Hemingway in der Serenissma: Auf der Suche nach Inspiration und Erneuerung

Hanns-Josef Ortheil: Der von den Löwen träumte

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Er war einer der bedeutendsten US-Schriftsteller aller Zeiten und zählt zu den wichtigsten Vertretern der amerikanischen Moderne: Ernest Hemingway, der seinen eigenen überlebensgroßen Mythos schuf und sich wie kein anderer als literarischer Revolutionär, unwiderstehlicher Frauenheld und verwegener Abenteurer mit einer Vorliebe für Stierkampf und Safaris selbst inszenierte. Mit traumwandlerischer Sicherheit bediente er sich dabei der Medien, die seinem Wunsch nur zu gerne entsprachen und ihn als Inkarnation des Männlichen, begehrenswerten Teufelskerl und innovativen Autorentypus porträtierten. Doch hinter dieser glorreichen Fassade verbarg sich – wenn man den unzähligen Biografien Glauben schenken darf – ein widersprüchlicher, zutiefst unsicherer und zerrissener Mensch, der von Ängsten und Depressionen gequält wurde, die er mit Alkohol zu bekämpfen versuchte.

Oftmals mündeten Hemingways persönliche Krisen, seine Panik vor dem Altern und vor körperlichem Verfall in lähmende Schreibblockaden, die ihn an seinen Fähigkeiten als Schriftsteller zweifeln ließen. In einer solch lethargischen Lebensphase des Autors setzt Hanns-Josef Ortheils brillanter neuer Roman Der von den Löwen träumte an und erzählt die außergewöhnliche, exzellent konzipierte Geschichte von Hemingways Venedig-Aufenthalt im Jahre 1948, als er dort nach Inspiration und Erneuerung suchte. Und dies obwohl La Serenissima so gar nicht in sein Location-Beuteschema passte, denn Venedig, die einzigartige Lagunenstadt mit ihrem besagten Zauber, war nicht gerade ein Abenteuerschauplatz, der dem alternden Literaten vorschwebte – zumal er mit der Region auch traumatische Kriegserinnerungen verband. Und doch entstanden dort die Ideen für sein Buch Über den Fluss und in die Wälder und für einen Kurzroman, der für alle Zeiten Kultstatus innehaben und als sein Meisterwerk in die Literaturgeschichte eingehen sollte: Der alte Mann und das Meer.

Zu neuen Ufern

Als Hemingway 1948 in Venedig mit seiner vierten Frau Mary und Übersetzerin Fernanda eintrifft, möchte er nur eines: Ruhe und einen ungestörten Platz zum Schreiben, denn seit geraumer Zeit hat er keinen Roman mehr veröffentlicht. Der Druck auf ihn wächst, und er hofft, in Venedig Inspiration und Ideen für eine neue Geschichte zu finden. Doch sein hoher Bekanntheitsgrad macht ihm zunächst einen Strich durch die Rechnung: Die italienische Presse hat bereits mitbekommen, dass er im Lande ist und im mondänen Hotel Gritti wohnt. Erster Mann vor Ort ist Sergio Carini, Journalist der Tageszeitung Il Gazzettino, der ein großer Bewunderer des Autors ist. Er und Hemingway sind sich auf Anhieb sympathisch, denn Carini respektiert dessen Wunsch nach Anonymität. 

Eine bereichernde Begegnung

Hemingway erkundet Venedig allein und jenseits der Touristen-Attraktionen, während Carini ihn in die angesagten Treffpunkte der Stadt, u.a. Harry’s Bar, führt. Doch es ist sein 16-jähriger Sohn Paolo, der dem Schriftsteller das andere Venedig, die Stadt fernab des Trubels, näherbringt. Gemeinsam schippern sie durch die Lagunenlandschaft – schweigend oder im Gespräch vertieft. Hemingway ist begeistert von Paolos Authentizität, von seinem unbeirrbaren Wunsch, niemals etwas anderes als ein einfacher Fischer sein zu wollen. Und schließlich entdeckt Hemingway durch ihn sogar den idealen Platz zum Schreiben: Die Locanda Cipriani auf der winzigen menschenleeren Insel Torcello. Einen Protagonisten für seine neue Romanidee hat er ebenfalls gefunden: Weltkriegsveteran Richard Cantwell, der dem Autor – wen wundert’s – sehr ähnlich ist.

