Zeitzeugin hinter der Kamera:
Das bewegte Leben der ersten Kriegsfotografin Gerda Taro

Susana Fortes: Warten auf Robert Capa

Sie war die erste weibliche Kriegsfotografin, die ihren Platz in einer bis dato unangefochtenen Männerdomäne behauptete: Die 1910 in Stuttgart geborene Jüdin Gerta Pohorylle, die ihren Namen später in Gerda Taro – klanglich nach ihrem Idol Greta Garbo – änderte, war für viele Frauen eine unerschrockene Wegbereiterin in einem höchst risikoreichen Job, in dem Gefahr und Tod allgegenwärtig sind. Mit ihrem brillanten Roman Warten auf Robert Capa stellt die spanische Schriftstellerin Susana Fortes das bewegte Leben und tragische Schicksal dieser außergewöhnlich mutigen Frau in den Fokus und setzt ihr somit ein ihr gebührendes, eindrucksvolles Denkmal. Den Schwerpunkt legt die Autorin dabei auf die Liebesbeziehung zwischen Gerda Taro und Robert Capa, einem der weltweit renommiertesten Kriegsreporter, dessen Stern in den 30er Jahren, als die beiden sich in Paris kennenlernten und ein Paar wurden, gerade erst im Aufgehen begriffen war.

Die Idee zu ihrem o.g. Roman kam Fortes, als sie von einem Sensationsfund in Mexiko hörte: Dort man fand 3.000 unveröffentlichte Fotos von Robert Capa, Gerda Taro und David Seymour, die während des Spanischen Bürgerkriegs geschossen wurden. Darunter waren auch Fotos, die Capa von seiner Partnerin Taro gemacht hatte. Fortes begann über die Beziehung der beiden starken Persönlichkeiten zu recherchieren – insbesondere interessierte sie dabei die unkonventionelle Frau und scheinbar furchtlose Fotografin und Kriegsreporterin Taro, die trotz ihres augenscheinlichen Talents stets im Schatten des charismatischen Künstlers stand. Aus diesen Recherchen ging diese ganz besondere Geschichte hervor, die die Autorin so erstklassig konzipiert hat1.

Flucht nach Paris

Gerta wächst als Tochter eines aus Galizien eingewanderten jüdischen Kaufmanns gemeinsam mit ihren Brüdern Karl und Oskar in Stuttgart und Leipzig sehr behütet auf. Als die Nazis jedoch an die Macht kommen und ihre Schreckensherrschaft immer weiter ausbauen, wird die Lebenssituation für Gerta und ihre Familie jeden Tag gefährlicher. Als Gerta für kurze Zeit inhaftiert wird und nur dank ihrer perfekt gespielten Naivität wieder frei kommt, beschließt sie im Alter von 24 Jahren schweren Herzens, nach Paris zu flüchten und dort eine Zukunft für sich aufzubauen. Gemeinsam mit Freundin Ruth teilt sie sich eine zweckmäßige Dachwohnung im Quartier Latin und hält sich mit Teilzeitjobs (z. B. als Arztsekretärin) über Wasser. Obwohl Gerta die pulsierende Metropole schnell ans Herz wächst, vermisst sie ihre Familie und ihr Zuhause. Sie hadert mit ihrem Status als Flüchtling, fühlt sich als nicht willkommener Gast und sieht ihr Jüdisch sein als Bürde – ganz zu schweigen von ihrem Glauben, den sie angesichts der schlimmen Erfahrungen, die sie schon in ihren jungen Jahren machen musste, mehr und mehr verliert.

Eine schicksalhafte Begegnung

Über Ruth lernt sie eines Tages den ungarischen Fotografen André Friedman kennen, der als Linker verfolgt wurde und von Budapest über Berlin nach Paris geflüchtet war. Gemeinsam mit seinem besten Freund David Seymour, genannt Chim, hält er sich mit Fotojobs mehr schlecht als recht über Wasser. Gerta gefällt seine extrovertierte Art, seine Selbstsicherheit und seine zeitweilige Melancholie, die seine Verletzlichkeit offenbart. Obwohl eine Beziehung das letzte ist, was Gerta in ihrer Situation möchte, kommen sich die beiden näher und werden schließlich ein Paar. André bringt ihr alles bei, was er über das Fotografieren weiß, und Gerta lernt schnell. Sie gewinnt an Selbstvertrauen und macht ihre ersten zaghaften Versuche als Fotografin. Ihr ist zwar klar, dass sie niemals so gut sein wird wie Friedman, der einfach das Gespür für das richtige Momentum eines Fotos hat, doch sie ist entschlossen, ihren eigenen Stil zu finden.

Mit neuen Namen zum Erfolg

Als das Geld immer öfter zu knapp zum Überleben wird, nimmt Gerta die Dinge selbst in die Hand: Sie erklärt sich kurzerhand zur Managerin von André, dem jeglicher Geschäftssinn fehlt, ändert seinen Namen in Robert Capa und attribuiert ihm die erfundene Vita eines international erfolgreichen amerikanischen Fotografen. Sie tauscht seine heißgeliebte Lederjacke gegen einen weltmännischen Anzug und versucht so, ihm gewinnbringende Aufträge bei namhaften Agenturen zu verschaffen. Und ihr Plan geht auf: André gewinnt an Renommee und wird bald ein allseits gefragter Fotograf. Auch sich erfindet Gerta neu: Sie nennt sich fortan Gerda Taro und erhält ebenfalls erste Aufträge.

Capa und Taro an der Front: Die Gräuel des Spanischen Bürgerkriegs im medialen Fokus

Als General Franco 1936 einen Putsch gegen die linke spanische Regierung verübt, fahren Capa und Taro kurze Zeit später nach Spanien, um die Situation vor Ort mit der Kamera zu dokumentieren. Doch nichts kann sie darauf vorbereiten, was sie dort erwartet. Der Spanische Bürgerkrieg wird zum ersten medialen Krieg der Geschichte – die von den europäischen Zeitungen in Auftrag gegebenen Fotos spiegeln das ganze Ausmaß der Grausamkeit und Menschenverachtung der sinnlosen Gewaltakte wider. Capa und Taro, die das Geschehen hautnah an der Front mit erleben, sind erschüttert. Ihre Momentaufnahmen zeigen die Menschen in ihrer ganzen Verzweiflung und Einsamkeit – völlig verloren in einem Krieg, der ihnen nicht nur ihre Existenzgrundlage, sondern auch ihre Seele raubt.

„Im Augenblick des Todes“

Dann wird Capa mit einem einzigen Foto weltberühmt: „Tod eines Milizionärs“ bzw. „Loyalistischer Soldat im Augenblick des Todes“ geht um die Welt und macht ihn auf einen Schlag zu einer Ikone unter den Kriegsreportern. Aber wie kann er sich über den Erfolg freuen? Das Foto des Sterbenden, das er unter Lebensgefahr schoss, lässt ihn nicht mehr los. Und auch Gerda hat der Krieg verändert: An einen gerechten Gott kann sie angesichts der Toten, die sie jeden Tag umgeben, nicht mehr glauben. Immer öfter hat sie Schuldgefühle, noch am Leben zu sein. Und doch stürzt sie sich wie Robert mit der Kamera jeden Tag aufs Neue wagemutig in die nächste Schlacht.

