Ein Klassiker zum Fest

Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten

Als Buchempfehlung zu Weihnachten habe ich in diesem Jahr einen Krimi-Klassiker der Queen of Crime, Agatha Christie, ausgewählt. Obwohl die liebenswert-schrullige Miss Marple für mich die unumstrittene Nr. 1 ihrer literarischen Figuren ist, möchte ich euch heute meinen Romanfavoriten der X-Mas Crime Novels mit Christies zweitbeliebtesten Protagonisten, dem belgischen Detektiv Hercule Poirot, vorstellen, der meines Erachtens äußerst gelungen ist und den ich zur frostigen Jahreszeit immer wieder gerne lese, obwohl ich die Auflösung schon längst kenne. Ich liebe die spitzfindigen Dialoge, Poirots eigentümlichen Humor, der nicht auf viel Gegenliebe bei seinen britischen Kollegen stößt und natürlich die ganz speziellen Twists and Turns, die der spannenden Geschichte ihre besondere Note verleihen.

Familientreffen in Gorston Hall

Zu Weihnachten lädt der alte tyrannische Patriarch Simeon Lee seine gesamte Familie auf seinen idyllischen Landsitz nach Gorston Hall ein. Dies überrascht niemanden mehr als seinen Sohn Alfred und dessen Frau Lydia, die mit ihm unter einem Dach leben. Während Alfred überzeugt ist, dass sein dominanter Vater altersmilde geworden ist und zum Fest die Nähe seiner Lieben sucht, weiß Lydia es besser: Sie glaubt nicht an das Harmoniebedürfnis ihres Schwiegervaters, der den ganzen Tag nichts Besseres zu tun hat, als sie und Alfred zu schikanieren und wie Haussklaven zu behandeln. Sie ahnt, dass der Alte etwas im Schilde führt und sieht den Feiertagen mit sehr gemischten Gefühlen entgegen.

Insbesondere Alfreds Wiedersehen mit seinem Bruder David bereitet Lydia Kopfzerbrechen, denn David verachtet seinen Vater, der in seinen Augen durch seine ständigen Affären für den frühen Tod seiner Mutter verantwortlich ist. Alfreds bedingungsloser Gehorsam gegenüber seinem Vater ist ihm ein Dorn im Auge, und so kommt es zwischen den beiden Brüdern bei ihren seltenen Treffen stets zu unschönen Auseinandersetzungen. Auch Davids bodenständige Frau Hilda vermag da kaum zu schlichten. Darüber hinaus ist die Beziehung von Alfred und David zu ihrem geld- und machtbesessenen Bruder George, ein Parlamentsabgeordneter, ebenfalls nicht unproblematisch, denn Georges Lebensart und seine monetäre Gier finden sie höchst dekadent. Hinzu kommt ihre gemeinsame Ablehnung von Magdalene, Georges Ehefrau, die ein Luxusweibchen par excellence ist und gemeinsam mit ihrem Gatten hofft, eines Tages ein beträchtliches Erbe zu erhalten.

Unerwartete Überraschungsgäste

Womit sie jedoch alle nicht rechnen, ist, dass Simeon auch seinen lang verschollenen Sohn Harry, das schwarze Schaf der Familie, eingeladen hat, mit dem er viele Jahre im Streit lag. Die Familie ist empört über die Rückkehr des Taugenichts, doch Simeon hat noch einen weiteren Überraschungsgast parat: Die in Spanien lebende Pilar Estravados, seine Enkelin und Spross seiner verstorbenen Tochter Jennifer, die er – zum Entsetzen aller – gerne zukünftig an seiner Seite wissen möchte. Last but not least gesellt sich noch ein unerwarteter Besucher hinzu: Stephen Farr, der Sohn eines alten Geschäftspartners von Simeon, den er ebenfalls bittet, über Weihnachten sein Gast zu sein.

Mysteriöser Mord hinter verschlossenen Türen

Kurz vor Heiligabend ist die Stimmung alles andere als weihnachtlich. Alte Feindseligkeiten brechen auf und lassen für das Fest der Liebe wenig Gutes erahnen. Als dann der diabolisch schlecht gelaunte Simeon in einem Telefonat mit seinem Anwalt auch noch lautstark kundtut, dass er sein Testament so schnell wie möglich ändern möchte, hat er – ohne es auch nur im geringsten zu ahnen – bereits sein Todesurteil unterschrieben: Am späten Abend finden ihn sein Sohn Harry und Stephen, aufgeschreckt durch einen grauenvollen Schrei und fürchterliches Poltern, mit durchschnittener Kehle in seinem von innen verschlossenen Zimmer, das sie nur mit großer Kraftanstrengung aufbrechen konnten.

