Meine Lesehistorie:
10 Fragen zu 10 Büchern

bild3Auf einem meiner Lieblingsblogs, Kaffeehaussitzer (www.kaffeehaussitzer.de), bin ich auf die nachfolgende außergewöhnliche Fragenliste gestoßen, die von Sätze & Schätze (www.saetzeundschaetze.com) bereits im letzten Jahr zusammengestellt wurde. Da diese Frageaktion sehr erfolgreich war, haben Sätze & Schätze sie 2016 reaktiviert. Und da bin ich natürlich dabei, denn ich beantworte Fragen zu Büchern immer gerne – und recht schnell, doch hier bin ich ziemlich ins Grübeln geraten. Obwohl die Fragen auf den ersten Blick ziemlich einfach anmuten, sind sie alles andere als das, denn sie betreffen spezielle Bücher, die ein wichtiger Teil meines Lebens waren bzw. immer noch sind. Diese ganz besondere Auswahl zu treffen, ist mir schwergefallen, insbesondere da ich bei jeder Frage nur ein Buch nennen durfte. Aber nachdem ich meine Lesehistorie nochmals intensiv reflektiert habe, war ich überrascht, welche Schätze ans Licht kamen.

1. Das erste Buch, das ich bewusst gelesen habe

Das war gleich eine ganze Buchreihe: Professors Zwillinge von Else Ury. Ich habe jeden einzelnen der fünf Bände geliebt: Bubi und MädiIn der WaldschuleIn ItalienIm Sternenhaus und Von der Schulbank ins Leben. Mein Lieblingsroman war In Italien: Ich war von Urys pfiffigen Zwillingen, der wunderbaren Geschichte und vor allem von Italien, das mir so exotisch und lebendig erschien, so begeistert, dass ich gleich meine Koffer packen und nach Italien reisen wollte (ich war allerdings noch zu klein und musste mich daher dann leider noch etwas gedulden :-)). Es freut mich im Übrigen ganz besonders, dass alle fünf Romane als Sammelband wieder im Handel erhältlich sind, denn Urys Bücher sind auch ein Lesegenuss für die heutigen Kids.

2. Das Buch, das meine Jugend begleitete

Bei dieser Frage musste ich nicht lange überlegen. Es war definitiv Der Graf von Monte Christo von Alexandre Dumas. Diesen Abenteuerroman habe ich verschlungen und auch heute noch zählt er für mich zu den großartigsten Klassikern, die je geschrieben wurden. Die tragische Geschichte des französischen Seemanns Edmond Dantes, der durch eine teuflische Intrige 14 Jahre unter unmenschlichen Bedingungen im Kerker von Châteu d’If verbrachte und nach seiner Flucht als vermögender, mysteriöser Graf von Monte Christo zurückkehrt, um Rache zu nehmen, ist eine Erzählung der Superlative. Liebe, Moral, Verrat und Vergeltung sind die Themen, die diesen Roman dominieren. Aber Dumas stellt auch existentielle Fragen: Was bleibt uns am Ende, wenn unser Leben allein von Rache bestimmt war? Kann Liebe diese Manie durchbrechen? Genau dieser Aspekt ist es auch, den ich an Dumas‘ Romanen (Die drei Musketiere, Die Bartholomäusnacht, Die schwarze Tulpe u.v.m.) so sehr mag. Im Übrigen habe ich auch viele Verfilmungen des Klassikers gesehen: Unübertroffen ist für mich bis heute Richard Chamberlain in der Titelrolle, da er meines Erachtens alle Facetten dieses vielschichtigen Protagonisten zutage bringt.

3. Das Buch, das mich zur Leserin machte

Das war Jane Eyre von Charlotte Brontë. Dieser viktorianische Roman, den ich zufällig in unserer Stadtbibliothek entdeckte, hat mich begeistert. Ich war berührt und gefesselt zugleich vom tragischen Lebensweg der klugen, zurückhaltenden und unbeugsamen Waise Jane Eyre, die nach dem Tod ihrer Eltern zunächst von ihrer Tante schikaniert und dann schließlich auf dem Internat Lowood die Demütigungen des sklavischen Schulleiters erdulden muss, bis man ihr schließlich eine Position als Lehrerin gewährt. Doch Jane ist rastlos, gibt ein Inserat auf und nimmt schließlich eine Stelle als Gouvernante auf Thornfield Hall, dem düsteren Landsitz von Edward Rochester, an. Arrogant, zynisch und verbittert – Janes erster Eindruck von ihrem neuen Arbeitgeber lässt sie nichts Gutes erwarten, aber trotz alledem verliebt sie sich in ihn. Doch Rochester und Thornfield Hall bergen ein schreckliches Geheimnis, das Jane zwingt, alles aufzugeben, was ihr etwas bedeutet…

