Überlebenskunst

Slavenka Drakulić: Frida

Nachdem mich Slavenka Drakulićs Roman Dora und der Minotaurus, der im letzten Jahr erschienen ist, begeistert hat, habe ich mir ihre früheren Werke angeschaut und bin hier auf ein wahres Buchjuwel gestoßen. In Frida erzählt die kroatische Autorin die Lebens- und Leidensgeschichte der mexikanischen Malerin Frida Kahlo de Rivera auf eindrucksvolle und berührende Weise. Es ist ein steiniger, sehr beschwerlicher Weg, geprägt von großem Schmerz, aber auch von großer Liebe, auf dem wir die surrealistische Künstlerin bis zu ihrem viel zu frühen Ende begleiten. Gleich zu Beginn der aus Fridas Perspektive erzählten biografischen Rückblende naht das Ende. Nach einer Beinamputation ans Bett gefesselt und auf der Schwelle des Todes lässt die 47-jährige Protagonistin ihr Leben Revue passieren. Was sie erdulden musste, ist mehr als ein Mensch ertragen kann – und doch entspringt aus dem allgegenwärtigen Schmerz eine Kreativität, die ihresgleichen sucht und ihr Ausnahmetalent in einem von Männern dominierten Metier illuminiert.

Lieblingskind mit Überlebenswillen

Mit ihren vier Schwestern wächst Frida als Tochter eines Fotografen recht behütet auf. Sie ist das Lieblingskind ihres Vaters, denn sie hat scheinbar schon im Kindesalter seinen Schöpfergeist geerbt und begleitet ihn gerne auf seinen Fototouren. Doch dann schlägt das Schicksal zum ersten Mal mit aller Härte zu: Mit sechs Jahren erkrankt sie an Kinderlähmung, ein grausames Schicksal für die quirlige Frida, doch sie kämpft und überlebt – nicht zuletzt dank einer imaginären Freundin, die sie in ihren einsamen Stunden ihrer Fantasie entspringen lässt und die sie bis zu ihrer Genesung begleitet. Doch ihr Leben ist danach nicht mehr dasselbe: Ihr Bein wird extrem dünn und bleibt verkürzt, so dass sie ihr Leben lang hinken wird. Tapfer versucht sie, mit dem Spott der Kinder zurechtzukommen, die ihr Hinkebein hinterherrufen und sich bei jeder Gelegenheit über sie lustig machen.

Ein folgenschwerer Unfall

Aber Frida beißt sich durch und ihr Leben verläuft wieder in normalen Bahnen. Als einzige ihrer Schwestern besucht sie die weiterführende Schule – eine Tatsache, die ihren Vater sehr stolz macht. Ihre Mutter, eine Analphabetin, kann dies jedoch in keiner Weise nachvollziehen, denn in ihren Augen hat Bildung für Mädchen keinen Wert. Die 18-jährige Frida geht indes unbeirrt ihren Weg und genießt das unbeschwerte Zusammensein mit ihrem ersten Freund Alex, bis das Schicksal ein weiteres Mal zuschlägt: Bei einem tragischen Busunfall bohrt sich eine Metallstange durch ihren Körper und verursacht schwerste Verletzungen, die sie ein Jahr lang in einem Gipskorsett ans Bett fesseln. Frida ist am Boden zerstört, sie kann nicht fassen, dass es sie ein weiteres Mal getroffen hat.

Ein neuer Lebenssinn

Während ihr Vater in Depressionen verfällt, weil er sein Lieblingsmädchen nicht leiden sehen kann, versucht ihre Mutter, sie abzulenken. Sie schenkt ihr eine Sitzstaffelei, Pinsel und Farben, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Und es funktioniert: Frida beginnt zu malen und katalysiert ihre ständigen Schmerzen in ihre Schaffenskraft. Aus dem anfänglichen Hobby wird eine Leidenschaft, eine Obsession, die sie am Leben hält. Dass sie als Künstlerin ein einzigartiges Talent besitzt, erkennt auch der berühmte mexikanische Maler Diego de Rivera, den Frida auf einer Veranstaltung kennenlernt. Der 20 Jahre ältere Frauenheld und Bonvivant ist jedoch nicht nur von Fridas Werken begeistert, und so kommt es, wie es kommen muss: Die beiden beginnen eine Affäre, die schließlich in einer Ehe mündet. Frida liebt Diego und vertraut ihm bedingungslos – er ist der einzige, der mit ihren körperlichen Unzulänglichkeiten umgehen kann und vor dem sie sich nicht schämt.

Liebe und Desillusion

Doch schon bald nach ihrer Heirat muss sie zu ihrer großen Enttäuschung erkennen, dass er nicht für die Monogamie gemacht ist. Er betrügt sie nach Strich und Faden mit vielen schönen Frauen, die ihm Modell sitzen und prahlt auch noch damit. Frida macht ihm Szenen, doch am Ende verzeiht sie ihm doch immer wieder. Ihr immer geringer werdendes Selbstbewusstsein und ihr wahres gedemütigtes Ich versteckt sie hinter einer extravaganten Fassade aus exotischer Kleidung und auffallender Schminke. Ihre Malerei vernachlässigt sie gänzlich, ihr Talent redet sie sich selbst als unbedeutendes Hobby klein. Als ihr auch noch das Mutterglück versagt bleibt, zerfällt ihr Leben in Scherben. Doch aus Angst vor der Einsamkeit erträgt sie diese Ehe, die schon längst keine mehr ist und verbündet sich sogar mit Diegos Geliebten, um ihn nicht zu verlieren.

