Jenseits des Glamours

F. Scott Fitzgerald: Für dich würde ich sterben

Er war der schillernde Paradiesvogel unter den Schriftstellern der Amerikanischen Moderne. Sein Romanklassiker Der große Gatsby machte ihn unsterblich und katapultierte ihn – wenn auch erst nach seinem Tod – auf den Olymp der weltbesten Literaten: F. Scott Fitzgerald, dessen glamouröses, exzessives Party-Leben mit Flapper-Gattin Zelda ebenso legendär war wie sein künstlerisches Schaffen, hat der Nachwelt ein einzigartiges literarisches Erbe hinterlassen. Werke wie Zärtlich ist die Nacht, Diesseits vom Paradies, Die Schönen und Verdammten, Die Liebe des letzten Tycoons und nicht zuletzt die brillante Kurzgeschichtensammlung Flappers and Philosophers reflektieren die gesamte Bandbreite seines Könnens und zeugen von beeindruckender sprachlicher Ausdruckskraft.

Fitzgeralds außergewöhnlicher Erzählstil und seine unvergleichlichen Protagonisten zeichnen ihn als exzellenten, kritischen Chronisten des Jazz Age aus. Kein anderer fing den Zeitgeist der wilden 20er Jahre, die Blütezeit des künstlerischen Schaffens, die von wirtschaftlichem Wohlstand geprägt war, so gekonnt ein wie er. Niemand ging mit der moralischen Dekadenz, dem damit einhergehenden Werteverfall und der zunehmenden Oberflächlichkeit härter ins Gericht als dieser beeindruckende Autor, der die pervertierte Interpretation des amerikanischen Traums von Luxus und Überfluss der Schönen und Reichen dieser Zeit schonungslos offenlegte. Was seine Werke zeitlos macht, ist seine Sicht der menschlichen Natur, für die Erfolg und Geld zu den wichtigsten Maximen geworden sind, die die Sinnleere der Schnelllebigkeit füllen sollen. Dies hat sich – damals wie heute – als Trugschluss erwiesen.

18 neue literarische Erbstücke

Nunmehr sind 18 neu entdeckte Erzählungen Fitzgeralds – 14 Erzählungen, 3 Filmexposés (Gracie auf See, Ballettschuhe, Liebe kostet Nerven) und 1 Fragment (Auszeit von der Liebe) – unter dem Titel Für dich würde ich sterben erschienen, die eine völlig andere Seite des Ausnahme-Schriftstellers zeigen und die von Maturität und literarischer Weiterentwicklung zeugen. Fitzgerald wollte diese Geschichten unbedingt veröffentlicht bzw. verfilmt wissen, doch Verleger und Filmproduzenten taten sich schwer mit seinen gereiften Erzählungen/Filmscripts, denn sie passten ihres Erachtens nicht zu seinem alten Stil, mit dem er berühmt geworden war. Stories ohne ausschweifende, glamouröse Parties, ohne Luxus, ohne schöne Protagonistinnen und Protagonisten, die in tragischer Liebe zueinander entbrennen, passten nicht in die Schublade, in die sie Fitzgerald gesteckt hatten. Doch der Autor blieb sich treu und ließ sich trotz seines verblassenden Ruhms und seiner unbefriedigenden Arbeit in Hollywood schriftstellerisch nicht verbiegen. Das ist ein großes Glück für seine Leser, die sonst nie in den Genuss dieser wunderbaren Geschichten gekommen wären.

Ein neuer Quell

/…/Ich müsste entweder zaubern können oder ein Zeilenschinder sein, wenn ich drei Jahrzehnte lang ein und dasselbe produzieren könnte./…/Ich weiß, was von mir erwartet wird, aber der Brunnen ist am Versiegen, und ich halte es für klüger, ihn nicht weiter auszuschöpfen, sondern einen neuen Brunnen, einen neuen Quell zu erschließen.1

Dies schrieb Fitzgerald 1939 an Kenneth Littauer, Redakteur der Zeitschrift Collier‘s. Seine jetzt von Anne Margaret Daniel herausgegebenen letzten unveröffentlichten Erzählungen zeigen, dass er diesen neuen Quell gefunden hatte. Doch was ist so anders an diesen Stories, dass man sie zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlichten wollte? Die Frauen und Männer seiner Geschichten sind – wenigstens zum Teil – immer noch schön, begehrenswert und zuweilen auch jung, der amerikanische Traum hat zwar seinen Glamour, nicht aber seine Anziehungskraft verloren, und Liebe ist immer noch das Elixir, das die Menschen antreibt und ihnen höchstes Glück und tiefste Verzweiflung beschert. Die Antwort liegt auf der Hand: Die Geschichten sind in all ihrer Brillanz, Kuriosität, Exzentrik, Komik und Lebensklugheit sehr down-to-earth. Als Leser gelingt es nicht mehr, in eine verlockende Glitzerwelt abzutauchen und sich den verheißungsvollen Traum von Rags to Riches – wenn auch nur kurzzeitigzu eigen zu machen.

Kurioses, Komisches, Ernstes und Romantisches im gereiften Fitzgerald-Style

In seinen letzten Geschichten zeigt Fitzgerald ein breit gefächertes literarisches Portfolio. Keine Story gleicht der anderen, bei einigen kann man kaum glauben, dass sie von Fitzgerald sind. Letzteres trifft insbesondere auf Gracie auf See zu, in der er die reiche, tolpatschige Gracie karikiert, deren ramponiertes Image Werbefachmann George wieder aufpolieren und darüber hinaus einen Ehemann für sie finden soll. Gracies peinliche Auftritte und die eingebauten Slapstick-Einlagen sind Fitzgerald wirklich gelungen – das Skript hätte meines Erachtens einen äußerst unterhaltsamen Film abgegeben.

