Die Sünden der Väter

Valerie Jakob: Hôtel Atlantique

Valerie Jakobs Debütroman Hôtel Atlantique ist eine Klasse für sich. Die facettenreiche Geschichte lässt sich in kein Schema pressen, denn sie beinhaltet krimieske, geschichtliche und soziale Aspekte, die die Autorin geschickt miteinander verwoben hat. Obwohl man aufgrund des Klappentextes einen sommerleichten Krimi vermuten könnte, der an der französischen Atlantikküste spielt, hat das Buch einiges mehr zu bieten: Die gehaltvolle Story handelt zwar primär von einem mysteriösen Todesfall, thematisiert aber ebenso ein düsteres Kapitel der deutsch-französischen Vergangenheit auf sehr bewegende Weise und befasst sich darüber hinaus mit der derzeitigen brisanten gesellschaftspolitischen Situation Frankreichs. Diese außergewöhnliche Kombination hält, was sie verspricht und lanciert zugleich eine ganz besondere Protagonistin, die hoffentlich mit ihrem jungen pfiffigen Adlatus noch viele weitere Fälle lösen wird.

Auf frischer Tat

Die französische Ex-Kommissarin Delphine Gueron zieht nach ihrer Pensionierung von Paris zurück in ihren Heimatort, das idyllische St. Julien de la mer nahe des exklusiven Biarritz. Sie genießt die Ruhe und das Meer und ist froh, den Trubel der französischen Großstadt hinter sich gelassen zu haben. Sie beschließt, ihren Garten aufzuhübschen, doch noch bevor sie damit beginnen kann, erwischt sie des Nachts einen Einbrecher auf frischer Tat, der ihren Schuppen durchforstet: Der 15-jährige Karim Amandier ist mehr als schockiert, als er eine Waffe auf sich gerichtet sieht – und dies auch noch von einer älteren Dame, die in keiner Weise verängstigt, sondern entschlossen ist, sie auch zu benutzen. Delphine tut der zitternde Junge leid, und sie bietet ihm einen Deal an: Wenn er sich bereit erklärt, ihr für eine gewisse Zeit bei der Haus- und Gartenarbeit zu helfen, wird sie von einer Anzeige absehen. Karim stimmt widerwillig zu, aber er hat auch keine andere Wahl. Der Kleinkriminelle algerischer Abstammung hatte schon mehrfach Ärger mit der Polizei, was seine alleinerziehende Mutter schier zur Verzweiflung treibt.

Ein mysteriöser Todesfall

Nach dieser unerwarteten Aufregung kehrt wieder Ruhe in Delphines beschaulichen Alltag ein. Sie freut sich ganz besonders auf ihre allwöchentlichen Treffen mit ihrer besten Freundin Aurélie de Montvignon im mondänen Belle Époque Hôtel Atlantique. Beim gemeinsamen Tee und köstlichen Petits Fours tauschen sich die vermögende Witwe Aurélie, die in einem märchenhaften, über der Steilküste thronenden Anwesen residiert, und Single Delphine über alles und jeden aus. Als Aurélie eines Nachmittags nicht, wie üblich, zur vereinbarten Uhrzeit erscheint, ist Delphine sofort beunruhigt, denn ihre Freundin, die sich für ihr gemeinsames Treffen stets ein Zimmer im Hotel anmietet, ist gewöhnlich überpünktlich. Als sie draußen einen Menschenauflauf sieht, weiß sie, dass etwas Furchtbares passiert ist. Nach einem Sturz vom Balkon ihrer Suite liegt Aurélie tot im Innenhof des Hotels. Man vermutet einen tragischen Unfall oder gar Suizid, doch Delphine will von alledem nichts hören: Aurélie war weder gebrechlich noch selbstmordgefährdet, somit machen beide Theorien in ihren Augen keinen Sinn.

Auf eigene Faust

Der mit dem Fall beauftragte Kommissar Lucien Benazet, den Delphine bereits seit langem kennt, vertraut dem Instinkt der Ex-Kommissarin, doch ihm sind die Hände gebunden, denn die Obduktion ergibt nichts, woraus man schließen könnte, dass Aurélie Gewalt angetan wurde. Aber Delphine, die noch immer unter Schock steht, will sich damit nicht zufriedengeben und beschließt, auf eigene Faust zu ermitteln. Bei ihren Recherchen ist ihr Karim, der ihr mittlerweile sehr ans Herz gewachsen ist, eine große Hilfe. Der Halbwüchsige, der über eine exzellente Beobachtungsgabe verfügt, liefert einen wichtigen Hinweis, dessen Tragweite er sich zunächst gar nicht bewusst ist. Doch auch hier führt die Spur – so scheint es zunächst – ins Nichts.

Delphine ermittelt schließlich im nahen Umfeld von Aurélie und stößt hier gleich auf mehrere Personen, die ihr undurchsichtig erscheinen: Der mysteriöse, äußerst schweigsame Richard Lebrun, ein enger Freund der Famile, der in Aurélies Villa wohnt und dessen enge Verbindung zu ihr aus seiner tragisch-dunklen Vergangenheit nach Ende des 2. Weltkriegs resultiert, sowie Damien de Montvignon, Aurélies verhasster Neffe, ein abgezockter Banker, der mit seiner luxusverwöhnten Frau Antoinette nach Aurélies Tod auf eine große Erbschaft hofft.

