Verrückte Liebe

Olivier Bourdeaut: Warten auf Bojangles

Es gibt Geschichten, die treffen mitten ins Herz. Sie drehen die Welt auf den Kopf und lassen sie für eine kleine Weile stillstehen. Olivier Bourdeauts Debütroman Warten auf Bojangles fällt in diese Kategorie. Er beschwingt, macht glücklich und feiert das Leben und die Liebe. Und doch ist er zuweilen voller Traurigkeit und Melancholie – so wie das Lied Mr. Bojangles, wunderbar interpretiert von Nina Simone, das uns bis zum Ende der Erzählung begleitet. Im Fokus dieser aus zwei Perspektiven geschilderten tragisch-schönen Story steht die bedingungslose Liebe des Protagonisten Georges zu seiner Frau. Als er die extravagante Lady mit dem Federhut zum ersten Mal auf einer Party ekstatisch tanzen sieht, ist es um ihn geschehen. Er verfällt ihr hoffnungslos, obwohl eine innere Stimme ihm sagt, dass etwas mit ihr ganz und gar nicht stimmt.

Die Frau mit dem Federhut

Doch Georges, dessen Karriere stetig bergauf geht, hat genug von der tagtäglichen Monotonie und entscheidet sich für die Frau, die sein bis dato wohlgeordnetes Leben in ein bodenloses Chaos verwandelt. Er geht ganz auf sie ein und versucht, ihre psychische Instabilität und die damit einhergehenden Phasen zwischen Euphorie und Depression mit einem ausgelassenen, übersteigerten Lifestyle aufzufangen. Er nennt sie nie länger als zwei Tage beim gleichen Namen, feiert mit ihr und vielen Gästen opulente Parties, tanzt mit ihr zu der einzigen Platte, die sie liebt, Mr. Bojangles, mixt spritzige Cocktails und nimmt jede ihrer noch so wahnwitzigen Ideen auf.

Als ihr Sohn auf die Welt kommt, wird sie ruhiger, und Georges hofft, dass sich ihre psychischen Probleme dadurch vielleicht von selbst lösen. Doch weit gefehlt: Sie bindet den Kleinen in ihr exzentrisches Leben ein und lässt ihn an allen Events teilhaben. Als er seine Erlebnisse in der Schule erzählt, glaubt ihm niemand. Er wird zum Außenseiter, doch das macht ihm nichts, denn was sind schon die Witze seiner Schulkameraden gegen die tollen Einfälle seiner Maman? Aber auch der kleine Sohn, der seine Mutter bedingungslos liebt, entdeckt mit dem sicheren Instinkt eines Kindes, dass sie nicht so ist wie andere Mütter. Er nimmt ihre oftmals verstörenden Stimmungsschwankungen wahr und versucht, sie, wie sein Vater, vor sich und der Welt zu beschützen.

Gefährlicher Wahn

Als seine Eltern ihn nach wiederkehrenden Dissonanzen mit der Schulleitung schließlich aus der Schule nehmen, um ihn privat zu unterrichten, ist er glücklich, denn endlich können er und seine Eltern nach Spanien in ihr traumhaftes Domizil, das Wolkenschloss, fahren, wann immer sie wollen. Doch das Leben im Partytime-Modus und das innige Glück der drei ist nicht von Dauer: Vater und Sohn bemerken mit wachsender Sorge, wie ihre geliebte Frau und Mutter immer öfter außer Kontrolle gerät und in ihre eigene Welt versinkt. Darüber hinaus plagen sie finanzielle Probleme, denn Georges‘ sorgloses Geldausgeben fordert seinen Tribut. Doch noch bevor er eine Lösung finden kann, bringt sich seine Frau durch eine abstruse Aktion in höchste Lebensgefahr und setzt damit eine verhängnisvolle Abwärtsspirale in Gang, nach der nichts mehr so ist wie vorher…

Ein sehr berührender, warmherziger Roman über eine außergewöhnliche Liebe

Es gibt so viele Adjektive, um diesen wunderbaren Roman zu beschreiben – verrückt, amüsant, traurig, rührend, gefühlvoll, romantisch, skurril – jedes passt auf seine ganz eigene Weise. Olivier Bourdeaut beschreibt das durch die Krankheit der Mutter bedingte, täglich wechselnde Gefühlschaos einer in jeder Hinsicht unkonventionellen kleinen Familie sehr eindringlich und bewegend. Aus der Perspektive des Vaters Georges und seines kleinen Sohnes erhalten wir aufschlussreiche Einblicke in das Seelenleben der beiden, in dem Hoffnung und Verzweiflung nahe beieinander liegen. Während Georges tief im Inneren stets hofft, dass es seiner Frau bald bessergeht und alles tut, damit sie nicht völlig die Bodenhaftung verliert, erkennt er mit wachsender Besorgnis, wie sehr ihr Zustand seinem Sohn zu schaffen macht.