Gegen jede Warnung

Langsam und schleichend bekommt die Beziehung der beiden erste Risse. Gerda hat genug davon, die Frau in seinem Schatten zu sein und wagt immer öfter Alleingänge, die Robert nicht gut heißt. Sie fährt wieder und wieder an die Front nahe Madrid, während Robert in Paris bleibt, und hält das Grauen des Krieges auf ihre ganz besondere Art fest. Als sie eines Tages – gegen jede Warnung – an der Front bleibt, um einen Bombenangriff der Deutschen fotografisch zu dokumentieren, kommt es zur Katastrophe, die sie im Alter von nur 27 Jahren das Leben kostet…

Brillanter Roman über das Lebensdrama einer mutigen Frau

Mit Warten auf Robert Capa ist Susana Fortes ein sehr berührender Roman über das bewegte Leben Gerda Taros gelungen. Die Autorin hat exzellent recherchiert und die politische, soziale und kulturelle Atmosphäre der damaligen Zeit mit großer Lebendigkeit eingefangen. Neben den zentralen Charakteren treffen wir auch auf viele interessante Persönlichkeiten dieser Epoche: Henri Cartier-Bresson, französischer Fotograf und – neben Capa – Mitbegründer der Fotoagentur Magnum, Man Ray, amerikanischer Fotograf und Objektkünstler, Ernest Hemingway, der legendäre Schriftsteller, der ebenfalls vom Spanischen Bürgerkrieg berichtete u.v.m.

Fortes lässt die Protagonisten Gerda und Robert vor unseren Augen lebendig werden und gewährt einen aufschlussreichen Blick in die Psyche der beiden Hauptfiguren, so dass man am Ende des Buches das Gefühl hat, sie persönlich gekannt zu haben. Vor allem aber vergisst man als Leser angesichts der fesselnd geschriebenen und sehr zu Herzen gehenden Story sehr schnell, dass es sich hierbei um Fiktion handelt, auch wenn die geschichtlichen Fakten allesamt stimmig sind. Und es ist genau diese Realitätsnähe, die durchdringende und klangvolle Sprache sowie die ergreifenden Einsichten in die Conditio Humana, die diesen ausgezeichneten Roman zu einem ganz besonderen Leseerlebnis machen. Daher mein Fazit: Ein Must Read!

Susana Fortes: Spanische Schriftstellerin und Journalistin

Susana Fortes wurde 1959 in Pontevedra (Spanien) geboren. Sie ist die Tochter des Schriftstellers Xosé Fortes Bouzán und die Schwester von Xabier Fortes, Journalist bei TVE. Fortes absolvierte ein Geschichts- und Geografie-Studium an der Universität von Santiago de Compostela und graduierte im Studienfach Amerikanische Geschichte an der Universität von Barcelona.

Sie unterrichtete zunächst Spanisch und Kunstgeschichte in Louisiana und Kalifornien. Heute arbeitet sie als Sekundarlehrerin im Instituto Sorollo in Valencia und widmet sich mit gleichem Engagement der Schriftstellerei. Ihr erster Roman Querido Corto Maltés erschien 1994 und wurde mit dem renommierten Premio Nuevos Narradores für das beste Debüt ausgezeichnet. Mit ihrem sechsten Roman, El amante albanés, der 1998 veröffentlicht wurde, gelang Fortes der Sprung auf die Finalistenliste des etablierten Literaturpreises Premio Planeta. Der 2009 erschienene Roman Warten auf Robert Capa (Esperando a Robert Capa) markierte für sie den literarischen Durchbruch – für diese einzigartige Erzählung erhielt sie den namhaften Fernando Lara Preis.

Darüber hinaus schreibt Fortes Beiträge für Zeitungen (z. B. El País oder La Voz de Galicia) sowie für Literatur- und Kinomagazine.

Fortes zählt mittlerweile zu den populärsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Spaniens. Ihre Romane werden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Leider sind davon nur zwei – Quattrocento (Im Zeichen der Madonna) und Esperando a Robert Capa (Warten auf Robert Capa ) – ins Deutsche übersetzt worden, was wirklich sehr schade ist.

Die o.g. biografischen Angaben sind den Verlagsinformationen und der englischen, spanischen und französischen Wikipedia-Seite entnommen.


Originalausgabe: Fortes, Susana. Esperando a Robert Capa. Barcelona: Editorial Planeta S.A., 2009.
Deutsche Ausgabe: Fortes, Susana. Warten auf Robert Capa. Aus dem Spanischen von Judith Petrus. Berlin: ebersbach & simon, 2016.
Buchcoverwww.ebersbach-simon.de

1 Quelle: Kulturradio vom rbb – Salli Sallmann, 14.07.2016.

Liebe und Verrat

Carla Guelfenbein: Stumme Herzen

Die lateinamerikanische Literatur hat mich schon immer begeistert. Die außergewöhnlichen Romane von Autoren und Autorinnen wie Isabel Allende, Gabriel García Márquez, Paulo Coelho und vor allem Antonio Skármeta haben für mich einen ganz besonderen Stellenwert. Nun ist noch eine weitere Schriftstellerin hinzugekommen, deren Werke mich sehr ansprechen: Die Chilenin Carla Guelfenbein berührt durch einen einzigartigen, sehr poetischen Schreibstil, der die Leser mit ihren Geschichten verschmelzen lässt. Worte – so mächtig und doch so federleicht – schleichen sich in die Gedanken und hallen noch lange nach, wenn das Buch beendet ist. Lebensklug und mit tiefgreifenden Einsichten in die Befindlichkeiten der Menschen erzählt Guelfenbein von großen Gefühlen, verpassten Chancen und stetem Neubeginn, der Bestandteil unserer Natur ist. Dabei bedient sich die Sprachvirtuosin einer klaren, melodisch-harmonischen Ausdrucksweise, die ihre Romane zu einem Lesegenuß ersten Ranges macht.

Ein verhängnisvoller Sturz

Die betagte Schriftstellerin Vera Sigall hat sich von der Welt zurückgezogen und lebt allein mit ihren beiden Hunden in ihrem Haus in Santiago de Chile. Nur ihr Nachbar, der junge Architekt Daniel Estévez, schafft es, Kontakt zu ihr aufzubauen und ihr Vertrauen zu gewinnen – sehr zum Missfallen seiner Karriere-Gattin Gracia, die die beinahe familiäre Bindung der beiden mit Unverständnis zur Kenntnis nimmt. Als er Vera eines Tages bewusstlos am Fuße ihrer Treppe auffindet, ist Daniel schockiert: Er kann nicht fassen, dass die agile Dame ohne ersichtlichen Grund so schwer gestürzt ist. Er glaubt nicht an einen Unfall oder ein Mißgeschick, doch das behält er zunächst für sich.

