Die Rückkehr des Meisterdetektivs
Sherlock – Staffel 4

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Viel zu lange haben wir auf die neuen Folgen der Kultserie Sherlock mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman warten müssen. Heute Abend um 21.45 h ist es endlich soweit: Die ARD zeigt die erste der drei brillanten Episoden der vierten Staffel: Die sechs Thatchers. Es folgen Der lügende Detektiv (5. Juni 2017 um 21.45 h) und Das letzte Problem (11. Juni 2017 um 21.45 h). Die BBC strahlte die Folgen bereits im Januar des Jahres aus, und erneut brach die beliebte Serie alle Rekorde. So ist es natürlich auch nicht verwunderlich, dass die Sherlock-Fangemeinde stetig wächst, denn die Produzenten Mark Gatiss und Steven Moffat haben einfach geniale Ideen und ein untrügliches Gespür dafür, wie man die auf Arthur Conan Doyles Stories basierenden Fälle szenisch am besten umsetzt. Der große Erfolg spricht für sich und ist hoffentlich Motivation und Ansporn, um den Zuschauern und Fans noch eine sechste Staffel zu bescheren.

Drei neue spannende Fälle für das Mastermind

Ich habe mir die Folgen im englischen Original direkt nach Veröffentlichung bei iTunes heruntergeladen und angeschaut. Wie immer, war ich restlos begeistert, insbesondere von Folge 2, die für mich das ganz spezielle Highlight dieser Staffel ist und darüber hinaus zu den besten Sherlock-Folgen zählt, die ich bisher gesehen habe. Aber jede Episode hat ihr ganz eigenes Momentum und ist ein Spektakel für sich, das sich streckenweise so rasant entfaltet, dass man als Zuschauer das Gefühl hat, sich im Kopf von Mastermind Holmes zu befinden, in dem sich seine Gedanken mit kaum fassbarer Geschwindigkeit überschlagen und wie ein fulminantes Feuerwerk immer wieder aufsteigen und verglühen. Das ist Entertainment at its best mit hervorragenden Schauspielern, allen voran Benedict Cumberbatch und Martin Freeman in den Titelrollen, der großartigen Una Stubbs als Mrs. Hudson, Rubert Graves als kauziger Inspector Lestrade und natürlich Mark Gatiss als Holmes‘ gewöhnungsbedürftiger Bruder Mycroft!

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Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) und John Watson (Martin Freeman)

1. Die sechs Thatchers (The Six Thatchers)

Sherlock hat das ungute Gefühl, dass sein Erzfeind Moriarty posthum Rache an ihm üben will und wartet höchst angespannt auf die Dinge, die seines Erachtens unweigerlich noch auf ihn zukommen werden. Ansonsten ertrinkt er wieder mal in Langeweile und ist auf der Suche nach einer detektivischen Herausforderung. Nachdem John und Mary ihn als Patenonkel für ihre kleine Tochter Rosie auserkoren haben – eine Aufgabe, die ihn nicht wirklich ausfüllt -, löst er mit Watson und Inspector Lestrade relativ teilnahmslos einen trivialen Fall nach dem anderen, bis ein rätselhafter Tod seine ganze Aufmerksamkeit fordert. Man entdeckt den Sohn des Abgeordneten David Welsborough nach einem Unfall leblos in einem Auto vor seinem Elternhaus, obwohl er eigentlich in Tibet sein sollte und von dort aus auch mit seinem Vater telefonierte hatte. Erstaunlicherweise findet Sherlock schnell die Lösung des Mysteriums und ist enttäuscht, dass sich auch dieser Fall in seinen Augen als banal erweist.

Da fällt sein Blick in der Wohnung der Eltern auf deren Thatcher-Sammlung, bei der eine Gipsbüste der konservativen Politikerin fehlt. Als man die Büste wenig später völlig zerstört auffindet, schrillen Sherlocks Alarmglocken, und er ahnt – zum Unverständnis aller -, dass noch viel mehr dahinterstecken muss. Und er soll Recht behalten: Binnen kurzer Zeit findet er heraus, dass dies nicht die einzige zerschlagene Thatcher-Büste war und beschließt, dem Einbrecher eine Falle zu stellen, als er die letzte intakte der sechs Skulpturen zerschmettern will. Doch die Büste zerspringt nach dem Kampf mit dem Einbrecher in tausend Teile, und Sherlock findet in den Scherben das, wonach der Dieb augenscheinlich gesucht hatte: Einen USB-Stick mit den Initialen A.G.R.A. Die Spur führt zu einer geheimnisvollen Task Force der Regierung und zu einem Killer, der alles daran setzt, die Mitglieder dieser Spezialtruppe zu töten. Als Sherlock zu seinem Entsetzen entdeckt, dass Watsons Frau Mary einst Mitglied dieser Task Force war, beginnt ein nervenaufreibender Wettlauf mit der Zeit, der in einer Tragödie endet…

2. Der lügende Detektiv (The Lying Detective)

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Culverton Smith (Toby Jones)

Nach dem schrecklichen Trauma gehen Sherlock und Watson zunächst getrennt Wege. Sherlock hadert mit sich und der Welt und nimmt wieder Drogen, als ein neuer Fall in den Fokus rückt. Der erfolgreiche Unternehmer und Philanthrop, Culverton Smith, gesteht bei einem Treffen mit seinen Kollegen und seiner Tochter Faith, dass er jemanden umbringen wird. Um sich abzusichern, hat er den Teilnehmern des Treffens vorher ein Serum verabreicht, das das Gedächtnis beeinflusst und dazu führt, dass sie sich später an nichts erinnern können. Allerdings hat es bei Faith nicht die beabsichtigte durchschlagende Wirkung. Sie erinnert sich vage und notiert alles, was sie noch bruchstückhaft aufrufen kann, doch all dies macht im Zusammenhang keinen Sinn.