Sie alle geraten ins Visier von Delphines Ermittlungen, die auch dank Karim immer ein Stück weiter vorangehen. Sie ahnt jedoch nicht im geringsten, in welcher Gefahr sie – und Karim – schweben, denn der wahre Täter, der glaubt, das perfekte Verbrechen begangen zu haben, will um jeden Preis verhindern, dass Delphine ihn entlarvt und schreckt dabei vor nichts zurück, um sein tödliches Geheimnis zu bewahren…

Facettenreicher Roman mit ungewöhnlichem Ermittlerduo

Mit Hôtel Atlantique ist Valerie Jakob ein absolut überzeugendes literarisches Erstlingswerk gelungen, das Lust auf mehr macht. Der mysteriöse Kriminalfall, mit dessen Auflösung man am Ende in keiner Weise rechnet, ist klug erdacht und wird gekonnt in geschichtliche und gesellschaftspolitische Szenarien eingebettet. Insbesondere der geschichtliche Teil, der in die deutsch-französische Vergangenheit zurückführt und Fakten und Wahrheiten offenbart, die mir in diesem grausamen Ausmaß nicht bekannt waren, hat mich sehr schockiert und bewegt. Die Autorin hat äußerst detailliert recherchiert, wie man ihrer anschließenden Danksagung entnehmen kann. Das hier von Jakob aufgeführte, 2004 im Piper Verlag erschienene Buch Kinder der Schande werde ich demnächst vor diesem Hintergrund lesen.

Darüber hinaus hat Jakob mit der eigenwilligen Ex-Kommissarin Delphine Gueron und dem aufgeweckten Karim ein eigentümliches, aber sehr bemerkenswertes Ermittlerduo erschaffen, das in keiner Weise klischeehaft ist. Ihre Kommissarin ist – zum Glück – keine Powerfrau im Laura Croft Stil, sondern gehört zur alten Garde ihrer Profession – jedoch keinesfalls zum alten Eisen. Sie muss sich nichts mehr beweisen, keine strikten Polizei-Regeln befolgen und kann sich bei ihren persönlichen Recherchen ganz auf ihren Instinkt verlassen, der sie nur selten trügt.

Mit der Figur des kleinkriminellen Franko-Algeriers Karim und seinem spannungsgeladenen Umfeld rückt sie ein sozialpolitisches Pulverfass Frankreichs in den Vordergrund, das nicht zu unterschätzen ist. Karims Probleme, als Sohn eines Algeriers nicht auf die schiefe Bahn zu geraten und seinen Platz in der französischen Gesellschaft zu finden, zeigen deutlich, wie brisant dieses Thema gerade auch angesichts der derzeitigen Lage in unserem Nachbarland ist.

Alles in allem ist der Roman eine äußerst beachtenswerte, spannende und berührende Mélange aus Krimi, geschichtlichem Hintergrund und Gesellschaftskritik – all dies vor der traumhaften Kulisse der französischen Atlantikküste, die ein ganz besonderes Flair hat. Daher mein Fazit: Sehr lesens- und empfehlenswert!

Valerie Jakob: Erfolgreiche Übersetzerin und Debüt-Autorin

Über Valerie Jakob ist nicht viel bekannt. Sie zählt zu den renommiertesten und erfolgreichsten Übersetzerinnen englisch- und französischsprachiger Literatur und hat nun mit Hôtel Atlantique ein vielversprechendes Debüt als Schriftstellerin vorgelegt. Die frankophile Autorin, die an der französischen Atlantikküste ihr zweites Zuhause gefunden hat, liebt den französischen Sud-Ouest, wo es sie immer wieder hinzieht. Dies wird auch in ihrem Erstlingswerk ganz besonders deutlich – sie scheint hier wirklich jedes Fleckchen Erde zu kennen. Ihre Liebe zu Frankreich und zur französischen Lebensart ist deutlich spürbar und überträgt sich – ganz nonchalant – auf den Leser.

Valerie Jakob lebt und arbeitet in Berlin, ihre Urlaube verbringt sie – wie könnte es auch anders an – am liebsten in Frankreich.

Die o.g. Angaben sind den Verlagsinformationen entnommen.


Originalausgabe: Jakob, Valerie. Hôtel Atlantique. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH, 2017.
Buchcover: www.rowohlt.de

Mein herzlicher Dank gilt dem Rowohlt Verlag, der mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

In Extremis

Andrew Miller: Nachts ist das Meer nur ein Geräusch

Sonderbar. Brillant geschrieben und doch seltsam befremdlich. Das war mein erster Eindruck nach Lektüre des neuen Romans von Andrew Miller Nachts ist das Meer nur ein Geräusch. Gleichwohl konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen – und das, obwohl die Protagonistin mehr als gewöhnungsbedürftig ist und sich mir fast bis zum Ende der Geschichte nicht erschlossen hat. Nichtsdestotrotz ertappte ich mich dabei, wie ich des Öfteren über diesen unnahbaren fiktiven Charakter nachdenken musste, zu dem ich – bis auf einen ganz kurzen Moment – keinen wirklichen Zugang finden konnte. Die weibliche Hauptfigur ist eine echte Herausforderung, der sich die Leser – wie auch die weiteren Protagonisten des Romans – stellen müssen, auch wenn es beinahe unmöglich ist. Ihr verzweifelter Kampf mit sich selbst verlangt auch uns einiges ab: Ob sie ihn für sich gewinnen kann und will, bleibt am Ende einzig und allein ihre Entscheidung.

