Martyrium eines Freigeistes

Nell Leyshon: Die Farbe von Milch

Selten hat mich ein Roman in jüngster Zeit so berührt wie Nell Leyshons stilles Meisterwerk Die Farbe von Milch. Dies liegt nicht nur an der ganz besonderen Story, die in den Jahren 1830-31 spielt, sondern vor allem an der singulären Protagonistin Mary, eine junge Bauernmagd, deren tragisches Schicksal aus ihrer Perspektive auf ungewöhnliche Weise erzählt wird. Mit viel Einfühlungsvermögen, Empathie und Imagination lässt uns die Autorin an der Gedankenwelt der 15-jährigen teilhaben, die die dramatischen Begebenheiten ihres jungen Lebens in ihren eigenen Worten schildert. Wie sie gleich zu Anfang mitteilt, ist es ihr wichtigstes Anliegen, das, was ihr widerfahren ist, aufzuschreiben. Dies fällt ihr unsagbar schwer, denn sie kann noch nicht lange lesen und schreiben, da sie nie eine Schule besucht hat. Und so finden wir eine Geschichte vor, die – bis auf Punkte und Fragezeichen am Ende jeden Satzes – keinerlei Interpunktion beinhaltet und eine ungeschliffene Sprache aufweist. Und doch ziehen uns Marys Aufzeichnungen beinahe sogartig ins Geschehen, um uns dann bis zum Ende nicht mehr loszulassen.

Ein karges Leben

Die 14-jährige Mary lebt mit ihren Eltern, ihren drei Schwestern Violet, Beatrice und Hope sowie ihrem schwerkranken Großvater auf einem Bauernhof. Ihr Leben ist geprägt von schwerer Arbeit und bitterer Armut. Sie leidet sehr unter ihrem tyrannischen Vater, der sie, ihre Mutter und ihre Schwestern wie Sklaven behandelt und auch vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckt, um seine Position als despotischer Patriarch zu behaupten. Seine Töchter zur Schule zu schicken, fiele ihm nicht im Traum ein, zumal das Geld knapp ist und er so auf drei seiner wichtigsten Arbeitskräfte verzichten müsste, die er nach seinem Ermessen schikanieren kann. Insbesondere Mary bekommt seinen Zorn und seine Schläge des Öfteren zu spüren, denn sie ist durch ihr verkrüppeltes Bein körperlich eingeschränkt und kann nicht so hart arbeiten, wie er es gerne hätte. Zum anderen ist sie ein Freigeist, der die Natur liebt, gerne träumt und das Herz auf der Zunge trägt – ganz im Gegensatz zu ihren Schwestern, die sich stillschweigend fügen. Marys einzige Bezugsperson und ihr Seelenverwandter ist ihr kranker Großvater, den sie sehr liebt und den sie oft heimlich mit zusätzlichem Essen versorgt.

Ein neues Zuhause

Trotz all ihrer Entbehrungen ist Mary auf ihre Art glücklich und genießt ihre Momente der Stille und Harmonie in der Natur. Und so ist sie denn auch gar nicht begeistert, als ihr ihr Vater nach ihrem 15. Geburtstag verkündet, dass sie nicht mehr zuhause wohnen, sondern unter einem Dach mit Dorfpfarrer Graham und seiner Frau leben soll, die sehr krank ist und Hilfe benötigt. Am schlimmsten trifft Mary die Trennung von ihrem Großvater, doch ihre neue Aufgabe bringt sie schnell auf andere Gedanken. Während sie auf dem Bauernhof stets rund um die Uhr arbeitete, hat sie hier alle Zeit der Welt, denn die Pflege der Pfarrersfrau ist nicht sehr aufwendig. Mary weiß anfänglich nichts mit ihrer ungewohnten Freizeit anzufangen, aber nach und nach genießt sie ihre Gespräche mit der feinfühligen Pfarrersgattin, die sie nicht von oben herab behandelt, sondern wie eine Vertraute. Und auch die zumeist ans Bett gefesselte Schwerkranke blüht auf durch Mary Lebendigkeit und ihre Alltagsgeschichten vom Bauernhof, die sie frank und frei von der Seele (und mit mancherlei Kraftausdrücken) erzählt, und gewinnt neuen Lebensmut. Als der Pfarrer Mary dann auch noch erlaubt, ab und an ihre Familie zu besuchen, ist ihr Glück perfekt, denn ihren Großvater vermisst sie sehr und kann es nie erwarten, ihn wiederzusehen.

