The Sky Is The Limit:
Absturz eines Wall Street Jongleurs

Robert Goolrick: Wenn Prinzen fallen

Die 80er Jahre – das wohl exaltierteste und schillerndste Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts. Neben eigensinniger Mode und innovativen Musiktrends war die Ära auch und vor allem geprägt durch Extravaganz, Luxus und Dekadenz. Letztere Attribute spiegelten sich insbesondere in den schwindelerregenden Spekulationen und riskanten Geldgeschäften wider, die eine Vielzahl von ambitionierten, großspurigen Wall Street Playern jeden Tag abwickelten, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Only the sky is the limit war das Motto der selbstgefälligen Prinzen von Manhattan, in deren Wortschatz Ethik und Moral nicht vorkamen. Sie flogen hoch und fielen tief – ein Absturz, den einige nicht überlebten – zu groß war die Demütigung, zu vernichtend der Gesichtsverlust und die Vorstellung, ein Verlierer zu sein.

Retrospektive eines Geläuterten

Hier setzt Robert Goolricks neuester Roman Wenn Prinzen fallen an: Sein Protagonist Rooney, 36, ist auf dem existentiellen Tiefpunkt angelangt. Nach einem exzessiven Leben als erfolgreicher Wall Street Trader und zügelloser Playboy arbeitet er nun als Verkäufer bei der Buchhandelskette Barnes & Noble. Geläutert und wehmütig blickt er auf seinen glanzvollen Aufstieg und seine einzigartige Karriere zurück, die grenzenlos schien und doch ein so abruptes, ruhmloses Ende fand. Dabei geht Rooney hart mit sich und seiner hochmütigen Who-Cares-Attitüde ins Gericht: Er verschönt nichts, aber bereut vieles, das nicht mehr rückgängig zu machen ist. Jetzt steht er vor den Scherben seines narzisstischen Höhenflugs – dabei war der Beginn einst so verheißungsvoll…

Kometenhafter Aufstieg

Nachdem der junge Rooney desillusioniert feststellt, dass er nicht zum Bohemian taugt und weder als Maler noch als Schriftsteller noch als Schauspieler besonders talentiert ist, beschließt er widerwillig, Wirtschaftswissenschaften zu studieren und damit dem Wunsch seines Vaters zu entsprechen. Es gelingt ihm schließlich, einen Job als Junior Trader bei einer Top Wall-Street-Firma zu erhalten – und dafür muss er sich noch nicht mal besonders anstrengen: Sein tougher, unkonventioneller Chef hält nichts von Bewerbungsgesprächen und noch weniger von Zeugnissen. Wenn Rooney es allerdings schafft, ihn beim Pokern zu besiegen, hat er den Job. Und ihm gelingt das Unmögliche: Innerhalb kürzester Zeit wird er eines der vielversprechendsten Trader-Talente. Obwohl ihm der Job keinerlei Spaß macht und sein arbeitsintensiver Alltag ihm alles abverlangt, liebt er den Nervenkitzel und das Jonglieren mit Unsummen, das seine reichen Mandanten noch reicher macht.

Bis zum Exzess: Leben auf der Überholspur

Doch damit kann Rooney leben, denn seine Boni sind exorbitant ebenso wie sein Lebensstil, dessen Dekadenz dem Wall Street Zeitgeist entspricht: Goldene Manschettenknöpfe mit Monogramm, maßgeschneiderte Edelanzüge und ein Haarschnitt, der so teuer ist wie eine Monatsmiete – all diese Dinge werden für ihn zur Normalität und lassen ihn in seiner unermesslichen Arroganz und Selbstverliebtheit die Nase über die langweiligen Normalo-Spießer rümpfen, die in seinen Augen keine Ahnung haben, wie man das Leben genießt. Wie gut, dass er sich wohltuend von diesen Losern unterscheidet: Jede Nacht feiern er und seine Kollegen mit den schönsten Frauen in den angesagtesten Clubs und werfen mit Geld nur so um sich – das Beste ist für die Auserwählten gerade gut genug. Auch Drogen zur Entspannung dürfen da natürlich nicht fehlen – eine Koksline nach der anderen gepaart mit Unmassen von Alkohol helfen, den Stress abzubauen und dem tagtäglichen Druck standzuhalten.

Niedergang und Neubeginn

Doch das Leben auf der Überholspur fordert schließlich seinen Tribut: Rooneys durchzechte Nächte und sein steigender Drogenkonsum wirken sich negativ auf seine Arbeit aus, er wird zunehmend aggressiv und unberechenbar. Und so kommt es, wie es kommen muss: Er gerät ins Straucheln und begeht schließlich einen fatalen Faux Pas bei einem wichtigen Mandanten, der ihn den Job kostet. Doch damit nicht genug: Sein ihm ehemals wohlgesonnener Chef sorgt dafür, dass er als Trader kein Bein mehr auf die Erde bekommt. Auch sein Privatleben geht den Bach runter: Sein große Liebe Carmelia reicht die Scheidung ein und nimmt ihm alles, was er besitzt. Aber Rooney ist längst an einem Punkt angelangt, an dem ihm auch das nichts mehr ausmacht.

