Die Rückkehr des Bösen

Gabriella Ullberg Westin: Der Schmetterling

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Eine weitere vielversprechende Neuentdeckung unter den hochwertigen skandinavischen Krimiautorinnen ist für mich die schwedische Schriftstellerin Gabriella Ullberg Westin. Band 1 ihrer Johan Rokka-Krimireihe, Der Schmetterling, hat mich durch ein ausgeklügeltes, äußerst spannendes Plot und exzellent gezeichnete Charaktere begeistert und macht alles in allem Lust auf mehr. Hinzu kommt der besondere Schreibstil der Literatin, der den Leser nicht nur medias in res in die Geschichte zieht, sondern durch eine klare, lebendige Sprache die schleichend ansteigende Spannung und die psychischen Dilemmata der Hauptfiguren fühlbar macht.

Ein grausamer Weihnachtsmord

Als Henna Pedersen, die Frau des schwedischen Fußballstars Måns Sandin, von einem als Weihnachtsmann verkleideten Killer vor den Augen ihrer Kinder am Heiligabend in ihrem Haus in Hudiksvall erschossen wird, ist ganz Schweden erschüttert. Kriminalinspektor Johan Rokka, der nach erfolgreicher Karriere gerade erst wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist, wird der Fall, der medial hohe Wellen schlägt, übertragen. Der grausame Mord trifft ihn persönlich, denn er und sein Freund Peter spielten mit Måns in ihrer Jugend in einer Fußballmannschaft.

Rokka hatte sich eigentlich zurückversetzen lassen, um das mysteriöse Verschwinden seiner Jugendliebe Fanny vor 20 Jahren endlich aufzuklären, doch seine privaten Dämonen müssen warten. Er und sein Team – Kriminaltechnikerin Janna sowie die Ermittler Maria und Pelle – beginnen unverzüglich mit ihren Nachforschungen, wobei Måns als Ehemann zunächst der Verdächtige Nr. 1 ist. Doch sein Alibi scheint sich zu bestätigen. Und so ermitteln Rokka und seine Kollegen weiter in alle Richtungen, aber kein Hinweis verdichtet sich. Zeitweise vermutet man sogar, dass Måns das eigentliche Ziel war, aber auch hierfür finden sich keinerlei Beweise.

Morgenröte

Als Rokka schließlich Hennas Vergangenheit beleuchtet, wird der Fall zunächst noch undurchsichtiger. Im Alter von sechs Jahren zog Henna mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder in die skandalumwitterte Kommune Morgenröte. Durch ein dort erlebtes schreckliches Trauma wurde sie von ihrer selbstfindungsbesessenen Mutter getrennt und wuchs bei ihrer Großmutter auf, die sie über alle Maßen liebte. Doch der seelische Bruch, den sie im frühen Alter erlitt, lässt sie bis zu ihrem gewaltsamen Tod nicht mehr los. Henna bleibt verschlossen und vertraut sich keinem Menschen an, auch nicht ihrem Ehemann, mit dem sie hofft, ihrer Vergangenheit zu entkommen. Doch das Böse kehrt in ihr Leben zurück.

Jagd auf ein Phantom

Rokka sieht schließlich nur einen Ausweg: Er muss nach Florenz fahren, wo Henna einst lebte und dort den Spuren ihrer Vergangenheit folgen. Nach längeren Recherchen stößt er auf den „Einsamen Schmetterling“, eine Person, die Henna vier Jahre lang einen gewissen Geldbetrag überwiesen hat. Allerdings gelingt es ihm nicht herauszufinden, wer hinter diesem Pseudonym steckt. Als ein weiterer Mord geschieht, gerät Rokka unter Zugzwang, doch er scheint einem Phantom nachzujagen. Nichts ist greifbar, niemand rückt ins direkte Visier der Ermittler. Als Rokka schließlich auf die Spur des Killers kommt, holt dieser zu einem gefährlichen Gegenschlag aus, um ihn in die Knie zu zwingen…

