Die Totgeglaubte

Guillaume Musso: Das Mädchen aus Brooklyn

Die Romane von Guillaume Musso habe ich alle verschlungen. Nacht im Central Park ist dabei immer meine Nr. 1 geblieben – doch dann habe ich sein neuestes Buch Das Mädchen aus Brooklyn gelesen, und seitdem habe ich zwei literarische Favoriten. Was für eine unglaublich gut gemachte und hochspannende Tour de Force, auf die der Autor seine Leser mit dieser unvergleichlichen Geschichte schickt! Zeit zum Luftholen bleibt da nicht, denn die packende Story entwickelt sich viel zu rasant und viel zu dramatisch, als dass man sie auch nur eine Minute aus der Hand legen könnte. Und dabei beginnt alles so romantisch – wie in einem längst aus der Mode gekommenen alten Liebesroman, bei dem die Welt noch in Ordnung ist…

Die Frau seiner Träume

Der Schriftsteller Raphaël Barthélémy verbringt ein paradiesisches Wochenende mit der Frau seiner Träume, Anna Becker, einer Kinderärztin, an der Côte d’Azur. Nach dem Scheitern seiner Ehe mit einer karriereorientierten Wissenschaftlerin ist sich der alleinerziehende Vater sicher, mit Anna nicht nur die richtige Partnerin, sondern auch eine liebevolle Ersatzmutter für Söhnchen Theo gefunden zu haben. Doch nach seiner schlechten Beziehungserfahrung ist er misstrauisch und möchte unbedingt mehr über Annas Vergangenheit erfahren, um nicht wieder eine Enttäuschung zu erleben. Bisher hat Anna auf alle seine diesbezüglichen Fragen ausweichend oder gar nicht geantwortet, was ihn stutzig macht. Hinzu kommt ihre fast panische Abneigung gegen das Fotografiert-werden und ihre absolute Ablehnung aller Social Media. Doch Raphaël ist überzeugt, dass es dafür bestimmt eine nachvollziehbare Erklärung gibt.

Ein schockierendes Geständnis

In der entspannten Wochenendstimmung wagt Raphaël einen erneuten Anlauf, der jedoch in einen handfesten Streit mündet, denn Anna reagiert genervt und äußerst feindselig. Aber Raphaël ist dieses Mal nicht bereit, das Thema unter den Tisch fallen zu lassen. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung zeigt Anna ihm schließlich ein Foto auf ihrem Handy und offenbart: „Das habe ich getan!“ Raphaël stockt der Atem, denn das Bild zeigt drei furchtbar zugerichtete verkohlte Leichen. Völlig entsetzt läuft er davon, nur um sich dann nach dem ersten Schock eines Besseren zu besinnen und zum Urlaubsapartment zurückzukehren. Doch Anna ist nicht mehr da. Hals über Kopf fährt Raphaël nach Paris zurück, doch auch dort kann er sie weder finden noch auf dem Handy erreichen. In seiner Verzweiflung bittet er seinen Freund Marc Caradec, einen ehemaligen Elitepolizisten, um Hilfe, dessen Spürsinn sofort geweckt ist. Als sie schließlich in Annas Apartment nach Hinweisen auf ihren Aufenthaltsort suchen wollen, zeigen sich Spuren eines Einbruchs. Raphaël ist außer sich vor Sorge und macht sich große Vorwürfe. Er ist sich mittlerweile sicher, dass Anna etwas zugestoßen ist, und auch sein Freund Marc ahnt nichts Gutes.

Eine ungeheuerliche Entdeckung

Nach langen, nervenaufreibenden Recherchen finden Raphaël und Marc unter Annas ganz privaten Sachen, die sie in einer gemieteten Box aufbewahrt hat, nicht nur eine Tasche mit sehr viel Geld, sondern auch zwei gefälschte Pässe. Raphaël ist fassungslos und trotz aller Sorge um Anna maßlos enttäuscht, denn für ihn sind dies alles Indizien dafür, dass seine Traumfrau in kriminelle Machenschaften verstrickt ist. Dennoch bittet er Marc, seine Ermittlungen fortzusetzen. Und auch ihm lässt Annas Schicksal keine Ruhe: Seine akribische Suche führt ihn schließlich bis nach New York, wo er in Harlem eine ungeheuerliche Entdeckung macht: Anna Becker ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Claire Carlyle, das totgeglaubte Opfer eines Serientäters, der sie und zwei andere Mädchen entführt und in seinem Haus monatelang gefangen hielt. Bei einem Feuer, so nahm die Polizei an, kamen alle Opfer und der Täter ums Leben. Raphaël ist völlig entsetzt und kann es nicht glauben, denn wenn all dies wirklich stimmt, wie gelang Claire die Flucht und ein Neubeginn mit einer falschen Identität? Und wer trachtet ihr jetzt nach dem Leben, wo der Täter schon seit vielen Jahren tot ist? Die Spur führt Raphaël immer tiefer in Annas altes Leben und zu einem mächtigen Gegner, der alle Hebel in Bewegung setzt, um sie zum Schweigen zu bringen…

