#buchpassion

Die einzigartige Literatur-Onlineaktion geht in die 2. Runde

Nachdem Janine vom Bücher- und Literaturblog Kapri-ziös im letzten Jahr diese wunderbare Literatur-Onlineaktion initiiert hat, die von Autoren, Bloggern, Verlagen und natürlich auch von vielen Lesern begeistert aufgenommen wurde, findet nun in 2017 die zweite Runde der #buchpassion statt. Das primäre gemeinsame Ziel aller Beteiligten ist es, Nichtlesern Bücher näherzubringen und aufzuzeigen, wie viel Spaß Literatur macht und wie spannend und abenteuerlich es sein kann, in die Welt der Geschichten abzutauchen.

Vom 29. September bis 1. Oktober 2017 findet eine Blog- und Webseitenparade statt, bei der jeder Teilnehmer seinen ganz persönlichen Artikel zum Thema #buchpassion – Lieblingsautorinnen und -autoren auf seiner Website bzw. auf seinem Blog veröffentlicht. Wie ihr das Thema behandelt, bleibt euch überlassen: Ihr könnt frei schreiben oder euch an Janines Leitfragen orientieren, die sie auf ihrem o.g. Blog zusammengestellt hat. Darüber hinaus fand gestern bereits eine tolle Literaturparty unter dem Hashtag #buchpassion auf Twitter statt. Die entsprechende Fotochallenge auf Instagram geht noch bis zum 1. Oktober 2017. Ihr seht also: Diese außergewöhnliche Literatur-Onlineaktion lässt keine Wünsche offen. Es ist für jeden etwas dabei: Mitmachen lohnt sich auf jeden Fall.

Die Qual der Wahl

Meine Lieblingsautorinnen und -autoren herauszufiltern, war schon eine echte Herausforderung, denn es gibt so viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller, deren Romane ich liebe und die mich mit jeder ihrer Geschichten stets aufs Neue in ihren Bann ziehen. Um mir die Qual der Wahl zu erleichtern, habe ich meine Bücherregale en détail inspiziert und schließlich vier Erzähler/innen ausgewählt, die zu meinen absoluten literarischen Favoriten zählen. Ihre Werke haben mich bewegt, gefesselt, zum Lachen und zum Weinen gebracht und mir die Macht der Sprache und die Schönheit der Worte immer wieder auf ganz einzigartige Weise nahe gebracht. Darüber hinaus haben sie mir auf ihre unnachahmliche Art wertvolle Einsichten ins Leben und in die Besonderheiten der menschlichen Natur vermittelt. Die vier von mir selektierten Autorinnen und Autoren treffen mit ihren Stories und außergewöhnlichen Protagonisten mitten ins Herz und haben bei mir bewegende, witzige, traurige, spannende und auch kuriose Eindrücke hinterlassen, die zu unvergesslichen Erinnerungen geworden sind.

© Basso Cannarsa/Opale/
Leemage/laif

John Irving: Großartiger Erzähler mit einem Faible für das Skurrile

Auf den amerikanischen Schriftsteller John Irving bin ich durch seinen wunderbaren Roman Garp und wie er die Welt sah aufmerksam geworden. Nach Lektüre war ich restlos begeistert: Von seinem einnehmenden Erzählstil, seinem einzigartigen Humor und Wortwitz und der gelungenen Mischung aus Tragik und Komik, die bis heute die Essenz seiner Werke ist. Während meines Studiums stieß ich dann in einem Hauptseminar über zeitgenössische amerikanische Autoren erneut auf den meisterhaften Erzähler: Seine Romane Gottes Werk und Teufels Beitrag und Owen Meany standen auf dem Leseplan. Ich fand beide Werke brillant, doch Owen Meany hat mich von der ersten Seite an gepackt: Der Roman hat mich aufgewühlt und in mir die ganze Gefühlspalette von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt hervorgerufen wie kein anderes Buch zuvor.

