Der Blogventskalender 2016

advent

In diesem Jahr mache ich mal bei einem kunterbunten Blogger-Adventskalender mit. Normalerweise bin ich ja bei Bücher-Blogger-Adventsaktionen dabei, aber dieses Mal habe ich mich für eine Blog-Vielfalt entschieden, die sich im Blogventskalender 2016 (unter diesem Link sind alle beteiligten Blogger aufgeführt) zusammengefunden hat. Bei dieser spritzigen Blogger-Mischung findet sich hinter jedem der 24 Türchen eine spezielle Überraschung: Rezensionen, Bastelanleitungen, Rezepte, Mode u.v.m. Da ist für jeden etwas dabei. Ich möchte mich ganz herzlich bei Tabea (Blog: Habutschu) bedanken, die mit viel Geduld und Organisationstalent alle Parteien in diesen außergewöhnlichen Kalender integriert hat. Es hat wirklich großen Spaß gemacht, dabei zu sein!

Hinter meinem heutigen Türchen 8 verbirgt sich eine ganz besondere Leseempfehlung: Anne Perrys historischer Kriminalroman Der Weihnachtsverdacht, der im viktorianischen London spielt. Lasst euch überraschen – vorab nur so viel: Ihr könnt euch auf ein spannendes Abenteuer freuen.

Anne Perry: Der Weihnachtsverdacht

Das Genre Historische Romane trifft nur sehr selten meinen Geschmack, da müssen es wirklich schon spezielle, sehr gute Bücher sein.  Wenn ich Werke aus diesem Segment auswähle, dann sind es zumeist historische Krimis, denn hier gibt es einige brillante und bemerkenswerte Romane mit Lokalkolorit, die ich sehr mag. Hierzu gehören auch die Erzählungen von Anne Perry, die alle im viktorianischen London spielen und immer ein Lesegenuss der ganz besonderen Art sind. Das Buch, das ich euch heute vorstelle, Der Weihnachtsverdacht, zählt zu den beliebten Christmas Novels der Autorin, von denen ich bisher keinen Band versäumt habe, denn sie sind immer eine äußerst fesselnde Feiertagslektüre. Auch dieses Mal entführt uns Perry wieder ins vorweihnachtliche London, wo uns ein mysteriöser, spannender Fall erwartet.

Ein gefährliches Versprechen

Henry Rathbone verspricht seinem verzweifelten Freund James Wentworth, dessen Sohn Lucien ausfindig zu machen, der in schlechte Gesellschaft geraten und in der Unterwelt der pulsierenden Metropole spurlos verschwunden ist. Wentworth hatte zuvor alles versucht, um Lucien aus dem Sumpf von Alkohol- und Opiumexzessen zu befreien und ihn vor weiteren Ausschweifungen zu bewahren, doch nichts konnte den genusssüchtigen attraktiven Frauenhelden zur Rückkehr bewegen. Obwohl Rathbone keine große Hoffnung hat, Lucien zu finden, geschweige denn, ihn wieder in die Obhut seines Vaters zu katapultieren, macht er sich auf die Suche. Doch wo soll ein Gentleman wie er beginnen? Er hat weder Beziehungen zur Londoner Unterwelt noch kennt er dubiose Gestalten, die eventuell wissen könnten, wo sich Wentworths Sohn aufhält.

Zwei kuriose Gehilfen

Da fällt ihm Hester Monk ein, die vor einigen Jahren beinahe seine Schwiegertochter geworden wäre, sich aber dann gegen seinen Sohn Oliver, einen berühmten Anwalt, entschieden hatte, weil die beiden letztendlich doch zu verschieden waren. Hester, eine engagierte und patente Krankenschwester, arbeitet in einer Klinik, wo sie sich primär um die Sozialschwachen und hier insbesondere um Prostituierte kümmert. Henry hofft, entweder von Hester oder eventuell von ihren Patientinnen einen Hinweis auf Luciens Aufenthaltsort zu erhalten. Doch zu Henrys Enttäuschung ist Hester momentan unabkömmlich, da sich die Notfälle in der Klinik häufen, so dass er lediglich auf den Buchhalter Squeaky Robinson trifft. Doch bei ihm ist Henry genau an der richtigen Adresse, denn Squeaky war ein ehemaliger Bordellbesitzer, bevor ihm dank Hester der Absprung gelang. Squeaky hat noch beste Kontakte zur Londoner Unterwelt, die er allerdings nur ungern reaktivieren möchte, weil er mit seinem alten Leben abgeschlossen hat. Doch Henrys Entschlossenheit imponiert ihm, und so bietet er ihm seine Hilfe an. Ein alter Freund von Squeaky ist dabei allerdings unerlässlich: Crow, ein Armendoktor, der vorwiegend Obdachlose, Kleinkriminelle und Prostituierte behandelt und der Londons dunkle Viertel ebenfalls sehr gut kennt.

