Die Unbeugsame

Madeline Miller: Ich bin Circe

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Nachdem sich Madeline Miller in ihrem Erstlingswerk Das Lied des Achill bereits ausgiebig der griechischen Mythologie und einem ihrer strahlenden – männlichen – Helden widmete, hat sie nunmehr in ihrem neuesten Roman eine mythologische Außenseiterin als Protagonistin in den Fokus ihrer Geschichte gestellt: Circe, Tochter des Sonnengottes Helios und der Okeanide Perse, ist keine Lichtgestalt oder verehrte Göttin wie Athene oder Aphrodite, sondern eher eine Randfigur, die man – wenn überhaupt – aus der Odysseus-Sage kennt. In unserer Sprache erinnert noch das schöne Verb becircen an die legendenumwobene Zauberin, deren Schicksal – ähnlich wie das der Nymphe Echo – ungehört verhallt. Miller sorgt dafür, dass dies nicht so bleibt und erzählt Circes Geschichte aus ihrer ganz eigenen Sicht.

Doch dies allein war der Autorin nicht genug: Peu à peu lässt sie im Verlauf ihrer einzigartigen Erzählung eine Vielzahl der wichtigsten mythologischen Figuren mit einfließen und webt in Circes Mikrokosmos sehr gekonnt den Makrokosmos der griechischen Sagenwelt ein. Diese literarische Finesse in Kombination mit Millers außerordentlichem Erzähltalent machen ihren Roman zu einer lebendigen, anschaulichen und sehr interessanten Lehrfahrt durch die spannende Vielfalt der antiken griechischen Mythen, die ihresgleichen sucht.

Die Außenseiterin

Zur Enttäuschung ihrer Eltern, Sonnengott Helios und Nymphe Perse, ist Circe nicht mit Schönheit gesegnet. Ihre gelben Augen und ihre merkwürdige Stimme machen sie oftmals zur Zielscheibe des Spotts ihrer Geschwister Pasiphaë und Perses. Sie ist zumeist auf sich allein gestellt und wird so zu einer stillen Beobachterin vieler Vorkommnisse innerhalb der Götterwelt. U.a. wird sie Zeuge der Bestrafung ihres Onkels Prometheus, der dem Göttergeschlecht der Titanen entstammt und sich den Zorn des Olympier-Herrschers Zeus zuzog, weil er den Sterblichen das Feuer brachte. Circe sympathisiert mit dem in Ungnade gefallenen Rebell und gibt dem fürchterlich Misshandelten heimlich göttlichen Nektar zu trinken – ein revolutionärer Akt für das noch kleine – unsterbliche – Mädchen, das entsetzt ist, als es von der grausamen Strafe am Kaukasusfelsen hört, die sich die Götter für Prometheus ausgedacht haben.

Die Verbannte

Als ihr Bruder Aiëtes zur Welt kommt, ist Circe zum ersten Mal glücklich. Sie kümmert sich hingebungsvoll um das kleine Wesen, das ihr jeden Tag mehr ans Herz wächst. Doch als beide erwachsen sind, trennen sich ihre Wege, denn für seinen Sohn hat Helios große Pläne. Circe ist am Boden zerstört und hadert mit ihrem Schicksal. Das ändert sich erst, als sie Glaukos, einen Fischer, kennen- und liebenlernt. Aber für Glaukos ist sie nur Mittel zum Zweck. Als er sich in die wunderschöne Nymphe Scylla verliebt, ist Circe außer sich. Sie sinnt auf Rache – und ist erfolgreich: Mit einem aus einer Blume gewonnenen Gift will sie Scyllas wahres Wesen zum Vorschein bringen und verwandelt sie in ein Meeresungeheuer. Ihr Vater ist entsetzt, als er erfährt, dass seine farblose Tochter über eine solche „Hexen-Gabe“ verfügt und diese auch noch rücksichtslos anwendet. Zur Strafe verbannt er sie auf eine einsame Insel, Aiaia, ohne jegliche Aussicht auf Rückkehr.

