Hemingway in der Serenissma: Auf der Suche nach Inspiration und Erneuerung

Hanns-Josef Ortheil: Der von den Löwen träumte

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Er war einer der bedeutendsten US-Schriftsteller aller Zeiten und zählt zu den wichtigsten Vertretern der amerikanischen Moderne: Ernest Hemingway, der seinen eigenen überlebensgroßen Mythos schuf und sich wie kein anderer als literarischer Revolutionär, unwiderstehlicher Frauenheld und verwegener Abenteurer mit einer Vorliebe für Stierkampf und Safaris selbst inszenierte. Mit traumwandlerischer Sicherheit bediente er sich dabei der Medien, die seinem Wunsch nur zu gerne entsprachen und ihn als Inkarnation des Männlichen, begehrenswerten Teufelskerl und innovativen Autorentypus porträtierten. Doch hinter dieser glorreichen Fassade verbarg sich – wenn man den unzähligen Biografien Glauben schenken darf – ein widersprüchlicher, zutiefst unsicherer und zerrissener Mensch, der von Ängsten und Depressionen gequält wurde, die er mit Alkohol zu bekämpfen versuchte.

Oftmals mündeten Hemingways persönliche Krisen, seine Panik vor dem Altern und vor körperlichem Verfall in lähmende Schreibblockaden, die ihn an seinen Fähigkeiten als Schriftsteller zweifeln ließen. In einer solch lethargischen Lebensphase des Autors setzt Hanns-Josef Ortheils brillanter neuer Roman Der von den Löwen träumte an und erzählt die außergewöhnliche, exzellent konzipierte Geschichte von Hemingways Venedig-Aufenthalt im Jahre 1948, als er dort nach Inspiration und Erneuerung suchte. Und dies obwohl La Serenissima so gar nicht in sein Location-Beuteschema passte, denn Venedig, die einzigartige Lagunenstadt mit ihrem besagten Zauber, war nicht gerade ein Abenteuerschauplatz, der dem alternden Literaten vorschwebte – zumal er mit der Region auch traumatische Kriegserinnerungen verband. Und doch entstanden dort die Ideen für sein Buch Über den Fluss und in die Wälder und für einen Kurzroman, der für alle Zeiten Kultstatus innehaben und als sein Meisterwerk in die Literaturgeschichte eingehen sollte: Der alte Mann und das Meer.

Zu neuen Ufern

Als Hemingway 1948 in Venedig mit seiner vierten Frau Mary und Übersetzerin Fernanda eintrifft, möchte er nur eines: Ruhe und einen ungestörten Platz zum Schreiben, denn seit geraumer Zeit hat er keinen Roman mehr veröffentlicht. Der Druck auf ihn wächst, und er hofft, in Venedig Inspiration und Ideen für eine neue Geschichte zu finden. Doch sein hoher Bekanntheitsgrad macht ihm zunächst einen Strich durch die Rechnung: Die italienische Presse hat bereits mitbekommen, dass er im Lande ist und im mondänen Hotel Gritti wohnt. Erster Mann vor Ort ist Sergio Carini, Journalist der Tageszeitung Il Gazzettino, der ein großer Bewunderer des Autors ist. Er und Hemingway sind sich auf Anhieb sympathisch, denn Carini respektiert dessen Wunsch nach Anonymität. 

Eine bereichernde Begegnung

Hemingway erkundet Venedig allein und jenseits der Touristen-Attraktionen, während Carini ihn in die angesagten Treffpunkte der Stadt, u.a. Harry’s Bar, führt. Doch es ist sein 16-jähriger Sohn Paolo, der dem Schriftsteller das andere Venedig, die Stadt fernab des Trubels, näherbringt. Gemeinsam schippern sie durch die Lagunenlandschaft – schweigend oder im Gespräch vertieft. Hemingway ist begeistert von Paolos Authentizität, von seinem unbeirrbaren Wunsch, niemals etwas anderes als ein einfacher Fischer sein zu wollen. Und schließlich entdeckt Hemingway durch ihn sogar den idealen Platz zum Schreiben: Die Locanda Cipriani auf der winzigen menschenleeren Insel Torcello. Einen Protagonisten für seine neue Romanidee hat er ebenfalls gefunden: Weltkriegsveteran Richard Cantwell, der dem Autor – wen wundert’s – sehr ähnlich ist.

Eine skandalöse Liebe

Doch es geht nicht voran, denn Hemingway bleibt rastlos: Er sucht nach etwas, das ihn wieder lebendig werden lässt, das ihn beflügelt und seinem Leben einen neuen Sinn gibt. Als er die schöne 18-jährige Venezianerin Adriana kennenlernt, ist es um ihn geschehen. Er macht sie zur weiblichen Hauptfigur Renata seines neuen Romans, dessen Titel er bereits im Kopf hat: Über den Fluss und in die Wälder. Adriana wird zu seiner ständigen Begleiterin – sehr zum Missfallen seiner Frau Mary, die von seinen Kapriolen und ständigen Alkoholeskapaden schlichtweg genug hat. Und auch Paolo ist entsetzt, denn er hält gar nichts von Hemingways junger neuer Inspiration und noch weniger von seiner Geschichte, die er, wie er dem Autor ganz unverblümt mitteilt, für nicht echt, sondern für viel zu künstlich hält.