Inspector Sugden, der sich während der Tat ebenfalls im Haus der Lees aufhielt, bittet den belgischen Meisterdetektiv Hercule Poirot, der gerade, wie der Zufall es will, zu Gast bei Sugdens Vorsetztem, Colonel Johnson, ist, um Unterstützung bei der Auflösung des mysteriösen Falles. Dies lässt sich Poirot natürlich nicht zwei Mal sagen, doch auch für ihn ist dieser Mord hinter verschlossenen Türen eine echte Herausforderung. Fast alle Anwesenden haben einen Motiv, sie alle verstricken sich in Widersprüche, doch Poirot lässt sich nicht von Oberflächlichkeiten täuschen. Und so kommt er schließlich einem ungeheuerlichen Familiengeheimnis auf die Spur, das selbst einen erfahrenen Ermittler wie ihn in blankes Erstaunen versetzt…

Whodunit at its best

Dieser 24. Kriminalroman von Agatha Christie ist für mich ein echtes Lesehighlight, denn er verfügt über alle Elemente, die eine gute Crime Story ausmachen: Einen grandiosen Meisterdetektiv, ein obskurer Mord in einem verschlossenen Raum und natürliche viele undurchsichtige Verdächtige, die alle auf die eine oder andere Art in den Fokus der Ermittlungen geraten. So kann man als Leser wunderbar mit kombinieren und seine eigenen Schlüsse ziehen, die jedoch am Ende alle in Schall und Rauch aufgehen, denn die grandiose Auflösung kann man auch als Krimi-Erprobter in keiner Weise vorhersehen. Daher mein Fazit: Ein Glanzstück der besten Kriminalschriftstellerin aller Zeiten – unbedingt lesenswert!

Agatha Christie: Großbritanniens ungekrönte Queen of Crime

Die 1890 in Torquay/Devon geborene britische Autorin Agatha Christie zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Literaturgeschichte. Berühmt wurde sie vor allem mit ihren kongenialen Kriminalromanen, 66 an der Zahl, mit denen sie ihre Leser zuhauf begeisterte. Ihre beliebtesten Protagonisten sind mit Abstand die couragierte Hobby-Detektivin Miss Marple, die dem verstaubten Klischee der alten Jungfer einen herrlich erfrischenden Anstrich gab, und natürlich der o.g. britische Meisterdetektiv Hercule Poirot, dessen rasiermesserscharfer Verstand neben seinem gewöhnungsbedürftigen Sinn für Humor sein wichtigstes Markenzeichen ist.

Auch als Verfasserin von Bühnenstücken wurde Christie weltberühmt: Mit Die Mausefalle gelang ihr ein Klassiker, der bis zum heutigen Tage unübertroffen und das am längsten laufende Theaterstück der Welt ist. Darüber hinaus schrieb sie auch Kurzgeschichten und romantische Erzählungen, die sie unter dem Pseudonym Mary Westmacott veröffentlichte.

Insgesamt verkaufte Agatha Christie mehr als vier Milliarden Bücher weltweit. Für ihr literarisches Werk und ihre außerordentlichen Verdienste um die englische Literatur verlieh ihr die Queen 1971 den Titel Dame Commander of the British Empire, eine der höchsten Auszeichnungen des Landes.

Zahlreiche ihrer Romane wurden verfilmt, darunter Das Böse unter der Sonne, Mord im Orient-Express und Tod auf dem Nil, in denen der unvergleichliche Sir Peter Ustinov und der renommierte Mime Albert Finney Christies Poirot Leben einhauchten und ihn unsterblich machten. Gleiches gilt für die wunderbare Margret Rutherford, die als Miss Marple wie keine andere brillierte und im Duo mit dem von Stringer Davis so liebenswert porträtierten Mr. Stringer auf ihre ganz eigene – leicht verschrobene – Weise so manchen rätselhaften Mordfall löste.

Auch heute erfreuen sich Agatha Christies Werke noch immer sehr großer Beliebtheit. Seit 2014 veröffentlicht z.B. der Hamburger Atlantik-Verlag ihre Kriminalromane in neuer Übersetzung und in originellem Design – eine wahre Augenweide.

Darüber hinaus stehen auch immer wieder neue Verfilmungen ihrer Romane an: Der großartige britische Shakespeare-Schauspieler und Regisseur Kenneth Branagh realisierte jüngst seine Version des Klassikers Mord im Orient-Express mit einer Besetzung, die Rang und Namen hat: Neben Branagh, der als Poirot eine Meisterleistung abliefert (und dies ist schon eine gewaltige Herausforderung bei berühmten Vorgängern wie Ustinov, Finney und Suchet), sind Schauspielgrößen wie Judi Dench, Derek Jacobi, Willem Dafoe und Penelope Cruz zu sehen. Alles in allem ein wirklich ganz besonderes Film-Erlebnis!