Herzbewegend, romantisch und schauerlich – eine perfekte Mischung für meinen Geschmack. Die britische Autorin Charlotte Brontë, die den Roman 1847 zunächst unter ihrem männlichen Pseudonym Currer Bell veröffentlichte, zählt zu den bedeutendsten literarischen Vorreiterinnen für weibliche Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Ihre unkonventionelle Protagonistin Jane Eyre, die ihrer Zeit trotzt und für ihr Recht auf Eigenständigkeit kämpft, war in der damaligen Zeit eine kleine Sensation. Auch Janes männliches Pendant, Edward Rochester, ist ein unabhängiger Geist, der sich wenig um die rigiden gesellschaftlichen Regeln der damaligen Zeit schert und in seiner Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit der typische Byron’sche Held ist.

Dieser Klassiker ist einer meine All-Time Favourites, die ich von Zeit zu Zeit immer mal wieder gerne lese.

4. Das Buch, das ich am häufigsten gelesen habe

Owen Meany von John Irving. Dies liegt aber nicht nur daran, dass ich meine Staatsexamensarbeit über diesen großartigen amerikanischen Schriftsteller geschrieben habe. Auf Irving und seine Werke bin ich in einem Hauptseminar über zeitgenössische amerikanische Autoren gestoßen. Gottes Werk und Teufels Beitrag und Owen Meany standen auf dem Leseplan. Ich fand beide Werke brillant, doch Owen Meany hat mich von der ersten Seite an gepackt, der Roman hat mich zum Lachen und zum Weinen gebracht wie kein anderes Buch zuvor. Was also macht diese Geschichte so einzigartig? Es ist nicht nur die ungewöhnliche Freundschaft der beiden Protagonisten, die berührt: John Wheelwright, Mayflower-Spross und unehelicher Sohn einer exzentrischen Mutter, und Owen Meany, der liebenswerte Kleinwüchsige mit der hohen Stimme, der nicht nur aufgrund seiner Initialen sehr an Oskar Mazerath aus Grass‘ Die Blechtrommel erinnert. Die enge Bindung der beiden hat sogar dann noch Bestand, als Johns Mutter durch einen tragisch-verunglückten Baseballwurf von Owen ums Leben kommt. Der oftmals altkluge und weise Owen ist es, der dem vaterlosen John die Augen für viele Dinge öffnet und für ihn der wichtigste Mensch in seinem Leben wird.

Irvings Roman ist darüber hinaus ein schonungsloses Porträt des mythisch-verklärten Selbstverständnisses der Amerikaner, das sie zu einer leichten Beute für berechnende Politiker macht, die ihre ganz eigenen Ziele verfolgen. Der Autor setzt hier zunächst in den 60er Jahren an: Als der faszinierend-mitreißende John F. Kennedy eine Wiederbelebung des unter Nixon lethargisch gewordenen Amerikas und einen glorreichen Neuanfang verspricht, jubeln ihm alle zu. Auch John und Owen sind da keine Ausnahme. Erste moralische Risse bekommt das Bild des heldenhaften Strahlepolitikers, als beide von der angeblichen Affäre JFKs mit Schauspielikone Marilyn Monroe erfahren, die später auf tragische Weise ums Leben kommt. Auch der in den Fokus rückende Krieg in Vietnam tut sein Übriges dazu. Für Owen ist Marilyn die Verkörperung Amerikas: Geblendet durch den äußeren Schein eines immerwährenden Jugendideals und die magnetisierende Anziehungskraft eines kalkulierendes Machtapparates, scheitert sie schließlich an der Realität, die sie zerstört.

Auch in den 80er Jahren ist keine Einsicht und Reflektion zu erkennen. Mit Ronald Reagan hat man einen Präsidenten gewählt, der das Cowboy-Ethos wiederbelebt und die kritikresistente „My-country-right-or-wrong“-Maxime reaktiviert. John Wheelwright, mittlerweile Literaturdozent, bleibt nur noch eine Option: Das kanadische Exil. Doch auch dort gelingt es ihm nicht, sein Land abzuschütteln – das Dilemma, Amerikaner zu sein, wird sich für ihn nie auflösen…

Owen Meany ist ein wunderbarer, witziger, trauriger und tiefgreifender Roman, der gerade in der heutigen Zeit erschreckend aktuell ist.

