Alte Wunden

Gytha Lodge: Bis ihr sie findet

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Mit ihrem ersten Kriminalroman Bis ihr sie findet hat die britische Schriftstellerin und Theaterautorin Gytha Lodge ein sehr beachtenswertes Debüt dieses Genres vorgelegt. Die fesselnde Mischung aus klassischem Whodunnit und packenden Elementen des zeitgenössischen Kriminalromans geht auf und hält den Leser bis zum Schluss gefangen – jedoch nicht auf die typisch explosive Thrillerart, sondern langsam, beinahe unmerklich – bis die letztendliche Auflösung schließlich den Täter entlarvt und man als Leser feststellt, dass man diesen außergewöhnlich substanzhaltigen Roman mit seiner düsteren Atmosphäre nur schwer aus der Hand legen kann, denn die schleichende Sogwirkung hat es in sich.

Das Ermittlerteam um den nicht greifbaren Protagonisten Detective Chief Inspector Jonah Sheens und seine Mitarbeiter – der attraktive, aber gefühlsarme DS Ben Lightman, die junge, übermotivierte DC Juliette Hanson, der erfahrene DS Domnall O’Malley und die angesehene Pathologin Linda McCullough – hat Lodge sehr gelungen porträtiert. Der Roman lebt somit nicht nur von der singulären Story, sondern auch von dem Zusammenspiel der unterschiedlichen Charaktere – sowohl seitens der Ermittler als auch seitens der Verdächtigen, die die Autorin ebenfalls sehr vielschichtig angelegt hat.

Für prickelnde Spannung sorgt auch das sich in zwei Handlungssträngen entfaltende Plot, wobei der erste das Geschehen in der Gegenwart des Romans, 2013, wiedergibt, während der zweite  Flashbacks des Opfers aus dem Jahre 1983 beinhaltet. Alles in allem: Ein ungewöhnlicher Fall effektvoll in Szene gesetzt, der den Leser herausfordert und ihn an der Suche nach dem Killer partizipieren lässt – und dies ist angesichts einiger ungeahnter Wendungen nicht gerade ein einfaches Unterfangen…

Ein grausiger Fund

Als die sterblichen Überreste von Aurora Jackson 30 Jahre nach ihrem Verschwinden in einem Waldstück gefunden werden, läuft es DCI Jonah Sheens kalt den Rücken herunter. Er erinnert sich nur zu gut an den aufsehenerregenden Cold Case, der nun nach dem Auffinden der Leiche des damals 14-jährigen Mädchens wieder Schlagzeilen macht. Aurora durfte seinerzeit die angesagte Clique ihrer Schwester Topaz zu einem Zeltausflug begleiten – ein Highlight für den stillen, in sich gekehrten Teenager, die als Außenseiterin nicht sonderlich beliebt war. Doch eines Nachts verschwand sie spurlos.

Die sechs Mitglieder der Clique, Womanizer und Möchte-Gern-Philosoph Daniel Benham, genannt Benners,  Sportass und Mädchenschwarm Brett Parker, Auroras Schwester Topaz Jackson und ihre sie anbetende Freundin Coralie Ribbans sowie die wilde Jojo Magos und der stille Connor Dooley wurden intensiv befragt – jedoch ohne jegliche Erkenntnisse. Auch alle großangelegten Suchaktionen blieben erfolglos, so dass man den Fall schließlich als ungelöst zu den Akten legte.

Aufgewühlte Vergangenheit

Doch die Vergangenheit lässt sich nicht auslöschen. Alte Wunden reißen auf und bringen bei allen Betroffenen ein längst verdrängtes Trauma wieder hervor. Auch DCI Sheens stürzt sich fieberhaft auf die anstehenden Ermittlungen und nimmt den Fall persönlich – zu persönlich, wie DS Hanson findet, die fest davon überzeugt ist, dass ihr Chef etwas zu verbergen hat. Aber die Zeit drängt, denn nunmehr fordert die Öffentlichkeit mit Nachdruck, dass der Mörder endlich dingfest gemacht wird. Und so konzentriert sich das Ermittlerteam zunächst auf die einzigen Verdächtigen, die geblieben sind: Die damaligen Mitglieder der beliebten Clique. Doch dieses Mal wird es für sie alle keine Samthandschuh-Behandlung geben, denn die Situation ist eine völlig andere: Auroras Leiche wurde nahe des Zeltplatzes in einem gut getarnten Versteck gefunden, das als Drogendepot diente.

