Über Bord

Ruth Ware: Woman in Cabin 10

Nachdem mich bereits ihr erster Roman Im tiefen, tiefen Wald begeistert hat, war ich sehr gespannt auf Ruth Wares neuestes Werk, Woman in Cabin 10. Und ich wurde nicht enttäuscht: Auch dieser hochdramatische Psychothriller ist wieder erstklassig und garantiert mit vielen falschen Fährten, spektakulären Wendungen und einem fulminanten Show-down Hochspannung pur. Ein weiteres Mal hat die Autorin eine erstrangige, nervenaufreibende Story erdacht, die bis zur letzten Seite in Atem hält. Dies liegt nicht nur an der gewöhnungsbedürftigen und überaus unverlässlichen Protagonistin, die eine echte Herausforderung für den Leser darstellt, sondern auch an dem klaustrophobischen Setting, das sein Übriges tut, um Thrill und Suspense zu erzeugen.

Traumauftrag zum schlechten Zeitpunkt

Als Laura „Lo“ Blacklock, Journalistin beim angesagten Reisemagazin Velocity, von ihrer Chefin gebeten wird, an ihrer Stelle die Jungfernfahrt des Luxuskreuzfahrtschiffs Aurora Borealis anzutreten und von dort exklusiv zu berichten, könnte der Zeitpunkt nicht schlechter sein: Lo leidet immer noch an Panikattacken, die von einem Einbruch in ihre Wohnung herrühren, bei dem sie nur mit knapper Not einem Übergriff des Täters entgangen ist. Wie gewohnt, greift Lo zum Alkohol, um ihre Angst zu betäuben, obwohl sie danach nur noch verwirrter ist als zuvor. Auch in ihrer Beziehung zu Freund Judah kriselt es, was sie in ihrer derzeitigen fragilen Verfassung nur noch mehr herunterzieht. Doch trotz aller Probleme will sich Lo den o.g. Traumauftrag auf gar keinen Fall entgehen lassen, und so bereitet sie sich in aller Eile auf ihre Schiffsreise zu den norwegischen Fjorden vor.

Mord oder Halluzination?

Das Schiff könnte nicht exklusiver sein, aber Lo fühlt sich angesichts des ganzen Luxus völlig deplatziert. Obwohl ihre Kabine keine Wünsche offenlässt, empfindet Lo eine seltsame Beengheit, die ihr Angst macht. Und wieder greift sie zum Alkohol, wenngleich ihr nur wenig Zeit bleibt, um sich für den exklusiven Empfang zu stylen, den Schiffseigner, Lord Bullmer, und seine Frau Anne, für die ausgewählten Gäste am Abend arrangiert haben. Da sich Lo mit ihrem Spiegelbild nicht anfreunden kann, klopft sie an ihre benachbarte Kabine 10, um sich Wimperntusche zu leihen. Die junge, lässige Frau mit dem Pink-Floyd-T-Shirt, die ihr öffnet, ist Lo sofort sympathisch, obwohl sie sich äußerst merkwürdig verhält. Sie schenkt Lo die Wimperntusche und schließt dann nahezu panisch die Tür. Lo denkt nicht weiter über die mysteriöse Begegnung nach und gesellt sich zum elitären Empfang. Neben den Gastgebern lernt Lo das Who is Who der Reisejournalisten, Fotografen und Investmentgrößen kennen. Zu ihrem Entsetzen ist auch Ex-Freund Ben unter den Gästen, was sie völlig aus dem Konzept bringt. Sofort greift sie wieder zu ihrem Allheilmittel Alkohol – und dieses Mal übertreibt sie es maßlos.

Als sie nachts durch ein Geräusch aus dem Schlaf schreckt, steckt ihr der Rausch noch vollends in den Knochen. Sie ist sofort hellwach, als sie zu hören meint, wie ein Körper ins Wasser geworfen wird. Als sie auch noch Blut an der Reling entdeckt, alarmiert sie das Sicherheitspersonal, doch nach erneuter Sichtung des Geländers ist der Blutfleck verschwunden. Auch die Frau in Kabine 10 scheint es laut Bordpersonal nie gegeben zu haben, denn die Nobelkajüte war angabegemäß gar nicht belegt. Lo ist sich sicher, dass sie Zeugin eines Mordes geworden ist, obwohl ihr niemand glaubt, denn ihr enormer Alkoholkonsum ist keinem an Bord verborgen geblieben.

Gegen jede Chance

Trotz allem lässt Jo nicht locker, auch wenn sie mehr und mehr an ihrem Verstand zweifelt. Als sie eines Abends auf ihrem Spiegel die Warnung „Halt dich raus“ findet, siegt ihr journalistischer Spürsinn über ihre Angst, und sie beschließt, sich Lord Bullmer anzuvertrauen. Obwohl Bullmer ihr als einziger Gehör schenkt, gelingt es ihm mit Leichtigkeit, ihre Geschichte Stück für Stück auseinander zu nehmen, so dass Lo zum ersten Mal Bedenken kommen. Aber ihr Bauchgefühl sagt ihr, dass sie Recht hat und so forscht sie weiter, bis sie schließlich einem teuflischen Komplott auf die Spur kommt, dessen Perfidität Los schlimmste Befürchtungen übersteigt…

Effektvoller Thriller par excellence

Ruth Wares neuestes Werk ist für mich bereits jetzt eines der Highlights seines Genres in diesem Jahr, denn der Roman ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Protagonistin Lo ist  der Autorin meines Erachtens ganz besonders gut gelungen, denn ihre alkoholvernebelten Wahrnehmungsstörungen und häufigen Panikreaktionen machen sie zu einer echten literarischen „Wackelfigur“, der man als Leser nicht trauen kann. Man weiß nie, ob sie Dinge wirklich erlebt oder ob sie halluziniert, aber andererseits macht dies auch den ganz besonderen Reiz dieser Geschichte aus. Das undurchsichtige Puzzle aus Gedankenfragmenten und Erinnerungsstücken der Antiheldin zusammenzusetzen, ist für den Leser nicht nur ein sehr komplexes Unterfangen, sondern vor allem eine hochspannende und sehr unterhaltsame Herausforderung.