Abstieg in die Unterwelt

Und so machen sich Squeaky und Crow auf, um Lucien zu finden. Doch das gestaltet sich äußerst schwierig, denn niemand will reden. Sie erfahren lediglich, dass Lucien ständig unter Drogen und unter dem Einfluss seiner verdorbenen schönen Geliebten Sadie stehen soll, der er hörig ist und die ihn mit in den Abgrund gezogen hat. Mehr erfahren sie nicht, denn alle schweigen wie ein Grab. Squeaky und Crow beschließen daraufhin, Henry zu empfehlen, die Suche abzubrechen, da sie das Milieu gut genug kennen, um zu wissen, dass Lucien entweder nicht gefunden werden will oder schon tot ist. Doch sie haben die Rechnung ohne Henry gemacht, der keinesfalls bereit ist, jetzt schon aufzugeben. Und so bleibt den beiden nichts anderes übrig, als mit Henry an ihrer Seite ein weiteres Mal auf die Suche zu gehen. Mit Hilfe der jungen Kellnerin Bessy werden sie durch Zufall auf einen bizarren Doppelmord aufmerksam, in den Lucien und Sadie offenbar verwickelt sind. Und so geraten sie immer tiefer in die Abgründe Londons, die sie am Ende ihrer düsteren Odyssee zum gefürchteten Schattenmann führen, der alle Fäden in der Hand zu halten scheint…

Ein spannendes Abenteuer in Londons Schattenwelt

Anne Perrys historische Romane sind sehr lesenswert. Nie gleicht eine Geschichte der anderen, jede Erzählung hat ihr ganz eigenes Momentum. Ihre Charaktere heben sich wohltuend von den genreüblichen Stereotypen ab: Sie sind normal, außergewöhnlich, manchmal etwas hausbacken, manchmal leicht schrill und ausgefallen – aber immer very British. Dies ist auch bei dem hier vorgestellten Roman nicht anders. Das Team, das hier das mysteriöse Verschwinden von Lucien Wentworth ergründet, passt auf den ersten Blick so gar nicht zusammen. Und doch sind Upper Class Gentleman Henry, der ehemalige Bordellbesitzer Squeaky und der zwielichte Doktor Crow ein perfektes Gespann, das sich trotz aller Unterschiede zusammenrauft und sich in ein riskantes Unterfangen stürzt. Ihr lebensgefährliches Abtauchen in Londons dunkelstes Labyrinth ist ein packendes, sehr unterhaltsames Abenteuer, das wieder einmal mehr beweist, dass Anne Perry eine der besten Autorinnen dieses Genres ist.

Anne Perry: Britische Schriftstellerin mit Fokus auf historische Kriminalromane

Anne Perry wurde 1938 in Blackheath/London als Tochter eines Physikers geboren. Da sie bereits in frühester Jugend an Tuberkulose erkrankte, lebte sie einige Jahre auf den Bahamas und in Neuseeland, wo sich ihr Zustand besserte.

In den 60er Jahren entdeckte Perry die Schriftstellerei für sich, doch erst 1979 nach einer langen Durststrecke, in der sie sich mit vielen unterschiedlichen Jobs finanzierte, gelang ihr mit ihrem ersten historischen Kriminalroman Der Würger von der Caterstreet (The Cater Street Hangman) der literarische Durchbruch. Sie erfand die populären Krimireihen um den Polizisten Thomas Pitt und seine Frau Charlotte ebenso wie die Romanserie mit Privatdetektiv William Monk und Hester Latterly, die beide im spätviktorianischen England spielen. Darüber hinaus konzipierte sie noch die Krimireihe um Vikar Joseph Reavley, die historische Serie um Célie Laurent, einen Fantasyzyklus und die Christmas Novels, die sich sehr großer Beliebtheit erfreuen. Außerdem ist sie Herausgeberin zweier Kriminal-Anthologien.

Perrys Romane wurden millionenfach verkauft und in diverse Sprachen übersetzt. Sie zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen historischer Kriminalromane in Großbritannien.

Die Autorin lebt heute in Schottland. Weitere Informationen über Anne Perry findet ihr auf ihrer Website www.anneperry.co.uk, der ich auch ihre biografischen Angaben entnommen habe.