Der Mörder unter ihnen

DCI Sheens sieht sich mit einer Herkules-Aufgabe konfrontiert, denn alle sechs Freunde sind mittlerweile gesellschaftlich etabliert und haben es in ihrem speziellen Bereich zu etwas gebracht: Sportcrack Brett hat eine eigene Firma, der ehemalige Freigeist und linksradikale Daniel ist jetzt konservativer Parlamentsabgeordneter, Topaz ist Managerin, Connor Professor, Jojo Landschaftsgärtnerin und Coralie ist im Modesektor tätig. Bei ihrem erneuten Zusammentreffen treten alte Rivalitäten zutage, jeder misstraut dem anderen und sieht mit wachsendem Unbehagen den erneuten akribischen polizeilichen Befragungen entgegen.

Allen ist klar, dass sie verdächtig sind, dass jeder von ihnen der Mörder sein könnte, doch niemand will es wahrhaben. Als der Verdacht kurzzeitig auf Auroras Englischlehrer Mr. Mackenzie fällt, atmen alle auf, doch es gibt nicht den geringsten Beweis für seine Schuld. Und so konzentrieren sich DCI Sheens und sein Team abermals auf die Mitglieder der Clique und bringen immer mehr unangenehme Wahrheiten ans Tageslicht, die alle belasten – bis schließlich ein Hinweis die Ermittler zum wahren Täter führt, der sich lange genug hinter seiner gut-bürgerlichen Fassade verstecken konnte…

Fesselnder, substanzhaltiger Kriminalroman mit Sogwirkung

Dieses Romandebüt von Gytha Lodge hat mir außerordentlich gut gefallen. Die Story ist sehr durchdacht, die Charaktere sind jeder für sich sehr gut gezeichnet. Obwohl Protagonist und Hauptermittler Sheens anfänglich nicht gerade sympathisch wirkt, ist es äußerst interessant, seine persönliche Weiterentwicklung zu verfolgen und vor allem herauszufinden, welches Geheimnis er letztendlich verbirgt. Sein ruheloser Kampf mit seinen eigenen Dämonen trägt in erheblichem Maße zum Spannungsaufbau bei und lässt den Leser zuweilen auch an seiner Integrität und Verlässlichkeit zweifeln.

Das klug inszenierte Katz-und-Maus-Spiel, das die Autorin zwischen allen Figuren brillant in Szene setzt, ist sehr gelungen und bindet den Leser geschickt mit ein: Wie auch bei Agatha Christies Romanen und ihrem klassischen Whodunnit-Konzept ist man unablässig versucht, hinter allen Aussagen der Verdächtigen die Wahrheit zu finden und den Täter selbst zu entlarven, doch Lodge führt uns auf so viele falsche Fährten, dass man zumeist ins Leere läuft. Bis ihr sie findet ist ein Kriminalroman ganz nach meinem Geschmack: Spannend, intelligent konzipiert, herausfordernd und viele Verdächtige, die alle etwas zu verbergen haben. Das ist Crime Fiction at its best!

Gytha Lodge: Renommierte Theaterautorin und Schriftstellerin

Gytha Lodge studierte Englische Literatur an der University of Cambridge und Kreatives Schreiben an der University of East Anglia. In Cambridge schrieb und inszenierte sie ihre ersten Theaterstücke. 2009 gewann sie den Geoffrey Whitworth Award für die beste britische Theaterproduktion. Bald darauf gründete sie ihre eigene Theatergruppe und ging mit ihren Werken auf Tour. Ihr Einakter Otherwise gewann 2010 den Fringe Award für das beste neue Theaterstück.