Weitere Informationen über Agatha Christie findet ihr auf folgenden Websites: www.agathachristie.com und www.agathachristie125.de, der ich auch ihre biografischen Angaben entnommen habe.


Originalausgabe: Christie, Agatha. Hercule Poirot’s Christmas. London: HarperCollins, 2008.
Deutsche Ausgabe: Christie, Agatha. Hercule Poirots Weihnachten. Aus dem Englischen von Michael Mundhenk. Hamburg: Atlantik Verlag/Hoffmann & Campe Verlag GmbH, 2015.
Cover: www.hoffmann-und-campe.de

Kampf der Buchgenres – Fokus: Klassiker

Auch in diesem Monat mache ich gerne wieder bei der einzigartigen Blogparade Kampf der Buchgenres, die Nicole von Smalltownadventure und Jana von Lifetime Hours ins Leben gerufen haben, mit. Jeden Monat wird ein bestimmtes Buchgenre thematisiert – im September sind es Klassiker, im Oktober Kinderbücher, im November Erotikromane und im Dezember Fremdsprachige Bücher.

Wie ihr an das Thema herangeht, bleibt euch überlassen. Ob ihr generell über das Genre schreibt oder eure Lieblingsbücher dieses speziellen Literaturbereichs vorstellt, könnt ihr selbst entscheiden. Immer am 15. eines Monats wird über das entsprechende Genre gebloggt, und ihr habt dann vier Wochen Zeit, um euren Beitrag zu veröffentlichen – natürlich mit Verlinkung zu Nicoles und Janas Blogs. Am 15. Januar 2017 ziehen die beiden Initiatorinnen dann ein Fazit und berichten u.a., welches Genre das beliebteste unter den Bloggern ist und welche genrespezifischen Bücher bzw. welche Autoren empfohlen wurden. Ich bin schon sehr gespannt auf die Auswertung.

Das Thema in diesem Monat ist, wie oben aufgeführt, Klassiker. Dieses Genre liebe ich sehr, ich habe eine komplette Sammlung von deutschen, englischen/amerikanischen und französischen Klassikern, die ich von Zeit zu Zeit immer mal wieder gerne lese. Mein Lieblingsklassiker ist Der große Gatsby von F. Scott Fitzgerald. Diesen Roman habe ich euch aber bereits im Rahmen der Blogparade #liebu – Lieblingsbuch vorgestellt. Daher habe ich heute zwei weitere Klassiker – Frankenstein von Mary Shelley und Sturmhöhe von Emily Brontë – für euch ausgesucht, die für mich zu den besten Romanen zählen, die je geschrieben wurden.

Frankenstein

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Mary Shelley: Frankenstein oder Der neue Prometheus

Mary Shelleys Frankenstein oder Der neue Prometheus zählt zu den Klassikern der Weltliteratur, und doch wird das Buch heute kaum noch gelesen. Viele assoziieren mit dem Namen Frankenstein fälschlicherweise das bekannte Monster mit grünlichem Gesicht und überdimensionalem eckigem Kopf, wie es von Boris Karloff 1931 erstmals im Film verkörpert wurde und nicht den Arzt und Protagonisten, dessen Namen der Roman trägt. Die Wenigsten kennen diesen erstklassigen, effektvollen Schauerroman und seine einzigartige Autorin Mary Shelley, die das Buch 1818 im Alter von nur 21 Jahren anonym veröffentlichte. Vor diesem Hintergrund habe ich auch dieses spannungsreiche, außergewöhnliche Buch ausgewählt, denn es ist einfach zu ideenreich, lebendig und geistvoll, um in Vergessenheit zu geraten.

Viktor Frankenstein: Zwischen Ehrgeiz und Größenwahn

Der Roman schildert die dramatische Lebensgeschichte des Schweizer Arztes Viktor Frankenstein, die in Rückblicken erzählt wird – teils im Stil eines Briefromans und teils in der Ich-Erzählung. Der ambitionierte Forscher Robert Walton, der zu einer Expedition in die Arktis aufgebrochen war, um eine Passage zum Nordpol zu finden, wird mit seinem Schiff und seiner Crew vom Eis eingeschlossen. Während sie darauf warten, ihre Forschungsreise fortsetzen zu können, nähert sich ein völlig entkräfteter Mann ihrem Schiff: Viktor Frankenstein. Walton nimmt ihn an Bord und pflegt ihn, bis es ihm wieder etwas besser geht. Alarmiert durch den maßlosen Ehrgeiz, den Walton an den Tag legt, erzählt ihm Frankenstein seine Geschichte, die ebenfalls von unbändigem Ehrgeiz geprägt war, der ihn schließlich ins Verderben stürzte.

