Ein Klassiker zum Fest

Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten

Als Buchempfehlung zu Weihnachten habe ich in diesem Jahr einen Krimi-Klassiker der Queen of Crime, Agatha Christie, ausgewählt. Obwohl die liebenswert-schrullige Miss Marple für mich die unumstrittene Nr. 1 ihrer literarischen Figuren ist, möchte ich euch heute meinen Romanfavoriten der X-Mas Crime Novels mit Christies zweitbeliebtesten Protagonisten, dem belgischen Detektiv Hercule Poirot, vorstellen, der meines Erachtens äußerst gelungen ist und den ich zur frostigen Jahreszeit immer wieder gerne lese, obwohl ich die Auflösung schon längst kenne. Ich liebe die spitzfindigen Dialoge, Poirots eigentümlichen Humor, der nicht auf viel Gegenliebe bei seinen britischen Kollegen stößt und natürlich die ganz speziellen Twists and Turns, die der spannenden Geschichte ihre besondere Note verleihen.

Familientreffen in Gorston Hall

Zu Weihnachten lädt der alte tyrannische Patriarch Simeon Lee seine gesamte Familie auf seinen idyllischen Landsitz nach Gorston Hall ein. Dies überrascht niemanden mehr als seinen Sohn Alfred und dessen Frau Lydia, die mit ihm unter einem Dach leben. Während Alfred überzeugt ist, dass sein dominanter Vater altersmilde geworden ist und zum Fest die Nähe seiner Lieben sucht, weiß Lydia es besser: Sie glaubt nicht an das Harmoniebedürfnis ihres Schwiegervaters, der den ganzen Tag nichts Besseres zu tun hat, als sie und Alfred zu schikanieren und wie Haussklaven zu behandeln. Sie ahnt, dass der Alte etwas im Schilde führt und sieht den Feiertagen mit sehr gemischten Gefühlen entgegen.

Insbesondere Alfreds Wiedersehen mit seinem Bruder David bereitet Lydia Kopfzerbrechen, denn David verachtet seinen Vater, der in seinen Augen durch seine ständigen Affären für den frühen Tod seiner Mutter verantwortlich ist. Alfreds bedingungsloser Gehorsam gegenüber seinem Vater ist ihm ein Dorn im Auge, und so kommt es zwischen den beiden Brüdern bei ihren seltenen Treffen stets zu unschönen Auseinandersetzungen. Auch Davids bodenständige Frau Hilda vermag da kaum zu schlichten. Darüber hinaus ist die Beziehung von Alfred und David zu ihrem geld- und machtbesessenen Bruder George, ein Parlamentsabgeordneter, ebenfalls nicht unproblematisch, denn Georges Lebensart und seine monetäre Gier finden sie höchst dekadent. Hinzu kommt ihre gemeinsame Ablehnung von Magdalene, Georges Ehefrau, die ein Luxusweibchen par excellence ist und gemeinsam mit ihrem Gatten hofft, eines Tages ein beträchtliches Erbe zu erhalten.

Unerwartete Überraschungsgäste

Womit sie jedoch alle nicht rechnen, ist, dass Simeon auch seinen lang verschollenen Sohn Harry, das schwarze Schaf der Familie, eingeladen hat, mit dem er viele Jahre im Streit lag. Die Familie ist empört über die Rückkehr des Taugenichts, doch Simeon hat noch einen weiteren Überraschungsgast parat: Die in Spanien lebende Pilar Estravados, seine Enkelin und Spross seiner verstorbenen Tochter Jennifer, die er – zum Entsetzen aller – gerne zukünftig an seiner Seite wissen möchte. Last but not least gesellt sich noch ein unerwarteter Besucher hinzu: Stephen Farr, der Sohn eines alten Geschäftspartners von Simeon, den er ebenfalls bittet, über Weihnachten sein Gast zu sein.