2011 wandte sich Lodge auch der Prosa zu. Sie wurde für den Yeovil Literary Prize und den Arts‘ Council England Fiction Award nominiert und konnte eine sehr große Online-Fangemeinde für ihre Jugend- und Kinderbücher gewinnen (über eine Million Lesungen auf der Plattform Wattpad).

Bis ihr sie findet ist ihr Krimidebüt, das bereits den Sprung auf die Bestsellerlisten geschafft hat. 


Originalausgabe: Lodge, Gytha. She Lies in Wait. London: Penguin Books Ltd., 2019.
Deutsche Ausgabe: Lodge, Gytha. Bis ihr sie findet. Aus dem Englischen von Kristian Lutze. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag GmbH, 2019.

Buchcover: © Hoffmann und Campe Verlag GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat) – erstellt mit PhotoLab

Mein herzlicher Dank gilt der Hoffmann und Campe Verlag GmbH, die mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Agatha Christies Poirot:
Warum David Suchet unübertroffen bleibt

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Hercule Poirot (David Suchet)

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Er ist d e r Meisterdetektiv schlechthin und einer der weltberühmten Romanfiguren der britischen Queen of Crime, Agatha Christie: Hercule Poirot, der kleine Belgier mit dem Schnauzbart und einem exzeptionellen Hang zur Exzentrik, vor dessen messerscharfem Verstand und beispielloser Kombinationsgabe selbst der gerissenste Verbrecher kapitulieren muss. Nichts entgeht seiner Beobachtung, kein noch so kleines Detail bleibt vor ihm verborgen, denn seine kleinen grauen Zellen arbeiten unablässig. Zumeist weiß er schon längst, wer der Mörder ist, während die Polizei noch im Dunkeln tappt. Alles in allem ein sehr komplexer fiktionaler Charakter, dessen zahlreiche Facetten ihn einzigartig machen.

Ca. 70 Krimis schrieb Christie mit Poirot als Titelhelden. Viele davon wurden von diversen Regisseuren in deren speziellem Stil verfilmt. Die Adaptionen standen und fielen natürlich mit dem Schauspieler, der Poirot verkörperte, darunter die preisgekrönten Mimen Albert Finney und Sir Peter Ustinov. In jüngster Zeit wagte sich auch der namhafte englische Shakespeare-Akteur Kenneth Branagh an die Verfilmung des Klassikers Mord im Orient-Express, den er als opulentes Meisterwerk mit einem großen Staraufgebot und sich selbst in der Titelrolle inszenierte. Auch die amerikanische Schauspielgröße John Malkovich versucht sich derzeit als Poirot in der Netflix-Serie Die Morde des Herrn ABC.

Darüber vergisst man fast, dass nur ein Schauspieler das große Privileg hatte, Hercule Poirot in allen Episoden (1989 – 2003) zu verkörpern: Dem englischen Charakterdarsteller David Suchet gelang das, was selbst die renommiertesten seiner Kollegen nicht erreichten: Er machte aus der kleinen Serie, Agatha Christie’s Poirot, die nur für kurze Zeit im englischen TV laufen sollte, einen – immer noch anhaltenden – weltweiten Erfolg. Was unterscheidet ihn somit von seinen berühmten Vorgängern bzw. Nachfolgern? Zum einen ist es sicherlich die Tatsache, dass Suchet Hercule Poirot genau so darstellte, wie Agatha Christie ihn einst konzipierte. Wie er in einem Interview verriet, las er akribisch jeden einzelnen von Christies Poirot-Romanen und schrieb jede Eigenart des Detektivs heraus, um tout en tout die Figur darzustellen, die die Autorin erschaffen hatte. Dazu gehörte natürlich auch der Poirot-typische, kurzschrittige Trippelgang, den Suchet perfekt in Szene setzt.