5. Das Buch, das mir am wichtigsten ist

Das ist mit Abstand Der große Gatsby von F. Scott Fitzgerald. Mit seinem Protagonisten Jay Gatsby ist Fitzgerald eine einzigartige Romanfigur gelungen, die auf den ersten Blick die Verkörperung des American Dream zu sein scheint. Jung, gut aussehend und erfolgreich hat sich Gatsby, der Junge aus ärmlichen Verhältnissen mit zweifelhafter Herkunft, einfach neu erfunden. Aber trotz seines unermesslichen Reichtums ist die innere Leere geblieben wie auch die Hoffnung auf Liebe, die er mit Daisy zu finden glaubt. Doch die Frau seiner Träume ist oberflächlich und wählt ihre Männer nach Reichtum und gesellschaftlichem Standing aus. Ein trauriges Fazit, dass er bis zum Ende nicht ziehen will, sondern sich lieber an die Traumvorstellung klammert, die er von Daisy hat. Dies markiert für Gatsby den Anfang vom Ende, denn wie der einst auf bodenständigen moralischen Fundamenten basierende amerikanische Traum, der von Geld und Macht korrumpiert wurde, so scheitert auch Gatsby letztlich an seiner verklärten Sicht eines Traums von Liebe, den die Wirklichkeit längst eingeholt hat.

Fitzgeralds einzigartiger Sinn für Sprache, sein außergewöhnlicher Erzählstil und seine unvergleichlichen Protagonisten zeichnen ihn als exzellenten, kritischen Chronisten des Jazz Age aus. Kein anderer fing den Zeitgeist der wilden 20er Jahre, die Blütezeit des künstlerischen Schaffens, die von wirtschaftlichem Wohlstand geprägt war, so gekonnt ein wie Fitzgerald. Niemand ging mit der moralischen Dekadenz, dem damit einhergehenden Werteverfall und der zunehmenden Sinnleere härter ins Gericht als dieser beeindruckende Autor, der die pervertierte Interpretation des amerikanischen Traums von Luxus und Überfluss der Schönen und Reichen dieser Zeit schonungslos offenlegte. Was seine Werke zeitlos macht, ist seine Sicht der menschlichen Natur, für die Erfolg und Geld zu den wichtigsten Maximen geworden sind, die die Sinnleere der Schnelllebigkeit füllen sollen. Dies hat sich – damals wie heute – als Trugschluss erwiesen.

6. Das Buch, vor dem ich riesigen Respekt habe

Hamlet von William Shakespeare, denn meines Erachtens ist es das vielschichtigste der gesamten Shakespeare-Dramen. Wir haben es in der Schule und an der Uni gelesen, und jedes Mal nach Lektüre habe ich einen neuen Aspekt entdeckt, den ich vorher nicht wahrgenommen hatte. So geht es mir heute noch: Wenn ich z. B. eine weitere Verfilmung des Klassikers sehe, lese ich das Drama erneut und finde mit Sicherheit wieder eine neue Facette.

Die Tragödie um den Dänenprinz Hamlet, der den Mord an seinem Vater um jeden Preis rächen will, dabei über Leichen geht und sogar die Liebe seines Lebens zerstört, ist für mich neben Macbeth das Meisterwerk des englischen Barden. Hamlets ambige Beziehung zu seiner geliebt-gehassten Mutter, seine Verachtung gegenüber seinem Stiefvater und seine große Liebe zu Ophelia, die er seiner Rache opfert, sind nur einige Themensäulen dieses komplexen Dramas. Unter der Oberfläche gewährt uns Shakespeare aufschlussreiche Einblicke in das existentielle Dilemma eines Menschen, der an einem Wendepunkt seines Lebens angekommen ist und sich selbst verliert. Eine Tragödie derart tiefgreifend zu konzipieren, ist schon eine immense literarische Leistung Shakespeares, der ich allergrößten Respekt entgegenbringe. Hinzu kommt, dass seine Werke auch nach über 400 Jahren nichts von ihrer Aktualität verloren haben, denn seine Einschätzung der menschlichen Natur hat nach wie vor Bestand.