Mysteriöser Mord hinter verschlossenen Türen

Kurz vor Heiligabend ist die Stimmung alles andere als weihnachtlich. Alte Feindseligkeiten brechen auf und lassen für das Fest der Liebe wenig Gutes erahnen. Als dann der diabolisch schlecht gelaunte Simeon in einem Telefonat mit seinem Anwalt auch noch lautstark kundtut, dass er sein Testament so schnell wie möglich ändern möchte, hat er – ohne es auch nur im geringsten zu ahnen – bereits sein Todesurteil unterschrieben: Am späten Abend finden ihn sein Sohn Harry und Stephen, aufgeschreckt durch einen grauenvollen Schrei und fürchterliches Poltern, mit durchschnittener Kehle in seinem von innen verschlossenen Zimmer, das sie nur mit großer Kraftanstrengung aufbrechen konnten.

Inspector Sugden, der sich während der Tat ebenfalls im Haus der Lees aufhielt, bittet den belgischen Meisterdetektiv Hercule Poirot, der gerade, wie der Zufall es will, zu Gast bei Sugdens Vorsetztem, Colonel Johnson, ist, um Unterstützung bei der Auflösung des mysteriösen Falles. Dies lässt sich Poirot natürlich nicht zwei Mal sagen, doch auch für ihn ist dieser Mord hinter verschlossenen Türen eine echte Herausforderung. Fast alle Anwesenden haben einen Motiv, sie alle verstricken sich in Widersprüche, doch Poirot lässt sich nicht von Oberflächlichkeiten täuschen. Und so kommt er schließlich einem ungeheuerlichen Familiengeheimnis auf die Spur, das selbst einen erfahrenen Ermittler wie ihn in blankes Erstaunen versetzt…

Whodunit at its best

Dieser 24. Kriminalroman von Agatha Christie ist für mich ein echtes Lesehighlight, denn er verfügt über alle Elemente, die eine gute Crime Story ausmachen: Einen grandiosen Meisterdetektiv, ein obskurer Mord in einem verschlossenen Raum und natürliche viele undurchsichtige Verdächtige, die alle auf die eine oder andere Art in den Fokus der Ermittlungen geraten. So kann man als Leser wunderbar mit kombinieren und seine eigenen Schlüsse ziehen, die jedoch am Ende alle in Schall und Rauch aufgehen, denn die grandiose Auflösung kann man auch als Krimi-Erprobter in keiner Weise vorhersehen. Daher mein Fazit: Ein Glanzstück der besten Kriminalschriftstellerin aller Zeiten – unbedingt lesenswert!

Agatha Christie: Großbritanniens ungekrönte Queen of Crime

Die 1890 in Torquay/Devon geborene britische Autorin Agatha Christie zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Literaturgeschichte. Berühmt wurde sie vor allem mit ihren kongenialen Kriminalromanen, 66 an der Zahl, mit denen sie ihre Leser zuhauf begeisterte. Ihre beliebtesten Protagonisten sind mit Abstand die couragierte Hobby-Detektivin Miss Marple, die dem verstaubten Klischee der alten Jungfer einen herrlich erfrischenden Anstrich gab, und natürlich der o.g. britische Meisterdetektiv Hercule Poirot, dessen rasiermesserscharfer Verstand neben seinem gewöhnungsbedürftigen Sinn für Humor sein wichtigstes Markenzeichen ist.

Auch als Verfasserin von Bühnenstücken wurde Christie weltberühmt: Mit Die Mausefalle gelang ihr ein Klassiker, der bis zum heutigen Tage unübertroffen und das am längsten laufende Theaterstück der Welt ist. Darüber hinaus schrieb sie auch Kurzgeschichten und romantische Erzählungen, die sie unter dem Pseudonym Mary Westmacott veröffentlichte.

Insgesamt verkaufte Agatha Christie mehr als vier Milliarden Bücher weltweit. Für ihr literarisches Werk und ihre außerordentlichen Verdienste um die englische Literatur verlieh ihr die Queen 1971 den Titel Dame Commander of the British Empire, eine der höchsten Auszeichnungen des Landes.