Ein dramatischer Leidensweg

Als die Pfarrersfrau plötzlich stirbt, ist Mary am Boden zerstört. Der Pfarrer bittet sie jedoch zu bleiben und verspricht, ihr nach der Arbeit Lesen und Schreiben beizubringen. Mary ist zögerlich, hat aber keine Wahl, denn sie selbst darf keine Entscheidungen treffen. Dies obliegt ihrem querulantischen Vater, der natürlich sofort einverstanden ist, denn er geifert nach jedem Cent, um sich und seine Familie durchzubringen. Und so beginnt für Mary nach kurzer Zeit ein unsagbares Martyrium, das sie – rückblickend – kaum in Worte fassen kann. Dass sie es dennoch mit den ihr gegebenen limitierten sprachlichen  Mitteln versucht, ist einzig und allein der Tatsache geschuldet, dass sie allen mitteilen möchte, wie sich die Tragödie, in die ihr junges Leben mündete, anbahnte und wie sie schließlich nur einen Ausweg sah, um sich zu befreien. Für diese Freiheit und Selbstbestimmung ist Mary bereit, den höchsten Preis zu zahlen, auch wenn er ihr das Kostbarste nimmt…

Ein tiefgründiger Roman über eine unbeugsame Libertine

Mit Die Farbe von Milch ist Nell Leyshon ein tiefgründiger Roman über eine mutige, unbeugsame Libertine in einer patriarchalisch geprägten Welt gelungen, der unter die Haut geht. Das Martyrium ihrer jungen Protagonistin Mary, die trotz aller äußeren Restriktionen, die ihre Standeslosigkeit und ihre Rolle als Frau in der damaligen Zeit mit sich bringen, innerlich frei ist und bis zum Ende bleibt, erzählt sie mit viel Feingefühl, Wärme und menschlicher Anteilnahme. Sehr gekonnt versetzt sich die Autorin in die Haut der freiheitsliebenden Analphabetin, die nicht nur aufgrund ihres verkrüppelten Beins in ihrem rohen Lebensumfeld als andersartig gilt.

Für ihren gesellschaftlichen Schlüssel zur Welt, das Lesen und Schreiben, wird von ihr das größte Opfer verlangt – eines, das sie nicht bereit ist zu geben, aber zu dem sie mit absoluter Rücksichtslosigkeit gezwungen wird. Doch Mary erkennt schnell, wie viel Macht das geschriebene Wort hat und nutzt dies in einem allerletzten Akt der Verzweiflung, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen, auch wenn sie ahnt, dass ihre Stimme ungehört bleibt. Die Gewissheit, die Freiheit für sich selbstbestimmt gewählt zu haben, erfüllt sie mit einem inneren Frieden, der ihr hilft, ihr Schicksal zu akzeptieren – so unbarmherzig es auch sein mag.

Mein Fazit: Ein großartiger, sehr bewegender Roman in einer schlichten, klaren und poetischen Sprache mit einer einzigartigen Protagonistin, die man nicht so schnell vergisst. Sehr lesenswert!

Nell Leyshon: Preisgekrönte Schriftstellerin und Theaterautorin

© Scott Lavene

Nell Leyshon wurde in Somerset/England geboren und wuchs in Glastonbury und Somerset Levels auf. Sie besuchte zunächst ein Kunst-College, bevor sie nach London zog und dort als Produzentin von TV-Werbespots arbeitete. Nach einem einjährigen Aufenthalt in Spanien begann sie ein Studium an der Universität von Southampton.

Der Schriftstellerei widmete sich Leyshon erst 1995. Gleich ihr erster Roman Black Dirt, der 2004 erschien, wurde ein voller Erfolg und schaffte den Sprung auf die Long List des renommierten Orange Prize und auf die Short List des angesehenen Commonwealth Prize. Darüber hinaus verfasst Leyshon Hörspiele. Ihr erstes Stück Milk erhielt den Richard Imision Award als bestes Debüt-Radio-Hörspiel.

2008 erschien ihr zweiter Roman Devotion, 2012 ihr hier vorgestelltes Werk The Colour of Milk, das ein durchschlagender literarischer Erfolg wurde und mit dem namhaften Prix de l’Union Intéralliée in Frankreich ausgezeichnet wurde. In Spanien wählte man die brillante Erzählung sogar zum Libro del Ano (Buch des Jahres). 2015 erschien ihr nächster Roman Memoirs of a Dipper, der leider noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde.

Parallel hierzu ist Leyshon auch als Theaterautorin sehr erfolgreich. Ihr Stück Comfort me with Apples gewann den Evening Standard Theatre Award und wurde für den Laurence Olivier Award nominiert, eine ganz besondere Ehre für die außergewöhnliche Dramatikerin. Sie adaptierte darüber hinaus sehr gelungen Daphne du Mauriers Don’t look now und erreichte mit ihrem Drama Bedlam schließlich etwas, was vor ihr noch keiner Frau gelungen ist: Ihr Stück wurde in Shakespeare’s Globe in London aufgeführt, in dem man bis dato ausschließlich Theaterstücke von männlichen Dramatikern inszenierte.

Neben der Schriftstellerei ist Nell Leyshon sozial sehr engagiert und unterstützt Organisationen, die sich um Obdachlose und Randgruppen kümmern.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website www.nellleyshon.com, der ich neben den Verlagsinformationen und der englischen Wikipedia-Seite ihre o.g. biografischen Details entnommen habe.


Originalausgabe: Leyshon, Nell. The Colour of Milk. London: Fig Tree/Penguin Books Ltd., 2013.
Deutsche Ausgabe: Leyshon, Nell. Die Farbe von Milch. Aus dem Englischen von Wibke Kuhn. München: Julia Eisele Verlags GmbH, 2017.
Buchcover: eisele-verlag.de

Mein herzlicher Dank gilt der Julia Eisele Verlags GmbH bzw. dem Literatur- und Pressebüro Politycki & Partner, die mir das Buchcover und das Autorenfoto (© Scott Lavene) zur Verfügung gestellt haben.