In Spielschulden begegnen wir einem abgezockten, desillusionierten Verleger, der alles veröffentlicht, was auch nur ansatzweise Geld verspricht, bis er eines Tages die Quittung für seine Oberflächlichkeit und Geldgier erhält. Die Geschichte Böser Traum spielt in einer psychiatrischen Klinik, in der ein Gesunder systematisch krank gemacht wird. Hier konnte Fitzgerald – so scheint es – aufgrund der oftmaligen Aufenthalte seiner Frau Zelda in solchen Kliniken auf eigene Erfahrungswerte zurückgreifen. Das Klinikszenario, die äußerst realitätsnahe Darstellung der Ärzte und der Verrückten und das Verschwimmen der Grenze zwischen Wahn und Normalität ist Fitzgerald wirklich exzellent gelungen. Gleiches gilt für die ebenfalls in einem Krankenhaus spielende Geschichte Wirbelsturm in stillen Gefilden, wo Assistenzarzt Dr. Bill Craig den Fehler seines Lebens begeht, als er die schöne Schwesternschülerin Benjamina, genannt Trouble, vor allen blossstellt. Im Gegensatz zu Böser Traum ist diese Story sehr komisch und hat ausgesprochenen Wortwitz. Am Ende kann man nicht umhin, leise in sich hinein zu schmunzeln, denn Trouble hat ihren Namen nicht umsonst.

In Zusammen unterwegs zeigen sich ebenfalls einige Parallelen zu Fitzgeralds Leben, denn hier überwirft sich ein berühmter Drehbuchautor, Chris Cooper, mit einem Produzenten, der seinen neuen Stil nicht akzeptieren will, um seinen eigenen Weg zu gehen und mit der schönen und klugen Judith Downs, die er auf einer abenteuerlichen Zugfahrt kennengelernt hat, ein neues Leben fernab von Hollywood zu beginnen. Darüber hinaus gefällt mir auch die Kurzgeschichte Danke für das Feuer sehr, in der eine Handlungsreisende für Mieder und Hüfthalter eine äußerst merkwürdige Erscheinung in der Kirche hat. Sehr bemerkenswert sind auch die beiden Geschichten Daumen hoch und Zahnarztbehandlung, die beide im Amerikanischen Bürgerkrieg spielen. Diese zwei völlig unterschiedlichen Fassungen einer Basisgeschichte dechiffrieren den Mythos einer dunklen historischen Epoche und zeigen sie in all ihrer Brutalität und Menschenverachtung.

Meine Lieblingsgeschichte ist die gleichnamige Titelstory Für dich würde ich sterben. Ich muss zugeben, ich hatte eine absolut romantische Love Story erwartet und war verblüfft, was tatsächlich dahinter steckt. Sie spielt in North Carolina, wo eine Filmcrew zwecks Dreharbeiten in einem Hotel abgestiegen ist. Schauspielerin Atlanta erwidert die Gefühle von Kameramann Roger nicht und fühlt sich von der Ausstrahlung eines mysteriösen Fremden magisch angezogen. Dieser entpuppt sich als zivilrechtlich gesuchter „Selbstmord-Carley“, dessen ehemalige Freundinnen sich bisher alle aus verzweifelter Liebe zu ihm das Leben genommen haben. Atlanta kann dies in keiner Weise nachvollziehen, denn Carley ist weder schön noch außergewöhnlich. Doch auch sie verfällt seinem Charme – genauso wie Isabelle, Carleys ständige Begleitung, die die Beziehung der beiden mit Argwohn beobachtet. Als beide Frauen zur gleichen Zeit spurlos verschwinden, geht man vom Schlimmsten aus, aber für moderne Frauen ist Suizid wegen eines Mannes nun wirklich keine Lösung…

Von der Essenz des amerikanischen Traums

Fitzgeralds Erzählungen, von denen ich hier nur einige meiner Favoriten kurz vorgestellt habe, sind in all ihrer Diversität ein wirklicher Lesegenuss. Von dem einst auf bodenständigen moralischen Fundamenten basierenden amerikanischen Traum, der von Geld und Macht korrumpiert wurde und der stets ein durchscheinendes Thema in Fitzgeralds Werken war, hat er die stärkste Maxime und wichtigste Essenz in den Vordergrund gerückt: Hoffnung. Jenseits des Glamours ist sie geblieben und lässt in den Menschen den notwendigen Mut zu einem Neuanfang wachsen, der sie antreibt und sie ihrem individuellen Lebenstraum jeden Tag ein wenig näherbringt.

Mein Fazit: Ein Buchjuwel und Must Read – nicht nur für Fitzgerald-Fans!

F. Scott Fitzgerald: Amerikanischer Schriftsteller der Extraklasse

Francis Scott Key Fitzgerald wurde 1896 in St. Paul/Minnesota geboren und nach seinem Vorfahren Francis Scott Key, dem Dichter der amerikanischen Nationalhymne, The Star-Spangled Banner, benannt. Obwohl er nur ein mittelmäßiger Schüler war, gelang ihm 1913 die Aufnahme an der renommierten Princeton University. Doch auch hier war er wenig erfolgreich, er veröffentlichte aber bereits einige Kurzgeschichten in der Unizeitung. 1917 verließ er die Universität ohne Abschluss und trat der US-Armee als Unterleutnant bei deren Eintritt in den 1. Weltkrieg bei. Er wurde auf die Militärbasis in Montgomery/Alabama versetzt, wo er die Südstaaten-Schönheit Zelda Sayre kennenlernte, in die er sich Hals über Kopf verliebte. Fitzgerald machte ihr bald darauf einen Heiratsantrag, den sie jedoch nur zögerlich annahm, weil Fitzgerald angeblich noch nicht genug Geld verdiente, um ihr ein adäquates Leben zu ermöglichen. Doch der Erfolg stellte sich nicht so schnell ein wie Fitzgerald hoffte. Und so löste Zelda die Verlobung, während Scott mit Hochdruck weiter an seiner Karriere als Schriftsteller arbeitete.

Der Fluch des frühen Erfolges

Doch dann bekundete der bekannte Scribner-Verlag Interesse an Fitzgeralds The Romantic Egotist und akzeptierte schließlich eine überarbeitete Version mit dem geänderten Titel This Side of Paradise, der 1920 in kurzer Zeit zu einem Verkaufserfolg wurde. Zelda willigte endlich ein, Scott zu heiraten, und so wurden sie zu einem der ersten Glamour-Paare ihrer Zeit. Sie schwelgten im Luxus, feierten exzessive Partys und zierten die Titelblätter sämtlicher In-Magazine der 20er Jahre. Sie bereisten Europa und trafen in Paris auf die bedeutendsten Schriftsteller ihrer Zeit wie Ernest Hemingway, Henry James und Gertrude Stein. 1921 machte die Geburt ihrer Tochter Scottie das Glück perfekt.