Er hat genügend eigene Probleme, die sich nicht so einfach in Luft auflösen: Seine Ehe mit Gracia ist in einer Krise. Als sie ein Paar wurden, hatte Daniel mit seinem Entwurf eines Museums einen hart umkämpften Wettbewerb gewonnen und war zum aufsteigenden Stern der Architektenbranche avanciert. Doch als das prestigeträchtige Projekt auf Eis gelegt wurde, geriet auch seine vielversprechende Karriere ins Stocken, ein absolutes No-Go für Gracia, für die Erfolg das Wichtigste im Leben ist. Als Daniel ihr von seinem Traum erzählt, ein Restaurant auf den Klippen zu entwerfen und zu betreiben, ist sie mehr als entsetzt, denn in ihren Augen ist das kein Job für einen richtigen Mann.

Sterne und Planeten

Zeitgleich ist Emilia Husson, eine französische Studentin mit chilenischen Wurzeln, nach Santiago de Chile gekommen, um dort mittels Stipendium das Gesamtwerk von Vera Sigall zu erforschen. Der berühmte Dichter Horacio Infante, der als Gastdozent an ihrer Universität lehrt, hatte sie überzeugt, ihre Abschlussarbeit über Sigall zu schreiben und ihr darüber hinaus die Erlaubnis verschafft, in der Bibliothek Bombal Zugang zu all ihren Romanen zu erhalten. Als Tochter zweier Astronomen ist Emilia besonders an der Bedeutung der Sterne und Planeten in Sigalls Erzählungen interessiert, doch das hält sie zunächst geheim, da es ihres Erachtens selbst für Literaturwissenschaftler zu abgehoben sein könnte.

Als Infante Emilia zu einem gemeinsamen Lunch mit seiner Tochter einlädt, lernt sie dort zu ihrer Überraschung auch Vera Sigall kennen. Emilia bemerkt sofort, dass zwischen Sigall und Infante etwas Unausgesprochenes liegt, ein inniges, unsichtbares Band, das die beiden verbindet. Umso erstaunter ist sie, als sie wenig später unabsichtlich Zeugin eines lauten und zornigen Streits der beiden wird, den sie nicht einordnen kann.

Eine schicksalhafte Begegnung

Für Emilia bricht eine Welt zusammen, als sie erfährt, dass Vera nach einem folgenschweren Sturz im Koma liegt. Sie schafft es nicht mehr, sich auf ihre Recherchen zu konzentrieren und fährt ins Krankenhaus, um Vera nahe zu sein. Sie verbringt Stunde um Stunde im Wartesaal, weil sie keinen Zugang zum Krankenzimmer erhält. Dort sitzt Daniel, der alles versucht, um die schwer verletzte Schriftstellerin durch Vorlesen und Erzählen wieder ins Leben zurückzuholen.

Bald wird er auf Emilia aufmerksam, die auf ihn einen seltsam verlorenen Eindruck macht. Sie wirkt wie ein Wesen aus einer anderen Welt, das ganz in sich versunken ist. Und sein Eindruck täuscht ihn nicht: Die scheue Emilia hat ein Problem im Umgang mit Menschen, jeglicher körperlicher Kontakt ist ihr zuwider. Und trotz alledem verlieben sich die beiden und vertrauen sich einander an: Emilia erzählt Daniel, dass sie bei ihren Recherchen auf etwas äußerst Mysteriöses zwischen Sigall und Infante gestoßen ist, das bisher noch niemandem aufgefallen ist. Im Gegenzug berichtet Daniel Emilia, dass er nicht glaubt, dass Sigalls Sturz ein Unfall war und er daher die Polizei eingeschaltet hat.

Beide recherchieren schließlich gemeinsam und finden heraus, dass ein Obdachloser kurz vor Veras Sturz in der Nähe ihres Hauses gesehen wurde. Auch Infante soll Vera kurz vor ihrem angeblichen Unfall noch besucht haben. Als Daniel jedoch zu seinem Entsetzen entdeckt, wer Vera tatsächlich an dem Unglückstag besucht hat, kann er es nicht fassen und glaubt an einen Irrtum. Währenddessen macht Emilia eine weitere Entdeckung und erhält schließlich private, nur für ihre Augen bestimmte Aufzeichnungen von Infante, die die ganze Tragik seiner und Veras Geschichte enthüllen und den berühmten Dichter und die Schriftstellerin in ein völlig anderes Licht rücken…

Ein großartiger Roman über Liebe, Verrat und Vergebung

Mit Stumme Herzen ist Carla Guelfenbein ein erstklassiger, ausdrucksstarker Roman gelungen, der nachdenklich stimmt. Die aus drei Teilen bestehende Geschichte, deren Kapital jeweils abwechselnd aus der Perspektive von Daniel, Emilia und Horatio Infante erzählt werden, thematisiert zum einen die tragische Liebe des berühmten Dichters und der legendären Schriftstellerin in all ihren Facetten – leidenschaftlich, alltagsabsorbiert und schließlich zerstört durch einen Verrat, der unverzeihlich scheint. Doch was, wenn der sogenannte Verrat aus Liebe geschah? Die Frage klingt wie ein Paradoxum, doch in dieser Geschichte ist sie mehr als berechtigt. Haben nicht Stolz und ein übergroßes Ego zu einem existentiellen Dilemma geführt, von dem sich einer der Protagonisten (mehr sei an dieser Stelle nicht offenbart) erst im hohen Alter durch Einsicht und Vergebung befreien kann? Am Ende wird dieser Figur schmerzlich bewusst, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt – was bleibt sind Erinnerungen an eine Liebe, die zu fragil war für die Ewigkeit.

Zum anderen erzählt Guelfenbein die ungewöhnliche Liebesgeschichte der beiden Außenseiter Daniel und Emilia. Die behutsame Annäherung der beiden liebenswert verschrobenen Charaktere, die ihren ganz eigenen Charme hat, ist das genaue Gegenteil der ungezügelten Love Story von Horatio und Vera. Daniel und Emilia versuchen, ihren Platz in einer Gesellschaft zu finden, in der Individualität und Andersartigkeit keine Chance haben und begegnen einander in einem Moment, in dem alles düster scheint. Wie sie zueinander finden, erzählt Guelfenbein auf wunderbare Weise, wie es mit den Liebenden weitergeht, lässt sie offen. Am Ende findet sich alles zusammen, nur um dann wieder auseinander zu driften. Schicksal? Nein. Nur der Lauf des Lebens.

Carla Guelfenbein: Chilenische Schriftstellerin, Journalistin und Drehbuchautorin

Carla Guelfenbein wurde 1959 in Santiago de Chile geboren. Angesichts der imminenten Bedrohung durch die Militärdiktatur Pinochets verließ sie ihre Heimat im Alter von 17 Jahren gemeinsam mit ihrer Familie, um sich in England eine Existenz aufzubauen. In Essex studierte sie dann Biologie und Design. Doch es zog sie wieder nach Chile zurück, wo sie zunächst für die Zeitschrift ELLE tätig wurde und dort in der Werbung für die Bereiche Kunst und Mode zuständig war.

