Mord in der Idylle

Danya Kukafka: Girl in Snow

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Dieses Erstlingswerk von Danya Kukafka ist eine Klasse für sich. Der einzigartige Spannungsroman des vielversprechenden amerikanischen Erzähltalents hat um Einiges mehr zu bieten als ein herkömmlicher Thriller. Leise und unaufgeregt, aber mit unglaublicher Durchschlagskraft und einem Gespür für menschliche Abgründe erzählt Kukafka die Geschichte eines Mordes in einer amerikanischen Kleinstadt, der die scheinbare Idylle sprengt und lang verborgene Geheimnisse zutage treten lässt. Erzählt wird die dramatische Story aus drei Perspektiven, was dem geschickt aufgebauten Plot einmal mehr dienlich ist, denn der Leser kann nie sicher sein, welche Sicht der Dinge bzw. welche Wahrheit Gewicht hat. Eines haben jedoch alle Erzähler gemeinsam: Sie sind Außenseiter, die im kleinbürgerlichen Broomsville nicht wirklich dazugehören. Und doch ist es am Ende gerade einer dieser Sonderlinge, der den entscheidenden Hinweis zur Auflösung des Verbrechens gibt, das alle gleichermaßen erschüttert hat.

Tod einer Schülerin

Als die 15-jährige Schülerin Lucinda Hayes ermordet aufgefunden wird, sitzt der Schock tief, insbesondere bei den Mitschülerin des beliebten Mädchens. Sofort fällt der Verdacht auf Cameron Whitley, Sohn des nach einem Skandal spurlos verschwundenen Polizisten Lee Whitley, der in Lucinda verliebt war, sie täglich beobachtete und unzählige Skizzen von ihr anfertigte. Erschwerend zu seinem „Stalker-Profil“, das die Polizei nur allzu gerne von ihm anlegt, kommt hinzu, dass Cameron Lucinda auch am Tag ihres Todes nachstellte, doch sich – zu seinem eigenen Entsetzen – an rein gar nichts mehr erinnern kann. Dies macht ihn in den Augen der Polizei völlig unglaubwürdig, aber auch andere Verdächtige geraten nach und nach ins Visier der Ermittler: Der vorbestrafte Hausmeister Ivan, der die Leiche fand, Lucindas Ex-Freund Zap und der beliebte Zeichenlehrer Mr. O., den alle Schülerinnen anhimmeln.

American Psycho?

Doch alle Spuren führen ins Leere. Obwohl eine Schülerin Außenseiter Cameron als American Psycho und den typischen High-School-Amokläufer diskreditiert, fehlen der Polizei Beweise, um ihn dingfest zu machen. Einzig und allein Jade, ebenfalls Außenseiterin und oftmals Zielscheibe des Spotts wegen ihres Übergewichts und ihrer Akne, glaubt nicht, dass Cameron der Mörder ist. Sie sieht in ihm einen Seelenverwandten, der in seiner eigenen Welt gefangen ist und den Schmerz über den Verlust seines Vaters verdrängt.

Während der Druck der Öffentlichkeit stetig wächst, versucht man fieberhaft, den Killer zu finden. Ermittler Russ kämpft mit seinen eigenen Dämonen: Der Verlust seines Partnern Lee, Camerons Vater, nagt an ihm. Auch seine Ehe steht vor dem Aus, so dass er bei den Nachforschungen nicht wirklich bei der Sache ist. Alles in allem scheint Cameron der perfekte Täter zu sein – allerdings so perfekt, dass erste Zweifel bei Russ aufkommen. Aber Camerons Gedächtnisverlust wirft mehr und mehr Fragen auf und lässt die Aufklärung des Falles immer schwieriger werden. Schließlich wird Cameron jedoch klar, dass er nur eine Chance hat, um sein Leben zu retten: Er muss die Ereignisse des Mordtages rekapitulieren, wenn er seine Unschuld beweisen will. Doch Erinnerung lässt sich nicht erzwingen, und der wahre Killer ist einer von ihnen…

Ein leiser Pageturner mit enormer Durchschlagkraft

Danya Kukafkas Debütroman ist ein leiser Pageturner: Ohne blutrünstige Schockeffekte erzählt sie die Geschichte eines Mordes in einer Kleinstadt mit der Durchschlagskraft einer emotionalen Handgranate. Alles wird aufgewühlt, alte Fehden und gut gehütete dunkle Geheimnisse treten zutage und lassen das anheimelnde bourgeoise Gebilde mit seinem verworrenen Beziehungsgeflecht in sich zusammenfallen. Jeder misstraut jedem, und der Sündenbock ist schnell gefunden: Ein Außenseiter mit Gedächtnisverlust – wie unglaublich passend. Man hofft auf einen schnellen Prozess, damit alles beim Alten bleibt. Doch nichts ist und wird je wieder werden, wie es vorher war.

Mit einem tiefgehenden Wissen um die Befindlichkeiten der Menschen spielt Kukafka Schein und Sein gegeneinander aus und entlarvt die Heuchelei des spießbürgerlichen Gutmenschentums, indem sie gerade den Außenseitern – Cameron, Jade und Russ – eine gewichtige Stimme gibt. Ihre Gefühlslagen, Beobachtungen und Eindrücke ziehen uns sogartig in die Geschichte und lassen uns bis zur Auflösung des Falles nicht mehr los. Daher mein Fazit: Ein exzellent geschriebener Erstling von einer sehr talentierten literarischen Neuentdeckung mit einem fesselnden und glasklaren Schreibstil – sehr lesenswert!

Danya Kukafka: Mit dem Erstlingswerk auf die Bestseller-Listen

Über die 24-jährige Debütautorin gibt es noch nicht sehr viel zu berichten. Sie ist Absolventin der New York University Gallatin School of Individual Study, wo sie Creative Writing studierte. Neben der Schriftstellerei arbeitet sie als Lektorin bei Riverhead Books.

Mit Girl in Snow, ihrem ersten Buch, gelang ihr auf Anhieb der Sprung auf die Bestsellerlisten. Doch damit nicht genug: Ihr Roman wurde für mehrere namhafte Preise nominiert und soll von Amazon Prime als Serie verfilmt werden. Ein beachtlicher Überraschungserfolg für die Jungschriftstellerin, von der wir, da bin ich sicher, noch viel hören werden.


Originalausgabe: Kukafka, Danya. Girl in Snow. New York: Simon & Schuster, 2017.
Deutsche Ausgabe: Kukafka, Danya. Girl in Snow. Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné. München: Verlagsgruppe Random House GmbH, 2018.

Buchcover: © Verlagsgruppe Random House GmbH
Bildnachweis: © composita, Pixabay