Eine skandalöse Liebe

Doch es geht nicht voran, denn Hemingway bleibt rastlos: Er sucht nach etwas, das ihn wieder lebendig werden lässt, das ihn beflügelt und seinem Leben einen neuen Sinn gibt. Als er die schöne 18-jährige Venezianerin Adriana kennenlernt, ist es um ihn geschehen. Er macht sie zur weiblichen Hauptfigur Renata seines neuen Romans, dessen Titel er bereits im Kopf hat: Über den Fluss und in die Wälder. Adriana wird zu seiner ständigen Begleiterin – sehr zum Missfallen seiner Frau Mary, die von seinen Kapriolen und ständigen Alkoholeskapaden schlichtweg genug hat. Und auch Paolo ist entsetzt, denn er hält gar nichts von Hemingways junger neuer Inspiration und noch weniger von seiner Geschichte, die er, wie er dem Autor ganz unverblümt mitteilt, für nicht echt, sondern für viel zu künstlich hält.

Die Geschichte seines Lebens: Der alte Mann und das Meer

Vielmehr sieht Paolo in Hemingways passionierter Verbundenheit mit dem Meer und seiner profunden Kenntnis über die Fischerei den Stoff, aus dem sein neuer Roman sein sollte. Und es geschieht das, womit der junge Fischer am wenigsten rechnet: Hemingway besinnt sich und schreibt die Erzählung, für die er 1953 den renommierten Pulitzerpreis und ein Jahr später den Literaturnobelpreis erhalten wird. Als Paolo das ihm von seinem liebgewonnenen Schriftsteller gewidmete Exemplar zu Ende gelesen hat, ist er zu Tränen gerührt – nicht nur, weil Manolin, der junge Freund des alten Fischers Santiago, seine Züge trägt, sondern weil er weiß, dass Hemingway mit Der alte Mann und das Meer die Geschichte seines Lebens geschrieben hat: Authentisch und wahrhaftig – eine Hymne auf das Leben,  die Hoffnung und die Erinnerung, auf das Sich-nicht-Aufgeben und die menschliche Würde im Angesicht des Scheiterns.

Brillanter Roman über die Ideen- und Selbstsuche eines Ausnahmeschriftstellers

Mit Der von den Löwen träumte ist Hanns-Josef Ortheil nicht nur eine ganz wunderbare Geschichte, sondern auch eine einzigartige Annäherung an die Schriftsteller-Legende Ernest Hemingway gelungen. Mit seinem singulären Schreibstil versetzt er uns zurück in das Venedig der 50er Jahre und führt uns an all die Orte, die Hemingway während seines dortigen Aufenthaltes aufsuchte: Wo er schrieb, wo er trank und wohin er sich zurückzog, wenn alles zuviel wurde. Und dies so lebensecht und historisch detailgetreu, dass man als Leser nicht nur das Gefühl hat, mitten im Geschehen zu sein, sondern auch in die Gedankenwelt des tormentierten Literaten einzutauchen. Ortheil macht Hemingways Widersprüchlichkeit, seine Rastlosigkeit und seine existentiellen Ängste spürbar und gewährt so einen einfühlsamen Einblick in das Seelenleben eines Mannes, der dem von ihm geschaffenen Mythos von Macho- und Heldentum nie gerecht werden konnte und daran schließlich scheiterte.

Am Ende des Romans – nachdem wir Hemingway dank Ortheils exzeptioneller Erzählkunst ein kurzes Stück des Weges begleiten und kennenlernen durften – können wir erahnen, warum keine Auszeichnung der Welt ihm seine Selbstzweifel und seine Angst vor der kreativen Leere nehmen konnte. Mit zunehmendem Alter zerrann sein so sorgsam inszeniertes Selbstbild, mit beginnender Demenz verlor er die Fähigkeit zu schreiben, so dass ihm am Ende nichts geblieben ist. Uns Lesern aber bleibt sein bedeutendes literarisches Vermächtnis, das seine schriftstellerische Brillanz auf beeindruckende Weise manifestiert.

Mein Fazit: Eine ganz große Leseempfehlung für diesen herausragenden Künstlerroman!