Sturz ins Leben

Als die junge eigenbrötlerische Naturwissenschaftlerin Maud Stamp vom Deck eines aufgebockten Segelbootes sieben Meter in die Tiefe stürzt, rechnet Tim Rathbone, Student aus gutem Hause und – wie sie – Mitglied des Uni-Segelclubs, mit dem schlimmsten. Regungslos liegt sie auf den harten Ziegelsteinen, nur um kurz danach zur Überraschung aller wieder aufzustehen. Doch nach einigen Schritten kollabiert sie erneut. Der unter Schock stehende Tim kann nicht fassen, was er da sieht. Er begleitet Maud ins Krankenhaus und ist beeindruckt von ihrem unbändigen Überlebenswillen. Er kümmert sich um die verschlossene, distanzierte Forscherin, die seine Fürsorge – wenn auch teilnahmslos – annimmt. Sie beginnen eine Affäre, die nur seitens Tim von Zuneigung und Leidenschaft erfüllt ist. Als die beiden beschließen zusammenzuziehen, hegt Tim für einen kurzen Moment Zweifel an seiner Entscheidung: Mauds Gefühlskälte und ihre Art, die Liebesbeziehung der beiden und insbesondere ihre gemeinsamen Nächte als Pflichtveranstaltung anzusehen, machen ihm zu schaffen. Doch er ist zuversichtlich, dass Maud schon aus sich herausgehen wird, wenn sie erst einmal ein gemeinsames Zuhause haben.

Eine komische Nudel

Doch Maud bleibt Maud. Als Tim sie seinen Eltern vorstellt, sind diese nicht begeistert. Das überrascht ihn in keiner Weise, denn ihm ist bewusst, wie merkwürdig Maud mit ihrer verschrobenen, gleichgültigen Art auf ihre Umgebung wirkt. Während sein Bruder Magnus sie als komische Nudel bezeichnet, tituliert sie eine Freundin der Familie sogar als Bruja, Hexe. Einen ähnlichen Eindruck vermittelt Maud auch bei der Jobsuche: Man hält sie für arrogant und nicht teamfähig. Sogar von autistischen Zügen ist die Rede. Trotzdem gelingt es ihr, eine gut bezahlte Anstellung bei Fenniman Laboratories zu erhalten, die von nun an ihr ganzer Lebensinhalt wird. Während Tim den Hausmann gibt und krampfhaft versucht, sein Hobby, das Gitarrespielen, zum Beruf zu machen, geht Maud ganz in ihrer Forschung auf. Das ändert sich auch nicht, als sie erfährt, dass sie schwanger ist. Sie macht mit ihrem Leben weiter wie bisher und kann Tims Enthusiasmus nicht teilen.

Der schlimmste Verlust

Als Tochter Zoe geboren wird, könnte Tim nicht glücklicher sein. Er vergöttert die Kleine und ist ein Bilderbuchvater. Maud hingegen kann keine echten Muttergefühle entwickeln. Sie nimmt schnellstmöglich wieder ihre Arbeit auf und überlässt Tim Zoes Erziehung. Als Zoe eingeschult wird, kommt es zum ersten handfesten Streit der beiden: Maud sieht nicht ein, warum sie dabei sein soll, Tim wirft ihr vor, nicht im geringsten an ihrer Tochter interessiert zu sein. Maud lenkt ein, doch ihre Beziehung bekommt erste Risse. Tim beginnt eine Affäre mit der verheirateten Bella, weil er Mauds Lieblosigkeit nicht länger ertragen kann. Doch dann passiert etwas Furchtbares: Als ein betrunkener Busfahrer Tims Auto mit Zoe an Bord frontal rammt, kommt die Kleine ums Leben, Tim überlebt schwerverletzt. Er zerbricht fast am Tod seiner Tochter, während Maud so weitermacht wie bisher. Tim hat endgültig genug und verlässt sie. Maud nimmt das Scheitern ihrer Beziehung teilnahmslos hin und geht wieder zur Arbeit. Ihre Kollegen sind schockiert und auch ihr Chef ist fassungslos: Er besteht darauf, dass sie zu Hause bleibt und gewährt ihr einen längeren Urlaub.

Ein einsamer Kampf

Zuhause weiß Maud nichts mit sich anzufangen. Sie fühlt sich seltsam fremd und heimatlos in ihrer gewohnten Umgebung. Es zieht sie ans Meer und zu ihrem Segelboot Lodestar. Ihre schleichende Entwurzelung wird ihr schmerzlich bewusst, und sie beschließt, ohne Begleitung von England über den Atlantik zu segeln, obwohl sie nicht viel Erfahrung hat. Sie ahnt nicht, dass der Kampf, der sie auf dem Meer – allein mit den Elementen – erwartet, über ihre Kräfte gehen und ihr alles abverlangen wird. Doch noch härter als die Konfrontation mit der unbezähmbaren Naturgewalt des Ozeans ist ihre schonungslose Begegnung mit dem eigenen Ich, der sie sich nicht entziehen kann und die sie fast den Verstand verlieren lässt. Als ein schwerer Sturm aufkommt, zeigt sich noch einmal ihr fast übermenschlicher Überlebenswille, aber reicht er aus, um sie erneut ins Leben zurück zu manövrieren?