The Sky Is The Limit:
Absturz eines Wall Street Jongleurs

Robert Goolrick: Wenn Prinzen fallen

Die 80er Jahre – das wohl exaltierteste und schillerndste Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts. Neben eigensinniger Mode und innovativen Musiktrends war die Ära auch und vor allem geprägt durch Extravaganz, Luxus und Dekadenz. Letztere Attribute spiegelten sich insbesondere in den schwindelerregenden Spekulationen und riskanten Geldgeschäften wider, die eine Vielzahl von ambitionierten, großspurigen Wall Street Playern jeden Tag abwickelten, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Only the sky is the limit war das Motto der selbstgefälligen Prinzen von Manhattan, in deren Wortschatz Ethik und Moral nicht vorkamen. Sie flogen hoch und fielen tief – ein Absturz, den einige nicht überlebten – zu groß war die Demütigung, zu vernichtend der Gesichtsverlust und die Vorstellung, ein Verlierer zu sein.

Retrospektive eines Geläuterten

Hier setzt Robert Goolricks neuester Roman Wenn Prinzen fallen an: Sein Protagonist Rooney, 36, ist auf dem existentiellen Tiefpunkt angelangt. Nach einem exzessiven Leben als erfolgreicher Wall Street Trader und zügelloser Playboy arbeitet er nun als Verkäufer bei der Buchhandelskette Barnes & Noble. Geläutert und wehmütig blickt er auf seinen glanzvollen Aufstieg und seine einzigartige Karriere zurück, die grenzenlos schien und doch ein so abruptes, ruhmloses Ende fand. Dabei geht Rooney hart mit sich und seiner hochmütigen Who-Cares-Attitüde ins Gericht: Er verschönt nichts, aber bereut vieles, das nicht mehr rückgängig zu machen ist. Jetzt steht er vor den Scherben seines narzisstischen Höhenflugs – dabei war der Beginn einst so verheißungsvoll…

Kometenhafter Aufstieg

Nachdem der junge Rooney desillusioniert feststellt, dass er nicht zum Bohemian taugt und weder als Maler noch als Schriftsteller noch als Schauspieler besonders talentiert ist, beschließt er widerwillig, Wirtschaftswissenschaften zu studieren und damit dem Wunsch seines Vaters zu entsprechen. Es gelingt ihm schließlich, einen Job als Junior Trader bei einer Top Wall-Street-Firma zu erhalten – und dafür muss er sich noch nicht mal besonders anstrengen: Sein tougher, unkonventioneller Chef hält nichts von Bewerbungsgesprächen und noch weniger von Zeugnissen. Wenn Rooney es allerdings schafft, ihn beim Pokern zu besiegen, hat er den Job. Und ihm gelingt das Unmögliche: Innerhalb kürzester Zeit wird er eines der vielversprechendsten Trader-Talente. Obwohl ihm der Job keinerlei Spaß macht und sein arbeitsintensiver Alltag ihm alles abverlangt, liebt er den Nervenkitzel und das Jonglieren mit Unsummen, das seine reichen Mandanten noch reicher macht.

Bis zum Exzess: Leben auf der Überholspur

Doch damit kann Rooney leben, denn seine Boni sind exorbitant ebenso wie sein Lebensstil, dessen Dekadenz dem Wall Street Zeitgeist entspricht: Goldene Manschettenknöpfe mit Monogramm, maßgeschneiderte Edelanzüge und ein Haarschnitt, der so teuer ist wie eine Monatsmiete – all diese Dinge werden für ihn zur Normalität und lassen ihn in seiner unermesslichen Arroganz und Selbstverliebtheit die Nase über die langweiligen Normalo-Spießer rümpfen, die in seinen Augen keine Ahnung haben, wie man das Leben genießt. Wie gut, dass er sich wohltuend von diesen Losern unterscheidet: Jede Nacht feiern er und seine Kollegen mit den schönsten Frauen in den angesagtesten Clubs und werfen mit Geld nur so um sich – das Beste ist für die Auserwählten gerade gut genug. Auch Drogen zur Entspannung dürfen da natürlich nicht fehlen – eine Koksline nach der anderen gepaart mit Unmassen von Alkohol helfen, den Stress abzubauen und dem tagtäglichen Druck standzuhalten.

Niedergang und Neubeginn

Doch das Leben auf der Überholspur fordert schließlich seinen Tribut: Rooneys durchzechte Nächte und sein steigender Drogenkonsum wirken sich negativ auf seine Arbeit aus, er wird zunehmend aggressiv und unberechenbar. Und so kommt es, wie es kommen muss: Er gerät ins Straucheln und begeht schließlich einen fatalen Faux Pas bei einem wichtigen Mandanten, der ihn den Job kostet. Doch damit nicht genug: Sein ihm ehemals wohlgesonnener Chef sorgt dafür, dass er als Trader kein Bein mehr auf die Erde bekommt. Auch sein Privatleben geht den Bach runter: Sein große Liebe Carmelia reicht die Scheidung ein und nimmt ihm alles, was er besitzt. Aber Rooney ist längst an einem Punkt angelangt, an dem ihm auch das nichts mehr ausmacht.