In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an Sherlock, der jedoch zunächst nicht sonderlich interessiert ist. Er weist sie ab, doch am nächsten Tag hat er Gewissensbisse, weil er sie für suizidgefährdet hält. Noch völlig im Drogennebel will er Faith ausfindig machen, doch sie ist spurlos verschwunden. Er taucht daraufhin in seinen „Gedächtnispalast“ ab, wo sich für ihn ganz deutlich zeigt, dass der allseits beliebte Smith ein Serienkiller ist. Der Fall wird daraufhin für ihn zur Obsession, bis Mrs. Hudson seiner Manie Einhalt gebietet und ihn „der Zufall“ wieder mit Watson zusammenbringt. Sherlock und Watson versuchen, Smith mittels Faith aus der Reserve zu locken, doch der Plan misslingt, und Sherlock gerät ins Visier des Psychopathen, der vor nichts und niemandem zurückschreckt, um sein Geheimnis zu bewahren…

3. Das letzte Problem (The Final Problem)

Der neueste Klient von Sherlock ist kein geringerer als sein Bruder Mycroft. Durch einige mysteriöse, angsteinflössende Vorfälle sieht er sich veranlasst, Sherlock von ihrer gemeinsamen Schwester Eurus zu erzählen, was er bisher immer tunlichst vermieden hatte. Eurus gilt als das klügste, aber auch unberechenbarste Kind der Holmes‘ Familie. Mit ihrer kriminellen Energie und ihrer Manie, alles zu erforschen, beschwört sie eine Katastrophe herauf: Als sie den Landsitz der Familie durch ein Feuer zerstört, sperrt man sie in die Sicherheitsinstitution des Geheimdienstes, Sherrinford, erzählt aber allen, sie sei bei dem Brand ums Leben gekommen. Gerade als sich Sherlock von den Offenbarungen seines Bruders erholt hat, hört er Eurus‘ Stimme. Im nächsten Moment steuert eine Drohnenbombe auf sein Apartment zu und löst eine Explosion aus, der alle Beteiligten in letzter Sekunde entkommen können.

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Mycroft Holmes (Mark Gatiss) und Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch)

Sherlock und Mycroft beschließen, Eurus im Sherrinford zu besuchen, und zum ersten Mal stoßen sie auf eine Gegnerin, der sie nicht gewachsen sind. Eurus ist eine Meisterin der Manipulation und hat die ganze Institution unter ihrer Kontrolle. Sie nötigt Sherlock, Rätsel zum Preis eines Menschenlebens zu lösen. Schafft er es, sind sie gerettet, falls nicht, sterben sie. Sherlock gibt sein Bestes, doch die Lage eskaliert, als Eurus ihn dazu zwingt, eine folgenschwere Entscheidung zu treffen: Entweder er tötet Mycroft oder John. Sherlock lässt sich nicht darauf ein und droht mit Selbstmord, doch seine Schwester hat für jede noch so ausweglose Situation Vorkehrungen getroffen: Sie lässt John an einen geheimen Ort bringen, wo er sterben soll. Um Johns Leben zu retten, setzt Sherlock alles auf eine Karte, doch reicht es aus, um Eurus zu stoppen?

Benedict Cumberbatch: Sherlock at his best

Nachdem Benedict Cumberbatch Arthur Conan Doyles etwas verstaubter literarischer Figur des Sherlock Holmes wieder Leben eingehaucht und ihr einen neuzeitlichen Anstrich gegeben hat, ist sein Sherlock mittlerweile Kult – absolut zu Recht, denn Cumberbatch spielt diesen eigenbrötlerischen, hochintelligenten Querkopf so exzellent, dass man sich gar nicht mehr vorstellen kann, dass dieser fiktive Charakter eigentlich im späten 19. Jahrhundert bzw. frühen 20. Jahrhundert angelegt wurde.

Als ich damals den Trailer zur ersten Sherlock-Staffel sah, war mir Cumberbatch in der Titelrolle nicht so ganz geheuer, weil ich Rupert Everett als historischen Holmes für unübertroffen hielt. Aber nach der ersten Episode war ich derart begeistert, dass ich es seitdem nie erwarten kann, die nächste Staffel zu sehen. Es ist den Produzenten Steven Moffat und Mark Gatiss wirklich hervorragend gelungen, die Serie in die moderne Zeit zu transferieren. Sherlock ist ein Nerd, Watson ein Blogger – eigentlich undenkbar bei den literarischen Originalen, aber es funktioniert – und man hat vor allem nie das Gefühl, dass es je anders war.

© polyband Medien GmbH – Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch)

Alles in allem könnt ihr auf Staffel 4 wirklich gespannt sein und euch auf drei äußerst fesselnde, mysteriöse und höchst dramatische Fälle von Sherlock und Watson freuen, die wieder viele Highlight-Szenen beinhalten, überraschende Wendungen zutage bringen und mit einzigartigem britischen Humor gewürzt sind. Schaut selbst, lasst euch überraschen und vor allem: Get sherlocked!!!


Sherlock – Staffel 4
Produktionsland: UK
Regie: Rachel Talalay, Nick Hurran, Benjamin Caron
Drehbuch: Mark Gatiss, Steven Moffat
Produktion: Sue Vertue
Deutscher Vertrieb: polyband Medien GmbH, München

Mein herzlicher Dank gilt der polyband Medien GmbH, München, www.polyband.de, die mir alle o.g. Fotos inkl. DVD-Cover zur Verfügung gestellt hat.

Zeit für Poesie

Meerfahrt

Wie so rein des Himmels Bläue
Über meinem Haupte glänzt,
Fest und licht wie ew’ge Treue,
Wandellos und unbegrenzt!

Gleich dem ew’gen Frieden schimmert
Ruhig, klar und blau das Meer;
Wie die heil’ge Liebe flimmert
Hell die Sonne drüberher.