Danach wandte sich Guelfenbein der Schriftstellerei zu und veröffentlichte 2003 ihren ersten Roman El revés del alma. Der Durchbruch als Autorin gelang ihr mit ihrem zweiten Werk La mujer de mi vida (Die Frau unseres Lebens), der 2005 erschien, zum Bestseller avancierte und in Chile zum Buch des Jahres gewählt wurde. Danach hat sie noch drei weitere Romane veröffentlicht – El resto es silencio, 2008 (Der Rest ist Schweigen, 2010), Nadar desnudas, 2012 (Nackt schwimmen, 2012) und nunmehr Contigo en la distancia, 2015 (Stumme Herzen, 2017), der mit dem namhaften Premio Alfaguara ausgezeichnet wurde.

Carla Guelfenbein zählt zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen Lateinamerikas. Ihre Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Die o.g. biografischen Angaben sind den Verlagsinformationen und der entsprechenden Wikipedia-Seite entnommen.


Originalausgabe: Guelfenbein, Carla. Contigo en la distancia. Penguin Random House Grupo Editorial, S. A. U. Chile, 2015.
Deutsche Ausgabe: Guelfenbein, Carla. Stumme Herzen. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag GmbH, 2017.
Buchcoverwww.fischerverlage.de

Mein herzlicher Dank gilt der S. Fischer Verlag GmbH, die mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Aufstieg eines literarischen Revolutionärs

Lesley M. M. Blume: Und alle benehmen sich daneben

Ernest Hemingways Meisterwerk Fiesta (The Sun Also Rises) brachte ihm 1926 den lang ersehnten literarischen Durchbruch und machte ihn zur Stimme der Lost Generation, einer desillusionierten Nachkriegsgeneration, die durch ihren exzessiven Lebensstil einen Ausweg aus der Sinnleere suchte. Sein Roman, der sich nicht nur durch einen innovativen minimalistischen Erzähl- und Sprachstil auszeichnete, sondern auch Protagonisten in den Vordergrund stellte, die bar jeder Moralvorstellung agierten, wurde als Paradebeispiel der Amerikanischen Moderne gefeiert. Fiesta schockierte und begeisterte das Establishment gleichermaßen und katapultierte den 27-jährigen Hemingway über Nacht in die Rolle des literarischen Revolutionärs, der seine verstaubten Schriftsteller-Vorgänger und Kollegen weit hinter sich ließ. Es entstand ein regelrechter Hemingway-Hype: Scharen von Bewunderern fuhren nach Paris und Pamplona, um die Schauplätze seiner Geschichte zu besuchen und den von ihm erdachten Hauptfiguren – nicht nur im Trinken – nachzueifern.

Wie alles begann

Die amerikanische Schriftstellerin und Journalistin Lesley M. M. Blume erzählt in ihrem einzigartigen biografischen Werk Und alle benehmen sich daneben von Hemingways schriftstellerischen Anfängen in Paris und von der unvergleichlichen Entstehungs- und Erfolgsgeschichte seines außergewöhnlichen Debütromans Fiesta. Obwohl es ein steiniger, oftmals von bitterer Armut geprägter Weg war, verlor der junge Hemingway, der zunächst als Journalist und Reporter tätig war, sein wichtigstes Lebensziel nie aus den Augen: Er wollte ein gefeierter Autor werden und war bereit, dafür jeden Preis zu zahlen.

Als er 1921 gemeinsam mit Gattin Hadley dem Ratschlag des renommierten Schriftstellers Sherwood Andersen folgt und nach Paris zieht, um dort seine schriftstellerische Karriere zu forcieren, sind seine Aussichten nicht gerade rosig. Die Wohnung der Hemingways über einer Sägemühle ist karg, es fehlt am nötigsten und Hemingway ist gezwungen, nebenbei wieder als Reporter für den Toronto Star zu arbeiten, um für sich und Hadley den Lebensunterhalt zu bestreiten. Obwohl ihm dies widerstrebt, macht er sich bald als kritischer Journalist und streitbarer Kolumnist einen Namen: Mit nur 22 interviewt er Mussolini und demaskiert ihn als größenwahnsinnigen Diktator. Darüber hinaus verfasst er Kolumnen aus Paris und kritisiert die Expats, die sich als Künstlerpersönlichkeiten in der französischen Metropole aufspielen, jedoch in seinen Augen nur nichtskönnerische Poseure sind, die den ganzen Tag in den angesagtesten Cafés und Bars herumhängen und sich wichtig nehmen.

Die Clique

Hemingways schriftstellerischer Arbeitseifer ist ebenfalls nicht zu bremsen, und er schreibt Kurzgeschichten und Gedichte. Es gelingt ihm schließlich, einige dieser Frühwerke bei zwei in Paris ansässigen amerikanischen Verlagen zu veröffentlichen, die sich auf experimentelle Literatur spezialisiert haben. Hemingway ist bewusst, dass ihm nur ein Roman den gewünschten Durchbruch bescheren kann, doch ein solches Vorhaben erscheint ihm zunächst noch zu gewagt. Und so beschließt er, die Empfehlungsschreiben, die Sherwood Anderson ihm für die literarische Haute Volée der Expats mitgegeben hat, zu benutzen. Er macht die Bekanntschaft schriftstellerischer Größen wie Ezra Pound, der schon T. S. Eliot mit The Waste Land zum Erfolg verholfen hatte, und erhält – dank Andersons Empfehlung – sogar Einlass zum exklusiven Literatursalon der amerikanischen Autorin Gertrude Stein in der Rue de Fleurus, die gemeinsam mit Lebensgefährtin Alice B. Toklas alles um sich schart, was im künstlerischen Bereich Rang und Namen hat. Und es gelingt dem charismatischen Hemingway das, was vor ihm nur wenige schafften: Die strenge Ikone Gertrude Stein ist von ihm und seinen schriftstellerischen Experimenten begeistert. Gleiches gilt für Sylvia Beach, Eigentümerin der berühmten Buchhandlung Shakespeare & Company, die von Hemingways charismatischer Persönlichkeit fasziniert ist.

Durch seine Gespräche mit Pound und Stein lernt Hemingway sehr viel, vor allem aber verschaffen ihm diese Begegnungen weitere wichtige Kontakte, die ihm auf seinem Weg nach oben sehr nützlich sind. Er lernt den amerikanischen Verleger und Journalisten Bill Bird und den Schriftsteller und Publizisten Robert McAlmon kennen, der Hemingways erweiterte Kurzgeschichtensammlung schließlich unter dem Titel In Our Time veröffentlichen wird, wodurch Hemingway erste Aufmerksamkeit erhält.