© Diogenes Verlag

Was macht diese Geschichte so einzigartig? Es ist nicht nur die ungewöhnliche Freundschaft der beiden Protagonisten, die berührt: John Wheelwright, Mayflower-Spross und unehelicher Sohn einer exzentrischen Mutter, und Owen Meany, der liebenswerte Kleinwüchsige mit der hohen Stimme, der nicht nur aufgrund seiner Initialen sehr an Oskar Mazerath aus Grass‘ Die Blechtrommel erinnert. Die enge Bindung der beiden hat sogar dann noch Bestand, als Johns Mutter durch einen tragisch-verunglückten Baseballwurf von Owen ums Leben kommt. Der oftmals altkluge und weise Owen ist es, der dem vaterlosen John die Augen für viele Dinge öffnet und für ihn der wichtigste Mensch und Vertraute wird. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit den beiden seelenverwandten Einzelgängern, die mit ihren ganz eigenen Dämonen zu kämpfen haben, und lässt schließlich eine Tragödie über sie hereinbrechen, nach der nichts mehr so ist wie vorher…

Irvings eindrucksvoller Roman ist auch ein pointiertes, schonungsloses Porträt des mythisch-verklärten Selbstverständnisses der Amerikaner, das sie zu einer leichten Beute für berechnende Politiker macht, die ihre ganz eigenen Ziele verfolgen. Der Autor setzt hier zunächst in den 60er Jahren an: Als der faszinierend-mitreißende John F. Kennedy eine Wiederbelebung des unter Nixon lethargisch gewordenen Amerikas und einen glorreichen Neuanfang verspricht, jubeln ihm alle zu. Auch John und Owen sind da keine Ausnahme. Erste moralische Risse bekommt das Bild des heldenhaften Strahlepolitikers, als beide von der skandalösen Affäre JFKs mit Schauspielikone Marilyn Monroe erfahren, deren glamouröses Leben durch einen mysteriösen Tod viel zu früh endete. Für Owen ist Marilyn die Verkörperung Amerikas: Geblendet durch den äußeren Schein eines immerwährenden Jugendideals und die magnetisierende Anziehungskraft eines kalkulierendes Machtapparates, scheitert sie schließlich an der Realität, die sie desillusioniert zurücklässt. Darüber hinaus tut der in den Fokus rückende Krieg in Vietnam sein Übriges dazu, um Camelot zu demystifizieren.

Auch in den 80er Jahren, die Irving in Owen Meany ebenfalls kritisch beleuchtet, ist keine Einsicht und Reflexion zu erkennen. Mit Ronald Reagan hat man einen Präsidenten gewählt, der das Cowboy-Ethos wiederbelebt und die kritikresistente „My-country-right-or-wrong“-Maxime reaktiviert. John Wheelwright, mittlerweile Literaturdozent, bleibt nur noch eine Option: Das kanadische Exil. Doch auch dort gelingt es ihm nicht, sein Land abzuschütteln – das Dilemma, Amerikaner zu sein, wird sich für ihn nie auflösen…

Owen Meany ist ein wunderbarer, witziger, trauriger und tiefgreifender Roman, der gerade in der heutigen Zeit erschreckend aktuell ist. Er ist mit Abstand Irvings wohl politischstes Werk, in dem er viele unbequeme Wahrheiten darlegt und unverhohlen Kritik an seinen teilweise erschreckend naiven, TV-hörigen Landsleuten übt, die die ernüchternde Realität hinter dem schönen Schein schlicht nicht sehen bzw. sehen wollen.