Ein nervenaufreibender Pageturner mit fulminantem Showdown

Mussos Das Mädchen aus Brooklyn ist ein spannungsgeladener und ausgeklügelter Thriller, der mich restlos begeistert hat. In dieser raffiniert konzipierten Geschichte ist nichts vorhersehbar – es gibt viele falsche Fährten, auf die man auch als thriller-erfahrener Leser noch aufspringt, weil man überzeugt ist, dass man dieses Mal auf der richtigen Spur ist. Doch Musso belehrt uns immer wieder eines Besseren, indem er kontinuierlich neue Fallen auslegt. Dies macht denn auch den ganz besonderen Reiz dieses Romans aus, der bis zur letzten Seite fesselt.

Ein weiteres Highlight sind Mussos exzellent entwickelte Hauptfiguren, Raphaël, Marc und Anna, wobei Marc meines Erachtens am besten gelungen ist. Sein Lebensdrama, das sich allmählich vor unseren Augen in Flashbacks entfaltet, ist von ganz besonderer Dramatik. Ohne zu viel zu verraten, lässt sich sagen, dass dieser fiktive Charakter neben Anna mit Abstand der vielschichtigste des ganzen Romans ist, denn er ist einer der Protagonisten, dessen Wahrheit wir erst ganz am Ende kennenlernen. Der fulminante Showdown, mit dem der Roman endet, involviert alle Akteure und hält eine weitere unvorhersehbare Wendung bereit, die den verborgenen Nukleus der Geschichte offenbart.

Mein Fazit: Ein dramatischer Thriller der Extraklasse – unbedingt lesenswert!

Guillaume Musso: Französischer Bestseller-Autor ersten Ranges

Guillaume Musso wurde 1974 in Antibes geboren. Als Sohn einer Bibliothekarin entdeckte er schon früh seine Leidenschaft für Literatur und verbrachte oft den Großteil seiner Ferien in der Bibliothek seiner Mutter. Als er mit 15 einen Kurzgeschichten-Wettbewerb gewann, beschloss er, Schriftsteller zu werden. Doch mit 19 zog es ihn zunächst nach New York und New Jersey, wo er mehrere Monate lebte und u.a. als Eisverkäufer arbeitete. Er studierte danach Wirtschaftswissenschaften und arbeitete nach seinem Studienabschluss als Dozent und Gymnasiallehrer. Durch einen schweren Autounfall, der mit einem Nahtoderlebnis einherging, widmete er sich dann ganz seiner Passion und veröffentlichte im Januar 2004 sein erstes Buch mit dem Titel Et Après (Ein Engel im Winter), das es direkt auf die französischen Bestsellerlisten schaffte und mit dem ihm der Durchbruch als Schriftsteller gelang. Der Roman wurde 2008 mit John Malkovich und Romain Duris in den Hauptrollen verfilmt und ist wirklich sehenswert.

Musso, der abwechselnd in Paris und Antibes lebt und arbeitet, hat in der Zwischenzeit noch 13 weitere Romane (u.a. Wirst du da sein?, Das PapiermädchenSieben Jahre später, mein Favorit Nacht im Central Park, Vierundzwanzig Stunden u.v.m.) veröffentlicht, die von den Lesern begeistert aufgenommen und ebenfalls zu Bestsellern wurden. Mittlerweile haben sich seine Romane weltweit über 22 Mio. mal verkauft und werden in ca. 40 Sprachen übersetzt. Musso zählt neben Marc Levy zu den meistgelesenen französischen Schriftstellern.

Wenn Musso nicht gerade Romane schreibt, ist er ein Vielleser. In einem sehr ausführlichen Interview auf seiner unten aufgeführten Website verrät er seine Lieblingsschriftsteller und seine bevorzugten Romane, wie z.B. Die Schöne des Herrn – Albert Cohen, Der Husar auf dem Dach – Jean Giono, Misery – Stephen King, Der Vorleser – Bernhard Schlink, Gone Girl – Gilian Flynn und Abbitte – Ian McEwan. Ein wahrer Fan ist Musso von seinem französischen Schriftsteller-Kollegen Jean-Christophe Grangé, der mit Thrillern wie Schwarzes Requiem oder Lontano sein Publikum in Atem hält. Eine ausführlichere Auswahl seiner literarischen Favoriten bzw. Inspirationen findet ihr hier: http://www.guillaumemusso.com/mes-inspirations/livres/.