Faszination Corrida

Doch bei aller Arbeitsamkeit darf auch der Spaß am Leben nicht zu kurz kommen. Angesteckt von Steins Stierkampf-Begeisterung beschließen Hemingway und seine Entourage, nach Pamplona zu fahren und sich dort das Spektakel einmal live anzuschauen. Während Hemingway von der Corrida, dem gefährlichen Spiel auf Leben und Tod, sofort fasziniert ist, sind einige seiner Begleiter von der Grausamkeit des Stierkampfes abgestossen. Doch das tut dem Ganzen keinen Abbruch. Man trinkt exzessiv, schlägt sich die Nächte um die Ohren und ist auch den schönen Señoritas nicht abgeneigt. Alle sind sich einig, dass dies nicht die letzte Spanienreise gewesen ist, denn wo sonst kann man sich als Mann so sehr beweisen, wie Auge in Auge mit einem Stier, ist Hemingways Devise, die er später auch in seinen Roman Tod am Nachmittag mit einfließen lassen wird.

Berühmte Mentoren

Wieder zurück in Frankreich lernt Hemingway zwei weitere Persönlichkeiten kennen, die ihm den Weg ebnen und seine Mentoren werden sollen: Sara und Gerald Murphy, der Inbegriff der Reichen und Schönen der damaligen Zeit, deren exquisiter Stil und Sinn für Kunst und Literatur ebenso einzigartig waren wie ihre legendären Parties, die sie mit dem Who is Who der literarischen und künstlerischen Größen in ihrem exklusiven südfranzösischen Domizil, Villa America, glamourös feierten. Doch trotz allem waren sie bodenständig, eine Eigenschaft, die Hemingway sehr schätzt. Er lernt über sie auch F. Scott Fitzgerald kennen, der mit seinem Romanklassiker Der große Gatsby zum kritischen Chronisten des Jazz Age und Star der Flapper-Generation avancierte. Fitzgerald hatte In Our Time gelesen und sofort das große Potential Hemingways erkannt. Obwohl sie streng genommen Konkurrenten waren, machte Fitzgerald Maxwell Perkins vom etablierten New Yorker Scribner Verlag auf Hemingway aufmerksam, der sich sehr interessiert zeigte und schließlich auch seinen ersten Roman veröffentlicht.

Die zündende Idee und ein bahnbrechender Erfolg

Hemingways literarische Versuche plätschern so dahin, bis ihm nach seiner dritten Spanienreise, die mit Affären, Eifersuchtsszenen und wüsten Trinkgelagen in einem Eklat endet, endlich die zündende Idee kommt. Er greift alle noch so schmutzigen Details dieses Pamplona-Trips auf und macht seine Begleiter, die britische Adelige und Femme Fatale Lady Duff Twysden und ihren Lover Patrick Guthrie, seinen Gönner Harold Loeb und dessen Freundin Kitty Cannell, Bestsellerautor Donald Ogden Stewart sowie Bill Smith, Hemingways Freund aus Kindertagen, zu Protagonisten seines neuen Romans und ändert dabei lediglich ihre Namen. Er wählt ein passendes Zitat von Gertrude Stein You are all a lost generation und einen Titel aus der Bibel The Sun Also Rises und sein Erfolgsrezept geht tatsächlich auf: Der Roman wird ein absoluter Überraschungserfolg. Hemingway wird nicht nur zum Sprachrohr einer neuen Generation, sein Roman markiert auch den Beginn seines kometenhaften Aufstiegs als literarischer Innovator, der eine neue, vielversprechende Ära einläutet.

Dass bei allem Erfolg seine Freunde und Fürsprecher auf der Strecke bleiben und ins Lächerliche gezogen werden, weil man sie – trotz geänderter Namen – im Roman sofort erkennt, nimmt Hemingway in Kauf, denn Rücksicht und Diskretion zählen offenbar nicht zu seinen Stärken. Auch viele seiner Mentoren wie Gertrude Stein oder Sherwood Anderson, über die er in den Medien ganz nonchalant hergezogen hatte, brachen mit ihrem berühmten Schützling und machten aus ihrem Verdruss über sein ungebührliches Verhalten keinen Hehl.

Selbstinszenierung und Mythos

Genauso wichtig wie sein schriftstellerisches Wirken war Hemingway jedoch auch seine öffentliche Selbstinszenierung als unwiderstehlicher Frauenheld, verwegener Draufgänger und unkonventioneller Schriftsteller mit einer Vorliebe für Stierkampf und Safaris. Mit traumwandlerischer Sicherheit bediente er sich dabei der Medien, die seinem Wunsch nur zu gerne entsprachen und ihn als Inkarnation des Männlichen, unwiderstehlichen Teufelskerl und literarischen Erneuerer porträtierten. Als er im späteren Verlauf seiner Karriere die Kontrolle über die Medien verlor und ihm sein selbst geschaffener Mythos im wahrsten Sinne des Wortes durch die Finger rann, entwickelte er eine Art Haßliebe zu seinen einst so dienlichen medialen Instrumenten: Einerseits wollte er ihre Aufmerksamkeit und als Autor und Persönlichkeit um jeden Preis gefallen, andererseits veranscheute er ihre Wortverdrehungstaktiken und ihre in seinen Augen unqualifizierte Kritik.

Nach The Sun Also Rises schrieb Hemingway noch einige unvergessliche Werke, darunter auch die großartige Novelle Der alte Mann und das Meer, für die er 1954 den Nobelpreis für Literatur erhielt. In seiner verlesenen Ansprache konstatierte er:

Ein wahrer Schriftsteller sollte sich immer um etwas bemühen, das noch nie gemacht wurde oder was andere ohne Erfolg versucht haben. Dann erreicht er manchmal, mit großem Glück, sein Ziel.“1

Dies ist Hemingway mit seiner brillanten, neuartigen Fiktion meisterhaft gelungen, nicht zuletzt, weil ihm neben seinem großen Talent und seiner charismatischen Persönlichkeit auch das große Glück, die richtigen Menschen zur richtigen Zeit kennengelernt zu haben, beschert war.

Ein brillantes biografisches Werk über die Anfänge eines großen Schriftstellers

Mit Und alle benehmen sich daneben ist Lesley M. M. Blume eine großartige biografische Erzählung über die Entstehungsgeschichte von Hemingways erstem Roman Fiesta gelungen. Die Autorin hat bis ins kleinste Detail recherchiert, was dieses Buch neben der packenden Story zu einem abenteuerlichen Leseerlebnis macht. Als Leser hat man das Gefühl, in das aufregende Paris, das exotische Pamplona und das pulsierende New York der 20er Jahre einzutauchen und Hemingway bei seinem Werdegang über die Schulter zu sehen. Wie er, treffen wir hier auf viele künstlerische Persönlichkeiten, deren Bekanntschafft wir selbst nur zu gerne gemacht hätten.

Aber Blume beleuchtet natürlich vor allem die unglamourösen Zeiten in Paris, die Hemingway und seine Gattin Hadley, die ihren Mann vergötterte und die sich stets mit jeder noch so misslichen Lange abfand, meistern müssen, bevor sie sprichwörtlich auf die Rosen des Ruhms gebettet werden. Diesen langen Weg zum Erfolg beschreibt Blume sehr anschaulich und mit vielen Anekdoten, Events und Erlebnissen, die das Buch nicht nur zu einer aufregenden Zeitreise machen, sondern das künstlerische Schaffen und den Charakter des genialen Schriftstellers illuminieren, dessen Werke die Zeit überdauern. Daher mein Fazit: Ein Must Read – nicht nur für Hemingway-Fans!