Außergewöhnlicher Roman über das Schicksal einer unnahbaren Einzelgängerin

Diese einzigartige Geschichte hat mich trotz der merkwürdig lethargischen Protagonistin in ihren Bann gezogen. Ich wollte Maud so gerne verstehen, doch gelungen ist es mir nicht. Als sie ganz am Ende für einen flüchtigen Moment ihr Innerstes offenbart, schwankt man zwischen Mitleid und Gleichgültigkeit. Ihre Erkenntnis kommt viel zu spät, um auf der Gefühlsebene noch etwas retten zu können. Eine Erklärung für ihr sonderbares Verhalten erhalten wir nicht – es ist an uns, sie zu dechiffrieren. Zu gerne stellen wir uns als Leser dabei auf die Seite von Mauds Kontrahenten – Tim, Tims Eltern, seine Freunde -, weil es so viel leichter ist, als auch nur den Versuch zu machen, sie zu verstehen.

Hier zeigt sich für mich auch die einmalige schriftstellerische Leistung von Andrew Miller, der nicht nur eine bemerkenswerte Geschichte erdacht, sondern mit Maud auch eine Figur geschaffen hat, die es in ihrer Singularität sicherlich in der Literatur in dieser Form nicht oft gibt. Sie ist eine Provokation und ein Ärgernis. Aber warum eigentlich? Weil sie nicht unserer Vorstellung einer Frau und Mutter entspricht? Weil sie sich traut, sie selbst zu sein, obwohl sie weiß, wie bizarr man sie findet? Oder weil sie nicht die typische Trauerreaktion zeigt, die man beim Verlust eines Kindes von ihr erwartet? Am Ende des Romans musste ich mir eingestehen, dass es genau diese Dinge waren, die auch mich irritierten. Und ich habe den Spieß herumgedreht und mich gefragt, warum Tim sich nicht mal ansatzweise die Mühe gemacht hat, das Gespräch mit Maud zu suchen, um sie mit ihrem Verhalten zu konfrontieren. Die Antwort darauf ist simpel: Es ist leichter, wütend zu sein, viel leichter, eine Affäre zu beginnen, als einem Problem auf den Grund zu gehen.

Nachts ist das Meer nur ein Geräusch ist nicht nur ein ganz besonderer Roman über Liebe, Verlust, Einsamkeit und Trauer. Schonungslos hält er auch einer Gesellschaft den Spiegel vor, die alles und jeden ausgrenzt, der anders ist und nicht ins Schema passt. Millers Buch regt auf ganz besondere Weise zur Selbstreflexion an, daher mein Fazit: Ein brillanter Roman und ein absolutes Must Read!

Andrew Miller: Britischer Autor mit einem Faible für das Morbide

Andrew Miller wurde 1960 als Sohn eines Arztes in Bristol geboren und wuchs im Westen Großbritanniens auf. Wie der Autor Kira Cochrane von The Guardian in einem Interview1 verriet, beschloss er nach Lektüre von D. H. Lawrences Roman Der Regenbogen bereits im Alter von 18 Jahren, Schriftsteller zu werden. Er schrieb Kurzgeschichten und Gedichte, nahm aber zunächst einen Job in einem völlig anderen Bereich an: Er arbeitete in einem Heim mit lernbehinderten Menschen. Mit 22 erhielt er aufgrund seines brillanten Essays über Lawrence einen Studienplatz an der Middlesex Polytec, wo er auch seinen Abschluss machte. Danach lehrte er mehrere Jahre Englisch als Fremdsprache und lebte in Spanien, Japan, Irland und Frankreich.

Mit 30 erhielt er ein Stipendium für ein Creative Writing Studium an der University of East Anglia, wo er u.a. von dem berühmten britischen Romancier und Literaturwissenschaftler Malcolm Bradbury unterrichtet wurde. Nach seinem erfolgreichen Abschluss schrieb er seinen ersten Roman Ingenious Pain (Die Gabe des Schmerzes), der 1997 erschien und für den er mit dem renommierten International IMPAC Dublin Literary Award ausgezeichnet wurde. Völlig überraschend hatte der literarische Newcomer hier berühmte Schriftsteller wie Don DeLillo, Ian McEwan und Haruki Murakami aus dem Rennen geworfen. Und als wäre das für einen Debütautor mit seinem Erstlingswerk nicht Erfolg genug, erhielt er noch zwei weitere Preise – den James Tait Black Memorial Award for Fiction und den italienischen Premio Grinzane Cavour. Das Buch wurde mittlerweile in mehr als 36 Sprachen übersetzt.

Zwischenzeitlich hat der Autor noch weitere fünf Romane publiziert – Casanova (Die kleine Geschichte, die meist von Liebe handelt), Oxygen (Zehn oder fünfzehn glücklichste Momente des Lebens), The Optimists (Die Optimisten), One Morning Like a Bird (Nach dem großen Beben), Pure (Friedhof der Unschuldigen) und das hier vorgestellte Buch The Crossing (Nachts ist das Meer nur ein Geräusch). Für Pure erhielt Miller 2011 den angesehenen Costa Book Award – zum einen für den besten Roman, zum anderen für das beste Buch des Jahres.

Millers Faible für alles Morbide, das ganz besonders in seinem o.g. Roman Pure zum Ausdruck kommt, scheint seines Erachtens daher zu rühren, dass er bedingt durch den Einfluss seines Vaters, ein engagierter Mediziner, schon früh mit Krankheit, fleischlichem Verfall und Tod konfrontiert wurde, so dass diese Themen ihn eher interessierten und faszinierten als ängstigten. Und so ist es natürlich auch nicht verwunderlich, dass er sie in seinen Werken des Öfteren aufgreift und verarbeitet.