Zahlreiche ihrer Romane wurden verfilmt, darunter Das Böse unter der Sonne, Mord im Orient-Express und Tod auf dem Nil, in denen der unvergleichliche Sir Peter Ustinov und der renommierte Mime Albert Finney Christies Poirot Leben einhauchten und ihn unsterblich machten. Gleiches gilt für die wunderbare Margret Rutherford, die als Miss Marple wie keine andere brillierte und im Duo mit dem von Stringer Davis so liebenswert porträtierten Mr. Stringer auf ihre ganz eigene – leicht verschrobene – Weise so manchen rätselhaften Mordfall löste.

Auch heute erfreuen sich Agatha Christies Werke noch immer sehr großer Beliebtheit. Seit 2014 veröffentlicht z.B. der Hamburger Atlantik-Verlag ihre Kriminalromane in neuer Übersetzung und in originellem Design – eine wahre Augenweide.

Darüber hinaus stehen auch immer wieder neue Verfilmungen ihrer Romane an: Der großartige britische Shakespeare-Schauspieler und Regisseur Kenneth Branagh realisierte jüngst seine Version des Klassikers Mord im Orient-Express mit einer Besetzung, die Rang und Namen hat: Neben Branagh, der als Poirot eine Meisterleistung abliefert (und dies ist schon eine gewaltige Herausforderung bei berühmten Vorgängern wie Ustinov, Finney und Suchet), sind Schauspielgrößen wie Judi Dench, Derek Jacobi, Willem Dafoe und Penelope Cruz zu sehen. Alles in allem ein wirklich ganz besonderes Film-Erlebnis!

Weitere Informationen über Agatha Christie findet ihr auf folgenden Websites: www.agathachristie.com und www.agathachristie125.de, der ich auch ihre biografischen Angaben entnommen habe.


Originalausgabe: Christie, Agatha. Hercule Poirot’s Christmas. London: HarperCollins, 2008.
Deutsche Ausgabe: Christie, Agatha. Hercule Poirots Weihnachten. Aus dem Englischen von Michael Mundhenk. Hamburg: Atlantik Verlag/Hoffmann & Campe Verlag GmbH, 2015.
Cover: www.hoffmann-und-campe.de

Frohe Weihnachten!

Rasend schnell neigt sich 2017 dem Ende. Als Literaturbloggerin war es mit Abstand mein spannendstes Jahr. Ich habe viele wunderbare Romane gelesen und rezensiert, inspirierende neue Blogs entdeckt und als Highlight auf der Frankfurter Buchmesse einen meiner französischen Lieblingsautoren, Antoine Laurain, persönlich getroffen. Das war ein wirklich einzigartiges Erlebnis! 

Zum Ende des Jahres ist mir dann noch eine ganz besondere Ehre zuteil geworden: Der Gewinner des ersten Buchblog-Awards, Uwe Kalkowski (kaffeehaussitzer.de), hat meine Rezension über Susana Fortes‘ eindrucksvollen Roman Warten auf Robert Capa in seiner Kolumne Fundstücke aus den Literaturblogs im November verlinkt. Dies hat mich sehr gefreut und mich darin bestärkt, mich als Literaturbloggerin weiterzuentwickeln und meinen Platz unter den vielen, äußerst talentierten Literaturrezensenten zu finden.