Hinzu kommt die ganz besondere Atmosphärik des Schauplatzes, ein luxuriöses Kreuzfahrtschiff, das wir jedoch durch Los Augen als düster-beengten Locus Terribilis, einen Ort des Schreckens, wahrnehmen. Die klaustrophobischen Schwingungen sind fühlbar und übertragen sich schleichend auf den Leser, der die mentalen Aufs und Abs der Hauptfigur mit wachsendem Argwohn zur Kenntnis nimmt. Immer wenn man sicher ist, der Auflösung ein Stück näher gekommen zu sein, belehren uns die Autorin – und ihre Protagonistin – eines Besseren. Das ist Crime & Thrill at its best. Daher mein Fazit: Ein grandioser, unbedingt lesenswerter Pageturner, der exzellent geschrieben ist.

© Paul Harmer Photography

Ruth Ware: Englische Bestseller-Autorin und Expertin für Psychothriller

Ruth Ware wurde 1977 in West Sussex geboren und wuchs in Lewes an der Südküste Englands auf. Sie studierte Englisch an der Manchester Universität, wo sie ihre Liebe zu alt- und mittelenglischen Texten entdeckte. Bevor sie sich der Schriftstellerei widmete, arbeitete sie als Kellnerin und Buchhändlerin. Darüber hinaus unterrichtete sie Englisch als Fremdsprache in Paris und war nach ihrer Rückkehr 14 Jahre lang als Pressereferentin für einen Verlag tätig. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder arbeitete sie zunächst in Teilzeit und begann dann zu schreiben.

Unter dem Pseudonym Ruth Warburton verfasste sie fünf Romane für junge Erwachsene, bevor sie sich dem Genre der Psychothriller zuwandte. Mit ihrem Debütroman In a Dark, Dark Wood (Im tiefen, tiefen Wald), der 2015 erschien, gelang ihr nicht nur der Sprung auf die Bestsellerlisten in Großbritannien und den USA, sondern auch der Durchbruch als Schriftstellerin. Die Verfilmung des Buches soll von Hollywood-Star Reese Witherspoon produziert werden. Auch Wares darauf folgender Thriller, der hier vorgestellte The Woman in Cabin 10, wurde ein internationaler Bestseller und schaffte es sogar auf Platz 1 der amerikanischen Top Seller. Die Rechte für die Verfilmung des Pageturners hat sich bereits CBS Films gesichert.

Ihr dritter Roman, The Lying Game, der noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, erschien im Juli 2017 und wurde ebenfalls von Kritikern und Lesern begeistert aufgenommen. Auch dieser Thriller soll von der Gotham Group verfilmt werden. Im Sommer 2018 erscheint nunmehr ihr viertes Werk, das den Titel The Death of Mrs. Westaway trägt und mit Sicherheit wieder ein Bestseller wird.

In ihrer Freizeit ist die Autorin eine begeisterte Leserin. Ihre ganz private Top Five Booklist beinhaltet folgende Romane: 1. Miss Pym Disposes von Josephine Tey, 2. The Secret History von Donna Tartt, 3. Gaudy Night von Dorothy L. Sayers, 4. Murder Most Unladylike von Robin Stevens sowie 5. Note on a Scandal von Zoe Heller.

Weitere Informationen über die Schriftstellerin findet ihr auf ihrer Website www.ruthware.com, der Verlags- und der englischen Wikipedia-Seite, denen ich auch die o.g. biografischen Details entnommen habe.


Originalausgabe: Ware, Ruth. The Woman in Cabin 10. London: Harvill Secker/Vintage Publishing/Penguin Random House, 2016.
Deutsche Ausgabe: Ware, Ruth. Woman in Cabin 10. Aus dem Englischen von Stefanie Ochel. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2017.
Buchcover: www.dtv.de

Autorenfoto: ©  Paul Harmer Photography – Mein herzlicher Dank gilt der dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, die mir dieses Foto zur Verfügung gestellt hat.

Lesehighlights der ganz besonderen Art:
Die Leo-Wechsler-Krimis von Susanne Goga

Wer meinen Blog des Öfteren liest, weiß, wie sehr ich die 20er Jahre und ausgeklügelte, nervenaufreibende Krimis mit vielen unerwarteten Wendungen liebe. Bei Susanne Gogas Krimireihe um Kommissar Leo Wechsler, die im Berlin der Zwanziger Jahre spielt, kommen beide Komponenten auf brillante Weise zusammen und sorgen mit spannenden Fällen, außergewöhnlichen Protagonisten und vielen interessanten historischen Informationen für exzellente Unterhaltung. Die Autorin hat ausführlich recherchiert und erweckt das Berlin der damaligen Zeit mit seinen politischen Wirren und sozialen Gegensätzen, kulturellen Attraktionen, moralischen Abgründen und ausschweifender Dekadenz mit großer Detailtreue wieder zum Leben. Sie nimmt die Leser mit auf eine erlebnisreiche und soghafte Zeitreise in die Roaring Twenties und zeigt auch die unglamouröse Seite dieser oftmals glorifizierten Ära, die von Inflation und bitterer Armut geprägt war.