Als er denkt, dass ihn nichts mehr wirklich berühren kann, rückt eine bis dato unbekannte Krankheit in den Fokus der Öffentlichkeit: AIDS. Auch in seinem nahen Umfeld erkranken und sterben viele Freunde und Bekannte. Rooney ist schockiert und kann nicht fassen, dass sein Leben von heute auf morgen zerfällt. Als er nach langer Suche endlich einen Job bei Barnes & Noble erhält, scheint ein wenig Ruhe einzukehren, doch kann er seine alte Luxus-Existenz so einfach hinter sich lassen?

Eine eindrucksvolle Zeitreise ins dekadente Wall Street Business der 80er Jahre

Mit seinem neuesten Werk Wenn Prinzen fallen ist Robert Goolrick ein einzigartiger Roman über das Schicksal eines erfolgsverwöhnten Traders im Manhattan der glorreichen 80er Jahre gelungen. Mittels Rooneys Lebensgeschichte, die im Ablauf einem griechischen Drama gleicht – Aufstieg, Hybris, Absturz und Katharsis – versetzt uns der Autor zurück in eine Ära, die zwar von Überfluss und viel Glanz und Glitter geprägt, deren Untergang aber bereits vorprogrammiert war. Der wehmütige Rückblick des geläuterten Protagonisten ist nicht ohne Scham und Reue, die jedoch für die Menschen, die er benutzt und weggeworfen hat, viel zu spät kommt. Gerne würde er um Verzeihung bitten, doch kaum jemand möchte noch etwas mit ihm zu tun haben. So bleibt ihm nur die Einsamkeit und die Erinnerung an bessere Zeiten. Selbstmitleid wäre hier allerdings fehl am Platz – das ist Rooney nur allzu bewusst.

Von seinem Prinzenleben ist ihm lediglich immens teure Bettwäsche geblieben, die er als Andenken an seine Glanzzeiten aufbewahrt. Auch seinen exklusiven Kleidungsstil hat er beibehalten, was ihn zu einem Paradiesvogel bei Barnes & Noble macht. Doch sein altes Leben lässt sich eben nicht wie eine zweite Haut abstreifen, was auch er letzten Endes schmerzlich erkennen muss. Es gibt kein Zurück, aber einen Neubeginn, der – so gewöhnungsbedürftig er auch immer sein mag – ganz banal impliziert, dass das Leben auch nach einem Höllensturz weitergeht.

Mein Fazit: Ein brillanter Roman und Must Read – überaus lesenswert!

Robert Goolrick: Grandioser Schriftsteller in der Erzähltradition der Südstaaten

© Juliet Wiebe

Robert Goolrick wurde in einer kleinen Universitätsstadt im US-Bundesstaat Virginia geboren. Er besuchte die John Hopkins Universität in Baltimore und ging nach seinem Abschluss einige Jahre nach Europa, um dort als Schauspieler bzw. Maler Karriere zu machen. Da er in beiden Metiers nicht erfolgreich war, kehrte er in die USA zurück und schrieb sein erstes Buch, eine Autobiografie mit dem Titel The End of the World As We Know It (Das Ende der Welt, wie wir sie kennen). Seine Eltern enterbten ihn nach Erscheinen des Buchs, denn Goolrick berichtet hierin schonungslos offen über seine traumatische Kindheit und seine daraus resultierende Alkoholsucht.

Goolrick bekam sein Leben aber wieder in den Griff und arbeitete erfolgreich in der Werbebranche. Als er dann aufgrund seines Alters – Anfang 50 –  gefeuert wurde, besann er sich wieder auf seine schriftstellerischen Wurzeln und schrieb den Roman A Reliable Wife (Eine verlässliche Frau), der zum New York Times Bestseller wurde und ihm den Durchbruch als Autor bescherte. Auch sein darauf folgendes Buch, Heading Out to Wonderful (Ein wildes Herz), wurde von Kritikern und Lesern begeistert angenommen.

Sein viertes Werk, das hier vorgestellte The Fall of Princes (Wenn Prinzen fallen), schaffte ebenfalls den Sprung auf die Bestsellerlisten und etabliert Goolrick verdientermaßen als einen der herausragendsten amerikanischen Schriftsteller unserer Zeit.

Robert Goolrick lebt und arbeitet in Virginia.

Weitere Informationen und die aktuellsten News über den Autor findet ihr auf seiner Facebook-Seite https://www.facebook.com/Robert-Goolrick-197443205141/.


Originalausgabe: Goolrick, Robert. The Fall of Princes. Chapel Hill/North Carolina: Algonquin Books of Chapel Hill/Workman Publishing, 2015.
Deutsche Ausgabe: Goolrick, Robert. Wenn Prinzen fallen. Aus dem Englischen von Judith Schwaab. btb Verlag/Randomhouse, 2017.
Buchcoverwww.randomhouse.de

Autorenfoto: © Juliet Wiebe – Mein herzlicher Dank gilt der Verlagsgruppe Random House, die mir dieses Foto zur Verfügung gestellt hat.