Experiment mit grausigem Resultat

Viktor Frankenstein ist ein hochintelligentes Kind mit einem enormen Wissensdrang, das sehr behütet aufwächst. Mit 17 Jahren studiert er an der Universität in Ingolstadt Naturwissenschaften. Von unglaublichem Ehrgeiz getrieben, findet er schließlich heraus, wie man tote Materie wieder zum Leben erweckt. Doch das ist ihm nicht genug, und er möchte dieses Experiment unbedingt an Menschen ausprobieren. Er arbeitet bis zur totalen Erschöpfung an diesem wahnwitzigen Plan und näht schließlich Leichenteile zu einem Körper zusammen, den er – gottgleich – mit Elektrizität u.ä. wieder zum Leben erwecken will. Das Experiment gelingt, doch das Resultat ist grausig: Seine Kreatur ist so abstoßend hässlich und angsteinflößend, dass Viktor voller Panik aus seinem Labor flieht. Er erkrankt an Nervenfieber, wird aber von seinem Freund Henry gesund gepflegt. Seine Kreatur scheint verschwunden, und Viktor versucht, sein normales Leben wieder aufzunehmen.

Unbarmherzige Rache der verstoßenen Kreatur

Da erreicht ihn die Nachricht, dass sein kleiner Bruder William ermordet wurde. Völlig verzweifelt kehrt Viktor nach Hause zurück und erblickt bei seiner Ankunft zu seinem Entsetzen seine Kreatur. Er weiß sofort, dass nur sie den Mord begangen haben kann. Doch dies ist erst der Beginn des ungleichen Kampfes zwischen Frankenstein und seinem Geschöpf, denn es tötet in unbändiger Wut auf den „Vater“, der es verstieß, alle Menschen, die Frankenstein liebt. Frankenstein, der nur noch Rache und seine Kreatur tot sehen will, jagt sie bis in die Eiswüsten der Arktis, wo es dann zur finalen Begegnung von Schöpfer und Geschöpf kommt, die in einer Katastrophe endet…

Grenzen der Wissenschaft

Mary Shelleys Roman Frankenstein mit seiner kontroversen Thematik hat auch heute nichts von seiner Brisanz und Aktualität verloren. Fragen im Hinblick auf die Grenzen der Wissenschaft unter Berücksichtigung moralischer und ethischer Aspekte stehen nach wie vor im Fokus der Öffentlichkeit. Mary Shelley zeichnet Viktor Frankenstein als Inbegriff des von seiner Idee, Gott zu spielen, besessenen Forschers, der in keiner Sekunde die Folgen seines Handelns reflektiert und den seine Selbstüberschätzung und sein Hochmut schließlich zu Fall bringen. Einzig seine Schuldgefühle und seine Reue sprechen für ihn, aber er kann seine Tat nicht mehr ungeschehen machen. Er verstößt seine ihn abstoßende Kreatur, wie ein Vater sein ungeliebtes Kind, das sich schließlich aus Enttäuschung und Wut gegen seinen Schöpfer wendet. Frankenstein ist somit auch ein moderner Prometheus, wie es auch im Titel des Buches heißt, der sich wie die mythologische Gestalt über Zeus bzw. Gott stellt und dafür hart bestraft wird. Am Ende bezahlt auch Frankenstein einen hohen Preis für seine Hybris, denn er verliert nicht nur die Menschen, die er liebt, sondern auch sein Leben.

Das Buch ist von dem berühmten irischen Schauspieler und Shakespeare-Mimen Kenneth Branagh brillant verfilmt worden, er war zugleich Regisseur und Hauptdarsteller. Meine Rezension zu dieser großartigen werkgetreuen Adaption findet ihr hier: http://amillionpages.de/2015/04/19/kenneth-branaghs-frankenstein-verfilmung/

Mary Shelley: Tochter eines berühmten Paares und unangepasster Freigeist

Mary Shelley wurde 1797 als Tochter des englischen Philosophen und politischen Schriftstellers William Godwin und der berühmten Feministin Mary Wollstonecraft in London geboren. Ihre Mutter lernte sie nie kennen, denn sie starb kurz nach Marys Geburt. Sie wurde von ihrem Vater aufgezogen, in dessen umfangreicher Bibliothek die begeisterte Leserin genügend Lesestoff fand, um ihren Wissensdurst zu stillen.