Mussos neuester Roman Un appartement à Paris, der im März dieses Jahres in Frankreich veröffentlicht wurde, erscheint im Juni 2018 unter dem Titel Das Atelier in Paris in Deutschland. Ich bin schon sehr gespannt.

Weitere Informationen über Guillaume Musso findet ihr auf seiner Website www.guillaumemusso.com.


Originalausgabe: Musso, Guillaume. La fille de Brooklyn. Paris: XO Éditions, 2016.
Deutsche Ausgabe: Musso, Guillaume. Das Mädchen aus Brooklyn. Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn und Bettina Runge. München: Pendo Verlag/Piper Verlag GmbH, 2017.
Buchcover: www.piper.de

Die Rückkehr der Geister

Stewart O’Nan: Halloween

Passend zum Tag der Geister habe ich eine ganz besondere Buchempfehlung für euch, die es in sich hat. Wer jetzt jedoch angesichts des Titels einen blutigen Splatter-Roman erwartet, liegt falsch, denn Stewart O’Nans brillanter Roman Halloween ist ein vielschichtiger, gespenstiger Psychothriller, der unter die Haut geht. Bedrückende Schauereffekte unterstreichen die düstere Atmosphärik des Buches, die sich auch am fulminanten Ende nicht auflöst. Der Roman spielt in Avon/Connecticut: Es ist Halloween, und die Geister von drei Teenagern – Danielle, Chris, genannt Toe, und Marco – kehren zurück in ihre Heimatstadt, wo sie vor einem Jahr bei einem Unfall auf dem Highway ums Leben kamen, den sie selbst durch viel zu schnelles Fahren verursachten.

Das Drama der Toten – das Schicksal der Lebenden

Zwei ihrer Freunde – Tim und Kyle – überlebten damals das schreckliche Unglück, doch ihr Leben ist seitdem nicht mehr dasselbe: Kyle, der unkonventionelle Rebell, ist schwer entstellt und auf dem geistigen Stand eines 5-jährigen, während Tim mit seinen immer gravierender werdenden Schuldgefühlen kämpft und innerlich völlig leer und ausgebrannt ist. Beide halten sich mit einem Aushilfsjob in einem Supermarkt über Wasser, das unsichtbare Band des grauenvollen Geschehnisses schweisst sie wie Brüder zusammen. Doch während Kyle unfähig ist, sich zu erinnern und von einem Tag zum anderen lebt, bringt Halloween für Tim die schrecklichen Erinnerungen zurück.

Gleiches gilt für Johnny Brooks, der Polizist, der sich damals eine wilde Verfolgungsjagd mit den fünf Jugendlichen auf dem Highway lieferte, als er versuchte, sie zu stoppen. Für den daraus resultierenden Unfall gibt er sich die Schuld, eine Last, die er kaum tragen kann. Seine Ehe scheiterte, und auch in seinem Job geht es abwärts mit ihm, denn die Bilder von damals verfolgen ihn mit derartiger Intensität, dass er halluziniert und sich in der Realität kaum noch zurecht findet. Immer wieder fährt er zum Unfallort und begutachtet den Baum, gegen den die Teenager mit so hoher Geschwingkeit prallten, dass Danielle, die aus dem Wagen geschleudert wurde, beinahe vollständig enthauptet wurde. Eine Rückkehr in sein altes Leben ist für Johnny ausgeschlossen, er fühlt sich als lebender Toter, der nur noch dahinvegetiert.

Traurige Normalität

Dies alles nehmen die drei Geister Danielle, Chris und Marco zur Kenntnis: Um Kyle und Tim tut es ihnen leid, doch nicht um Johnny. Mit einer gewissen Genugtuung beobachten sie sein Leiden und seinen aussichtslosen Kampf mit seinen Schuldgefühlen. Sie besuchen auch ihre Eltern und die ihrer Freunde und stellen fest, dass das Leben ohne sie weitergeht bzw. weitergehen muss. Während die Eltern von Tim und Kyle froh sind, dass ihre Kinder überlebt haben, versuchen die Eltern der Toten, mit ihrer Trauer fertigzuwerden. Es hat sich ein trauriger Automatismus eingestellt, der nach dem Verlust eines geliebten Kindes die einzige Chance auf Normalität und ein Antrieb zum Weitermachen ist.