Fast wie im Märchen

Amélie Nothomb: Töte mich

Es ist kaum zu glauben, aber der neue Roman von Amélie Nothomb Töte mich ist tatsächlich erst das zweite Buch, das ich von der renommierten belgischen Schriftstellerin gelesen habe. Es wird jedoch ganz bestimmt nicht das letzte sein, denn ihre Geschichten sind wirklich außergewöhnlich, und ihr Schreibstil hat eine ganz besondere Sogwirkung. Hinzu kommen ihr feiner Sinn für Ironie, eine wohl dosierte Portion Humor, aber auch ein spezielles Penchant für Tragik. Ihre ausgefeilten Dialoge, die für mich das Herzstück ihrer Werke darstellen, sind schlicht brillant. Dies alles trifft auch wieder auf ihre neueste Story zu, unter deren Titel ich mir etwas völlig anderes vorgestellt hatte. Ich erwartete ein Psychodrama, war aber bei Lektüre mehr als erstaunt, als ich eine fast märchenhaft anmutende Erzählung vorfand. Die Betonung liegt jedoch hier auf fast, denn Nothomb versteht es meisterhaft, ihre Leser in jeder Hinsicht zu überraschen.

Der glücklichste Mensch auf Erden?

Graf Henri Neville könnte eigentlich der glücklichste Mensch auf Erden sein. Er führt eine wunderbare Ehe mit seiner schönen Frau Alexandra und hat ebenso schöne und talentierte Kinder, Oreste und Électre, die er – zu mancherlei Verwunderung – nach den Protagonisten klassischer griechischer Dramen benannt hat. Er lebt mit seiner Familie in einem Schloss in den Ardennen und zählt zu den besten Gastgebern seines Standes. Jedes seiner Feste ist ein Ereignis, eine Einladung von ihm gleicht einem Ritterschlag für die Haute Volée. Doch sein Lebensmärchen bröckelt: Sein Schloss, das er in der Familientradition von seinem Vater erbte, ist baufällig und steht zum Verkauf, da Nevilles zusammengeschrumpftes Vermögen für eine Komplettrenovierung nicht ausreicht. Ihm ist bewusst, dass er nie ein abgezockter Geschäftsmann werden wird und sich somit auch seine stetigen Geldsorgen nicht in Luft auflösen, aber er kann nun mal nicht über seinen Schatten springen. Dies alles könnte Neville noch verkraften, wäre da nicht sein drittes Kind, Tochter Sérieuse (schon ihr Name fällt aus dem Tragödienrahmen), die ihm große Sorgen bereitet. Sie kapselt sich von der Familie ab, redet kaum und hängt dunklen Gedanken nach.

Eine düstere Prophezeiung

Als Sérieuse eines Tages von zuhause ausreißt und von der Wahrsagerin Madame Portenduère halb erfroren im Wald aufgefunden wird, ist Neville alarmiert. Zu seinem Verdruss liest ihm die resolute Seherin auch noch die Leviten: Seine Tochter brauche mehr Zuwendung, er müsse des Öfteren auch mal das Gespräch mit ihr suchen. Der Graf schmettert die Vorwürfe verärgert ab, denn für ihn ist klar, dass seine Tochter in der vollen Blüte der Pubertät steht und ein solches Verhalten nicht unüblich ist. Doch ein schlechtes Gewissen hat er trotzdem, was ihn nur noch wütender macht. Aber es kommt noch schlimmer: Die Wahrsagerin prophezeit ihm, dass er auf seinem opulenten Gartenfest, das demnächst wieder anstehende Highlight des Adelsstandes, einen Gast töten wird.

Das Dilemma des Grafen

Obwohl Neville eigentlich nicht abergläubisch ist, kann er an nichts anderes mehr denken. Er, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann, weiß nicht mehr ein noch aus, doch schließlich überwiegt seine pragmatische Seite: Wenn es schon so kommen muss, wie es prophezeit wurde, dann will er wenigstens den Richtigen „aus dem Verkehr ziehen“. Doch wer könnte das sein? Er sucht händeringend nach einer Person, dessen Tod für alle ein Segen wäre, bis ihm seine Tochter Sérieuse mit einem abstrusen Vorschlag zuvorkommt: Er soll sie töten, weil sie keinen Sinn mehr im Leben sieht und unfähig ist, etwas zu fühlen. Der Graf traut seinen Ohren nicht und tut diese in seinen Augen völlig absurde Offerte seiner Tochter als pubertäre Dramatik ab. Während seine Tochter nicht locker lässt, läuft ihm die Zeit davon, denn das Gartenfest, zu dem die Crème de la Crème eingeladen ist, rückt immer näher. Verzweifelt versucht Neville, einen Ausweg aus seinem tragischen Dilemma zu finden, das unweigerlich jemanden das Leben kosten wird…

Ein brillanter Roman mit Esprit, Humor und einer Prise Tragik

Mit Töte mich ist Amélie Nothomb ein unterhaltsamer, geistreicher Roman gelungen, der vor allem durch seine spitzfindigen Dialoge begeistert. Wohl dosierte Ironie gepaart mit teilweise bissigem Humor stehen in keinem Gegensatz zur tragischen Komponente, die die Autorin ihrer einzigartigen Geschichte hinzufügt. Schnell lässt Nothomb ihre Leser die anheimelnde Märchenfassade als zu schön um wahr zu sein entlarven. Gleiches gilt für ihre Figuren: Der gute Graf Neville hat zwar unser volles Mitgefühl, wirkt aber ebenso wie seine attraktive Frau und seine beiden Bilderbuchkinder seltsam blutleer. Einzig Serieuse, die stets ein wenig bizarr daherkommt, erweckt Interesse. Schließlich ist sie es ja auch, die ihren Vater durch ihr rebellisches Verhalten in eine ausweglose, unweigerlich tragische Situation bugsiert, ihn aber gleichzeitig auch aus seiner Adelslethargie reißt. Und der Ausweg, den ihr Vater schließlich aus diesem Labyrinth findet, überrascht niemanden mehr als Sérieuse…

Mein Fazit: Ein – leider viel zu kurzes – Romanjuwel voller Esprit und ein Lesegenuss sondergleichen. Unbedingt lesenswert!