Multitalent Hanns-Josef Ortheil: Schriftsteller, Pianist und Professor

Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Musik war von Kind an seine Passion, so dass er aufgrund seines augenscheinlichen Talents zunächst Pianist werden wollte. Doch während seines Studiums am römischen Konservatorium setzten permanente Sehnenscheidenentzündungen seinem Berufswunsch ein Ende. Ortheil studierte danach Kunstgeschichte in Rom und später Philosophie, Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an unterschiedlichen Universitäten. An der Universität Mainz promovierte er über das Thema Der poetische Widerstand im Roman. Geschichte und Auslegung des Romans im 17. und 18. Jahrhundert.

Ortheil arbeitete u.a. als Film- und Musikjournalist, Feuilletonist und Literaturkritiker für renommierte Magazine und Zeitungen wie z.B. die FAZ, die ZEIT und den Spiegel. 1979 erschien sein Romandebüt Fermer, für das er mit dem Aspekte Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Seine schriftstellerische Karriere entwickelte sich in rasantem Tempo: Er schrieb nicht nur zeitgenössische und autobiografische Romane (z. B. Das Kind, das nicht fragte, Der Stift und das Papier), sondern auch Sachliteratur (z. B. Die Pariser Abende mit Roland Barthes) und Drehbücher (gemeinsam mit Christine Soetbeer: Ezra Pound – Ein amerikanischer Hochverräter) sowie historische Romane (Faustinas Küsse, Die Nacht des Don Juan und das hier vorgestellte Werk Der von den Löwen träumte).

Seit 2008 ist Ortheil Direktor des Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft an der Universität Hildesheim, die junge Autoren fördert. Darüber hinaus ist Ortheil Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München. Zudem ist er Honorarprofessor der Universität Heidelberg und Kurator des Gargonza Arts Awards.


Originalausgabe: Ortheil, Hanns-Josef. Der von den Löwen träumte. München: Luchterhand Literaturverlag/ Verlagsgruppe Random House GmbH, 2019.

Buchcover: © Luchterhand Literaturverlag/Verlagsgruppe Random House GmbH
Bildnachweis – Foto 1: © Antonio Salgueiro, Pixabay – Hemingway at Madame Tussaud’s
Bildnachweis – Foto 2: © Dimitris Vetsikas, Pixabay
Quellen Biografie: Verlagsinformationen + Wikipedia

Weiterleben

Rhiannon Navin: Alles still auf einmal

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Kein Roman hat mich in diesem Jahr so zu Tränen gerührt wie das literarische Erstlingswerk der amerikanischen Schriftstellerin Rhiannon Navin. Die ergreifende Geschichte, die die Autorin ganz behutsam und mit viel Herzenswärme und Innigkeit erzählt, geht unter die Haut und trifft mitten ins Herz. Und dies nicht nur, weil sie aus Sicht eines kleinen sechsjährigen Jungen erzählt wird. Das Thema, das Navin gewählt hat, ist erschreckend real und geht sehr, sehr nahe: Die Story handelt von einem Amoklauf an einer amerikanischen Grundschule, bei dem 19 Kinder und Lehrer ihr Leben verlieren. Ein Alptraum, nach dem das Leben der betroffenen Eltern und Hinterbliebenen nie mehr dasselbe ist.

Während sie – gefangen in ihrer Trauer – nach diesem schweren Verlust durch die Hölle gehen und kaum mehr einen Blick für die Realität haben, geht das Leben weiter. Aber das können und wollen sie nicht akzeptieren, denn zu tief sitzt der Schmerz, zu groß ist ihre Wut und zu durchdringend ist die immer wiederkehrende Frage, auf die es keine Antwort gibt: „Warum gerade mein Kind?“ Doch trotz aller Verzweifung funktionieren sie – für ihre Familie und insbesondere für ihre übrigen Kinder, die nach einem solchen schrecklichen Trauma alleine zurückbleiben.

Der Amoklauf

Ein solches Kind ist auch der kleine Zach Taylor, der Protagonist von Navins Roman, der bei einem Amoklauf an seiner Schule seinen älteren Bruder Andy verliert. Während er und seine Klassenkameraden von ihrer Lehrerin in einem Wandschrank versteckt werden und dort voller Angst die unzähligen Schüsse und panischen Schreie mitanhören müssen, fallen Andy und viele weitere Schüler in der Aula dem Amokschützen zum Opfer. Als Zach und seine Klasse endlich gerettet werden, ist alles still – gespenstisch still. Obwohl man die Kinder anhält, sich bei ihrem Weg nach draußen nicht umzudrehen, schaut Zach nach hinten und sieht das Blut und die regungslosen Körper. Völlig verschreckt wartet er in einer nahegelegenen Kirche gemeinsam mit den anderen Kindern auf seine Eltern.