Vielschichtiger Thriller mit einem außergewöhnlichen Protagonisten

Der Schmetterling ist ein wirklich bemerkenswerter Roman, dessen Plot sich in zwei Erzählsträngen entfaltet. Während Erzählstrang 1 das aktuelle Geschehen wiedergibt, besteht Erzählstrang 2 aus Briefen, die das Opfer Henna an ihren Bruder schreibt und der ihre Lebenstragik offenbart. Zusammen ergibt diese Mischung aus Kriminal- und Briefroman ein komplexes Ganzes, das beeindruckend lebensecht geschrieben ist. Ullberg Westins Charaktere sind komplex und widersprüchlich, allen voran ihr außergewöhnlicher Protagonist, Johan Rokka, über dessen persönlichen Fall man unbedingt mehr erfahren möchte. Aber auch die beiden Frauenfiguren Henna und Janna gehen in die Tiefe und sind geheimnisbeladen. Alles in allem macht das Zusammenspiel der Protagonisten – neben der packenden Story – den ganz besonderen Reiz dieses Romans aus und verbindet die Mikrokosmen der unterschiedlichen Figuren auf sehr bewegende Weise miteinander. Daher mein Fazit: Ein vielversprechender Start einer spannenden Krimireihe mit exzellent skizzierten Charakteren – sehr lesenswert!

Gabriella Ullberg Westin: Von Modedesign/Kommunikation zur Schriftstellerei

Gabriella Ullberg Westin wurde im schwedischen Hudiksvall geboren, wo auch ihre Krimis spielen. Nach einem Modedesign- und Kommunikationsstudium arbeitete sie zunächst viele Jahre für eine große schwedische Telefongesellschaft. Dann entdeckte sie ihre Passion für die Schriftstellerei und schuf mit ihrer Johan-Rokka-Krimireihe ein sehr erfolgreiches Format. Nach Band 1 Der Schmetterling ist nun auch die zweite Folge Der Läufer in deutscher Sprache erschienen, den ich ebenfalls sehr empfehlen kann.

Darüber hinaus hat die Autorin bereits drei weitere Romane dieser Serie veröffentlicht – Der Fixer, Der Metzger und Der Verräter -, die aber noch nicht in deutscher Übersetzung verfügbar sind. Bleibt zu hoffen, dass die deutschen Leser bald auch in den Genuss der o.g. Romane kommen…


Original: Ullberg Westin, Gabriella. Ensamfjäril. HarperCollins, Nordic. 2015.
Deutsche Ausgabe: Ullberg Westin, Gabriella. Der Schmetterling. Aus dem Schwedischen von Stefanie Werner. München: HarperCollins Germany GmbH, 2018.

Buchcover: © HarperCollins Germany GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat) – erstellt mit PhotoLab

Die Unbeugsame

Madeline Miller: Ich bin Circe

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Nachdem sich Madeline Miller in ihrem Erstlingswerk Das Lied des Achill bereits ausgiebig der griechischen Mythologie und einem ihrer strahlenden – männlichen – Helden widmete, hat sie nunmehr in ihrem neuesten Roman eine mythologische Außenseiterin als Protagonistin in den Fokus ihrer Geschichte gestellt: Circe, Tochter des Sonnengottes Helios und der Okeanide Perse, ist keine Lichtgestalt oder verehrte Göttin wie Athene oder Aphrodite, sondern eher eine Randfigur, die man – wenn überhaupt – aus der Odysseus-Sage kennt. In unserer Sprache erinnert noch das schöne Verb becircen an die legendenumwobene Zauberin, deren Schicksal – ähnlich wie das der Nymphe Echo – ungehört verhallt. Miller sorgt dafür, dass dies nicht so bleibt und erzählt Circes Geschichte aus ihrer ganz eigenen Sicht.

Doch dies allein war der Autorin nicht genug: Peu à peu lässt sie im Verlauf ihrer einzigartigen Erzählung eine Vielzahl der wichtigsten mythologischen Figuren mit einfließen und webt in Circes Mikrokosmos sehr gekonnt den Makrokosmos der griechischen Sagenwelt ein. Diese literarische Finesse in Kombination mit Millers außerordentlichem Erzähltalent machen ihren Roman zu einer lebendigen, anschaulichen und sehr interessanten Lehrfahrt durch die spannende Vielfalt der antiken griechischen Mythen, die ihresgleichen sucht.