Sehr gekonnt verbindet Goga fesselnde Kriminalfälle mit der persönlichen Lebensgeschichte ihres Protagonisten, Kommissar Leo Wechsler. Dieser ist nach dem tragischen Tod seiner Frau Dorothea mit seinen beiden Kindern Georg und Marie auf sich allein gestellt. Seine Schwester Ilse zieht zu ihm und kümmert sich um den Haushalt und die Kleinen, denn Leos Job wäre als alleinerziehender Vater sonst nicht machbar. Obwohl Leo und Ilse sich im Allgemeinen gut verstehen, gibt es des Öfteren Reibereien, denn Leo ist viel zu oft nicht zuhause, und Ilse hadert mit ihrem Privatleben, das auf der Strecke bleibt. Aber auch Leos Privatleben lässt zu wünschen übrig: Seine On-und-Off-Affäre mit Lebedame Marlen vermag seine innere Leere nicht zu füllen. Der einzige Lichtblick ist Clara, die eine kleine Leihbücherei betreibt und die er immer wieder gerne besucht, um ihr sein Herz auszuschütten. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.  Nur so viel: Die Auf und Abs in Leos Leben sind ebenso packend wie die rätselhaften Verbrechen, die er aufklären muss.

Band 1: Leo Berlin

Berlin 1922: Der Wunderheiler Gerhard Sartorius wird tot in seiner luxuriösen Wohnung in Charlottenburg aufgefunden – erschlagen mit einer schweren Buddha-Figur aus Jade. Ein Schock für die Haute Volée Berlins, denn Sartorius behandelte primär die Schönen und Reichen, die seine Dienste mit äußerster Diskretion untereinander weiterempfahlen. Kommissar Leo Wechsler steht vor einem Rätsel: Es gibt keinerlei Anhaltspunkt, keine Zeugen und nicht die geringste Spur des Täters, den Sartorius scheinbar gekannt haben muss, da es keinerlei Hinweis auf ein gewaltsames Eindringen gibt. Wechsler findet heraus, dass Sartorius seine betuchte Kundschaft nicht nur mit Händeauflegen behandelte, sondern sie ebenso mit Kokain versorgte. Doch diesbezüglich laufen seine Ermittlungen ins Leere.

Als man dann zu einem späteren Zeitpunkt die Leiche einer alternden Prostituierten im Scheunenviertel findet, die brutal erdrosselt wurde, wird Wechsler hellhörig. Sein Bauchgefühl sagt ihm, dass zwischen den Morden ein mysteriöser Zusammenhang bestehen muss, obwohl es nichts gibt, was seine These stützt. Der Täter bleibt ein nicht greifbares Phantom, bis Wechsler schließlich eine entscheidende Information erhält, die ihn über Umwege auf die Spur des rachsüchtigen Killers führt…

Band 2: Tod in Blau

Der junge Carl Bremer, der als Verkäufer in einer Konfektionshandlung arbeitet, wird tot aus dem Landwehrkanal gezogen. Wechsler vermutet zunächst Selbstmord, doch es verdichten sich Hinweise, die auf Mord hindeuten. Insbesondere seine Korrespondenz mit der Asgard-Gesellschaft, einer rechtsextremen Organisation, deren Mitglieder ausschließlich ehemalige Offiziere sind, weckt Wechslers Interesse. Doch der Kommissar und sein Team können nichts Verwertbares gegen diese nationalistische Vereinigung in Erfahrung bringen. Da sich ein Mord ebenso wenig nachweisen lässt, ist Wechsler gezwungen, die Ermittlungen zunächst als abgeschlossen zu betrachten.

Als dann der skandalträchtige Maler Arnold Wegner, der das Establishment mit seinen Bildern gleichermaßen schockiert wie begeistert, verbrannt in seinem Atelier aufgefunden wird, führt die Spur ein weiteres Mal zur dubiosen Asgard-Gesellschaft. Doch dieses Mal lässt sich Wechsler nicht so einfach abwimmeln, insbesondere da sich Wegners Tod als brutaler Mord herausgestellt hat. Aber auch in diesem Fall kann der Kommissar nichts Belastendes gegen die aalglatten Vertreter der geheimnisvollen Organisation finden, bis ihn seine Ermittlungen schließlich zur Tänzerin Thea Pabst, das letzte Modell des Malers, und zum kleinen Paul führen, der – ohne es zu ahnen – das Motiv zum Mord an Wegner hütet: Der Maler hatte ihm sein letztes Bild mit dem Titel Die blaue Stunde zur Aufbewahrung anvertraut, weil er die Gefahr ahnte. Paul ist nicht bereit, sein Versprechen gegenüber Wegner zu brechen, und so beginnt für Wechsler ein Wettlauf mit der Zeit, denn der Kleine gerät ins Visier des Täters, der vor nichts und niemandem zurückschreckt, um sein dunkles Geheimnis zu bewahren…

Band 3: Die Tote von Charlottenburg

Berlin 1923: Leo Wechsler und seine Freundin Clara Bleibtreu verbringen entspannte Urlaubstage auf Hiddensee, wo Clara die Ärztin und engagierte Frauenrechtlerin Henriette Strauss kennenlernt. Henriette ist Clara sofort sympathisch, ihre offene und erfrischende Art findet sie äußerst wohltuend. Als Henriette einige Monate später plötzlich verstirbt, ist Clara mehr als schockiert. Die Todesursache soll ein Herzanfall gewesen sein, doch Henriettes Neffe Adrian, der sehr an seiner Tante hing, kann und will das nicht glauben, denn Henriette erfreute sich bester Gesundheit und hatte keinerlei Herzprobleme. Leo ermittelt und kommt schließlich einem perfiden Verbrechen auf die Spur: Die Ärztin wurde mit einer seltenen Substanz vergiftet.