7. Das Buch, das meiner Meinung nach am meisten überschätzt wird

Das ist zweifellos Fifty Shades of Grey von E. L. James. Der Erfolg dieses völlig unspektakulären Romans ist mir absolut unverständlich. Die Protagonisten sind personifizierte Klischees, und die Geschichte ist alles andere als aufregend. Es ist mir daher völlig unerklärlich, warum man um diesen Roman einen solchen Hype veranstaltet hat. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, hat man ihn auch noch zum erotischen Roman stilisiert. Nur gut, dass Anaïs Nin und Henry Miller das nicht mehr mit erleben müssen.

8. Das Buch, das ich unbedingt noch lesen will

Death of the Black-Haired Girl, der letzte Roman des einzigartigen amerikanischen Schriftstellers Robert Stone, der leider 2013 verstorben ist. Ich habe alle seine Romane und Kurzgeschichten gelesen, sie begleiteten mich durch mein Studium. Sie haben mich schockiert, aufgerüttelt, entsetzt und mich aus der typisch amerikanischen „Alles-wird-gut“ Komfortzone herausgerissen. Stones Sicht der Conditio Humana ist nur schwer verdaulich, aber niemals ohne Hoffnung. Gerade deshalb ist die Lektüre seiner Romane wie Children of Light (Kinder des Lichts) Dog Soldiers (Unter Teufeln), Outerbridge Reach, A Flag for Sunrise, Damascus Gate (Das Jerusalem-Syndrom) u.v.m. für mich eine absolute Notwendigkeit.

Stone ist kein penetranter Mahner, sondern eher ein stiller Beobachter und leiser Erzähler, der uns den Verlust der Menschlichkeit und den kontinuierlichen Werteverfall in unserer Gesellschaft schonungslos darlegt. Manchmal ist es mehr, als wir ertragen können – und doch lesen wir weiter. Vielleicht weil wir auf den kleinen Hoffnungsschimmer warten, nach dem selbst die dunkelste Seele seiner Protagonisten unablässig sucht.

9. Das Buch, das mir am meisten Angst macht

Eigentlich machen mir Bücher keine Angst. Bei Meerjungfrau von Camilla Läckberg ist das allerdings anders. Ich hatte das Buch vor einigen Jahren zum Geburtstag geschenkt bekommen und vorher noch nie einen Roman der schwedischen Schriftstellerin gelesen. Es ist ein hochspannender Thriller bis zur letzten Seite – das allein kann mich nicht erschüttern, denn ich bin psychothrillererprobt. Allerdings hat es Läckbergs Erzählstil der zwei Handlungsstränge in sich: Im ersten entfaltet sich die aktuelle Handlung, der zweite (in kursiver Schrift) erzählt die Geschichte und den Hintergrund des Mörders und lässt den Leser in seine komplexe Psyche eintauchen.

Und genau dieser zweite Handlungsstrang hat mir wirklich Angst gemacht. Das Schicksal der Meerjungfrau und ihrer Familie ist sehr verstörend – ich konnte teilweise gar nicht fassen, was ich da lese. Die Monstruösität und Kaltblütigkeit der Menschen, die Läckberg hier in ihrer ganzen Dimension darlegt, sind wahrhaft furchterregend. Das ist das erste Buch, nach dessen Lektüre ich nicht schlafen konnte. Es hat mich allerdings nicht davon abgehalten, nach und nach alle anderen Romane von Camilla Läckberg zu lesen und ich muss sagen, dass sie mich in ihrer ganzen Diversität sehr beeindruckt haben. Für mich zählt Läckberg mittlerweile zu den besten zeitgenössischen Psychothriller-Autorinnen.

10. Das Buch, das ich gern selbst geschrieben hätte

Es gibt viele Romane, die ich gerne geschrieben hätte. Entschieden habe ich mich für Die weite Sargassosee von Jean Rhys. Dieser Klassiker hat meine Sicht auf einen meiner Lieblingsromane des Viktorianismus – Jane Eyre von Charlotte Brontë (siehe Frage 3) – grundlegend verändert, denn bis dato zählte der düstere Protagonist mit der romantischen Seele, Edward Rochester, in den Jane Eyre sich hoffnungslos verliebt, zu meinem favorisierten Byron’schen Helden. Dass er seine wahnsinnige Frau Bertha auf dem Dachboden seines Herrenhauses Thornfield Hall vor aller Welt versteckt hält, um sie vor sich selbst zu beschützen, erscheint nur verständlich, denn Bertha wird von Brontë als völlig außer Kontrolle geratene, gewalttätige Frau beschrieben, die Rochester das Leben zur Hölle macht.