Frei und leicht auf freien Wogen
Zog das Schiff die ebne Bahn,
Stolz die weißen Segel flogen
Wie der Freiheit Siegesfahn‘.

Sonne, Meer und Himmelsbläue,
Nichts ums Schiff sonst ringsumher!
Liebe, Freiheit, Fried‘ und Treue!
Ei, was willst du denn noch mehr? –

Ach, wenn nur der Wind vom Lande
Mir ein grünes Blatt allein,
Eine Blüte nur vom Strande
Wehte in das Schiff hinein!

Anastasius Grün (1806 – 1876)


Quelle: Wüstner, Andrea (Hrsg.). Das Meer – Gedichte. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co., S. 29.

Foto: © Ana – https://instagram.com/ana_thira/

Aufstieg eines literarischen Revolutionärs

Lesley M. M. Blume: Und alle benehmen sich daneben

Ernest Hemingways Meisterwerk Fiesta (The Sun Also Rises) brachte ihm 1926 den lang ersehnten literarischen Durchbruch und machte ihn zur Stimme der Lost Generation, einer desillusionierten Nachkriegsgeneration, die durch ihren exzessiven Lebensstil einen Ausweg aus der Sinnleere suchte. Sein Roman, der sich nicht nur durch einen innovativen minimalistischen Erzähl- und Sprachstil auszeichnete, sondern auch Protagonisten in den Vordergrund stellte, die bar jeder Moralvorstellung agierten, wurde als Paradebeispiel der Amerikanischen Moderne gefeiert. Fiesta schockierte und begeisterte das Establishment gleichermaßen und katapultierte den 27-jährigen Hemingway über Nacht in die Rolle des literarischen Revolutionärs, der seine verstaubten Schriftsteller-Vorgänger und Kollegen weit hinter sich ließ. Es entstand ein regelrechter Hemingway-Hype: Scharen von Bewunderern fuhren nach Paris und Pamplona, um die Schauplätze seiner Geschichte zu besuchen und den von ihm erdachten Hauptfiguren – nicht nur im Trinken – nachzueifern.

Wie alles begann

Die amerikanische Schriftstellerin und Journalistin Lesley M. M. Blume erzählt in ihrem einzigartigen biografischen Werk Und alle benehmen sich daneben von Hemingways schriftstellerischen Anfängen in Paris und von der unvergleichlichen Entstehungs- und Erfolgsgeschichte seines außergewöhnlichen Debütromans Fiesta. Obwohl es ein steiniger, oftmals von bitterer Armut geprägter Weg war, verlor der junge Hemingway, der zunächst als Journalist und Reporter tätig war, sein wichtigstes Lebensziel nie aus den Augen: Er wollte ein gefeierter Autor werden und war bereit, dafür jeden Preis zu zahlen.

Als er 1921 gemeinsam mit Gattin Hadley dem Ratschlag des renommierten Schriftstellers Sherwood Andersen folgt und nach Paris zieht, um dort seine schriftstellerische Karriere zu forcieren, sind seine Aussichten nicht gerade rosig. Die Wohnung der Hemingways über einer Sägemühle ist karg, es fehlt am nötigsten und Hemingway ist gezwungen, nebenbei wieder als Reporter für den Toronto Star zu arbeiten, um für sich und Hadley den Lebensunterhalt zu bestreiten. Obwohl ihm dies widerstrebt, macht er sich bald als kritischer Journalist und streitbarer Kolumnist einen Namen: Mit nur 22 interviewt er Mussolini und demaskiert ihn als größenwahnsinnigen Diktator. Darüber hinaus verfasst er Kolumnen aus Paris und kritisiert die Expats, die sich als Künstlerpersönlichkeiten in der französischen Metropole aufspielen, jedoch in seinen Augen nur nichtskönnerische Poseure sind, die den ganzen Tag in den angesagtesten Cafés und Bars herumhängen und sich wichtig nehmen.

Die Clique

Hemingways schriftstellerischer Arbeitseifer ist ebenfalls nicht zu bremsen, und er schreibt Kurzgeschichten und Gedichte. Es gelingt ihm schließlich, einige dieser Frühwerke bei zwei in Paris ansässigen amerikanischen Verlagen zu veröffentlichen, die sich auf experimentelle Literatur spezialisiert haben. Hemingway ist bewusst, dass ihm nur ein Roman den gewünschten Durchbruch bescheren kann, doch ein solches Vorhaben erscheint ihm zunächst noch zu gewagt. Und so beschließt er, die Empfehlungsschreiben, die Sherwood Anderson ihm für die literarische Haute Volée der Expats mitgegeben hat, zu benutzen. Er macht die Bekanntschaft schriftstellerischer Größen wie Ezra Pound, der schon T. S. Eliot mit The Waste Land zum Erfolg verholfen hatte, und erhält – dank Andersons Empfehlung – sogar Einlass zum exklusiven Literatursalon der amerikanischen Autorin Gertrude Stein in der Rue de Fleurus, die gemeinsam mit Lebensgefährtin Alice B. Toklas alles um sich schart, was im künstlerischen Bereich Rang und Namen hat. Und es gelingt dem charismatischen Hemingway das, was vor ihm nur wenige schafften: Die strenge Ikone Gertrude Stein ist von ihm und seinen schriftstellerischen Experimenten begeistert. Gleiches gilt für Sylvia Beach, Eigentümerin der berühmten Buchhandlung Shakespeare & Company, die von Hemingways charismatischer Persönlichkeit fasziniert ist.

Durch seine Gespräche mit Pound und Stein lernt Hemingway sehr viel, vor allem aber verschaffen ihm diese Begegnungen weitere wichtige Kontakte, die ihm auf seinem Weg nach oben sehr nützlich sind. Er lernt den amerikanischen Verleger und Journalisten Bill Bird und den Schriftsteller und Publizisten Robert McAlmon kennen, der Hemingways erweiterte Kurzgeschichtensammlung schließlich unter dem Titel In Our Time veröffentlichen wird, wodurch Hemingway erste Aufmerksamkeit erhält.