Amélie Nothomb: Belgische Bestseller-Autorin mit einem Faible für Champagner und Pralinen

Amélie Nothomb (alias Baronin Fabienne Claire Nothomb) wird 1967 in Kobe/Japan als Tochter eines belgischen Diplomaten geboren. Ihre Kindheit und Jugend machen aus ihr die Weltbürgerin, die sie heute ist: Sie wächst in Fernost auf und zieht im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie nach New York, wo sie zum ersten Mal eine Großstadt in all ihrer Opulenz und mit all ihren Entertainments erlebt. Das krasse Gegenteil erwartet sie drei Jahre später, als sie mit ihren Eltern nach Bangladesch übersiedelt. Der dortige allgegenwärtige Hunger schlägt auf ihre Psyche: Sie erkrankt an Magersucht, die sie jedoch u.a. dank ihrer Liebe zur Literatur nach vielen Jahren schließlich besiegen kann. In ihrem 2004 veröffentlichten Buch Biografie des Hungers erzählt die Autorin von ihrer schwierigen Jugend als Diplomatentochter, von ihrem Problem der Wurzellosigkeit und von ihrem ganz persönlichen Kampf gegen die tückische Krankheit.

Nothomb beginnt wie besessen zu schreiben und gleich ihr erster Roman Die Reinheit des Mörders, der 1992 erscheint, wird zu einem Überraschungserfolg und Bestseller. Fortan lässt sie die Schriftstellerei nicht mehr los – ein Roman folgt auf den nächsten, und jeder wird ein literarisches Highlight. Für ihren 1999 erschienen Roman Stupeur et tremblements wird ihr eine ganz besondere Ehre zuteil: Sie erhält den Grand Prix du Roman der Académie Française. 2007 folgt die nächste Auszeichnung:  Man verleiht ihr den renommierten Prix de Flore für ihr Buch Ni d’Ève, ni d’Adam. Nur ein Jahr später würdigt man ihr Gesamtwerk, das mittlerweile ein beträchtliches Ausmaß angenommen hat, mit dem Grand Prix Jean Giono. 2015 wird sie vom belgischen König Philippe in den Adelsstand erhoben und darf von nun an den Titel Baronin tragen.

Die Schriftstellerin mit dem exzentrisch-exquisiten Modegeschmack, die abwechselnd in Paris und Brüssel lebt und arbeitet, ist mittlerweile zum Liebling der Literaturszene avanciert, ihre Fangemeinde wächst unaufhörlich. Laut Presse ist die Autorin, die aus ihrem Faible für Champagner und Pralinen keinen Hehl macht, stets von einem Hauch des Mysteriösen umgeben. Dies hält Nothomb allerdings für absoluten Humbug, wie sie Franziska Wolffheim von der Zeitschrift Brigitte Woman jüngst in einem Interview verriet. Mysteriös hin oder her, es interessiere sie nicht, wie man sie wahrnehme, wichtig sei ihr vor allem, sich selbst zu verstehen.1 Ob ihr dies nach ihren zahlreichen Romanen gelungen ist? Man wünscht es der sympathischen Autorin von ganzem Herzen!

Weitere Informationen über Amélie Nothomb findet ihr auf ihrer Website, www.amelie-nothomb.com, der ich auch ihre biografischen Angaben entnommen habe.


Originalausgabe: Nothomb, Amélie. Le crime du comte Neville. Paris: Éditions Albin Michel, 2015.
Deutsche Ausgabe: Nothomb, Amélie. Töte mich. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Zürich: Diogenes Verlag AG, 2017.

1Quelle: Interview mit Franziska Wolffheim in Brigitte Woman: Amélie Nothomb: Hunger auf das Lebenhttps://www.brigitte.de/woman/kultur/buecher/am%C3%A9lie-nothomb–hunger-auf-das-leben-10132190.html, 2017.

Mein herzlicher Dank gilt der Diogenes Verlag AG, www.diogenes.ch, die mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Was wäre, wenn…

Antoine Laurain: Die Melodie meines Lebens

Ich kann es nie erwarten, den neuesten Roman von Antoine Laurain in Händen zu halten, denn seine ungewöhnlichen, betörenden Geschichten, die er mit viel Charme, angenehmer Leichtigkeit, feinem Humor und französischem Flair erzählt, nehmen sofort gefangen und bezaubern durch Poesie, Originalität und Sinnlichkeit. Sein literarischer roter Faden – ein Objekt verändert das Leben eines in Alltagsmonotonie erstarrten Menschen auf wundersame Weise – gibt seinen Stories stets einen wohltuenden Hauch von modernen Märchen. Auch sein aktuelles Werk Die Melodie meines Lebens sollte laut Klappentext wieder in dieses Schema passen, doch dem ist – zu meiner großen Überraschung  – nicht so. Es unterscheidet sich deutlich von seinen Vorgängern, denn es enthält weder mirakulöse Verwandlungen noch romantische Verwicklungen. Alles in allem also völlig untypisch für Laurain, wäre da nicht die so vertraute Nostalgie, die ihre ganz eigene Magie innehat und mit der der Autor seinen originellen Geschichten stets eine ganz besondere Note verleiht.

