Ein sonderbarer Gast

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Aude Le Corff: Das zweite Leben des Monsieur Moustier

Es gibt Romane, die nach Lektüre wie ein wohltuender Balsam wirken. Sie wecken schöne und schmerzhafte Erinnerungen, stimmen glücklich und traurig, und am Ende schließt man das Buch mit dem beruhigenden Gefühl, dass menschliche Wärme, Mitgefühl, Verständnis und Vergebung alles Schlechte in dieser Welt aufwiegen. Eine solche seelenvolle Geschichte ist auch Aude Le Corffs neuestes Werk Das zweite Leben des Monsieur Moustier, das mit seiner warmherzigen, tiefgründigen Story beeindruckt, die bis zum Schluss gefangen nimmt. Dies liegt in erster Linie an den beiden Protagonisten, die – trotz aller Unterschiede – Freunde werden, weil sie mehr verbindet als sie ahnen, denn sie leben beide mit einem schmerzhaften Geheimnis, das ihr Leben geprägt und sie zu dem gemacht hat, was sie heute sind. Doch um sich einander anzunähern, müssen beide die Mauer aus Unnahbarkeit und Indifferenz niederreißen, die sie als Selbstschutz um sich herum aufgebaut und mit der sie schon so lange ihre Existenz gemeistert haben.

Eine Oase der Ruhe

Die namenlose Ich-Erzählerin, eine Kriminalschriftstellerin, kauft mit ihrem Mann Damien und ihrer kleinen Tochter Lucie ein Haus an der bretonischen Küste. Das idyllische Anwesen mit dem wildromantischen Garten soll für die schwangere Autorin, die an ihrem neuesten Roman arbeitet, und ihre Familie eine Oase der Ruhe fernab vom Pariser Lärm und der enervierenden Großstadthektik werden. Das Haus hatte ihr und ihrem Mann auf Anhieb gefallen, und der Kauf ließ sich problemlos abwickeln. Der ehemalige Besitzer, Guy de Moustier, war aufgrund fortschreitender Demenz von seinen beiden Töchtern in einem naheliegenden Heim untergebracht worden. Die völlig unterschiedlichen Frauen, die aus ihrer schlechten Beziehung zu ihrem schwierigen Vater keinen Hehl machen, sind froh, ihren alten Herrn und das Haus so schnell losgeworden zu sein und lassen sich nicht mehr blicken.

Ein griesgrämiger Eindringling

Nach der Geburt ihres kleinen Sohnes Robin fühlt sich die Schriftstellerin in ihrem neuen Zuhause schon fast heimisch. Doch Tochter Lucie vermisst Paris und kann sich so gar nicht mit ihrer neuen Umgebung anfreunden. Zudem missfällt es ihr, dass ihr kleiner Bruder jetzt alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Und auch mit ihrem Mann scheint etwas nicht zu stimmen: Er ist merkwürdig still, völlig überarbeitet und kaum zugänglich. Doch viel Zeit hat sie nicht, um seinem merkwürdigen Verhalten auf den Grund zu gehen, denn sie möchte ihren neuen Thriller so schnell wie möglich fertigstellen. Eines Tages, als sie wieder einmal ihr Manuskript überarbeitet, öffnet sich die Tür und ein mürrischer alter Herr tritt ein: Er geht schnurrstracks in den Keller, wo er stundenlang mit seinen Werkzeugen hantiert. Sie ist zu überrascht und auch ein wenig eingeschüchtert von seiner Autorität, um ihn hinauszuwerfen. Eine Nachbarin bestätigt ihr schließlich das, was sie bereits vermutete: Der griesgrämige Eindringling ist Guy de Moustier, der ehemaliger Besitzer, ein mürrischer Eigenbrötler, der das Haus einst von seinem Vater erbte und dort viele Jahre ein einsames Dasein fristete, nachdem seine Frau und seine Töchter ihn verlassen hatten.

Verbindende Schicksale

Die Autorin vermutet, dass er vielleicht nur kurz aus seinem Heim entwischt ist und denkt nicht weiter über die kuriose Begegnung nach, doch Guy de Moustier kommt auch am nächsten Tag wieder – immer dann, wenn sie allein ist. Die Autorin merkt, wie wohl er sich in seinem alten Zuhause fühlt, und wie wichtig es für ihn ist, wenigstens für einige Stunden in seiner gewohnten Umgebung zu sein. Sie lässt ihn gewähren, erzählt aber ihrem Mann nichts von ihrem sonderbaren Gast. Und zu ihrer Überraschung beginnt sie ihn zu mögen, diesen komischen, gefühlsarmen Kauz, dem Tiere und Pflanzen lieber sind als Menschen.

Ganz langsam nähern sie sich einander an, und er erzählt ihr vom tragischen Schicksal seiner Familie, eine Erinnerung von so schrecklichem Ausmaß, dass er es nie schaffte, sie mit seiner Frau und seinen Töchtern zu teilen. Und auch die Schriftstellerin fasst mehr und mehr Vertrauen zu ihm und berichtet von ihrem cholerischen Vater, der ihr und ihrer Mutter das Leben zur Hölle machte und sie veranlasste, ihr Elternhaus schon mit 17 Jahren zu verlassen.