Die Kapitel, die Bourdeaut aus Sicht des Sohnes erzählt, gehen ganz besonders ans Herz. Der Kleine liebt seine Maman sehr und gibt sein Bestes, um sie glücklich zu sehen. Zunächst genießt er die lustigen Spiele, die tollen Partys und die täglichen Verrücktheiten mit seiner Mutter, die ihn vergöttert und wie einen Mini-Erwachsenen behandelt. Für ihn ist das Leben mit seinen Eltern ein einziges Abenteuer, bei dem er jeden Tag etwas Aufregendes erlebt (dies gilt im Übrigen auch für den Leser, der den dreien schmunzelnd und vergnügt durch ihren amüsanten Alltag folgt). Als die depressiven Phasen seiner Mutter jedoch überwiegen, ist er völlig überfordert. Er kann nicht verstehen, warum seine Maman plötzlich grundlos weint und tröstet sie so gut er kann. Die Szene, wo der Kleine seiner Mutter hilflos übers Gesicht streicht, als sie wieder einmal einen Zusammenbruch hat, ist mir sehr ans Herz gegangen.

Bourdeauts Roman hat mich zum Lachen und zum Weinen gebracht. Dies liegt vor allem an der einzigartigen Fähigkeit des Autors, den Menschen tief in die Seele zu schauen und ihre widersprüchlichen Gefühle in liebevolle Worte zu fassen. Warten auf Bojangles ist eine rührende Hymne an die Liebe, die das Leben in all seiner Tragik zu einem grandiosen Ereignis macht. Mein Fazit: D a s literarische Highlight des Jahres – unbedingt lesenswert!

Olivier Bourdeaut: Frankreichs literarischer Shooting Star

Olivier Bourdeaut wurde 1989 als Sohn eines Notars in Nantes geboren. Nachdem sein Studium nicht den gewünschten Erfolg brachte, arbeitete er zunächst als Erntehelfer, später dann als Immobilienmakler in seiner Heimatstadt. Als er im Alter von 30 Jahren seinen Job verlor, beschloss er, sich der Schriftstellerei zu widmen. Er schrieb zunächst zwei Jahre an seinem ersten Roman, ein düsteres und zynisches Werk, für das er von den Verlagen nur Absagen erhielt, obwohl man ihm riet, unbedingt mit dem Schreiben weiterzumachen.

Sein zweiter literarischer Versuch sollte ein heiteres-melancholisches Buch werden. Er schrieb es bei seinen Eltern in Spanien und stellte es in nur sieben Wochen fertig. Heraus kam der hier vorgestellte Roman Warten auf Bojangles, den der französische Verlag Éditions Finitude veröffentlichte. Mit seinem Erstlingswerk avancierte Bourdeaut sogleich zum literarischen Shooting Star, denn seine einzigartige Geschichte wurde ein sensationeller Erfolg. Die Presse überschlug sich – zu Recht – mit Lobpreisungen, allen voran Jérôme Garcin vom Le Nouvel Observateur, der mit seiner begeisternden Rezension1 die Lawine ins Rollen brachte und dem Buch einen hohen Bekanntheitsgrad bescherte.

Darüber hinaus erhielt Bourdeaut zahlreiche Preise – den Prix France Culture-Télérama 2016, den Grand Prix RTL-Lire 2016, den Prix Emmanuel Roblès 2016 und den Prix Roman France Télévisions 2016. Das Highlight war jedoch seine Nominierung als einer der vier Finalisten des renommierten Prix Goncourt – eine ganz besondere Ehre für den Debütautor.

Weitere Informationen über Olivier Bourdeaut findet ihr auf den Verlagsseiten www.piper.de und www.finitude.fr, denen ich neben der französischen Wikipédiaseite seine biografischen Angaben entnommen habe


Originalausgabe: Bourdeaut, Olivier. En attendant Bojangles. Bordeaux: Éditions Finitude, 2016.
Deutsche Ausgabe: Bourdeaut, Olivier. Warten auf Bojangles. Aus dem Französischen von Norma Cassau. München/Berlin: Piper Verlag GmbH, 2017.
Buchcover: www.piper.de

Interview1:
http://bibliobs.nouvelobs.com/l-humeur-de-jerome-garcin/20160108.OBS2469/retenez-bien-ce-nom-olivier-bourdeaut.html

Books to remember
Bücher, die in Erinnerung bleiben

Anita Shreve: Das Gewicht des Wassers

In meiner neuen Rubrik Books to remember – Bücher, die in Erinnerung bleiben möchte ich euch Romane vorstellen, die zu meinen Lieblingswerken zählen, die mich begeistert, bewegt, gefesselt, zum Lachen und zum Weinen gebracht haben und die ich von Zeit zu Zeit immer wieder gerne lese. Ein solches Buch ist auch Das Gewicht des Wassers von Anita Shreve. Die amerikanische Autorin zählt zu meinen literarischen Favoriten. Ich habe alle ihre Romane gelesen und bin immer wieder aufs Neue angetan von ihrem einzigartigen Schreibstil und ihrer sprachlichen Ausdruckskraft. Ihre Geschichten sind ausgefallen, dramatisch, romantisch, spannend, schockierend und berührend – sie schwirren noch lange in den Gedanken, selbst wenn man sich schon längst einer neuen Lektüre zugewandt hat. All diese Attribute machen Shreves Romane für mich zu ganz besonderen Lesehighlights, die ihresgleichen suchen.

Ein lang zurückliegendes Verbrechen

Die Fotoreporterin Jean soll für eine Zeitung die grausamen Morde an zwei norwegischen Immigrantinnen, die 1873 die kleine Insel Smuttynose vor der Küste Neuenglands erschütterten, erneut recherchieren und mit der Kamera dokumentieren. Anethe und Karen Christensen waren damals mit einer Axt regelrecht niedergemetzelt worden. Eine dritte Frau, Maren Hontvedt, überlebte den Angriff schwer verletzt, weil sie sich in einer Höhle versteckte. Als Täter hatte man in Windeseile Louis Wagner, einen 28-jährigen preußischen Einwanderer und Hilfsarbeiter, ausgemacht, der jedoch bis zu seiner Hinrichtung vehement seine Unschuld beteuerte.