Kapitulation

Als Frida jedoch herausfindet, dass ihre Lieblingsschwester Cristina sie ebenfalls mit ihrem Mann hintergeht, hat sie endgültig genug – diesen Verrat kann und will sie nicht akzeptieren. Sie verlässt ihn, nimmt sich Liebhaber und beginnt zu trinken. Aber die Malerei rettet sie ein zweites Mal: Sie wagt einen erneuten Karriereanlauf und hat großen Erfolg, der ihr jedoch nicht viel bedeutet. Abermals führt sie ihr Weg zurück zu Diego, der scheinbar ebenso auf sie angewiesen ist wie sie auf ihn. Sie gibt sich mit einem oberflächlichen Traum von Liebe zufrieden, obwohl sie weiß, dass sie mehr verdient. Als ihr durch den Unfall bedingter körperlicher Verfall immer weiter voranschreitet, ist sie verzweifelt, doch aufgeben liegt nicht in ihrer Natur. Erst eine Beinamputation zwingt sie zur Kapitulation und zu dem, was ihr am meisten widerstrebt – loszulassen…

In Fridas Kopf: Brillanter Roman über das Leben einer Ausnahmekünstlerin

Mit Frida ist Slavenka Drakulić eine brillant erdachte Introspektion einer singulären Malerin gelungen, die unter die Haut geht. Gekonnt vermittelt uns die Autorin die Illusion, in Fridas Gedankenwelt einzutauchen und gewährt so einen aufschlussreichen Einblick in das Seelenleben der tormentierten Künstlerin, die schon zu Lebzeiten Legendenstatus hatte. In Fridas Lebensgeschichte hat Drakulić immer wieder Kurzbeschreibungen ihrer berühmtesten Bilder mit einfließen lassen, die sie in bestimmten Lebensphasen gemalt hat. Dies hat mir besonders gut gefallen, denn man erhält somit eine entschlüsselte Sichtweise auf ihre Werke, insbesondere auf ihre Selbstporträts.

Drakulićs exzellent recherchierter Roman, ihre ganz spezielle Mischung aus Facts & Fiction und ihr einzigartiger Schreibstil bringen uns auf sehr einfühlsame, ausdrucksvolle und beseelte Weise eine großartige Malerin näher, die ihrem Schmerz in ihrer Kunst Ausdruck verlieh und ihre Kreativität zum Katalysator stilisierte. Ihr unbändiger Überlebenswille, ihr selbst gewählter (Aus-)Weg, sich in all ihrer Unzulänglichkeit als exotisches Individuum neu zu erfinden, mag man als Flucht vor der Realität betrachten, aber es gehörte zweifellos unendlich viel Mut dazu, sich in ihrer Situation zu exponieren. Und an Courage hat es der bewundernswerten Malerin nie gefehlt – ein Motor, der sie – ebenso wie ihr künstlerischer Ausdruckswille –  antrieb und ihre Werke gleichsam zu Überlebenskunst machen.

Slavenka Drakulić: Kroatische Schriftstellerin und renommierte Journalistin

Slavenka Drakulić wurde 1949 in Rijeka/Kroatien geboren. Sie ist eine der berühmtesten Autorinnen ihres Landes und schreibt Romane, Sachbücher und Essays, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Auf Deutsch erschienen in der Rubrik Fiktion bisher u.a. Das Prinzip Sehnsucht, Marmorhaut, Das Liebesopfer, Als gäbe es mich nicht, Frida und Dora und der Minotaurus. Im Bereich Sachbücher und Essays sind u.a. die Werke Todsünden des Feminismus, Wie wir den Kommunismus überstanden – und dennoch lachten, Sterben in Kroatien. Vom Krieg mitten in Europa, Café Paradies oder die Sehnsucht nach Europa und Leben spenden. Was Menschen dazu bewegt, Gutes zu tun in deutscher Sprache erhältlich.

Für ihre Abhandlung Keiner war dabei – Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht wurde die Autorin 2005 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Darüber hinaus wurde sie 2010 auf der Internationalen Schriftsteller-Konferenz in Prag zu einer der einflussreichsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Europas ernannt.

Zudem ist Drakulić auch eine namhafte Journalistin. Sie ist Redakteurin bei The Nation (USA) und schreibt als freie Autorin für The New Republic, The New York Times Magazine und The New York Review of Books (USA) sowie für die Süddeutsche Zeitung, Internazionale (Italien), Dagens Nyheter (Schweden), The Guardian (UK), Eurozine und andere bekannte Zeitungen und Magazine.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website www.slavenkadrakulic.com, der ich auch ihre biografischen Informationen entnommen habe.