Als er denkt, dass ihn nichts mehr wirklich berühren kann, rückt eine bis dato unbekannte Krankheit in den Fokus der Öffentlichkeit: AIDS. Auch in seinem nahen Umfeld erkranken und sterben viele Freunde und Bekannte. Rooney ist schockiert und kann nicht fassen, dass sein Leben von heute auf morgen zerfällt. Als er nach langer Suche endlich einen Job bei Barnes & Noble erhält, scheint ein wenig Ruhe einzukehren, doch kann er seine alte Luxus-Existenz so einfach hinter sich lassen?

Eine eindrucksvolle Zeitreise ins dekadente Wall Street Business der 80er Jahre

Mit seinem neuesten Werk Wenn Prinzen fallen ist Robert Goolrick ein einzigartiger Roman über das Schicksal eines erfolgsverwöhnten Traders im Manhattan der glorreichen 80er Jahre gelungen. Mittels Rooneys Lebensgeschichte, die im Ablauf einem griechischen Drama gleicht – Aufstieg, Hybris, Absturz und Katharsis – versetzt uns der Autor zurück in eine Ära, die zwar von Überfluss und viel Glanz und Glitter geprägt, deren Untergang aber bereits vorprogrammiert war. Der wehmütige Rückblick des geläuterten Protagonisten ist nicht ohne Scham und Reue, die jedoch für die Menschen, die er benutzt und weggeworfen hat, viel zu spät kommt. Gerne würde er um Verzeihung bitten, doch kaum jemand möchte noch etwas mit ihm zu tun haben. So bleibt ihm nur die Einsamkeit und die Erinnerung an bessere Zeiten. Selbstmitleid wäre hier allerdings fehl am Platz – das ist Rooney nur allzu bewusst.

Von seinem Prinzenleben ist ihm lediglich immens teure Bettwäsche geblieben, die er als Andenken an seine Glanzzeiten aufbewahrt. Auch seinen exklusiven Kleidungsstil hat er beibehalten, was ihn zu einem Paradiesvogel bei Barnes & Noble macht. Doch sein altes Leben lässt sich eben nicht wie eine zweite Haut abstreifen, was auch er letzten Endes schmerzlich erkennen muss. Es gibt kein Zurück, aber einen Neubeginn, der – so gewöhnungsbedürftig er auch immer sein mag – ganz banal impliziert, dass das Leben auch nach einem Höllensturz weitergeht.

Mein Fazit: Ein brillanter Roman und Must Read – überaus lesenswert!

Robert Goolrick: Grandioser Schriftsteller in der Erzähltradition der Südstaaten

© Juliet Wiebe

Robert Goolrick wurde in einer kleinen Universitätsstadt im US-Bundesstaat Virginia geboren. Er besuchte die John Hopkins Universität in Baltimore und ging nach seinem Abschluss einige Jahre nach Europa, um dort als Schauspieler bzw. Maler Karriere zu machen. Da er in beiden Metiers nicht erfolgreich war, kehrte er in die USA zurück und schrieb sein erstes Buch, eine Autobiografie mit dem Titel The End of the World As We Know It (Das Ende der Welt, wie wir sie kennen). Seine Eltern enterbten ihn nach Erscheinen des Buchs, denn Goolrick berichtet hierin schonungslos offen über seine traumatische Kindheit und seine daraus resultierende Alkoholsucht.

Goolrick bekam sein Leben aber wieder in den Griff und arbeitete erfolgreich in der Werbebranche. Als er dann aufgrund seines Alters – Anfang 50 –  gefeuert wurde, besann er sich wieder auf seine schriftstellerischen Wurzeln und schrieb den Roman A Reliable Wife (Eine verlässliche Frau), der zum New York Times Bestseller wurde und ihm den Durchbruch als Autor bescherte. Auch sein darauf folgendes Buch, Heading Out to Wonderful (Ein wildes Herz), wurde von Kritikern und Lesern begeistert angenommen.

Sein viertes Werk, das hier vorgestellte The Fall of Princes (Wenn Prinzen fallen), schaffte ebenfalls den Sprung auf die Bestsellerlisten und etabliert Goolrick verdientermaßen als einen der herausragendsten amerikanischen Schriftsteller unserer Zeit.

Robert Goolrick lebt und arbeitet in Virginia.

Weitere Informationen und die aktuellsten News über den Autor findet ihr auf seiner Facebook-Seite https://www.facebook.com/Robert-Goolrick-197443205141/.


Originalausgabe: Goolrick, Robert. The Fall of Princes. Chapel Hill/North Carolina: Algonquin Books of Chapel Hill/Workman Publishing, 2015.
Deutsche Ausgabe: Goolrick, Robert. Wenn Prinzen fallen. Aus dem Englischen von Judith Schwaab. btb Verlag/Randomhouse, 2017.
Buchcoverwww.randomhouse.de

Autorenfoto: © Juliet Wiebe – Mein herzlicher Dank gilt der Verlagsgruppe Random House, die mir dieses Foto zur Verfügung gestellt hat.