Der Kommissar ermittelt daraufhin in alle Richtungen: Angefangen beim Krankenhaus, in dem Henriette arbeitete, wo man von nicht genehmigten Experimenten an Patienten munkelt, die die streitbare Ärztin keinesfalls mittragen wollte, bis hin zu ihrer vehementen Ablehnung des Abtreibungsparagraphen, für dessen Abschaffung sie sich stark machte. Aber auch ihr sogenannter Frauenzirkel, dem u.a. eine Arztin, eine Rechtsanwältin und eine Journalistin angehören, gerät ins Visier der Polizei. Doch dann richtet sich zu Wechslers Entsetzen der Fokus auf eine Person, der man einen solch teuflischen Mord niemals zutrauen würde. Der Kommissar glaubt an einen Irrtum, denn es lässt sich keinerlei Motiv erkennen. Doch schließlich kommt er Henriettes dunklem Geheimnis auf die Spur, das sie selbst ihrer Familie nie offenbarte…

Band 4: Mord in Babelsberg

Berlin 1926: In Kreuzberg wird die Leiche einer Frau im Hinterhof einer luxuriösen Wohnanlage gefunden, die mit einer roten Glasscherbe erstochen wurde. Leo Wechsler stockt der Atem, als er die Tote sieht: Es handelt sich um Marlen Dornow, mit der er vor einigen Jahren nach dem Tod seiner Frau Dorothea ein Verhältnis hatte. Dornow ließ sich stets von reichen Männern, darunter auch Politiker, aushalten und machte daraus auch keinen Hehl. Wechsler gelingt es nur mit Mühe, sein Entsetzen zu verbergen. Er beschließt, niemanden darüber zu informieren, dass er die Tote kannte – weder seine Kollegen noch seine Frau Clara, vor der er sich schämt.

Die Ermittlungen führen zunächst ins Leere, es gibt keine Zeugen und keine Spur des Täters. Doch dann wird der berühmte Regisseur Viktor König, dessen neuestes Werk Die Insel des Magiers sein Publikum zu Begeisterungsstürmen hingerissen hat, tot aufgefunden – ebenfalls mit einer roten Glasscherbe erstochen. Nunmehr erhält der Fall eine ganz neue, dringliche Aktualität, denn die Öffentlichkeit will den Täter so schnell wie möglich hinter Gittern sehen. Wechsler ermittelt mit Hochdruck, aber wo liegt die Verbindung zwischen Marlen Dornow und Viktor König? Bei Marlen hatte er zunächst vermutet, dass einer ihrer namhaften Sugar Daddys der Täter ist, doch dies erwies sich scheinbar als unbegründet. Als Leo dann nach detaillierten Recherchen endlich einen Hinweis auf den möglichen Täter findet, erwartet ihn ein weiterer Schock…

Band 5: Es geschah in Schöneberg

Berlin 1927: Der Modesalon Morgenstern & Fink, dessen Inhaber das Ehepaar Lotte Morgenstern und Carl Fink ist, hat für seine neueste Modenschau eine ganz besondere Location gewählt: Das Romanische Café in Berlin, in dem sich das Who is Who der Künstlerszene trifft, scheint wie geschaffen für die extravagante Mode des Fashion Hauses, zu dessen Kunden auch bekannte Filmschauspielerinnen zählen. Doch das bis ins Detail geplante Event endet in einer Katastrophe: Zwei der Kleider wurden mit einem Kontaktgift präpariert, die jeweiligen Models kommen mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus. Wechsler, der mittlerweile zum Oberkommissar ernannt wurde, ermittelt zunächst bei der Konkurrenz des aufstrebenden Modesalons, der für die alteingesessenen Modehäuser durch die innovativen, kapriziös-eleganten Entwürfe von Fink mehr und mehr zu einer existentiellen Bedrohung geworden ist.

Noch bevor sich Wechsler allerdings näher mit den Wettbewerbern befassen kann, wird er zu einem weiteren Tatort gerufen: Rainer Vogt, ein Mitarbeiter von Dr. Markus Hirschfeld am Institut für Sexualwissenschaft, liegt erschlagen in seiner Wohnung. Dort findet Wechsler zu seiner Überraschung auch einen Flyer des Modesalons Morgenstern & Fink. Für den Kommissar ist offensichtlich, dass es zwischen dem Anschlag auf das Modehaus und dem brutalen Mord an Vogt eine Verbindung geben muss, doch wie hängen die Fälle zusammen? Als sich Carl Fink nach Übermittlung der Todesnachricht von Vogt völlig verzweifelt abkapselt, glaubt Wechsler, den Hintergrund zu kennen, nicht ahnend, dass er von der Lösung des Falles noch meilenweit entfernt ist…

***

Der neue Fall von Leo Wechsler und gleichzeitig der sechste Band dieser Krimireihe trägt den Titel Nachts am Askanischen Platz und erscheint am 9. Februar 2018. Ich bin schon sehr gespannt, denn dieses Mal ermittelt Leo Wechsler im „Cabaret des Bösen“…