Ein schrecklicher Plan

Der Tag neigt sich dem Ende, als Danielle, Chris und Marco bemerken, dass der in sich gekehrte Tim einen furchtbaren Plan gefasst hat, der auch Kyle und – wenn auch unbeabsichtigt – Johnny mit einbezieht. Sie müssen zusehen, wie sich an dem Tag, an dem sich ihr grauenhafter Unfall jährt, eine erneute Katastrophe anbahnt, die ihre Heimatstadt ein weiteres Mal erschüttern wird…

O’Nans Halloween: Ein schauriger Blick in menschliche Abgründe

Dieser Gänsehaut-Roman des amerikanischen Meistererzählers Stewart O’Nan ist wirklich eine Klasse für sich. Ich muss gestehen, dass ich kein großer Fan von Geistergeschichten bin, aber diese hat mich in ihren Bann gezogen. Der Autor lässt die Toten lebendig werden und sie mit der Welt der Lebenden verschmelzen. Doch während die Toten verstörend lebendig sind, wirken die Lebenden innerlich erloschen. Sie alle rekapitulieren auf ihre ganz eigene Weise die Nacht, die alles veränderte und die sie zu dem gemacht hat, was sie jetzt sind. Es gibt kein Zurück, sondern nur ein Hier und Jetzt, das von den dunklen Schatten der Vergangenheit dominiert wird.

In seiner einzigartigen Geschichte thematisiert O’Nan mit seinem unnachahmlichen, soghaften Erzählstil die großen Themen Schuld und Verlust und gewährt einen schaurigen Blick in menschliche Abgründe. Die Psychogramme der Protagonisten Tim und Johnny sind dem Autor ganz besonders gelungen. Die erschreckende Intensität dieser Hauptfiguren macht den Roman zu einem unheimlichen Leseerlebnis sondergleichen, das bis zum dramatischen Ende in Atem hält.

Stewart O’Nan: Namhafter amerikanischer Schriftsteller mit einem Faible für das Obskure

Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh/Pennsylvania geboren und wuchs in Boston auf. Nach seinem ersten Studium arbeitete er zunächst als Flugzeugingenieur in New York. Anschließend studierte er an der Cornell University Literaturwissenschaften und dozierte nach seinem Abschluss an den Universitäten in Central Oklahoma, New Mexico und am Trinity College in Hartford/Connecticut. Heute lebt er mit seiner Familie wieder in seiner Geburtsstadt Pittsburgh.

O’Nan hat eine Vielzahl von Romanen und Kurzgeschichten, aber auch einige Sachbücher verfasst. Für seinen zweiten Roman, Snow Angels (Engel im Schnee), erhielt er 1993 sogar den renommierten Pirate’s Alley Faulkner Prize. In Kooperation mit Stephen King, den O’Nan schon als Figur in sein rasantes Buch The Speed Queen einbaute, schrieb er die 2012 publizierte Erzählung A Face in the Crowd, bei der er sein Faible für dunkle, mysteriöse Geschichten offenbart.

Sehr erfolgreich wurde auch O’Nans Roman Westlich des Sunset aufgenommen, der die letzten Jahre des Golden Boy, wie man den amerikanischen Schriftsteller F. Scott Fitzgerald nannte, als Drehbuchautor in Hollywood in den Fokus stellt. Mit Tiefgang und Poesie rekonstruiert der Autor Fitzgeralds letztes Aufbegehren gegen seinen unausweichlichen Abstieg und stellt dabei dessen eisernen Willen, trotz widriger Umstände und trotz aller Verzweiflung niemals aufzugeben, in den Vordergrund.

O’Nans jüngstes Buch, City of Secrets, ist im April letzten Jahres in den USA erschienen und handelt vom jüdischen Untergrund-Widerstand in Jerusalem nach dem 2. Weltkrieg. Ich werde es auf jeden Fall lesen und bin gespannt, was mich erwartet.

Weitere Informationen findet ihr auf der Website des Autors https://stewart-onan.com oder auf der deutschen Fansite http://www.stewart-onan.de.

Die biografischen und bibliografischen Angaben sind den o.g. Websites und den Verlagsinformationen entnommen.