Lesley M. M. Blume: Renommierte Schriftstellerin, Journalistin und Kolumnistin

Lesley M. Blume wurde als Tochter einer Pianistin und eines Journalisten in New York geboren. Sie besuchte das Williams College und graduierte mit einem B.A. in Geschichte. Darüber hinaus absolvierte sie ein Studium an der renommierten Cambridge University und machte dort ihr Master’s Degree – ebenfalls im Studienfach Geschichte. Nach ihrem Studium trat sie beruflich in die Fußstapfen ihres Vaters und arbeitete zunächst für The Jordan Times in Amman und Cronkile Productions in New York. Später war sie dann als Reporterin und Researcherin für ABC News gemeinsam mit Ted Koppel in Washington D.C. tätig, wo sie im Jahre 2000 über die Präsidentschaftswahlen und später dann u.a. über die 9/11-Anschläge und die Kriege im Irak und Afghanistan berichtete.

Blume schreibt nunmehr schwerpunktmäßig über kulturhistorische Themen und Künstlerpersönlichkeiten wie den exzentrischen Maler Jackson Pollock, das schriftstellerische Enfant Terrible Truman Capote oder über den mythenbeladenen Literaten Ernest Hemingway. den Modeschöpfer und Filmemacher Tom Ford, den legendären New York Times Fotografen Bill Cunningham oder den launenhaften Kunstschöpfer Pablo Picasso. Ihre Essays, Artikel und Kolumnen erscheinen in etablierten Zeitungen und Magazinen wie u.a. Vanity Fair, The New York Times, The New York Times Style Magazine, Huffington Post, The Wall Street Journal, VOGUE, Departures, Town & Country und The Paris Review Daily.

Darüber hinaus hat die Autorin mit ihrer Let’s bring back Buchreihe eine nostalgische Serie ins Leben gerufen, die sich u.a. Kuriositäten, Mode, Cocktails, sprachlichen Gepflogenheiten etc. vergangener Zeiten widmet. Ihr Faible für Geschichte zeigt sich auch in ihrem Non-Fiction Buch It Happened Here, in dem sie das alte New York unter sozio-kulturellen Gesichtspunkten beleuchtet und sich insbesondere auf das berühmte Grandhotel St. Regis im Big Apple fokussiert, in dem schon Alfred Hitchcock und Salvador Dalí nächtigten.

Daneben schreibt Blume auch sehr erfolgreich Kinder- und Jugendbücher. Hier hat sie zwischenzeitlich bereits fünf Romane und eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht: Modern Fairies, Dwarves, Goblins, and Other Nasties, Cornelia and the Audacious Escapades of the Somerset Sisters, Tennyson, Julia and the Art of Practical Travel, The Wondrous Journals of Dr. Wendell Wellington Wiggins und The Rising Star of Rusty Nail.

Die hier vorgestellte biografische Publikation Und alle benehmen sich daneben (Everybody behaves badly) ist Blumes erste große Veröffentlichung in diesem Bereich. Sie wurde von den amerikanischen Lesern begeistert aufgenommen und schaffte mühelos den Sprung auf die New York Times Bestsellerliste – ein großer Erfolg, den die brillante Erzählerin mehr als verdient hat.

Die Autorin lebt mit ihrem Mann (ebenfalls Journalist) in Los Angeles.

Weitere Informationen über Lesley M. M. Blume findet ihr auf ihrer Website, lesleymmblume.com, der ich neben den Verlagsangaben auch ihre biografischen Details entnommen habe.


Originalausgabe: Blume, Lesley M. M. Everybody behaves badly: the true story behind Hemingway’s masterpiece The Sun Also Rises. Boston/New York: Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company, 2016.
Deutsche Ausgabe: Blume, Lesley M. M. Und alle benehmen sich daneben. Wie Hemingway seine Legende erschuf. Aus dem amerikanischen Englisch von Jochen Stremmel. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2017.
Buchcover: www.dtv.de

1Ernest Hemingway – Banquet Speech – Nobel Prize – 10.12.1954 – zitiert v. Blume, s.o., S. 495.

Jenseits des Glamours

F. Scott Fitzgerald: Für dich würde ich sterben

Er war der schillernde Paradiesvogel unter den Schriftstellern der Amerikanischen Moderne. Sein Romanklassiker Der große Gatsby machte ihn unsterblich und katapultierte ihn – wenn auch erst nach seinem Tod – auf den Olymp der weltbesten Literaten: F. Scott Fitzgerald, dessen glamouröses, exzessives Party-Leben mit Flapper-Gattin Zelda ebenso legendär war wie sein künstlerisches Schaffen, hat der Nachwelt ein einzigartiges literarisches Erbe hinterlassen. Werke wie Zärtlich ist die Nacht, Diesseits vom Paradies, Die Schönen und Verdammten, Die Liebe des letzten Tycoons und nicht zuletzt die brillante Kurzgeschichtensammlung Flappers and Philosophers reflektieren die gesamte Bandbreite seines Könnens und zeugen von beeindruckender sprachlicher Ausdruckskraft.

Fitzgeralds außergewöhnlicher Erzählstil und seine unvergleichlichen Protagonisten zeichnen ihn als exzellenten, kritischen Chronisten des Jazz Age aus. Kein anderer fing den Zeitgeist der wilden 20er Jahre, die Blütezeit des künstlerischen Schaffens, die von wirtschaftlichem Wohlstand geprägt war, so gekonnt ein wie er. Niemand ging mit der moralischen Dekadenz, dem damit einhergehenden Werteverfall und der zunehmenden Oberflächlichkeit härter ins Gericht als dieser beeindruckende Autor, der die pervertierte Interpretation des amerikanischen Traums von Luxus und Überfluss der Schönen und Reichen dieser Zeit schonungslos offenlegte. Was seine Werke zeitlos macht, ist seine Sicht der menschlichen Natur, für die Erfolg und Geld zu den wichtigsten Maximen geworden sind, die die Sinnleere der Schnelllebigkeit füllen sollen. Dies hat sich – damals wie heute – als Trugschluss erwiesen.

18 neue literarische Erbstücke

Nunmehr sind 18 neu entdeckte Erzählungen Fitzgeralds – 14 Erzählungen, 3 Filmexposés (Gracie auf See, Ballettschuhe, Liebe kostet Nerven) und 1 Fragment (Auszeit von der Liebe) – unter dem Titel Für dich würde ich sterben erschienen, die eine völlig andere Seite des Ausnahme-Schriftstellers zeigen und die von Maturität und literarischer Weiterentwicklung zeugen. Fitzgerald wollte diese Geschichten unbedingt veröffentlicht bzw. verfilmt wissen, doch Verleger und Filmproduzenten taten sich schwer mit seinen gereiften Erzählungen/Filmscripts, denn sie passten ihres Erachtens nicht zu seinem alten Stil, mit dem er berühmt geworden war. Stories ohne ausschweifende, glamouröse Parties, ohne Luxus, ohne schöne Protagonistinnen und Protagonisten, die in tragischer Liebe zueinander entbrennen, passten nicht in die Schublade, in die sie Fitzgerald gesteckt hatten. Doch der Autor blieb sich treu und ließ sich trotz seines verblassenden Ruhms und seiner unbefriedigenden Arbeit in Hollywood schriftstellerisch nicht verbiegen. Das ist ein großes Glück für seine Leser, die sonst nie in den Genuss dieser wunderbaren Geschichten gekommen wären.