Jean verbindet ihren Auftrag mit einem Segeltörn zu den Isles of Shoals gemeinsam mit ihrem Mann Thomas, einem berühmten Dichter, ihrer fünfjährigen Tochter Billie, ihrem Schwager Rich und seiner neuen Freundin Adaline. Ihr ist zwar klar, dass es auf Smuttynose nicht mehr viel zu fotografieren gibt, denn nach einem Brand existieren von dem Mordhaus nicht mal mehr die Grundmauern, aber sie hofft, in den lokalen Archiven weitergehende Informationen über die Mordnacht und den für die damalige Zeit spektakulären Prozess zu finden.

Die Suche nach der Wahrheit

Jean freut sich auf die gemeinsame Zeit mit ihrer Familie, doch schon nach kurzer Zeit macht sich Ernücherung breit. Ihr wird klar, wie verfahren ihre Ehe mit Thomas ist, dessen Alkoholkonsum ein besorgniserregendes Ausmaß angenommen hat. Sie haben sich nicht mehr viel zu sagen, nur Tochter Billie scheint die beiden noch zusammenzuhalten. Erste Konflikte und Spannungen treten auf, die sich auf engstem Raum noch verstärken. Rich, durchtrainierter Bonvivant und das krasse Gegenteil seines blassen Bruders, hat kein Verständnis für Thomas‘ selbstzerstörerische Ader und hält zu Jean, während Thomas für Jeans Geschmack viel zu häufig die Nähe von Richs attraktiver Begleiterin Adaline sucht.

In Portsmouth angekommen, begibt sich Jean als erstes in die städtische Bibliothek und hat Glück im ersten Anlauf: Die Archivschriften der Isles of Shoals sind gerade eingetroffen – allerdings komplett durcheinander und unsortiert, doch das tut Jeans Freude keinen Abbruch. Sie sichtet Seite um Seite und versinkt in ihren Recherchen. Schließlich stößt sie auf etwas, was sie nie auch nur zu finden hoffte: Die privaten Aufzeichnungen von Maren Hontvedt, die einzig Überlebende, die ihr Leben und die Mordnacht, die sie schwer traumatisierte, Revue passieren lässt. Da Jean weiß, dass man ihr nie erlauben würde, diese Unterlagen, auf die noch niemand vor ihr aufmerksam geworden ist, mitzunehmen, stiehlt sie sie kurzerhand.

Im Auge des Sturms

Zurück auf dem Boot nimmt Jean mit wachsendem Missfallen zur Kenntnis, wie gut Thomas, Adaline und Billie sich verstehen und wie sehr sie es genießen, Zeit miteinander zu verbringen. Im Gegenzug wendet sie sich verstärkt Rich zu und wird immer abweisender zu Adaline und Thomas, der den Grund für ihren Unmut in keiner Weise nachvollziehen kann. Doch Marens Lebensgeschichte zieht Jean zunehmend in ihren Bann: Ihre arrangierte, lieblose Ehe mit ihrem Mann John, ihre abgöttische Liebe zu ihrem Bruder Evan, ihre Abneigung gegenüber ihrer Schwester Karen und ihre Zurückhaltung gegenüber der naiven Schwägerin Anethe offenbaren ein schwelendes Beziehungsgeflecht, von dem kein Außenstehender wusste. Als Jean schließlich kurz davor ist, den wahren Tätet anhand von Marens Aufzeichnungen zu entlarven, geraten sie und ihre Familie mit ihrem Segelboot in einen schweren Sturm, der ihr Leben auf tragische Weise für immer verändert…

Bewegende Beziehungstragödie mit Schauereffekten

In zwei Handlungssträngen erzählt Shreve sowohl Jeans als auch Marens tragische Geschichte und generiert einen Spannungsbogen mit wohl dosierten Schauereffekten, der bis zur überraschenden, hochdramatischen Auflösung fesselt. Der Roman ist Beziehungstragödie und Thriller zugleich, der darüber hinaus von der Autorin detailliert recherchierte und sehr aufschlussreiche historische Informationen über das karge und entbehrungsreiche Leben der norwegischen Fischer, die nach Amerika immigrierten, beinhaltet.

Die Axtmorde auf Smuttynose im Jahre 1873 sind tatsächlich geschehen, die Stories um Jean und Maren hat die Autorin sehr klug und äußerst packend dazu erdacht. Diese gelungene Mischung aus Facts & Fiction macht das Besondere dieses brillant geschriebenen Romans aus. Auch die Protagonisten sind sehr einprägsam: Die bodenständige Jean, die mit ihrer Ehekrise und ihrer Eifersucht überfordert ist, der von einem schrecklichen Erlebnis traumatisierte Dichter Thomas Janes, der versucht, seine Verzweiflung im Alkohol zu ertränken und nicht zuletzt Maren, deren spartanisches Leben mit ihrem ungeliebten Ehemann John in der Einöde und Kargheit der neuen Heimat zu einem Albtraum wird.