Ich empfehle euch die o.g. Krimireihe von Susanne Goga wirklich sehr, denn ihre Romane sind nicht nur äußerst klug konzipiert und sehr gehaltvoll, sondern vermitteln darüber hinaus ein lebendiges Bild vom Berlin der Zwanziger Jahre, dessen Mythos als Sünden-Babel lediglich an der schillernden Oberfläche kratzt. Goga zeigt die Menschen im Schatten, die Schicksale der verelendeten Bevölkerung, die hungernden, herumstreunenden Kinder (z.B. der kleine Paul aus Tod in Blau), für die es nirgends einen Platz gibt. Ebenso exponiert sie die Welt der Mächtigen und Reichen der damaligen Zeit (z. B. Protagonist Viktor König aus Mord in Babelsberg) und ihr sorgloses Leben im Überfluss, das angesichts der inflationären Verarmung mehr als dekadent erscheint.

Alles in allem sind Gogas Romane spannende, erstrangige Lesehighlights der ganz besonderen Art, die sich von der Masse der historischen Kriminalromane erfolgreich abheben. Sehr lesenswert!

© Myriam Topel

Susanne Goga: Schriftstellerin und Literaturübersetzerin

Susanne Goga wurde 1967 in Mönchengladbach geboren und studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf mit den Schwerpunkten Englisch und Französisch. Zunächst arbeitete sie hauptberuflich als Übersetzerin und hat seit 1995 ca. 100 Romane (u.a. von Gillian Flynn, Chris Cleave, Elizabeth Gilbert, Peter James u.v.m.), Kurzgeschichten und Sachbücher aus dem Englischen und Französischen ins Deutsche übersetzt.

Seit 2001 ist sie ebenfalls sehr erfolgreich als Schriftstellerin tätig. Neben der o.g. einzigartigen und äußerst spannenden Kriminalromanreihe um den Berliner Kommissar Leo Wechsler schreibt Goga auch historische Romane: Das Leonardo-Papier, Die Sprache der Schatten, Der verbotene Fluss, Der dunkle Weg, Das Haus in der Nebelgasse und ihr neuestes Werk, Die vergessene Burg, das am 10. September 2018 erscheint.

Mit ihrer Kurzgeschichte Der Sparkasten belegte Susanne Goga 2006 Platz 2 des Moerser Literaturpreises. Ein Jahr später gelang ihr mit ihrer Kurzgeschichte Zigarettenmädchen der Sprung auf Platz 1 des Moerser Literaturpreises. 2012 erhielt sie für ihren o.g. historischen Roman Die Sprache der Schatten den DeLia-Literaturpreis. Drei Jahre später wurde der Autorin eine ganz besondere Ehre zuteil: Für Band 4 ihrer Leo-Wechsler Reihe – Mord in Babelsberg – erhielt sie den Goldenen HOMER für den besten historischen Kriminalroman.

Susanne Goga ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, das zu PEN International, einem Verbund von über 140 Schriftstellerorganisationen aus 101 Ländern, gehört.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website susannegoga.de, der ich auch ihre biografischen Informationen entnommen habe.


Goga, Susanne. Leo Berlin. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2005.
Goga, Susanne. Tod in Blau. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2007.
Goga, Susanne. Die Tote von Charlottenburg. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2012.
Goga, Susanne. Mord in Babelsberg. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2014.
Goga, Susanne. Es geschah in Schöneberg. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2016.
Goga, Susanne. Nachts am Askanischen Platz. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 9.2.2018.

Buchcover: www.dtv.de
Autorenfoto: © Myriam Topel – Mein herzlicher Dank gilt der dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, die mir dieses Foto zur Verfügung gestellt hat.

Foto unter dem Artikeltitel: © Jake William Heckey, www.pixabay.com

Die Totgeglaubte

Guillaume Musso: Das Mädchen aus Brooklyn

Die Romane von Guillaume Musso habe ich alle verschlungen. Nacht im Central Park ist dabei immer meine Nr. 1 geblieben – doch dann habe ich sein neuestes Buch Das Mädchen aus Brooklyn gelesen, und seitdem habe ich zwei literarische Favoriten. Was für eine unglaublich gut gemachte und hochspannende Tour de Force, auf die der Autor seine Leser mit dieser unvergleichlichen Geschichte schickt! Zeit zum Luftholen bleibt da nicht, denn die packende Story entwickelt sich viel zu rasant und viel zu dramatisch, als dass man sie auch nur eine Minute aus der Hand legen könnte. Und dabei beginnt alles so romantisch – wie in einem längst aus der Mode gekommenen alten Liebesroman, bei dem die Welt noch in Ordnung ist…

Die Frau seiner Träume

Der Schriftsteller Raphaël Barthélémy verbringt ein paradiesisches Wochenende mit der Frau seiner Träume, Anna Becker, einer Kinderärztin, an der Côte d’Azur. Nach dem Scheitern seiner Ehe mit einer karriereorientierten Wissenschaftlerin ist sich der alleinerziehende Vater sicher, mit Anna nicht nur die richtige Partnerin, sondern auch eine liebevolle Ersatzmutter für Söhnchen Theo gefunden zu haben. Doch nach seiner schlechten Beziehungserfahrung ist er misstrauisch und möchte unbedingt mehr über Annas Vergangenheit erfahren, um nicht wieder eine Enttäuschung zu erleben. Bisher hat Anna auf alle seine diesbezüglichen Fragen ausweichend oder gar nicht geantwortet, was ihn stutzig macht. Hinzu kommt ihre fast panische Abneigung gegen das Fotografiert-werden und ihre absolute Ablehnung aller Social Media. Doch Raphaël ist überzeugt, dass es dafür bestimmt eine nachvollziehbare Erklärung gibt.