Der Anfang vom Ende

Ein Jahr später erschienen bereits seine nächsten Werke The Beautiful and the Damned und Tales of the Jazz Age, doch zu seiner Enttäuschung konnte er nicht an den Erfolg seines ersten Romans anknüpfen. Sein 1925 veröffentlichtes Meisterwerk The Great Gatsby wurde von den Kritikern zunächst nicht gebührend gewürdigt, was sich auch im unerwartet geringen Verkaufserfolg niederschlug. Fitzgeralds wachsender Alkoholkonsum wurde zunehmend zu einem Problem. 1927 begann Fitzgerald, für die Filmindustrie in Hollywood zu arbeiten, doch der große Erfolg blieb auch hier aus.

Zelda erlitt zwischenzeitlich mehrere schwere Nervenzusammenbrüche und zeigte erste Anzeichen gravierender psychischer Probleme, so dass sie viele Jahre in einer psychiatrischen Klinik verbrachte. Dort schrieb sie ihren einzigen Roman Save Me The Waltz, der von Scribner 1932 veröffentlicht wurde und der letztendlich zeigte, dass sie viel mehr war, als nur das luxusbesessene Glamour-Weibchen an seiner Seite.

Als Scotts 1934 publizierter Roman Tender Is The Night wieder kein durchschlagender Erfolg wurde, verfiel er daraufhin gänzlich dem Alkohol. Seine Ehe mit Zelda war zerrüttet, seine Tochter Scottie lebte im Internat. In den letzten Jahren seines Lebens lernte er die Society-Reporterin Sheilah Graham kennen, die seine Lebenspartnerin bis zu seinem frühen Tod blieb.

F. Scott Fitzgerald starb im Alter von nur 44 Jahren an einem Herzinfarkt im Jahre 1940, als er an seinem letzten Roman The Last Tycoon arbeitete. Seine Frau Zelda kam 1948 auf tragische Weise bei einem Brand im Highland-Krankenhaus in Asheville ums Leben.

Fitzgeralds einzigartige Romane und ihr literarisches Gewicht wurden erst nach seinem Tode wiederentdeckt, und so erhielt er als einer der besten amerikanischen Schriftsteller aller Zeiten postum den Ruhm, den man ihm zu Lebzeiten versagte.

Tragischer Vertreter der Lost Generation

Sein kurzes, exzessives Leben machte ihn zu einem tragischen Vertreter der Lost Generation2, ein Terminus, den die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein („You are all a lost generation“) im Hinblick auf die Respekt- und Zügellosigkeit sowie den Werteverfall der Nachkriegsgeneration des 1. Weltkriegs prägte und den schon Hemingway als Epigraph in seinem Roman The Sun Also Rises nutzte. F. Scott Fitzgerald erweiterte diesen Begriff um die Hoffnungslosigkeit seiner Generation und schrieb in seinem großartigen Roman This Side of Paradise: „Here was a generation…grown up to find all gods dead, all wars fought, all faith in man shaken.“3

Aus seiner Sicht hatte er am Ende seines Lebens schriftstellerisch nichts erreicht. Seiner Frau Zelda schrieb er 1940, als man The Great Gatsby aus der Modern Library nahm: „…My God, I am a forgotten man“4. Es ist Ironie des Schicksals, dass er nicht lange genug lebte, um zu erkennen, wie Unrecht er hatte.


Originalausgabe: Fitzgerald, F. Scott. I’d die for you. New York: Scribner, 2017.
Deutsche Ausgabe: Fitzgerald, F. Scott. Für dich würde ich sterben. Herausgegeben und kommentiert von Anne Margaret Daniel. Aus dem amerikanischen Englisch von Gregor Runge, Andrea Stumpf und Melanie Walz. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, 2017.
Buchcover: www.hoffmann-und-campe.de

Mein herzlicher Dank gilt dem Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, der mir den o.g. Erzählband als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Quelle1: Nachwort aus Für dich würde ich sterben. s.o., S. 401.
Quelle2http://www.britannica.com/topic/Lost-Generation
Quelle3: Fitzgerald, F. Scott. This Side of Paradise. London: Penguin Classics / Penguin Group, 2010. Seite 259.
Quelle4: Bruccoli, Matthew J. (Editor) with Baughman, Judith S. Fitzgerald on Authorship. Columbia: University of South Carolina Press, 1996. S. 173.

Weitere Quelle zu F. Scott Fitzgeralds Leben und Werk: Prigozy, Ruth. F. Scott Fitzgerald. Woodstock/New York: Overlook Press, 2002.

Im Übermaß

Barbara Landes: Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers

„Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren Lieblingen ganz, alle Freuden, die unendlichen, alle Schmerzen, die unendlichen, ganz1.“ Dieses kurze Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe kam mir nach Lektüre der brillanten Romanbiografie von Barbara Landes sofort in den Sinn. Somit muss die amerikanische Ausnahme-Schriftstellerin Carson McCullers, die Protagonistin des Buchs, wahrlich ein Liebling der Götter gewesen sein, denn ihr viel zu kurzes Leben glich einer rasanten emotionalen Achterbahnfahrt, die von Liebe, Schmerz, Verlust und schwerer Krankheit geprägt war. Mit hoher Detailtreue lässt Landes das Leben der außergewöhnlichen Literatin Revue passieren, bei der sich privates Glück, Erfolg und künstlerische Selbstverwirklichung nie in Einklang bringen ließen. Dies führte unweigerlich zu einer schleichenden Selbstzerstörung, die sie mit Alkohol forcierte, bis ihre immer fragiler werdende körperliche Konstitution, geschwächt durch gravierende gesundheitliche Einschläge, schließlich ihr Ende einläuteten.

Wunderkind wider Willen

Schon vor Lula Carson Smiths Geburt im Jahre 1917 ist ihre Mutter Marguerite, die auf einen Sohn hofft, überzeugt, dass ihr Kind etwas ganz Besonderes wird. Auch als sie eine Tochter zur Welt bringt, kann sie dies nicht von ihrer Überzeugung abbringen, dass ihr Wunderkind es einmal sehr weit bringt. Vater Lamar, ein etablierter Uhrmacher in Columbus/Georgia, hält nichts von den Voraussagungen seiner Frau – ihm ist wichtig, dass seine Kleine behütet aufwächst. Doch dann zeigt Lula in ganz jungen Jahren plötzlich ein Talent, das alle verblüfft: Sie beginnt Klavier zu spielen, einfach so, als beherrschte sie es schon seit Jahren. Das ist Wasser auf die Mühlen ihrer Mutter, die ihre Wunderkind-Theorie bestätigt sieht und Lula sofort zum Klavierunterricht anmeldet.