Originalausgabe: Perry, Anne. A Christmas Odyssey. London: Headline Publishing Group, 2010.
Deutsche Ausgabe: Perry, Anne. Der Weihnachtsverdacht. Aus dem Englischen von Regina Schirp. München: Wilhelm Heyne Verlag/Verlagsgruppe Random House GmbH, 2011.
Buchcover: www.randomhouse.de
Bildnachweis: Shutterstock – © Marianna Pashchuk

Ein Netz aus Lügen

Cara Black: Mord am Montmartre

Nach längerer Zeit habe ich mal wieder eine Krimireihe entdeckt, die mir vom ersten Band an gefallen hat – und dies nicht nur, weil sie in meiner Lieblingsstadt Paris und darüber hinaus – wie in dem hier vorgestellten Roman Mord am Montmartre – in meinem favorisierten Viertel spielt. Die von der amerikanischen Bestsellerautorin Cara Black konzipierte Romanserie hat meines Erachtens alles, was gute und fesselnde Thriller ausmacht: Eine packende Story mit unvorhersehbarem Ende, viele nebulöse und falsche Fährten, die es dem Leser schwer machen, den Täter zu entlarven und eine ganz spezielle Protagonistin, die nicht dem Superwoman-Ideal entspricht. Nachdem ihr Vater, ein ehemaliger Polizist und Detektiv, bei einem Sprengstoffanschlag auf tragische Weise ums Leben kam, übernimmt die Privatermittlerin Aimée Leduc gemeinsam mit dem kleinwüchsigen Computerspezialisten René seine Detektei Leduc Détective, die sich auf Computersicherheit spezialisiert hat. Während Aimée in ihrem Job aufgeht und auch dank René immer mehr Aufträge für ihre Detektei an Land ziehen kann, steht ihre Beziehung zu Guy vor dem Aus. Der angesehene Augenarzt hat keinerlei Verständnis für Aimées Arbeitseifer und ihr daraus resultierendes privates Chaos, obwohl er selbst als Mitglied von Ärzte ohne Grenzen beruflich sehr eingespannt ist. Er verlässt sie vom einen auf den anderen Tag, womit Aimée nur sehr schwer umgehen kann.

Mysteriöser Mord an einem Polizisten

Da kommt der Anruf ihrer besten Freundin Laure, eine Streifenpolizistin, die sie zur Abschiedsfeier eines alten Kollegen einlädt, gerade recht. Während Laures Vater als hochdekorierter Polizist in den Ruhestand ging, quittierte Aimées Vater den Dienst aufgrund von Korruptionsvorwürfen – ein Verdacht, den Aimée immer noch auszuräumen versucht. Doch dies konnte ihre Freundschaft zu Laure nie trüben, und so genießt sie den feuchtfröhlichen Abend gemeinsam mit ihrer Freundin und den alten Kollegen ihrer beiden Väter. Die Party findet ein jähes Ende, als Laures Partner, Jacques Gagnard, sie bittet, ihn zu einem Treffen mit einem Informanten zu begleiten. Laure hält dies für keine gute Idee und versucht, ihn davon abzubringen. Aimée bekommt mit, wie sich die beiden draußen lautstark streiten, aber Laure versichert ihr, dass alles in Ordnung sei und sie mit Gagnard nur ganz kurz wohin müsse. Als Laure nicht zurückkehrt, macht sich Aimée große Sorgen und beschließt, sie zu suchen. Durch Zufall findet sie die beiden ganz in der Nähe über den Dächern der Stadt, wo sich ihr ein grauenvolles Bild bietet: Gagnard wurde mit mehreren Schüssen niedergestreckt und liegt im Sterben, Laure hat schwerste Kopfverletzungen und kann sich an nichts erinnern.

Ein schrecklicher Verdacht

Als die Polizei Schmauchspuren an Laures Händen findet, wird sie zur Verdächtigen Nr. 1. Aimée kann sich nicht vorstellen, dass ihre Freundin ihren Partner erschossen haben soll und nimmt sich gemeinsam mit René des Falles an – sehr zum Ärger der ermittelnden Beamten, die sich jegliche Einmischung verbieten. Und so setzt Aimée zunächst all ihre Hoffnung auf Laures Verteidiger, Maître Delambre. Doch der junge Anwalt hat seine Mandantin aufgrund der scheinbar unwiderlegbaren Beweise bereits vorverurteilt und ist nicht sehr motiviert. Als dann auch noch die Ex-Frau von Gagnard Laure in einem Presseinterview schwer belastet, wird es eng für Aimées Freundin, die mittlerweile ins Koma gefallen ist und sich nicht mehr verteidigen kann.