Ein neuer Quell

/…/Ich müsste entweder zaubern können oder ein Zeilenschinder sein, wenn ich drei Jahrzehnte lang ein und dasselbe produzieren könnte./…/Ich weiß, was von mir erwartet wird, aber der Brunnen ist am Versiegen, und ich halte es für klüger, ihn nicht weiter auszuschöpfen, sondern einen neuen Brunnen, einen neuen Quell zu erschließen.1

Dies schrieb Fitzgerald 1939 an Kenneth Littauer, Redakteur der Zeitschrift Collier‘s. Seine jetzt von Anne Margaret Daniel herausgegebenen letzten unveröffentlichten Erzählungen zeigen, dass er diesen neuen Quell gefunden hatte. Doch was ist so anders an diesen Stories, dass man sie zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlichten wollte? Die Frauen und Männer seiner Geschichten sind – wenigstens zum Teil – immer noch schön, begehrenswert und zuweilen auch jung, der amerikanische Traum hat zwar seinen Glamour, nicht aber seine Anziehungskraft verloren, und Liebe ist immer noch das Elixir, das die Menschen antreibt und ihnen höchstes Glück und tiefste Verzweiflung beschert. Die Antwort liegt auf der Hand: Die Geschichten sind in all ihrer Brillanz, Kuriosität, Exzentrik, Komik und Lebensklugheit sehr down-to-earth. Als Leser gelingt es nicht mehr, in eine verlockende Glitzerwelt abzutauchen und sich den verheißungsvollen Traum von Rags to Riches – wenn auch nur kurzzeitigzu eigen zu machen.

Kurioses, Komisches, Ernstes und Romantisches im gereiften Fitzgerald-Style

In seinen letzten Geschichten zeigt Fitzgerald ein breit gefächertes literarisches Portfolio. Keine Story gleicht der anderen, bei einigen kann man kaum glauben, dass sie von Fitzgerald sind. Letzteres trifft insbesondere auf Gracie auf See zu, in der er die reiche, tolpatschige Gracie karikiert, deren ramponiertes Image Werbefachmann George wieder aufpolieren und darüber hinaus einen Ehemann für sie finden soll. Gracies peinliche Auftritte und die eingebauten Slapstick-Einlagen sind Fitzgerald wirklich gelungen – das Skript hätte meines Erachtens einen äußerst unterhaltsamen Film abgegeben.

In Spielschulden begegnen wir einem abgezockten, desillusionierten Verleger, der alles veröffentlicht, was auch nur ansatzweise Geld verspricht, bis er eines Tages die Quittung für seine Oberflächlichkeit und Geldgier erhält. Die Geschichte Böser Traum spielt in einer psychiatrischen Klinik, in der ein Gesunder systematisch krank gemacht wird. Hier konnte Fitzgerald – so scheint es – aufgrund der oftmaligen Aufenthalte seiner Frau Zelda in solchen Kliniken auf eigene Erfahrungswerte zurückgreifen. Das Klinikszenario, die äußerst realitätsnahe Darstellung der Ärzte und der Verrückten und das Verschwimmen der Grenze zwischen Wahn und Normalität ist Fitzgerald wirklich exzellent gelungen. Gleiches gilt für die ebenfalls in einem Krankenhaus spielende Geschichte Wirbelsturm in stillen Gefilden, wo Assistenzarzt Dr. Bill Craig den Fehler seines Lebens begeht, als er die schöne Schwesternschülerin Benjamina, genannt Trouble, vor allen blossstellt. Im Gegensatz zu Böser Traum ist diese Story sehr komisch und hat ausgesprochenen Wortwitz. Am Ende kann man nicht umhin, leise in sich hinein zu schmunzeln, denn Trouble hat ihren Namen nicht umsonst.

In Zusammen unterwegs zeigen sich ebenfalls einige Parallelen zu Fitzgeralds Leben, denn hier überwirft sich ein berühmter Drehbuchautor, Chris Cooper, mit einem Produzenten, der seinen neuen Stil nicht akzeptieren will, um seinen eigenen Weg zu gehen und mit der schönen und klugen Judith Downs, die er auf einer abenteuerlichen Zugfahrt kennengelernt hat, ein neues Leben fernab von Hollywood zu beginnen. Darüber hinaus gefällt mir auch die Kurzgeschichte Danke für das Feuer sehr, in der eine Handlungsreisende für Mieder und Hüfthalter eine äußerst merkwürdige Erscheinung in der Kirche hat. Sehr bemerkenswert sind auch die beiden Geschichten Daumen hoch und Zahnarztbehandlung, die beide im Amerikanischen Bürgerkrieg spielen. Diese zwei völlig unterschiedlichen Fassungen einer Basisgeschichte dechiffrieren den Mythos einer dunklen historischen Epoche und zeigen sie in all ihrer Brutalität und Menschenverachtung.

Meine Lieblingsgeschichte ist die gleichnamige Titelstory Für dich würde ich sterben. Ich muss zugeben, ich hatte eine absolut romantische Love Story erwartet und war verblüfft, was tatsächlich dahinter steckt. Sie spielt in North Carolina, wo eine Filmcrew zwecks Dreharbeiten in einem Hotel abgestiegen ist. Schauspielerin Atlanta erwidert die Gefühle von Kameramann Roger nicht und fühlt sich von der Ausstrahlung eines mysteriösen Fremden magisch angezogen. Dieser entpuppt sich als zivilrechtlich gesuchter „Selbstmord-Carley“, dessen ehemalige Freundinnen sich bisher alle aus verzweifelter Liebe zu ihm das Leben genommen haben. Atlanta kann dies in keiner Weise nachvollziehen, denn Carley ist weder schön noch außergewöhnlich. Doch auch sie verfällt seinem Charme – genauso wie Isabelle, Carleys ständige Begleitung, die die Beziehung der beiden mit Argwohn beobachtet. Als beide Frauen zur gleichen Zeit spurlos verschwinden, geht man vom Schlimmsten aus, aber für moderne Frauen ist Suizid wegen eines Mannes nun wirklich keine Lösung…

Von der Essenz des amerikanischen Traums

Fitzgeralds Erzählungen, von denen ich hier nur einige meiner Favoriten kurz vorgestellt habe, sind in all ihrer Diversität ein wirklicher Lesegenuss. Von dem einst auf bodenständigen moralischen Fundamenten basierenden amerikanischen Traum, der von Geld und Macht korrumpiert wurde und der stets ein durchscheinendes Thema in Fitzgeralds Werken war, hat er die stärkste Maxime und wichtigste Essenz in den Vordergrund gerückt: Hoffnung. Jenseits des Glamours ist sie geblieben und lässt in den Menschen den notwendigen Mut zu einem Neuanfang wachsen, der sie antreibt und sie ihrem individuellen Lebenstraum jeden Tag ein wenig näherbringt.