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Samuel Ratchett (Toby Jones) und Hercule Poirot (David Suchet)

Alles in allem kein einfaches Unterfangen, denn Agatha Christie lehnte laut ihrer Tochter Rosalind Hicks jede Darstellung ihrer berühmten Detektivfigur kategorisch ab. Als Suchet 1989 auf Wunsch der Christie-Familie die Rolle des Hercule Poirot erhielt, wurde er angabengemäß von Hicks anlässlich eines Lunchs regelrecht „gegrillt“, denn sie teilte ihm unmissverständlich mit, dass Hercule Poirot weder eine Witzfigur noch ein Clown sei und sie wünsche, dass er ihn originalgetreu porträtiere. Und dies gelang Suchet wie keinem anderen: Er spielte Poirot nicht als überdrehte Karikatur, sondern als hochintelligenten, warmherzigen Mann mit Charisma, Witz und – sogar – mit einem gewissen Charme, womit er schnell die Herzen der Zuschauer eroberte.

Poirots augenscheinliche Exzentrik rückt dabei fast in den Hintergrund, denn Suchet stellt den Menschen in den Vordergrund: Ein lebensechter anstatt überlebensgroßer Held, ein bodenständiges Mastermind anstelle eines abgehobenen Superkombinierers, der bei aller Verschrobenheit äußerst liebenswert ist. Mit seiner brillanten Darstellung setzte Suchet Poirot ein einzigartiges Denkmal und erhielt von Christies Tochter das wohl schönste Kompliment für die Rolle seines Lebens, die er fast 25 Jahre lang spielte: Sie teilte ihm mit, dass sie fest davon überzeugt sei, dass ihre Mutter mit seiner Verkörperung von Poirot sehr glücklich gewesen wäre.

Doch nicht nur die Titelrolle ist mit Suchet exzellent besetzt. Auch sein Team, Poirots langjähriger Freund Captain Arthur Hastings, seine kluge Sekretärin, Miss Felicity Lemon, deren Namen er mit gnadenloser Regelmäßigkeit französisch ausspricht, und der stets genervte Chief Inspector James Japp werden von Hugh Fraser, Pauline Moran und Philip Jackson glänzend verkörpert.

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Felicity Lemon (Pauline Moran), Chief Inspector Japp (Philip Jackson)
Hercule Poirot (David Suchet), Captain Hastings (Hugh Fraser)

Die Gaststars können sich ebenfalls sehen lassen: Neben Schauspielgrößen wie James Fox, Martin Shaw, Barbara Hershey, Jessica Chastain, Michael Fassbender, Damian Lewis und Emily Blunt ist die amerikanische Aktrice Zoë Wanamaker ein ganz besonderes Glanzlicht. Für ihre Rolle als exzentrische Kriminalschriftstellerin Ariadne Oliver, die sich bei Poirots Recherchen stets als hilfreich erweist, ihm aber mit ihren Kapriolen und ihrer Unordnung den letzten Nerv raubt, ist sie die absolute Idealbesetzung. Ariadne Oliver soll Agatha Christie im Übrigen als ihr überzeichnetes Alter Ego mit einem großen Touch Selbstironie geschaffen haben. Für diese Theorie spricht auch Olivers Begeisterung für Äpfel, die sie – was für ein Zufall – mit der Autorin teilt.

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Hercule Poirot (David Suchet) und Ariadne Oliver (Zoë Wanamaker)

Die Chemie der beiden Darsteller ist grandios, und ihre Dialoge sind geprägt von Esprit und Wortwitz. Die sechs Episoden, in denen sie aufeinandertreffen, sind ganz besonders spannende Leckerbissen: Mit offenen Karten, Mrs. McGinty ist tot, Die vergessliche Mörderin, Die Halloween Party, Elefanten vergessen nie und Wiedersehen mit Mrs. Oliver.

Auch die beiden Episoden – Die russische Gräfin und Die Arbeiten des Herkules – mit der betörenden, aber undurchsichtigen Vera Rossakoff, in die sich Poirot auf den ersten Blick verliebt, sind herausragend. Es knistert gewaltig, obwohl Poirot ja mehr für Verstand als für Gefühl steht. 