Die Konstellation der Hauptfiguren – in der Gegenwart und in der Vergangenheit – machen die aufkommenden Spannungen für den Leser spürbar. Der schwere Sturm und das aufbrausende Meer, die in der Mordnacht tobten und auch den gegenwärtigen Segeltörn auf tragische Weise beenden, reflektieren das aufgewühlte Seelenleben der Protagonisten. Die Naturgewalten sind zudem Vorboten der schrecklichen Ereignisse, die folgen und nach denen nichts mehr so ist wie vorher.

Nach Lektüre des Romans fragt man sich als Leser unweigerlich, wie es wohl weitergeht. Eine Antwort lässt sich nur schwerlich finden. Allerdings begegnet uns der unglückliche Poet Thomas Janes noch ein weiteres Mal: In Shreves Roman Der weiße Klang der Wellen (The Last Time They Met), der ebenso wie Das Gewicht des Wassers ein Must Read ist.

Anita Shreve: Amerikanische Bestsellerautorin und Journalistin

Anita Shreve wurde 1946 in Dedham (nahe Boston)/Massachusetts als älteste von drei Töchtern eines Piloten und einer Hausfrau geboren. Sie studierte an der Tufts University und arbeitete nach ihrem Abschluss zunächst viele Jahre als High School Lehrerin in Reading. Während dieser Zeit begann sie zu schreiben. Einige ihrer Kurzgeschichten wurden in Literaturmagazinen veröffentlicht – für die Short Story Past the Island, Drifting erhielt sie den O. Henry Prize.

Ihr wurde allerdings schnell klar, dass sie von der Schriftstellerei allein ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten konnte, und so wandte sie sich parallel dem Journalismus zu. Sie arbeitete drei Jahre als Journalistin für ein afrikanisches Magazin in Nairobi/Kenia. Nach ihrer Rückkehr in die USA lehrte sie Kreatives Schreiben am Amherst College und war freiberuflich für eine Reihe von namhaften Magazinen wie The New York Times Magazine, The New York Magazine etc. tätig.

1989 veröffentlichte sie ihren ersten Roman Eden Close. Ein erster durchschlagender literarischer Erfolg gelang ihr neun Jahre später – 1997 – mit ihrem fünften Buch, Das Gewicht des Wassers (The Weight of Water), für das sie mit dem PEN New England Award/L. L. Winship ausgezeichnet wurde. Der Roman wurde 2000 von Regisseurin Kathryn Bigelow mit Sean Penn, Sarah Polley und Elizabeth Hurley in den Hauptrollen sehr erfolgreich verfilmt.

Ihr darauffolgender Roman Die Frau des Piloten (The Pilot’s Wife) brachte ihr 1998 auch den internationalen Durchbruch als Schriftstellerin. Das Buch avancierte in kürzester Zeit zum Bestseller: Die berühmte amerikanische Talkmasterin Ophrah Winfrey empfahl es in ihrem namhaften Book Club als Buch des Monats, was seine Bekanntheit noch immens förderte. Der Roman wurde 2002 von Robert Markowitz mit Christine Lathi, Campbell Scott und John Heard verfilmt. 2003 adaptierte dann Regisseur Todd Marnicki einen weiteren Roman der Autorin: Im Herzen des Winters (Resistance) mit Bill Paxton und Julia Ormond.

Insgesamt hat Anita Shreve bisher 17 Romane veröffentlicht, die sich millionenfach verkauften. Ihr neuestes Buch The Stars Are Fire erscheint im April dieses Jahres in den USA.

Weitere Informationen findet ihr auf der Website der Autorin www.anitashreve.com, der ich auch ihre biografischen Angaben entnommen haben.


Originalausgabe: Shreve, Anita. The Weight of Water. Toronto/Canada: Little, Brown & Company, 1997.
Deutsche Ausgabe: Shreve, Anita. Das Gewicht des Wassers. Aus dem Amerikanischen von Mechtild Sandberg. München: Piper Verlag GmbH, 1997.
Buchcover: www.piper.de

Luxusleben

Liza Klaussmann: Villa America

Sie waren der Inbegriff der Reichen und Schönen in den Goldenen Zwanzigern und zelebrierten das Leben und den Luxus. Ihr exquisiter Stil und ihr Sinn für Kunst und Literatur waren ebenso einzigartig wie ihre legendären Parties, die sie mit dem Who is Who der literarischen und künstlerischen Größen in ihrem exklusiven südfranzösischen Domizil, Villa America, glamourös feierten. Und doch waren die Murphys, die im Fokus von Liza Klaussmanns zweitem Roman stehen, hinter der Glitzerfassade eine bodenständige amerikanische Expatriate-Familie: Yale-Absolvent Gerald, Sohn eines reichen Lederwarenhändlers aus New York, und Sara, geb. Wiborg, Tochter eines vermögenden Tintenherstellers, führten mit ihren drei Kindern Patrick, Boath und Honoria trotz ihres immensen Wohlstandes ein relativ normales Leben, das jedoch von zwei tragischen Schicksalsschlägen erschüttert wurde, die beide nie verkrafteten.