Fast wie im Märchen

Amélie Nothomb: Töte mich

Es ist kaum zu glauben, aber der neue Roman von Amélie Nothomb Töte mich ist tatsächlich erst das zweite Buch, das ich von der renommierten belgischen Schriftstellerin gelesen habe. Es wird jedoch ganz bestimmt nicht das letzte sein, denn ihre Geschichten sind wirklich außergewöhnlich, und ihr Schreibstil hat eine ganz besondere Sogwirkung. Hinzu kommen ihr feiner Sinn für Ironie, eine wohl dosierte Portion Humor, aber auch ein spezielles Penchant für Tragik. Ihre ausgefeilten Dialoge, die für mich das Herzstück ihrer Werke darstellen, sind schlicht brillant. Dies alles trifft auch wieder auf ihre neueste Story zu, unter deren Titel ich mir etwas völlig anderes vorgestellt hatte. Ich erwartete ein Psychodrama, war aber bei Lektüre mehr als erstaunt, als ich eine fast märchenhaft anmutende Erzählung vorfand. Die Betonung liegt jedoch hier auf fast, denn Nothomb versteht es meisterhaft, ihre Leser in jeder Hinsicht zu überraschen.

Der glücklichste Mensch auf Erden?

Graf Henri Neville könnte eigentlich der glücklichste Mensch auf Erden sein. Er führt eine wunderbare Ehe mit seiner schönen Frau Alexandra und hat ebenso schöne und talentierte Kinder, Oreste und Électre, die er – zu mancherlei Verwunderung – nach den Protagonisten klassischer griechischer Dramen benannt hat. Er lebt mit seiner Familie in einem Schloss in den Ardennen und zählt zu den besten Gastgebern seines Standes. Jedes seiner Feste ist ein Ereignis, eine Einladung von ihm gleicht einem Ritterschlag für die Haute Volée. Doch sein Lebensmärchen bröckelt: Sein Schloss, das er in der Familientradition von seinem Vater erbte, ist baufällig und steht zum Verkauf, da Nevilles zusammengeschrumpftes Vermögen für eine Komplettrenovierung nicht ausreicht. Ihm ist bewusst, dass er nie ein abgezockter Geschäftsmann werden wird und sich somit auch seine stetigen Geldsorgen nicht in Luft auflösen, aber er kann nun mal nicht über seinen Schatten springen. Dies alles könnte Neville noch verkraften, wäre da nicht sein drittes Kind, Tochter Sérieuse (schon ihr Name fällt aus dem Tragödienrahmen), die ihm große Sorgen bereitet. Sie kapselt sich von der Familie ab, redet kaum und hängt dunklen Gedanken nach.

Eine düstere Prophezeiung

Als Sérieuse eines Tages von zuhause ausreißt und von der Wahrsagerin Madame Portenduère halb erfroren im Wald aufgefunden wird, ist Neville alarmiert. Zu seinem Verdruss liest ihm die resolute Seherin auch noch die Leviten: Seine Tochter brauche mehr Zuwendung, er müsse des Öfteren auch mal das Gespräch mit ihr suchen. Der Graf schmettert die Vorwürfe verärgert ab, denn für ihn ist klar, dass seine Tochter in der vollen Blüte der Pubertät steht und ein solches Verhalten nicht unüblich ist. Doch ein schlechtes Gewissen hat er trotzdem, was ihn nur noch wütender macht. Aber es kommt noch schlimmer: Die Wahrsagerin prophezeit ihm, dass er auf seinem opulenten Gartenfest, das demnächst wieder anstehende Highlight des Adelsstandes, einen Gast töten wird.

Das Dilemma des Grafen

Obwohl Neville eigentlich nicht abergläubisch ist, kann er an nichts anderes mehr denken. Er, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann, weiß nicht mehr ein noch aus, doch schließlich überwiegt seine pragmatische Seite: Wenn es schon so kommen muss, wie es prophezeit wurde, dann will er wenigstens den Richtigen „aus dem Verkehr ziehen“. Doch wer könnte das sein? Er sucht händeringend nach einer Person, dessen Tod für alle ein Segen wäre, bis ihm seine Tochter Sérieuse mit einem abstrusen Vorschlag zuvorkommt: Er soll sie töten, weil sie keinen Sinn mehr im Leben sieht und unfähig ist, etwas zu fühlen. Der Graf traut seinen Ohren nicht und tut diese in seinen Augen völlig absurde Offerte seiner Tochter als pubertäre Dramatik ab. Während seine Tochter nicht locker lässt, läuft ihm die Zeit davon, denn das Gartenfest, zu dem die Crème de la Crème eingeladen ist, rückt immer näher. Verzweifelt versucht Neville, einen Ausweg aus seinem tragischen Dilemma zu finden, das unweigerlich jemanden das Leben kosten wird…