Die Außenseiterin

Zur Enttäuschung ihrer Eltern, Sonnengott Helios und Nymphe Perse, ist Circe nicht mit Schönheit gesegnet. Ihre gelben Augen und ihre merkwürdige Stimme machen sie oftmals zur Zielscheibe des Spotts ihrer Geschwister Pasiphaë und Perses. Sie ist zumeist auf sich allein gestellt und wird so zu einer stillen Beobachterin vieler Vorkommnisse innerhalb der Götterwelt. U.a. wird sie Zeuge der Bestrafung ihres Onkels Prometheus, der dem Göttergeschlecht der Titanen entstammt und sich den Zorn des Olympier-Herrschers Zeus zuzog, weil er den Sterblichen das Feuer brachte. Circe sympathisiert mit dem in Ungnade gefallenen Rebell und gibt dem fürchterlich Misshandelten heimlich göttlichen Nektar zu trinken – ein revolutionärer Akt für das noch kleine – unsterbliche – Mädchen, das entsetzt ist, als es von der grausamen Strafe am Kaukasusfelsen hört, die sich die Götter für Prometheus ausgedacht haben.

Die Verbannte

Als ihr Bruder Aiëtes zur Welt kommt, ist Circe zum ersten Mal glücklich. Sie kümmert sich hingebungsvoll um das kleine Wesen, das ihr jeden Tag mehr ans Herz wächst. Doch als beide erwachsen sind, trennen sich ihre Wege, denn für seinen Sohn hat Helios große Pläne. Circe ist am Boden zerstört und hadert mit ihrem Schicksal. Das ändert sich erst, als sie Glaukos, einen Fischer, kennen- und liebenlernt. Aber für Glaukos ist sie nur Mittel zum Zweck. Als er sich in die wunderschöne Nymphe Scylla verliebt, ist Circe außer sich. Sie sinnt auf Rache – und ist erfolgreich: Mit einem aus einer Blume gewonnenen Gift will sie Scyllas wahres Wesen zum Vorschein bringen und verwandelt sie in ein Meeresungeheuer. Ihr Vater ist entsetzt, als er erfährt, dass seine farblose Tochter über eine solche „Hexen-Gabe“ verfügt und diese auch noch rücksichtslos anwendet. Zur Strafe verbannt er sie auf eine einsame Insel, Aiaia, ohne jegliche Aussicht auf Rückkehr.

Die Hexe

Circe fügt sich ihrem Schicksal, und die Insel wird für sie zu einem neuen Zuhause. Die Einsamkeit macht sie stark – und erfinderisch: Sie erforscht die Tiere und insbesondere die Pflanzenwelt, aus der sie nach unzähligen Versuchen Heilmittel, Gifte und Zaubertränke schöpft. Und sie bleibt nicht allein: Zahlreiche Besucher wie Götterbote Hermes, Ikarus-Vater Dädalus, ihre Nichte Medea, deren obsessive Liebe zu Iason ein schreckliches Ende nimmt, und sogar die verehrt-gefürchtete Göttin Athene kommen auf ihre Insel – jedoch nicht immer mit guten Absichten.

Eines Tages wird Circe ihre Gastfreundschaft zum Verhängnis. Als sie – wie des Öfteren – gestrandeten Seemännern ein Obdach und Beköstigung bietet, wird sie Opfer einer Vergewaltigung. Fortan konzentriert sich ihr ganzer Hass auf alle Seeleute, die auf ihrer Insel Zuflucht suchen: Sie verwandelt sie in Schweine, also in die Tiere, die ihrem Charakter entsprechen, und überlässt sie ihrem Schicksal. Aber auch dies verschafft ihr nur kurzzeitig Genugtuung.

Die Geliebte

Als der sagenumwobene Odysseus auf ihrer Insel strandet, verliebt sich Circe gegen ihren Willen in den verwegenen Abenteurer und Geschichtenerzähler, obwohl er keinen Zweifel daran lässt, wie sehr er seine Frau Penelope verehrt. Die beiden werden ein Paar und genießen ihre gemeinsame Zeit, doch Circe weiß, dass ihr Glück nicht von großer Dauer ist. Odysseus zögert seine Rückkehr nach Ithaka, wo seine Familie schon so lange auf ihn wartet, zwar hinaus, aber beide wissen nur zur gut, dass die Zeit des Abschieds gekommen ist. Schweren Herzens lässt Circe ihn ziehen – das Kind, das sie unter dem Herzen trägt und das sie ihm verheimlicht, soll nur ihr allein gehören.