Für mich ganz privat war 2017 mein wohl dunkelstes Jahr. Die schwere Krankheit meiner Mutter, die im Juni diagnostiziert wurde, hat mich den Boden unter den Füßen verlieren lassen. Ich kann immer noch nicht fassen, wie schnell meine bis dato relativ sorglose Welt eingestürzt ist. Meine Mutter ist jedoch wider Erwarten nicht verzweifelt, sondern hat ihr Schicksal mit großer Tapferkeit angenommen und damit zu leben gelernt. Ich bewundere sie unendlich für ihre Stärke, Zuversicht und ihre Entschlossenheit, sich niemals aufzugeben. Auch mich hat diese Situation Einiges über mich selbst gelehrt: Zum Beispiel, dass ich nach anfänglichem Schock viel stärker bin, als ich zuvor geglaubt habe, wenn es darum geht, meine Mutter mit all meiner Kraft zu unterstützen. Sie hat mich auch gelehrt, wie wichtig es ist, jede Minute meines Leben zu genießen und niemals zurückzuschauen.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein schönes Weihnachtsfest und alles erdenklich Liebe und Gute, viel Glück und vor allem Gesundheit für das neue Jahr. Genießt die besinnliche Zeit im Kreise eurer Familie und Freunde, und lasst es euch gutgehen.

Auch in 2018 freue ich mich wieder auf einen spannenden und inspirierenden Austausch mit euch, viele neue nette Kontakte, originelle Blogparaden, außergewöhnliche Buch- und Leseaktionen und vielleicht sogar ein Treffen auf der nächsten Frankfurter Buchmesse.

Herzliche Grüße

Eure Rosa

 


Bildnachweis: www.pixabay.com – © PublicDomainPictures

Besinnliches zum Advent

Weihnachten

Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
Mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit,
Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle
Schöne Blumen der Vergangenheit.

Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,
Und das alte Lied von Gott und Christ
Bebt durch Seelen und verkündet leise,
Dass die kleinste Welt die größte ist.

Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

 


Quelle: Maack, Ute (Hrsg.). Weihnachten mit Joachim Ringelnatz. Berlin: Insel Verlag, 2015.
Foto: www.pixabay.com, © jill111

Die Totgeglaubte

Guillaume Musso: Das Mädchen aus Brooklyn

Die Romane von Guillaume Musso habe ich alle verschlungen. Nacht im Central Park ist dabei immer meine Nr. 1 geblieben – doch dann habe ich sein neuestes Buch Das Mädchen aus Brooklyn gelesen, und seitdem habe ich zwei literarische Favoriten. Was für eine unglaublich gut gemachte und hochspannende Tour de Force, auf die der Autor seine Leser mit dieser unvergleichlichen Geschichte schickt! Zeit zum Luftholen bleibt da nicht, denn die packende Story entwickelt sich viel zu rasant und viel zu dramatisch, als dass man sie auch nur eine Minute aus der Hand legen könnte. Und dabei beginnt alles so romantisch – wie in einem längst aus der Mode gekommenen alten Liebesroman, bei dem die Welt noch in Ordnung ist…

Die Frau seiner Träume

Der Schriftsteller Raphaël Barthélémy verbringt ein paradiesisches Wochenende mit der Frau seiner Träume, Anna Becker, einer Kinderärztin, an der Côte d’Azur. Nach dem Scheitern seiner Ehe mit einer karriereorientierten Wissenschaftlerin ist sich der alleinerziehende Vater sicher, mit Anna nicht nur die richtige Partnerin, sondern auch eine liebevolle Ersatzmutter für Söhnchen Theo gefunden zu haben. Doch nach seiner schlechten Beziehungserfahrung ist er misstrauisch und möchte unbedingt mehr über Annas Vergangenheit erfahren, um nicht wieder eine Enttäuschung zu erleben. Bisher hat Anna auf alle seine diesbezüglichen Fragen ausweichend oder gar nicht geantwortet, was ihn stutzig macht. Hinzu kommt ihre fast panische Abneigung gegen das Fotografiert-werden und ihre absolute Ablehnung aller Social Media. Doch Raphaël ist überzeugt, dass es dafür bestimmt eine nachvollziehbare Erklärung gibt.

