ausbildung das Haus verlassen, bleibt sie allein zurück und hadert mit sich, ihrem Leben und mit der Frau, zu der sie geworden ist und nie werden wollte. Doch wer war sie?

Auf Selbstsuche

In stillen Momenten gibt Catherine ihrer Tochter Violaine Stück für Stück von sich preis, erzählt ihr von ihrem Leben, das von Anfang an unter keinem guten Stern stand: Von dem schüchternen und kränklichen Mädchen, das aus einer Vergewaltigung entstand und stets unter der eisigen Gefühlskälte ihrer Mutter litt, die sie selbst nach monatelangem Krankenhausaufenthalt nicht ein einziges Mal besuchte, und von ihrem Zuhälter-Vater, der in seinem krankhaften Begehren selbst vor seiner eigenen Tochter keinen Halt machte.

Aber Catherine sieht sich nicht nur als Opfer, sie erzählt auch von ihren eigenen Verfehlungen, die sie sich nicht verzeihen kann: Wie sie Paul, ihren ersten Mann und ihre große Liebe, für Antoine verließ, der ihr ein Leben im Luxus bieten konnte. Wie sie ihre beste Freundin Claude, mit der sie eine innige Liebe und jahrelange Beziehung verband, am Ende allein sterben ließ und wie sie in einem emotionalen Ausnahmezustand ihren Hund tötete. Catherines ständige Rückblicke auf ihr Leben tormentieren sie, und so ist eines Tages für sie, die so viel erleiden musste und selbst so viel Leid verursachte, die Grenze des Erträglichen erreicht. In ihrer Verzweiflung sieht sie schließlich nur einen Ausweg, den ihre Töchter zwar kommen sahen, der sie aber am Ende doch bis ins Mark erschüttert…

Sehr bewegendes,  liebevolles Porträt einer nicht alltäglichen Mutter

Mit Die Entflohene ist Violaine Huisman ein sehr berührendes Porträt und einfühlsames Psychogramm ihrer manisch-depressiven Mutter gelungen, das gleichermaßen schockiert und zu Herzen geht. Mit großer Sensibilität zeigt sie auf, wie in der Kindheit durchlebte seelische Grausamkeiten das Leben eines Menschen beeinflussen können – dies gilt sowohl für sie und ihre Schwester Elsa als auch für ihre Mutter Catherine, die als kleines Mädchen nie Liebe erfuhr und sich daher vornahm, später einmal eine bessere Mutter zu werden. Huisman schildert den permanenten verzweifelten Kampf ihrer Mutter, ihr mentales Gleichgewicht wieder zu finden und ihre Kinder nicht zu verlieren, mit einer emotionalen Wucht, die erschüttert. Die Autorin legt die innerliche Zerissenheit ihrer Mutter, die aufgrund ihrer Schönheit und Unkonventionalität von Männern und Frauen gleichermaßen verehrt wurde, offen und zeigt, welche zerbrechliche Seele sich dahinter verbarg, die nicht mehr heilen konnte.

Die außergewöhnliche Geschichte, die die Autorin mit ihrem einzigartigen Schreibstil und einer streckenweise sehr poetischen Sprache erzählt, ist auf hohem literarischen Niveau und ein großartiges Debüt, das seinesgleichen sucht. Daher mein Fazit: Eine sehr große Leseempfehlung für diesen äußerst eindrucksvollen Roman!

Violaine Huisman: Erfolgreiche Schriftstellerin, Lektorin und Übersetzerin

Über die Debütautorin Violaine Huisman gibt es – noch – nicht sehr viel zu berichten. Die 1979 in Paris geborene Französin lebt und arbeitet seit 20 Jahren in der Verlagsbranche in New York. Sie ist als Lektorin und Übersetzerin (u.a. David Grann und Ben Lerner) tätig und organisiert darüber hinaus Literaturfestivals und andere Eventformate.

Ihr autobiografisches Erstlingswerk «Fugitive parce que reine», das hier vorgestellte Die Entflohene, wurde von den Kritikern der renommiertesten französischen Zeitungen und Magazine wie Le Monde, Le Nouvel Observateur und Le Point mit Begeisterung aufgenommen und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter u.a. der Prix Littéraire de L’Ens Cachan (2019), der Prix Françoise-Sagan (2018) und Prix Marie Claire du Roman Féminin (2018).


Originalausgabe: Huisman, Violaine. Fugitive parce que reine. Paris: Éditions Gallimard, 2018.
Deutsche Ausgabe
: Huisman, Violaine. Die Entflohene. Aus dem Französischen von Eva Scharenberg. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag GmbH, 2019.
Buchcover: © S. Fischer Verlag GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat)
Quelle Biografie: Verlagsinformationen