Ein Brief mit deutlicher Verspätung

Alain Massoulier, ein Arzt in den Mittfünfzigern, fällt aus allen Wolken, als man ihm mit 33 Jahren Verspätung einen Brief aus dem Jahre 1983 zustellt, der bei einem Postumbau verloren gegangen war: Absender ist die Plattenfirma Polydor, die seiner ehemaligen New Wave-Band Hologrammes einen Plattenvertrag in Aussicht stellt. Alain kann es nicht fassen: Einerseits ist er glücklich, weil dieses Schreiben beweist, was er schon immer wusste: Der neuartige Sound seiner Band hatte wirklich Zukunftspotential. Andererseits trauert er dieser großen verpassten Chance hinterher, die u.a. auch dazu führte, dass er in die professionellen Fußstapfen seines Vaters trat, Mediziner wurde und nunmehr in seinen Augen ein recht monotones, spießiges Leben führt.

Auf der Suche nach den Hologrammes

Sehr zum Unverständnis seiner Frau Véronique macht sich Alain völlig aufgekratzt auf die Suche nach den einstigen Bandmitgliedern und wird im Internet schnell fündig: Beim damaligen Bassisten Sébastien Vaugan muss er nicht lange suchen: Der 53-Jährige ist Anführer der rechtsextremen Gruppe Weiße Macht des Abendlandes und macht des Öfteren mit Negativschlagzeilen von sich reden. Schlagzeuger Stanislas „Stan“ Lepelle ist zum Darling der zeitgenössischen Kunstszene avanciert: Mit seinen preisgekrönten Skulpturen und Installationen hat er Weltrenommee erlangt und kann sich vor Anfragen kaum retten. Auch über den ehemaligen Pianisten der Band, Frédéric Lepelle, findet Alain nach längerer Recherche heraus, dass er Frankreich den Rücken gekehrt und ein Hotel in Thailand eröffnet hat. Nur Bérangère Leroy, die Sängerin mit der sinnlich-melodiösen Stimme, in die er heimlich verliebt war, scheint zu seiner Verwunderung in der Versenkung verschwunden zu sein, was ihn ganz besonders betrübt.

Zu guter Letzt sucht Alain noch nach dem Texter der Band, Pierre Mazart, der seinen Lebensunterhalt als Antiquitätenhändler bestreitet, und nach dessen Bruder, Jean-Bernard Mazart (JBM), Business Wunderkind, der schon mit 23 Jahren ein bemerkenswert erfolgreicher Geschäftsmann war und die ersten Aufnahmen der Band in einem Tonstudio finanzierte. Im Gegensatz zu seinem Bruder Pierre hat JBM es weit gebracht: Der Überflieger mit einem Gespür für Wirtschaftstrends ist inzwischen Multimillionär, sein kometenhafter Aufstieg und seine einzigartige Erfolgsstory haben ihn zum medial allgegenwärtigen Superstar gemacht, den man nach einem beeindruckenden Auftritt in einer Polit-Talkshow als idealen neuen Präsidenten Frankreichs hypt.

Wiedersehen mit den Jungs von damals

Alain kontaktiert alle ehemaligen, auffindbaren Bandkollegen, um sie über den o.g. Brief zu informieren. Seine erneuten Begegnungen mit den Jungs von damals sind traurig, überraschend, aber auch schockierend. Während das Schreiben ihn gedanklich wieder in seine heißgeliebten 80er Jahre katapultiert, in der die Welt für ihn noch aufregend und voller Verheißungen war, lässt ihn die Gegenwart desillusioniert zurück. Er flüchtet sich in Tagträume, wie sein Leben wohl heute aussähe, wenn ihm mit den Hologrammes der Durchbruch gelungen wäre. Doch seine Luftschlösser sind nicht von Bestand, die Realität holt ihn schneller ein als ihm lieb ist. Und noch bevor er sich weiteren Illusionen hingeben kann, erfährt er etwas, was ihn ein weiteres Mal den Boden unter den Füßen verlieren lässt…

Nostalgie vs. Gegenwart

Antoine Laurains Die Melodie meines Lebens ist nicht nur eine wunderbar nostalgische Zeitreise in die kultigen, kapriziösen 80er Jahre mit all ihren Exzentrizitäten, Idolen und Eigentümlichkeiten, sondern auch ein absolut schonungsloses Porträt unserer heutigen digitalisierten Welt, das treffender nicht sein könnte. Laurain erzählt diese nachdenklich stimmende, außergewöhnliche Geschichte ohne viel Pathos, mit gutem Humor und einer Prise Wehmut. Die einzelnen Kapitel, die abwechselnd über das Leben der o.g. Figuren berichten, sind erzähltechnisch völlig unterschiedlich strukturiert, fügen sich aber am Ende zu einem großen Ganzen zusammen, das in sich absolut stimmig ist.