Mein Fazit: Ein Buchjuwel und Must Read – nicht nur für Fitzgerald-Fans!

F. Scott Fitzgerald: Amerikanischer Schriftsteller der Extraklasse

Francis Scott Key Fitzgerald wurde 1896 in St. Paul/Minnesota geboren und nach seinem Vorfahren Francis Scott Key, dem Dichter der amerikanischen Nationalhymne, The Star-Spangled Banner, benannt. Obwohl er nur ein mittelmäßiger Schüler war, gelang ihm 1913 die Aufnahme an der renommierten Princeton University. Doch auch hier war er wenig erfolgreich, er veröffentlichte aber bereits einige Kurzgeschichten in der Unizeitung. 1917 verließ er die Universität ohne Abschluss und trat der US-Armee als Unterleutnant bei deren Eintritt in den 1. Weltkrieg bei. Er wurde auf die Militärbasis in Montgomery/Alabama versetzt, wo er die Südstaaten-Schönheit Zelda Sayre kennenlernte, in die er sich Hals über Kopf verliebte. Fitzgerald machte ihr bald darauf einen Heiratsantrag, den sie jedoch nur zögerlich annahm, weil Fitzgerald angeblich noch nicht genug Geld verdiente, um ihr ein adäquates Leben zu ermöglichen. Doch der Erfolg stellte sich nicht so schnell ein wie Fitzgerald hoffte. Und so löste Zelda die Verlobung, während Scott mit Hochdruck weiter an seiner Karriere als Schriftsteller arbeitete.

Der Fluch des frühen Erfolges

Doch dann bekundete der bekannte Scribner-Verlag Interesse an Fitzgeralds The Romantic Egotist und akzeptierte schließlich eine überarbeitete Version mit dem geänderten Titel This Side of Paradise, der 1920 in kurzer Zeit zu einem Verkaufserfolg wurde. Zelda willigte endlich ein, Scott zu heiraten, und so wurden sie zu einem der ersten Glamour-Paare ihrer Zeit. Sie schwelgten im Luxus, feierten exzessive Partys und zierten die Titelblätter sämtlicher In-Magazine der 20er Jahre. Sie bereisten Europa und trafen in Paris auf die bedeutendsten Schriftsteller ihrer Zeit wie Ernest Hemingway, Henry James und Gertrude Stein. 1921 machte die Geburt ihrer Tochter Scottie das Glück perfekt.

Der Anfang vom Ende

Ein Jahr später erschienen bereits seine nächsten Werke The Beautiful and the Damned und Tales of the Jazz Age, doch zu seiner Enttäuschung konnte er nicht an den Erfolg seines ersten Romans anknüpfen. Sein 1925 veröffentlichtes Meisterwerk The Great Gatsby wurde von den Kritikern zunächst nicht gebührend gewürdigt, was sich auch im unerwartet geringen Verkaufserfolg niederschlug. Fitzgeralds wachsender Alkoholkonsum wurde zunehmend zu einem Problem. 1927 begann Fitzgerald, für die Filmindustrie in Hollywood zu arbeiten, doch der große Erfolg blieb auch hier aus.

Zelda erlitt zwischenzeitlich mehrere schwere Nervenzusammenbrüche und zeigte erste Anzeichen gravierender psychischer Probleme, so dass sie viele Jahre in einer psychiatrischen Klinik verbrachte. Dort schrieb sie ihren einzigen Roman Save Me The Waltz, der von Scribner 1932 veröffentlicht wurde und der letztendlich zeigte, dass sie viel mehr war, als nur das luxusbesessene Glamour-Weibchen an seiner Seite.

Als Scotts 1934 publizierter Roman Tender Is The Night wieder kein durchschlagender Erfolg wurde, verfiel er daraufhin gänzlich dem Alkohol. Seine Ehe mit Zelda war zerrüttet, seine Tochter Scottie lebte im Internat. In den letzten Jahren seines Lebens lernte er die Society-Reporterin Sheilah Graham kennen, die seine Lebenspartnerin bis zu seinem frühen Tod blieb.

F. Scott Fitzgerald starb im Alter von nur 44 Jahren an einem Herzinfarkt im Jahre 1940, als er an seinem letzten Roman The Last Tycoon arbeitete. Seine Frau Zelda kam 1948 auf tragische Weise bei einem Brand im Highland-Krankenhaus in Asheville ums Leben.

Fitzgeralds einzigartige Romane und ihr literarisches Gewicht wurden erst nach seinem Tode wiederentdeckt, und so erhielt er als einer der besten amerikanischen Schriftsteller aller Zeiten postum den Ruhm, den man ihm zu Lebzeiten versagte.

Tragischer Vertreter der Lost Generation

Sein kurzes, exzessives Leben machte ihn zu einem tragischen Vertreter der Lost Generation2, ein Terminus, den die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein („You are all a lost generation“) im Hinblick auf die Respekt- und Zügellosigkeit sowie den Werteverfall der Nachkriegsgeneration des 1. Weltkriegs prägte und den schon Hemingway als Epigraph in seinem Roman The Sun Also Rises nutzte. F. Scott Fitzgerald erweiterte diesen Begriff um die Hoffnungslosigkeit seiner Generation und schrieb in seinem großartigen Roman This Side of Paradise: „Here was a generation…grown up to find all gods dead, all wars fought, all faith in man shaken.“3

Aus seiner Sicht hatte er am Ende seines Lebens schriftstellerisch nichts erreicht. Seiner Frau Zelda schrieb er 1940, als man The Great Gatsby aus der Modern Library nahm: „…My God, I am a forgotten man“4. Es ist Ironie des Schicksals, dass er nicht lange genug lebte, um zu erkennen, wie Unrecht er hatte.


Originalausgabe: Fitzgerald, F. Scott. I’d die for you. New York: Scribner, 2017.
Deutsche Ausgabe: Fitzgerald, F. Scott. Für dich würde ich sterben. Herausgegeben und kommentiert von Anne Margaret Daniel. Aus dem amerikanischen Englisch von Gregor Runge, Andrea Stumpf und Melanie Walz. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, 2017.
Buchcover: www.hoffmann-und-campe.de

Mein herzlicher Dank gilt dem Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, der mir den o.g. Erzählband als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Quelle1: Nachwort aus Für dich würde ich sterben. s.o., S. 401.
Quelle2http://www.britannica.com/topic/Lost-Generation
Quelle3: Fitzgerald, F. Scott. This Side of Paradise. London: Penguin Classics / Penguin Group, 2010. Seite 259.
Quelle4: Bruccoli, Matthew J. (Editor) with Baughman, Judith S. Fitzgerald on Authorship. Columbia: University of South Carolina Press, 1996. S. 173.

Weitere Quelle zu F. Scott Fitzgeralds Leben und Werk: Prigozy, Ruth. F. Scott Fitzgerald. Woodstock/New York: Overlook Press, 2002.