Skandalöse Liebe

Renommierte Dichter und Denker wie Samuel Taylor Coleridge und William Wordsworth gingen im Haus des Vaters ein und aus und so lernte sie auch den jungen non-konformistischen Dichter Percy Bysshe Shelley, einen Studenten ihres Vaters, kennen, in den sie sich Hals über Kopf verliebte. Beide brannten durch und verließen England – ein Skandal, denn Shelley war verheiratet. Ihr Vater brach daraufhin für einige Zeit den Kontakt zu Mary ab. Mary und Percy bereisten Europa, waren jedoch stets von Geldproblemen geplagt.

Die Villa Diodati am Genfer See: Hier entstand Frankenstein

Den Sommer 1816 verbrachten Mary, ihre Stiefschwester Claire, Percy, der berühmte Dichter Lord Byron und sein Leibarzt John Polidori in der Villa Diodati am Genfer See. Da das Wetter aufgrund eines Vulkanausbruchs äußerst schlecht war, hielten sich alle im Haus auf. Um sich die Zeit zu vertreiben, beschlossen sie, dass jeder von ihnen eine Schauergeschichte schreiben sollte, die dann in der illustren Runde vorgelesen würde. Während die anderen Dichter nicht sehr erfolgreich waren, verfasste Mary ihren unvergleichlichen Roman Frankenstein, der ein sensationeller Erfolg wurde.

Herbe Schicksalsschläge

Nach dem Selbstmord seiner Frau heiratete Percy Mary. 1818 veröffentlichte Mary dann anonym ihr Werk Frankenstein, das begeistert aufgenommen wurde. Mary musste im Laufe ihres kurzen Lebens viele Schicksalsschläge verkraften: Sie verlor drei Kinder und schließlich auch noch ihren Ehemann, der bei einem Segelausflug ertrank. Mary Shelley widmete die letzten Jahres ihres Lebens dem Nachlass ihres Mannes und schrieb noch einige Romane, um sich und ihren einzigen Sohn zu finanzieren. Sie starb im Jahr 1851 an einem Gehirntumor.

Die beste Informationsquelle über Mary Shelley ist für mich Miranda Seymours gleichlautende Biografie http://www.mirandaseymour.com/maryshelley.htm.

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Emily Brontë: Sturmhöhe (Wuthering Heights)

Dieser Roman zählt für mich zu den bedeutsamsten tragischen Liebesgeschichten aller Zeiten. Als ich diesen Klassiker der englischen Literatur damals zu Beginn meines Studiums gelesen habe, fand ich die fesselnde Geschichte zugleich romantisch und verstörend. Dieser Eindruck ist bis heute geblieben. Ich lese den Roman gerne von Zeit zu Zeit immer mal wieder, und er hat für mich trotz mehrmaliger Lektüre nichts von seiner Faszination verloren. Im Übrigen verbinde ich mit diesem Meisterwerk der Gothic Tradition immer auch Kate Bushs gleichlautendes Lied Wuthering Heights, das sie mit ihrer geisterhaft hohen Stimme perfekt interpretiert.

Skandal und Zumutung für die Leser der damaligen Zeit

Als der Roman 1847 unter Emily Brontës männlichem Pseudonym Ellis Bell erschien, war die hochmoralische viktorianische Gesellschaft schockiert: Die Schilderung dieser leidenschaftlichen, unkonventionellen und letztendlich zerstörerischen Liebe der beiden Protagonisten Catherine und Heathcliff, die in den Augen der Leser in ihrer Intensität und Grausamkeit nur von einem verdorbenen männlichen Autor erdacht sein worden konnte, empfand man als Skandal und Zumutung. Und so verkaufte sich der Roman anfänglich nicht sehr gut und wurde trotz einiger verhalten positiver Rezensionen weitestgehend ignoriert. Selbst Charlotte Brontë, Emilys berühmte Schwester und Autorin des Klassikers Jane Eyre, verwies in ihrem Vorwort zur Neuausgabe des Werks ihrer Schwester unmissverständlich darauf, dass es ihr unbegreiflich sei, wie man eine solche Kreatur wie Heathcliff erfinden konnte1.

Heute zählt Sturmhöhe zu den Literaturklassikern, während Emily Brontë als eine der besten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts gilt, die mit ihrem für die viktorianische Zeit innovativen Schreibstil ein einmaliges Werk geschaffen hat, das von Generation zu Generation begeistert rezipiert wird.

Das tragisch verknüpfte Schicksal der Familien Earnshaw und Linton

Der Roman spielt im englischen Yorkshire und erzählt die Geschichte der Familien Earnshaw und Linton über zwei Generationen. Der große soziale Unterschied der Familien spiegelt sich bereits in ihrem Lebensumfeld wider: Während sich das Anwesen der Earnshaws – Wuthering Heights – auf einer Anhöhe in der wild anmutenden Hochmoor-Landschaft der Region befindet, liegt das Herrenhaus der reichen Lintons – Thrushcross Grange – in einem idyllischen Tal.