In Die weite Sargassosee gibt Jean Rhys Rochesters wahnsinniger Frau eine Stimme und erzählt ihre tragische Lebensgeschichte, die sowohl Bertha als auch Rochester in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt. Als ich den Roman das erste Mal las, war ich von Jean Rhys‘ literarischer Ausdruckskraft sehr angetan: Sie ist eine geniale Erzählerin, die diese Vorgeschichte von Jane Eyre so brillant konzipierte, dass man als Leser das Gefühl hat, die beiden Romane seien parallel zueinander entstanden, obwohl dies nicht der Fall ist (Jane Eyre wurde 1847 veröffentlicht, Wide Sargasso Sea 1966).

Warum ich diesen Roman gerne geschrieben hätte? Allein die Idee, eine Vorgeschichte zu Jane Eyre zu schreiben, finde ich schon außergewöhnlich. Wie Rhys dies dann letztendlich literarisch umgesetzt hat, ist beispielhaft und äußerst beneidenswert. Sie hat nicht nur ein großartiges Psychogramm einer freiheitsliebenden, unangepassten und sinnlichen Frau des 19. Jahrhunderts erstellt, sondern ebenso ein gelungenes Seelenporträt Rochesters skizziert, das ungewöhnliche Einblicke in die männliche Gedankenwelt der damaligen Zeit eröffnet und dieser tragischen Figur eine ganz andere Dimension gibt. Das muss dieser großartigen Autorin erst mal jemand nachmachen.

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Vielleicht habt ihr ja auch noch Lust, bei dieser Aktion mitzumachen? Traut euch und nennt die Bücher, die euch beeinflusst, beeindruckt und im Leben begleitet haben.


Bildnachweis: Shutterstock – © 3Dstock

Poesie zum 1. Advent

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Wunderweiße Nächte

Es gibt so wunderweiße Nächte,
Drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
Als ob er fromme Hirten brächte
Zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Diamantenstaube
Bestreut, erscheinen Flur und Flut,
Und in die Herzen, traumgemut,
Steigt ein kapellenloser Glaube,
Der leise seine Wunder tut.

Rainer Maria Rilke


Quelle: www.rilke.de
Foto: © amillionpages.de

Zeit für Poesie

Die Gedanken sind frei

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten.
Sie ziehen vorbei, wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger sie schießen.
Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei.

Ich denke, was ich will und was mich beglücket.
Doch alles in der Still‘, und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren kann niemand mir wehren.
Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei.

Und sperrt man mich ein in finsteren Kerker.
Das alles sind rein vergebliche Werke.
Denn meine Gedanken zerreißen die Schranken
Und Mauern entzwei: Die Gedanken sind frei.

Drum will ich auf immer den Sorgen entsagen
Und will mich auch nimmer mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen stets lachen und scherzen
Und denken dabei: Die Gedanken sind frei.

                                    ***

Text: volkstümlich


Dies ist mein Beitrag zur originellen Wolken-Blogparade, die die liebe Bee von my everydaylife initiiert hat. Allen Nicht-Fotografen hat Bee netterweise angeboten, das eingereichte Foto mit Lyrischem zu versehen. Dieses Angebot habe ich gerne angenommen. Und da meines Erachtens zu Wolken nichts besser passt als Verse über die Freiheit des Geistes und des Denkens, habe ich mein Lieblingsvolkslied Die Gedanken sind frei gewählt.

Das Foto ist an einem relaxten Urlaubs-Spätnachmittag am Strand von Büsum/Nordsee entstanden. Normalerweise käme es mir nie in den Sinn, Wolken zu fotografieren (das Meer schon eher), aber dieses Panorama musste ich einfach festhalten. Und es ist auch tatsächlich gelungen, was mich besonders freut, denn ich bin wirklich keine begnadete Fotografin. Das Foto habe ich im Übrigen mit meinem Samsung-Handy geschossen, mit dem ich am liebsten fotografiere. Ich habe zwar noch einen alten, recht guten Fotoapparat und eine kleine Digitalkamera zuhause, aber ich benutze sie gar nicht mehr, was eigentlich schade ist.