Faszination Corrida

Doch bei aller Arbeitsamkeit darf auch der Spaß am Leben nicht zu kurz kommen. Angesteckt von Steins Stierkampf-Begeisterung beschließen Hemingway und seine Entourage, nach Pamplona zu fahren und sich dort das Spektakel einmal live anzuschauen. Während Hemingway von der Corrida, dem gefährlichen Spiel auf Leben und Tod, sofort fasziniert ist, sind einige seiner Begleiter von der Grausamkeit des Stierkampfes abgestossen. Doch das tut dem Ganzen keinen Abbruch. Man trinkt exzessiv, schlägt sich die Nächte um die Ohren und ist auch den schönen Señoritas nicht abgeneigt. Alle sind sich einig, dass dies nicht die letzte Spanienreise gewesen ist, denn wo sonst kann man sich als Mann so sehr beweisen, wie Auge in Auge mit einem Stier, ist Hemingways Devise, die er später auch in seinen Roman Tod am Nachmittag mit einfließen lassen wird.

Berühmte Mentoren

Wieder zurück in Frankreich lernt Hemingway zwei weitere Persönlichkeiten kennen, die ihm den Weg ebnen und seine Mentoren werden sollen: Sara und Gerald Murphy, der Inbegriff der Reichen und Schönen der damaligen Zeit, deren exquisiter Stil und Sinn für Kunst und Literatur ebenso einzigartig waren wie ihre legendären Parties, die sie mit dem Who is Who der literarischen und künstlerischen Größen in ihrem exklusiven südfranzösischen Domizil, Villa America, glamourös feierten. Doch trotz allem waren sie bodenständig, eine Eigenschaft, die Hemingway sehr schätzt. Er lernt über sie auch F. Scott Fitzgerald kennen, der mit seinem Romanklassiker Der große Gatsby zum kritischen Chronisten des Jazz Age und Star der Flapper-Generation avancierte. Fitzgerald hatte In Our Time gelesen und sofort das große Potential Hemingways erkannt. Obwohl sie streng genommen Konkurrenten waren, machte Fitzgerald Maxwell Perkins vom etablierten New Yorker Scribner Verlag auf Hemingway aufmerksam, der sich sehr interessiert zeigte und schließlich auch seinen ersten Roman veröffentlicht.

Die zündende Idee und ein bahnbrechender Erfolg

Hemingways literarische Versuche plätschern so dahin, bis ihm nach seiner dritten Spanienreise, die mit Affären, Eifersuchtsszenen und wüsten Trinkgelagen in einem Eklat endet, endlich die zündende Idee kommt. Er greift alle noch so schmutzigen Details dieses Pamplona-Trips auf und macht seine Begleiter, die britische Adelige und Femme Fatale Lady Duff Twysden und ihren Lover Patrick Guthrie, seinen Gönner Harold Loeb und dessen Freundin Kitty Cannell, Bestsellerautor Donald Ogden Stewart sowie Bill Smith, Hemingways Freund aus Kindertagen, zu Protagonisten seines neuen Romans und ändert dabei lediglich ihre Namen. Er wählt ein passendes Zitat von Gertrude Stein You are all a lost generation und einen Titel aus der Bibel The Sun Also Rises und sein Erfolgsrezept geht tatsächlich auf: Der Roman wird ein absoluter Überraschungserfolg. Hemingway wird nicht nur zum Sprachrohr einer neuen Generation, sein Roman markiert auch den Beginn seines kometenhaften Aufstiegs als literarischer Innovator, der eine neue, vielversprechende Ära einläutet.

Dass bei allem Erfolg seine Freunde und Fürsprecher auf der Strecke bleiben und ins Lächerliche gezogen werden, weil man sie – trotz geänderter Namen – im Roman sofort erkennt, nimmt Hemingway in Kauf, denn Rücksicht und Diskretion zählen offenbar nicht zu seinen Stärken. Auch viele seiner Mentoren wie Gertrude Stein oder Sherwood Anderson, über die er in den Medien ganz nonchalant hergezogen hatte, brachen mit ihrem berühmten Schützling und machten aus ihrem Verdruss über sein ungebührliches Verhalten keinen Hehl.

Selbstinszenierung und Mythos

Genauso wichtig wie sein schriftstellerisches Wirken war Hemingway jedoch auch seine öffentliche Selbstinszenierung als unwiderstehlicher Frauenheld, verwegener Draufgänger und unkonventioneller Schriftsteller mit einer Vorliebe für Stierkampf und Safaris. Mit traumwandlerischer Sicherheit bediente er sich dabei der Medien, die seinem Wunsch nur zu gerne entsprachen und ihn als Inkarnation des Männlichen, unwiderstehlichen Teufelskerl und literarischen Erneuerer porträtierten. Als er im späteren Verlauf seiner Karriere die Kontrolle über die Medien verlor und ihm sein selbst geschaffener Mythos im wahrsten Sinne des Wortes durch die Finger rann, entwickelte er eine Art Haßliebe zu seinen einst so dienlichen medialen Instrumenten: Einerseits wollte er ihre Aufmerksamkeit und als Autor und Persönlichkeit um jeden Preis gefallen, andererseits veranscheute er ihre Wortverdrehungstaktiken und ihre in seinen Augen unqualifizierte Kritik.

