Kunst und Leben

Naomi Wood: Diese goldenen Jahre

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Nachdem Naomi Wood in ihrem vorangegangenen brillanten Roman Als Hemingway mich liebte das turbulente Leben der einzigartigen Schriftsteller-Legende thematisierte, widmet sie sich in ihrem neuesten Werk Diese goldenen Jahre der avantgardistischen Bauhaus-Ära – von ihren inspirierenden, vielversprechenden Anfängen im Jahre 1919 unter der Ägide ihres charismatischen Gründers Walter Gropius bis zu ihrem bitteren, dramatischen Ende im Jahre 1933, als die Nazis mit ihrer menschenverachtenden Ideologie das Ende der progressiven Kunstschule besiegelten. Was sie jedoch nicht zerstören konnten, war der nachhaltige Einfluss, den das Bauhaus, das in diesem Jahr sein 100-jähriges Jubiläum feiert, mit seinem Konzept einer modernen Architektur und der freien, angewandten Kunst bis heute weltweit noch immer hat.

Das Renommee dieser einzigartigen Institution wurde neben Gropius natürlich auch von seinen lehrenden Meistern geprägt: Künstlergrößen wie der deutsche Maler und Grafiker Paul Klee, der russischer Maler und Kunsttheoretiker Wassily Kandinsky und der Schweizer Maler und Pädagoge Johannes Itten, die die Autorin alle mit in ihren Roman eingebaut hat, drückten dem Bauhaus ihren ganz eigenen Stempel auf und führten ihre Studenten an ein neuartiges Kunstverständnis heran, dessen zukunftsweisende Impulse eine ganz besondere Auswirkung auf ihr kreatives Schaffen hatte.

Doch die Gesellschaft und auch die Politik beäugten die eingeschworene Bauhaus-Community und ihren bahnbrechenden Aufbruch in eine neue Kunstära mit Misstrauen: Zu freizügig, zu innovativ und stets einen Schritt über die Grenze des konventionellen Wohlgefallens. Und so war es denn auch nicht verwunderlich, dass die breite Masse mit dem Bauhaus als solchem nicht viel anfangen konnte. Es fehlte gänzlich das Verständnis und die Weitsicht für diesen in ihren Augen modernistischen Schnickschnack, dessen Sinn sich ihnen nicht erschloss.

Bauhaus-Babys

Aber zunächst zurück zu den Anfängen, nach Weimar ins Jahr 1922, wo Naomi Woods Roman beginnt. Der Ich-Erzähler, der erfolgreiche Maler Paul Beckermann, der mittlerweile im Exil in England lebt, lässt die schicksalhafte Bauhaus-Zeit angesichts eines Todesfalls Revue passieren. Mit Wehmut, Verbitterung und großer Traurigkeit denkt er zurück an die glorreichen ersten Jahre, die er und seine Freunde, die Clique der Bauhaus-Babys, wie die Anfänger damals genannt wurden, gemeinsam verbrachten und auf welche tragische Weise sie auseinanderdrifteten. Sein erster Gedanke gilt Charlotte, die verschlossene, ernsthafte Künstlerin aus Prag, in die er sich gleich am ersten Tag unsterblich verliebt. Hinzu kommen die bodenständigen, eng miteinander verbundenen Freunde Irmi und Kaspar sowie der rätselhafte, unbeherrschte Jenö und Walter, der für Paul zu einem engen Vertrauten wird.

Künstlerische Herausforderungen

Die Freunde sind hochmotiviert und stürzen sich mit Feuereifer auf die ihnen gestellten Aufgaben, doch die lehrenden Meister zeigen ihnen schnell ihre Grenzen auf. Dies gilt insbesondere für Johannes Itten, den kahlköpfigen Kunstfanatiker, an dessen kreativen Herausforderungen viele Erstlinge scheitern. Hierzu zählt auch Paul, der zwar ein exzellenter Maler im klassischen Sinne ist, sich aber mit Ittens künstlerischer Herangehensweise sehr schwer tut. Da kommt ihm das Angebot des undurchsichtigen Ernst Steiner gerade recht, der ihm einen lukrativen Nebenjob anbietet. Paul soll kitschige Heimatkunst reproduzieren, die Steiner dann an gut betuchte ausländische Kunden veräußert. Obwohl ihn alle warnen, nimmt Paul den Job an, denn er möchte endlich unabhängig von seinen Eltern sein.

Erste Risse, politischer Umbruch und ein unverzeihlicher Verrat

Der Zauber der ersten Jahre verfliegt rasend schnell. Die Freundschaft der Clique wird durch Pauls unerfüllte Liebe zu Charlotte, Walters unerwiderte Zuneigung zu Jenö und einen schockierenden Zwischenfall, für den die ganze Clique Hausarrest erhält, auf eine harte Probe gestellt. Hinzu kommen zunächst moderate, dann radikale politische Veränderungen, die eine Verlegung des Bauhauses nach Dessau (1925) und später nach Berlin (1932) erforderlich machen.

Die sogenannte „Bauhaus-Zählung“, mit der gezielt ausländische Studenten identifiziert werden sollen, empört sowohl die Schulleitung als auch die Studierenden, insbesondere Charlotte, die Angst hat, ihren Studienplatz zu verlieren. Als sich herausstellt, dass einer der Freunde die Namen aller Ausländer an eine rechtsradikale Zeitung weitergegeben hat, sitzen der Schock und die Enttäuschung bei allen tief.