Die Priviligierten

In drei Teilen (Teil 1: Das Erwachen – Teil 2: Die goldene Schale – Teil 3: Was gefunden wurde) mit verschiedenen Handlungssträngen und aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt Klaussmann die Geschichte des berühmtesten VIP-Paares seiner Zeit auf sehr berührende Weise. Sie beginnt jedoch nicht in medias res, sondern setzt bei der Kindheit und Jugend der beiden Protagonisten an, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Während der introvertierte, feinfühlige Gerald von einem schikanösen Kindermädchen erzogen wird und sehr unter der Lieblosigkeit und Strenge seines erfolgreichen Vaters leidet, wachsen Sarah und ihre zwei Schwestern wohlbehütet und umsorgt auf. Ihre Mutter, eine bekannte High Society Lady, lässt es ihnen an nichts fehlen und führt sie in die feine Gesellschaft ein, wo sie Ausschau nach einem passenden Ehemann halten sollen. Doch Sarah liebt ihre Freiheit und ist auch im Alter von 29 noch unverheiratet – ein absolutes No-Go in der damaligen Zeit.

Ehe mit Hindernissen

Da sich Geralds und Saras Familien kennen, treffen sich die beiden des Öfteren im Urlaub in den exklusiven Hamptons. Aus der anfänglichen Freundschaft erwächst eine tiefe Zuneigung und schließlich Liebe. Beide sind sehr literatur- und kunstinteressiert, äußerst ästhetisch-orientiert und teilen ihre Begeistung für ausgefallene Dinge. Als sie schließlich ihren Eltern von ihren Heiratsabsichten berichten, sind diese nicht begeistert: Saras Familie möchte keinen Schwiegersohn aus einer Händlerfamilie, und Geralds Vater ist mit den Entscheidungen seines Sohnes prinzipiell nie einverstanden, weil ihm in seinen Augen jeglicher Geschäftssinn und die gebührende Lebenshärte fehlt. Doch beide setzen sich durch und beschließen nach ihrer Heirat und Geburt ihrer drei Kinder, den USA den Rücken zu kehren.

Glückliche Ex-Patriates

Sie ziehen nach Paris, wo Gerald sich endlich seiner heißgeliebten Malerei widmen kann, ohne dafür von seinem Vater gedemütigt zu werden. Dort machen sie schnell Bekanntschaft mit der literarischen und künstlerischen Ex-Patriate-Bohème: Sie treffen u.a. auf F. Scott Fitzgerald und seine Frau Zelda, Ernest Hemingway, John Dos Passos, Jean Cocteau, Pablo Picasso, Dorothy Parker und Cole Porter, ein enger Studienfreund von Gerald. Als sie schließlich eine luxuriöse Villa am südfranzösischen Cap d’Antibes beziehen, die sie Villa America nennen, wird diese schnell zum kulturellen Dreh- und Angelpunkt der Schriftsteller- und Künstlerszene: Die Murphy-Parties sind nicht zu übertreffen, eine Einladung gleicht einem Ritterschlag. Gerald und Sara unterscheiden sich wohltuend von der reichen Schickeria, denn sie sind äußerst belesen und künstlerisch sehr gebildet, so dass ein Gedankenaustausch mit ihnen für die Schriftsteller, Maler und Musiker immer sehr inspirierend ist. Doch auch der Spaß darf natürlich nicht zu kurz kommen: Saras Kostümparties sind ein Hit, für die Skandale sorgen die Gäste – sei es nun der sturzbetrunkene Fitzgerald, der die Gäste anpöbelt, seine oftmals theatralische Gattin Zelda, die in einem pinken Tütü Rad schlägt oder Hemingway, bei dem Eifersuchtsszenen mit seinen wechselnden Ehefrauen an der Tagesordnung sind.

Eine folgenschwere Begegnung

Zu dieser bunten Gesellschaft stößt eines Tages der scheue Pilot Owen Chambers, der nach seinem Einsatz im 1. Weltkrieg nunmehr für ein kleines Gehalt Luxusgüter transportiert. Durch Zufall lernen er und die Murphys sich kennen und schätzen. Besonders er und Gerald fühlen sich sofort eng verbunden. Die Murphys geben ihm Transportaufträge und laden ihn auch zu ihren Parties ein. Dass Owen auf Männer steht, wird schnell deutlich, man ist jedoch diskret und tolerant genug, um daraus kein Thema zu machen. Gerald, dessen feminine Seite schon oftmals Anlass zu Spekulationen gab, fühlt sich mehr und mehr zu Owen hingezogen, der seine Gefühle – wenn auch zögerlich – erwidert. Sie beginnen schließlich eine Affäre in aller Heimlichkeit, doch beide können ihr Glück nicht genießen, denn zu sehr plagt sie das schlechte Gewissen wegen Sara. Sie merkt natürlich, dass etwas im Gange ist, doch ihre tiefe Liebe zu Gerald ist für sie entscheidend. Als dann ihre Familie von zwei tragischen Schicksalsschlägen erschüttert wird, die Gerald und Sara kaum verkraften können, trifft Owen eine folgenschwere Entscheidung, nach der nichts mehr so ist wie vorher…

Ein beeindruckender Roman über das Leben eines berühmten It-Paares

Mit Villa America ist Liza Klaussmann ein eindrucksvoller Roman über das Leben und Schicksal der berühmten Murphys gelungen. Ihr äußerst detailliert recherchiertes Werk ist nicht nur eine großartig erzählte Rückschau auf das Leben der beiden Protagonisten, sondern lässt auch die glamourösen 20er Jahre voll sprühender Lebensfreude und Esprit wieder lebendig werden. Die glorreichen Parties des It-Paares beschreibt die Autorin derart lebhaft, dass man meint, mitten im Geschehen zu sein, was ein wahrer Lesegenuss ist. Es gelingt der Schriftstellerin meisterhaft, den Leser am Ende des Romans mit dem Gefühl zurückzulassen, alle Personen des Buches schon lange und gut gekannt zu haben. Und genau auf diese Weise entfalten Facts & Fiction ihre ganz besondere Wirkung.