Die Hexe

Circe fügt sich ihrem Schicksal, und die Insel wird für sie zu einem neuen Zuhause. Die Einsamkeit macht sie stark – und erfinderisch: Sie erforscht die Tiere und insbesondere die Pflanzenwelt, aus der sie nach unzähligen Versuchen Heilmittel, Gifte und Zaubertränke schöpft. Und sie bleibt nicht allein: Zahlreiche Besucher wie Götterbote Hermes, Ikarus-Vater Dädalus, ihre Nichte Medea, deren obsessive Liebe zu Iason ein schreckliches Ende nimmt, und sogar die verehrt-gefürchtete Göttin Athene kommen auf ihre Insel – jedoch nicht immer mit guten Absichten.

Eines Tages wird Circe ihre Gastfreundschaft zum Verhängnis. Als sie – wie des Öfteren – gestrandeten Seemännern ein Obdach und Beköstigung bietet, wird sie Opfer einer Vergewaltigung. Fortan konzentriert sich ihr ganzer Hass auf alle Seeleute, die auf ihrer Insel Zuflucht suchen: Sie verwandelt sie in Schweine, also in die Tiere, die ihrem Charakter entsprechen, und überlässt sie ihrem Schicksal. Aber auch dies verschafft ihr nur kurzzeitig Genugtuung.

Die Geliebte

Als der sagenumwobene Odysseus auf ihrer Insel strandet, verliebt sich Circe gegen ihren Willen in den verwegenen Abenteurer und Geschichtenerzähler, obwohl er keinen Zweifel daran lässt, wie sehr er seine Frau Penelope verehrt. Die beiden werden ein Paar und genießen ihre gemeinsame Zeit, doch Circe weiß, dass ihr Glück nicht von großer Dauer ist. Odysseus zögert seine Rückkehr nach Ithaka, wo seine Familie schon so lange auf ihn wartet, zwar hinaus, aber beide wissen nur zur gut, dass die Zeit des Abschieds gekommen ist. Schweren Herzens lässt Circe ihn ziehen – das Kind, das sie unter dem Herzen trägt und das sie ihm verheimlicht, soll nur ihr allein gehören.

Die Mutter

Als ihr Sohn Telegonos auf die Welt kommt, ist Circe überglücklich, doch schnell überfordert sie die Mutterrolle, obwohl sie ihr Kind abgöttisch liebt. Sie behütet und beschützt ihn vor allen Gefahren, die auf der Insel lauern und versucht, jedes seiner Wehwehchen mit ihren pflanzlichen Mitteln zu lindern. Als er erwachsen ist, passiert das, wovor sich Circe immer gefürchtet hat: Telegonos will die Insel verlassen und die Welt erkunden. Und natürlich seinen Vater aufsuchen, den er unbedingt kennenlernen möchte. Circe weiß, dass sie ihn nicht aufhalten kann und gibt ihm zu seinem Schutz und zu seiner Verteidigung einen mit Gift getränkten Speer – nicht ahnend, dass sie damit eine Katastrophe heraufbeschwört…

Brillant erdachte Lebensgeschichte einer mythologischen Außenseiterin und beeindruckende Allegorie weiblicher Stärke

Mit Ich bin Circe ist Madeline Miller ein echtes literarisches Glanzstück gelungen. Sehr kenntnisreich und äußerst klug erzählt sie Circes Geschichte aus der weiblichen Perspektive – ohne Pathos und glorreichem Heldentum. Schon die Auswahl ihrer Protagonistin zeigt, dass die Autorin hier bewusst eine mythologische Nebenfigur in den Mittelpunkt gestellt hat, die nicht – wie in vielen antiken Sagen und Legenden üblich – durch Schönheit und Liebreiz verzaubert. Somit entspricht sie weder dem anmutigen Weibchen-Klischee noch dem glänzenden Göttinnen-Bild. Was sie jedoch auszeichnet, ist ihre Charakterstärke, ihre mentale Kraft und ihre weiblichen Urinstinkte, die sie zu einer Überlebenden machen. Sie beugt sich nicht und lässt sich nicht brechen – auch wenn so manches Mal Verzweiflung ihr einziger Begleiter ist. Ihre Macht, die Götter wie Sterbliche fürchten, liegt in ihrem selbst erworbenen Wissen um die heilenden und tödlichen Mittel, die die Natur hervorbringt – und deren Einsatz sie gezielt anwendet. Ihre Klugheit und ihr Listenreichtum werden somit zur größten Bedrohung der männerdominierten mythologischen Welt.