Lula liebt die Musik und geht ganz darin auf, doch ansonsten ist sie eher eine Außenseiterin. Sie ist keine Southern Belle, sondern eher schlaksig und ist mit 13 bereits größer als mancher Junge. Sie hadert mit den großen Erwartungen ihrer Mutter und ist oftmals peinlich berührt, wenn sie sie mal wieder vor allen in den Himmel lobt. Aber Fieberschübe und damit einhergehende ernstzunehmende gesundheitliche Probleme bremsen die hohen Ambitionen aus: Die völlig entkräftete Lula ist gezwungen, für geraume Zeit das Bett zu hüten. Um sie aufzumuntern, schenkt ihr Vater ihr eine Schreibmaschine und setzt damit, ohne es zu ahnen, eine alles verändernde Wende in ihrem Leben in Gang.

New York: Anfänge als Schriftstellerin

Nach ihrer Genesung setzt Lula, die von nun an nur noch Carson genannt werden will, den Klavierunterricht fort, bis schließlich ihr großer Traum (oder treffender, der Traum ihrer Mutter) in greifbare Nähe rückt – ein Studium an der berühmten New Yorker Juilliard Musikschule. Um das Schulgeld zusammenzubekommen, versetzt ihr Vater einen wertvollen Ring ihrer Großmutter, doch Carson verliert die 600 Dollar bereits am ersten Tag in der Subway im Big Apple. Ein Wink des Schicksals? Stattdessen belegt sie einen Creative Writing Kurs an der Columbia Universität, was sie ihren Eltern aber nicht mitteilt. Carson hält sich mit Gelegenheitsjobs finanziell über Wasser und schreibt an ihren ersten Kurzgeschichten. Ihre Dozentin, die ihr literarisches Talent schnell erkennt, fördert sie und schafft es schließlich, ihre Stories an etablierte Magazine zu verkaufen.

Früher Erfolg und schicksalhafte Liebe

Mit Hochdruck versucht sich Carson an ihrem ersten Roman, und dann funkt auch noch die Liebe dazwischen: Der gut aussehende Sergeant James Reeves McCullers wird eine der Obsessionen ihres Lebens. Auch Reeves will Schriftsteller werden und sieht sich mit Carson an seiner Seite am Ziel seiner Träume. Gleiches gilt für Carson, die endlich ihren Seelenverwandten gefunden zu haben scheint. Die beiden heiraten, und Carson vollendet mit nie gekanntem Arbeitseifer ihr Debütwerk. Und es geschieht das Undenkbare: Gleich mit ihrem ersten Roman Das Herz ist ein einsamer Jäger, der 1940 erscheint, avanciert sie zum literarischen Newcomer ihrer Zeit. Der frühe Erfolg im Alter von nur 23 Jahren lässt sie auf Wolken schweben und entzieht ihr gleichermaßen den Boden unter den Füßen. Und wieder hypt man sie als wundersame Neuentdeckung und bugsiert sie damit erneut in eine Rolle, die ihr absolut widerstrebt.

Wildes Künstlerleben

Allerdings genießt sie auch die Vorteile, die ein Leben als schriftstellerischer Shooting Star zu bieten hat: Sie gründet eine Künstler-WG, das Februarhaus in Brooklyn Heights, in dem sie gemeinsam mit renommierten Literaten und Künstlern wie W. H. Auden, Tennessee Williams, Christopher Isherwood, Salvador Dalí und Gala u.v.m. ein unkonventionelles, exzessives Leben führt. Dabei rückt Reeves immer mehr in den Hintergrund. Er hasst es, nur der Mann an ihrer Seite zu sein und greift immer häufiger zur Flasche, denn seine eigene schriftstellerische Karriere liegt brach. Hinzu kommen Carsons romantische Gefühle für Annemarie Schwarzenbach, Mitglied der Entourage um Erika Mann, die jedoch ihre Liebe nicht erwidert. Als Reeves Carson gegenüber handgreiflich wird, lässt sie sich scheiden, nur um ihn vier Jahre später ein weiteres Mal zu heiraten.

Doch nichts ist mehr, wie es einmal war. Ihr wildes Leben, gepaart mit übersteigertem Arbeitswahn und übermäßigem Alkohol- und Drogenkonsum, fordert seinen Tribut: Mehrere Schlaganfälle (der erste mit 24) und daraus resultierende schwere gesundheitliche Probleme machen aus ihr ein körperliches Wrack. Mit nur 50 Jahren ist sie am Ende ihres Lebens angelangt – ein Leben, das ihr größtes Glück, größten Erfolg und größten Schmerz bescherte.

Exzellente Romanbiografie über eine einzigartige, tormentierte Literatin

Ich habe selten eine so eindrucksvolle Künstlerbiografie gelesen wie diese. Geschickt webt Landes Facts & Fiction zusammen. Dass die Autorin das Leben von Carson McCullers bis ins kleinste recherchiert hat, wird schnell klar, wenn man McCullers‘ unvollendete Autobiografie Illumination and Night Glare gelesen hat, die ich sehr empfehle. Einiges hat die Autorin allerdings auch hinzuerdacht – so wie die Figur des ehemaligen Schriftstellers und jetzigen Lektors Ben Jacksen, der nach Carsons Tod ihre Grabrede halten soll und damit völlig überfordert ist. Er sieht sich dieser Aufgabe nicht gewachsen, obwohl ihm Carson „zwei Mal das Leben rettete“, doch am Ende findet er genau die richtigen Worte voller Poesie und Weisheit, die die Essenz von Carsons Wesen treffen:

„Ein Wunderkind, ein wildes Kind. Freude, Angst, Schmerz und Liebe, immer maßlos, das Kind immer ausgeliefert. Wenn Carson liebte, dann jedes Mal zum ersten Mal/…/Sie legte ihr Herz zu Füßen, wo es Staub und Blessuren empfing, glühte, barst, in die Nacht versank – um sich beim nächsten Mal wieder genauso rein und frisch zu verschenken.“2

In zwei Erzählsträngen lässt uns Landes an McCullers‘ tragischem Lebensweg teilhaben. Zum einen sehen wir sie in der Retrospektive durch Bens Augen, dem sie sein existentielles Dilemma mehr als einmal verdeutlicht und der durch sie wieder Halt findet. Zum anderen betrachten wir sie mittels des anonymen Erzählers, der uns durch alle Lebenshöhen und -tiefen dieser einzigartigen Schriftstellerin führt, so dass sie uns am Ende seltsam vertraut ist. Mit ihrer beeindruckenden Rückschau auf das überschwängliche Leben der tormentierten Literatin gelingt Landes das, was sie selbst als ihre schwerste Aufgabe bezeichnete: McCullers, ihrem Leben und ihrem Werk gerecht zu werden.