Da tut es auch gar nichts zur Sache, dass Klausssmann Pilot Owen Chambers frei erfunden hat. Da schon sehr früh Gerüchte kursierten, dass Gerald eventuell homosexuell sein könnte, kreierte Klaussmann Owen als Murphys männliches Pendant. Chambers ist darüber hinaus eine tragische Figur, dessen schicksalhafte Lebensgeschichte in separaten Handlungssträngen erzählt wird – ein weiteres Highlight dieser erstklassig komponierten Geschichte, die nach Lektüre noch lange nachhallt. Mein Fazit: Ein absolutes Must Read!

Liza Klaussmann: Ur-Ur-Urenkelin von Herman Melville und Fan der Roaring Twenties

Liza Klaussmann wurde 1976 in Brooklyn/New York geboren. Sie ist die Urururenkelin von Herman Melville, der u.a. den Klassiker Moby Dick schrieb. Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte sie auf Martha’s Vinyard, einer exklusiven idyllischen Insel an der Südküste von Cape Cod/Massachusetts. Sie studierte Kreatives Schreiben in den USA und in England und arbeitete danach zunächst als Journalistin. Für die renommierte Zeitung International Herald Tribune war sie zehn Jahre als Korrespondentin in Paris tätig. Im Jahre 2001 wechselte sie dann zur namhaften New York Times, wo sie im Bereich Financial News arbeitete.

Der literarische Durchbruch gelangt ihr gleich mit ihrem ersten Roman, Zeit der Raubtiere (Tigers in Red Weather), der 2012 erschien und mit dem British National Book Award und dem ELLE Grand Prix for Fiction ausgezeichnet wurde. Darüber hinaus ernannte sie Amazon UK zum literarischen Rising Star des Veröffentlichungsjahres.

Wie Klaussmann Gemma Kappala-Ramsamy von The Guardian in einem Interview1 verriet, liebt sie nicht nur die Literatur ihres Urururgroßvaters, sondern ist darüber hinaus auch ein großer Fan des amerikanisch-britischen Schriftstellers Henry James, dessen Werke sie sehr beeindruckt haben. Darüber hinaus liest sie mit der gleichen Begeisterung die hochspannenden Krimis von PD James, Martha Grimes und Patricia Cornwall, die sie sehr bewundert.

Die Schriftstellerin lebt mit ihrer Familie in London, wo sie auch arbeitet.

Die biografischen Angaben der Autorin sind den Verlagsinformationen entnommen.


Originalausgabe: Klaussmann, Liza. Villa America. London: Picador/Pan Macmillan/Macmillan Publishers Ltd., 2015.
Deutsche Ausgabe: Klaussmann, Liza. Villa America. Aus dem amerikanischen Englisch con Michaela Grabinger. München: Droemer Knaur GmbH & Co. KG, 2016.
Buchcover: www.droemer-knaur.de
1Interview von Gemma Kappala-Ramsamy, The Guardian, 12.08.2012: https://www.theguardian.com/books/2012/aug/12/liza-klaussmann-interview-tigers-red-weather

Mata Hari: Jenseits des Mythos

Paulo Coelho: Die Spionin

Als Protagonistin seines neuesten Romans Die Spionin hat der brasilianische Bestsellerautor Paulo Coelho eine schillernde und undurchsichtige Frauenfigur gewählt, die ihren eigenen Mythos schuf und die Gesellschaft wie kaum eine andere polarisierte. Die Geschichte der niederländischen Hutmacher-Tochter Margaretha Zelle, die als exotische Tänzerin unter dem Künstlernamen Mata Hari (javanisch: Auge des Tages/Sonne) alle in ihren Bann zog und als glamouröse Kurtisane mächtiger Männer ein Luxusleben führte, ist ebenso abenteuerlich wie tragisch. Für die einen war sie die sinnliche Verkörperung eines unbezähmbaren Freigeistes und einer emanzipierten Frau, die nach ihren eigenen Regeln lebte und sich in einer von Männern dominierten Welt behauptete. Für die anderen war sie eine manipulative Lügnerin und Exhibitionistin, die sich auf der Bühne auszog und sich für Geld, Schmuck und teure Kleider prostituierte.

Lichtgestalt im Schatten

Doch wer bzw. wie war sie wirklich? Dass die Lichtgestalt hinter all dem Glanz ein Schattendasein fristete, scheint undenkbar. Hier setzt Coelho an und stellt auf seine ganz spezielle Weise die diversen Facetten des nebulösen Charaktermosaiks der Femme Fatale heraus. Mittels eines aus drei Teilen bestehenden fiktiven Briefromans erzählt er vom ungewöhnlichen Aufstieg und fatalen Niedergang der freiheitsliebenden Diva: Zum einen aus Sicht der Ich-Erzählerin Margaretha/Mata, die aus dem Gefängnis in einem Brief an ihren glücklosen Anwalt Maître Clunet ihr Leben Revue passieren lässt (Teil 1 und Teil 2) – zum anderen aus Sicht des zweiten Ich-Erzählers, ihres o.g. Verteidigers, der verzweifelt versucht, sie zu retten (Teil 3). Es ist ein bewegtes, aufregendes, gefährliches, aber auch oberflächliches Leben, an dem Coelho uns teilhaben lässt, für das die berühmte Schlüsselfigur am Ende den höchsten Preis zahlen muss.