Alles in allem kann ich somit hier keine fototechnischen Einzelheiten beisteuern, ich hoffe aber dennoch, dass euch mein Foto und die volkstümlichen Verse gefallen.

Vielleicht habt ihr ja auch Lust, euer Foto bei Bees Wolken-Blogparade zu veröffentlichen und es mit einem Gedicht zu verschönern? Ich finde, es ist eine wirklich originelle Idee, die einfach zum Mitmachen animiert.

#liebu – Mein Lieblingsbuch

Janine von Kapri-ziös hat mich auf diese außergewöhnliche Blogparade mit dem Titel Lieblingsbuch aufmerksam gemacht. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt der Blogger von Lilienlicht, BücherKaffee und Teekesselchen. Weitere Informationen findet ihr unter http://lilienlicht.de/ankuendigung-blogparade-lieblingsbuch.

Gerne nehme ich an dieser schönen Aktion teil und stelle euch nachfolgend mein Lieblingsbuch vor:

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F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby

Dieser Roman war der erste Klassiker der amerikanischen Moderne, der mich derart begeistert hat, dass ich nach und nach sämtliche Werke von F. Scott Fitzgerald gelesen habe. Sein einzigartiger Sinn für Sprache, sein außergewöhnlicher Erzählstil und seine unvergleichlichen Protagonisten zeichnen ihn als exzellenten, kritischen Chronisten des Jazz Age aus. Kein anderer fing den Zeitgeist der wilden 20er Jahre, die Blütezeit des künstlerischen Schaffens, die von wirtschaftlichem Wohlstand geprägt war, so gekonnt ein wie Fitzgerald. Niemand ging mit der moralischen Dekadenz, dem damit einhergehenden Werteverfall und der zunehmenden Sinnleere härter ins Gericht als dieser beeindruckende Autor, der die pervertierte Interpretation des amerikanischen Traums von Luxus und Überfluss der Schönen und Reichen dieser Zeit schonungslos offenlegte. Was seine Werke zeitlos macht, ist seine Sicht der menschlichen Natur, für die Erfolg und Geld zu den wichtigsten Maximen geworden sind, die die Sinnleere der Schnelllebigkeit füllen sollen. Dies hat sich – damals wie heute – als Trugschluss erwiesen.

Nick Carraway: Yale-Absolvent im neureichen West Egg

Der Erzähler des Romans ist Nick Carraway, ein junger Mann aus Minnesota, der im Sommer 1922 nach New York zieht, um dort als Wertpapierhändler Karriere zu machen. Er mietet ein Haus in West Egg/Long Island, eine recht unpopuläre Gegend, in der hauptsächlich Neureiche leben, die ihren Luxus ungeniert zur Schau stellen. Nicks Nachbar ist der undurchsichtige, megareiche Jay Gatsby, um dessen Herkunft sich zahlreiche Gerüchte ranken. Seine extravaganten, glamourösen Partys, die er auf seinem gigantischen Anwesen ausrichtet, sind legendär.

Familienbande der gehobenen Klasse

Nick fühlt sich wie ein Misfit, der eigentlich gar nicht dort hinpasst. Er hat einen Abschluss in Yale und darüber hinaus Verbindungen zur etablierten gehobenen Klasse in East Egg/Long Island, die über die Neureichen die Nase rümpft. Dort besucht er seine Cousine Daisy und ihren reichen Mann, Tom Buchanan, ein Studienkollege von Nick, und lernt außerdem Jordan Baker kennen, eine erfolgreiche Golferin und bildschöne Zynikerin. Jordan verrät Nick, dass Tom eine Geliebte namens Myrtle Wilson hat, die mit ihrem Mann in einer schäbigen Industriegegend, Valley of Ashes, lebt.

Der mysteriöse Nachbar auf Long Island

Eines Tages erhält Nick zu seiner großen Überraschung eine Einladung zu einer von Gatsbys Partys, wo er auch Jordan Baker wiedersieht, mit der er eine romantische Affäre beginnt. Und dann endlich trifft er auch den mysteriösen Gatsby, ein überraschend junger Mann mit englischem Akzent, der jeden „Old Sport“ nennt. Er lässt Nick durch Jordan ausrichten, dass er Daisy von früher kennt und sie seine große Liebe ist. Er möchte sie unbedingt wiedersehen und bittet Nick, ein Treffen zu arrangieren. Nick lädt Daisy zu sich zum Tee ein, erwähnt aber nicht, dass Gatsby auch dort sein wird. Als die beiden aufeinandertreffen, ist Daisy zunächst schockiert, aber ihre Gefühle für Gatsby erwachen erneut, und sie beginnen eine leidenschaftliche Affäre.