Mittlerweile habe ich alle Romane von John Irving gelesen, und ich kann es nie erwarten, sein neuestes Werk in den Händen zu halten. Seine Geschichten und Protagonisten sind erstklassig, sein Faible für das Skurrile, das mich sehr anspricht, ist augenscheinlich. Irving gelingt mit großartiger Erzählkunst das, was nur wenige Autoren vermögen: Seine Hauptfiguren – so bizarr, schrullig und eigenbrötlerisch sie auch sein mögen –  werden vor unseren Augen lebendig, sie wachsen uns ans Herz, so dass wir am Ende das Gefühl haben, sie schon lange und gut zu kennen: Seien es der weise Dr. Wilbur Larch und der liebenswerte Homer Wells in Gottes Werk und Teufels Beitrag, der melancholische Jack Burns aus Bis ich dich finde, die widersprüchliche Ruth Cole aus Witwe für ein Jahr, der zwiegespaltene Billy aus In einer Person, Dr. Daruwalla auf der Suche nach dem Zwergen-Gen in Zirkuskind oder die Müllkippenkinder Juan Diego und Lupe aus Straße der Wunder. Eingebettet in singuläre, sehr berührende Geschichten beschert uns Irving mit seinen liebevoll gezeichneten Protagonisten unvergessliche Leseerlebnisse, die uns vor allem eines lehren: Was es heißt, ein Mensch zu sein.

© Jean-Luc Bertini – Flammarion

Antoine Laurain: Brillanter Sprachvirtuose mit poetischer Finesse

Die Romane des französischen Schriftstellers Antoine Laurain sind für mich immer ein ganz besonderer Lesegenuss, denn seine ungewöhnlichen, betörenden Geschichten, die er mit viel Charme und angenehmer Leichtigkeit erzählt, nehmen sofort gefangen und bezaubern durch Poesie, Originalität und Sinnlichkeit. Doch hinter der scheinbar heiteren Schwerelosigkeit, die dazu verleitet, Laurains Bücher zumeist in einem Zug zu lesen, und dem zauberhaft anmutenden französischen Flair werden die großen Themen des Lebens sichtbar. Und so tauchen unter der Oberfläche immer wieder auch existentielle Fragen auf, die uns die Tiefe seiner Romane offenbaren und uns vor Augen führen, wie fremdbestimmt und fragil wir oftmals in unserem Menschsein sind. Aber Laurain zeigt uns auch, wie leicht es trotz allem sein kann, diese Erstarrtheit zu durchbrechen, seinem Leben eine neue Richtung zu geben und sich von Liebe berauschen zu lassen.

© Atlantik Verlag

In seinen bisher erschienenen vier Romanen ist es zumeist ein ganz spezielles Objekt, das das Leben eines in ungeliebter Alltagsmonotonie festgefahrenen Menschen auf beinahe magische Weise verändert. In Liebe mit zwei Unbekannten sind es eine lila Handtasche und ein rotes Notizbuch, die einen Buchhändler und eine Restauratorin auf schicksalhafte Weise zueinander führen. In Laurains Roman Der Hut des Präsidenten, für den er mit dem renommierten Prix Landerneau Découverte und dem Prix Relay des Voyageurs ausgezeichnet wurde, ist es der schwarze Hut des ehemaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterand, den dieser in einer Brasserie vergisst und der daraufhin das Leben verschiedener Menschen, die ihn an sich nehmen, grundlegend verändert.

Ein geheimnisvolles Porträt ist das Objekt, das die triste Existenz eines Patentanwaltes in Laurains Roman Das Bild aus meinem Traum auf wundersame Weise aus den Angeln hebt und ihn dank einer Verwechslung direkt in die Arme einer wunderschönen Frau führt. Und auch in seinem neuen Roman, Die Melodie meines Lebens, ist Laurain seiner Strategie treu geblieben: Dieses Mal ist es ein Brief, der mit 33 Jahren Verspätung einen etablierten Arzt erreicht und ihn nicht nur zurück in seine Vergangenheit führt, sondern der dem abgeklärten Mediziner auch ein unerwartetes neues Glück verspricht.

Wenn ich über meine Lieblingsautoren spreche, stelle ich zumeist immer eines oder zwei ihrer Werke heraus, die mir ganz besonders gefallen. Bei Antoine Laurain kann ich mich nicht entscheiden: Seine spritzigen, lebensklugen Romane sind alle brillant: Sie sind für mich wie ein Glas guten Rotweins, das man entspannt genießt und berauscht beendet. Der französische Autor zählt für mich daher auch zu den außergewöhnlichsten literarischen Entdeckungen der letzten Jahre, dessen Romane mit poetischer Finesse verzaubern und mit ihrer Feel Good Atmosphäre beflügeln.