Andrew Miller lebt und arbeitet in Witham Friary, Somerset.

Seine biografischen Angaben sind den Verlagsinformationen, der englischen Wikipedia-Seite und dem o.g. Interview entnommen.


Originalausgabe: Miller, Andrew. The Crossing. London: Sceptre, 2015.
Deutsche Ausgabe: Miller, Andrew. Nachts ist das Meer nur ein Geräusch. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Wien/München: Paul Zsolnay Verlag/Hanser Literaturverlage, 2017.
Buchcover: www.hanser-literaturverlage.de

1Interview von Kira Cochrane, The Guardian, 25.01.2012:
https://www.theguardian.com/books/2012/jan/25/andrew-miller-interview

Überlebenskunst

Slavenka Drakulić: Frida

Nachdem mich Slavenka Drakulićs Roman Dora und der Minotaurus, der im letzten Jahr erschienen ist, begeistert hat, habe ich mir ihre früheren Werke angeschaut und bin hier auf ein wahres Buchjuwel gestoßen. In Frida erzählt die kroatische Autorin die Lebens- und Leidensgeschichte der mexikanischen Malerin Frida Kahlo de Rivera auf eindrucksvolle und berührende Weise. Es ist ein steiniger, sehr beschwerlicher Weg, geprägt von großem Schmerz, aber auch von großer Liebe, auf dem wir die surrealistische Künstlerin bis zu ihrem viel zu frühen Ende begleiten. Gleich zu Beginn der aus Fridas Perspektive erzählten biografischen Rückblende naht das Ende. Nach einer Beinamputation ans Bett gefesselt und auf der Schwelle des Todes lässt die 47-jährige Protagonistin ihr Leben Revue passieren. Was sie erdulden musste, ist mehr als ein Mensch ertragen kann – und doch entspringt aus dem allgegenwärtigen Schmerz eine Kreativität, die ihresgleichen sucht und ihr Ausnahmetalent in einem von Männern dominierten Metier illuminiert.

Lieblingskind mit Überlebenswillen

Mit ihren vier Schwestern wächst Frida als Tochter eines Fotografen recht behütet auf. Sie ist das Lieblingskind ihres Vaters, denn sie hat scheinbar schon im Kindesalter seinen Schöpfergeist geerbt und begleitet ihn gerne auf seinen Fototouren. Doch dann schlägt das Schicksal zum ersten Mal mit aller Härte zu: Mit sechs Jahren erkrankt sie an Kinderlähmung, ein grausames Schicksal für die quirlige Frida, doch sie kämpft und überlebt – nicht zuletzt dank einer imaginären Freundin, die sie in ihren einsamen Stunden ihrer Fantasie entspringen lässt und die sie bis zu ihrer Genesung begleitet. Doch ihr Leben ist danach nicht mehr dasselbe: Ihr Bein wird extrem dünn und bleibt verkürzt, so dass sie ihr Leben lang hinken wird. Tapfer versucht sie, mit dem Spott der Kinder zurechtzukommen, die ihr Hinkebein hinterherrufen und sich bei jeder Gelegenheit über sie lustig machen.

Ein folgenschwerer Unfall

Aber Frida beißt sich durch und ihr Leben verläuft wieder in normalen Bahnen. Als einzige ihrer Schwestern besucht sie die weiterführende Schule – eine Tatsache, die ihren Vater sehr stolz macht. Ihre Mutter, eine Analphabetin, kann dies jedoch in keiner Weise nachvollziehen, denn in ihren Augen hat Bildung für Mädchen keinen Wert. Die 18-jährige Frida geht indes unbeirrt ihren Weg und genießt das unbeschwerte Zusammensein mit ihrem ersten Freund Alex, bis das Schicksal ein weiteres Mal zuschlägt: Bei einem tragischen Busunfall bohrt sich eine Metallstange durch ihren Körper und verursacht schwerste Verletzungen, die sie ein Jahr lang in einem Gipskorsett ans Bett fesseln. Frida ist am Boden zerstört, sie kann nicht fassen, dass es sie ein weiteres Mal getroffen hat.

Ein neuer Lebenssinn

Während ihr Vater in Depressionen verfällt, weil er sein Lieblingsmädchen nicht leiden sehen kann, versucht ihre Mutter, sie abzulenken. Sie schenkt ihr eine Sitzstaffelei, Pinsel und Farben, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Und es funktioniert: Frida beginnt zu malen und katalysiert ihre ständigen Schmerzen in ihre Schaffenskraft. Aus dem anfänglichen Hobby wird eine Leidenschaft, eine Obsession, die sie am Leben hält. Dass sie als Künstlerin ein einzigartiges Talent besitzt, erkennt auch der berühmte mexikanische Maler Diego de Rivera, den Frida auf einer Veranstaltung kennenlernt. Der 20 Jahre ältere Frauenheld und Bonvivant ist jedoch nicht nur von Fridas Werken begeistert, und so kommt es, wie es kommen muss: Die beiden beginnen eine Affäre, die schließlich in einer Ehe mündet. Frida liebt Diego und vertraut ihm bedingungslos – er ist der einzige, der mit ihren körperlichen Unzulänglichkeiten umgehen kann und vor dem sie sich nicht schämt.