Jay und Daisy: Eine schicksalhafte Verbindung

Doch das geheime Verhältnis der beiden bleibt nicht lange unentdeckt. Daisys gewalttätiger, misstrauischer Mann Tom schöpft bei einem gemeinsamen Essen sofort Verdacht, als er sieht, welche Blicke die beiden austauschen. Bei einem Trip nach New York stellt er Gatsby wutentbrannt zur Rede und erzählt Daisy, dass Gatsby ein Krimineller sei, der sein Vermögen mit Alkoholschmuggel und anderen dubiosen Aktivitäten gemacht hat. Daisy wendet sich daraufhin wieder Tom zu, da er der Upper Class angehört, was ihr letztendlich am wichtigsten ist. Tom teilt ihr jedoch unwirsch mit, sie solle mit Gatsby nach West Egg zurückfahren, während er sich mit Nick und Jordan auf den Weg macht. Doch dann geschieht ein folgenschwerer Unfall, der alles zunichtemacht und Gatsbys Schicksal besiegelt…

Gatsby: Undurchsichtiger Self-Made Man und sein verklärter Traum von Liebe

Mit Jay Gatsby ist Fitzgerald eine einzigartige Romanfigur gelungen, die auf den ersten Blick die Verkörperung des American Dream zu sein scheint. Jung, gut aussehend und erfolgreich hat sich Gatsby, der Junge aus ärmlichen Verhältnissen mit zweifelhafter Herkunft, einfach neu erfunden. Doch was macht Gatsby „groß“? Es ist nicht nur sein kometenhafter Aufstieg von Rags to Riches, sondern seine Fähigkeit, seine Träume in die Realität umzusetzen. Aber trotz seines unermesslichen Reichtums ist die innere Leere geblieben wie auch die Hoffnung auf Liebe, die er mit Daisy zu finden glaubt. Doch die Frau seiner Träume ist oberflächlich und wählt ihre Männer nach Reichtum und gesellschaftlichem Standing aus. Ein trauriges Fazit, dass er bis zum Ende nicht ziehen will, sondern sich lieber an die Traumvorstellung klammert, die er von Daisy hat. Dies markiert für Gatsby den Anfang vom Ende, denn wie der einst auf bodenständigen moralischen Fundamenten basierende amerikanische Traum, der von Geld und Macht korrumpiert wurde, so scheitert auch Gatsby letztlich an seiner verklärten Sicht eines Traums von Liebe, den die Wirklichkeit längst eingeholt hat.

F. Scott Fitzgerald: Amerikanischer Schriftsteller der Extraklasse

Francis Scott Key Fitzgerald wurde 1896 in St. Paul/Minnesota geboren und nach seinem Vorfahren Francis Scott Key, dem Dichter der amerikanischen Nationalhymne, The Star-Spangled Banner, benannt. Obwohl er nur ein mittelmäßiger Schüler war, gelang ihm 1913 die Aufnahme an der renommierten Princeton University. Doch auch hier war er wenig erfolgreich, er veröffentlichte aber bereits Kurzgeschichten in der Unizeitung. 1917 verließ er die Universität ohne Abschluss und trat der US-Armee als Unterleutnant bei deren Eintritt in den 1. Weltkrieg bei. Er wurde auf die Militärbasis in Montgomery/Alabama versetzt, wo er die Südstaaten-Schönheit Zelda Sayre kennenlernte, in die er sich Hals über Kopf verliebte. Fitzgerald machte ihr bald darauf einen Heiratsantrag, den sie jedoch nur zögerlich annahm, weil er angeblich noch nicht genug Geld verdiente, um ihr ein adäquates Leben zu ermöglichen. Doch der Erfolg stellte sich nicht so schnell ein wie Fitzgerald hoffte. Und so löste Zelda die Verlobung, während er mit Hochdruck weiter an seiner Karriere als Schriftsteller arbeitete.