Als Mr. Earnshaw eines Tages den kleinen aus Liverpool stammenden Waisenjungen Heathcliff als neues Familienmitglied mit nach Hause bringt, ist seine Familie alles andere als begeistert. Während Earnshaws Sohn Hindley Heathcliff schikaniert, wo er nur kann, nimmt Catherine (Cathy) ihn mit offenen Armen auf. Die beiden Kinder sind unzertrennlich und spielen in jeder freien Minute zusammen. Die Haushälterin Nelly, die Heathcliff anfangs sehr merkwürdig findet, nimmt sich ebenfalls seiner an und behütet ihn.

Doch dann stirbt der alte Earnshaw, der Heathcliff immer vor Hindleys Schikanen beschützt hatte, und Heathcliffs heile Welt zerfällt. Hindley sieht sich am Ziel seiner Wünsche: Er degradiert Heathcliff zum Knecht und behandelt ihn wie Abschaum. Cathys enge Bindung zu Heathcliff ist Hindley ein besonderer Dorn im Auge, aber Cathy lässt sich von Hindley nichts vorschreiben und trifft sich auch weiterhin mit Heathcliff, der in ihren Augen nicht nur ihre andere Hälfte, sondern auch ihr Seelenverwandter ist, denn beide sind wilde, ungestüme Wesen, die sich nicht einschränken lassen.

Heathcliff und Catherine: Obsessive Liebe und grenzenloser Hass

Heathcliffs Liebe zu Cathy manifestiert sich und auch Cathys Gefühle für Heathcliff werden stärker. Als jedoch der junge Linton-Erbe Edgar Cathy einen Heiratsantrag macht, nimmt sie diesen zur Überraschung aller an. Vor allem Haushälterin Nelly ist klar, dass Cathy Edgar nicht liebt, sondern die Ehe lediglich als Ausweg sieht, um sich von ihrem mittlerweile stets alkoholisierten Bruder zu befreien. Heathcliff ist entsetzt und zutiefst getroffen. Als er dann noch zufällig hört, wie Cathy Nelly anvertraut, dass sie Edgar zwar nicht liebt, aber eine Ehe mit Heathcliff aufgrund des gesellschaftlichen Unterschiedes für sie ausgeschlossen ist, verlässt er Wuthering Heights völlig verzweifelt und außer sich vor Wut, ohne nochmals mit Cathy zu sprechen. Cathy verfällt daraufhin in eine tiefe Depression, heiratet Edgar aber trotz allem und zieht mit ihm nach Thrushcross Grange.

Nach drei Jahren kehrt Heathcliff als reicher Mann und nobler Gentleman zurück und ist fest entschlossen, Cathy allen Widerständen zum Trotz zu seiner Frau zu machen. Er taucht unangemeldet bei Cathy und Edgar auf und macht aus seinen Absichten keinen Hehl. Während Edgar außer sich ist, verfällt Catherine Heathcliff erneut. Doch sie weiß, dass es für sie und Heathcliff kein Happyend geben darf, denn sie ist von Edgar schwanger. Als sie Heathcliff dies mitteilt, beginnt er in rasender Wut einen gnadenlosen und grausamen Rachefeldzug gegen die Familien Earnshaw und Linton, der auch vor der Liebe seines Lebens keinen Halt macht…

Kontroverse Charaktere im Spiegel ihrer Zeit

Während Emily Brontës Werk in unserer heutigen Zeit vor allem durch seine sehr individuell und modern gezeichneten Charaktere Heathcliff und Cathy überzeugt, waren die beiden Protagonisten für die zeitgenössischen Leser ein Affront. Man konnte sich in keiner Weise mit ihnen identifizieren, denn die willensstarken und unkonventionellen literarischen Figuren passten nicht in das moralische Schema des Viktorianismus.

Heathcliff: Düsterer Byronic Hero und charismatischer Antiheld

Dies gilt vor allem für Heathcliff, der als Inbegriff des Byronic Hero (benannt nach dem berühmten Dichter Lord Byron) gilt, ein zynisch-arroganter Antiheld, für den nur seine Regeln in der Welt gelten und der auf seine Umwelt aufgrund seiner egozentrischen Ausstrahlung und seines Charismas zugleich abstoßend und faszinierend wirkt. Doch obwohl Brontë Heathcliff primär als dunklen Charakter angelegt hat, zeigt vor allem seine bedingungslose Liebe zu Cathy, die ihn zu einem Gefangenen seiner selbst macht und ihn schließlich ins Verderben führt, dass seine leidenschaftlichen Gefühle trotz seiner kalten und schroffen äußeren Hülle nie erloschen sind.