Aber Aimée bleibt hartnäckig und recherchiert in alle Richtungen. Schon bald stößt sie auf einige seltsam verschlossene Zeugen: Zoé Tardou, die ihre Dach-Wohnung nie verlässt, der kleine Paul, der von seiner alkoholkranken Mutter vernachlässigt wird und sich heimlich aufs Dach schleicht, die Prostituierte Chlochlo, die mehr weiß, als sie zugibt und schließlich der Barbesitzer Zette, dem ebenfalls nicht nach Reden zumute ist. Sie alle schweben nach einem Gespräch mit Aimée plötzlich in Lebensgefahr. Als einer von ihnen brutal ermordet wird, weiß Aimée, dass sie auf der richtigen Spur ist. Diese führt in allerhöchste Kreise und zu scheinbar übermächtigen Gegnern, die immer einen Schritt voraus sind. Aimée läuft die Zeit davon, und so entschließt sie sich, das höchstmögliche Risiko einzugehen, um Laure zu entlasten und die wahren Täter und ihre Hintermänner zur Strecke zu bringen…

Erstklassiger, sehr lesenswerter Thriller mit Lokalkolorit

Cara Black ist mit Mord am Montmartre ein wirklich sehr guter Thriller gelungen, der nicht in der Tradition der heute so üblichen blutrünstigenden Reißer steht, sondern mit einer glaubwürdigen, hochspannenden Story überzeugt, die sowohl gesellschaftskritische als auch politische Aspekte beinhaltet. Darüber hinaus lässt die Autorin die Leser in das Künstlerviertel Montmartre mit all seinen Facetten abtauchen und gewährt mit viel Liebe zum Detail aufschlussreiche Einblicke in das geschichtsträchtige Quartier, das nach wie vor die Bohème anzieht. So entstaubt sie nicht nur alte Klischées, sondern zeigt auch die Brennpunkte, die sich hinter dem Glamour der Butte verbergen.

Die Protagonisten und Nebenfiguren sind äußerst gut erdacht und fernab jeglicher Stereotypen. Vor allem die Bad Guys sind beängstigend realitätsnah. Aimée Leduc, die chaotische Privatermittlerin mit dem untrüglichen Instinkt, wird dem Leser schnell vertraut. Sie ist weder ein Supercop noch eine sexy Detektivin, die mit High Heels den bösen Jungs hinterherstöckelt, sondern eine ganz normale Frau, die in ihrem Job nicht immer alles richtig macht: Sie irrt, geht falschen Spuren nach und zweifelt des Öfteren an ihrer Menschenkenntnis. Und sie hadert vor allem mit ihrem nicht funktionierenden Privatleben, das bei ihrem Job stets hinten ansteht. Das alles macht sie zu einer eher unspektukulären Heldin, der wir aber gerade deshalb gerne folgen. Mein Fazit: Ein erstklassiger, sehr lesenswerter Thriller mit Lokalkolorit!

Cara Black: Amerikanische Bestseller-Autorin mit einem Faible für Paris

Die amerikanische Schriftstellerin Cara Black wurde 1951 in Chicago/Illinois geboren. Bevor sie sich der Schriftstellerei widmete, war sie in diversen Jobs tätig: Sie arbeitete als Barista in der Schweiz, lehrte Englisch in Japan und studierte Buddhismus in Nordindien. Nach ihrem Chinesisch-Studium in Tokio, bei dem sie auch ihren Mann, einen Buchhändler, kennenlernte, machte sie schließlich ihren Master und Bachelor in Pädagogik am San Francisco State College. Nach ihrem Studium arbeitete sie zunächst als Vorschullehrerin, bevor sie zur Schulleiterin ernannt wurde und kümmerte sich darüber hinaus im Rahmen des Head Start Programms um bedürftige – zumeist chinesische – Familien in den Bereichen Erziehung und Sprachvermittlung.

Ihre Liebe zu Frankreich und zur französischen Literatur wurde in ihrer katholischen, von französischen Nonnen geleiteten Highschool geweckt. Der französische Schriftsteller und Prix Goncourt Gewinner Romain Gary hatte es ihr dabei besonders angetan. Sie schrieb ihm aus einer Laune heraus einen Fanbrief und erhielt tatsächlich eine Antwort, die sie zu ihrem ersten Trip nach Paris inspirierte, wo sie ihr Idol dann auch tatsächlich treffen durfte. Und so fuhr sie dann immer wieder nach Paris und „inspizierte“ jedes Mal ein neues Viertel der charmanten Metropole, bis sie die Stadt schließlich in- und auswendig kannte.