Ihre langsam wachsende Freundschaft lässt die beiden aufblühen, denn die schwere Last, die sie zu erdrücken schien, ist plötzlich so leicht und erträglich. Doch eines Tages verschwindet der alte Moustier, und die Autorin merkt, wie sehr er ihr fehlt, obwohl er sie in seiner Sturheit, Arroganz und Unnachgiebigkeit manchmal sehr an ihren Vater und auch an ihren Großvater erinnerte. Sie macht sich auf die Suche und unterdrückt das ungute Gefühl, das nicht weichen will…

Ein leiser Roman voller Wärme und Menschlichkeit

Mit dieser außergewöhnlichen Geschichte ist Aude Le Corff ein sehr berührendes Werk gelungen, das noch lange nach Lektüre im Gedächtnis bleibt. Ihr leiser Roman voller Wärme und Menschlichkeit zeigt, wie sehr das persönliche Schicksal einen Menschen prägt und ihn zu dem macht, der er ist. Er verdeutlicht, wie viel Schmerz und Zorn Menschen manchmal in sich verschließen und wie sehr sie mit sich und ihrem Leben hadern. Le Corff veranschaulicht aber auch, dass es immer einen Ausweg aus diesem Seelengefängnis  gibt: Nachdem sich ihr Protagonist Moustier der Autorin geöffnet und ihr von seinen schrecklichen Erlebnissen berichtet hat, beginnt sein zweites Leben. Er fühlt sich befreit und lebt nochmals auf. Gleiches gilt für die Autorin, die versucht, Verständnis für ihren Vater aufzubringen, um ihm endlich verzeihen zu können. Keine leichte Aufgabe, aber sicherlich eine, die uns, wenn sie denn gelingt, die Bedeutsamkeit von Empathie und Vergebung erkennen lässt.

Aude Le Corff: Französische Schriftstellerin mit japanischen Wurzeln

Über die Schriftstellerin Aude Le Corff ist nicht viel bekannt. Sie wurde 1977 in Tokio geboren und studierte Wirtschaft und Psychologie. 2009 startete sie ihren Blog Nectar du Net, für den sie mit dem Prix ELLE ausgezeichnet wurde.

2013, im Alter von 38 Jahren, veröffentlichte die Autorin, die schon als kleines Mädchen Schriftstellerin werden wollte, ihren ersten Roman Bäume reisen nachts (Les arbres voyagent la nuit). Diese bezaubernde Geschichte, die ich euch ebenfalls wärmstens empfehlen möchte, handelt von der kleinen Manon, die nach dem plötzlichen Verschwinden ihrer Mutter untröstlich ist und sich in die Welt der Bücher flüchtet, die sie ganz allein unter einer riesigen Birke liest. Weder ihr Vater noch ihre Tante lässt sie an sich heran. Nur der mürrische alte Nachbar Anatole schafft es, zu Manon durchzudringen, obwohl er Kinder eigentlich gar nicht mag. Doch heimlich ist ihm die Kleine ans Herz gewachsen, und er beginnt, gemeinsam mit ihr Der kleine Prinz zu lesen. Dies ist nicht nur der Anfang einer wunderbaren Freundschaft, sondern auch der Beginn eines großen Abenteuers, das seinen Lauf nimmt, als Manon unverhofft Briefe ihrer Mutter erhält. Bäume reisen nachts ist ein ganz wunderbares Buch für stille, schöne Stunden.

Zwei Jahre später erschien ihr zweiter Roman, der hier vorgestellte Das zweite Leben des Monsieur Moustier (L’Importun). Wie Le Corff Frédérique Bréhaut1 in einem Interview verriet, weist die Protagonistin dieses Buchs einige Ähnlichkeiten mit ihr auf: Auch sie ist Schriftstellerin und zog von Paris nach Nantes, als sie schwanger war. Das fiktive Haus der Protagonistin und ihrer Familie ist dem Anwesen, in dem sie heute wohnt, inkl. Garten nachempfunden. Wie ihre weibliche Hauptfigur, lebte auch Le Corff eine Zeit lang in Japan, ein Land, an das sie bis heute schöne Erinnerungen hat.

Le Corff lebt mit ihrer Familie in Nantes, wo auch ihre Romane entstanden sind.

Die biografischen Informationen über die Autorin sind der Verlagsseite entnommen.


Originalausgabe: Corff, Aude Le. L’Importun. Paris: Éditions Stock, 2015.
Deutsche Ausgabe: Corff, Aude Le. Das zweite Leben des Monsieur Moustier. Aus dem Französischen von Anne Braun. Berlin: Insel Verlag/Suhrkamp Verlag, 2016.

1Interview mit Aude Le Corff von Frédérique Bréhaut, Blog: Le Maine Livres: http://lemainelivres.blogs.lemainelibre.fr/%C2%AB-j%E2%80%99ai-tout-plaque-pour-ecrire-%C2%BB-27-06-2015-559

Buchcover: © Insel Verlag/Suhrkamp Verlag

2 Antworten

  1. Liebe Rosa,

    ich kenne das Buch und liebe es. Aude Le Corff schreibt so toll. Schön, dass du es empfohlen hast!

    Ich habe es auch zu Weihnachten verschenkt. Mal sehen, wie es ankommt?!

    Hast du noch einen Büchertipp für den Winter? Ich hab nämlich noch Urlaub und suche einen richtig schönen Roman für die Jahreszeit.

    Liebe Grüße und einen guten Rutsch

    Chloé

    • Liebe Chloé,

      der Roman von Aude Le Corff kommt als Geschenk bestimmt toll an. Sie schreibt wunderbar.

      Ja, ich habe noch einen ganz besonderen Wintertipp für dich: Der Roman von Petra Hartlieb „Ein Winter in Wien“. Es gibt keine schönere Lektüre zu dieser Jahreszeit. Meine diesbezügliche Rezension werde ich in Kürze veröffentlichen :).

      Liebe Grüße und dir auch einen guten Rutsch

      Rosa

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