Originalausgabe: O’Nan, Stewart. The Night Country. New York: Farrar, Straus and Giroux, 2003.
Deutsche Ausgabe: O’Nan, Stewart. Halloween. Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH, 2004.
Buchcover: www.rowohlt.de

Zurück zu den Wurzeln

Alexander Oetker: Retour

Ein spannender frankophiler Kriminalroman mit viel Lokalkolorit – packend, bewegend und spritzig zugleich? Debütautor Alexander Oetker zeigt, wie es geht und legt mit Retour ein erfolgversprechendes Erstlingswerk vor, dessen Protagonist alle Attribute eines Kultkommissars besitzt. Commissaire Luc Verlain, Bon Vivant und Ladies‘ Man, liebt seinen Job als Leiter der 2. Pariser Mordkommission und genießt sein Leben in der pulsierenden französischen Metropole in vollen Zügen. Er hat ein Faible für exquisites Essen, Schweizer Zigaretten, schnelle Autos und schöne Frauen, die er gerne des Öfteren wechselt, denn eine feste Beziehung kommt für den überzeugten Junggesellen nicht in Frage.

Sorgenvolle Rückkehr

Als sein Vater, ein Austernfischer, unheilbar an Krebs erkrankt, ist es vorbei mit Lucs locker-leichtem Lebensstil. Da er ihn in seinem fragilen Zustand nicht allein lassen möchte, bittet Luc um zeitweilige Versetzung in seine alte Heimat Bordeaux (Region Aquitaine), die er vor ca. 15 Jahren als junger Polizist verlassen hatte, weil sie ihm zu provinziell und spießig erschien und er in Paris Karriere machen wollte, was ihm dann auch gelang. Sein Weg zurück nach Hause erfüllt ihn mit Unbehagen: Der nahende Tod seines Vaters bestürzt ihn, alte Erinnerungen, die er nur zu gerne beiseite geschoben hatte, kommen wieder hoch. Aber kaum angekommen, fühlt er sich, als wäre es nie weg gewesen. Alles ist so vertraut – die Umgebung, das Meer, die Menschen, die ihn freudig begrüßen, sogar seine Lieblingsläden sind noch da: Jacques‘ kleine Boulangerie und sein Lieblingsrestaurant La Plage, wo Patron Gaston mit seiner deutschen Frau noch immer lokale Köstlichkeiten serviert.

Mord am Strand

Aber viel Zeit zur Wiedereingewöhnung bleibt Luc nicht. Sein alter und neuer Chef Preud’homme erwartet seinen ehemaligen Lieblingsschüler schon voller Vorfreude, um ihn seinem neuen Team vorzustellen: Commandante Anouk Filipetti, die Luc auf Anhieb sympathisch und sehr attraktiv findet, Brigadier Hugo Pannetier, ehemaliges Mitglied der Spezialpolizei und der Mann fürs Grobe und Commissaire Etxeberria, gleichgestellter Leiter der Abteilung. Alle heißen ihn herzlich willkommen, bis auf Etxeberria, der keinen Hehl daraus macht, wie wütend er darüber ist, dass man ihm Luc vor die Nase gesetzt hat. Er fühlt sich übergangen und steht seinem neuen Kollegen äußerst feindselig gegenüber.

Doch dann geschieht ein Mord in der beschaulichen Region, der alle Eitelkeiten in den Hintergrund rücken lässt. Am Morgen nach einem Fest findet man die 17-jährige Caroline Derval tot am Strand. Luc und seinem Team bietet sich ein Bild des Grauens: Das Mädchen wurde brutal erschlagen – alles deutet auf eine Tat im Affekt. Während Carolines Mutter und ihr Stiefbruder Thomas die Todesnachricht tief erschüttert aufnehmen, hat ihr Vater, ein gewalttätiger Rassist, sofort den Schuldigen parat: Carolines Ex-Freund, der vorbestrafte Algerier Hakim, der die Trennung nie verwinden konnte.

Hexenjagd

Commissaire Etxeberria springt nur zu gern auf diesen Zug auf und lässt Hakim ohne Rücksprache mit Luc verhaften, nachdem man Blut auf der Kleidung des Jungen gefunden hatte. Luc ist außer sich und geht in die offene Konfrontation mit seinem Kollegen. Dieser ist jedoch völlig uneinsichtig und informiert – unüberlegt und vorschnell – die Presse über Hakims Verhaftung. Damit bringt er eine Lawine ins Rollen, denn als man Hakim mangels Beweisen wieder auf freien Fuß setzt, beginnt eine gnadenlose Hexenjagd auf den Jungen, der verzweifelt seine Unschuld beteuert. Luc und sein Team geraten in Lebensgefahr, als sie versuchen, Hakim vor dem aufgebrachten Mob zu beschützen und den wahren Täter zu entlarven, der scheinbar keine einzige Spur hinterlassen hat…

Spannender frankophiler Kriminalroman mit spritzigem Lokalkolorit

Mit Retour ist Alexander Oetker ein vielversprechender Start seiner Krimireihe um Commissaire Luc Verlain geglückt (Band 2 soll bereits in Arbeit sein). Auch wenn Verlain zunächst wie das personifizierte Männer-Klischee daherkommt, so ist Oetkers Protagonist doch weit davon entfernt, ein Stereotyp zu sein, denn auch bei ihm ist nicht alles easy-going. Unter seiner charmanten Oberfläche brodelt es des Öfteren, ein Trauma verfolgt ihn seit Jahren und lässt ihn nicht los. Mitzuerleben, wie sich Verlain weiterentwickelt ist ebenso spannend wie der rätselhafte Mordfall, den es zu lösen gilt.