Nach The Sun Also Rises schrieb Hemingway noch einige unvergessliche Werke, darunter auch die großartige Novelle Der alte Mann und das Meer, für die er 1954 den Nobelpreis für Literatur erhielt. In seiner verlesenen Ansprache konstatierte er:

Ein wahrer Schriftsteller sollte sich immer um etwas bemühen, das noch nie gemacht wurde oder was andere ohne Erfolg versucht haben. Dann erreicht er manchmal, mit großem Glück, sein Ziel.“1

Dies ist Hemingway mit seiner brillanten, neuartigen Fiktion meisterhaft gelungen, nicht zuletzt, weil ihm neben seinem großen Talent und seiner charismatischen Persönlichkeit auch das große Glück, die richtigen Menschen zur richtigen Zeit kennengelernt zu haben, beschert war.

Ein brillantes biografisches Werk über die Anfänge eines großen Schriftstellers

Mit Und alle benehmen sich daneben ist Lesley M. M. Blume eine großartige biografische Erzählung über die Entstehungsgeschichte von Hemingways erstem Roman Fiesta gelungen. Die Autorin hat bis ins kleinste Detail recherchiert, was dieses Buch neben der packenden Story zu einem abenteuerlichen Leseerlebnis macht. Als Leser hat man das Gefühl, in das aufregende Paris, das exotische Pamplona und das pulsierende New York der 20er Jahre einzutauchen und Hemingway bei seinem Werdegang über die Schulter zu sehen. Wie er, treffen wir hier auf viele künstlerische Persönlichkeiten, deren Bekanntschafft wir selbst nur zu gerne gemacht hätten.

Aber Blume beleuchtet natürlich vor allem die unglamourösen Zeiten in Paris, die Hemingway und seine Gattin Hadley, die ihren Mann vergötterte und die sich stets mit jeder noch so misslichen Lange abfand, meistern müssen, bevor sie sprichwörtlich auf die Rosen des Ruhms gebettet werden. Diesen langen Weg zum Erfolg beschreibt Blume sehr anschaulich und mit vielen Anekdoten, Events und Erlebnissen, die das Buch nicht nur zu einer aufregenden Zeitreise machen, sondern das künstlerische Schaffen und den Charakter des genialen Schriftstellers illuminieren, dessen Werke die Zeit überdauern. Daher mein Fazit: Ein Must Read – nicht nur für Hemingway-Fans!

Lesley M. M. Blume: Renommierte Schriftstellerin, Journalistin und Kolumnistin

Lesley M. Blume wurde als Tochter einer Pianistin und eines Journalisten in New York geboren. Sie besuchte das Williams College und graduierte mit einem B.A. in Geschichte. Darüber hinaus absolvierte sie ein Studium an der renommierten Cambridge University und machte dort ihr Master’s Degree – ebenfalls im Studienfach Geschichte. Nach ihrem Studium trat sie beruflich in die Fußstapfen ihres Vaters und arbeitete zunächst für The Jordan Times in Amman und Cronkile Productions in New York. Später war sie dann als Reporterin und Researcherin für ABC News gemeinsam mit Ted Koppel in Washington D.C. tätig, wo sie im Jahre 2000 über die Präsidentschaftswahlen und später dann u.a. über die 9/11-Anschläge und die Kriege im Irak und Afghanistan berichtete.

Blume schreibt nunmehr schwerpunktmäßig über kulturhistorische Themen und Künstlerpersönlichkeiten wie den exzentrischen Maler Jackson Pollock, das schriftstellerische Enfant Terrible Truman Capote oder über den mythenbeladenen Literaten Ernest Hemingway. den Modeschöpfer und Filmemacher Tom Ford, den legendären New York Times Fotografen Bill Cunningham oder den launenhaften Kunstschöpfer Pablo Picasso. Ihre Essays, Artikel und Kolumnen erscheinen in etablierten Zeitungen und Magazinen wie u.a. Vanity Fair, The New York Times, The New York Times Style Magazine, Huffington Post, The Wall Street Journal, VOGUE, Departures, Town & Country und The Paris Review Daily.

Darüber hinaus hat die Autorin mit ihrer Let’s bring back Buchreihe eine nostalgische Serie ins Leben gerufen, die sich u.a. Kuriositäten, Mode, Cocktails, sprachlichen Gepflogenheiten etc. vergangener Zeiten widmet. Ihr Faible für Geschichte zeigt sich auch in ihrem Non-Fiction Buch It Happened Here, in dem sie das alte New York unter sozio-kulturellen Gesichtspunkten beleuchtet und sich insbesondere auf das berühmte Grandhotel St. Regis im Big Apple fokussiert, in dem schon Alfred Hitchcock und Salvador Dalí nächtigten.

Daneben schreibt Blume auch sehr erfolgreich Kinder- und Jugendbücher. Hier hat sie zwischenzeitlich bereits fünf Romane und eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht: Modern Fairies, Dwarves, Goblins, and Other Nasties, Cornelia and the Audacious Escapades of the Somerset Sisters, Tennyson, Julia and the Art of Practical Travel, The Wondrous Journals of Dr. Wendell Wellington Wiggins und The Rising Star of Rusty Nail.

Die hier vorgestellte biografische Publikation Und alle benehmen sich daneben (Everybody behaves badly) ist Blumes erste große Veröffentlichung in diesem Bereich. Sie wurde von den amerikanischen Lesern begeistert aufgenommen und schaffte mühelos den Sprung auf die New York Times Bestsellerliste – ein großer Erfolg, den die brillante Erzählerin mehr als verdient hat.

Die Autorin lebt mit ihrem Mann (ebenfalls Journalist) in Los Angeles.

Weitere Informationen über Lesley M. M. Blume findet ihr auf ihrer Website, lesleymmblume.com, der ich neben den Verlagsangaben auch ihre biografischen Details entnommen habe.