© Circe

Anita Shreve: Renommierte Bestseller-Autorin und Journalistin mit einem Sinn für das Besondere

Die amerikanische Autorin Anita Shreve zählt ebenfalls zu meinen literarischen Favoriten. Ich habe alle ihre Romane gelesen und bin immer wieder aufs Neue angetan von ihrem einzigartigen Schreibstil und ihrer sprachlichen Ausdruckskraft. Ihre Geschichten sind ausgefallen, dramatisch, romantisch, spannend, schockierend und berührend – sie schwirren noch lange in den Gedanken, wenn man sich schon längst einer neuen Lektüre zugewandt hat. All diese Attribute machen Shreves Romane für mich zu ganz besonderen Lesehighlights, die ihresgleichen suchen.

Shreve startete ihre literarische Karriere zunächst mit Kurzgeschichten. Da sie von der Schriftstellerei allein ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten konnte, wandte sie sich parallel dem Journalismus zu. Sie arbeitete drei Jahre als Journalistin für ein afrikanisches Magazin in Nairobi/Kenia. Nach ihrer Rückkehr in die USA lehrte sie Kreatives Schreiben am Amherst College und war freiberuflich für eine Reihe von namhaften Magazinen wie The New York Times MagazineThe New York Magazine etc. tätig.

Ihr internationaler Durchbruch als Schriftstellerin gelang ihr mit ihrem brillanten Roman Die Frau des Piloten im Jahr 1998. Das Buch avancierte in kürzester Zeit zum Bestseller: Die berühmte amerikanische Talkmasterin Ophrah Winfrey empfahl es in ihrem namhaften Book Club als Buch des Monats, was seine Bekanntheit noch immens förderte.

© Piper Verlag

Anita Shreve habe ich durch ihr einzigartiges Roman-Drama Das Gewicht des Wassers entdeckt. Sie erzählt darin die tragische Geschichte der Fotoreporterin Jean, die für eine Zeitung die grausamen Morde an zwei norwegischen Immigrantinnen, die 1873 die kleine Insel Smuttynose vor der Küste Neuenglands erschütterten, erneut recherchieren und mit der Kamera dokumentieren soll.  Jean verbindet ihren Auftrag mit einem Segeltörn zu den Isles of Shoals gemeinsam mit ihrem Mann Thomas, einem berühmten Dichter, ihrer fünfjährigen Tochter Billie, ihrem Schwager Rich und seiner neuen Freundin Adaline. Der Ausflug endet in einer Katastrophe und lässt Jean alles verlieren, was sie liebt…

Der Roman ist Beziehungstragödie und Thriller zugleich, der darüber hinaus von der Autorin detailliert recherchierte und sehr aufschlussreiche historische Informationen über das karge und entbehrungsreiche Leben der norwegischen Fischer, die nach Amerika immigrierten, beinhaltet. Die Axtmorde auf Smuttynose im Jahre 1873 sind tatsächlich geschehen, die Stories um Jean und Maren hat die Autorin sehr klug und äußerst packend dazu erdacht. Diese gelungene Mischung aus Facts & Fiction macht das Besondere dieses brillant geschriebenen Romans aus. Für dieses Werk wurde Shreve mit dem PEN New England Award/L. L. Winship ausgezeichnet. Es wurde 2000 von Regisseurin Kathryn Bigelow mit Sean Penn, Sarah Polley und Elizabeth Hurley in den Hauptrollen sehr erfolgreich verfilmt.