Deutsche Ausgabe: Drakulić, Slavenka. Frida. Aus dem Kroatischen von Katharina Wolf-Grießhaber. Wien/München: Paul Zsolnay Verlag/Hanser Literaturverlage, 2007..
Buchcover: www.hanser-literaturverlage.de

Späte Romanze

Karine Lambert: Und jetzt lass uns tanzen

Die Liebe trifft uns immer dann, wenn wir es am wenigsten erwarten. Zu banal? Gleichwohl absolut zutreffend auf Marguerite und Marcel, die Protagonisten des wunderbaren Romans von Karine Lambert Und jetzt lass uns tanzen, denn die beiden einsamen Seelen trifft Amors Pfeil aus heiterem Himmel – und das, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Die 78-jährige Marguerite Delorme, wohlhabende Notarswitwe, ist der Inbegriff der fügsamen Ehefrau und Mutter. Ihre arrangierte, lieb- und leidenschaftslose Ehe mit dem angesehenen Notar Henri, die nach 55 pflichtbewussten Jahren durch seinen plötzlichen Tod ein jähes Ende findet, ist nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Sie, die sich nie als Individuum wahrnahm und stets die Bedürfnisse und Interessen ihres Mannes und ihres Sohnes Frédéric über ihre eigenen stellte, weiß nun nichts mit sich anzufangen. Henri, der immer alle Entscheidungen traf und ihr Leben bis ins kleinste Detail durchplante, lebt nicht mehr und nun ist es an ihr, aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwachen. Doch das ist gar nicht so einfach, denn ihre Einsamkeit macht ihr schwer zu schaffen – einzig ihr aufgeweckter Enkel Ludovic vermag es, etwas Licht in ihren grauen Alltag zu bringen.

Plötzlich Witwe

Sohn Frédéric, der an Spießigkeit und Borniertheit selbst seinen verstorbenen Vater noch übertrifft, übernimmt nun dessen Rolle und versucht, über das Leben seiner immer fragiler werdenden Mutter zu bestimmen. Doch Marguerite hat genug davon, sich unterdrücken und vorschreiben zu lassen. wie ihr Leben zu verlaufen hat. Da kommt der Vorschlag ihres Arztes, sich doch mal eine Thermalkur in dem kleinen Pyrenäenort Bagnères de Bigorre zu gönnen, gerade recht. Obwohl sie anfangs noch recht unsicher ist und sich vor dem Alleinreisen fürchtet, gewinnt sie schnell an Selbstvertrauen. Sie genießt ihren Aufenthalt und die Anwendungen in der erlesenen Kurklinik und nimmt sich und ihren Körper zum ersten Mal richtig wahr, obwohl sie mit ihrem Alter hadert. Sie blüht auf und fühlt sich ganz sie selbst.

Zurück ins Leben?

Dies trifft jedoch in keiner Weise auf den 73-jährigen Algerienfranzosen Marcel Guedj zu, dessen Tochter Manou ihm diese Kur förmlich aufzwingen musste. Durch einen Schwimmunfall hatte er seine Frau Nora nach 50 liebevollen Ehejahren auf tragische Weise verloren und findet seitdem nicht mehr ins Leben zurück. Der ehemalige Tierpfleger, dessen bester Freund Nashorn Hector ist, fühlt sich in der Klinik mehr als fehl am Platz. Die ganzen alten Leute, zu denen er sich nicht zählt. und die wohltuenden Anwendungen sind ihm zuwider, das gesunde Essen ist dem Schokoladenfan ein Graus. Der freiheitsliebende Naturfreund hasst es, sich nach der Uhr zu richten und macht lieber lange Spaziergänge als in einer solchen Institution eingesperrt zu sein.

Mektoub

Als er eines Tages auf Marguerite trifft, ändert sich alles. Obwohl der temperamentvolle, offene Marcel und die scheue, introvertierte Marguerite auf den ersten Blick nichts gemein haben, fühlen sie sich auf unerklärliche Weise zueinander hingezogen. Es entwickelt sich eine innige Liebesbeziehung zwischen den beiden, die sie völlig überrascht und ihnen eine ganz neue Welt eröffnet. Marcel lässt Marguerite sein, wie sie all die Jahre nicht sein durfte. Sie machen Ausflüge und tanzen zusammen nach Marcels geliebter Chaâbi-Musik und Marguerites Line Renauds Chansons. Sie lassen es sich gut gehen, reisen nach Paris und sind dankbar für die zweite Chance, die das Schicksal (Mektoub in Marcels Heimatsprache) ihnen gewährt hat.

Die zweite große Liebe

Während Marcels Tochter Manou sich für ihren Vater und sein neues Glück freut, ist Marguerites Sohn Frédéric außer sich. Er zweifelt am Geisteszustand seiner Mutter und beabsichtigt, sie ihn ein Heim zu stecken. Als Marguerite einen kleinen Haushaltsunfall hat, sieht sich Frédéric im Recht und lässt seine Mutter einweisen. Wider Erwarten fügt sich Marguerite ihrem Schicksal – sie ist noch geschwächt und fühlt sich außerstande, einen Versuch zur Gegenwehr zu starten. Doch sie hat nicht mit Marcel gerechnet, der alles daran setzt, um die zweite große Liebe seines Lebens zurückzuholen…

Ein wunderschöner Roman über eine späte Amour Tendre

Dieser zauberhafte Roman ist das beste Mittel gegen Angst vor dem Alter. Er beschwingt, stimmt glücklich, amüsiert mit subtiler Situationskomik und hält uns vor Augen, wie das Leben trotz zunehmender altersbedingter Unpässlichkeiten durch eine neue, innige und zärtliche Liebe nochmals auf den Kopf gestellt werden kann. Denn die größten Geschenke des Alters sind die Freiheit und die Liebe: Die Freiheit, so zu sein, wie man ist, ohne sich verstellen zu müssen und sich darum zu scheren, was die Leute sagen. Die Liebe, weil sie die Einsamkeit durchbricht und die Seele strahlen lässt.