Bruderlos

Die Todesnachricht trifft die Familie mit unfassbarer Härte. Zachs Mutter Melissa bricht zusammen, sein Vater Jim leidet still. Die Großeltern und Tanten treffen ein, um den Eltern beizustehen, doch Zach rückt immer mehr in den Hintergrund. Der Kleine fühlt sich zunehmend vernachlässigt und zieht sich mit Plüschgiraffe Clancy in Andys großen Kleiderschrank zurück – sein Geheimversteck wird zu seinem Refugium, zu einem verborgenen Rückzugsort, an dem er versucht, das Erlebte zu verarbeiten. Seine verworrenen Gefühle, die ihn ganz durcheinander machen, versucht er durch Malen zu ordnen, für jedes Gefühl bemalt er ein Blatt Papier mit nur einer einzigen Farbe. Das Schlimmste sind jedoch seine ständigen Alpträume, nach denen ihn sein Vater meistens liebevoll tröstet, obwohl er selbst Trost bitter nötig hat.

Trauer, Wut und Scham

Zachs Mutter hingegen schottet sich völlig ab, was der Kleine nur bedingt versteht. Er vermisst das Gute-Nacht-Lied, das sie jeden Abend mit ihm singt und vor allem ihre zärtliche Fürsorge. Er versucht, seine Mutter zu unterstützen so gut er kann, doch sie ist dem Alltagsleben in keiner Weise gewachsen und hat kein Ohr für die Belange ihres Sohnes. Was Zach überhaupt nicht versteht, ist die Tatsache, dass alle seinen Bruder jetzt in den Himmel heben, wo er doch mit seinen permanenten Wutanfällen das Sorgenkind der Familie war und auch Zach oft gemein behandelte. Doch trotz alledem vermisst er seinen Bruder sehr und erinnert sich in seinem Versteck an die schönen und witzigen Momente, die beide zusammen erlebten.

Als Zach erfährt, dass der Todesschütze, der bei der Stürmung der Schule ebenfalls  ums Leben kam, ausgerechnet der Sohn seines Lieblings-Schulwachmanns Charlie ist, versinkt er in Traurigkeit. Seine Mutter hingegen reisst diese Nachricht aus ihrer Lethargie. Endlich ist der Schuldige gefunden, von nun an kann sie all ihre Wut gegen dessen Eltern richten. Zum Missfallen von Zachs Vater lässt sie keine Gelegenheit aus, um Charlies Familie in zahlreichen Interviews zu diffamieren, die ihrer Meinung nach die Tat ihres labilen Sohns hätte vorhersehen müssen. Zach ist traurig und schockiert und schämt sich für seine Mutter, denn für ihn ist Charlie ein Freund und guter Kumpel, der in der Schule immer auf ihn aufpasst.

Zachs Mission

Als seine Mutter gemeinsam mit anderen Betroffenen eine Klage gegen Charlies Familie einreichen will, ist Zach alarmiert. Er möchte, das alles wieder so ist, wie es vorher war, doch er weiß auch, dass das nicht geht. Und weil er sich nicht zu helfen weiß, vertieft er sich in seine alten Kinderbücher – und hier stößt er auf die vier Geheimnisse des Glücks, die zwei seiner Mini-Helden nach und nach entdecken. Und so fasst Zach schließlich einen folgenschweren Plan, um seinen Eltern und auch Charlies Familie einen ersten zaghaften Weg aus ihrer Trauer zu zeigen…

Ein sehr berührendes, erstklassiges Romandebüt

Mit Alles still auf einmal ist Rhiannon Navin ein ganz außergewöhnliches und sehr beseeltes Erstlingswerk gelungen. Der Roman ist wunderbar geschrieben und vereint auf sehr berührende Weise Trauer und Lebensbejahung. Navin lässt uns an der Gedankenwelt des kleinen Zach teilhaben, durch dessen Augen und mit dessen einfacher kindlicher Sprache wir die Geschehnisse erfahren und aufnehmen. Mittels dieser ergreifenden Erzählweise generiert die Autorin große Emotionen, derer man sich als Leser nicht erwehren kann. Während man fassungslos all die Dinge wahrnimmt, die auf den Kleinen einstürzen, zeigt sich nach und nach, mit welcher Schlicht- und Geradheit Zach versucht, wieder einen Funken Glück und Hoffnung für sich und seine Familie zu finden.