Die Mutter

Als ihr Sohn Telegonos auf die Welt kommt, ist Circe überglücklich, doch schnell überfordert sie die Mutterrolle, obwohl sie ihr Kind abgöttisch liebt. Sie behütet und beschützt ihn vor allen Gefahren, die auf der Insel lauern und versucht, jedes seiner Wehwehchen mit ihren pflanzlichen Mitteln zu lindern. Als er erwachsen ist, passiert das, wovor sich Circe immer gefürchtet hat: Telegonos will die Insel verlassen und die Welt erkunden. Und natürlich seinen Vater aufsuchen, den er unbedingt kennenlernen möchte. Circe weiß, dass sie ihn nicht aufhalten kann und gibt ihm zu seinem Schutz und zu seiner Verteidigung einen mit Gift getränkten Speer – nicht ahnend, dass sie damit eine Katastrophe heraufbeschwört…

Brillant erdachte Lebensgeschichte einer mythologischen Außenseiterin und beeindruckende Allegorie weiblicher Stärke

Mit Ich bin Circe ist Madeline Miller ein echtes literarisches Glanzstück gelungen. Sehr kenntnisreich und äußerst klug erzählt sie Circes Geschichte aus der weiblichen Perspektive – ohne Pathos und glorreichem Heldentum. Schon die Auswahl ihrer Protagonistin zeigt, dass die Autorin hier bewusst eine mythologische Nebenfigur in den Mittelpunkt gestellt hat, die nicht – wie in vielen antiken Sagen und Legenden üblich – durch Schönheit und Liebreiz verzaubert. Somit entspricht sie weder dem anmutigen Weibchen-Klischee noch dem glänzenden Göttinnen-Bild. Was sie jedoch auszeichnet, ist ihre Charakterstärke, ihre mentale Kraft und ihre weiblichen Urinstinkte, die sie zu einer Überlebenden machen. Sie beugt sich nicht und lässt sich nicht brechen – auch wenn so manches Mal Verzweiflung ihr einziger Begleiter ist. Ihre Macht, die Götter wie Sterbliche fürchten, liegt in ihrem selbst erworbenen Wissen um die heilenden und tödlichen Mittel, die die Natur hervorbringt – und deren Einsatz sie gezielt anwendet. Ihre Klugheit und ihr Listenreichtum werden somit zur größten Bedrohung der männerdominierten mythologischen Welt.

Doch Millers Geschichte geht weit über moderne Mythenerzählung hinaus. Sie ist auch eine eindrucksvolle Allegorie weiblicher Stärke, ein realistischer Lobgesang auf das, was Frauen leisten, wozu sie imstande sind, was sie antreibt und prosperieren lässt. Sie zeigt aber ebenso, was sie erniedrigt und sie zerstört. So zeichnet Miller Circe trotz ihres Göttinnen-Status in erster Linie als Frau, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt und die es dabei immer wieder zu den ihr so vertrauten Sterblichen zieht. Ihre Unsterblichkeit ist für sie eine Schreckensvision, die sie zu verhindern sucht. Denn so wie sie eins mit der Natur ist, soll auch ihr Leben irgendwann ein natürliches Ende haben. Circes letztliche Hinkehr zu den Menschen ist ihr ganz persönlicher Akt der Befreiung und Selbstbestimmung – eine Entscheidung, die keine Macht der (Götter-)Welt zu verhindern vermag.

Mein Fazit: Eine sehr große Lesempfehlung für diesen außergewöhnlichen Roman. Überaus lesenswert!

Madeline Miller: Bestseller-Autorin und Dozentin mit einem Faible für griechische Mythologie

Madeline Miller wurde in Boston geboren, wuchs aber in New York City und Philadelphia auf. Sie ist Absolventin der Brown University, wo sie ihren BA und MA im Studienfach Altphilologie absolvierte. Seit ca. 20 Jahren unterrichtet sie Latein, Griechisch und Shakespeare an einer High School.