Brillant konzipierte Lebenswelten

Besonders gelungen sind meines Erachtens die Geschichten von JBM und Sebastien Vaugan, die Laurain brillant konzipiert hat. Die gänzlich unterschiedlichen Lebenswelten des omnipräsenten Multimillionärs und des aufmerksamkeitsheischenden Rechtsradikalen hat der Autor en détail erfasst bzw. exakt aus dem Leben gegriffen. Einmal mehr beweist er somit, dass er nicht nur ein aufmerksamer Beobachter und Kenner der Condition Humaine ist, sondern auch ein feines Gespür für die Träume, Abgründe und Desillusionierung der Menschen besitzt. Doch Laurain wäre nicht Laurain, wenn er nicht trotz der oftmals ernüchternden Realität, die unsere Träume in den Hintergrund rückt, die Liebe als wichtigstes Lebenselixir aufblitzen ließe. Dies mag vielleicht banal klingen, wahr ist und bleibt es aber trotz alledem…

Mein Fazit: Ein kluger Roman und ein absoluter Lesegenuss – nicht nur für Kinder der 80er!!!

Antoine Laurain: Französischer Schriftsteller mit einem Faible für Antiquitäten

Der französische Schriftsteller Antoine Laurain wurde in den 70er Jahren in Paris geboren, wo er auch heute noch lebt. Er arbeitete zunächst als Drehbuchautor und im Antiquitätenhandel. Aus letzterer Tätigkeit resultiert auch sein Sinn für schöne Dinge. Sein erstes Buch, Ailleurs si j’y suis, der von mir bereits vorgestellte Roman, Das Bild aus meinem Traum, für den er 2007 den Prix Drouot erhielt, spielt denn auch in dieser sehr speziellen Welt eines Antiquitätensammlers.

Darauf folgten seine Romane Fume et tue (2008) und Carrefour des Nostalgies (2009), die jedoch beide noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Mit seinem vierten Roman, Der Hut des Präsidenten (Le Chapeau de Mitterand), der 2012 erschien und mit dem Prix Landerneau Découverte und dem Prix Relay des Voyageurs ausgezeichnet wurde, gelang Laurain der Durchbruch als Schriftsteller zunächst in Frankreich, England und den USA.

In Deutschland erlangte Laurain mit seinem fünften Roman Liebe mit zwei Unbekannten (La Femme au Carnet Rouge), der zu einem absoluten Überraschungserfolg avancierte, schlagartig Bekanntheit. Die wunderschöne, sehr poetische Liebesgeschichte um den Buchhändler Laurent und die Restauratorin Laure wurde ein internationaler Bestseller und in mehr als 14 Ländern begeistert gelesen. Somit übersetzte man sukzessive dann auch zwei seiner vorgenannten Romane – Le Chapeau de Mitterand und Ailleurs si j’y suis – ins Deutsche – dies sehr zur Freude von Laurains stetig wachsender deutscher Fangemeinde.

Laurains neuestes Buch soll noch in diesem Jahr in Frankreich erscheinen. Ich hoffe, dass der Atlantik-Verlag uns auch in den Genuss dieses Romans kommen lässt und ihn in deutscher Übersetzung publiziert.

Vielseitig interessierter Autor und Journalist

Laurains Interessensschwerpunkte sind Kunstgeschichte, Antiquitäten, Kino und natürlich Literatur. Zu seinen Lieblingsschriftstellern zählt Patrick Modiano, den Laurain sogar in seinen Roman Liebe mit zwei Unbekannten als eigene Figur sehr gekonnt mit eingebaut hat.

Laurain ist außerdem als Journalist für das Luxusmagazin Palace-Costes und das Satiremagazin L’Echo des Savanes tätig.

Weitere Informationen über Antoine Laurain findet ihr auf seinem Blog antoinelaurain.blogspot.com.


Originalausgabe: Laurain, Antoine. Rhapsodie française. Paris: Flammarion, 20167.
Deutsche Ausgabe: Laurain, Antoine. Die Melodie meines Lebens. Aus dem Französischen von Sina de Malafosse. Hamburg: Atlantik-Verlag/Hoffmann und Campe Verlag, 2017.
Buchcoverwww.atlantikverlag.de

Mein herzlicher Dank gilt dem Atlantik-Verlag/Hoffmann und Campe Verlag, der mir dieses Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Zeitzeugin hinter der Kamera:
Das bewegte Leben der ersten Kriegsfotografin Gerda Taro

Susana Fortes: Warten auf Robert Capa

Sie war die erste weibliche Kriegsfotografin, die ihren Platz in einer bis dato unangefochtenen Männerdomäne behauptete: Die 1910 in Stuttgart geborene Jüdin Gerta Pohorylle, die ihren Namen später in Gerda Taro – klanglich nach ihrem Idol Greta Garbo – änderte, war für viele Frauen eine unerschrockene Wegbereiterin in einem höchst risikoreichen Job, in dem Gefahr und Tod allgegenwärtig sind. Mit ihrem brillanten Roman Warten auf Robert Capa stellt die spanische Schriftstellerin Susana Fortes das bewegte Leben und tragische Schicksal dieser außergewöhnlich mutigen Frau in den Fokus und setzt ihr somit ein ihr gebührendes, eindrucksvolles Denkmal. Den Schwerpunkt legt die Autorin dabei auf die Liebesbeziehung zwischen Gerda Taro und Robert Capa, einem der weltweit renommiertesten Kriegsreporter, dessen Stern in den 30er Jahren, als die beiden sich in Paris kennenlernten und ein Paar wurden, gerade erst im Aufgehen begriffen war.