Erdrückende Schuld

Nach der Machtübernahme Hitlers dominieren Angst und Entsetzen. Die Clique hat sich aufgelöst, einige Mitglieder verlassen das Land, u.a. auch Paul. Doch an sein neues Leben als Mr. Bricker in England kann er sich nur sehr schwer gewöhnen. Zu erdrückend ist die Schuld, die er auf sich geladen hat, zu schmerzhaft die Erinnerung an eine Liebe, die keinen Bestand hatte und zu monströs der Gedanke, dass er aufgrund seiner Indifferenz eine Katastrophe nicht verhinderte. Was ihn am Leben hält, ist die Reminiszenz an viele glückliche Augenblicke, an magische Momente der überberstenden Kreativität und der Stille und an Stunden der Leidenschaft, die für ihn die ganze Welt bedeuteten…

Ein herausragender Roman mit exzellent gezeichneten Protagonisten und geschichtlichem Tiefgang

Mit ihrem aktuellen Buch ist Naomi Wood erneut ein erstklassiges Lesehighlight gelungen. Die außergewöhnliche, sehr ans Herz gehende Story um ihren Protagonisten Paul und seine fünf Freunde, die sie in zwei parallelen Handlungssträngen erzählt, verwebt sie sehr gelungen mit dem historischen Kontext. Dabei fängt sie die Atmosphäre der damaligen Zeit en détail ein: Sie macht die beflügelnde Aufbruchstimmung unter den Studenten ebenso deutlich fühlbar wie die lähmende Angst, die sich nach der Machtergreifung der Nazis überall ausbreitet.

Die persönlichen Schicksale ihrer Hauptfiguren schildert die Autorin mit großem Feingefühl und einem untrüglichen Gespür für die Befindlichkeiten der Menschen, insbesondere in Zeiten einer politischen Schreckensherrschaft, in denen es zumeist ums nackte Überleben geht. Wood bewertet nicht, sie urteilt nicht, sondern lässt die Geschehnisse als solche für sich sprechen. Was wir als Leser aus ihrem herausragenden Roman mitnehmen, sind nicht nur äußerst interessante Inside-Bauhaus-Informationen und spezielle geschichtliche Hintergründe, die die Autorin eingehend recherchiert hat, sondern ebenso differenzierte Einsichten in das Menschsein an sich: Was uns verbindet, was uns trennt und wie große Empfindungen uns manchmal zu gefühllosen Taten verleiten, die im Rückblick unverzeihlich sind. Und wie wir trotz allem weiterleben – mit der Erinnerung an das Schöne, das unauslöschlich ist.

Mein Fazit: Eine große Leseempfehlung für einen der besten Romane des Jahres! 

Naomi Wood: Renommierte Schriftstellerin und Dozentin

Naomi Wood wurde 1983 in Yorkshire/England geboren. Im Alter von acht Jahren zog sie mit ihren Eltern nach Hong Kong, wo sie zehn Jahre lebte. Mit 18 kehrte sie zurück nach England und studierte Englische Literatur an der namhaften University of Cambridge. Danach arbeitete sie zunächst für Random House und studierte dann Creative Writing an der University of East Anglia in Norwich (UEA). Neben ihrem Studium entstand ihr erster Roman The Godless Boys, der 2011 in England und Norwegen veröffentlicht wurde und demnächst angabengemäß sogar verfilmt werden soll.

Nachdem Wood an der UEA ein volles Promotionsstipendium erhalten hatte, begann sie mit den Recherchen zu ihrem zweiten Buch, Als Hemingway mich liebte (Mrs. Hemingway). Sie besuchte die Schauplätze und Lebensschwerpunkte Hemingways in Chicago, Boston, Key West, Cuba, Antibes und Paris und recherchierte als Stipendiatin zudem einige Zeit an der Library of Congress in Washington D.C.

Mit Mrs. Hemingway, der 2014 in England erschien und inzwischen in mehr als 15 Ländern publiziert wurde, gelang ihr der literarische Durchbruch. Der Roman wurde bereits in seinem Erscheinungsjahr mit dem Jerwood Fiction Uncovered Prize ausgezeichnet und erhielt eine exzellente Besprechung in der namhaften New York Times. Auch hier ist eine TV-Verfilmung in Planung.

Danach startete sie mit ihren Recherchen zu ihrem dritten Roman The Hiding Game, der hier vorgestellte Diese goldenen Jahre, der in diesem Jahr veröffentlicht wurde und mit Sicherheit den Sprung auf die Bestsellerlisten schaffen wird.

Neben der Schriftstellerei unterrichtet Naomi Wood Creative Writing an der University of East Anglia. 

Die Autorin lebt und arbeitet in Norwich/UK.


Originalausgabe: Wood, Naomi. The Hiding Game. London: Picador/Pan Macmillan, 2019.
Deutsche Ausgabe: Wood, Naomi. Diese goldenen Jahre. Aus dem Englischen von Claudia Feldmann. Hamburg: Atlantik Verlag/Hoffmann und Campe Verlag GmbH, 2019.

Buchcover: © Atlantik Verlag/Hoffmann und Campe Verlag GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat) – erstellt mit PhotoLab

Mein herzlicher Dank gilt dem Atlantik Verlag/Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, die mir diesen Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.