Liebe und Desillusion

Doch schon bald nach ihrer Heirat muss sie zu ihrer großen Enttäuschung erkennen, dass er nicht für die Monogamie gemacht ist. Er betrügt sie nach Strich und Faden mit vielen schönen Frauen, die ihm Modell sitzen und prahlt auch noch damit. Frida macht ihm Szenen, doch am Ende verzeiht sie ihm doch immer wieder. Ihr immer geringer werdendes Selbstbewusstsein und ihr wahres gedemütigtes Ich versteckt sie hinter einer extravaganten Fassade aus exotischer Kleidung und auffallender Schminke. Ihre Malerei vernachlässigt sie gänzlich, ihr Talent redet sie sich selbst als unbedeutendes Hobby klein. Als ihr auch noch das Mutterglück versagt bleibt, zerfällt ihr Leben in Scherben. Doch aus Angst vor der Einsamkeit erträgt sie diese Ehe, die schon längst keine mehr ist und verbündet sich sogar mit Diegos Geliebten, um ihn nicht zu verlieren.

Kapitulation

Als Frida jedoch herausfindet, dass ihre Lieblingsschwester Cristina sie ebenfalls mit ihrem Mann hintergeht, hat sie endgültig genug – diesen Verrat kann und will sie nicht akzeptieren. Sie verlässt ihn, nimmt sich Liebhaber und beginnt zu trinken. Aber die Malerei rettet sie ein zweites Mal: Sie wagt einen erneuten Karriereanlauf und hat großen Erfolg, der ihr jedoch nicht viel bedeutet. Abermals führt sie ihr Weg zurück zu Diego, der scheinbar ebenso auf sie angewiesen ist wie sie auf ihn. Sie gibt sich mit einem oberflächlichen Traum von Liebe zufrieden, obwohl sie weiß, dass sie mehr verdient. Als ihr durch den Unfall bedingter körperlicher Verfall immer weiter voranschreitet, ist sie verzweifelt, doch aufgeben liegt nicht in ihrer Natur. Erst eine Beinamputation zwingt sie zur Kapitulation und zu dem, was ihr am meisten widerstrebt – loszulassen…

In Fridas Kopf: Brillanter Roman über das Leben einer Ausnahmekünstlerin

Mit Frida ist Slavenka Drakulić eine brillant erdachte Introspektion einer singulären Malerin gelungen, die unter die Haut geht. Gekonnt vermittelt uns die Autorin die Illusion, in Fridas Gedankenwelt einzutauchen und gewährt so einen aufschlussreichen Einblick in das Seelenleben der tormentierten Künstlerin, die schon zu Lebzeiten Legendenstatus hatte. In Fridas Lebensgeschichte hat Drakulić immer wieder Kurzbeschreibungen ihrer berühmtesten Bilder mit einfließen lassen, die sie in bestimmten Lebensphasen gemalt hat. Dies hat mir besonders gut gefallen, denn man erhält somit eine entschlüsselte Sichtweise auf ihre Werke, insbesondere auf ihre Selbstporträts.

Drakulićs exzellent recherchierter Roman, ihre ganz spezielle Mischung aus Facts & Fiction und ihr einzigartiger Schreibstil bringen uns auf sehr einfühlsame, ausdrucksvolle und beseelte Weise eine großartige Malerin näher, die ihrem Schmerz in ihrer Kunst Ausdruck verlieh und ihre Kreativität zum Katalysator stilisierte. Ihr unbändiger Überlebenswille, ihr selbst gewählter (Aus-)Weg, sich in all ihrer Unzulänglichkeit als exotisches Individuum neu zu erfinden, mag man als Flucht vor der Realität betrachten, aber es gehörte zweifellos unendlich viel Mut dazu, sich in ihrer Situation zu exponieren. Und an Courage hat es der bewundernswerten Malerin nie gefehlt – ein Motor, der sie – ebenso wie ihr künstlerischer Ausdruckswille –  antrieb und ihre Werke gleichsam zu Überlebenskunst machen.

Slavenka Drakulić: Kroatische Schriftstellerin und renommierte Journalistin

Slavenka Drakulić wurde 1949 in Rijeka/Kroatien geboren. Sie ist eine der berühmtesten Autorinnen ihres Landes und schreibt Romane, Sachbücher und Essays, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Auf Deutsch erschienen in der Rubrik Fiktion bisher u.a. Das Prinzip Sehnsucht, Marmorhaut, Das Liebesopfer, Als gäbe es mich nicht, Frida und Dora und der Minotaurus. Im Bereich Sachbücher und Essays sind u.a. die Werke Todsünden des Feminismus, Wie wir den Kommunismus überstanden – und dennoch lachten, Sterben in Kroatien. Vom Krieg mitten in Europa, Café Paradies oder die Sehnsucht nach Europa und Leben spenden. Was Menschen dazu bewegt, Gutes zu tun in deutscher Sprache erhältlich.

Für ihre Abhandlung Keiner war dabei – Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht wurde die Autorin 2005 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Darüber hinaus wurde sie 2010 auf der Internationalen Schriftsteller-Konferenz in Prag zu einer der einflussreichsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Europas ernannt.

Zudem ist Drakulić auch eine namhafte Journalistin. Sie ist Redakteurin bei The Nation (USA) und schreibt als freie Autorin für The New Republic, The New York Times Magazine und The New York Review of Books (USA) sowie für die Süddeutsche Zeitung, Internazionale (Italien), Dagens Nyheter (Schweden), The Guardian (UK), Eurozine und andere bekannte Zeitungen und Magazine.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website www.slavenkadrakulic.com, der ich auch ihre biografischen Informationen entnommen habe.