Nachdem mich Das Gewicht des Wassers derart begeistert hat, habe ich nach und nach alle weiteren Romane der Autorin, die wirklich wunderbar geschrieben sind, regelrecht verschlungen. Von diesen möchte ich abschließend noch ganz kurz meine Favoriten hervorheben: Olympia – hier wird die Skandalliebe der jungen Olympia zu einem fast 30-Jahre älteren Arzt um die Jahrhundertwende thematisiert. Die Frau des Piloten erzählt von Kathryn, deren Ehemann bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz – angeblich durch gezielten Selbstmord – ums Leben kommt. Sie glaubt nicht daran und versucht, die Wahrheit aufzudecken. Was sie jedoch schließlich herausfindet, hebt ihr ganzes bisheriges Leben ein weiteres Mal aus den Angeln. Protagonistin in Das Echo der verlorenen Dinge ist die englische Krankenschwester Stella Bain, die im 1. Weltkrieg ihr Gedächtnis und alles, was sie einst liebte, verloren hat. Verzweifelt irrt sie durch London, bis sie durch nervenaufreibende Sitzungen mit einem Arzt schließlich einen Weg zurück in ihre Vergangenheit findet. Sie ahnt nicht, welche schrecklichen Erinnerungen sie heraufbeschwört…

Insgesamt hat Anita Shreve bisher 17 Romane veröffentlicht, die sich millionenfach verkauften. Ihr neuestes Buch The Stars Are Fire erschien im April dieses Jahres in den USA und ist auf dem besten Wege, ebenfalls ein Bestseller zu werden.

© Jerry Bauer

Paul Torday: Literarischer Meister leiser Töne

Paul Torday zählt schon seit langem zu meinen Lieblingsautoren. Umso betrübter war ich, als ich 2013 von seinem viel zu frühen Tod im Alter von nur 67 Jahren erfuhr. Der literarische Spätzünder, der über drei Jahrzehnte erfolgreich als Unternehmer tätig war, widmete sich erst in der Mitte seines Lebens der Schriftstellerei. 2007 gelang ihm im Alter von 61 der internationale Durchbruch mit der wunderbaren Komödie Lachsfischen im Jemen, die 2011 mit Ewan McGregor, Emily Blunt und Kristin Scott Thomas verfilmt wurde. Als bald darauf Krebs bei ihm diagnostiziert wurde, was er jedoch nicht öffentlich bekannt machte, schrieb er im Wettlauf mit der Zeit. Er veröffentlichte nach seinem o.g. Debüt noch sechs Romane, zwei Kurzgeschichten und eine Satire, die sein Sohn Piers nach seinem Tod vollendete. Leider sind nur drei seiner Romane ins Deutsche übersetzt worden (Lachsfischen im Jemen, Bordeaux und Charlie Summers), was sehr schade ist, denn meines Erachtens sollten auch die deutschen Leser unbedingt in den Genuss seines kompletten Werkes kommen.

© Piper Verlag

Das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe, war Bordeaux – Ein Roman in vier Jahrgängen, das für mich auch gleichzeitig seine beste und bewegendste Geschichte ist. Der tiefgründige Roman, der so still und bedachtsam erzählt wird, berührt und bedrückt auf schleichende Weise, denn er entfaltet mit schonungsloser Offenheit das Psychogramm eines Suchtkranken, der nicht nur sich, sondern auch andere ihm nahestehende Menschen mit in den Abgrund zieht. Torday erzählt die tragische Geschichte der Hauptfigur chronologisch rückwärts, eine außergewöhnliche literarische Variante, die zwar am Anfang etwas befremdet, aber den Spannungsbogen keinesfalls verringert. Ohne Pathos und Sentimentalität katapultiert uns Torday in die Gedankenwelt des Softwaregenies und Alkoholikers Francis Wilberforce – eine gewaltige Herausforderung, denn wir geraten in einen Wirbelsturm von wirren Geschichten, Lügen, Erinnerungsfragmenten, aber auch von immenser Traurigkeit, Sinnleere und Einsamkeit. Dank Tordays großartiger Erzählkunst gelingt es uns jedoch, dieses Wirrwarr zu entzerren und uns selbst ein Bild dieses verzweifelten, aber unbelehrbaren Menschen zu machen, dessen Untergang vorprogrammiert zu sein scheint.

