Weiterleben

Rhiannon Navin: Alles still auf einmal

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Kein Roman hat mich in diesem Jahr so zu Tränen gerührt wie das literarische Erstlingswerk der amerikanischen Schriftstellerin Rhiannon Navin. Die ergreifende Geschichte, die die Autorin ganz behutsam und mit viel Herzenswärme und Innigkeit erzählt, geht unter die Haut und trifft mitten ins Herz. Und dies nicht nur, weil sie aus Sicht eines kleinen sechsjährigen Jungen erzählt wird. Das Thema, das Navin gewählt hat, ist erschreckend real und geht sehr, sehr nahe: Die Story handelt von einem Amoklauf an einer amerikanischen Grundschule, bei dem 19 Kinder und Lehrer ihr Leben verlieren. Ein Alptraum, nach dem das Leben der betroffenen Eltern und Hinterbliebenen nie mehr dasselbe ist.

Während sie – gefangen in ihrer Trauer – nach diesem schweren Verlust durch die Hölle gehen und kaum mehr einen Blick für die Realität haben, geht das Leben weiter. Aber das können und wollen sie nicht akzeptieren, denn zu tief sitzt der Schmerz, zu groß ist ihre Wut und zu durchdringend ist die immer wiederkehrende Frage, auf die es keine Antwort gibt: „Warum gerade mein Kind?“ Doch trotz aller Verzweifung funktionieren sie – für ihre Familie und insbesondere für ihre übrigen Kinder, die nach einem solchen schrecklichen Trauma alleine zurückbleiben.

Der Amoklauf

Ein solches Kind ist auch der kleine Zach Taylor, der Protagonist von Navins Roman, der bei einem Amoklauf an seiner Schule seinen älteren Bruder Andy verliert. Während er und seine Klassenkameraden von ihrer Lehrerin in einem Wandschrank versteckt werden und dort voller Angst die unzähligen Schüsse und panischen Schreie mitanhören müssen, fallen Andy und viele weitere Schüler in der Aula dem Amokschützen zum Opfer. Als Zach und seine Klasse endlich gerettet werden, ist alles still – gespenstisch still. Obwohl man die Kinder anhält, sich bei ihrem Weg nach draußen nicht umzudrehen, schaut Zach nach hinten und sieht das Blut und die regungslosen Körper. Völlig verschreckt wartet er in einer nahegelegenen Kirche gemeinsam mit den anderen Kindern auf seine Eltern.

Bruderlos

Die Todesnachricht trifft die Familie mit unfassbarer Härte. Zachs Mutter Melissa bricht zusammen, sein Vater Jim leidet still. Die Großeltern und Tanten treffen ein, um den Eltern beizustehen, doch Zach rückt immer mehr in den Hintergrund. Der Kleine fühlt sich zunehmend vernachlässigt und zieht sich mit Plüschgiraffe Clancy in Andys großen Kleiderschrank zurück – sein Geheimversteck wird zu seinem Refugium, zu einem verborgenen Rückzugsort, an dem er versucht, das Erlebte zu verarbeiten. Seine verworrenen Gefühle, die ihn ganz durcheinander machen, versucht er durch Malen zu ordnen, für jedes Gefühl bemalt er ein Blatt Papier mit nur einer einzigen Farbe. Das Schlimmste sind jedoch seine ständigen Alpträume, nach denen ihn sein Vater meistens liebevoll tröstet, obwohl er selbst Trost bitter nötig hat.

Trauer, Wut und Scham

Zachs Mutter hingegen schottet sich völlig ab, was der Kleine nur bedingt versteht. Er vermisst das Gute-Nacht-Lied, das sie jeden Abend mit ihm singt und vor allem ihre zärtliche Fürsorge. Er versucht, seine Mutter zu unterstützen so gut er kann, doch sie ist dem Alltagsleben in keiner Weise gewachsen und hat kein Ohr für die Belange ihres Sohnes. Was Zach überhaupt nicht versteht, ist die Tatsache, dass alle seinen Bruder jetzt in den Himmel heben, wo er doch mit seinen permanenten Wutanfällen das Sorgenkind der Familie war und auch Zach oft gemein behandelte. Doch trotz alledem vermisst er seinen Bruder sehr und erinnert sich in seinem Versteck an die schönen und witzigen Momente, die beide zusammen erlebten.

