Ausweglos

Antonella Lattanzi: Noch war es Nacht

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Wenn aus Liebe Hass wird. Wie oft ist diese fast schon klischeehafte Wandlung Dreh- und Angelpunkt eines Beziehungsdramas. Und doch sind wir stets aufs Neue darüber schockiert, was Menschen einander antun können. Wozu sie fähig sind, wenn verletzte Eitelkeiten und lange unter der Oberfläche brodelnde Gefühle aufbrechen und tiefe Verletzlichkeit oder geschickt verborgenen Narzissmus offenbaren. Kommen dann noch nicht enden wollende Demütigungen und körperliche Gewalt ins Spiel, ist eine Tragödie unweigerlich vorprogrammiert. Eine Spirale aus Angst und erzwungener Unterordnung verzögert zwar die nahende Katastrophe, kann sie jedoch nicht aufhalten. Gewinner gibt es nach einem solchen (Ehe)-Martyrium nicht, nur Überlebende.

Flucht aus der Ehehölle

Eine solche Überlebende ist auch Carla Romano, die Protagonistin von Antonella Lattanzis neuestem Roman, Noch war es Nacht. Nach einer leidenschaftlichen, obsessiven Ehe mit dem gewalttätigen und krankhaft eifersüchtigen Vito trennt sie sich in einer Nacht- und Nebelaktion von ihm und reicht die Scheidung ein – zur großen Erleichterung ihrer bereits erwachsenen Kinder, Tochter Rosa (19) und Sohn Nicola (21). Mit ihrem Nachkömmling, der kleinen Maja (3), zieht sie in eine moderate Zweizimmerwohnung und knüpft sogar wieder zarte Liebesbande mit dem verständnisvollen Manuel, der ihr Halt gibt. Diese moralische Unterstützung hat sie auch bitter nötig, denn Vito kann sich mit Carlas Trennung in keiner Weise abfinden. In seiner kleingeistigen Welt, in der sich alles um ihn als Nonplusultra dreht und in der er das Sagen hat, kann es nicht sein, dass eine Frau ihren Mann verlässt. Er beschimpft, verfolgt und bedroht sie und macht ganz unmissverständlich klar, dass er sie niemals in Ruhe lassen wird.

Tyrannenmord

Als die Wogen sich ein wenig zu glätten scheinen und Majas dritter Geburtstag bevorsteht, lädt Carla Vito auf Wunsch ihrer kleinen Tochter zu ihrer Feier ein, auch wenn sie dabei ein ungutes Gefühl hat. Ihre Kinder Rosa und Nicola reagieren mit völligem Unverständnis, kommen aber trotzdem zu Majas Geburtstagsparty, obwohl sie für ihren Vater nichts als Verachtung empfinden. Zur Überraschung aller verläuft der Abend friedlich und ohne besondere Vorkommnisse. Doch am nächsten Tag ist Vito spurlos verschwunden. Seine Schwester, mit der Carla seit der Scheidung auf Kriegsfuß steht, gibt sogleich eine Vermisstenanzeige auf. Sie ist fest davon überzeugt, dass etwas Schreckliches geschehen sein muss. Und sie soll Recht behalten: Man findet Vitos Leiche auf einer Müllhalde.

Im Visier der Ermittler

Nach kurzer Zeit gerät Carla ins Visier der Ermittler. Es ist kein Geheimnis, dass Vito seine Frau tyrannisierte und sie regelmäßig grün und blau schlug, doch nach seiner Ermordung mutiert er bei Familie und Freunden plötzlich zu einem Heiligen. Natürlich war er ein bisschen grob, aber er war eben ein Mordskerl, ein ganzer Mann, den man einfach nur zu nehmen verstehen musste. Carla wird zur Hauptverdächtigen, zur rachsüchtigen Ex-Frau, die ihren unbequemen Mann gemeinsam mit ihrem Liebhaber loswerden wollte. Es beginnt eine beispiellose Hexenjagd, obwohl nicht der kleinste Beweis gegen Carla vorliegt. Aber dann bekommt die Geschichte plötzlich eine ungeahnte Wendung, die ein völlig anderes Licht auf die Vorkommnisse – und auf Carla – wirft. Kann sie – die Überlebende – sich noch einmal retten?

Düsteres Beziehungsdrama par excellence

Mit Noch war es Nacht ist Antonella Lattanzi ein düsteres Beziehungsdrama par excellence gelungen, das seinesgleichen sucht. Vor der Kulisse Roms entspinnt die Autorin ein zwischenmenschliches Inferno mit einer emotionalen Wucht, die ins Mark trifft. Ihre Charaktere, speziell Carla und Vito, sind realistisch, vielschichtig und fernab jeglicher Klischees. Ihre Liebes- und Leidensgeschichte ist verstörend und geht bis an die Grenzen des Erträglichen. Auch ihr soziales Umfeld bleibt nicht unangetastet: Schonungslos entlarvt Lattanzi familiäre Heuchelei, falsche Freunde, Bigotterie und perfide Intrigen, die ein Leben zerstören können.

Darüber hinaus kritisiert die Autorin das antiquierte Frauenbild, das auch in der heutigen Zeit noch Gültigkeit hat: Die devote Gefährtin, die ihrem Mann jeden Wunsch von den Augen abliest. Fügt sie sich nicht oder lässt sie sich gar scheiden, ist sie die Schuldige, die nichts taugt und der ohne Mann jegliche Daseinsberechtigung abgesprochen wird. Aber Protagonistin Carla kann und will dieser Rollenidiotie nicht entsprechen. Sie bricht aus und riskiert einen Neustart, auch wenn Angst ihr ständiger Wegbegleiter ist. Dieses Wagnis hat seinen Preis. Doch Carla ist bereit, ihn zu zahlen. Ausweglos war gestern!

Mein Fazit: Ein Must Read – sehr empfehlenswert!

Antonella Lattanzi: Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Dozentin

Antonella Lattanzi wurde 1979 in Bari geboren. Nachdem sie ein Literaturstudium in Rom absolvierte, gab sie 2004 ihr literarisches Debüt mit den Kurzgeschichten Col culo scomomodo (Mit unbequemem Arsch) und verfasste danach einen ungewöhnlichen Reiseführer mit den Legenden, Kuriositäten und populären Geschichten ihrer Heimat Apulien.

Ihren ersten Roman Devozione (Hingabe) veröffentlichte sie im Jahre 2010, gefolgt von ihrem zweiten Werk Prima che tu tradisca (Bevor du mich betrügst), mit der ihr 2013 der Sprung auf die Finalistenliste des renommierten Premio Stresa gelang. Mit Una storia nera, dem hier vorgestellten Noch war es Nacht, gewann sie 2017 den Premio Cortina d’Ampezzo. Die Filmrechte an diesem Roman erwarb die Produktionsfirma Lucky Red, die eine TV-Serie aus dieser dramatischen Story machen möchte. Lattanzi selbst wird das Drehbuch hierzu schreiben. In diesem Bereich verfügt sie bereits über professionelle Erfahrung, denn sie schrieb die entsprechenden Drehbücher für den Film Fiore von Claudio Giovannesi in 2013 und 2night von Ivan Silvestrini in 2016.

Die Autorin lebt und arbeitet in Rom.


Originalausgabe: Lattanzi, Antonella. Una Storia Nera. Mondadori Libri S.p.A., 2017.
Deutsche Ausgabe: Lattanzi, Antonella. Noch war es Nacht. Aus dem Italienischen von Margit Knapp. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH, 2018.

Buchcover: © Rowohlt Verlag GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat)