Impressionen einer inspirierenden
New Yorkerin

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Lily Brett: Immer noch New York

Durch Zufall bin ich beim Stöbern auf dieses außergewöhnliche Buchjuwel der australisch-amerikanischen Schriftstellerin Lily Brett gestoßen, die mir vorher gar nicht bekannt war. Da ich ein großer New York Fan bin und auch schon einige Male dort war, habe ich es kurzerhand mitgenommen, ohne den Klappentext o.ä. zu lesen. Was für ein Glücksgriff! Bretts Momentaufnahmen ihres Lebens im „Big Apple“, die sie in 41 Kurzkapiteln auf ihre unnachahmliche Art darlegt, sind ein ganz besonderer Lesegenuss. Sie ist eine wunderbare Erzählerin, die uns nicht nur herrlich witzige Alltagsanekdoten über New York, seine Bewohner und seine Besonderheiten darbringt, sondern uns auch traurige, anrührende und sehr private Einblicke in ihr Leben erlaubt. Diese ungewöhnliche Kombination verleiht diesem Buch eine ganz spezielle, sehr unterhaltsame Note und spiegelt zugleich die tiefe Verbundenheit der Autorin mit ihrer Lieblingsstadt wider.

Die Magie der Großstadt

Lily Brett berichtet uns vom geheimen Zauber und von Ruheoasen in dieser hektisch anmutenden Großstadt. Dies scheint angesichts der Bilder, die wir von New York ständig im Fernsehen sehen – dichter Verkehr, Menschenmassen, unzählige Wolkenkratzer – ein Widerspruch zu sein. Aber das ist nicht der Fall. Als Beispiel führt die Autorin Grand Central Station, den New Yorker Hauptbahnhof, an, der eine ganz besondere Atmosphäre innehat und laut Brett eine Stadt in der Stadt ist, in der es sogar einen eigenen Markt gibt. Das Einzigartige an Grand Central Station ist meines Erachtens die Ruhe und Nostalgie, die der Bahnhof trotz aller Geschäftigkeit ausstrahlt. Dort morgens früh die Sonne durch die Fenster in die großen Hallen scheinen zu sehen, ist ein wahrhaft magischer Moment. Lily Brett lässt diesen speziellen Ort für uns mit ihrer einzigartigen Sprache lebendig werden, so dass wir für einen kurzen Moment das Gefühl haben, Teil dieses pulsierenden Ganzen zu sein.

Skurrile New Yorker

Auf sehr amüsante Weise stellt uns Lily Brett einige New Yorker Unikate vor. Da ist zum Beispiel Galina, ihre russische Pediküre, die sie immer Lilitschka nennt und mit der sie über alle Themen des Alltags, wie z.B. den Fettgehalt von Hüttenkäse, philosophieren kann. So hat Galina beispielsweise ihre ganz eigene Vorstellung von Diäten, bei denen auch eine kräftige Portion Zucker nicht fehlen darf. Und auch Bretts favorisierter Schumacher Yakub, der aus Usbekistan stammt, wird von der Autorin liebevoll porträtiert. Er ist äußerst wortkarg, lächelt nie und schüttelt stets den Kopf über den Zustand ihrer Schuhe. Jeder Besuch endet zumeist damit, dass er ihr nicht versprechen kann, ob da noch was zu machen ist – obwohl sie die Schuhe jedes Mal tadellos zurückerhält. Darüber hinaus berichtet Brett uns von ihrem verwirrenden Besuch bei Hellseherin Simone, die die Schriftstellerin zwecks Recherchen zu einem Buch aufsuchte. Die äußerst geschäftstüchtige Simone schwatzt ihr eine Stimulierung ihrer Chakras auf und schlägt dann auch noch vor, ihre Aura zu heilen – natürlich nur mit brasilianischen Kerzen aus echtem Gold. Das war dann jedoch auch für Brett, die ansonsten allen Dingen offen gegenübersteht, zu viel des Guten.

„Anything Goes“

Lily Brett gewährt uns skurrile und witzige Einblicke in die teilweise bizarre Welt der New Yorker, deren Motto „Anything Goes“ zu sein scheint. Und die Autorin kann hier aus dem Vollen schöpfen: Seien es Hunde mit schottischem Faltenrock, die schon fast manische Begeisterung der New Yorker für Kaffee und hier insbesondere der momentane Hype um Flat White (lest mal, was das ist), die enorme Wichtigkeit von Psychiatern oder der Hang zur Hypochondrie – das alles ist Teil des Charakters dieser selbstbewussten, leicht neurotischen Großstädtler. Auf den ersten Blick wirkt dieses Porträt der New Yorker schrullig, doch man kommt nicht umhin, sie zu mögen mit all ihren Eigenarten und Verschrobenheiten – zumal sie von Brett so hervorragend skizziert werden. Dabei nimmt sich die Schriftstellerin selbst nicht aus, denn einen Teil dieser Wesenszüge hat sie ebenfalls verinnerlicht.