Jede der verfilmten Poirot-Episoden ist ein kleines Meisterwerk für sich. Bildgewaltig und mit einer augenscheinlichen Liebe zum Detail haben sie absolutes Suchtpotential. Auch die Drehorte sind vom Allerfeinsten: Die Londoner Art-Déco-Apartmentanlage Addisland Court, das Burgh Island Hotel in Devon, Rotherfield Park in Hampshire, The Peacock House in Holland Park, St. Anne’s Court in Chertsey, das Hotel Olympos in den Schweizer Alpen und – als besonderes Highlight – Agatha Christies Haus Greenway.

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Die kompletten Poirot-Folgen sind in 12 DVD-Collections (polyband Medien GmbH) erhältlich. Ich habe sie alle und kann nur sagen, dass mich jede Folge begeistert hat. Die Highlights sind natürlich Klassiker wie Mord im Orient-Express, Das Böse unter der Sonne, Tod auf dem Nil und Die Morde des Herrn ABC, aber auch selten verfilmte Folgen wie Mord in Mesopotamien, Die Katze im Taubenschlag, Der blaue Express und der Zweiteiler Das Haus auf der Klippe wurden exzellent umgesetzt. Hervorzuheben ist abschließend noch die Verfilmung von Der Wachsblumenstrauss, die ich bis dato nur mit der großartigen Margret Rutherford als Miss Marple kannte, obwohl Agatha Christie die Originalgeschichte mit Poirot verfasst hat. Die Neuadaption ist wirklich sehr gelungen und ein Must See in jeglicher Hinsicht. Gleiches gilt für die Episode Nikotin mit dem großartigen Martin Shaw, der als Gaststar auf Augenhöhe mit Suchet eine absolute Glanzleistung vollbringt. Sehr sehenswert!


Mein herzlicher Dank gilt der polyband Medien GmbH, die mir freundlicherweise alle o.g. Fotos inkl. DVD-Cover zur Verfügung gestellt hat.

Bildnachweis: © polyband Medien GmbH

Interview: Holly and Phil Chat with David Suchet, 13.11.2013, Youtube

Im Sog der Angst

Peter Swanson: Alles was du fürchtest

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Die außergewöhnlichen Thriller des amerikanischen Schriftstellers Peter Swanson sind eine Klasse für sich. Nervenaufreibend, unvorhersehbar und mit Hitchcock-ähnlichen Spannungselementen bieten sie alles, was eine Psycholektüre dieses Kalibers ausmacht. Swansons bis ins kleinste Detail ausgeklügelten Geschichten sind auf hohem Suspense-Niveau und garantieren Gänsehaut-Leseerlebnisse bis zum spektakulären Finale. Dies gilt auch wieder für sein neuestes Werk Alles was du fürchtest, das in diesem Jahr in Deutschland erschienen ist und seine Leser erneut mit einer sehr ausgefallenen Story und tiefgehenden, widersprüchlichen Charakteren in seinen Bann zieht.

Flucht vor dem Trauma

Nach einem lebensverändernden Trauma ist die junge Kate Priddy nicht mehr dieselbe. Panikattacken bestimmen ihren Alltag, hinter allem und jedem vermutet sie Schlimmes. Als ihr Cousin Corbin ihr einen halbjährigen Wohnungstausch vorschlägt, sagt sie spontan zu, da sie hofft, in Boston das schreckliche Erlebnis vergessen zu können, das sie so sehr quält. Und zunächst sieht es auch ganz danach aus: Kate ist begeistert von Corbins mondäner Wohnung in einem luxuriösen Haus, das im krassen Gegensatz zu ihrem Londoner Zuhause steht. Sie fühlt sich zum ersten Mal wieder sicher, denn Corbins Domizil wird Tag und Nacht von Security bewacht.

Ihr schlimmster Alptraum

Doch dann trifft sie eine panische junge Frau, die sich große Sorgen um ihre Freundin, Audrey Marshall, eine Mitmieterin von Corbin, macht. Sie ist nicht zu einem verabredeten Treffen erschienen und scheint spurlos verschwunden zu sein. Sofort vermutet Kate wieder das Allerschlimmste, was dann – zu ihrem Entsetzen – auch eintrifft: Audrey wird in ihrer Wohnung tot aufgefunden, brutal ermordet. Kate ist fassungslos und kämpft mit aller Macht gegen ihre alles beherrschende Angst, doch schließlich siegt ihre Neugier. Sie möchte unbedingt mehr über den mysteriösen Mordfall in ihrer Nachbarwohnung wissen und beginnt zu recherchieren.