Ein schockierendes Geständnis

In der entspannten Wochenendstimmung wagt Raphaël einen erneuten Anlauf, der jedoch in einen handfesten Streit mündet, denn Anna reagiert genervt und äußerst feindselig. Aber Raphaël ist dieses Mal nicht bereit, das Thema unter den Tisch fallen zu lassen. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung zeigt Anna ihm schließlich ein Foto auf ihrem Handy und offenbart: „Das habe ich getan!“ Raphaël stockt der Atem, denn das Bild zeigt drei furchtbar zugerichtete verkohlte Leichen. Völlig entsetzt läuft er davon, nur um sich dann nach dem ersten Schock eines Besseren zu besinnen und zum Urlaubsapartment zurückzukehren. Doch Anna ist nicht mehr da. Hals über Kopf fährt Raphaël nach Paris zurück, doch auch dort kann er sie weder finden noch auf dem Handy erreichen. In seiner Verzweiflung bittet er seinen Freund Marc Caradec, einen ehemaligen Elitepolizisten, um Hilfe, dessen Spürsinn sofort geweckt ist. Als sie schließlich in Annas Apartment nach Hinweisen auf ihren Aufenthaltsort suchen wollen, zeigen sich Spuren eines Einbruchs. Raphaël ist außer sich vor Sorge und macht sich große Vorwürfe. Er ist sich mittlerweile sicher, dass Anna etwas zugestoßen ist, und auch sein Freund Marc ahnt nichts Gutes.

Eine ungeheuerliche Entdeckung

Nach langen, nervenaufreibenden Recherchen finden Raphaël und Marc unter Annas ganz privaten Sachen, die sie in einer gemieteten Box aufbewahrt hat, nicht nur eine Tasche mit sehr viel Geld, sondern auch zwei gefälschte Pässe. Raphaël ist fassungslos und trotz aller Sorge um Anna maßlos enttäuscht, denn für ihn sind dies alles Indizien dafür, dass seine Traumfrau in kriminelle Machenschaften verstrickt ist. Dennoch bittet er Marc, seine Ermittlungen fortzusetzen. Und auch ihm lässt Annas Schicksal keine Ruhe: Seine akribische Suche führt ihn schließlich bis nach New York, wo er in Harlem eine ungeheuerliche Entdeckung macht: Anna Becker ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Claire Carlyle, das totgeglaubte Opfer eines Serientäters, der sie und zwei andere Mädchen entführt und in seinem Haus monatelang gefangen hielt. Bei einem Feuer, so nahm die Polizei an, kamen alle Opfer und der Täter ums Leben. Raphaël ist völlig entsetzt und kann es nicht glauben, denn wenn all dies wirklich stimmt, wie gelang Claire die Flucht und ein Neubeginn mit einer falschen Identität? Und wer trachtet ihr jetzt nach dem Leben, wo der Täter schon seit vielen Jahren tot ist? Die Spur führt Raphaël immer tiefer in Annas altes Leben und zu einem mächtigen Gegner, der alle Hebel in Bewegung setzt, um sie zum Schweigen zu bringen…

Ein nervenaufreibender Pageturner mit fulminantem Showdown

Mussos Das Mädchen aus Brooklyn ist ein spannungsgeladener und ausgeklügelter Thriller, der mich restlos begeistert hat. In dieser raffiniert konzipierten Geschichte ist nichts vorhersehbar – es gibt viele falsche Fährten, auf die man auch als thriller-erfahrener Leser noch aufspringt, weil man überzeugt ist, dass man dieses Mal auf der richtigen Spur ist. Doch Musso belehrt uns immer wieder eines Besseren, indem er kontinuierlich neue Fallen auslegt. Dies macht denn auch den ganz besonderen Reiz dieses Romans aus, der bis zur letzten Seite fesselt.

Ein weiteres Highlight sind Mussos exzellent entwickelte Hauptfiguren, Raphaël, Marc und Anna, wobei Marc meines Erachtens am besten gelungen ist. Sein Lebensdrama, das sich allmählich vor unseren Augen in Flashbacks entfaltet, ist von ganz besonderer Dramatik. Ohne zu viel zu verraten, lässt sich sagen, dass dieser fiktive Charakter neben Anna mit Abstand der vielschichtigste des ganzen Romans ist, denn er ist einer der Protagonisten, dessen Wahrheit wir erst ganz am Ende kennenlernen. Der fulminante Showdown, mit dem der Roman endet, involviert alle Akteure und hält eine weitere unvorhersehbare Wendung bereit, die den verborgenen Nukleus der Geschichte offenbart.

Mein Fazit: Ein dramatischer Thriller der Extraklasse – unbedingt lesenswert!