Trauma und Flucht

Margaretha Zelles Lebensgeschichte beginnt zunächst recht beschaulich. Sie wurde 1876 im niederländischen Leeuwarden geboren, wo ihre Eltern eine Hutmacherei betreiben. Die erfolgreichen Börsenspekulationen ihres Vaters ermöglichen ihnen anfänglich eine sorgenfreie Existenz, die kleine Margaretha wächst rundum behütet auf. Als die Mutter jedoch krank wird und stirbt, ändert sich alles. Margaretha wird auf eine Schule in Leiden geschickt – dort wird sie ein traumatisches Erlebnis für immer verändern: Der Direktor der Schule vergewaltigt sie im Alter von 16 Jahren, und nichts ist mehr wie vorher. Sie beschließt, dem spießigen, kleinbürgerlichen Milieu zu entfliehen und sieht nur einen Ausweg aus ihrem Dilemma: Die Ehe mit einem adäquaten Mann, der ihr die Welt zu Füßen legt.

Alptraum einer Ehe

Und so antwortet sie auf eine Annonce des mehr als doppelt so alten Rudolph MacLeod, ein Offizier aus Niederländisch-Ostindien, der auch tatsächlich anbeißt. Sie heiratet ihn, zieht mit ihm nach Java und bekommt zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn, der jedoch auf tragische Weise ums Leben kommt. Ihre Ehe, von der sie sich so viel erhofft hatte, erweist sich als Alptraum: Ihr Mann trinkt, betrügt, schlägt und vergewaltigt sie. Zunächst erduldet sie alles, doch nach einem grausamen Erlebnis, das sie tief erschüttert, hat sie genug. Sie verlässt ihren Mann und ihre Tochter, um in Europa nochmals von vorne zu beginnen.

Schillernder Neubeginn

Margaretha erfindet sich neu, sogar ihren Namen legt sie ab. Sie weiß um ihre Wirkung auf Männer und strebt als geheimnisvolle Mata Hari eine Karriere als glamouröse orientalische Tänzerin in Paris an. Mit dramatischen Kostümen, opulentem Schmuck und sinnlichen Tänzen, an deren Ende sie sich vollständig entkleidet, setzt sie sich gekonnt in Szene und avanciert schließlich zum Star. Auftritte im Olympia und mit den namhaften Folies Bergères lassen sie zu einer – wenn auch skandalösen – Berühmtheit werden. Ihre Gönner – mächtige, reiche Männer aus Politik und anderen einflusssreichen Kreisen – geben sich die Klinke in die Hand und lassen sie im Luxus schwelgen. Doch wo bleibt das Glück? Der Liebe hat sie nach ihrer Vergewaltigung abgeschworen, Sex ist für sie nur Mittel zum Zweck. Für sie ist alles ein großes Spiel, sich selbst sieht sie als Kriegerin, die stets alles unter Kontrolle hat und nur gewinnen kann. Sie manipuliert Männer wie Frauen und bekommt am Ende immer das, was sie will. Auch ihren Mythos kreiert sie selbst: Die rätselhafte verführerische Exotin, um deren Vergangenheit sich viele Gerüchte ranken und die jeden auf geheimnisvolle Art in ihren Bann zieht.

Gefährliches Spiel

Doch als der Erste Weltkrieg ausbricht, wendet sich das Blatt. Mata wird von französischer und deutscher Seite animiert, als Spionin tätig zu werden. Nicht ahnend, in welche Gefahr sie sich begibt, erklärt sie sich – auf beiden Seiten – dazu bereit, obwohl sie in keiner Weise die Absicht hat, zu spionieren. Sie beschließt, lediglich Klatsch und Tratsch weiterzugeben, der ihr bei ihren Treffen mit den Mächtigen, Reichen und Schönen zu Ohren kommt. Aber sie unterschätzt ihre Gegenspieler, und so kommt es wie es kommen muss.: Man verhaftet sie als Doppelagentin wegen Hochverrats. Mata ist fest davon überzeugt, dass ihr nichts passieren kann und sich einer ihrer reichen Gönner bestimmt für sie einsetzt. Doch alle ziehen sich zurück, am Ende ist sie ganz auf sich allein gestellt. Nur ihr Verteidiger Clunet setzt alles daran, ihr Leben zu retten, aber Matas Hang zur Unwahrheit setzt eine fatale Abwärtsspirale in Gang, die am Ende den höchsten Tribut fordert…

Brillante Retrospektive einer freiheitsliebenden Femme Fatale

Mit Die Spionin ist Paulo Coelho eine brillante Retrospektive einer unkonventionellen Frau und Künstlerin gelungen, die ihrer Zeit weit voraus war und die für ihr selbstbestimmtes, freies Leben schließlich teuer bezahlte. Coelho hat exzellent recherchiert: Er erforschte nicht nur Mata Haris Leben en detail, sondern studierte auch insbesondere ihre Gerichtsakten. Die berührende Lebensbeichte der rätselhaften Femme Fatale, die gleichzeitig auch eine bestechend scharfe Selbstanalyse ist, hat Coelho so realitätsnah komponiert, dass man vergisst, dass es sich hierbei um Fiktion handelt. Mit großem Einfühlungsvermögen versetzt er sich in die Gedankenwelt dieses weiblichen Libertins und lässt uns teilhaben an ihren Träumen, ihrem grausamen Erwachen, ihrem Neubeginn, ihrem kometenhaften Aufstieg und schließlich auch an ihrem tragischen Niedergang.