Auch die anderen Figuren sind Oetker gut gelungen, allen voran Lucs Bordeaux-Team: Die selbstbewusste, natürliche Anouk, die das krasse Gegenteil von Verlains verwöhnten Geliebten ist, der bodenständige Hugo, der für seinen Job lebt und der gewöhnungsbedürftige Querkopf Etxeberria, der nicht nur Verlain mit seinen überhasteten Entscheidungen und Vorurteilen gehörig auf die Nerven geht.

Die Story ist spannend und dramatisch, plätschert aber zugleich auch so leicht und spritzig daher, dass Urlaubsstimmung aufkommt. Eine solche Dualität umzusetzen, ist prinzipiell schwierig, doch Oetker gelingt diese Gratwanderung. Bei Lektüre merkt man schnell, wie sehr Frankreich – und die französische Lebensart – dem Autor am Herzen liegen und wie gut er das Land, die politische Situation und die sozialen Verhältnisse dort kennt. Erschreckend real fängt er auch die steigende fremdenfeindliche Stimmung in Frankreichs sozialen Brennpunkten ein, die beängstigt.

All diese Aspekte machen den Roman zu einem fesselnden Leseerlebnis und zum verheißungsvollen Beginn einer neuen Romanserie, deren Erfolg meines Erachtens schon vorprogrammiert ist. Mein Fazit: Sehr empfehlenswert!

Alexander Oetker: Renommierter Korrespondent/Journalist und Debütautor

Alexander Oetker wurde 1982 als Sohn von August Oetker in Berlin geboren. Er ist gelernter Journalist und startete seine berufliche Karriere zunächst bei der Berliner Zeitung. Darüber hinaus arbeitete er für den Bayerischen Rundfunk und den Mitteldeutschen Rundfunk. Im Jahre 2000 begann er seine Laufbahn bei der RTL-Mediengruppe: Zuerst als Redaktionsassistent, später dann als Berlin-Korrespondent.

2008 – im Alter von nur 26 Jahren – gelang dem engagierten Journalisten ein bedeutender Karrieresprung: Die RTL-Gruppe inkl. Tochterunternehmen n-tv übertrug ihm die Leitung des Pariser Büros, von wo er bis 2011 aus Frankreich und den Benelux-Staaten berichtete. Heute ist Oetker politischer Korrespondent/Reporter des RTL-Hauptstadtbüros und in Berlin und Brüssel primär für die Europa- und Finanzpolitik zuständig. Doch nach Frankreich zieht es ihn immer wieder – seine lokalen Reportagen sind stets exzellent recherchiert und zeugen von fundiertem Wissen um die französische Politik, Kultur und Lebensart.

In seiner Freizeit reist Oetker sehr gerne: Sein Herzensland Frankreich, wie er es nennt, und auch Italien sind dabei die bevorzugten Ziele des leidenschaftlichen Surfers. Aber Berlin ist und bleibt die Heimat des weltoffenen Journalisten. Hier lebt er auch mit seiner Frau und seinem Sohn.

Weitere Informationen über den Autor findet ihr auf seiner Website www.alexanderoetker.de, der ich auch seine biografischen Angaben entnommen habe, und der stimmungsvollen, eigens für den Roman konzipierten Page inkl. Blog www.lucverlain.de.


Originalausgabe: Oetker, Alexander. Retour. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, 2017.
Buchcover: www.hoffmann-und-campe.de

Mein herzlicher Dank gilt dem Hoffmann und Campe Verlag, der mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Spurlos

Helen Callaghan: Dear Amy

Dieser Debütroman der britisch-amerikanischen Schriftstellerin Helen Callaghan war nach langer Zeit mal wieder ein Thriller, der mir eine schlaflose Nacht beschert hat. Ich wollte nur kurz den Anfang lesen, doch daraus wurde nichts. Die Story hat mich von der ersten Seite an derart gepackt, dass ich sie bis zum explosiven Finale nicht mehr aus der Hand legen konnte. Nicht umsonst hat man Dear Amy der Kategorie Premium Crime zugeordnet, denn diese qualitativ hochwertige und dramatische Geschichte mit ihren mysteriösen Wendungen und ihrer spektakulären Auflösung ist für mich bis jetzt definitiv d a s Highlight unter den Neuerscheinungen dieses Genres in 2017.