Originalausgabe: Blume, Lesley M. M. Everybody behaves badly: the true story behind Hemingway’s masterpiece The Sun Also Rises. Boston/New York: Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company, 2016.
Deutsche Ausgabe: Blume, Lesley M. M. Und alle benehmen sich daneben. Wie Hemingway seine Legende erschuf. Aus dem amerikanischen Englisch von Jochen Stremmel. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2017.
Buchcover: www.dtv.de

1Ernest Hemingway – Banquet Speech – Nobel Prize – 10.12.1954 – zitiert v. Blume, s.o., S. 495.

Jenseits des Glamours

F. Scott Fitzgerald: Für dich würde ich sterben

Er war der schillernde Paradiesvogel unter den Schriftstellern der Amerikanischen Moderne. Sein Romanklassiker Der große Gatsby machte ihn unsterblich und katapultierte ihn – wenn auch erst nach seinem Tod – auf den Olymp der weltbesten Literaten: F. Scott Fitzgerald, dessen glamouröses, exzessives Party-Leben mit Flapper-Gattin Zelda ebenso legendär war wie sein künstlerisches Schaffen, hat der Nachwelt ein einzigartiges literarisches Erbe hinterlassen. Werke wie Zärtlich ist die Nacht, Diesseits vom Paradies, Die Schönen und Verdammten, Die Liebe des letzten Tycoons und nicht zuletzt die brillante Kurzgeschichtensammlung Flappers and Philosophers reflektieren die gesamte Bandbreite seines Könnens und zeugen von beeindruckender sprachlicher Ausdruckskraft.

Fitzgeralds außergewöhnlicher Erzählstil und seine unvergleichlichen Protagonisten zeichnen ihn als exzellenten, kritischen Chronisten des Jazz Age aus. Kein anderer fing den Zeitgeist der wilden 20er Jahre, die Blütezeit des künstlerischen Schaffens, die von wirtschaftlichem Wohlstand geprägt war, so gekonnt ein wie er. Niemand ging mit der moralischen Dekadenz, dem damit einhergehenden Werteverfall und der zunehmenden Oberflächlichkeit härter ins Gericht als dieser beeindruckende Autor, der die pervertierte Interpretation des amerikanischen Traums von Luxus und Überfluss der Schönen und Reichen dieser Zeit schonungslos offenlegte. Was seine Werke zeitlos macht, ist seine Sicht der menschlichen Natur, für die Erfolg und Geld zu den wichtigsten Maximen geworden sind, die die Sinnleere der Schnelllebigkeit füllen sollen. Dies hat sich – damals wie heute – als Trugschluss erwiesen.

18 neue literarische Erbstücke

Nunmehr sind 18 neu entdeckte Erzählungen Fitzgeralds – 14 Erzählungen, 3 Filmexposés (Gracie auf See, Ballettschuhe, Liebe kostet Nerven) und 1 Fragment (Auszeit von der Liebe) – unter dem Titel Für dich würde ich sterben erschienen, die eine völlig andere Seite des Ausnahme-Schriftstellers zeigen und die von Maturität und literarischer Weiterentwicklung zeugen. Fitzgerald wollte diese Geschichten unbedingt veröffentlicht bzw. verfilmt wissen, doch Verleger und Filmproduzenten taten sich schwer mit seinen gereiften Erzählungen/Filmscripts, denn sie passten ihres Erachtens nicht zu seinem alten Stil, mit dem er berühmt geworden war. Stories ohne ausschweifende, glamouröse Parties, ohne Luxus, ohne schöne Protagonistinnen und Protagonisten, die in tragischer Liebe zueinander entbrennen, passten nicht in die Schublade, in die sie Fitzgerald gesteckt hatten. Doch der Autor blieb sich treu und ließ sich trotz seines verblassenden Ruhms und seiner unbefriedigenden Arbeit in Hollywood schriftstellerisch nicht verbiegen. Das ist ein großes Glück für seine Leser, die sonst nie in den Genuss dieser wunderbaren Geschichten gekommen wären.

Ein neuer Quell

/…/Ich müsste entweder zaubern können oder ein Zeilenschinder sein, wenn ich drei Jahrzehnte lang ein und dasselbe produzieren könnte./…/Ich weiß, was von mir erwartet wird, aber der Brunnen ist am Versiegen, und ich halte es für klüger, ihn nicht weiter auszuschöpfen, sondern einen neuen Brunnen, einen neuen Quell zu erschließen.1

Dies schrieb Fitzgerald 1939 an Kenneth Littauer, Redakteur der Zeitschrift Collier‘s. Seine jetzt von Anne Margaret Daniel herausgegebenen letzten unveröffentlichten Erzählungen zeigen, dass er diesen neuen Quell gefunden hatte. Doch was ist so anders an diesen Stories, dass man sie zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlichten wollte? Die Frauen und Männer seiner Geschichten sind – wenigstens zum Teil – immer noch schön, begehrenswert und zuweilen auch jung, der amerikanische Traum hat zwar seinen Glamour, nicht aber seine Anziehungskraft verloren, und Liebe ist immer noch das Elixir, das die Menschen antreibt und ihnen höchstes Glück und tiefste Verzweiflung beschert. Die Antwort liegt auf der Hand: Die Geschichten sind in all ihrer Brillanz, Kuriosität, Exzentrik, Komik und Lebensklugheit sehr down-to-earth. Als Leser gelingt es nicht mehr, in eine verlockende Glitzerwelt abzutauchen und sich den verheißungsvollen Traum von Rags to Riches – wenn auch nur kurzzeitigzu eigen zu machen.

Kurioses, Komisches, Ernstes und Romantisches im gereiften Fitzgerald-Style

In seinen letzten Geschichten zeigt Fitzgerald ein breit gefächertes literarisches Portfolio. Keine Story gleicht der anderen, bei einigen kann man kaum glauben, dass sie von Fitzgerald sind. Letzteres trifft insbesondere auf Gracie auf See zu, in der er die reiche, tolpatschige Gracie karikiert, deren ramponiertes Image Werbefachmann George wieder aufpolieren und darüber hinaus einen Ehemann für sie finden soll. Gracies peinliche Auftritte und die eingebauten Slapstick-Einlagen sind Fitzgerald wirklich gelungen – das Skript hätte meines Erachtens einen äußerst unterhaltsamen Film abgegeben.