Die Geschichte um Marguerite und Marcel ist deshalb so berührend, weil sie von großer Einfühlungsgabe, bewegender Emotionalität und von profundem menschlichem Verständnis zeugt. Als Leser durchleben wir zunächst die dunklen, einsamen Stunden mit den Protagonisten, in denen sie in ihrem Alleinsein nichts mehr vom Leben erwarten. Umso schöner ist es dann, sie angesichts ihres neu gefundenen Glücks plötzlich aufblühen zu sehen. Gerne begleiten wir die liebgewonnenen Senioren ein Stück auf ihrem Weg und hoffen mit ihnen, dass sie diese späte Liebe noch lange genießen werden.

Mein Fazit: Einer der außergewöhnlichsten Romane dieses Jahres! Unbedingt lesenswert!

Karine Lambert: Erfolgreiche Schriftstellerin und Fotografin

Über die belgische Autorin ist nicht sehr viel bekannt. Sie wurde 1958 in Uccle/Brüssel geboren. Sie arbeitete zunächst als Fotografin und bereiste viele Länder, bevor sie sich auch der Schriftstellerei zuwandte. Gleich mit ihrem ersten Roman L’immeuble des femmes qui ont renoncé aux hommes, der leider noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, gelang ihr ein Bestseller und der literarische Durchbruch: Für ihr Erstlingswerk wurde sie mit dem renommierten Prix Saga Café (Bestes Debüt) ausgezeichnet.

Wie Karine Lambert in einem Interview1 mit dem Diana Verlag verriet, kam ihr die Idee zu ihrem zweiten Roman, der hier vorgestellte Und jetzt lass uns tanzen, als die Mutter ihres besten Freundes nach 50 Jahren Ehe plötzlich ihren Mann verlor und sich dann völlig überraschend nochmals verliebte. Hieraus entwickelte die Autorin diese wunderbar einfühlsame Geschichte um Marguerite und Marcel, die sich ganz leise in die Herzen vieler Leser geschlichen hat und die mit ziemlicher Sicherheit zu einem weiteren Bestseller avancieren wird. Das Hörbuch kann ich euch im Übrigen auch sehr empfehlen: Es wird von der großartigen Iris Berben gelesen – ein Ohrenschmaus!

Für Lambert ist Fotografie und Schreiben im Übrigen wunderbar vereinbar, wie sie im o.g. Interview weiter ausführte, denn ihre beiden Passionen haben ihres Erachtens viel gemeinsam. Während sie mit ihren Bildern Momentaufnahmen schafft, die Gefühle transportieren, kann sie beim Schreiben tiefer in die Charaktere und ihre Hintergründe hineintauchen. In einem Dialog mit Livre d’après2 hob sie zudem hervor, dass man als Fotografin und als Schriftstellerin immer auch eine gute Beobachterin sein muss. Wenn sie ein Kapital schreibe, so die Autorin, dann habe sie meistens eine Filmszene vor Augen, die sie dann schriftlich fixiere.

Neben ihren o.g. Hauptaktivitäten ist Lambert eine begeisterte Leserin. Zu ihrer Lieblingslektüre zählen zum einen die großen Klassiker von Oscar Wilde, Albert Camus, Boris Vian und diversen russischen Autoren. Zum anderen liest sie natürlich auch die Werke zeitgenössischer Schriftsteller: Zu ihren literarischen Favoriten zählen hier u.a. Alessandro Baricco, Philip Roth, Amin Maalouf, Francesca Melandri und Julie Otsuka.

Karine Lambert lebt und arbeitet in Brüssel.

Die biografischen Angaben und entsprechende weitere Informationen der Autorin habe ich der Verlagsseite und den o.g. Interviews entnommen.


Originalausgabe: Lambert, Karine. Eh bien, dansons maintenant! Paris: Éditions Jean-Claude Lattès, 2016.
Deutsche Ausgabe: Lambert, Karine. Und jetzt lass uns tanzen. Aus dem Französischen von Pauline Kurbasik. München: Diana Verlag/Verlagsgruppe Random House GmbH, 2017.
Buchcover: www.randomhouse.de

1Interview Diana Verlaghttps://www.randomhouse.de/Iris-Berben-&-Karine-Lambert-im-Interview-/Karine-Lambert-ueber-ihren-Roman/aid74404_14298.rhd

2Interview Le Livre D’Aprèshttps://lelivredapres.wordpress.com/2015/07/18/une-belle-rencontre-avec-karine-lambert-auteur-de-limmeuble-des-femmes-qui-ont-renonce-aux-hommes/

Mein herzlicher Dank gilt dem Diana Verlag bzw. der Verlagsgruppe Random House GmbH, München, die mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