Es ist eine Gratwanderung, die Coelho jedoch meisterhaft gelingt: Sein Vermischen von Facts & Fiction macht den Roman zu einem ganz besonderen Leseerlebnis, an dessen Ende wir nicht umhin kommen, Margaretha/Mata zu bewundern – für ihr unermüdliches Streben nach Freiheit in einer patriarchalischen Gesellschaft, für ihren Mut, ihre Macht als Frau zu ihren eigenen Gunsten zu nutzen, für ihre Kühnheit, über alle gesellschaftlichen Regeln hinweg ihr eigenes Leben nach ihren Vorstellungen zu gestalten, auch wenn es für Frauen damals wenig schicklich war.  Und die nonkonforme Rebellin geht ihren Weg unbeirrt bis zum Schluss, um ihrem Schicksal – scheinbar furchtlos – noch ein letztes Mal die Stirn zu bieten.

Mein Fazit: Ein brillanter Roman – sehr lesens- und empfehlenswert!

Paulo Coelho: Bestseller-Autor und lebenskluger Philosoph

Der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho wurde 1947 in Rio de Janeiro als Sohn eines Ingenieurs geboren. Er wurde streng religiös erzogen und besuchte die lokale Jesuitenschule. Dort startete er auch seine ersten literarischen Versuche und gewann in jungen Jahren sogar einen Preis bei einem Lyrik-Wettbewerb. Nach absolvierter Schulzeit begann Coelho ein Jurastudium – sehr zum Mißfallen seines Vaters, der aus ihm gerne ebenfalls einen Ingenieur gemacht hätte. Doch sein Sohn rebellierte, brach sein Studium ab und zog als Hippie zwei Jahre um die Welt. Danach versuchte er sich als Theater- und Drehbuchautor, jedoch erfolglos. Er konsumierte Drogen und begehrte gegen das Establishment auf. Seine konservativen Eltern waren über den unsteten Lebenswandel ihres Sohnes entsetzt und ließen ihn mehrfach in eine psychiatrische Anstalt einweisen.

In den 70er Jahren war Coelho als Mitglied der antikapitalistischen „Alternativen Gesellschaft“ auch politisch aktiv und schrieb provokante Rocksongs gemeinsam mit dem Musiker Raul Seixas. Er studierte und probierte unterschiedliche Lebensmodelle aus (u.a. auch Hare Krishna) und startete seine ersten Versuche als Schriftsteller, die jedoch nicht erfolgreich waren. Um sich zu finanzieren, arbeitete er in dieser Zeit u.a. bei einer Plattenfirma und als Redakteur.

Coelhos einschneidendes Erlebnis in der 80er Jahren, das ihn zum katholischen Glauben zurückfinden ließ, war seine Pilgerreise auf dem Jacobsweg, die er in seinem 1987 publizierten gleichlautenden Buch Auf dem Jakobsweg – Tagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela verarbeitete. 1988 folgte dann sein Roman Der Alchimist, der jedoch zunächst nicht so gut angenommen wurde. Dies änderte sich jedoch mit seinem nächsten Werk Brida, ein sensationeller Überraschungserfolg, der entscheidend dazu beitrug, dass seine beiden ersten Bücher ebenfalls den Sprung auf die Bestsellerlisten schafften. Aufgrund exorbitant hoher Verkaufszahlen gelang Coelho mit Der Alchimist sogar der Eintrag ins berühmte Guinness Buch der Rekorde.

Danach ging es mit seiner Karriere stetig aufwärts: Mit Werken wie Schutzengel, Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte, Der Wanderer, Der fünfte Berg, Veronika beschließt zu sterben, Der Dämon und Fräulein Prym, Der Zahir, Die Hexe von Portobello, Aleph, Die Schriften von Accra, Untreue u.v.m. katapultierte er sich in die Riege der Weltbestseller-Autoren. Seine Romane wurden in 81 Sprachen übersetzt und erreichten eine Auflage von ca. 210 Mio. Exemplaren. Er wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet – u.a. Crystal Award des World Economic Forums, Planetary Consciousness Award des Clubs of Budapest, BAMBI, Buchpreis Corine für Belletristik u.v.m. Zudem ist er Mitglied der französischen Ehrenlegion und der namhaften Academia Brasileira de Letras.

Darüber hinaus ist Coelho mit mehr als 10 Mio. Followern bei Twitter und 26 Mio. Likes bei Facebook der ungekrönte Literaten-König der Social Media.

Weitere Informationen findet ihr auf der Website http://www.paulocoelho.info/Paulo-Coelho.html und seiner Homepage bzw. seinem Blog, http://paulocoelhoblog.com.

Seine biografischen Angaben sind den Verlagsinformationen, seiner o.g. Homepage und Wikipedia entnommen.


Originalausgabe: Coelho, Paulo. A Espiã. Rio de Janeiro: Editora Paralela (Editora Schwarcz S.A.), 2016.
Deutsche Ausgabe: Coelho, Paulo. Die Spionin. Aus dem Brasilianischen von Maralde Meyer-Minnemann. Zürich: Diogenes Verlag AG, 2016.
Buchcover: www.diogenes.ch