Obwohl Lehrerin stets ihr Traumjob war, gewann ihr Wunsch, Schriftstellerin zu werden, schließlich die Oberhand. Der Erfolg gab ihr Recht: Bereits ihr erster Roman, Das Lied des Achill, der 2012 veröffentlicht wurde, schaffte auf Anhieb den Sprung auf die New York Times Bestsellerliste und wurde mit dem renommierten Orange Prize for Fiction ausgezeichnet.

Gleiches gelang ihr auch wieder mit ihrem zweiten Roman, dem hier vorgestellten Ich bin Circe, der sich sofort auf Platz 1 der New York Times Bestsellerliste katapultierte. Für ihr neues Werk erhielt sie bereits zahlreiche Preise wie den Indies Choice Best Adult Fiction of the Year Award, den Indies Choice Best Audiobook of the Year Award, The Red Tentacle Award, den American Library Association Alex Award und den Elle Big Book Award 2018. Darüber hinaus schaffte sie es mit ihrem neuen Roman auch auf die Shortlist für den Women’s Prize for Fiction.

Zudem schreibt Miller Essays, die u.a. in The Guardian, im Wall Street Journal, der Washington Post und im Telegraph veröffentlicht werden.

Wie die Autorin in einem Interview mit The Booktopian verriet, zählen die Klassiker von Vergil, Homer und Shakespeare zu ihren literarischen Favoriten. Ihre Lieblingsautoren der Gegenwart sind u.a. Isabel Allende, Gabriel García Márquez, Jeanette Winterson, David Mitchell und John Updike, dessen Roman Gertrude und Claudius sie für eines der besten Bücher aller Zeiten hält.

Darüber hinaus hat sie ein Faible für griechische Mythologie, wie man an den Themen ihrer beiden Romane unschwer erkennt. Die überlieferten Geschichten zu studieren und zu analysieren, ist ihr Steckenpferd.

Die Autorin lebt und arbeitet in einem Vorort von Philadelphia.


Originalausgabe: Miller, Madeline. Circe. London: Bloomsbury Publishing Plc., 2018
Deutsche Ausgabe: Miller, Madeline. Ich bin Circe. Aus dem amerikanischen Englisch von Frauke Brodd. Berlin: Eisele Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH, 2019.

Buchcover: © Eisele Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH
Bildnachweis: © Ana Thira (privat) – erstellt mit PhotoLab

Mein herzlicher Dank gilt dem Eisele Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH. der mir den Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Die surrealistische Göttin



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Sie war seine nie versiegende Inspiration, seine zweite Seelenhälfte und seine abgöttische große Liebe: Gala, die Frau und Muse des Surrealisten-Genies Salvador Dalí, die ihren eigenen Mythos schuf und sich mit großer Öffentlichkeitswirksamkeit selbst inszenierte. Dalí ließ sie in all ihrem Glanz scheinen, verewigte sie in seiner Kunst und räumte ihr einen ebenbürtigen Platz an seiner Seite ein. Damit stand er im krassen Gegensatz zu Künstlergrößen wie Pablo Picasso, der niemand anderen neben sich duldete und dessen ebenso talentierte Frauen – wenn überhaupt – nur schmückendes Beiwerk waren. 

In ihrem neuen Roman Am Horizont der Meere: Gala Dalí lässt Unda Hörner, die ihre Leserschaft schon mit Kafka und Felice begeisterte, das bewegte Leben dieser einzigartigen Frau Revue passieren, die gleichermaßen faszinierte wie polarisierte. Hörner geht zurück zu Galas Anfängen, als die gebürtige Russin noch Helena Diakonova hieß, und rekonstruiert in dieser detailliert recherchierten und exzellent geschriebenen Geschichte ihren Weg von der fragilen, tuberkulosekranken jungen Frau bis hin zur strahlenden, künstlerischen Ideengeberin, cleveren Managerin und zum favorisierten Modell ihres exzentrischen Maler-Gatten Dalí, an dessen Seite sie endlich als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen wurde. 