Deutsche Ausgabe: Drakulić, Slavenka. Frida. Aus dem Kroatischen von Katharina Wolf-Grießhaber. Wien/München: Paul Zsolnay Verlag/Hanser Literaturverlage, 2007..
Buchcover: www.hanser-literaturverlage.de

Späte Romanze

Karine Lambert: Und jetzt lass uns tanzen

Die Liebe trifft uns immer dann, wenn wir es am wenigsten erwarten. Zu banal? Gleichwohl absolut zutreffend auf Marguerite und Marcel, die Protagonisten des wunderbaren Romans von Karine Lambert Und jetzt lass uns tanzen, denn die beiden einsamen Seelen trifft Amors Pfeil aus heiterem Himmel – und das, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Die 78-jährige Marguerite Delorme, wohlhabende Notarswitwe, ist der Inbegriff der fügsamen Ehefrau und Mutter. Ihre arrangierte, lieb- und leidenschaftslose Ehe mit dem angesehenen Notar Henri, die nach 55 pflichtbewussten Jahren durch seinen plötzlichen Tod ein jähes Ende findet, ist nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Sie, die sich nie als Individuum wahrnahm und stets die Bedürfnisse und Interessen ihres Mannes und ihres Sohnes Frédéric über ihre eigenen stellte, weiß nun nichts mit sich anzufangen. Henri, der immer alle Entscheidungen traf und ihr Leben bis ins kleinste Detail durchplante, lebt nicht mehr und nun ist es an ihr, aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwachen. Doch das ist gar nicht so einfach, denn ihre Einsamkeit macht ihr schwer zu schaffen – einzig ihr aufgeweckter Enkel Ludovic vermag es, etwas Licht in ihren grauen Alltag zu bringen.

Plötzlich Witwe

Sohn Frédéric, der an Spießigkeit und Borniertheit selbst seinen verstorbenen Vater noch übertrifft, übernimmt nun dessen Rolle und versucht, über das Leben seiner immer fragiler werdenden Mutter zu bestimmen. Doch Marguerite hat genug davon, sich unterdrücken und vorschreiben zu lassen. wie ihr Leben zu verlaufen hat. Da kommt der Vorschlag ihres Arztes, sich doch mal eine Thermalkur in dem kleinen Pyrenäenort Bagnères de Bigorre zu gönnen, gerade recht. Obwohl sie anfangs noch recht unsicher ist und sich vor dem Alleinreisen fürchtet, gewinnt sie schnell an Selbstvertrauen. Sie genießt ihren Aufenthalt und die Anwendungen in der erlesenen Kurklinik und nimmt sich und ihren Körper zum ersten Mal richtig wahr, obwohl sie mit ihrem Alter hadert. Sie blüht auf und fühlt sich ganz sie selbst.

Zurück ins Leben?

Dies trifft jedoch in keiner Weise auf den 73-jährigen Algerienfranzosen Marcel Guedj zu, dessen Tochter Manou ihm diese Kur förmlich aufzwingen musste. Durch einen Schwimmunfall hatte er seine Frau Nora nach 50 liebevollen Ehejahren auf tragische Weise verloren und findet seitdem nicht mehr ins Leben zurück. Der ehemalige Tierpfleger, dessen bester Freund Nashorn Hector ist, fühlt sich in der Klinik mehr als fehl am Platz. Die ganzen alten Leute, zu denen er sich nicht zählt. und die wohltuenden Anwendungen sind ihm zuwider, das gesunde Essen ist dem Schokoladenfan ein Graus. Der freiheitsliebende Naturfreund hasst es, sich nach der Uhr zu richten und macht lieber lange Spaziergänge als in einer solchen Institution eingesperrt zu sein.

Mektoub

Als er eines Tages auf Marguerite trifft, ändert sich alles. Obwohl der temperamentvolle, offene Marcel und die scheue, introvertierte Marguerite auf den ersten Blick nichts gemein haben, fühlen sie sich auf unerklärliche Weise zueinander hingezogen. Es entwickelt sich eine innige Liebesbeziehung zwischen den beiden, die sie völlig überrascht und ihnen eine ganz neue Welt eröffnet. Marcel lässt Marguerite sein, wie sie all die Jahre nicht sein durfte. Sie machen Ausflüge und tanzen zusammen nach Marcels geliebter Chaâbi-Musik und Marguerites Line Renauds Chansons. Sie lassen es sich gut gehen, reisen nach Paris und sind dankbar für die zweite Chance, die das Schicksal (Mektoub in Marcels Heimatsprache) ihnen gewährt hat.