Als Zach erfährt, dass der Todesschütze, der bei der Stürmung der Schule ebenfalls  ums Leben kam, ausgerechnet der Sohn seines Lieblings-Schulwachmanns Charlie ist, versinkt er in Traurigkeit. Seine Mutter hingegen reisst diese Nachricht aus ihrer Lethargie. Endlich ist der Schuldige gefunden, von nun an kann sie all ihre Wut gegen dessen Eltern richten. Zum Missfallen von Zachs Vater lässt sie keine Gelegenheit aus, um Charlies Familie in zahlreichen Interviews zu diffamieren, die ihrer Meinung nach die Tat ihres labilen Sohns hätte vorhersehen müssen. Zach ist traurig und schockiert und schämt sich für seine Mutter, denn für ihn ist Charlie ein Freund und guter Kumpel, der in der Schule immer auf ihn aufpasst.

Zachs Mission

Als seine Mutter gemeinsam mit anderen Betroffenen eine Klage gegen Charlies Familie einreichen will, ist Zach alarmiert. Er möchte, das alles wieder so ist, wie es vorher war, doch er weiß auch, dass das nicht geht. Und weil er sich nicht zu helfen weiß, vertieft er sich in seine alten Kinderbücher – und hier stößt er auf die vier Geheimnisse des Glücks, die zwei seiner Mini-Helden nach und nach entdecken. Und so fasst Zach schließlich einen folgenschweren Plan, um seinen Eltern und auch Charlies Familie einen ersten zaghaften Weg aus ihrer Trauer zu zeigen…

Ein sehr berührendes, erstklassiges Romandebüt

Mit Alles still auf einmal ist Rhiannon Navin ein ganz außergewöhnliches und sehr beseeltes Erstlingswerk gelungen. Der Roman ist wunderbar geschrieben und vereint auf sehr berührende Weise Trauer und Lebensbejahung. Navin lässt uns an der Gedankenwelt des kleinen Zach teilhaben, durch dessen Augen und mit dessen einfacher kindlicher Sprache wir die Geschehnisse erfahren und aufnehmen. Mittels dieser ergreifenden Erzählweise generiert die Autorin große Emotionen, derer man sich als Leser nicht erwehren kann. Während man fassungslos all die Dinge wahrnimmt, die auf den Kleinen einstürzen, zeigt sich nach und nach, mit welcher Schlicht- und Geradheit Zach versucht, wieder einen Funken Glück und Hoffnung für sich und seine Familie zu finden.

Und letztendlich erkennen auch Zachs Eltern in all ihrer Trauer, dass es ihr kleiner Sohn ist, der alles daran setzt, um sie behutsam in ihr normales Leben zurückzuführen, auch wenn der Weg dorthin noch sehr weit ist. Was zählt ist, dass sie einen Anfang machen und dann einen Tag nach dem anderen bewältigen – dies mit dem Wissen, dass sie nicht allein sind. Denn Zach geht dabei mit kleinen Schritten voraus und zeigt ihnen, dass das Glück auch durch schöne Erinnerungen wiederkehren kann, die Zuversicht und Kraft zum Weiterleben geben.

Mein Fazit: Wenn ich in diesem Jahr nur einen Buchfavoriten wählen dürfte, dann wäre es dieser bemerkenswerte, herzerwärmende Roman!!!

Rhiannon Navon: Von der Werbeagentur zur Schriftstellerei

Rhiannon Navin wuchs in Bremen auf, siedelte aber später in die USA über, wo sie für verschiedene Werbeagenturen in New York arbeitete, um ihre Karriere voranzutreiben. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in einem New Yorker Vorort. Eine ganz besondere Situation mit ihrem kleinen Sohn Garrett brachte sie auf die Idee für ihren Debütroman Only Child, der hier vorgestellte Alles still auf einmal: Als sie den Kleinen eines Tages zusammengekauert unter dem Tisch vorfand, antwortete er auf ihre Frage, was er da mache, mit: „Ich verstecke mich vor dem bösen Mann“. Wie die Autorin später erfuhr, hatte es in der Vorschulklasse ihres Sohnes eine Amokübung gegeben, die ihn sehr verängstigte.

Mit ihrem Erstlingswerk gelang Navin sogleich der Sprung auf die Bestsellerliste. Der außergewöhnliche Roman wurde in mehr als 17 Sprachen übersetzt und erfuhr auch auf internationaler Ebene hohe literarische Anerkennung. Ein großer Überraschungserfolg für die herausragende Schriftstellerin, die für mich mit ihrem einzigartigen Erzähltalent zu den Entdeckungen des Jahres zählt.


Originalausgabe: Navin, Rhiannon. Only Child. New York: Alfred A. Knopf, a division of Penguin Random House LLC, 2018.
Deutsche Ausgabe
: Navin, Rhiannon. Alles still auf einmal. Aus dem Amerikanischen von Britta Mümmler. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2019.

Buchcover: © dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Bildnachweis: © Alexas_Fotos, Pixabay
Quelle Biografie: dtv Verlagsinformationen und Knopf Q&A Interview