Dies animierte Cara Black denn auch zum Start ihrer Thriller-Reihe um die französische Privatdetektivin Aimée Leduc, die mittlerweile 16 Bände umfasst und alle in unterschiedlichen Quartiers von Paris spielen. Sie wurden zu Bestsellern in den Staaten. Ihr neuester Krimi Murder on the Quai ist in diesem Jahr in den USA erschienen. Inzwischen ist die Autorin auch international sehr erfolgreich – ihre Romane werden mittlerweile in diverse Sprachen übersetzt.

In Deutschland sind leider nur ihre ersten drei Romane erhältlich: Die dunklen Lichter von Paris (Murder in the Marais), Die langen Schatten der Bastille (Murder in the Bastille) und der hier vorgestellte Band Mord am Montmartre (Murder in Montmartre). Das ist wirklich sehr schade, denn Cara Black ist eine sehr gute Erzählerin, die ihre spannenden Geschichten mit viel Lokalkolorit anreichert. Ich hoffe, dass peu à peu auch noch die andere Bände übersetzt werden, damit die deutschen Leser ebenfalls in den Genuss ihrer fesselnden Krimis kommen.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website carablack.com, der ich auch ihre biografischen Informationen entnommen habe.


Originalausgabe: Black, Cara. Murder in Montmartre. New York: Soho Press, Inc., 2003.
Deutsche Ausgabe: Black, Cara. Mord am Montmartre. Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet. München/Berlin: Piper Verlag GmbH, 2016.
Buchcover: www.piper.de

Viktorianischer Grantler auf der Spur des Verbrechens

M. R. C. Kasasian: Mord in der Mangle Street

Nachdem uns James Runcie in seinem Buch Der Schatten des Todes mit dem sympathischen Landpfarrer Sidney Chambers bereits einen ungewöhnlichen Protagonisten als Ermittler präsentierte, geht der britische Autor Martin R. C. Kasasian mit der Hauptfigur seines Romans Mord in der Mangle Street, der im viktorianischen London um 1882 spieltnoch einen Schritt weiter: Mit Sidney Grice, Englands namhaften Privatdetektiv mit dem Glasauge, stellt er uns einen arroganten Grantler und Zyniker vor, dem anscheinend jegliche menschliche Regung fremd ist. Und doch kommen wir letztendlich nicht umhin, ihn trotz allem zu mögen, denn was oder besser wer macht selbst den unsympathischsten Charakter erträglich? Eine Frau, die es mit ihm aufnehmen kann. Hier kommt sein Mündel und Patenkind March Middleton, 21, ins Spiel, die als alleinstehende Frau nach dem Tod ihres Vaters, dem angesehenen Chirurgen Geoffrey Middleton, nunmehr bei Sidney unterkommt und sein bis dato beschauliches Leben auf den Kopf stellt. Zum einen entspricht March in keiner Weise dem damaligen Idealbild einer Frau: Sie ist weder hübsch noch hält sie sich bescheiden im Hintergrund. Zum anderen ist ihre Vorliebe für Gin und Zigaretten für Sidney ein absolutes Gräuel, doch er schafft es nicht, sie davon abzubringen, denn March hat ihren eigenen Kopf.

Ein mysteriöser Mordfall

Viel Zeit, um sich aneinander zu gewöhnen, bleibt den beiden nicht, denn Sidney steht ein mysteriöser Mordfall ins Haus. Grace Dillinger bittet ihn, im Mordfall ihrer Tochter Sarah zu ermitteln, die in ihrem Laden mit 40 Messerstichen brutal ermordet wurde, während ihr Mann William im Nebenzimmer schlief. An der Wand hat der Täter das Wort Rivincita (Rache) hinterlassen. Die Polizei hält William für den Täter und verhaftet ihn wegen Mordes. Bei einer Verurteilung droht ihm die Todesstrafe. Grace glaubt aber keinesfalls, dass ihr Schwiegersohn die Tat begangen hat und bittet Sidney inständig, den wahren Mörder zu finden. Da sie aber kein Geld hat, um Sidneys Honorar zu zahlen, weigert sich dieser hartnäckig, tätig zu werden – sehr zum Missfallen von March, die nicht verstehen kann, warum er nicht einen Funken Mitgefühl zeigt. Schließlich bietet March an, Sidney aus ihrem Erbe zu entlohnen, wenn er den Fall übernimmt. Die einzige Bedingung, die sie für die Honorarzahlung stellt, ist, dass sie Sidney bei seinen Ermittlungen über die Schulter schauen darf. Zähneknirschend willigt Sidney ein – insgeheim aber imponiert ihm Marchs Hartnäckigkeit. Darüber hinaus erweist sie sich auch noch als äußerst hartgesotten, denn weder der Anblick von Blut noch von Leichen kann sie schockieren – als Chirurgen-Tochter hat sie ihrem Vater schon auf einigen Schlachtfeldern, u.a. in Indien, bei OPs assistiert.