Die zweite große Liebe

Während Marcels Tochter Manou sich für ihren Vater und sein neues Glück freut, ist Marguerites Sohn Frédéric außer sich. Er zweifelt am Geisteszustand seiner Mutter und beabsichtigt, sie ihn ein Heim zu stecken. Als Marguerite einen kleinen Haushaltsunfall hat, sieht sich Frédéric im Recht und lässt seine Mutter einweisen. Wider Erwarten fügt sich Marguerite ihrem Schicksal – sie ist noch geschwächt und fühlt sich außerstande, einen Versuch zur Gegenwehr zu starten. Doch sie hat nicht mit Marcel gerechnet, der alles daran setzt, um die zweite große Liebe seines Lebens zurückzuholen…

Ein wunderschöner Roman über eine späte Amour Tendre

Dieser zauberhafte Roman ist das beste Mittel gegen Angst vor dem Alter. Er beschwingt, stimmt glücklich, amüsiert mit subtiler Situationskomik und hält uns vor Augen, wie das Leben trotz zunehmender altersbedingter Unpässlichkeiten durch eine neue, innige und zärtliche Liebe nochmals auf den Kopf gestellt werden kann. Denn die größten Geschenke des Alters sind die Freiheit und die Liebe: Die Freiheit, so zu sein, wie man ist, ohne sich verstellen zu müssen und sich darum zu scheren, was die Leute sagen. Die Liebe, weil sie die Einsamkeit durchbricht und die Seele strahlen lässt.

Die Geschichte um Marguerite und Marcel ist deshalb so berührend, weil sie von großer Einfühlungsgabe, bewegender Emotionalität und von profundem menschlichem Verständnis zeugt. Als Leser durchleben wir zunächst die dunklen, einsamen Stunden mit den Protagonisten, in denen sie in ihrem Alleinsein nichts mehr vom Leben erwarten. Umso schöner ist es dann, sie angesichts ihres neu gefundenen Glücks plötzlich aufblühen zu sehen. Gerne begleiten wir die liebgewonnenen Senioren ein Stück auf ihrem Weg und hoffen mit ihnen, dass sie diese späte Liebe noch lange genießen werden.

Mein Fazit: Einer der außergewöhnlichsten Romane dieses Jahres! Unbedingt lesenswert!

Karine Lambert: Erfolgreiche Schriftstellerin und Fotografin

Über die belgische Autorin ist nicht sehr viel bekannt. Sie wurde 1958 in Uccle/Brüssel geboren. Sie arbeitete zunächst als Fotografin und bereiste viele Länder, bevor sie sich auch der Schriftstellerei zuwandte. Gleich mit ihrem ersten Roman L’immeuble des femmes qui ont renoncé aux hommes, der leider noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, gelang ihr ein Bestseller und der literarische Durchbruch: Für ihr Erstlingswerk wurde sie mit dem renommierten Prix Saga Café (Bestes Debüt) ausgezeichnet.

Wie Karine Lambert in einem Interview1 mit dem Diana Verlag verriet, kam ihr die Idee zu ihrem zweiten Roman, der hier vorgestellte Und jetzt lass uns tanzen, als die Mutter ihres besten Freundes nach 50 Jahren Ehe plötzlich ihren Mann verlor und sich dann völlig überraschend nochmals verliebte. Hieraus entwickelte die Autorin diese wunderbar einfühlsame Geschichte um Marguerite und Marcel, die sich ganz leise in die Herzen vieler Leser geschlichen hat und die mit ziemlicher Sicherheit zu einem weiteren Bestseller avancieren wird. Das Hörbuch kann ich euch im Übrigen auch sehr empfehlen: Es wird von der großartigen Iris Berben gelesen – ein Ohrenschmaus!

Für Lambert ist Fotografie und Schreiben im Übrigen wunderbar vereinbar, wie sie im o.g. Interview weiter ausführte, denn ihre beiden Passionen haben ihres Erachtens viel gemeinsam. Während sie mit ihren Bildern Momentaufnahmen schafft, die Gefühle transportieren, kann sie beim Schreiben tiefer in die Charaktere und ihre Hintergründe hineintauchen. In einem Dialog mit Livre d’après2 hob sie zudem hervor, dass man als Fotografin und als Schriftstellerin immer auch eine gute Beobachterin sein muss. Wenn sie ein Kapital schreibe, so die Autorin, dann habe sie meistens eine Filmszene vor Augen, die sie dann schriftlich fixiere.

Neben ihren o.g. Hauptaktivitäten ist Lambert eine begeisterte Leserin. Zu ihrer Lieblingslektüre zählen zum einen die großen Klassiker von Oscar Wilde, Albert Camus, Boris Vian und diversen russischen Autoren. Zum anderen liest sie natürlich auch die Werke zeitgenössischer Schriftsteller: Zu ihren literarischen Favoriten zählen hier u.a. Alessandro Baricco, Philip Roth, Amin Maalouf, Francesca Melandri und Julie Otsuka.

Karine Lambert lebt und arbeitet in Brüssel.

Die biografischen Angaben und entsprechende weitere Informationen der Autorin habe ich der Verlagsseite und den o.g. Interviews entnommen.


Originalausgabe: Lambert, Karine. Eh bien, dansons maintenant! Paris: Éditions Jean-Claude Lattès, 2016.
Deutsche Ausgabe: Lambert, Karine. Und jetzt lass uns tanzen. Aus dem Französischen von Pauline Kurbasik. München: Diana Verlag/Verlagsgruppe Random House GmbH, 2017.
Buchcover: www.randomhouse.de

1Interview Diana Verlaghttps://www.randomhouse.de/Iris-Berben-&-Karine-Lambert-im-Interview-/Karine-Lambert-ueber-ihren-Roman/aid74404_14298.rhd

2Interview Le Livre D’Aprèshttps://lelivredapres.wordpress.com/2015/07/18/une-belle-rencontre-avec-karine-lambert-auteur-de-limmeuble-des-femmes-qui-ont-renonce-aux-hommes/

Mein herzlicher Dank gilt dem Diana Verlag bzw. der Verlagsgruppe Random House GmbH, München, die mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.