Barbara Landes: Autorin, Lektorin und Literaturwissenschaftlerin

Barbara Landes wurde 1970 in Hindelang/Allgäu geboren. Sie studierte Literaturwissenschaften in München, Berlin und Nottingham und arbeitete zunächst in den unterschiedlichsten Bereichen, z.B. bei diversen Fernsehsendern, als Museumsarchivarin, Köchin und Lektorin, bevor sie als freie Autorin tätig wurde und sich der Schriftstellerei zuwandte. Gleich ihr Debütroman, der hier vorgestellte Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers, der bei ebersbach & simon im letzten Jahr erschien, wurde ein beachtenswerter literarischer Erfolg.

Wie die Autorin in einem Interview3 mit dem WDR 5-Moderator Matthias Brügge in der Reihe Bücher – Autoren im Gespräch verriet, las sie 1993 auf der Rückfahrt von einem einjährigen Englandaufenthalt ihren ersten Roman von McCullers, Die Ballade vom traurigen Café, und war begeistert – von der Story und von dem einzigartigen Schreibstil der singulären Literatin. Dieses Werk ist bis heute ihr Lieblingsbuch geblieben, obwohl sie anschließend alle anderen Romane der amerikanischen Schriftstellerin gelesen hat.

Was Landes an McCullers‘ Geschichten so fasziniert, ist zum einen ihre „Suggestivkraft, die das Tor zum Unterbewusstsein öffnet.“ Zum anderen ist es ihre „einfache Sprache„, die eine tiefe Symbolik aufweist und nach Landes‘ Auffassung mit einer „Traumsprache bzw. einer universellen assoziativen Sprache“ gleichzusetzen ist.

13 Jahre später ließ Landes all ihr Wissen und ihre Erkenntnisse über McCullers in diese außergewöhnliche, exzellent konzipierte Romanbiografie einfließen, die auch den damaligen Zeitgeist auf beeindruckende Weise reflektiert.

Barbara Landes lebt und arbeitet in München. Ihre o.g. biografischen und alle weiteren Angaben sind den Verlagsinformationen und dem unten aufgeführten WDR 5-Interview entnommen.


Originalausgabe: Landes, Barbara. Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers. Berlin: ebersbach & simon, 2016.
Buchcover: www.ebersbach-simon.de

1Goethe, Johann Wolfgang von. Alles geben die Götter. Gedichte. Nachlese. Aus einem Brief an Auguste zu Stolberg, Weimar 17.7.1777.

2Landes, Barbara. Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers. s.o., S. 216.

3Interview von Matthias Brügge, WDR 5: Bücher – Autoren im Gespräch. 21.01.2017.
http://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-buecher-autoren-im-gespraech/audio-barbara-landes-ueber-die-ballade-vom-wunderkind-carson-mccullers-100.html

Die Sünden der Väter

Valerie Jakob: Hôtel Atlantique

Valerie Jakobs Debütroman Hôtel Atlantique ist eine Klasse für sich. Die facettenreiche Geschichte lässt sich in kein Schema pressen, denn sie beinhaltet krimieske, geschichtliche und soziale Aspekte, die die Autorin geschickt miteinander verwoben hat. Obwohl man aufgrund des Klappentextes einen sommerleichten Krimi vermuten könnte, der an der französischen Atlantikküste spielt, hat das Buch einiges mehr zu bieten: Die gehaltvolle Story handelt zwar primär von einem mysteriösen Todesfall, thematisiert aber ebenso ein düsteres Kapitel der deutsch-französischen Vergangenheit auf sehr bewegende Weise und befasst sich darüber hinaus mit der derzeitigen brisanten gesellschaftspolitischen Situation Frankreichs. Diese außergewöhnliche Kombination hält, was sie verspricht und lanciert zugleich eine ganz besondere Protagonistin, die hoffentlich mit ihrem jungen pfiffigen Adlatus noch viele weitere Fälle lösen wird.

Auf frischer Tat

Die französische Ex-Kommissarin Delphine Gueron zieht nach ihrer Pensionierung von Paris zurück in ihren Heimatort, das idyllische St. Julien de la mer nahe des exklusiven Biarritz. Sie genießt die Ruhe und das Meer und ist froh, den Trubel der französischen Großstadt hinter sich gelassen zu haben. Sie beschließt, ihren Garten aufzuhübschen, doch noch bevor sie damit beginnen kann, erwischt sie des Nachts einen Einbrecher auf frischer Tat, der ihren Schuppen durchforstet: Der 15-jährige Karim Amandier ist mehr als schockiert, als er eine Waffe auf sich gerichtet sieht – und dies auch noch von einer älteren Dame, die in keiner Weise verängstigt, sondern entschlossen ist, sie auch zu benutzen. Delphine tut der zitternde Junge leid, und sie bietet ihm einen Deal an: Wenn er sich bereit erklärt, ihr für eine gewisse Zeit bei der Haus- und Gartenarbeit zu helfen, wird sie von einer Anzeige absehen. Karim stimmt widerwillig zu, aber er hat auch keine andere Wahl. Der Kleinkriminelle algerischer Abstammung hatte schon mehrfach Ärger mit der Polizei, was seine alleinerziehende Mutter schier zur Verzweiflung treibt.

Ein mysteriöser Todesfall

Nach dieser unerwarteten Aufregung kehrt wieder Ruhe in Delphines beschaulichen Alltag ein. Sie freut sich ganz besonders auf ihre allwöchentlichen Treffen mit ihrer besten Freundin Aurélie de Montvignon im mondänen Belle Époque Hôtel Atlantique. Beim gemeinsamen Tee und köstlichen Petits Fours tauschen sich die vermögende Witwe Aurélie, die in einem märchenhaften, über der Steilküste thronenden Anwesen residiert, und Single Delphine über alles und jeden aus. Als Aurélie eines Nachmittags nicht, wie üblich, zur vereinbarten Uhrzeit erscheint, ist Delphine sofort beunruhigt, denn ihre Freundin, die sich für ihr gemeinsames Treffen stets ein Zimmer im Hotel anmietet, ist gewöhnlich überpünktlich. Als sie draußen einen Menschenauflauf sieht, weiß sie, dass etwas Furchtbares passiert ist. Nach einem Sturz vom Balkon ihrer Suite liegt Aurélie tot im Innenhof des Hotels. Man vermutet einen tragischen Unfall oder gar Suizid, doch Delphine will von alledem nichts hören: Aurélie war weder gebrechlich noch selbstmordgefährdet, somit machen beide Theorien in ihren Augen keinen Sinn.