Doch Torday urteilt nicht – er mahnt auf seine eigene, leise Weise, in dem er versucht, einen Mann greifbar zu machen, der sehenden Auges seinem Verderben entgegengeht. Dies ist dem Autor meisterhaft gelungen, denn man mag Wilberforce verachten und ihn widerwärtig finden, aber es ist unmöglich, von seinem selbst gewählten Schicksal nicht berührt zu sein. Dies liegt vor allem daran, dass Torday hinter der uneinsichtigen alkoholbenebelten Fassade den verzweifelten Menschen durchscheinen lässt, der keinen Ausweg mehr sieht. Dies mag nicht genug sein, um Mitleid zu erwecken, aber es reicht aus, um ihn – wenn auch nur für kurze aufblitzende Momente – in seinem ganzen Seelenschmerz zu verstehen.

Nach Lektüre von Bordeaux habe ich nach und nach alle seine Werke gelesen – begonnen habe ich mit seinem o.g. Erstlingswerk Lachsfischen im Jemen, eine herrlich witzige, ironische Erzählung über die ungewöhnliche Freundschaft zwischen einem eigenbrötlerischen englischen Wissenschaftler und einem Scheich aus dem Jemen. Tordays darauffolgendes Werk, der Pageturner The Girl On the Landing, erzählt die hochspannende Geschichte eines Ehepaares, dessen Welt aus den Fugen gerät, als der Mann plötzlich eine mysteriöse, zunächst angenehme, dann angsteinflößende Wesensveränderung durchmacht.

More Than You Can Say ist ein weiteres Buchjuwel des Autors und handelt von der waghalsigen Wette eines ehemaligen Offiziers, der sich – ehe er sich versieht – in ein gefährliches Abenteuer verstrickt. In seinem beißenden Roman Charlie Summers stellt der weltfremde gleichnamige Pechvogel das Leben eines reichen Bonvivants am Vorabend der Weltwirtschaftskrise völlig auf den Kopf, während im sehr amüsanten The Legacy of Hartlepool Hall der schuldengeplagte Ed Hartlepool verzweifelt versucht, sein geerbtes Familienanwesen zu retten und die Identität der geheimnisvollen Lady Alice zu lüften.

Tordays verstörendstes Buch ist zugleich auch sein letzter fertiggestellter Roman, The Light Shining In The Forest. Es handelt von Norman Stokoe, der eine Stelle als Kinderbeauftragter antritt, wobei ihn sein Job nicht wirklich interessiert. Er ist Bürokrat durch und durch, Engagement ist ein Fremdwort für ihn. Sein Leben und sein Job plätschern entspannt dahin, bis plötzlich zwei Kinder verschwinden. Die Presse wird auf die mysteriösen Fälle aufmerksam und auch die verzweifelten Mütter lassen nicht locker, so dass Norman nunmehr zum ersten Mal in seinem Leben gezwungen ist, Stellung zu beziehen und aktiv zu werden. Was er herausfindet, lässt ihn den Glauben an alles verlieren, vor allem an das System, das er repräsentiert…Dieses Buch macht wirklich Gänsehaut und fesselt bis zum völlig überraschenden Ende.

Was mir an Tordays Werken so sehr gefällt, ist, dass sie unterschiedliche Genres bedienen, die der Autor – jedes für sich – perfekt beherrscht. An seinen komischen Geschichten gefallen mir vor allem seine Tongue-in-Cheek-Erzählweise, sein trockener Humor und seine Ironie. Bei den spannenden Werken ist es seine ganz besondere Art, den Leser schleichend in Aufregung zu versetzen, während es bei seinen dramatischen Romanen vor allem die bewegenden Stories sind, die mich noch lange nach Lektüre beschäftigen. Wie traurig, dass es keine Romane dieses großartigen Schriftstellers mehr geben wird…