Die jüdische Seele

Brettas Erzählungen enthalten darüber hinaus auch autobiografische Details. Als Tochter von Eltern, die als einzige Familienmitglieder den Krieg überlegt haben, hat sie ein ganz besonderes Verhältnis zu ihrem weisen Vater, der mittlerweile über 90 ist und Schokolade liebt, und ihrer schönen, lebenslustigen Mutter, die jedoch schon vor vielen Jahren an Krebs starb. Diesen Verlust hat sie, wie sie selbst zugibt, noch immer nicht verwunden, und so hängt sie auch sehr an allen Dingen, die sie an ihre Mutter erinnern, wie z.B. deren außergewöhnliche Brillen, die sie heute noch besitzt. Sie beschreibt, wie sie und auch ihre Eltern nach alldem, was passiert ist, nicht mehr an einen Gott glauben können. Und obwohl sie sich somit als Jüdin nicht über ihren Glauben definiert, hat Brett, wie sie selbst sagt, eine jüdische Seele und trägt alle Wesenszüge einer typischen Mutter in sich: Sie macht sich ständig Sorgen, kocht immer viel zu viel und ist wahnsinnig stolz auf ihre beiden Kinder. Wie sie sich und ihre Familie beschreibt, finde ich sehr berührend und aufschlussreich. Ihre Erzählweise wechselt oft von traurig zu witzig und wieder zurück und lässt eine warmherzige und sehr familienverbundene Künstlerin erkennen.

Erfrischende Streifzüge durch die Stadt, die niemals schläft

Alles in allem sind Bretts New York Erzählungen ein sehr gelungenes Leseabenteuer. Die Autorin zeigt uns in interessanten Streifzügen und amüsanten Anekdoten ihr New York, ihre Lieblingsorte, Cafés, Restaurants, Märkte u.v.m. und erklärt, warum die New Yorker mit ihrer Stadt auf eine ganz besondere Weise verbunden sind. Eine Kritikerin in Brigitte Woman (1.6.2015) brachte es auf den Punkt: „Lily Brett schreibt, wie Woody Allen Filme gedreht hat.“ Treffender kann man es nicht formulieren.

Wenn euch dieses Buch gefallen hat, so solltet ihr unbedingt auch den Vorgänger dazu mit dem Titel New York lesen, der 2001 ebenfalls beim Suhrkamp Verlag erschienen ist. Ich lese das Buch gerade und finde es genauso grandios wie Immer noch New York.

Lily Brett: Von der Rockmagazin-Journalistin zur renommierten Schriftstellerin, Dichterin und Essayistin

Lily Brett wurde 1946 in Feldafing/Deutschland geboren. Ihre Eltern, die im Ghetto von Lodz geheiratet hatten, wurden in Auschwitz getrennt, fanden sich aber nach ca. einem halben Jahr wieder. Brett und ihre Eltern überlebten das Grauen des Krieges und wanderten 1948 nach Brunswick/Australien aus.

Obwohl sich ihre Eltern wünschten, dass ihre Tochter Anwältin würde, startete Lily Brett im Alter von 19 Jahren ihre berufliche Karriere als Journalistin für Go-Set, das erste und angesagteste australische Rockmusik-Magazin der damaligen Zeit, obwohl sie überhaupt keine journalistische Erfahrung hatte, wie sie in ihrem hier vorgestellten Buch schreibt. Im Rahmen ihrer Tätigkeit bereiste sie die Welt und jettete u.a. auch nach New York, eine Stadt, die sie sofort begeisterte. Sie interviewte u.a. Rockgrößen wie Janis Joplin, Jimi Hendrix, Mick Jagger und Cher.

Lily Brett wandte sich schließlich der Schriftstellerei und Poesie zu und hat mittlerweile sieben Romane, vier Essay-Sammlungen und acht Gedichtbände veröffentlicht. All ihre Eindrücke in ihrer Zeit als Rockmagazin-Journalistin verarbeitete sie in ihrem mit dem französischen Literaturpreis Prix Médicis Étranger ausgezeichneten Roman Lola Bensky (2014).

Sie lebt mit ihrem Mann, dem Maler David Rankin, mit dem sie drei Kinder hat, seit 1989 in ihrer Lieblingsstadt New York.

Weitere Informationen über Lily Brett findet ihr auf ihrer Website.


Originalausgabe: Brett, Lily. Only in New York. Melbourne: Penguin Books Australia, 2014.
Deutsche Ausgabe: Brett, Lily. Immer noch New York. Aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2014.

Buchcover: © Suhrkamp Verlag

2 Antworten

  1. Hallo Rosa,

    das hört sich wirklich gut an. Ich mag Bücher und Geschichten, in denen es um New York geht. Ein bisschen erinnert es mich an die New York Trilogie von Paul Auster.

    Eine wirklich tolle Empfehlung, die mir sehr gefällt.

    Liebe Grüße, Bee

    • Hallo Bee,

      herzlichen Dank für Dein Feedback.

      Paul Auster mit seiner New York Trilogie steht auch ganz oben auf meiner Must Read Liste. Irgendwie komme ich nie dazu, die älteren Romane zu lesen, momentan erscheinen so viele tolle neue Bücher. Ich wünschte, ich hätte einfach mehr Zeit 🙂 – wie alle Bücherblogger!

      Liebe Grüße

      Rosa

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