Ein falsches Leben

Claire Fuller: Eine englische Ehe

Was würde passieren, wenn wir in ein Leben schlittern, das wir nie gewollt haben? Wenn wir unsere Freiheiten und Träume für eine Beziehung begraben, die in keiner Weise hält, was sie anfänglich versprochen hat. Fügen wir uns unserem Schicksal und erfüllen unsere Rolle oder brechen wir aus unserem selbst gewählten Gefängnis aus? Diesen existentiellen Fragen widmet sich die britische Autorin Claire Fuller in ihrem neuen Roman Eine englische Ehe auf eindrucksvolle Weise. Den Weg, den sie ihre Protagonistin Ingrid Torgensen beschreiten lässt, ist ein steiniger, ihrem Traum von einem selbstbestimmten Leben folgt ein bitteres Erwachen. Dabei sieht es für sie und ihre beste Freundin Louise zunächst so vielversprechend aus. Die beiden Literaturstudentinnen träumen von einer unabhängigen Existenz mit wechselnden Lovern, von einem unkonventionellen Job (am liebsten Schriftstellerin) und vielen Reisen in exotische Länder. Auf keinen Fall möchten sie so werden wie ihre Mütter, die für sie mit Heim und Herd der Inbegriff der Spießigkeit sind.

Verlorene Freiheit

Als sich Ingrid jedoch in den attraktiven, doppelt so alten Literaturprofessor Gil Coleman verliebt, gerät ihre Gefühlswelt ins Wanken und ihr beschworenes Lebensziel rückt in weite Ferne. Sie schlägt die eindringlichen Warnungen ihrer Freundin Louise in den Wind und lässt sich auf eine Affäre mit ihm ein. Als diese publik wird und Ingrid ein Kind erwartet, müssen beide wegen des Skandals die Uni verlassen – ein doppelter Schlag für Ingrid, die ihren Abschluss nicht mehr machen kann. Doch Gil bleibt positiv und will sich von nun an nur noch der Schriftstellerei widmen. Als ihre Tochter Nan auf die Welt kommt, beginnt für Ingrid ein Leben, das sie nie gewollt hat. So sehr sie sich auch bemüht, sie schafft es nicht, Muttergefühle zu entwickeln. Die Rolle der Ehefrau und Mutter erscheint ihr, der Freiheitsliebenden, seltsam fremd. Sie fühlt sich isoliert und allein in ihrem kleinen Haus an der englischen Küste – nur beim Schwimmen im Meer kann sie für eine kleine Weile sie selbst sein.

Verborgene Briefe

Als ihre zweite Tochter, Flora, auf die Welt kommt, wird die Situation für Ingrid immer unerträglicher. Das Geld ist knapp, denn Gils Durchbruch als Schriftsteller lässt auf sich warten. Ihr Mann betrügt sie mit anderen Frauen und ist in keiner Weise der Vater, den man sich für seine Kinder wünscht. Doch dann gelingt ihm endlich ein Bestseller – dank Ingrid – und ihre Geldsorgen lösen sich in Luft auf. Sein Buch Aus dem Liebesleben eines Mannes beschert ihm einen Skandalerfolg und er wird zum gern gesehenen Dauergast in Talkshows. Damit steigt auch die Anzahl seiner weiblichen, zumeist recht jungen Verehrerinnen, denen er fast nie widerstehen kann. Ingrid ist verzweifelt, doch sie scheut die direkte Konfrontation mit Gil. In den vielen Nächten, in denen sie nicht schlafen kann, schreibt sie ihm sehr persönliche Briefe, die alles Unaussprechliche beinhalten. Diese versteckt sie in den unterschiedlichsten Büchern in Gils großer Bibliothek.

Unheimliche Erscheinung 

Eines Tages verschwindet Ingrid spurlos. Gil und seine Kinder sind verzweifelt. Nach intensiver medienwirksamer Suche geht man von einem tragischen Schwimmunfall aus und stellt die Suche ein. Während Nan, die Pragmatische, versucht, die Situation als gegeben hinzunehmen und die Mutter zu ersetzen, kann Flora dieses traumatische Erlebnis nur schwer verkraften. Auch für Gil bricht eine Welt zusammen: Er macht sich schwere Vorwürfe, verkriecht sich in seinem Haus und schreibt kein weiteres Buch mehr. Doch dann – 12 Jahre später – geschieht etwas Seltsames: Aus dem Fenster einer Buchhandlung sieht Gil Ingrid die Straße entlanggehen. Er traut seinen Augen nicht und folgt ihr, doch ehe er sich versieht, ist sie wieder verschwunden. Als seine Kinder davon erfahren, sind sie besorgt: Während Nan am Geisteszustand ihres kranken Vaters zweifelt, ist Flora alarmiert. Sie hatte immer die leise Hoffnung, dass ihre Mutter noch am Leben ist und begibt sich auf Spurensuche, ohne zu ahnen, dass die wichtigsten Hinweise in der Bibliothek ihres Vaters versteckt sind…