In Spielschulden begegnen wir einem abgezockten, desillusionierten Verleger, der alles veröffentlicht, was auch nur ansatzweise Geld verspricht, bis er eines Tages die Quittung für seine Oberflächlichkeit und Geldgier erhält. Die Geschichte Böser Traum spielt in einer psychiatrischen Klinik, in der ein Gesunder systematisch krank gemacht wird. Hier konnte Fitzgerald – so scheint es – aufgrund der oftmaligen Aufenthalte seiner Frau Zelda in solchen Kliniken auf eigene Erfahrungswerte zurückgreifen. Das Klinikszenario, die äußerst realitätsnahe Darstellung der Ärzte und der Verrückten und das Verschwimmen der Grenze zwischen Wahn und Normalität ist Fitzgerald wirklich exzellent gelungen. Gleiches gilt für die ebenfalls in einem Krankenhaus spielende Geschichte Wirbelsturm in stillen Gefilden, wo Assistenzarzt Dr. Bill Craig den Fehler seines Lebens begeht, als er die schöne Schwesternschülerin Benjamina, genannt Trouble, vor allen blossstellt. Im Gegensatz zu Böser Traum ist diese Story sehr komisch und hat ausgesprochenen Wortwitz. Am Ende kann man nicht umhin, leise in sich hinein zu schmunzeln, denn Trouble hat ihren Namen nicht umsonst.

In Zusammen unterwegs zeigen sich ebenfalls einige Parallelen zu Fitzgeralds Leben, denn hier überwirft sich ein berühmter Drehbuchautor, Chris Cooper, mit einem Produzenten, der seinen neuen Stil nicht akzeptieren will, um seinen eigenen Weg zu gehen und mit der schönen und klugen Judith Downs, die er auf einer abenteuerlichen Zugfahrt kennengelernt hat, ein neues Leben fernab von Hollywood zu beginnen. Darüber hinaus gefällt mir auch die Kurzgeschichte Danke für das Feuer sehr, in der eine Handlungsreisende für Mieder und Hüfthalter eine äußerst merkwürdige Erscheinung in der Kirche hat. Sehr bemerkenswert sind auch die beiden Geschichten Daumen hoch und Zahnarztbehandlung, die beide im Amerikanischen Bürgerkrieg spielen. Diese zwei völlig unterschiedlichen Fassungen einer Basisgeschichte dechiffrieren den Mythos einer dunklen historischen Epoche und zeigen sie in all ihrer Brutalität und Menschenverachtung.

Meine Lieblingsgeschichte ist die gleichnamige Titelstory Für dich würde ich sterben. Ich muss zugeben, ich hatte eine absolut romantische Love Story erwartet und war verblüfft, was tatsächlich dahinter steckt. Sie spielt in North Carolina, wo eine Filmcrew zwecks Dreharbeiten in einem Hotel abgestiegen ist. Schauspielerin Atlanta erwidert die Gefühle von Kameramann Roger nicht und fühlt sich von der Ausstrahlung eines mysteriösen Fremden magisch angezogen. Dieser entpuppt sich als zivilrechtlich gesuchter „Selbstmord-Carley“, dessen ehemalige Freundinnen sich bisher alle aus verzweifelter Liebe zu ihm das Leben genommen haben. Atlanta kann dies in keiner Weise nachvollziehen, denn Carley ist weder schön noch außergewöhnlich. Doch auch sie verfällt seinem Charme – genauso wie Isabelle, Carleys ständige Begleitung, die die Beziehung der beiden mit Argwohn beobachtet. Als beide Frauen zur gleichen Zeit spurlos verschwinden, geht man vom Schlimmsten aus, aber für moderne Frauen ist Suizid wegen eines Mannes nun wirklich keine Lösung…

Von der Essenz des amerikanischen Traums

Fitzgeralds Erzählungen, von denen ich hier nur einige meiner Favoriten kurz vorgestellt habe, sind in all ihrer Diversität ein wirklicher Lesegenuss. Von dem einst auf bodenständigen moralischen Fundamenten basierenden amerikanischen Traum, der von Geld und Macht korrumpiert wurde und der stets ein durchscheinendes Thema in Fitzgeralds Werken war, hat er die stärkste Maxime und wichtigste Essenz in den Vordergrund gerückt: Hoffnung. Jenseits des Glamours ist sie geblieben und lässt in den Menschen den notwendigen Mut zu einem Neuanfang wachsen, der sie antreibt und sie ihrem individuellen Lebenstraum jeden Tag ein wenig näherbringt.

Mein Fazit: Ein Buchjuwel und Must Read – nicht nur für Fitzgerald-Fans!

F. Scott Fitzgerald: Amerikanischer Schriftsteller der Extraklasse

Francis Scott Key Fitzgerald wurde 1896 in St. Paul/Minnesota geboren und nach seinem Vorfahren Francis Scott Key, dem Dichter der amerikanischen Nationalhymne, The Star-Spangled Banner, benannt. Obwohl er nur ein mittelmäßiger Schüler war, gelang ihm 1913 die Aufnahme an der renommierten Princeton University. Doch auch hier war er wenig erfolgreich, er veröffentlichte aber bereits einige Kurzgeschichten in der Unizeitung. 1917 verließ er die Universität ohne Abschluss und trat der US-Armee als Unterleutnant bei deren Eintritt in den 1. Weltkrieg bei. Er wurde auf die Militärbasis in Montgomery/Alabama versetzt, wo er die Südstaaten-Schönheit Zelda Sayre kennenlernte, in die er sich Hals über Kopf verliebte. Fitzgerald machte ihr bald darauf einen Heiratsantrag, den sie jedoch nur zögerlich annahm, weil Fitzgerald angeblich noch nicht genug Geld verdiente, um ihr ein adäquates Leben zu ermöglichen. Doch der Erfolg stellte sich nicht so schnell ein wie Fitzgerald hoffte. Und so löste Zelda die Verlobung, während Scott mit Hochdruck weiter an seiner Karriere als Schriftsteller arbeitete.