Und letztendlich erkennen auch Zachs Eltern in all ihrer Trauer, dass es ihr kleiner Sohn ist, der alles daran setzt, um sie behutsam in ihr normales Leben zurückzuführen, auch wenn der Weg dorthin noch sehr weit ist. Was zählt ist, dass sie einen Anfang machen und dann einen Tag nach dem anderen bewältigen – dies mit dem Wissen, dass sie nicht allein sind. Denn Zach geht dabei mit kleinen Schritten voraus und zeigt ihnen, dass das Glück auch durch schöne Erinnerungen wiederkehren kann, die Zuversicht und Kraft zum Weiterleben geben.

Mein Fazit: Wenn ich in diesem Jahr nur einen Buchfavoriten wählen dürfte, dann wäre es dieser bemerkenswerte, herzerwärmende Roman!!!

Rhiannon Navon: Von der Werbeagentur zur Schriftstellerei

Rhiannon Navin wuchs in Bremen auf, siedelte aber später in die USA über, wo sie für verschiedene Werbeagenturen in New York arbeitete, um ihre Karriere voranzutreiben. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in einem New Yorker Vorort. Eine ganz besondere Situation mit ihrem kleinen Sohn Garrett brachte sie auf die Idee für ihren Debütroman Only Child, der hier vorgestellte Alles still auf einmal: Als sie den Kleinen eines Tages zusammengekauert unter dem Tisch vorfand, antwortete er auf ihre Frage, was er da mache, mit: „Ich verstecke mich vor dem bösen Mann“. Wie die Autorin später erfuhr, hatte es in der Vorschulklasse ihres Sohnes eine Amokübung gegeben, die ihn sehr verängstigte.

Mit ihrem Erstlingswerk gelang Navin sogleich der Sprung auf die Bestsellerliste. Der außergewöhnliche Roman wurde in mehr als 17 Sprachen übersetzt und erfuhr auch auf internationaler Ebene hohe literarische Anerkennung. Ein großer Überraschungserfolg für die herausragende Schriftstellerin, die für mich mit ihrem einzigartigen Erzähltalent zu den Entdeckungen des Jahres zählt.


Originalausgabe: Navin, Rhiannon. Only Child. New York: Alfred A. Knopf, a division of Penguin Random House LLC, 2018.
Deutsche Ausgabe
: Navin, Rhiannon. Alles still auf einmal. Aus dem Amerikanischen von Britta Mümmler. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2019.

Buchcover: © dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Bildnachweis: © Alexas_Fotos, Pixabay
Quelle Biografie: dtv Verlagsinformationen und Knopf Q&A Interview

Charlotte Brontë: Jane Eyre
Ein Weltklassiker und seine beste Adaption

Buchcover: © Insel Verlag – DVD-Cover: © KSM GmbH

– Unbeauftragte Werbung gemäß DSGVO 2018 –

Jane Eyre, die Hauptfigur des gleichnamigen viktorianischen Klassikers der Weltliteratur, der 1847 von der britischen Schriftstellerin Charlotte Brontë zunächst unter ihrem männlichen Pseudonym Currer Bell veröffentlicht wurde, ist wohl eine der außergewöhnlichsten Protagonistinnen ihrer Epoche. Die unkonventionelle Freidenkerin, die ihrer Zeit trotzt und für ihr Recht auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit kämpft, stand zwar im krassen Gegensatz zum damaligen von Unterordnung und Folgsamkeit geprägten Frauenbild als Angel of the House, doch es war genau dieser Aspekt, der die dramatische Erzählung und exzeptionelle Liebesgeschichte zu einem großen Erfolg und literarischen Highlight des 19. Jahrhunderts machte.