Der Fluch des frühen Erfolges

Doch dann bekundete der bekannte Scribner-Verlag Interesse an Fitzgeralds The Romantic Egotist und akzeptierte schließlich eine überarbeitete Version mit dem geänderten Titel This Side of Paradise, der 1920 in kurzer Zeit ein Verkaufserfolg wurde. Zelda willigte endlich ein, ihn zu heiraten, und so wurden sie zu einem der ersten Glamour-Paare ihrer Zeit. Sie schwelgten im Luxus, feierten exzessive Partys und zierten die Titelblätter sämtlicher In-Magazine der 20er Jahre. Sie bereisten Europa und trafen in Paris auf die Crème de la crème der bedeutenden Schriftsteller ihrer Zeit wie Ernest Hemingway, Henry James und Gertrude Stein. 1921 machte die Geburt ihrer Tochter Scottie ihr Glück perfekt.

Der Anfang vom Ende

1922 erschienen bereits seine nächsten Werke The Beautiful and the Damned und Tales of the Jazz Age, doch zu seiner Enttäuschung konnte er nicht an den Erfolg seines ersten Romans anknüpfen. Sein 1925 veröffentlichtes Meisterwerk The Great Gatsby wurde von den Kritikern kaum gewürdigt, was sich auch im geringen Verkaufserfolg niederschlug. Fitzgeralds wachsender Alkoholkonsum wurde zunehmend zu einem Problem. 1927 begann er, für die Filmindustrie in Hollywood zu arbeiten, doch der große Erfolg blieb auch hier aus.

Zelda erlitt diverse Nervenzusammenbrüche und zeigte gravierende psychische Probleme, so dass sie viele Jahre in einer psychiatrischen Klinik verbrachte. Dort schrieb sie ihren einzigen Roman, Save Me The Waltz, der letztendlich zeigte, dass sie viel mehr war, als nur die luxusbesessene Glamour-Frau an seiner Seite.

Als Fitzgeralds 1934 publizierter Roman Tender Is The Night wieder kein durchschlagender Erfolg wurde, verfiel er gänzlich dem Alkohol. Seine Ehe mit Zelda war zerrüttet, seine Tochter Scottie lebte im Internat. In seinen letzten Lebensjahren lernte er Sheilah Graham kennen, die seine Lebenspartnerin bis zu seinem frühen Tod war.

Fitzgerald starb 1940 an einem Herzinfarkt, als er an seinem Roman The Last Tycoon arbeitete. Seine Frau Zelda kam 1948 bei einem Brand im Highland-Krankenhaus in Asheville ums Leben.

Tragischer Vertreter der Lost Generation

Sein kurzes, exzessives Leben machte ihn zu einem tragischen Vertreter der Lost Generation1, ein Terminus, den die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein im Hinblick auf die Respekt- und Zügellosigkeit sowie den Werteverfall der Nachkriegsgeneration des Ersten Weltkriegs prägte. Fitzgerald erweiterte diesen Begriff um die Hoffnungslosigkeit seiner Generation und schrieb in seinem Roman This Side of Paradise: „Here was a generation…grown up to find all gods dead, all wars fought, all faith in man shaken.“2

Aus seiner Sicht hatte er am Ende seines Lebens schriftstellerisch nichts erreicht. Seiner Frau Zelda schrieb er 1940, als man The Great Gatsby aus der Modern Library nahm: „My God, I am a forgotten man.“3 Es ist Ironie des Schicksals, dass er nicht lange genug lebte, um zu erkennen, wie unrecht er hatte.


Originalausgabe: Fitzgerald. F. Scott. The Great Gatsby. London: Penguin Classics / Penguin Group, 2010.
Deutsche Ausgabe: Fitzgerald. F. Scott. Der große Gatsby. Aus dem Amerikanischen von Kai Kilian. Köln: Anaconda Verlag GmbH, 2011.
Quelle1http://www.britannica.com/topic/Lost-Generation
Quelle2: Fitzgerald, F. Scott. This Side of Paradise. London: Penguin Classics / Penguin Group, 2010. Seite 259.
Quelle3: Bruccoli, Matthew J. (Editor) with Baughman, Judith S. Fitzgerald on Authorship. Columbia: University of South Carolina Press, 1996. S. 173.
Weitere Quelle zu F. Scott Fitzgeralds Leben und Werk: Prigozy, Ruth. F. Scott Fitzgerald. Woodstock/New York: Overlook Press, 2002.
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