Mysteriöses Verschwinden einer Schülerin

Die Protagonistin des Romans ist die engagierte Lehrerin Margot Lewis, die am St. Hilda’s College in Cambridge klassische Philologie lehrt. Darüber hinaus führt sie bei der lokalen Zeitung The Examiner sehr erfolgreich die sogenannte Kummerkasten-Kolumne Dear Amy, wo sie insbesondere Heranwachsenden alle – wenn auch noch so abstrusen – Fragen des Lebens beantwortet. Als eine ihrer Schülerinnen, die 15-jährige Katie Browne, vom einen auf den anderen Tag spurlos verschwindet, ist Margot alarmiert. Da Katie als Problemkind gilt, liegt für die Polizei nahe, dass sie von zuhause ausgerissen ist, und somit hat der Fall für sie auch keine echte Priorität. Aber Margot will das nicht glauben, irgendetwas sagt ihr, dass Katie entführt wurde.

Briefe einer Toten?

Als sie eines Tages die Leserbriefe ihrer Kolumne durchgeht, stockt ihr der Atem: In einem Brief, geschrieben in einer kindlichen Schrift, fleht sie ein Mädchen um Hilfe an. Sie sei von einem fremden Mann entführt worden und fürchte nun um ihr Leben. Das Unheimliche daran ist jedoch der Name der Absenderin: Bethan Avery, ein Mädchen, das vor ca. 20 Jahren ebenso spurlose verschwand wie Katie und nach langer Suche schließlich für tot erklärt wurde, da man als Indiz ein blutiges Nachthemd gefunden hatte. Wie Katie war auch Bethan ein Problemkind, das als Tochter einer alleinerziehenden Drogensüchtigen zumeist bei ihrer Oma Peggy lebte. Als diese als Notfall ins Krankenhaus kam, wurde Bethan von einer Betreuerin sofort zu ihr gebracht, danach jedoch nie wieder gesehen.

Margot ist völlig aufgewühlt, aber nach einer Weile sagt sie sich, dass es sich hierbei nur um einen geschmacklosen Scherz handeln kann. Doch dann erhält sie weitere unheimliche Briefe von derselben Absenderin, die sie nicht loslassen und Panikattacken bei ihr auslösen. Sie beschließt, zur Polizei zu gehen, aber dort glaubt ihr niemand. Man hält es für mehr als unwahrscheinlich, dass die Briefe echt sind bzw. Bethan nach all den Jahren noch am Leben ist.

Unerwartete Hilfe

Als Margot schon beinahe aufgeben will, erhält sie eine Mail von Dr. Martin Forrester vom Institut für Kriminologie. Er bietet an, die Schrift der Briefe mit Bethans Tagebucheintragungen vergleichen und auf Authentizität prüfen zu lassen. Margot willigt ein, ihn zu treffen und übergibt ihm die Briefe. Ihr wird aber sehr schnell klar, dass auch Dr. Forrester berechtigte Zweifel an der Echtheit hat, denn wie sollte es Bethan nach so langer Zeit endlich gelungen sein, einen Brief hinter dem Rücken ihres Entführers zu versenden? Aber Dr. Forresters Gefühl sagt ihm, dass Margot Recht hat und hier etwas ganz und gar nicht stimmen kann. Er recherchiert auf eigene Faust weiter und schaltet zudem eine namhafte Psychologin ein. Die Polizei wird daraufhin hellhörig und stellt ebenfalls weitere Nachforschungen an.

Als Margot einen weiteren Brief erhält, in dem die mysteriöse Absenderin den Namen des Entführers offenbart, verliert sie komplett die Fassung. Ihre Panikattacken häufen sich, sie scheint nicht mehr sie selbst. Die beiden Entführungsfälle vereinnahmen sie zusehends, sie wird immer nervöser und hat rätselhafte Blackouts. Dr. Forrester erkennt, wie schlecht es um sie steht und möchte ihr um jeden Preis helfen. Aber Margot traut niemandem mehr, ihre einzige Sorge gilt Katie, die sie unbedingt retten will. Doch Margots Zustand ist besorgniserregend, sie hat sich nicht mehr unter Kontrolle, so dass Dr. Forrester, der sich in sie verliebt hat, schließlich nur einen – äußerst gefährlichen Ausweg – sieht, um Katie zu retten und das Geheimnis um Bethan zu entschlüsseln…