Der Gouvernantenroman eroberte die Herzen der weiblichen Leserschaft im Sturm, obwohl Janes männliches Pendant, Edward Rochester, bei weitem keine attraktive Lichtgestalt ist, die die unscheinbare Titelheldin aus ihrer misslichen Lebenslage rettet. Und doch fasziniert der schroffe, abweisende Anti-Held, den Brontë als Byronic Hero konzipierte. Seine Widersprüchlichkeit und seine Verletzlichkeit, die erst nach und nach zutage tritt, wirken anziehend – ebenso wie das dunkle Geheimnis, das ihn umgibt und ihm eine unnahbare Aura verleiht. Die langsam aufkeimende Liebe der beiden unterschiedlichen und doch so seelenverwandten Charaktere, ihr verzweifelter Kampf um ihr Glück, das nicht von Dauer sein darf und ihr langersehntes Happy End nach vielen Schicksalsschlägen machen Jane Eyre zu einem zeitlosen Meisterwerk seines Genres, das sicherlich auch noch in 100 Jahren begeistert gelesen wird.

Jane Eyre: Die Story

Der Roman erzählt die Geschichte der Waise Jane Eyre, die nach dem Tod ihrer Eltern zunächst von ihrer Tante, Mrs. Reed, aufgenommen wird. Jane, ein kluges, zurückhaltendes Mädchen, wird von ihrer Tante und ihren sadistischen Kindern tyrannisiert, weil sie in deren Augen nicht in ihre gehobene Gesellschaftsschicht passt. Oftmals wird Jane in den Red Room verbannt, wo man sie stundenlang einschließt, um ihren Willen zu brechen, was jedoch nicht gelingt. Um Jane loszuwerden, schicht Mrs. Reed Jane schließlich auf das Internat Lowood, das von Mr. Brocklehurst mit sklavischer Strenge geführt wird. Auch dort erfährt sie ständige Demütigungen, die sie nur gemeinsam mit ihrer Freundin, Helen Burns, und dank ihres eisernen Überlebenswillens erträgt. Als Helen stirbt, ist Jane ganz auf sich allein gestellt, doch sie schafft ihren Abschluss, und es gelingt ihr sogar, eine Position als Lehrerin auf Lowood zu erhalten.

Nachdem ihre letzte Vertraute auf Lowood heiratet und das Internat verlässt, gibt Jane ein Inserat auf und erhält die Zusage für eine Stelle als Gouvernante auf Thornfield Hall, dem düsteren Landsitz von Edward Rochester. Sie soll sich um sein Mündel Adèle kümmern und sie unterrichten – eine Aufgabe, auf die sich Jane sehr freut. Doch ihre erste Begegnung mit ihrem neuen Arbeitgeber verheißt nichts Gutes: Arrogant, zynisch und verbittert – so präsentiert sich Rochester und macht zudem keinen Hehl daraus, was er von Frauen und insbesondere von Gouvernanten hält. Aber Jane lässt sich nicht einschüchtern. Ruhig, aber bestimmt kontert sie seine verbalen Attacken.

Rochester ist beeindruckt von Janes Ehrlichkeit, Klugheit und ihrer inneren Stärke und vertraut ihr schließlich immer mehr über sich und sein Leben an. Als die beiden sich ineinander verlieben, erscheint der Weg für eine gemeinsame Zukunft in leuchtenden Farben. Doch Rochester und Thornfield Hall bergen ein schreckliches Geheimnis, das Jane zwingt, alles aufzugeben, was ihr jemals etwas bedeutet hat…

Viele Verfilmungen – ein Meisterwerk

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Jane Eyre (Ruth Wilson) und Edward Rochester (Toby Stephens)

Dass sich Jane Eyre hervorragend als Filmstoff eignet, versteht sich von selbst. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass man die einzigartige Geschichte bereits in der Stummfilmzeit adaptiert hat und seitdem immer wieder neu filmisch umsetzt. In den Titelrollen Rochester und Jane glänzten bereits die Hollywood-Legenden Orson Welles und Joan Fontaine (1943), Susannah York und George C. Scott (1970), Ex-James Bond-Darsteller Timothy Dalton und Zelah Clarke (1983), William Hurt und Charlotte Gainsbourg (1996), Ciarán Hinds und Samantha Morton (1997) sowie Michael Fassbender und Mia Wasikowska (2011). Von all diesen Verfilmungen konnte mich nur Robert Youngs Adaption mit den brillanten Akteuren Ciarán Hinds (Game of Thrones, Rome) und Samantha Morton überzeugen.