Auf eigene Faust

Der mit dem Fall beauftragte Kommissar Lucien Benazet, den Delphine bereits seit langem kennt, vertraut dem Instinkt der Ex-Kommissarin, doch ihm sind die Hände gebunden, denn die Obduktion ergibt nichts, woraus man schließen könnte, dass Aurélie Gewalt angetan wurde. Aber Delphine, die noch immer unter Schock steht, will sich damit nicht zufriedengeben und beschließt, auf eigene Faust zu ermitteln. Bei ihren Recherchen ist ihr Karim, der ihr mittlerweile sehr ans Herz gewachsen ist, eine große Hilfe. Der Halbwüchsige, der über eine exzellente Beobachtungsgabe verfügt, liefert einen wichtigen Hinweis, dessen Tragweite er sich zunächst gar nicht bewusst ist. Doch auch hier führt die Spur – so scheint es zunächst – ins Nichts.

Delphine ermittelt schließlich im nahen Umfeld von Aurélie und stößt hier gleich auf mehrere Personen, die ihr undurchsichtig erscheinen: Der mysteriöse, äußerst schweigsame Richard Lebrun, ein enger Freund der Famile, der in Aurélies Villa wohnt und dessen enge Verbindung zu ihr aus seiner tragisch-dunklen Vergangenheit nach Ende des 2. Weltkriegs resultiert, sowie Damien de Montvignon, Aurélies verhasster Neffe, ein abgezockter Banker, der mit seiner luxusverwöhnten Frau Antoinette nach Aurélies Tod auf eine große Erbschaft hofft.

Sie alle geraten ins Visier von Delphines Ermittlungen, die auch dank Karim immer ein Stück weiter vorangehen. Sie ahnt jedoch nicht im geringsten, in welcher Gefahr sie – und Karim – schweben, denn der wahre Täter, der glaubt, das perfekte Verbrechen begangen zu haben, will um jeden Preis verhindern, dass Delphine ihn entlarvt und schreckt dabei vor nichts zurück, um sein tödliches Geheimnis zu bewahren…

Facettenreicher Roman mit ungewöhnlichem Ermittlerduo

Mit Hôtel Atlantique ist Valerie Jakob ein absolut überzeugendes literarisches Erstlingswerk gelungen, das Lust auf mehr macht. Der mysteriöse Kriminalfall, mit dessen Auflösung man am Ende in keiner Weise rechnet, ist klug erdacht und wird gekonnt in geschichtliche und gesellschaftspolitische Szenarien eingebettet. Insbesondere der geschichtliche Teil, der in die deutsch-französische Vergangenheit zurückführt und Fakten und Wahrheiten offenbart, die mir in diesem grausamen Ausmaß nicht bekannt waren, hat mich sehr schockiert und bewegt. Die Autorin hat äußerst detailliert recherchiert, wie man ihrer anschließenden Danksagung entnehmen kann. Das hier von Jakob aufgeführte, 2004 im Piper Verlag erschienene Buch Kinder der Schande werde ich demnächst vor diesem Hintergrund lesen.

Darüber hinaus hat Jakob mit der eigenwilligen Ex-Kommissarin Delphine Gueron und dem aufgeweckten Karim ein eigentümliches, aber sehr bemerkenswertes Ermittlerduo erschaffen, das in keiner Weise klischeehaft ist. Ihre Kommissarin ist – zum Glück – keine Powerfrau im Laura Croft Stil, sondern gehört zur alten Garde ihrer Profession – jedoch keinesfalls zum alten Eisen. Sie muss sich nichts mehr beweisen, keine strikten Polizei-Regeln befolgen und kann sich bei ihren persönlichen Recherchen ganz auf ihren Instinkt verlassen, der sie nur selten trügt.

Mit der Figur des kleinkriminellen Franko-Algeriers Karim und seinem spannungsgeladenen Umfeld rückt sie ein sozialpolitisches Pulverfass Frankreichs in den Vordergrund, das nicht zu unterschätzen ist. Karims Probleme, als Sohn eines Algeriers nicht auf die schiefe Bahn zu geraten und seinen Platz in der französischen Gesellschaft zu finden, zeigen deutlich, wie brisant dieses Thema gerade auch angesichts der derzeitigen Lage in unserem Nachbarland ist.

Alles in allem ist der Roman eine äußerst beachtenswerte, spannende und berührende Mélange aus Krimi, geschichtlichem Hintergrund und Gesellschaftskritik – all dies vor der traumhaften Kulisse der französischen Atlantikküste, die ein ganz besonderes Flair hat. Daher mein Fazit: Sehr lesens- und empfehlenswert!

Valerie Jakob: Erfolgreiche Übersetzerin und Debüt-Autorin

Über Valerie Jakob ist nicht viel bekannt. Sie zählt zu den renommiertesten und erfolgreichsten Übersetzerinnen englisch- und französischsprachiger Literatur und hat nun mit Hôtel Atlantique ein vielversprechendes Debüt als Schriftstellerin vorgelegt. Die frankophile Autorin, die an der französischen Atlantikküste ihr zweites Zuhause gefunden hat, liebt den französischen Sud-Ouest, wo es sie immer wieder hinzieht. Dies wird auch in ihrem Erstlingswerk ganz besonders deutlich – sie scheint hier wirklich jedes Fleckchen Erde zu kennen. Ihre Liebe zu Frankreich und zur französischen Lebensart ist deutlich spürbar und überträgt sich – ganz nonchalant – auf den Leser.

Valerie Jakob lebt und arbeitet in Berlin, ihre Urlaube verbringt sie – wie könnte es auch anders an – am liebsten in Frankreich.

Die o.g. Angaben sind den Verlagsinformationen entnommen.