Doch was sie herausfindet, ist mehr als beunruhigend: Corbin, der das Opfer angeblich nicht kannte, hat einen Schlüssel zu ihrer Wohnung. Und auch Alan, der charismatische Nachbar des gegenüberliegenden Hauses, zu dem sich Kate seltsam hingezogen fühlt, scheint eng mit Audrey verbunden gewesen zu sein, was er jedoch bestreitet. Immer tiefer gerät Kate in eine Spirale aus Lügen und Gewalt, ohne zu ahnen, dass der Killer längst in ihrer Nähe ist…

Brillanter Pageturner mit Gänsehaut-Garantie

Dies wird sicherlich nicht der letzte Roman von Peter Swanson sein, den ich euch vorstelle, denn sein Schreibstil hat mich sehr beeindruckt. Alles was du fürchtest verfügt über ein einzigartiges Plot und einen nervenaufreibenden Spannungsaufbau, der sich in unterschiedlichen Tempi entfaltet. Der Autor macht die Agoraphobie der Protagonistin spürbar und lässt dem Leser kaum Zeit zum Luftholen. Die permanente Angst seiner Hauptfigur überträgt sich schleichend auch auf den Rezipienten und lässt uns atemlos zurück.

Das Besondere seiner Charaktere ist eine Herausforderung für die Leser: Protagonistin Kate ist wenig verlässlich, denn ihr Trauma beeinflusst ihre Wahrnehmung beträchtlich. Durch ihre Augen nehmen wir auch die anderen Charaktere wahr, die uns alle suspekt erscheinen. Und ehe wir uns versehen, sind wir mittendrin in einem Strudel aus Sinnestäuschungen und falschen Wahrheiten, bis schließlich die Auflösung direkt vor uns liegt. Doch das ist erst der Anfang des dramatischen Finales, dem wir fieberhaft entgegensehen. Daher mein Fazit: Schlaflose Nächte garantiert – unbedingt lesenswert!

Peter Swanson: Thrillerautor dank Stephen King

Peter Swanson ist ein amerikanischer Schriftsteller, der neben fünf – in über 30 Sprachen übersetzten – Romanen auch Kurzgeschichten, Gedichte und Beiträge für u.a. The Atlantic Monthly, The Guardian, The Strand Magazine und Asimov’s Science Fiction veröffentlicht hat. Das Schreiben brachte er sich mittels Stephen Kings Buch On Writing selbst bei.

2014 erschien sein Debütroman, der Psychothriller The Girl with a Clock for a Heart (Die Unbekannte), der es auf Anhieb auf die Shortlist des Los Angeles Times Book Award schaffte. Mit seinem zweiten Roman The Kind Worth Killing (Die Gerechte) gewann er nicht nur den New England Society Book Award, sondern es gelang ihm auch der Sprung unter die Finalisten des renommierten CWA Ian Fleming Steel Daggers. Sein dritter Thriller Her Every Fear, der hier vorgestellte Alles was du fürchtest, wurde als Buch des Jahres von NPR (National Public Radio) ausgezeichnet. Sein neuestes Werk Before She Knew Him ist im März dieses Jahres in den USA erschienen.

Peter Swanson ist Absolvent des Trinity College, University of Massachusetts, Amherst, und des Emerson College, Boston. Er lebt mit seiner Frau in Somerville, Massachusetts.


Originalausgabe: Swanson, Peter. Her Every Fear. New York: HarperCollins Publishers, 2017.
Deutsche Ausgabe: Swanson, Peter. Alles was du fürchtest. Aus dem Amerikanischen von Fred Kinzel. München: Blanvalet/Verlagsgruppe Random House GmbH, 2019.

Buchcover: © Blanvalet/Verlagsgruppe Random House GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat) – erstellt mit PhotoLab