Die Idee zu ihrem o.g. Roman kam Fortes, als sie von einem Sensationsfund in Mexiko hörte: Dort man fand 3.000 unveröffentlichte Fotos von Robert Capa, Gerda Taro und David Seymour, die während des Spanischen Bürgerkriegs geschossen wurden. Darunter waren auch Fotos, die Capa von seiner Partnerin Taro gemacht hatte. Fortes begann über die Beziehung der beiden starken Persönlichkeiten zu recherchieren – insbesondere interessierte sie dabei die unkonventionelle Frau und scheinbar furchtlose Fotografin und Kriegsreporterin Taro, die trotz ihres augenscheinlichen Talents stets im Schatten des charismatischen Künstlers stand. Aus diesen Recherchen ging diese ganz besondere Geschichte hervor, die die Autorin so erstklassig konzipiert hat1.

Flucht nach Paris

Gerta wächst als Tochter eines aus Galizien eingewanderten jüdischen Kaufmanns gemeinsam mit ihren Brüdern Karl und Oskar in Stuttgart und Leipzig sehr behütet auf. Als die Nazis jedoch an die Macht kommen und ihre Schreckensherrschaft immer weiter ausbauen, wird die Lebenssituation für Gerta und ihre Familie jeden Tag gefährlicher. Als Gerta für kurze Zeit inhaftiert wird und nur dank ihrer perfekt gespielten Naivität wieder frei kommt, beschließt sie im Alter von 24 Jahren schweren Herzens, nach Paris zu flüchten und dort eine Zukunft für sich aufzubauen. Gemeinsam mit Freundin Ruth teilt sie sich eine zweckmäßige Dachwohnung im Quartier Latin und hält sich mit Teilzeitjobs (z. B. als Arztsekretärin) über Wasser. Obwohl Gerta die pulsierende Metropole schnell ans Herz wächst, vermisst sie ihre Familie und ihr Zuhause. Sie hadert mit ihrem Status als Flüchtling, fühlt sich als nicht willkommener Gast und sieht ihr Jüdisch sein als Bürde – ganz zu schweigen von ihrem Glauben, den sie angesichts der schlimmen Erfahrungen, die sie schon in ihren jungen Jahren machen musste, mehr und mehr verliert.

Eine schicksalhafte Begegnung

Über Ruth lernt sie eines Tages den ungarischen Fotografen André Friedman kennen, der als Linker verfolgt wurde und von Budapest über Berlin nach Paris geflüchtet war. Gemeinsam mit seinem besten Freund David Seymour, genannt Chim, hält er sich mit Fotojobs mehr schlecht als recht über Wasser. Gerta gefällt seine extrovertierte Art, seine Selbstsicherheit und seine zeitweilige Melancholie, die seine Verletzlichkeit offenbart. Obwohl eine Beziehung das letzte ist, was Gerta in ihrer Situation möchte, kommen sich die beiden näher und werden schließlich ein Paar. André bringt ihr alles bei, was er über das Fotografieren weiß, und Gerta lernt schnell. Sie gewinnt an Selbstvertrauen und macht ihre ersten zaghaften Versuche als Fotografin. Ihr ist zwar klar, dass sie niemals so gut sein wird wie Friedman, der einfach das Gespür für das richtige Momentum eines Fotos hat, doch sie ist entschlossen, ihren eigenen Stil zu finden.

Mit neuen Namen zum Erfolg

Als das Geld immer öfter zu knapp zum Überleben wird, nimmt Gerta die Dinge selbst in die Hand: Sie erklärt sich kurzerhand zur Managerin von André, dem jeglicher Geschäftssinn fehlt, ändert seinen Namen in Robert Capa und attribuiert ihm die erfundene Vita eines international erfolgreichen amerikanischen Fotografen. Sie tauscht seine heißgeliebte Lederjacke gegen einen weltmännischen Anzug und versucht so, ihm gewinnbringende Aufträge bei namhaften Agenturen zu verschaffen. Und ihr Plan geht auf: André gewinnt an Renommee und wird bald ein allseits gefragter Fotograf. Auch sich erfindet Gerta neu: Sie nennt sich fortan Gerda Taro und erhält ebenfalls erste Aufträge.

Capa und Taro an der Front: Die Gräuel des Spanischen Bürgerkriegs im medialen Fokus

Als General Franco 1936 einen Putsch gegen die linke spanische Regierung verübt, fahren Capa und Taro kurze Zeit später nach Spanien, um die Situation vor Ort mit der Kamera zu dokumentieren. Doch nichts kann sie darauf vorbereiten, was sie dort erwartet. Der Spanische Bürgerkrieg wird zum ersten medialen Krieg der Geschichte – die von den europäischen Zeitungen in Auftrag gegebenen Fotos spiegeln das ganze Ausmaß der Grausamkeit und Menschenverachtung der sinnlosen Gewaltakte wider. Capa und Taro, die das Geschehen hautnah an der Front mit erleben, sind erschüttert. Ihre Momentaufnahmen zeigen die Menschen in ihrer ganzen Verzweiflung und Einsamkeit – völlig verloren in einem Krieg, der ihnen nicht nur ihre Existenzgrundlage, sondern auch ihre Seele raubt.