Ein schockierendes Geständnis

In der entspannten Wochenendstimmung wagt Raphaël einen erneuten Anlauf, der jedoch in einen handfesten Streit mündet, denn Anna reagiert genervt und äußerst feindselig. Aber Raphaël ist dieses Mal nicht bereit, das Thema unter den Tisch fallen zu lassen. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung zeigt Anna ihm schließlich ein Foto auf ihrem Handy und offenbart: „Das habe ich getan!“ Raphaël stockt der Atem, denn das Bild zeigt drei furchtbar zugerichtete verkohlte Leichen. Völlig entsetzt läuft er davon, nur um sich dann nach dem ersten Schock eines Besseren zu besinnen und zum Urlaubsapartment zurückzukehren. Doch Anna ist nicht mehr da. Hals über Kopf fährt Raphaël nach Paris zurück, doch auch dort kann er sie weder finden noch auf dem Handy erreichen. In seiner Verzweiflung bittet er seinen Freund Marc Caradec, einen ehemaligen Elitepolizisten, um Hilfe, dessen Spürsinn sofort geweckt ist. Als sie schließlich in Annas Apartment nach Hinweisen auf ihren Aufenthaltsort suchen wollen, zeigen sich Spuren eines Einbruchs. Raphaël ist außer sich vor Sorge und macht sich große Vorwürfe. Er ist sich mittlerweile sicher, dass Anna etwas zugestoßen ist, und auch sein Freund Marc ahnt nichts Gutes.

Eine ungeheuerliche Entdeckung

Nach langen, nervenaufreibenden Recherchen finden Raphaël und Marc unter Annas ganz privaten Sachen, die sie in einer gemieteten Box aufbewahrt hat, nicht nur eine Tasche mit sehr viel Geld, sondern auch zwei gefälschte Pässe. Raphaël ist fassungslos und trotz aller Sorge um Anna maßlos enttäuscht, denn für ihn sind dies alles Indizien dafür, dass seine Traumfrau in kriminelle Machenschaften verstrickt ist. Dennoch bittet er Marc, seine Ermittlungen fortzusetzen. Und auch ihm lässt Annas Schicksal keine Ruhe: Seine akribische Suche führt ihn schließlich bis nach New York, wo er in Harlem eine ungeheuerliche Entdeckung macht: Anna Becker ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Claire Carlyle, das totgeglaubte Opfer eines Serientäters, der sie und zwei andere Mädchen entführt und in seinem Haus monatelang gefangen hielt. Bei einem Feuer, so nahm die Polizei an, kamen alle Opfer und der Täter ums Leben. Raphaël ist völlig entsetzt und kann es nicht glauben, denn wenn all dies wirklich stimmt, wie gelang Claire die Flucht und ein Neubeginn mit einer falschen Identität? Und wer trachtet ihr jetzt nach dem Leben, wo der Täter schon seit vielen Jahren tot ist? Die Spur führt Raphaël immer tiefer in Annas altes Leben und zu einem mächtigen Gegner, der alle Hebel in Bewegung setzt, um sie zum Schweigen zu bringen…

Ein nervenaufreibender Pageturner mit fulminantem Showdown

Mussos Das Mädchen aus Brooklyn ist ein spannungsgeladener und ausgeklügelter Thriller, der mich restlos begeistert hat. In dieser raffiniert konzipierten Geschichte ist nichts vorhersehbar – es gibt viele falsche Fährten, auf die man auch als thriller-erfahrener Leser noch aufspringt, weil man überzeugt ist, dass man dieses Mal auf der richtigen Spur ist. Doch Musso belehrt uns immer wieder eines Besseren, indem er kontinuierlich neue Fallen auslegt. Dies macht denn auch den ganz besonderen Reiz dieses Romans aus, der bis zur letzten Seite fesselt.

Ein weiteres Highlight sind Mussos exzellent entwickelte Hauptfiguren, Raphaël, Marc und Anna, wobei Marc meines Erachtens am besten gelungen ist. Sein Lebensdrama, das sich allmählich vor unseren Augen in Flashbacks entfaltet, ist von ganz besonderer Dramatik. Ohne zu viel zu verraten, lässt sich sagen, dass dieser fiktive Charakter neben Anna mit Abstand der vielschichtigste des ganzen Romans ist, denn er ist einer der Protagonisten, dessen Wahrheit wir erst ganz am Ende kennenlernen. Der fulminante Showdown, mit dem der Roman endet, involviert alle Akteure und hält eine weitere unvorhersehbare Wendung bereit, die den verborgenen Nukleus der Geschichte offenbart.