Doch Millers Geschichte geht weit über moderne Mythenerzählung hinaus. Sie ist auch eine eindrucksvolle Allegorie weiblicher Stärke, ein realistischer Lobgesang auf das, was Frauen leisten, wozu sie imstande sind, was sie antreibt und prosperieren lässt. Sie zeigt aber ebenso, was sie erniedrigt und sie zerstört. So zeichnet Miller Circe trotz ihres Göttinnen-Status in erster Linie als Frau, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt und die es dabei immer wieder zu den ihr so vertrauten Sterblichen zieht. Ihre Unsterblichkeit ist für sie eine Schreckensvision, die sie zu verhindern sucht. Denn so wie sie eins mit der Natur ist, soll auch ihr Leben irgendwann ein natürliches Ende haben. Circes letztliche Hinkehr zu den Menschen ist ihr ganz persönlicher Akt der Befreiung und Selbstbestimmung – eine Entscheidung, die keine Macht der (Götter-)Welt zu verhindern vermag.

Mein Fazit: Eine sehr große Lesempfehlung für diesen außergewöhnlichen Roman. Überaus lesenswert!

Madeline Miller: Bestseller-Autorin und Dozentin mit einem Faible für griechische Mythologie

Madeline Miller wurde in Boston geboren, wuchs aber in New York City und Philadelphia auf. Sie ist Absolventin der Brown University, wo sie ihren BA und MA im Studienfach Altphilologie absolvierte. Seit ca. 20 Jahren unterrichtet sie Latein, Griechisch und Shakespeare an einer High School.

Obwohl Lehrerin stets ihr Traumjob war, gewann ihr Wunsch, Schriftstellerin zu werden, schließlich die Oberhand. Der Erfolg gab ihr Recht: Bereits ihr erster Roman, Das Lied des Achill, der 2012 veröffentlicht wurde, schaffte auf Anhieb den Sprung auf die New York Times Bestsellerliste und wurde mit dem renommierten Orange Prize for Fiction ausgezeichnet.

Gleiches gelang ihr auch wieder mit ihrem zweiten Roman, dem hier vorgestellten Ich bin Circe, der sich sofort auf Platz 1 der New York Times Bestsellerliste katapultierte. Für ihr neues Werk erhielt sie bereits zahlreiche Preise wie den Indies Choice Best Adult Fiction of the Year Award, den Indies Choice Best Audiobook of the Year Award, The Red Tentacle Award, den American Library Association Alex Award und den Elle Big Book Award 2018. Darüber hinaus schaffte sie es mit ihrem neuen Roman auch auf die Shortlist für den Women’s Prize for Fiction.

Zudem schreibt Miller Essays, die u.a. in The Guardian, im Wall Street Journal, der Washington Post und im Telegraph veröffentlicht werden.

Wie die Autorin in einem Interview mit The Booktopian verriet, zählen die Klassiker von Vergil, Homer und Shakespeare zu ihren literarischen Favoriten. Ihre Lieblingsautoren der Gegenwart sind u.a. Isabel Allende, Gabriel García Márquez, Jeanette Winterson, David Mitchell und John Updike, dessen Roman Gertrude und Claudius sie für eines der besten Bücher aller Zeiten hält.

Darüber hinaus hat sie ein Faible für griechische Mythologie, wie man an den Themen ihrer beiden Romane unschwer erkennt. Die überlieferten Geschichten zu studieren und zu analysieren, ist ihr Steckenpferd.

Die Autorin lebt und arbeitet in einem Vorort von Philadelphia.


Originalausgabe: Miller, Madeline. Circe. London: Bloomsbury Publishing Plc., 2018
Deutsche Ausgabe: Miller, Madeline. Ich bin Circe. Aus dem amerikanischen Englisch von Frauke Brodd. Berlin: Eisele Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH, 2019.

Buchcover: © Eisele Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat) – erstellt mit PhotoLab

Mein herzlicher Dank gilt dem Eisele Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH. der mir den Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.