Der Fluch des frühen Erfolges

Doch dann bekundete der bekannte Scribner-Verlag Interesse an Fitzgeralds The Romantic Egotist und akzeptierte schließlich eine überarbeitete Version mit dem geänderten Titel This Side of Paradise, der 1920 in kurzer Zeit zu einem Verkaufserfolg wurde. Zelda willigte endlich ein, Scott zu heiraten, und so wurden sie zu einem der ersten Glamour-Paare ihrer Zeit. Sie schwelgten im Luxus, feierten exzessive Partys und zierten die Titelblätter sämtlicher In-Magazine der 20er Jahre. Sie bereisten Europa und trafen in Paris auf die bedeutendsten Schriftsteller ihrer Zeit wie Ernest Hemingway, Henry James und Gertrude Stein. 1921 machte die Geburt ihrer Tochter Scottie das Glück perfekt.

Der Anfang vom Ende

Ein Jahr später erschienen bereits seine nächsten Werke The Beautiful and the Damned und Tales of the Jazz Age, doch zu seiner Enttäuschung konnte er nicht an den Erfolg seines ersten Romans anknüpfen. Sein 1925 veröffentlichtes Meisterwerk The Great Gatsby wurde von den Kritikern zunächst nicht gebührend gewürdigt, was sich auch im unerwartet geringen Verkaufserfolg niederschlug. Fitzgeralds wachsender Alkoholkonsum wurde zunehmend zu einem Problem. 1927 begann Fitzgerald, für die Filmindustrie in Hollywood zu arbeiten, doch der große Erfolg blieb auch hier aus.

Zelda erlitt zwischenzeitlich mehrere schwere Nervenzusammenbrüche und zeigte erste Anzeichen gravierender psychischer Probleme, so dass sie viele Jahre in einer psychiatrischen Klinik verbrachte. Dort schrieb sie ihren einzigen Roman Save Me The Waltz, der von Scribner 1932 veröffentlicht wurde und der letztendlich zeigte, dass sie viel mehr war, als nur das luxusbesessene Glamour-Weibchen an seiner Seite.

Als Scotts 1934 publizierter Roman Tender Is The Night wieder kein durchschlagender Erfolg wurde, verfiel er daraufhin gänzlich dem Alkohol. Seine Ehe mit Zelda war zerrüttet, seine Tochter Scottie lebte im Internat. In den letzten Jahren seines Lebens lernte er die Society-Reporterin Sheilah Graham kennen, die seine Lebenspartnerin bis zu seinem frühen Tod blieb.

F. Scott Fitzgerald starb im Alter von nur 44 Jahren an einem Herzinfarkt im Jahre 1940, als er an seinem letzten Roman The Last Tycoon arbeitete. Seine Frau Zelda kam 1948 auf tragische Weise bei einem Brand im Highland-Krankenhaus in Asheville ums Leben.

Fitzgeralds einzigartige Romane und ihr literarisches Gewicht wurden erst nach seinem Tode wiederentdeckt, und so erhielt er als einer der besten amerikanischen Schriftsteller aller Zeiten postum den Ruhm, den man ihm zu Lebzeiten versagte.

Tragischer Vertreter der Lost Generation

Sein kurzes, exzessives Leben machte ihn zu einem tragischen Vertreter der Lost Generation2, ein Terminus, den die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein („You are all a lost generation“) im Hinblick auf die Respekt- und Zügellosigkeit sowie den Werteverfall der Nachkriegsgeneration des 1. Weltkriegs prägte und den schon Hemingway als Epigraph in seinem Roman The Sun Also Rises nutzte. F. Scott Fitzgerald erweiterte diesen Begriff um die Hoffnungslosigkeit seiner Generation und schrieb in seinem großartigen Roman This Side of Paradise: „Here was a generation…grown up to find all gods dead, all wars fought, all faith in man shaken.“3

Aus seiner Sicht hatte er am Ende seines Lebens schriftstellerisch nichts erreicht. Seiner Frau Zelda schrieb er 1940, als man The Great Gatsby aus der Modern Library nahm: „…My God, I am a forgotten man“4. Es ist Ironie des Schicksals, dass er nicht lange genug lebte, um zu erkennen, wie Unrecht er hatte.


Originalausgabe: Fitzgerald, F. Scott. I’d die for you. New York: Scribner, 2017.
Deutsche Ausgabe: Fitzgerald, F. Scott. Für dich würde ich sterben. Herausgegeben und kommentiert von Anne Margaret Daniel. Aus dem amerikanischen Englisch von Gregor Runge, Andrea Stumpf und Melanie Walz. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, 2017.
Buchcover: www.hoffmann-und-campe.de

Mein herzlicher Dank gilt dem Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, der mir den o.g. Erzählband als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Quelle1: Nachwort aus Für dich würde ich sterben. s.o., S. 401.
Quelle2http://www.britannica.com/topic/Lost-Generation
Quelle3: Fitzgerald, F. Scott. This Side of Paradise. London: Penguin Classics / Penguin Group, 2010. Seite 259.
Quelle4: Bruccoli, Matthew J. (Editor) with Baughman, Judith S. Fitzgerald on Authorship. Columbia: University of South Carolina Press, 1996. S. 173.

Weitere Quelle zu F. Scott Fitzgeralds Leben und Werk: Prigozy, Ruth. F. Scott Fitzgerald. Woodstock/New York: Overlook Press, 2002.