Schuldig oder nicht schuldig?

Im Laufe der Ermittlungen kristallisiert sich für March immer mehr heraus, dass William unschuldig ist, während Sidney ihn zweifelsfrei für einen Mörder hält. March versucht alles, um Sidney vom Gegenteil zu überzeugen, doch alle Argumente prallen an ihm ab. Er zieht keine Sekunde auch nur in Erwägung, dass er sich irren könnte. Doch March ist keinesfalls gewillt aufzugeben, und so beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem nicht nur Sidneys Ruf in Zweifel gezogen wird, sondern auch March in höchste Gefahr gerät. Als March zu ihrem Entsetzen schließlich erkennen muss, dass die Dinge nicht so sind wie sie scheinen, ist es schon fast zu spät. Abgestoßen von Sidneys Arroganz und Selbstherrlichkeit, unterschätzt sie seinen Spürsinn und seine Kompetenz, während er den Killer schon längst im Visier hat…

Außergewöhnlicher Kriminalroman im alten Stil

Dieser unterhaltsame Krimi im alten Stil hat mich begeistert – zum einen, weil ich diese Art der Old Crime Novels, die im viktorianischen London spielen, sehr liebe, zum anderen, weil Kasasian mit Sidney Grice und March Middleton ein erfrischend bizarres Ermittlerteam geschaffen hat, das allein für sich schon Unterhaltungswert hat. Sidney Grice als detektivisches Mastermind ist alles andere als eine spektakuläre Erscheinung: Er ist klein, hager, hinkt und hat ein Glasauge. All das täte nichts zur Sache, wenn nicht sein Charakter so sehr zu wünschen übrig ließe. Doch hinter seiner schroffen Fassade verbirgt sich so manche „menschliche“ Überraschung, die nicht nur March, sondern auch den Leser verwundert. Auch March ist nicht gerade die Verkörperung des viktorianischen Frauenideals und ihr fataler Hang zum Gin, mit dem sie versucht, ein trauriges Kapital ihres Lebens zu vergessen, ist irritierend. Doch als Pendant zum stets mürrischen Misanthropen Grice ist sie äußerst wohltuend und erquicklich.

Ein spezielles Highlight: Poetische Fragmente einer tragischen Liebesgeschichte

Was mir neben den verschrobenen Charakteren und der einfallsreichen Story ganz besonders gefallen hat, ist die tragische Liebesgeschichte zwischen March und Edward, die in kurzen kursiv gedruckten Fragmenten angerissen, aber nicht zu Ende erzählt wird. Sie ist für mich ein spezielles Highlight des Buchs, denn die poetische Sprache, mit der Kasasian die Begegnungen und kurzen Momentaufnahmen des Glücks der beiden Liebenden übermittelt, ist außergewöhnlich berührend und sehr ans Herz gehend.

Mein Fazit: Eine sehr empfehlenswerte Lektüre mit einer Prise gutem englischen Humor und einem Hauch Poesie.

Martin R. C. Kasasian: Vom Zahnarzt zum Kriminalschriftsteller 

Über Martin R. C. Kasasian, der in Lancashire/England aufwuchs, ist nicht sehr viel bekannt. Wie Kasasian Jasper de Joode von The Book Plank in einem Interview1 verriet, arbeitete er zunächst 30 Jahre als Zahnarzt beim National Health Service, bevor er sich nach einer schweren Erkrankung seiner Frau der Schriftstellerei zuwandte, um zeitlich flexibler zu sein. Er ist ein begeisterter Leser – hauptsächlich Geschichtsbücher und Biografien – und Maler und liebt Musik.

Den Wunsch, Schriftsteller zu werden, hegte er schon als kleiner Junge. Seine Eltern schenkten ihm damals sogar eine kleine Schreibmaschine, auf der er seine ersten Versuche startete.

Sein Debütroman, der hier vorgestellte Mord in der Mangle Street, ist gleichzeitig der erste Band seiner Reihe The Gower Street Detective, in der bereits Band 2 The Curse of the House of Foskett, Band 3 Death Descends On Saturn Villa und Band 4 The Secrets of Gaslight Lane veröffentlicht wurden, von denen es aber leider noch keine deutsche Übersetzung gibt.

Ich bin mir sicher, dass sich nach Lektüre von Kasasians Serienauftakt sehr schnell auch eine Fangemeinde in Deutschland formieren wird, die schon ganz gespannt die Übersetzung des zweiten Romans in dieser Reihe erwartet.