Junge Liebe

Als die 18-jährige Helena, die sich Gala nennt, 1912 bei einem Sanatoriumsaufenthalt in Davos den jungen Paul Éluard kennenlernt, ist sie fasziniert. Paul ist der Sohn eines erfolgreichen Pariser Immobilienmaklers, doch er hat wenig Lust, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Er träumt davon, ein großer Dichter zu werden und besitzt auch ein außergewöhnliches Gespür für Sprachschönheit, was er beim Rezitieren seiner Lieblingsverse zum Besten gibt. Gala fühlt sich sofort zu ihm hingezogen, lässt sich mitreißen von seinem künstlerischen Genie und verfasst mit ihm gemeinsam avantgardistische Gedichte. Heimlich verloben sich die beiden Liebenden, obwohl ihre Familien wenig begeistert von ihrer Wahl sind.

Bourgeoise Langeweile

Auch der beginnende Krieg 1914 kann dem Paar und ihrer Liebe auf Distanz nichts anhaben. Schließlich ladet Pauls Familie Gala nach Paris ein, und sie spürt zum ersten Mal einen Hauch von großer Welt. Doch schnell langweilt sie sich in ihrer neuen bourgeoisen Umgebung. Gala ist schon früh klar, dass sie entgegen der damaligen Rollenverteilung keine geborene Hausfrau ist und auch niemals werden will: Sie hasst die häuslichen Pflichten und kann mit den Ratschlägen ihrer zukünftigen Schwiegermutter nicht viel anfangen.

Als Paul und Gala schließlich inmitten der Kriegswirren heiraten, erhofft sie sich Unabhängigkeit. Doch ihre Schwangerschaft macht zunächst all ihre Pläne zunichte. Als Töchterchen Cécile geboren wird, stellen sich bei Gala keinerlei Muttergefühle ein. Sie will ihr Leben genießen, sich weiterbilden und schließt sich lieber Paul und seinen neuen Freunden der Dadaismus-Bewegung um den charismatischen André Breton an. Die jungen Männer sprühen vor Kreativität und innovativen Gedanken, doch auch hier fühlt sich Gala nicht wirklich zugehörig, denn als Frau bleibt sie „unsichtbar“.

Desillusionierende Ménage à trois

Gala beginnt – nach Aufforderung von Paul – eine Affäre mit dem deutschen Maler Max Ernst, Mitbegründer der Kölner Dada-Gruppe. Da Pauls Auslegung des avantgardistischen Dada-Lebenskonzeptes auch die freie Liebe beinhaltet, ist er fasziniert von dieser Ménage à trois: Er bewundert Max Ernst sehr und fühlt sich durch dessen Interesse an seiner Frau geschmeichelt. Dies gilt jedoch nicht für Ernsts Frau, Lou, die Gala für eine eitle und selbstgefällige Egomanin hält, die ständig im Mittelpunkt stehen will und der die Gefühle anderer völlig egal sind. Aber auch Gala kann diesem neuen Arrangement nicht wirklich etwas abgewinnen und fühlt sich gegen ihren Willen „herumgereicht“, obwohl sie Max als Mann faszinierend findet – nicht zuletzt, weil er sie des Öfteren zum Bestandteil seiner Kunst macht.

Der Reiz der für die Öffentlichkeit skandalösen Dreiecksbeziehung ist schnell verflogen. Gala erkennt die Verlogenheit des als modernistisch angepriesenen Lebensmodells, das in ihren Augen lediglich als Deckmantel zum Ausleben männlicher Fantasien dient. Und so hängt auch ihre Ehe mit Paul nur noch an einem seidenen Faden. Beide flüchten sich in Affären, beschließen aber nach einer Aussprache, es nochmals miteinander zu versuchen.

Schicksalhafte Begegnung in Cadaqués

Ihr Weg führt sie ins spanische Cadaqués, wo sie einen jungen, äußerst talentierten Maler treffen, dessen Exzentrik selbst für Gala gewöhnungsbedüftig ist: Salvador Dalí, charismatisch und scheinbar ziemlich verrückt, provoziert mit seinen Bildern, die jedes Tabu brechen. Er ist Surrealist im wahrsten Sinne des Wortes und beeindruckt die zehn Jahre ältere Gala mit seiner Authentizität und seinem wahnwitzigen Charme. Was als Affäre beginnt, wird zur großen Liebe, gegen die selbst Paul nichts ausrichten kann. Dalí macht Gala zu seiner Göttin, sie macht ihn zu einem der reichsten – und, wie man sagt, glücklichsten – Maler seiner Ära. Und schließlich wird sie durch seine maßlose Liebe und madonnenähnliche Verehrung das, was sie sich stets gewünscht hat: Sie wird als eigenständiges kreatives Individuum an seiner Seite sichtbar.