Originalausgabe: Jakob, Valerie. Hôtel Atlantique. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH, 2017.
Buchcover: www.rowohlt.de

Mein herzlicher Dank gilt dem Rowohlt Verlag, der mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

In Extremis

Andrew Miller: Nachts ist das Meer nur ein Geräusch

Sonderbar. Brillant geschrieben und doch seltsam befremdlich. Das war mein erster Eindruck nach Lektüre des neuen Romans von Andrew Miller Nachts ist das Meer nur ein Geräusch. Gleichwohl konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen – und das, obwohl die Protagonistin mehr als gewöhnungsbedürftig ist und sich mir fast bis zum Ende der Geschichte nicht erschlossen hat. Nichtsdestotrotz ertappte ich mich dabei, wie ich des Öfteren über diesen unnahbaren fiktiven Charakter nachdenken musste, zu dem ich – bis auf einen ganz kurzen Moment – keinen wirklichen Zugang finden konnte. Die weibliche Hauptfigur ist eine echte Herausforderung, der sich die Leser – wie auch die weiteren Protagonisten des Romans – stellen müssen, auch wenn es beinahe unmöglich ist. Ihr verzweifelter Kampf mit sich selbst verlangt auch uns einiges ab: Ob sie ihn für sich gewinnen kann und will, bleibt am Ende einzig und allein ihre Entscheidung.

Sturz ins Leben

Als die junge eigenbrötlerische Naturwissenschaftlerin Maud Stamp vom Deck eines aufgebockten Segelbootes sieben Meter in die Tiefe stürzt, rechnet Tim Rathbone, Student aus gutem Hause und – wie sie – Mitglied des Uni-Segelclubs, mit dem schlimmsten. Regungslos liegt sie auf den harten Ziegelsteinen, nur um kurz danach zur Überraschung aller wieder aufzustehen. Doch nach einigen Schritten kollabiert sie erneut. Der unter Schock stehende Tim kann nicht fassen, was er da sieht. Er begleitet Maud ins Krankenhaus und ist beeindruckt von ihrem unbändigen Überlebenswillen. Er kümmert sich um die verschlossene, distanzierte Forscherin, die seine Fürsorge – wenn auch teilnahmslos – annimmt. Sie beginnen eine Affäre, die nur seitens Tim von Zuneigung und Leidenschaft erfüllt ist. Als die beiden beschließen zusammenzuziehen, hegt Tim für einen kurzen Moment Zweifel an seiner Entscheidung: Mauds Gefühlskälte und ihre Art, die Liebesbeziehung der beiden und insbesondere ihre gemeinsamen Nächte als Pflichtveranstaltung anzusehen, machen ihm zu schaffen. Doch er ist zuversichtlich, dass Maud schon aus sich herausgehen wird, wenn sie erst einmal ein gemeinsames Zuhause haben.

Eine komische Nudel

Doch Maud bleibt Maud. Als Tim sie seinen Eltern vorstellt, sind diese nicht begeistert. Das überrascht ihn in keiner Weise, denn ihm ist bewusst, wie merkwürdig Maud mit ihrer verschrobenen, gleichgültigen Art auf ihre Umgebung wirkt. Während sein Bruder Magnus sie als komische Nudel bezeichnet, tituliert sie eine Freundin der Familie sogar als Bruja, Hexe. Einen ähnlichen Eindruck vermittelt Maud auch bei der Jobsuche: Man hält sie für arrogant und nicht teamfähig. Sogar von autistischen Zügen ist die Rede. Trotzdem gelingt es ihr, eine gut bezahlte Anstellung bei Fenniman Laboratories zu erhalten, die von nun an ihr ganzer Lebensinhalt wird. Während Tim den Hausmann gibt und krampfhaft versucht, sein Hobby, das Gitarrespielen, zum Beruf zu machen, geht Maud ganz in ihrer Forschung auf. Das ändert sich auch nicht, als sie erfährt, dass sie schwanger ist. Sie macht mit ihrem Leben weiter wie bisher und kann Tims Enthusiasmus nicht teilen.

Der schlimmste Verlust

Als Tochter Zoe geboren wird, könnte Tim nicht glücklicher sein. Er vergöttert die Kleine und ist ein Bilderbuchvater. Maud hingegen kann keine echten Muttergefühle entwickeln. Sie nimmt schnellstmöglich wieder ihre Arbeit auf und überlässt Tim Zoes Erziehung. Als Zoe eingeschult wird, kommt es zum ersten handfesten Streit der beiden: Maud sieht nicht ein, warum sie dabei sein soll, Tim wirft ihr vor, nicht im geringsten an ihrer Tochter interessiert zu sein. Maud lenkt ein, doch ihre Beziehung bekommt erste Risse. Tim beginnt eine Affäre mit der verheirateten Bella, weil er Mauds Lieblosigkeit nicht länger ertragen kann. Doch dann passiert etwas Furchtbares: Als ein betrunkener Busfahrer Tims Auto mit Zoe an Bord frontal rammt, kommt die Kleine ums Leben, Tim überlebt schwerverletzt. Er zerbricht fast am Tod seiner Tochter, während Maud so weitermacht wie bisher. Tim hat endgültig genug und verlässt sie. Maud nimmt das Scheitern ihrer Beziehung teilnahmslos hin und geht wieder zur Arbeit. Ihre Kollegen sind schockiert und auch ihr Chef ist fassungslos: Er besteht darauf, dass sie zu Hause bleibt und gewährt ihr einen längeren Urlaub.

Ein einsamer Kampf

Zuhause weiß Maud nichts mit sich anzufangen. Sie fühlt sich seltsam fremd und heimatlos in ihrer gewohnten Umgebung. Es zieht sie ans Meer und zu ihrem Segelboot Lodestar. Ihre schleichende Entwurzelung wird ihr schmerzlich bewusst, und sie beschließt, ohne Begleitung von England über den Atlantik zu segeln, obwohl sie nicht viel Erfahrung hat. Sie ahnt nicht, dass der Kampf, der sie auf dem Meer – allein mit den Elementen – erwartet, über ihre Kräfte gehen und ihr alles abverlangen wird. Doch noch härter als die Konfrontation mit der unbezähmbaren Naturgewalt des Ozeans ist ihre schonungslose Begegnung mit dem eigenen Ich, der sie sich nicht entziehen kann und die sie fast den Verstand verlieren lässt. Als ein schwerer Sturm aufkommt, zeigt sich noch einmal ihr fast übermenschlicher Überlebenswille, aber reicht er aus, um sie erneut ins Leben zurück zu manövrieren?