Ein brillanter Roman mit Esprit, Humor und einer Prise Tragik

Mit Töte mich ist Amélie Nothomb ein unterhaltsamer, geistreicher Roman gelungen, der vor allem durch seine spitzfindigen Dialoge begeistert. Wohl dosierte Ironie gepaart mit teilweise bissigem Humor stehen in keinem Gegensatz zur tragischen Komponente, die die Autorin ihrer einzigartigen Geschichte hinzufügt. Schnell lässt Nothomb ihre Leser die anheimelnde Märchenfassade als zu schön um wahr zu sein entlarven. Gleiches gilt für ihre Figuren: Der gute Graf Neville hat zwar unser volles Mitgefühl, wirkt aber ebenso wie seine attraktive Frau und seine beiden Bilderbuchkinder seltsam blutleer. Einzig Serieuse, die stets ein wenig bizarr daherkommt, erweckt Interesse. Schließlich ist sie es ja auch, die ihren Vater durch ihr rebellisches Verhalten in eine ausweglose, unweigerlich tragische Situation bugsiert, ihn aber gleichzeitig auch aus seiner Adelslethargie reißt. Und der Ausweg, den ihr Vater schließlich aus diesem Labyrinth findet, überrascht niemanden mehr als Sérieuse…

Mein Fazit: Ein – leider viel zu kurzes – Romanjuwel voller Esprit und ein Lesegenuss sondergleichen. Unbedingt lesenswert!

Amélie Nothomb: Belgische Bestseller-Autorin mit einem Faible für Champagner und Pralinen

Amélie Nothomb (alias Baronin Fabienne Claire Nothomb) wird 1967 in Kobe/Japan als Tochter eines belgischen Diplomaten geboren. Ihre Kindheit und Jugend machen aus ihr die Weltbürgerin, die sie heute ist: Sie wächst in Fernost auf und zieht im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie nach New York, wo sie zum ersten Mal eine Großstadt in all ihrer Opulenz und mit all ihren Entertainments erlebt. Das krasse Gegenteil erwartet sie drei Jahre später, als sie mit ihren Eltern nach Bangladesch übersiedelt. Der dortige allgegenwärtige Hunger schlägt auf ihre Psyche: Sie erkrankt an Magersucht, die sie jedoch u.a. dank ihrer Liebe zur Literatur nach vielen Jahren schließlich besiegen kann. In ihrem 2004 veröffentlichten Buch Biografie des Hungers erzählt die Autorin von ihrer schwierigen Jugend als Diplomatentochter, von ihrem Problem der Wurzellosigkeit und von ihrem ganz persönlichen Kampf gegen die tückische Krankheit.

Nothomb beginnt wie besessen zu schreiben und gleich ihr erster Roman Die Reinheit des Mörders, der 1992 erscheint, wird zu einem Überraschungserfolg und Bestseller. Fortan lässt sie die Schriftstellerei nicht mehr los – ein Roman folgt auf den nächsten, und jeder wird ein literarisches Highlight. Für ihren 1999 erschienen Roman Stupeur et tremblements wird ihr eine ganz besondere Ehre zuteil: Sie erhält den Grand Prix du Roman der Académie Française. 2007 folgt die nächste Auszeichnung:  Man verleiht ihr den renommierten Prix de Flore für ihr Buch Ni d’Ève, ni d’Adam. Nur ein Jahr später würdigt man ihr Gesamtwerk, das mittlerweile ein beträchtliches Ausmaß angenommen hat, mit dem Grand Prix Jean Giono. 2015 wird sie vom belgischen König Philippe in den Adelsstand erhoben und darf von nun an den Titel Baronin tragen.

Die Schriftstellerin mit dem exzentrisch-exquisiten Modegeschmack, die abwechselnd in Paris und Brüssel lebt und arbeitet, ist mittlerweile zum Liebling der Literaturszene avanciert, ihre Fangemeinde wächst unaufhörlich. Laut Presse ist die Autorin, die aus ihrem Faible für Champagner und Pralinen keinen Hehl macht, stets von einem Hauch des Mysteriösen umgeben. Dies hält Nothomb allerdings für absoluten Humbug, wie sie Franziska Wolffheim von der Zeitschrift Brigitte Woman jüngst in einem Interview verriet. Mysteriös hin oder her, es interessiere sie nicht, wie man sie wahrnehme, wichtig sei ihr vor allem, sich selbst zu verstehen.1 Ob ihr dies nach ihren zahlreichen Romanen gelungen ist? Man wünscht es der sympathischen Autorin von ganzem Herzen!

Weitere Informationen über Amélie Nothomb findet ihr auf ihrer Website, www.amelie-nothomb.com, der ich auch ihre biografischen Angaben entnommen habe.


Originalausgabe: Nothomb, Amélie. Le crime du comte Neville. Paris: Éditions Albin Michel, 2015.
Deutsche Ausgabe: Nothomb, Amélie. Töte mich. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Zürich: Diogenes Verlag AG, 2017.

1Quelle: Interview mit Franziska Wolffheim in Brigitte Woman: Amélie Nothomb: Hunger auf das Lebenhttps://www.brigitte.de/woman/kultur/buecher/am%C3%A9lie-nothomb–hunger-auf-das-leben-10132190.html, 2017.