Catherine: Weibliche Antiheldin und aufbegehrender Freigeist

Auch die weibliche Hauptfigur entspricht in keiner Weise dem damaligen Frauenbild. Mit Cathy als wilder, aufbegehrender Freigeist hat Emily Brontës zwar eine starke Protagonistin geschaffen, doch am Ende lässt sie ihre Figur an den strengen Konventionen ihrer Zeit und an ihrer tragischen Liebe zu Heathcliff scheitern. Dies macht die einzigartige Liebesgeschichte umso berührender, denn Brontë veranschaulicht auf beeindruckende Weise, dass es für leidenschaftliche Individuen keinen Platz in der damaligen Gesellschaft gab und man ihnen jedes Recht auf Liebe und Glück verwehrte.

Wilde Natur als Seelenspiegel

Was ich neben der außergewöhnlichen Geschichte besonders beeindruckend finde, ist, dass Emily Brontë ihr gewähltes Setting der wilden, schroffen und winddurchzogenen Hochmoorlandschaft Yorkshires als Seelenspiegel zur inneren Aufruhr und Zerrissenheit ihrer beiden Hauptcharaktere verwendet. Das ist ihr derart exzellent gelungen, dass der Leser bei vielen Landschaftsbeschreibungen das Gefühl hat, sie beschreibe gleichzeitig den aufgewühlten Gemütszustand ihrer Charaktere.

Die beste Verfilmung dieses Romans ist meines Erachtens die Adaption von Peter Kosminsky mit Ralph Fiennes und Juliette Binoche in den Hauptrollen. Nähere Informationen findet ihr hier: http://amillionpages.de/2015/09/24/filmtipp-stuermische-leidenschaft-mitralph-fiennes-und-juliette-binoche/

Emily Brontë: Exzentrische Eigenbrötlerin und passionierte Schriftstellerin

Emily Brontë wurde 1818 in Thornton/Yorkshire als mittlere Schwester der berühmten Brontë-Schriftstellerinnen Charlotte und Anne geboren. Nach dem Tod ihrer Mutter zogen sie nach Haworth, das im Herzen von Yorkshires wilder Hochmoorlandschaft liegt, und wurden von ihrem Vater, einem strengen irischen Pfarrer, und einer sehr religiösen Tante erzogen. Zusammen mit ihren verbliebenen Geschwistern (ihre Schwestern Maria und Elizabeth starben bereits in früher Kindheit), Charlotte und Anne, sowie ihrem Bruder Branwell schrieb Emily schon früh Geschichten und Gedichte. Die Kinder wurden von ihrem Vater zuhause unterrichtet und insbesondere Emily, Charlotte und Anne verfügten über eine für die damalige Zeit sehr gute Bildung für Frauen.

Lehrerin und Hausfrau

Mit 20 arbeitete Emily zunächst als Lehrerin an der Law Hill School in Halifax, doch aus gesundheitlichen Gründen musste sie ihre Stelle bereits ein Jahr später aufgeben. Danach widmete sie sich erst mal ausschließlich dem heimischen Haushalt, bevor sie 1842 gemeinsam mit ihrer Schwester Charlotte einen Auslandsaufenthalt im Héger Pensionnat in Brüssel wagte, wo sie Französisch und Deutsch studierten. Nach dem Tod ihrer Tante mussten sie jedoch zu ihrem Vater nach England zurückkehren.

Erste Veröffentlichung

1846 veröffentlichten die Schwestern unter ihren männlichen Pseudonymen Currer, Ellis und Acton Bell den gemeinsamen Gedichtband Poems, der jedoch keinen Anklang fand. Ein Jahr später wurde Emilys einziger Roman Sturmhöhe (Wuthering Heights) unter ihrem o.g. Pseudonym publiziert, der die viktorianische Öffentlichkeit schockierte. Die Autorin ließ sich zwar davon nicht entmutigen, doch einen weiteren Roman konnte sie leider nicht mehr verfassen: Sie starb 1848 im Alter von nur 30 Jahren an einer Lungenentzündung bzw. an Tuberkulose, da sie jegliche ärztliche Behandlung verweigerte.