„Im Augenblick des Todes“

Dann wird Capa mit einem einzigen Foto weltberühmt: „Tod eines Milizionärs“ bzw. „Loyalistischer Soldat im Augenblick des Todes“ geht um die Welt und macht ihn auf einen Schlag zu einer Ikone unter den Kriegsreportern. Aber wie kann er sich über den Erfolg freuen? Das Foto des Sterbenden, das er unter Lebensgefahr schoss, lässt ihn nicht mehr los. Und auch Gerda hat der Krieg verändert: An einen gerechten Gott kann sie angesichts der Toten, die sie jeden Tag umgeben, nicht mehr glauben. Immer öfter hat sie Schuldgefühle, noch am Leben zu sein. Und doch stürzt sie sich wie Robert mit der Kamera jeden Tag aufs Neue wagemutig in die nächste Schlacht.

Gegen jede Warnung

Langsam und schleichend bekommt die Beziehung der beiden erste Risse. Gerda hat genug davon, die Frau in seinem Schatten zu sein und wagt immer öfter Alleingänge, die Robert nicht gut heißt. Sie fährt wieder und wieder an die Front nahe Madrid, während Robert in Paris bleibt, und hält das Grauen des Krieges auf ihre ganz besondere Art fest. Als sie eines Tages – gegen jede Warnung – an der Front bleibt, um einen Bombenangriff der Deutschen fotografisch zu dokumentieren, kommt es zur Katastrophe, die sie im Alter von nur 27 Jahren das Leben kostet…

Brillanter Roman über das Lebensdrama einer mutigen Frau

Mit Warten auf Robert Capa ist Susana Fortes ein sehr berührender Roman über das bewegte Leben Gerda Taros gelungen. Die Autorin hat exzellent recherchiert und die politische, soziale und kulturelle Atmosphäre der damaligen Zeit mit großer Lebendigkeit eingefangen. Neben den zentralen Charakteren treffen wir auch auf viele interessante Persönlichkeiten dieser Epoche: Henri Cartier-Bresson, französischer Fotograf und – neben Capa – Mitbegründer der Fotoagentur Magnum, Man Ray, amerikanischer Fotograf und Objektkünstler, Ernest Hemingway, der legendäre Schriftsteller, der ebenfalls vom Spanischen Bürgerkrieg berichtete u.v.m.

Fortes lässt die Protagonisten Gerda und Robert vor unseren Augen lebendig werden und gewährt einen aufschlussreichen Blick in die Psyche der beiden Hauptfiguren, so dass man am Ende des Buches das Gefühl hat, sie persönlich gekannt zu haben. Vor allem aber vergisst man als Leser angesichts der fesselnd geschriebenen und sehr zu Herzen gehenden Story sehr schnell, dass es sich hierbei um Fiktion handelt, auch wenn die geschichtlichen Fakten allesamt stimmig sind. Und es ist genau diese Realitätsnähe, die durchdringende und klangvolle Sprache sowie die ergreifenden Einsichten in die Conditio Humana, die diesen ausgezeichneten Roman zu einem ganz besonderen Leseerlebnis machen. Daher mein Fazit: Ein Must Read!

Susana Fortes: Spanische Schriftstellerin und Journalistin

Susana Fortes wurde 1959 in Pontevedra (Spanien) geboren. Sie ist die Tochter des Schriftstellers Xosé Fortes Bouzán und die Schwester von Xabier Fortes, Journalist bei TVE. Fortes absolvierte ein Geschichts- und Geografie-Studium an der Universität von Santiago de Compostela und graduierte im Studienfach Amerikanische Geschichte an der Universität von Barcelona.

Sie unterrichtete zunächst Spanisch und Kunstgeschichte in Louisiana und Kalifornien. Heute arbeitet sie als Sekundarlehrerin im Instituto Sorollo in Valencia und widmet sich mit gleichem Engagement der Schriftstellerei. Ihr erster Roman Querido Corto Maltés erschien 1994 und wurde mit dem renommierten Premio Nuevos Narradores für das beste Debüt ausgezeichnet. Mit ihrem sechsten Roman, El amante albanés, der 1998 veröffentlicht wurde, gelang Fortes der Sprung auf die Finalistenliste des etablierten Literaturpreises Premio Planeta. Der 2009 erschienene Roman Warten auf Robert Capa (Esperando a Robert Capa) markierte für sie den literarischen Durchbruch – für diese einzigartige Erzählung erhielt sie den namhaften Fernando Lara Preis.

Darüber hinaus schreibt Fortes Beiträge für Zeitungen (z. B. El País oder La Voz de Galicia) sowie für Literatur- und Kinomagazine.

Fortes zählt mittlerweile zu den populärsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Spaniens. Ihre Romane werden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Leider sind davon nur zwei – Quattrocento (Im Zeichen der Madonna) und Esperando a Robert Capa (Warten auf Robert Capa ) – ins Deutsche übersetzt worden, was wirklich sehr schade ist.

Die o.g. biografischen Angaben sind den Verlagsinformationen und der englischen, spanischen und französischen Wikipedia-Seite entnommen.


Originalausgabe: Fortes, Susana. Esperando a Robert Capa. Barcelona: Editorial Planeta S.A., 2009.
Deutsche Ausgabe: Fortes, Susana. Warten auf Robert Capa. Aus dem Spanischen von Judith Petrus. Berlin: ebersbach & simon, 2016.
Buchcoverwww.ebersbach-simon.de

1 Quelle: Kulturradio vom rbb – Salli Sallmann, 14.07.2016.