Mein herzlicher Dank gilt der Diogenes Verlag AG, www.diogenes.ch, die mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Was wäre, wenn…

Antoine Laurain: Die Melodie meines Lebens

Ich kann es nie erwarten, den neuesten Roman von Antoine Laurain in Händen zu halten, denn seine ungewöhnlichen, betörenden Geschichten, die er mit viel Charme, angenehmer Leichtigkeit, feinem Humor und französischem Flair erzählt, nehmen sofort gefangen und bezaubern durch Poesie, Originalität und Sinnlichkeit. Sein literarischer roter Faden – ein Objekt verändert das Leben eines in Alltagsmonotonie erstarrten Menschen auf wundersame Weise – gibt seinen Stories stets einen wohltuenden Hauch von modernen Märchen. Auch sein aktuelles Werk Die Melodie meines Lebens sollte laut Klappentext wieder in dieses Schema passen, doch dem ist – zu meiner großen Überraschung  – nicht so. Es unterscheidet sich deutlich von seinen Vorgängern, denn es enthält weder mirakulöse Verwandlungen noch romantische Verwicklungen. Alles in allem also völlig untypisch für Laurain, wäre da nicht die so vertraute Nostalgie, die ihre ganz eigene Magie innehat und mit der der Autor seinen originellen Geschichten stets eine ganz besondere Note verleiht.

Ein Brief mit deutlicher Verspätung

Alain Massoulier, ein Arzt in den Mittfünfzigern, fällt aus allen Wolken, als man ihm mit 33 Jahren Verspätung einen Brief aus dem Jahre 1983 zustellt, der bei einem Postumbau verloren gegangen war: Absender ist die Plattenfirma Polydor, die seiner ehemaligen New Wave-Band Hologrammes einen Plattenvertrag in Aussicht stellt. Alain kann es nicht fassen: Einerseits ist er glücklich, weil dieses Schreiben beweist, was er schon immer wusste: Der neuartige Sound seiner Band hatte wirklich Zukunftspotential. Andererseits trauert er dieser großen verpassten Chance hinterher, die u.a. auch dazu führte, dass er in die professionellen Fußstapfen seines Vaters trat, Mediziner wurde und nunmehr in seinen Augen ein recht monotones, spießiges Leben führt.

Auf der Suche nach den Hologrammes

Sehr zum Unverständnis seiner Frau Véronique macht sich Alain völlig aufgekratzt auf die Suche nach den einstigen Bandmitgliedern und wird im Internet schnell fündig: Beim damaligen Bassisten Sébastien Vaugan muss er nicht lange suchen: Der 53-Jährige ist Anführer der rechtsextremen Gruppe Weiße Macht des Abendlandes und macht des Öfteren mit Negativschlagzeilen von sich reden. Schlagzeuger Stanislas „Stan“ Lepelle ist zum Darling der zeitgenössischen Kunstszene avanciert: Mit seinen preisgekrönten Skulpturen und Installationen hat er Weltrenommee erlangt und kann sich vor Anfragen kaum retten. Auch über den ehemaligen Pianisten der Band, Frédéric Lepelle, findet Alain nach längerer Recherche heraus, dass er Frankreich den Rücken gekehrt und ein Hotel in Thailand eröffnet hat. Nur Bérangère Leroy, die Sängerin mit der sinnlich-melodiösen Stimme, in die er heimlich verliebt war, scheint zu seiner Verwunderung in der Versenkung verschwunden zu sein, was ihn ganz besonders betrübt.

Zu guter Letzt sucht Alain noch nach dem Texter der Band, Pierre Mazart, der seinen Lebensunterhalt als Antiquitätenhändler bestreitet, und nach dessen Bruder, Jean-Bernard Mazart (JBM), Business Wunderkind, der schon mit 23 Jahren ein bemerkenswert erfolgreicher Geschäftsmann war und die ersten Aufnahmen der Band in einem Tonstudio finanzierte. Im Gegensatz zu seinem Bruder Pierre hat JBM es weit gebracht: Der Überflieger mit einem Gespür für Wirtschaftstrends ist inzwischen Multimillionär, sein kometenhafter Aufstieg und seine einzigartige Erfolgsstory haben ihn zum medial allgegenwärtigen Superstar gemacht, den man nach einem beeindruckenden Auftritt in einer Polit-Talkshow als idealen neuen Präsidenten Frankreichs hypt.

Wiedersehen mit den Jungs von damals

Alain kontaktiert alle ehemaligen, auffindbaren Bandkollegen, um sie über den o.g. Brief zu informieren. Seine erneuten Begegnungen mit den Jungs von damals sind traurig, überraschend, aber auch schockierend. Während das Schreiben ihn gedanklich wieder in seine heißgeliebten 80er Jahre katapultiert, in der die Welt für ihn noch aufregend und voller Verheißungen war, lässt ihn die Gegenwart desillusioniert zurück. Er flüchtet sich in Tagträume, wie sein Leben wohl heute aussähe, wenn ihm mit den Hologrammes der Durchbruch gelungen wäre. Doch seine Luftschlösser sind nicht von Bestand, die Realität holt ihn schneller ein als ihm lieb ist. Und noch bevor er sich weiteren Illusionen hingeben kann, erfährt er etwas, was ihn ein weiteres Mal den Boden unter den Füßen verlieren lässt…