Brillanter, lebenskluger Roman mit unerwartetem Ende

Claire Fullers Geschichte hat zweifellos Sogwirkung. Sie wird in zwei sich abwechselnden Handlungssträngen erzählt: Der erste Handlungsstrang spielt in der Gegenwart des Romans, eröffnet die Geschichte und setzt 12 Jahre nach dem Verschwinden von Ingrid an. Parallel hierzu präsentiert uns Fuller im zweiten Handlungsstrang Ingrids sehr persönliche Briefe und lässt uns in ihre Gedanken- und Gefühlswelt eintauchen, die sie stets vor ihrem Mann verborgen hielt. Diese schonungslosen Einblicke in das Seelenleben der Protagonistin, in ihre Träume, Wünsche und Hoffnungen, die sich alle nicht erfüllten, haben mich sehr berührt. Allerdings konnte ich nicht umhin, mich zu fragen, warum es einer derart freiheitsliebenden Frau nicht gelingt, sich ihrem Mann zu offenbaren bzw. eine Konfrontation mit ihm zu suchen. Natürlich ist Coleman ein Womanizer, ein charmanter, manipulativer Mann, dem sie schon aufgrund ihres jungen Alters und ihrer mangelnden Erfahrung nicht gewachsen ist. Andererseits sind seine zahlreichen Affären Grund genug, um eine Beziehung zu beenden, die nie wirklich funktioniert hat.

Die Entscheidung, die Ingrid am Ende trifft und die sich – zu meiner großen Überraschung – am Ende ganz ohne viel Pathos offenbart, bleibt trotz alledem mysteriöser Natur. An dieser Stelle möchte ich aber nicht mehr verraten. Festzuhalten bleibt, dass mich dieser wirklich brillante Roman sehr nachdenklich gestimmt hat, denn die Geschichte der Protagonistin ist erschreckend realitätsnah. Ihre Briefe gehen zu Herzen, rütteln auf und machen doch oft sprachlos und wütend angesichts ihrer Nachgiebigkeit und Unentschlossenheit. Obwohl ihr Dilemma nur allzu menschlich ist, da sie anfänglich aufgrund ihres Alters noch über keine ausreichende Menschenkenntnis und Weitsicht verfügen kann, fällt es im weiteren Verlauf des Romans immer schwerer, sie zu verstehen. Und dann ist sie auch schon verschwunden. Doch ganz zum Schluss eröffnet sich uns etwas, das wir klammheimlich gehofft haben und trotz alledem kaum glauben können. Aber lest selbst! Das Buch wird euch begeistern. Mein Fazit: Ein großartiger Roman, der noch lange im Gedächtnis bleibt.

Claire Fuller: Britische Schriftstellerin und Bildhauerin

Claire Fuller wurde 1967 in Oxfordshire geboren. In den achtziger Jahren studierte sie Bildhauerei an der Winchester School of Art, bevor sie als Co-Director einer Marketingagentur Karriere machte. Erst mit 40 Jahren entdeckte sie die Schriftstellerei für sich. An der University of Winchester absolvierte sie ein Studium im Bereich Creative and Critical Writing und machte hier ihren Master-Abschluss.

Gleich ihr erster Roman Our Endless Numbered Days, der 2015 erschien, wurde ein großer Erfolg und mit dem renommierten Desmond Elliott Prize ausgezeichnet. Darüber hinaus schaffte er es auf die Long List des International Dublin Literary Award, wurde für den Edinburgh First Book Award (2015) nominiert und war Finalist des ABA (American Booksellers Association) Indies Best Book Award (2016). Bisher wurde das Buch in ca. 13 Sprachen übersetzt. Deutschland und Dänemark sollen noch in diesem Jahr folgen. Ihr zweiter Roman, der hier vorgestellte Eine englische Ehe (Swimming Lessons), ist auf dem besten Wege, ein Bestseller zu werden und wird derzeit in 10 Sprachen übersetzt.

Darüber hinaus schreibt Claire Fuller auch sehr erfolgreich Kurzgeschichten, die in literarischen Magazinen veröffentlicht werden. Für ihre Short Story Baker, Emily and Me gewann sie 2014 die BBC Opening Lines Short Story Competition, für A Quiet Tidy Man erhielt sie 2016 den Royal Academy/Pin Drop Short Story Award.

Die Autorin, die mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Winchester lebt, arbeitet derzeit an ihrem dritten Roman.

Weitere Informationen über Claire Fuller (inkl. ihres Blogs) findet ihr auf ihrer Website https://clairefuller.co.uk, der ich – ebenso wie der britischen Wikipedia-Seite – ihre biografischen Angaben entnommen habe.


Originalausgabe: Fuller, Claire. Swimming Lessons. London: Fig Tree, 2017.
Deutsche Ausgabe: Fuller, Claire. Eine englische Ehe. Aus dem Englischen von Susanne Höbel. München/Berlin: Piper Verlag GmbH, 2017.
Buchcover: www.piper.de

Mein herzlicher Dank gilt dem Piper Verlag, der mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Ein Drink zu viel