Guillaume Musso: Französischer Bestseller-Autor ersten Ranges

Guillaume Musso wurde 1974 in Antibes geboren. Als Sohn einer Bibliothekarin entdeckte er schon früh seine Leidenschaft für Literatur und verbrachte oft den Großteil seiner Ferien in der Bibliothek seiner Mutter. Als er mit 15 einen Kurzgeschichten-Wettbewerb gewann, beschloss er, Schriftsteller zu werden. Doch mit 19 zog es ihn zunächst nach New York und New Jersey, wo er mehrere Monate lebte und u.a. als Eisverkäufer arbeitete. Er studierte danach Wirtschaftswissenschaften und arbeitete nach seinem Studienabschluss als Dozent und Gymnasiallehrer. Durch einen schweren Autounfall, der mit einem Nahtoderlebnis einherging, widmete er sich dann ganz seiner Passion und veröffentlichte im Januar 2004 sein erstes Buch mit dem Titel Et Après (Ein Engel im Winter), das es direkt auf die französischen Bestsellerlisten schaffte und mit dem ihm der Durchbruch als Schriftsteller gelang. Der Roman wurde 2008 mit John Malkovich und Romain Duris in den Hauptrollen verfilmt und ist wirklich sehenswert.

Musso, der abwechselnd in Paris und Antibes lebt und arbeitet, hat in der Zwischenzeit noch 13 weitere Romane (u.a. Wirst du da sein?, Das PapiermädchenSieben Jahre später, mein Favorit Nacht im Central Park, Vierundzwanzig Stunden u.v.m.) veröffentlicht, die von den Lesern begeistert aufgenommen und ebenfalls zu Bestsellern wurden. Mittlerweile haben sich seine Romane weltweit über 22 Mio. mal verkauft und werden in ca. 40 Sprachen übersetzt. Musso zählt neben Marc Levy zu den meistgelesenen französischen Schriftstellern.

Wenn Musso nicht gerade Romane schreibt, ist er ein Vielleser. In einem sehr ausführlichen Interview auf seiner unten aufgeführten Website verrät er seine Lieblingsschriftsteller und seine bevorzugten Romane, wie z.B. Die Schöne des Herrn – Albert Cohen, Der Husar auf dem Dach – Jean Giono, Misery – Stephen King, Der Vorleser – Bernhard Schlink, Gone Girl – Gilian Flynn und Abbitte – Ian McEwan. Ein wahrer Fan ist Musso von seinem französischen Schriftsteller-Kollegen Jean-Christophe Grangé, der mit Thrillern wie Schwarzes Requiem oder Lontano sein Publikum in Atem hält. Eine ausführlichere Auswahl seiner literarischen Favoriten bzw. Inspirationen findet ihr hier: http://www.guillaumemusso.com/mes-inspirations/livres/.

Mussos neuester Roman Un appartement à Paris, der im März dieses Jahres in Frankreich veröffentlicht wurde, erscheint im Juni 2018 unter dem Titel Das Atelier in Paris in Deutschland. Ich bin schon sehr gespannt.

Weitere Informationen über Guillaume Musso findet ihr auf seiner Website www.guillaumemusso.com.


Originalausgabe: Musso, Guillaume. La fille de Brooklyn. Paris: XO Éditions, 2016.
Deutsche Ausgabe: Musso, Guillaume. Das Mädchen aus Brooklyn. Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn und Bettina Runge. München: Pendo Verlag/Piper Verlag GmbH, 2017.
Buchcover: www.piper.de

Die Rückkehr der Geister

Stewart O’Nan: Halloween

Passend zum Tag der Geister habe ich eine ganz besondere Buchempfehlung für euch, die es in sich hat. Wer jetzt jedoch angesichts des Titels einen blutigen Splatter-Roman erwartet, liegt falsch, denn Stewart O’Nans brillanter Roman Halloween ist ein vielschichtiger, gespenstiger Psychothriller, der unter die Haut geht. Bedrückende Schauereffekte unterstreichen die düstere Atmosphärik des Buches, die sich auch am fulminanten Ende nicht auflöst. Der Roman spielt in Avon/Connecticut: Es ist Halloween, und die Geister von drei Teenagern – Danielle, Chris, genannt Toe, und Marco – kehren zurück in ihre Heimatstadt, wo sie vor einem Jahr bei einem Unfall auf dem Highway ums Leben kamen, den sie selbst durch viel zu schnelles Fahren verursachten.

Das Drama der Toten – das Schicksal der Lebenden

Zwei ihrer Freunde – Tim und Kyle – überlebten damals das schreckliche Unglück, doch ihr Leben ist seitdem nicht mehr dasselbe: Kyle, der unkonventionelle Rebell, ist schwer entstellt und auf dem geistigen Stand eines 5-jährigen, während Tim mit seinen immer gravierender werdenden Schuldgefühlen kämpft und innerlich völlig leer und ausgebrannt ist. Beide halten sich mit einem Aushilfsjob in einem Supermarkt über Wasser, das unsichtbare Band des grauenvollen Geschehnisses schweisst sie wie Brüder zusammen. Doch während Kyle unfähig ist, sich zu erinnern und von einem Tag zum anderen lebt, bringt Halloween für Tim die schrecklichen Erinnerungen zurück.

Gleiches gilt für Johnny Brooks, der Polizist, der sich damals eine wilde Verfolgungsjagd mit den fünf Jugendlichen auf dem Highway lieferte, als er versuchte, sie zu stoppen. Für den daraus resultierenden Unfall gibt er sich die Schuld, eine Last, die er kaum tragen kann. Seine Ehe scheiterte, und auch in seinem Job geht es abwärts mit ihm, denn die Bilder von damals verfolgen ihn mit derartiger Intensität, dass er halluziniert und sich in der Realität kaum noch zurecht findet. Immer wieder fährt er zum Unfallort und begutachtet den Baum, gegen den die Teenager mit so hoher Geschwingkeit prallten, dass Danielle, die aus dem Wagen geschleudert wurde, beinahe vollständig enthauptet wurde. Eine Rückkehr in sein altes Leben ist für Johnny ausgeschlossen, er fühlt sich als lebender Toter, der nur noch dahinvegetiert.