Die Geschichte seines Lebens: Der alte Mann und das Meer

Vielmehr sieht Paolo in Hemingways passionierter Verbundenheit mit dem Meer und seiner profunden Kenntnis über die Fischerei den Stoff, aus dem sein neuer Roman sein sollte. Und es geschieht das, womit der junge Fischer am wenigsten rechnet: Hemingway besinnt sich und schreibt die Erzählung, für die er 1953 den renommierten Pulitzerpreis und ein Jahr später den Literaturnobelpreis erhalten wird. Als Paolo das ihm von seinem liebgewonnenen Schriftsteller gewidmete Exemplar zu Ende gelesen hat, ist er zu Tränen gerührt – nicht nur, weil Manolin, der junge Freund des alten Fischers Santiago, seine Züge trägt, sondern weil er weiß, dass Hemingway mit Der alte Mann und das Meer die Geschichte seines Lebens geschrieben hat: Authentisch und wahrhaftig – eine Hymne auf das Leben,  die Hoffnung und die Erinnerung, auf das Sich-nicht-Aufgeben und die menschliche Würde im Angesicht des Scheiterns.

Brillanter Roman über die Ideen- und Selbstsuche eines Ausnahmeschriftstellers

Mit Der von den Löwen träumte ist Hanns-Josef Ortheil nicht nur eine ganz wunderbare Geschichte, sondern auch eine einzigartige Annäherung an die Schriftsteller-Legende Ernest Hemingway gelungen. Mit seinem singulären Schreibstil versetzt er uns zurück in das Venedig der 50er Jahre und führt uns an all die Orte, die Hemingway während seines dortigen Aufenthaltes aufsuchte: Wo er schrieb, wo er trank und wohin er sich zurückzog, wenn alles zuviel wurde. Und dies so lebensecht und historisch detailgetreu, dass man als Leser nicht nur das Gefühl hat, mitten im Geschehen zu sein, sondern auch in die Gedankenwelt des tormentierten Literaten einzutauchen. Ortheil macht Hemingways Widersprüchlichkeit, seine Rastlosigkeit und seine existentiellen Ängste spürbar und gewährt so einen einfühlsamen Einblick in das Seelenleben eines Mannes, der dem von ihm geschaffenen Mythos von Macho- und Heldentum nie gerecht werden konnte und daran schließlich scheiterte.

Am Ende des Romans – nachdem wir Hemingway dank Ortheils exzeptioneller Erzählkunst ein kurzes Stück des Weges begleiten und kennenlernen durften – können wir erahnen, warum keine Auszeichnung der Welt ihm seine Selbstzweifel und seine Angst vor der kreativen Leere nehmen konnte. Mit zunehmendem Alter zerrann sein so sorgsam inszeniertes Selbstbild, mit beginnender Demenz verlor er die Fähigkeit zu schreiben, so dass ihm am Ende nichts geblieben ist. Uns Lesern aber bleibt sein bedeutendes literarisches Vermächtnis, das seine schriftstellerische Brillanz auf beeindruckende Weise manifestiert.

Mein Fazit: Eine ganz große Leseempfehlung für diesen herausragenden Künstlerroman!

Multitalent Hanns-Josef Ortheil: Schriftsteller, Pianist und Professor

Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Musik war von Kind an seine Passion, so dass er aufgrund seines augenscheinlichen Talents zunächst Pianist werden wollte. Doch während seines Studiums am römischen Konservatorium setzten permanente Sehnenscheidenentzündungen seinem Berufswunsch ein Ende. Ortheil studierte danach Kunstgeschichte in Rom und später Philosophie, Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an unterschiedlichen Universitäten. An der Universität Mainz promovierte er über das Thema Der poetische Widerstand im Roman. Geschichte und Auslegung des Romans im 17. und 18. Jahrhundert.

Ortheil arbeitete u.a. als Film- und Musikjournalist, Feuilletonist und Literaturkritiker für renommierte Magazine und Zeitungen wie z.B. die FAZ, die ZEIT und den Spiegel. 1979 erschien sein Romandebüt Fermer, für das er mit dem Aspekte Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Seine schriftstellerische Karriere entwickelte sich in rasantem Tempo: Er schrieb nicht nur zeitgenössische und autobiografische Romane (z. B. Das Kind, das nicht fragte, Der Stift und das Papier), sondern auch Sachliteratur (z. B. Die Pariser Abende mit Roland Barthes) und Drehbücher (gemeinsam mit Christine Soetbeer: Ezra Pound – Ein amerikanischer Hochverräter) sowie historische Romane (Faustinas Küsse, Die Nacht des Don Juan und das hier vorgestellte Werk Der von den Löwen träumte).

Seit 2008 ist Ortheil Direktor des Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft an der Universität Hildesheim, die junge Autoren fördert. Darüber hinaus ist Ortheil Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München. Zudem ist er Honorarprofessor der Universität Heidelberg und Kurator des Gargonza Arts Awards.


Originalausgabe: Ortheil, Hanns-Josef. Der von den Löwen träumte. München: Luchterhand Literaturverlag/ Verlagsgruppe Random House GmbH, 2019.

Buchcover: © Luchterhand Literaturverlag/Verlagsgruppe Random House GmbH
Bildnachweis – Foto 1: © Antonio Salgueiro, Pixabay – Hemingway at Madame Tussaud’s
Bildnachweis – Foto 2: © Dimitris Vetsikas, Pixabay
Quellen Biografie: Verlagsinformationen + Wikipedia