Mein Fazit: Ein dramatischer Thriller der Extraklasse – unbedingt lesenswert!

Guillaume Musso: Französischer Bestseller-Autor ersten Ranges

Guillaume Musso wurde 1974 in Antibes geboren. Als Sohn einer Bibliothekarin entdeckte er schon früh seine Leidenschaft für Literatur und verbrachte oft den Großteil seiner Ferien in der Bibliothek seiner Mutter. Als er mit 15 einen Kurzgeschichten-Wettbewerb gewann, beschloss er, Schriftsteller zu werden. Doch mit 19 zog es ihn zunächst nach New York und New Jersey, wo er mehrere Monate lebte und u.a. als Eisverkäufer arbeitete. Er studierte danach Wirtschaftswissenschaften und arbeitete nach seinem Studienabschluss als Dozent und Gymnasiallehrer. Durch einen schweren Autounfall, der mit einem Nahtoderlebnis einherging, widmete er sich dann ganz seiner Passion und veröffentlichte im Januar 2004 sein erstes Buch mit dem Titel Et Après (Ein Engel im Winter), das es direkt auf die französischen Bestsellerlisten schaffte und mit dem ihm der Durchbruch als Schriftsteller gelang. Der Roman wurde 2008 mit John Malkovich und Romain Duris in den Hauptrollen verfilmt und ist wirklich sehenswert.

Musso, der abwechselnd in Paris und Antibes lebt und arbeitet, hat in der Zwischenzeit noch 13 weitere Romane (u.a. Wirst du da sein?, Das PapiermädchenSieben Jahre später, mein Favorit Nacht im Central Park, Vierundzwanzig Stunden u.v.m.) veröffentlicht, die von den Lesern begeistert aufgenommen und ebenfalls zu Bestsellern wurden. Mittlerweile haben sich seine Romane weltweit über 22 Mio. mal verkauft und werden in ca. 40 Sprachen übersetzt. Musso zählt neben Marc Levy zu den meistgelesenen französischen Schriftstellern.

Wenn Musso nicht gerade Romane schreibt, ist er ein Vielleser. In einem sehr ausführlichen Interview auf seiner unten aufgeführten Website verrät er seine Lieblingsschriftsteller und seine bevorzugten Romane, wie z.B. Die Schöne des Herrn – Albert Cohen, Der Husar auf dem Dach – Jean Giono, Misery – Stephen King, Der Vorleser – Bernhard Schlink, Gone Girl – Gilian Flynn und Abbitte – Ian McEwan. Ein wahrer Fan ist Musso von seinem französischen Schriftsteller-Kollegen Jean-Christophe Grangé, der mit Thrillern wie Schwarzes Requiem oder Lontano sein Publikum in Atem hält. Eine ausführlichere Auswahl seiner literarischen Favoriten bzw. Inspirationen findet ihr hier: http://www.guillaumemusso.com/mes-inspirations/livres/.

Mussos neuester Roman Un appartement à Paris, der im März dieses Jahres in Frankreich veröffentlicht wurde, erscheint im Juni 2018 unter dem Titel Das Atelier in Paris in Deutschland. Ich bin schon sehr gespannt.

Weitere Informationen über Guillaume Musso findet ihr auf seiner Website www.guillaumemusso.com.


Originalausgabe: Musso, Guillaume. La fille de Brooklyn. Paris: XO Éditions, 2016.
Deutsche Ausgabe: Musso, Guillaume. Das Mädchen aus Brooklyn. Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn und Bettina Runge. München: Pendo Verlag/Piper Verlag GmbH, 2017.
Buchcover: www.piper.de