Ann Leary: Das Haus der Hildy Good

Die Romane von Ann Leary haben ihren ganz eigenen Charme. Sie sprühen vor Ironie, sind witzig und sehr unterhaltsam, obwohl sie oftmals tragisch-dramatische Züge tragen. Gleiches gilt auch für ihr Buch Das Haus der Hildy Good, das gerade erschienen ist und mich wirklich begeistert hat. Dies liegt nicht nur an der ausgefallenen Story, die in der kleinen, idyllischen Küstenstadt Wendover (Massachusetts) spielt, sondern vor allem an der ungewöhnlichen Protagonistin Hilda, genannt Hildy, Good, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird. Die 60-jährige (Anti-)Heldin ist d i e Top-Immobilienmaklerin der Stadt und ein renommiertes Mitglied der kleinen Community. Sie ist eine Nachfahrin von Sarah Good, die in den bizarren Salem-Prozessen als Hexe verurteilt und hingerichtet wurde. Wendovers Einwohner sind überzeugt, dass auch Hildy übersinnliche Fähigkeiten besitzt, doch sie hält dies für Unfug. Hildy hat einfach ein untrügliches Gespür für Menschen – und Häuser. Sie kann nach Besichtigung eines Hauses meistens genau sagen, wie der Mensch gestrickt ist, der es bewohnt und liegt fast immer richtig.

Erfolgreiche Immobilienmaklerin mit dunklem Geheimnis

Doch Hildy hat ein Problem, das sie selbst nach einem Unfall, den sie verursachte, nicht als solches erkennt. Sie trinkt in mehr als ungesundem Maße, so dass sich ihre Töchter Tess und Emily gezwungen sahen, sie zwecks Entziehungskur einweisen zu lassen. Nun ist Hildy zurück – von ihrer Alkoholsucht geheilt, wie alle hoffen -, doch sie denkt gar nicht daran, sich ihr Leben vorschreiben zu lassen. Die Sorgen ihrer Töchter, die sie für maßlos übertrieben hält, prallen an ihr ab. Um den Schein zu wahren, macht sie gute Miene zum bösen Spiel: Auf allen Parties und offiziellen Anlässen trinkt sie stets nur Wasser, daheim in ihrem Keller jedoch genießt sie ein paar Gläschen (oder besser Flaschen) Wein, geht nackt im Mondschein baden und fühlt sich lebendig und frei. Dass ihre Blackouts sich häufen und sie sich immer öfter an nichts mehr erinnern kann, beunruhigt sie nicht.

Auch wenn sie es sich nicht eingestehen kann, sieht es hinter ihrer Fassade der erfolgreichen Maklerin ganz anders aus. Ihre Geschäfte laufen seit der Konkurrenz von Sotheby’s nicht mehr so gut wie zu ihren Glanztagen: Sie muss sich jede Immobilie hart erkämpfen, obwohl sie zu den Top Playern zählt. Nach der Trennung von ihrem Mann Scott lebt sie allein in ihrem Haus und kämpft gegen die erdrückende Einsamkeit und die Erinnerungen an ein traumatisches Erlebnis, den tragischen Tod ihrer Mutter, die sie immer wieder heimsuchen. Da hilft auch die Zuneigung und Freundschaft ihres ehemaligen Lovers, Frank Getchell, nicht, der Hildy immer noch liebt. Er weiß, wie es wirklich um sie steht und tut alles, um sie zu beschützen.

Eine neue Freundin?

Als Rebecca, die Frau eines schwerreichen Hedgefonds-Begründers, mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen ein wunderschönes Anwesen in Wendover bezieht, ist Hildy positiv überrascht, denn Rebecca unterscheidet sich wohltuend von den geschwätzigen Community-Mitgliedern. Sie ist ernst, verschlossen und zurückhaltend und hat so gar nichts gemein mit den überkandidelten Ladys, die Hildy kennt. Die beiden haben sofort einen Draht zueinander, und es dauert nicht lange, bis sie sich regelmäßig in Hildys Haus treffen, Wein zusammen trinken und sich austauschen. Hildy fühlt sich wohl in Rebeccas Gesellschaft und hat nach langer Zeit wieder einmal das Gefühl, eine Freundin gefunden zu haben.

Fataler Blackout

Doch auch Hildys neue Bekannte hat ihre Geheimnisse. Mit wachsendem Unbehagen nimmt Hildy Notiz von Rebeccas übersteigerter Zuneigung zu ihrem – verheirateten – Psychiater, Peter Newbold, den Hildy schon sehr lange kennt und schätzt. Aber Hildy hält sich zurück, will sich nicht einmischen und widmet sich wieder ihrem scheinbar einzigen verlässlichen Freund, dem Alkohol. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse: Jake, der behinderte Junge der Dwights, verschwindet genau in der Nacht spurlos, als Hildy sich trotz mehrerer Drinks mal wieder hinters Steuer setzt. Als sie morgens zu sich kommt, ist ihr Auto verbeult und blutverschmiert. Sie erkennt – vielleicht zum ersten Mal – wie es um sie steht und kämpft mit aller Macht gegen die Abwärtsspirale, die nur sie allein durchbrechen kann…