Originalausgabe: Kasasian, M. R. C. The Mangle Street Murders. London: Head of Zeus Ltd., 2013.
Deutsche Ausgabe: Kasasian, M. R. C. Mord in der Mangle Street. Aus dem Englischen von Johannes Sabinski und Alexander Weber. Hamburg: Atlantik Verlag/Hoffmann und Campe Verlag, 2016.
Buchcover: www.atlantikverlag.de

Quelle1: Interview von Jasper de Joode vom 14.7.2014 in The Book Plankhttp://thebookplank.blogspot.de/2014/07/author-interview-with-martin-kasasian.html

Mein herzlicher Dank gilt dem Atlantik Verlag/Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, der mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Doppelleben

Maggie Mitchell: The Other Girl – Du kannst niemals ganz entkommen

Dieses Romandebüt der amerikanischen Schriftstellerin Maggie Mitchell zählt meines Erachtens zu den besten Erstlingswerken dieses Jahres. Es wäre vermessen, das Buch lediglich in die Sparte Psychothriller einzuordnen, denn The Other Girl fällt nur allzu leicht aus diesem Rahmen, da es mit den heute so populären reißerisch-blutrünstigen Schockern nichts gemein hat. Es ist vielmehr ein leises Buch, dessen ungewöhnliche, äußerst spannende  Story um zwei zentrale Fragen kreist: Was tun wir, wenn unser schlimmster Albtraum wahrgeworden ist, und wie machen wir weiter, wenn wir ihn überlebt haben?

Eine seltsame Entführung

Als die beiden Protagonistinnen des Romans, Lois Lonsdale und Carly May Smith, im Alter von 12 von einem Unbekannten entführt und zwei Monate lang in einer einsamen Waldhütte gefangen gehalten werden, betrachten sie es zunächst als großes Abenteuer. Carly May ist froh, ihrem lethargischen Vater und ihrer ehrgeizigen Stiefmutter zu entkommen, die sie von Schönheitswettbewerb zu Schönheitsbewerb zerrt, Lois leidet unter der Lieblosigkeit ihrer exzentrischen Eltern, die nur damit beschäftigt sind, das von ihnen geleitete exklusive Landhotel zu einem Erfolg zu machen. Und so hat der Entführer, der sich Zed nennt, denn auch leichtes Spiel, als er beiden Mädchen zeitversetzt anbietet, sie ein Stück mitzunehmen, sie dann jedoch in eine abgelegene Hütte bringt. Völlig unbedarft gehen die schüchterne, kluge Lois und die hübsche, eigensinnige Carly May zunächst mit der Situation um, zumal ihr gutaussehender Entführer die Mädchen wie Prinzessinnen behandelt und es ihnen an nichts fehlt. Doch aus der anfänglichen Erlebnislaune wird schnell Angst, denn die Mädchen werden aus Zeds Verhalten immer weniger schlau – sie rechnen täglich mit dem Schlimmsten, obwohl ihr Entführer sie weder belästigt noch gewalttätig ist. Nach einer großangelegten Suchaktion gelingt es der Polizei schließlich, die Mädchen unversehrt zu befreien, Zed endet mit einer Kugel im Kopf – ein Trauma für Lois und Carly May, die unfähig sind zu verstehen, was mit ihnen geschehen ist, warum gerade sie ausgewählt wurden und warum der Entführer sie entgegen aller Vermutungen gut behandelt hat.

Der Albtraum kehrt zurück…

Zwanzig Jahre später: Lois Lonsdale ist als Anglistikdozentin auf einem ländlichen College tätig, Carly May fristet ein einsames Dasein als erfolglose Schauspielerin. Trotz des gemeinsam Erlebten haben sie keinen Kontakt mehr zueinander. Was sie jedoch verbindet, ist die Tatsache, dass sie ihr traumatisches Erlebnis vor ihrer Umwelt geheimhalten und sich ein neues Leben aufgebaut haben, in dem kein Platz mehr für Vergangenes zu sein scheint. Das Trauma ihrer Kindheit lässt sie jedoch nicht los: Während Lois unter dem Pseudonym Lucy Ledger versucht, mit dem von ihr verfassten Thriller Der Wald so still das Geschehene aufzuarbeiten, ertränkt Carly May, die ihren Namen zwischenzeitlich in Chloe Savage geändert hat, ihre Ängste im Alkohol. Als Lois‘ Roman verfilmt werden soll, erhält Carly May eine der Hauptrollen. Doch nach Studium des Drehbuchs ist sie schockiert, und ihr ist sofort klar, das nur Lois hinter Lucy Ledger stecken kann.