Traurige Normalität

Dies alles nehmen die drei Geister Danielle, Chris und Marco zur Kenntnis: Um Kyle und Tim tut es ihnen leid, doch nicht um Johnny. Mit einer gewissen Genugtuung beobachten sie sein Leiden und seinen aussichtslosen Kampf mit seinen Schuldgefühlen. Sie besuchen auch ihre Eltern und die ihrer Freunde und stellen fest, dass das Leben ohne sie weitergeht bzw. weitergehen muss. Während die Eltern von Tim und Kyle froh sind, dass ihre Kinder überlebt haben, versuchen die Eltern der Toten, mit ihrer Trauer fertigzuwerden. Es hat sich ein trauriger Automatismus eingestellt, der nach dem Verlust eines geliebten Kindes die einzige Chance auf Normalität und ein Antrieb zum Weitermachen ist.

Ein schrecklicher Plan

Der Tag neigt sich dem Ende, als Danielle, Chris und Marco bemerken, dass der in sich gekehrte Tim einen furchtbaren Plan gefasst hat, der auch Kyle und – wenn auch unbeabsichtigt – Johnny mit einbezieht. Sie müssen zusehen, wie sich an dem Tag, an dem sich ihr grauenhafter Unfall jährt, eine erneute Katastrophe anbahnt, die ihre Heimatstadt ein weiteres Mal erschüttern wird…

O’Nans Halloween: Ein schauriger Blick in menschliche Abgründe

Dieser Gänsehaut-Roman des amerikanischen Meistererzählers Stewart O’Nan ist wirklich eine Klasse für sich. Ich muss gestehen, dass ich kein großer Fan von Geistergeschichten bin, aber diese hat mich in ihren Bann gezogen. Der Autor lässt die Toten lebendig werden und sie mit der Welt der Lebenden verschmelzen. Doch während die Toten verstörend lebendig sind, wirken die Lebenden innerlich erloschen. Sie alle rekapitulieren auf ihre ganz eigene Weise die Nacht, die alles veränderte und die sie zu dem gemacht hat, was sie jetzt sind. Es gibt kein Zurück, sondern nur ein Hier und Jetzt, das von den dunklen Schatten der Vergangenheit dominiert wird.

In seiner einzigartigen Geschichte thematisiert O’Nan mit seinem unnachahmlichen, soghaften Erzählstil die großen Themen Schuld und Verlust und gewährt einen schaurigen Blick in menschliche Abgründe. Die Psychogramme der Protagonisten Tim und Johnny sind dem Autor ganz besonders gelungen. Die erschreckende Intensität dieser Hauptfiguren macht den Roman zu einem unheimlichen Leseerlebnis sondergleichen, das bis zum dramatischen Ende in Atem hält.

Stewart O’Nan: Namhafter amerikanischer Schriftsteller mit einem Faible für das Obskure

Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh/Pennsylvania geboren und wuchs in Boston auf. Nach seinem ersten Studium arbeitete er zunächst als Flugzeugingenieur in New York. Anschließend studierte er an der Cornell University Literaturwissenschaften und dozierte nach seinem Abschluss an den Universitäten in Central Oklahoma, New Mexico und am Trinity College in Hartford/Connecticut. Heute lebt er mit seiner Familie wieder in seiner Geburtsstadt Pittsburgh.

O’Nan hat eine Vielzahl von Romanen und Kurzgeschichten, aber auch einige Sachbücher verfasst. Für seinen zweiten Roman, Snow Angels (Engel im Schnee), erhielt er 1993 sogar den renommierten Pirate’s Alley Faulkner Prize. In Kooperation mit Stephen King, den O’Nan schon als Figur in sein rasantes Buch The Speed Queen einbaute, schrieb er die 2012 publizierte Erzählung A Face in the Crowd, bei der er sein Faible für dunkle, mysteriöse Geschichten offenbart.

Sehr erfolgreich wurde auch O’Nans Roman Westlich des Sunset aufgenommen, der die letzten Jahre des Golden Boy, wie man den amerikanischen Schriftsteller F. Scott Fitzgerald nannte, als Drehbuchautor in Hollywood in den Fokus stellt. Mit Tiefgang und Poesie rekonstruiert der Autor Fitzgeralds letztes Aufbegehren gegen seinen unausweichlichen Abstieg und stellt dabei dessen eisernen Willen, trotz widriger Umstände und trotz aller Verzweiflung niemals aufzugeben, in den Vordergrund.

O’Nans jüngstes Buch, City of Secrets, ist im April letzten Jahres in den USA erschienen und handelt vom jüdischen Untergrund-Widerstand in Jerusalem nach dem 2. Weltkrieg. Ich werde es auf jeden Fall lesen und bin gespannt, was mich erwartet.

Weitere Informationen findet ihr auf der Website des Autors https://stewart-onan.com oder auf der deutschen Fansite http://www.stewart-onan.de.

Die biografischen und bibliografischen Angaben sind den o.g. Websites und den Verlagsinformationen entnommen.


Originalausgabe: O’Nan, Stewart. The Night Country. New York: Farrar, Straus and Giroux, 2003.
Deutsche Ausgabe: O’Nan, Stewart. Halloween. Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH, 2004.
Buchcover: www.rowohlt.de