Tragisch-komischer Roman mit einer ungewöhnlichen Protagonistin

Die dramatische Geschichte der Hildy Good erzählt Ann Leary aus der Ich-Perspektive ihrer außergewöhnlichen Protagonistin. Und Hildy ist überzeugend! Zunächst teilt man als Leser ihre Abwertung der Sorge ihrer Töchter, denn Tess und Emily sind nicht gerade als Sympathieträgerinnen angelegt. Doch schon bald stellt man fest, wie wenig verlässlich die unkonventionelle Antiheldin ist: Ihre für Alkoholiker typischen Diminuitive (ein oder zwei Gläschen), ihre Erinnerungslücken, ihre Widersprüche und ständigen Verharmlosungsversuche, wenn es um ihr Problem geht, das für sie keines ist, lassen den Leser ihre Sicht der Dinge hinterfragen. Er ist gezwungen, sich ein eigenes Bild zu machen, was sehr schwer fällt, denn so ganz wird man aus Hildy nicht schlau: Ihre Einsamkeit ist bedrückend, ihre Liebe zu Baby-Enkel Grady rührend, ihre Freundschaft zu Rebecca warmherzig, ihre Leidenschaft für Frank nach all den Jahren noch immer verzehrend, doch als ihre Alkoholexzesse, die zunächst so harmlos scheinen, eskalieren, überwiegen die Negativattribute.

Mit Das Haus der Hildy Good ist Ann Leary ist einzigartiger Roman gelungen, der nachdenklich stimmt, aber zugleich auch sehr komisch ist. Amüsiert betrachten wir die Kleinstadtbewohner aus Hildys Blickwinkel – insbesondere die gewöhnungsbedürftige Powerfrau Wendy ist oftmals ungewollt witzig. Auch Alt-Hippie Frank, Hildys Verflossener, der Reden nicht für wichtig hält und Geiz scheinbar erfunden hat, ist wunderbar kauzig. Doch Leary zieht ihre Figuren nie ins Lächerliche, sie zeichnet sie mit liebevoller Nachsicht. Die Figur der Rebecca ist allerdings sehr ambigue angelegt. Wie Hildy vertrauen wir ihr zunächst blind, nur um dann später entsetzt festzustellen, wie sie in Wirklichkeit ist. All diese Aspekte machen den Roman zu etwas ganz Besonderem, das in Erinnerung bleibt. Daher mein Fazit: Eine äußerst unterhaltsame Lektüre mit dramatischer Wendung – unbedingt lesenswert!

Ann Leary: Schriftstellerin, Journalistin und Radiomoderatorin

Ann Lembeck Leary wurde 1962 in Syracruse/New York geboren. Sie arbeitete zunächst als Radiomoderatorin und Journalistin für renommierte Zeitungen und Magazine wie New York Times, Ploughshares, National Public, Radio, Redbook und Real Simple. Ihre schriftstellerische Karriere begann mit der autobiografischen Erzählung An Innocent, A Broad, die 2004 erschien und in der sie als Amerikanerin ihren – unfreiwilligen – fünfmonatigen Aufenthalt mit ihrem Mann, Schauspieler Denis Leary, und Frühchen Jack in Großbritannien mit viel Humor und Tongue-in-Cheek schildert.

Ihren ersten Roman Outtakes from a Marriage, ein bittersüßer Roman über die Ehekrise einer ehemaligen Musikrezensentin und eines angehenden Hollywood-Stars, veröffentlichte sie 2008. Mit Witz und Ironie beschreibt sie das Dilemma ihrer Protagonistin, Julia Ferraro, für die eine Welt zusammenbricht, als sie herausfindet, dass ihr Mann Joe, ein erfolgreicher Golden Globe Anwärter, sie betrügt. Bei allem Amüsement, das die Lektüre mit sich bringt, hat Leary ein ernstes Anliegen: Sie möchte Frauen vor Augen halten, wie wichtig es ist, sich nicht in Ehe, Mutterschaft und dem Erfolg ihrer Männer zu verlieren, sondern sich auch weiterhin als Individuen wahrzunehmen. Die hohe positive Resonanz auf ihr Werk zeigte, wie sehr dieses Thema Frauen beschäftigt und umtreibt.

2013 erschien schließlich The Good House, der hier vorgestellte Roman Das Haus der Hildy Good, mit der ihr nicht nur der Durchbruch als Schriftstellerin, sondern auch der Sprung auf die begehrte New York Times Bestseller Liste gelang. Die Figur der Hildy Good ist Leary als bekennende, mittlerweile trockene Alkoholikerin erschreckend realitätsnah gelungen. In einem Gespräch mit Daily-Mail-Journalist Daniel Bates erzählt Leary offen von ihrem Alkoholproblem und warum sie sich für klüger und witziger hält, wenn sie getrunken hat. Das komplette Interview findet ihr hier: http://www.dailymail.co.uk/news/article-2272842/Novelist-Ann-Leary-admits-Im-definitely-alcoholic-dry-years.html.

Im letzten Jahr erschien Learys neues Buch The Children über eine reiche unkonventionelle Familie aus New England, das ebenfalls wieder bestsellerverdächtig ist.

Ann Leary lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern auf einer kleinen Farm in Connecticut. Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website www.annleary.com, der ich auch ihre biografischen Angaben entnommen habe.


Originalausgabe: Leary, Ann. The Good House. New York: St. Martin’s Press, 2013.
Deutsche Ausgabe: Leary, Ann. Das Haus der Hildy Good. Aus dem Amerikanischen von Sabine Thiele. München: Droemer Knaur GmbH & Co. KG, 2017.
Buchcover: www.droemer-knaur.de