Grandioser Thriller mit spektakulärer Auflösung

Mit Dear Amy ist Helen Callaghan ein grandioses Romandebüt gelungen. In unterschiedlichen Handlungssträngen und aus unterschiedlichen Perspektiven (Margot, Katie, Entführer etc.) erzählt sie uns eine Geschichte, die anfangs schlicht unglaublich, am Ende jedoch so klar ist, dass man es als Leser kaum fassen kann. Wir (ver)zweifeln mit Margot, leiden mit Katie und tauchen darüber hinaus in die bizarre Gedankenwelt des Entführers ein, der scheinbar keine Fehler macht und mit allem davonkommt.

Während wir Margot zu Beginn als starke Persönlichkeit wahrnehmen, müssen wir im Laufe des Romans feststellen, dass sie immer undurchsichtiger und unglaubwürdiger wird. Wir können uns ihrer nicht mehr sicher sein und wissen – wie sie – nicht mehr, wem wir überhaupt trauen können. Da kommt Dr. Forrester als Fels in der Brandung gerade recht, doch ist es nicht gerade er, der uns an Margots Zurechnungsfähigkeit zweifeln lässt? Ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem Leser beginnt, das uns vereinnahmt und bis zum finalen Show-down nicht mehr loslässt.

Das ist ein Thriller ganz nach meinem Geschmack: Eine klug konzipierte, außergewöhnliche Geschichte, realitätsnahe Protagonisten und Hochspannung bis zur letzten Seite. Daher mein Fazit: Ein brillanter Pageturner, den man gelesen haben muss!

Helen Callaghan: Mit dem Erstlingswerk zur Bestseller-Autorin

Helen Callaghan wurde in Los Angeles als Tochter britischer Eltern geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend abwechselnd in den USA und Großbritannien. Als junge Erwachsene konnte sie sich nur schwer auf einen Beruf festlegen und testete zunächst unterschiedliche Jobs und Tätigkeiten aus – Krankenschwester, Barfrau und Schauspielschülerin -, bis sie schließlich als Buchhändlerin ihre Erfüllung fand. Sie arbeitete für unterschiedliche Buchhandlungen und war dort primär für den Belletristik-Bereich verantwortlich. Parallel dazu holte sie ihr Abitur auf der Abendschule nach und erhielt schließlich sogar einen Studienplatz für Archäologie an der renommierten University of Cambridge.

Die Schriftstellerei blieb jedoch ihr Steckenpferd, mit dem ihr der Durchbruch als Autorin schneller gelang als erwartet: Ihr Debütroman, Dear Amy, wurde zu einem absoluten Überraschungserfolg in Großbritannien, in nur kurzer Zeit gelang ihr der Sprung auf die Bestsellerlisten. Ich bin fest davon überzeugt, dass ihr dies mit ihrem erstklassigen Thriller auch in Deutschland mühelos gelingen wird, denn ihr Crime Drama ist einfach brillant.

In einem Interview mit ihrer Schriftsteller-Kollegin Gilly Macmillan (Perfect Girl) verriet Callaghan im Übrigen, dass sie bei der Konzeption ihrer Protagonistin Margot Lewis stets Sigourney Weaver als furchtlose Offizierin Ellen Ripley (Alien) vor Augen hatte. Das komplette Interview findet ihr hier: https://www.droemer-knaur.de/leselounge/9298142/.

Wie die Autorin auf ihrer Website www.helencallaghan.co.uk berichtet, lebt sie mit ihrem Hamster Aleister und Unmengen von Büchern in Cambridge, wo sie auch arbeitet. Sie hat darüber hinaus einen Blog, den ihr auf ihrer Homepage findet und auf dem sie über ihren Roman, die Schriftstellerei an sich und über Dinge, die sie gelesen oder recherchiert hat, berichtet. So erfährt man u.a., dass Callaghan ein Faible für alte Herrenhäuser hat, mit denen sie literaturbedingt immer etwas Unheimliches bzw. Schauriges verbindet (z.B. Thornfield Hall aus Charlotte Brontës Jane Eyre oder Manderley aus Daphne du Mauriers Rebecca). Ein solches hat sie natürlich auch in ihren Roman Dear Amy eingebaut. Lasst euch überraschen und lest selbst.


Originalausgabe: Callaghan, Helen. Dear Amy. London: Penguin, 2016.
Deutsche Ausgabe: Callaghan, Helen. Dear Amy. Aus dem Englischen von Heike Reissig. München: Droemer Knaur GmbH & Co. KG, 2017.
Buchcover: www.droemer-knaur.de