Je näher die Dreharbeiten rücken, umso häufiger und vehementer kehren die Erinnerungen und Albträume bei Lois und Carly May zurück. Doch insbesondere Lois, deren Unbehagen und Zweifel angesichts des Filmprojektes täglich zunehmen, hat kaum Zeit zum Durchatmen, denn Sean McDougal, ein angsteinflößender, undurchsichtiger Student, behauptet, ihre wahre Identität zu kennen und sie der Öffentlichkeit preiszugeben, wenn sie ihm nicht alles über die damalige Entführung und insbesondere über Zed erzählt. Aber all das ist nichts gegen den Schock, den Lois und Carly May erleiden, als während der Dreharbeiten die beiden kleinen Schauspielerinnen, die sie darstellen sollen, plötzlich spurlos im Wald verschwinden…

Exzellenter Thriller und psychologische Tour de Force

Der Roman hat mich von der ersten bis zur letzten Seite absolut gefesselt. Dies liegt nicht nur an dem langsam ansteigenden Spannungsbogen, den Mitchell so klug konzipiert hat, sondern vor allem an den Psychogrammen, die die Autorin von ihren Protagonistinnen zeichnet. Der Leser kann sich zu keinem Zeitpunkt sicher sein, welchen Erinnerungsfragmenten er trauen kann, er weiß nie, was Lois und Carly May von ihrem Kindheitstrauma behalten, ausgelassen, dazugedichtet oder verdrängt haben. Mitchells außergewöhnlicher Schreibstil katapultiert uns in die verworrene Gedanken- und Erinnerungswelt ihrer Hauptfiguren und hält uns somit an, uns selbst ein Bild zu machen. Dies trifft ebenso auf Zed zu, der in keiner Weise dem Bild eines Entführers entspricht, wenn wir den Aussagen der Mädchen Glauben schenken können. Alles in allem ist Mitchell mit ihrem Debütroman eine psychologische Tour de Force gelungen, die auf eindrucksvolle Weise nicht nur zeigt, was tief im Verborgenen liegt, sondern auch wie Vergangenheit und Gegenwart trotz Verdrängung stets interagieren. Fazit: Sehr lesenswert!

Maggie Mitchell: Schriftstellerin und Dozentin mit einem Faible für das Unheimliche

Über die in New York geborene amerikanische Schriftstellerin Maggie Mitchell ist noch nicht sehr viel bekannt. Bevor ihr erster, hier vorgestellter Roman publiziert wurde, schrieb sie zahlreiche Kurzgeschichten, die in diversen Literaturmagazinen wie New Ohio Review, American Literary Review and Green Mountains Review veröffentlicht wurden. Ihre Kurzgeschichte It Would Be Different If ist in der Bedford Introduction to Literature enthalten. Sie ist Dozentin an der Universität in West Georgia, wo sie mit ihrem Mann auch lebt.

Wie Mitchell der New York Times/USA Today Bestseller-Autorin und Bloggerin Caroline Lea Vittville in einem Interview1 verriet, kam ihr die Idee zu ihrem Erstlingswerk, als sie sich an einen Zeitungsartikel aus den 90er Jahren erinnerte, der über das gleichzeitige Verschwinden zweier Mädchen berichtete. Obwohl sie sich nicht mehr an Details erinnern konnte, ließ sie diese Geschichte nicht mehr los, und so bettete sie ihre Protagonistinnen in dieses Storygerüst und entwickelte ein fiktives Szenario, das nicht besser hätte gelingen können.

Wie Mitchell im o.g. Interview weiter ausführte, spielt sie derzeit mit dem Gedanken, einen Roman über Geister zu schreiben – auch wenn sie in keiner Weise an sie glaubt. Das Phänomen der Geister, wenn man die gängigen Clichés mal beiseite lässt, spiegelt in ihren Augen primär die trügerische Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart wider. Der neue Roman, der ihr vorschwebt, soll von psychiatrischen Anstalten, Geistern und Geschichte handeln. Das klingt sehr mysteriös und vielversprechend, so dass ich schon mehr als gespannt bin, was die Autorin aus diesen Fragmenten generieren wird.


Originalausgabe: Mitchell, Maggie. Pretty Is. New York: Henry Holt, 2015.
Deutsche Ausgabe: Mitchell, Maggie. The Other Girl. Du kannst niemals ganz entkommen. Aus dem amerikanischen Englisch von Sybille Uplegger. Berlin: List Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH, 2016.
Buchcover: www.ullsteinbuchverlage.de

1Interview von Caroline Lea Vittville vom 2. Juli 2015 – http://carolineleavittville.blogspot.de/2015/07/maggie-mitchell-talks-about-pretty-is.html