Die für mich beste Adaption gelang allerdings meines Erachtens nur mit der wirklich großartigen vierteiligen BBC-Miniserie Jane Eyre aus dem Jahre 2006, die von Regisseurin Susanna White mit Ruth Wilson und Toby Stephens in den Titelrollen realisiert wurde. Die damalige Newcomerin Ruth Wilson, die jüngst in der Netflix-Serie The Affair brillierte, erhielt für ihre Darstellung der Jane Eyre höchst verdient eine Golden Globe Nominierung.

Wilson verkörpert die Hauptfigur absolut romangetreu: Lebensunerfahren, zurückhaltend, aber enorm willensstark und mit dem unbedingten Wunsch als freies, unabhängiges Individuum und dem Mann gleichgestellte Frau wahrgenommen zu werden. Ihre Prinzipien und Moralvorstellungen stellt sie zunächst über ihr persönliches Glück, als sie nach der Enthüllung von Rochesters schrecklichem Geheimnis den Mann verlässt, den sie liebt. Doch eine Fügung des Schicksals will es, dass sie nach einigen Jahren wieder zusammenfinden und zusammenbleiben – dieses Mal jedoch zu ihren Bedingungen. Wilsons einfühlsames, leidenschaftliches Porträt von Jane Eyre ist eine schauspielerische Glanzleistung und bisher das absolut beste ihrer Art.

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Jane Eyre (Ruth Wilson)

Gleiches gilt für Toby Stephens, der bereits in einer älteren Verfilmung als The Great Gatsby glänzte und zuletzt auch in der herausragenden Serie Black Sails als Captain Flint sein schauspielerisches Talent erneut eindrucksvoll unter Beweis stellte. Als Rochester zeigt er eine seiner besten darstellerischen Leistungen, auch wenn er – wie viele meinten – für die Rolle zu gutaussehend sei. Er gibt der kontroversen Figur des Rochester eine große charakterliche Tiefe und zeigt dabei alle Facetten dieses Anti-Helden: Seine unerträgliche Arroganz, seine Menschenverachtung und seinen oftmals verletzenden Zynismus, aber auch seine Fragilität und seine Fähigkeit zur bedingungslosen Liebe.

Die persönliche Entwicklung Rochesters, die letzteren an seine psychischen Grenzen bringt, porträtiert Stephens glaubwürdig und ohne Pathos – und mit großem Verständnis für das tragische Dilemma eines zerrissenen Mannes, der sich von der Welt abgeschottet hat und hofft, dank seiner Liebe zu Jane einen Weg zurückzufinden. Doch seine Vergangenheit holt ihn ein und kostet ihn das Glück, auf das er so lange vergeblich hoffte. Nach Janes Flucht aus Thornfield Hall schlägt das Schicksal ein weiteres Mal erbarmungslos zu, und Rochester kehrt gebrochen und völlig mutlos zurück in sein Eremiten-Dasein – bis sein Leben eines Tages eine erneute Wendung nimmt. Wie sein weibliches Pendant Ruth Wilson verkörpert Toby Stephens Rochester auf eine singuläre Weise, die angesichts der vielen bereits vorliegenden Adaptionen einzigartig ist und ihresgleichen sucht.

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Edward Rochester (Toby Stephens)

Die o.g. BBC-Version von Jane Eyre ist ein echtes Highlight. Die Adaption ist bildgewaltig und von großer Detailtreue. Als Location für das gespenstisch anmutende Thornfield Hall wählte man im Übrigen das imposante Haddon Hall in Derbyshire, das perfekt in die Szenerie passt und die düstere Atmosphäre hervorragend reflektiert. Alles in allem ist die Verfilmung mit ihrem brillanten Cast, der bis in die Nebenrollen sehr gut besetzt ist, ein absolutes Must See. 

Und wer den Romanklassiker noch nicht kennt, sollte dies unbedingt nachholen. Er ist gerade in ausgezeichneter Neuübersetzung von Melanie Walz im Insel Verlag erschienen.


Deutsche Ausgabe: Brontë, Charlotte: Jane Eyre. Aus dem Englischen von Melanie Walz. Berlin: Insel Verlag/insel taschenbuch, 2019.
DVD: Jane Eyre – BBC Literatur Classics. Vertrieb: KSM GmbH
Buchcover: © Insel Verlag, Berlin
Filmfotos und DVD-Cover: © KSM GmbH