***

Darüber hinaus gibt es noch diverse Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die ich sehr gerne lese, wie z.B. Erika Robuck (Hemingway’s Girl, Call Me Zelda, The House of Hawthorne etc.) und Valerie Martin (Im Haus des Dr. Jekyll, Property, The Confessions of Edward Day) deren Werke nur teilweise oder noch gar nicht ins Deutsche übersetzt wurden, was wirklich sehr schade ist. Ganz besonders angetan bin ich auch von den Romanen von Tracy Chevalier (Das Mädchen mit dem Perlenohrring, Zwei bemerkenswerte Frauen, Das dunkelste Blau etc.), Jón Kalman Stefánsson (Himmel und Hölle, Der Schmerz der Engel etc.), Slavenka Drakulić (Frida, Dora und der Minotaurus etc.) und der Literatururgesteine John Updike und Philip Roth. Von den Queens of Crime Charlotte Link, Elisabeth George und Camilla Läckberg kann ich ebenfalls nie genug bekommen. Gleiches gilt für die unsterblichen Klassiker Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald, Alexandre Dumas, Jane Austen, die Brontës, Arthur Conan Doyle, Agatha Christie u.v.m.

Darüber hinaus habe ich ein ganz besonderes Faible für die französische Literatur: Angefangen bei den Klassikern von Albert Camus, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Georges Simenon bis hin zu meinen Neuentdeckungen Camille de Peretti, Jean-Marc Ceci, Grégoire Delacourt, Olivier Bourdeaut, Aude Le Corff, Adrien Bosc und Jean-Paul Didierlaurent. Last but not least hier noch mein literarischer Favorit aus Kuba, Leonardo Padura, dessen Roman Adíos, Hemingway zu meinen ganz persönlichen Lese-Highlights zählt.

Mir hat es großen Spaß gemacht, wieder bei #buchpassion mit dabei zu sein. Ich freue mich auf die Beiträge der zahlreichen Teilnehmer und bin schon sehr gespannt, was mich erwartet…


Mein herzlicher Dank gilt den folgenden Verlagen:

Atlantik Verlag, Hamburg, www.atlantikverlag.de, der mir freundlicherweise die Buchcover von Liebe mit zwei Unbekannten, Der Hut des Präsidenten, Das Bild aus meinem Traum und Die Melodie meines Lebens sowie das Foto von Antoine Laurain zur Verfügung gestellt hat.

Diogenes Verlag, Zürich, www.diogenes.ch, der mir freundlicherweise das Buchcover von Owen Meany und das Foto von John Irving zur Verfügung gestellt hat.

Piper Verlag, München, www.piper.de, der mir freundlicherweise die Buchcover von Bordeaux und Das Gewicht des Wassers sowie die Fotos von Anita Shreve und Paul Torday zur Verfügung gestellt hat.

Zeit für Poesie

Du musst das Leben nicht verstehen

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest
.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

 


Quelle: www.rilke.de
Foto: www.fotolia.de – © IamJoyful

Zeit für Poesie

Vormittag am Strand

Es war ein solcher Vormittag,
wo man die Fische singen hörte;
kein Lüftchen lief, kein Stimmchen störte
.
kein Wellchen wölbte sich zum Schlag.

Nur sie, die Fische, brachen leis‘
der weit und breiten Stille Siegel
und sangen millionenweis‘
dicht unter dem durchsonnten Spiegel.

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

 


Quelle: Christian Morgenstern Archiv: www.christian-morgenstern.de
Foto© Ana – https://instagram.com/ana_thira/

Zeit für Poesie

Meeresstille

Ich seh von des Schiffes Rande
Tief in die Flut hinein:
Gebirge und grüne Lande
Und Trümmer im falben Schein.
Und zackige Türme im Grunde,
Wie ich’s oft im Traum mir gedacht,
Wie dämmert alles da unten
Als wie eine prächtige Nacht.

Seekönig auf seiner Warte
Sitzt in der Dämmerung tief,
Als ob er mit langem Barte
Über seiner Harfe schlief‘;
Da kommen und gehen die Schiffe
Darüber, er merkt es kaum,
Von seinem Korallenriffe
Grüßt er sie wie im Traum.

Joseph von Eichendorff (1788 – 1857)


Quelle: Wüstner, Andrea (Hrsg.). Das Meer – Gedichte. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co., S. 55.

Foto: www.fotolia.de – © Andrey Kuzmin