Zeit für Poesie

Du musst das Leben nicht verstehen

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest
.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

 


Quelle: www.rilke.de
Foto: www.fotolia.de – © IamJoyful

Zeit für Poesie

Vormittag am Strand

Es war ein solcher Vormittag,
wo man die Fische singen hörte;
kein Lüftchen lief, kein Stimmchen störte
.
kein Wellchen wölbte sich zum Schlag.

Nur sie, die Fische, brachen leis‘
der weit und breiten Stille Siegel
und sangen millionenweis‘
dicht unter dem durchsonnten Spiegel.

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

 


Quelle: Christian Morgenstern Archiv: www.christian-morgenstern.de
Foto© Ana – https://instagram.com/ana_thira/

Zeit für Poesie

Meeresstille

Ich seh von des Schiffes Rande
Tief in die Flut hinein:
Gebirge und grüne Lande
Und Trümmer im falben Schein.
Und zackige Türme im Grunde,
Wie ich’s oft im Traum mir gedacht,
Wie dämmert alles da unten
Als wie eine prächtige Nacht.

Seekönig auf seiner Warte
Sitzt in der Dämmerung tief,
Als ob er mit langem Barte
Über seiner Harfe schlief‘;
Da kommen und gehen die Schiffe
Darüber, er merkt es kaum,
Von seinem Korallenriffe
Grüßt er sie wie im Traum.

Joseph von Eichendorff (1788 – 1857)


Quelle: Wüstner, Andrea (Hrsg.). Das Meer – Gedichte. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co., S. 55.

Foto: www.fotolia.de – © Andrey Kuzmin

Zeit für Poesie

Meerfahrt

Wie so rein des Himmels Bläue
Über meinem Haupte glänzt,
Fest und licht wie ew’ge Treue,
Wandellos und unbegrenzt!

Gleich dem ew’gen Frieden schimmert
Ruhig, klar und blau das Meer;
Wie die heil’ge Liebe flimmert
Hell die Sonne drüberher.

Frei und leicht auf freien Wogen
Zog das Schiff die ebne Bahn,
Stolz die weißen Segel flogen
Wie der Freiheit Siegesfahn‘.

Sonne, Meer und Himmelsbläue,
Nichts ums Schiff sonst ringsumher!
Liebe, Freiheit, Fried‘ und Treue!
Ei, was willst du denn noch mehr? –

Ach, wenn nur der Wind vom Lande
Mir ein grünes Blatt allein,
Eine Blüte nur vom Strande
Wehte in das Schiff hinein!

Anastasius Grün (1806 – 1876)


Quelle: Wüstner, Andrea (Hrsg.). Das Meer – Gedichte. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co., S. 29.

Foto: © Ana – https://instagram.com/ana_thira/