Außergewöhnlicher Roman über das Schicksal einer unnahbaren Einzelgängerin

Diese einzigartige Geschichte hat mich trotz der merkwürdig lethargischen Protagonistin in ihren Bann gezogen. Ich wollte Maud so gerne verstehen, doch gelungen ist es mir nicht. Als sie ganz am Ende für einen flüchtigen Moment ihr Innerstes offenbart, schwankt man zwischen Mitleid und Gleichgültigkeit. Ihre Erkenntnis kommt viel zu spät, um auf der Gefühlsebene noch etwas retten zu können. Eine Erklärung für ihr sonderbares Verhalten erhalten wir nicht – es ist an uns, sie zu dechiffrieren. Zu gerne stellen wir uns als Leser dabei auf die Seite von Mauds Kontrahenten – Tim, Tims Eltern, seine Freunde -, weil es so viel leichter ist, als auch nur den Versuch zu machen, sie zu verstehen.

Hier zeigt sich für mich auch die einmalige schriftstellerische Leistung von Andrew Miller, der nicht nur eine bemerkenswerte Geschichte erdacht, sondern mit Maud auch eine Figur geschaffen hat, die es in ihrer Singularität sicherlich in der Literatur in dieser Form nicht oft gibt. Sie ist eine Provokation und ein Ärgernis. Aber warum eigentlich? Weil sie nicht unserer Vorstellung einer Frau und Mutter entspricht? Weil sie sich traut, sie selbst zu sein, obwohl sie weiß, wie bizarr man sie findet? Oder weil sie nicht die typische Trauerreaktion zeigt, die man beim Verlust eines Kindes von ihr erwartet? Am Ende des Romans musste ich mir eingestehen, dass es genau diese Dinge waren, die auch mich irritierten. Und ich habe den Spieß herumgedreht und mich gefragt, warum Tim sich nicht mal ansatzweise die Mühe gemacht hat, das Gespräch mit Maud zu suchen, um sie mit ihrem Verhalten zu konfrontieren. Die Antwort darauf ist simpel: Es ist leichter, wütend zu sein, viel leichter, eine Affäre zu beginnen, als einem Problem auf den Grund zu gehen.

Nachts ist das Meer nur ein Geräusch ist nicht nur ein ganz besonderer Roman über Liebe, Verlust, Einsamkeit und Trauer. Schonungslos hält er auch einer Gesellschaft den Spiegel vor, die alles und jeden ausgrenzt, der anders ist und nicht ins Schema passt. Millers Buch regt auf ganz besondere Weise zur Selbstreflexion an, daher mein Fazit: Ein brillanter Roman und ein absolutes Must Read!

Andrew Miller: Britischer Autor mit einem Faible für das Morbide

Andrew Miller wurde 1960 als Sohn eines Arztes in Bristol geboren und wuchs im Westen Großbritanniens auf. Wie der Autor Kira Cochrane von The Guardian in einem Interview1 verriet, beschloss er nach Lektüre von D. H. Lawrences Roman Der Regenbogen bereits im Alter von 18 Jahren, Schriftsteller zu werden. Er schrieb Kurzgeschichten und Gedichte, nahm aber zunächst einen Job in einem völlig anderen Bereich an: Er arbeitete in einem Heim mit lernbehinderten Menschen. Mit 22 erhielt er aufgrund seines brillanten Essays über Lawrence einen Studienplatz an der Middlesex Polytec, wo er auch seinen Abschluss machte. Danach lehrte er mehrere Jahre Englisch als Fremdsprache und lebte in Spanien, Japan, Irland und Frankreich.

Mit 30 erhielt er ein Stipendium für ein Creative Writing Studium an der University of East Anglia, wo er u.a. von dem berühmten britischen Romancier und Literaturwissenschaftler Malcolm Bradbury unterrichtet wurde. Nach seinem erfolgreichen Abschluss schrieb er seinen ersten Roman Ingenious Pain (Die Gabe des Schmerzes), der 1997 erschien und für den er mit dem renommierten International IMPAC Dublin Literary Award ausgezeichnet wurde. Völlig überraschend hatte der literarische Newcomer hier berühmte Schriftsteller wie Don DeLillo, Ian McEwan und Haruki Murakami aus dem Rennen geworfen. Und als wäre das für einen Debütautor mit seinem Erstlingswerk nicht Erfolg genug, erhielt er noch zwei weitere Preise – den James Tait Black Memorial Award for Fiction und den italienischen Premio Grinzane Cavour. Das Buch wurde mittlerweile in mehr als 36 Sprachen übersetzt.

Zwischenzeitlich hat der Autor noch weitere fünf Romane publiziert – Casanova (Die kleine Geschichte, die meist von Liebe handelt), Oxygen (Zehn oder fünfzehn glücklichste Momente des Lebens), The Optimists (Die Optimisten), One Morning Like a Bird (Nach dem großen Beben), Pure (Friedhof der Unschuldigen) und das hier vorgestellte Buch The Crossing (Nachts ist das Meer nur ein Geräusch). Für Pure erhielt Miller 2011 den angesehenen Costa Book Award – zum einen für den besten Roman, zum anderen für das beste Buch des Jahres.

Millers Faible für alles Morbide, das ganz besonders in seinem o.g. Roman Pure zum Ausdruck kommt, scheint seines Erachtens daher zu rühren, dass er bedingt durch den Einfluss seines Vaters, ein engagierter Mediziner, schon früh mit Krankheit, fleischlichem Verfall und Tod konfrontiert wurde, so dass diese Themen ihn eher interessierten und faszinierten als ängstigten. Und so ist es natürlich auch nicht verwunderlich, dass er sie in seinen Werken des Öfteren aufgreift und verarbeitet.

Andrew Miller lebt und arbeitet in Witham Friary, Somerset.

Seine biografischen Angaben sind den Verlagsinformationen, der englischen Wikipedia-Seite und dem o.g. Interview entnommen.


Originalausgabe: Miller, Andrew. The Crossing. London: Sceptre, 2015.
Deutsche Ausgabe: Miller, Andrew. Nachts ist das Meer nur ein Geräusch. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Wien/München: Paul Zsolnay Verlag/Hanser Literaturverlage, 2017.
Buchcover: www.hanser-literaturverlage.de

1Interview von Kira Cochrane, The Guardian, 25.01.2012:
https://www.theguardian.com/books/2012/jan/25/andrew-miller-interview