Brillante Hommage an eine singuläre Frau und starke Persönlichkeit

Unda Hörners Roman ist eine sehr gelungene Hommage an Gala Dalí, eine singuläre, beeindruckende Frau, die entgegen dem damaligen weiblichen Rollenverständnis unbeirrt ihren eigenen Weg ging, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, und die es wagte, aus dem Schatten ihres berühmten Ehemanns zu treten und sich selbst als starke Persönlichkeit mit einem untrüglichen Kunst- und Geschäftssinn zu behaupten. Nicht zuletzt Galas Talent, sich immer wieder neu zu erfinden, machte dabei ihren ganz besonderen Reiz aus und verstärkte noch ihre Ausstrahlung, die – gepaart mit ihrem Eigensinn – eine aparte Mischung ergab.

Doch die Autorin zeigt auch Galas Negativseite – ihren Wunsch, immer und überall im Fokus zu stehen, sich selbst und ihre Bedürfnisse an die erste Stelle zu setzen, ohne dabei an ihre Familie – und hier vor allem an ihre Tochter – zu denken. Eine äußerst ungewöhnliche, beinahe maskuline Einstellung für die damalige Zeit, die man einer Frau zum Vorwurf machte, während sie bei einem Mann kritiklos akzeptiert wurde.

Darüber hinaus spiegelt die Autorin sehr gekonnt die inspirierende Aufbruchstimmung um die charismatischen Hauptakteure der revolutionären Kunstströmungen des Dadaismus und Surrealismus wider und lässt viele interessante diesbezügliche Informationen in ihre Geschichte mit einfließen.

Alles in allem ist Hörners einzigartiges Porträt von Gala Dalí für mich eines der Highlights dieses Jahres. Der Roman ist derart brillant geschrieben, dass man fast vergisst, dass es sich hierbei um – glänzend recherchierte – Fiktion handelt. Daher mein Fazit: Dieses Buch muss man einfach gelesen haben. Sehr empfehlenswert!

Unda Hörner: Renommierte Schriftstellerin, Journalistin und Übersetzerin

Unda Hörner wurde 1961 in Kaiserslautern geboren. Sie studierte Germanistik und Romanistik an der Freien Universität Berlin und promovierte über Elsa Triolet, eine russisch-französische Schriftstellerin und Frau des Dichters, Autors und Surrealisten Louis Aragon. Über die Liebesgeschichte des ungewöhnlichen Paares schrieb Hörner auch ihr erstes Werk: Elsa Triolet und Louis Aragon. Die Liebenden des Jahrhunderts. In ihrer darauffolgenden Publikation Die realen Frauen der Surrealisten beleuchtet die Autorin das bewegende Leben von Simone Breton, Elsa Triolet und Gala Éluard an der Seite ihrer berühmten Männer.

Hörners erster Roman Unter Nachbarn wurde 2000 veröffentlicht. Es folgten u.a. Madame Man Ray – Fotografinnen der Avantgarde in Paris, Nancy Cunard. Enfant Terrible der Pariser Bohème, Die Architekten Bruno und Max Taut. Zwei Brüder – zwei Lebenswege, Ohne Frauen geht es nicht. Kurt Tucholsky und die Liebe, 1919 – Das Jahr der Frauen und ihr zweiter Roman, Kafka und Felice, der ein großer Erfolg wurde.

2001 wurde Unda Hörner für ihre Kurzgeschichte Hangar für Hellermann mit dem renommierten Bettina-von-Arnim-Preis ausgezeichnet.

Die Autorin lebt und arbeitet in Berlin.


Originalausgabe: Hörner, Unda. Am Horizont der Meere: Gala Dalí. Berlin: ebersbach & simon, 2019.

Buchcover: © ebersbach & simon
Grafik rechts: © A Million Pages
Bildnachweis: © falco, Pixabay: Dalí-Museum in Figueres

Mein herzlicher Dank gilt ebersbach & simon, die mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.