Nostalgie vs. Gegenwart

Antoine Laurains Die Melodie meines Lebens ist nicht nur eine wunderbar nostalgische Zeitreise in die kultigen, kapriziösen 80er Jahre mit all ihren Exzentrizitäten, Idolen und Eigentümlichkeiten, sondern auch ein absolut schonungsloses Porträt unserer heutigen digitalisierten Welt, das treffender nicht sein könnte. Laurain erzählt diese nachdenklich stimmende, außergewöhnliche Geschichte ohne viel Pathos, mit gutem Humor und einer Prise Wehmut. Die einzelnen Kapitel, die abwechselnd über das Leben der o.g. Figuren berichten, sind erzähltechnisch völlig unterschiedlich strukturiert, fügen sich aber am Ende zu einem großen Ganzen zusammen, das in sich absolut stimmig ist.

Brillant konzipierte Lebenswelten

Besonders gelungen sind meines Erachtens die Geschichten von JBM und Sebastien Vaugan, die Laurain brillant konzipiert hat. Die gänzlich unterschiedlichen Lebenswelten des omnipräsenten Multimillionärs und des aufmerksamkeitsheischenden Rechtsradikalen hat der Autor en détail erfasst bzw. exakt aus dem Leben gegriffen. Einmal mehr beweist er somit, dass er nicht nur ein aufmerksamer Beobachter und Kenner der Condition Humaine ist, sondern auch ein feines Gespür für die Träume, Abgründe und Desillusionierung der Menschen besitzt. Doch Laurain wäre nicht Laurain, wenn er nicht trotz der oftmals ernüchternden Realität, die unsere Träume in den Hintergrund rückt, die Liebe als wichtigstes Lebenselixir aufblitzen ließe. Dies mag vielleicht banal klingen, wahr ist und bleibt es aber trotz alledem…

Mein Fazit: Ein kluger Roman und ein absoluter Lesegenuss – nicht nur für Kinder der 80er!!!

Antoine Laurain: Französischer Schriftsteller mit einem Faible für Antiquitäten

Der französische Schriftsteller Antoine Laurain wurde in den 70er Jahren in Paris geboren, wo er auch heute noch lebt. Er arbeitete zunächst als Drehbuchautor und im Antiquitätenhandel. Aus letzterer Tätigkeit resultiert auch sein Sinn für schöne Dinge. Sein erstes Buch, Ailleurs si j’y suis, der von mir bereits vorgestellte Roman, Das Bild aus meinem Traum, für den er 2007 den Prix Drouot erhielt, spielt denn auch in dieser sehr speziellen Welt eines Antiquitätensammlers.

Darauf folgten seine Romane Fume et tue (2008) und Carrefour des Nostalgies (2009), die jedoch beide noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Mit seinem vierten Roman, Der Hut des Präsidenten (Le Chapeau de Mitterand), der 2012 erschien und mit dem Prix Landerneau Découverte und dem Prix Relay des Voyageurs ausgezeichnet wurde, gelang Laurain der Durchbruch als Schriftsteller zunächst in Frankreich, England und den USA.

In Deutschland erlangte Laurain mit seinem fünften Roman Liebe mit zwei Unbekannten (La Femme au Carnet Rouge), der zu einem absoluten Überraschungserfolg avancierte, schlagartig Bekanntheit. Die wunderschöne, sehr poetische Liebesgeschichte um den Buchhändler Laurent und die Restauratorin Laure wurde ein internationaler Bestseller und in mehr als 14 Ländern begeistert gelesen. Somit übersetzte man sukzessive dann auch zwei seiner vorgenannten Romane – Le Chapeau de Mitterand und Ailleurs si j’y suis – ins Deutsche – dies sehr zur Freude von Laurains stetig wachsender deutscher Fangemeinde.

Laurains neuestes Buch soll noch in diesem Jahr in Frankreich erscheinen. Ich hoffe, dass der Atlantik-Verlag uns auch in den Genuss dieses Romans kommen lässt und ihn in deutscher Übersetzung publiziert.

Vielseitig interessierter Autor und Journalist

Laurains Interessensschwerpunkte sind Kunstgeschichte, Antiquitäten, Kino und natürlich Literatur. Zu seinen Lieblingsschriftstellern zählt Patrick Modiano, den Laurain sogar in seinen Roman Liebe mit zwei Unbekannten als eigene Figur sehr gekonnt mit eingebaut hat.

Laurain ist außerdem als Journalist für das Luxusmagazin Palace-Costes und das Satiremagazin L’Echo des Savanes tätig.

Weitere Informationen über Antoine Laurain findet ihr auf seinem Blog antoinelaurain.blogspot.com.


Originalausgabe: Laurain, Antoine. Rhapsodie française. Paris: Flammarion, 20167.
Deutsche Ausgabe: Laurain, Antoine. Die Melodie meines Lebens. Aus dem Französischen von Sina de Malafosse. Hamburg: Atlantik-Verlag/Hoffmann und Campe Verlag, 2017.
Buchcoverwww.atlantikverlag.de

Mein herzlicher Dank gilt dem Atlantik-Verlag/Hoffmann und Campe Verlag, der mir dieses Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.