Das kostbare Vermächtnis der naturverbundenen Einsiedlerin

Emily Brontë galt als introvertierte, willensstarke und manchmal schroffe Persönlichkeit, die es ihrer Umwelt nicht immer einfach gemacht haben soll. Sie liebte Tiere, die Natur und wanderte oft durch die windige Moorlandschaft. Ihr einziger Roman Wuthering Heights bleibt ihr kostbares Vermächtnis: Er spiegelt nicht nur ihre ganz besondere Sicht der menschlichen Natur und den fatalen Einfluss rigider gesellschaftlicher Zwänge wider, sondern ist zugleich Ausdruck ihres Wunsches nach Freiheit und Eigenbestimmung. Der späte große Erfolg ihres Romans, den sie leider nicht mehr miterleben durfte, reflektiert die immense Würdigung ihres Werkes, dessen leidenschaftliche Ausdrucksstärke die Zeit überdauert hat.2

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Dies waren meine Empfehlungen zum Thema Klassiker. Vielleicht habt ihr ja auch Lust, bei dieser außergewöhnlichen Blogparade mitzumachen und verratet uns eure Lieblinge der klassischen Literatur. Je mehr Empfehlungen, desto besser!


Brontë, Emily. Sturmhöhe. Köln: Anaconda Verlag GmbH, 2009.

Informationsquellen über Emily Brontë und Wuthering Heights:
1Brontë, Emily. Wuthering Heights: Authoritative Text, Backgrounds, Criticism. Ed. William M. Sale, Jr. and Richard J. Dunn. 3rd ed. A Norton Critical Edition. New York: Norton, 1990.
2Maletzke, Elsemarie/Schütz, Christel (Hrsg.). Die Schwestern Brontë. Frankfurt am Main: insel taschenbuch, 2007.

Shelley, Mary. Frankenstein oder Der neue Prometheus. Köln: Anaconda Verlag GmbH, 2009.

Die Hölle der Mrs. Rochester

Jean Rhys: Die weite Sargassosee

Dieser einzigartige Klassiker, den ich euch heute vorstellen möchte, hat meine Sicht auf einen meiner Lieblingsromane des Viktorianismus – Jane Eyre von Charlotte Brontë – grundlegend verändert, denn bis dato zählte der düstere Protagonist mit der romantischen Seele, Edward Rochester, in den Jane Eyre sich hoffnungslos verliebt, zu meinen favorisierten literarischen Anti-Helden. Charlotte Brontë zeichnete ihn als einsamen, verbitterten Mann, der seine wahnsinnige Frau Bertha auf dem Dachboden seines Herrenhauses Thornfield Hall vor aller Welt versteckt hält, um sie vor sich selbst zu beschützen. Bertha, die aus der Karibik stammt, beschreibt Brontë als völlig außer Kontrolle geratene, gewalttätige Frau, die Rochester das Leben zur Hölle macht.  Mehr erfährt der Leser über diese mysteriöse Frau nicht.

Die tragische Geschichte der Mrs. Rochester

In ihrem großartigen Roman Die weite Sargassosee gibt Jean Rhys Rochesters wahnsinniger Frau, der „Mad Woman in the Attic“1, eine Stimme und erzählt ihre tragische Lebensgeschichte, die sowohl Bertha als auch Rochester in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt. Als ich den Roman das erste Mal las, war ich von Jean Rhys‘ literarischer Ausdruckskraft begeistert: Sie ist eine geniale Erzählerin, die diese Vorgeschichte von Jane Eyre so brillant konzipiert hat, dass man als Leser das Gefühl hat, die beiden Romane seien parallel zueinander entstanden, obwohl dies nicht der Fall ist (Jane Eyre wurde 1847 veröffentlicht, Wide Sargasso Sea 1966).

Traumatisiertes Kind und willensstarke Heranwachsende

Der Bewußtseinsroman, der im Jamaika des 19. Jahrhunderts und in England spielt, besteht aus drei Teilen: Teil 1 entfaltet sich auf Coulibri, einer einst glanzvollen, aber nun heruntergekommenen Plantage auf Jamaika. Die Protagonistin Antoinette Cosway (so lautet der richtige Name von Bertha, Rochester hatte ihr diesen weniger wohlklingenden Namen gegeben, weil ihm Antoinette nicht gefiel) erzählt von tragischen und unglücklichen Ereignissen ihrer Kindheit und Jugend, die von der Krankheit ihres kleinen Bruders und der mentalen Instabilität ihrer Mutter geprägt waren. Darüber hinaus fühlt sich Antoinettes Familie von der wachsenden Feindseligkeit der Schwarzen, die nach der Abschaffung der Sklaverei zu Recht aufbegehren, mehr und mehr bedroht, bis schließlich eine Katastrophe über sie hereinbricht, nach der nichts mehr so ist wie es war.

Die fremde karibische Ehefrau

In Teil 2 lässt Rhys die Leser abwechselnd in Rochesters, dessen Namen Rhys nie erwähnt, und Antoinettes Gedankenwelt eintauchen. Beide berichten von ihren unterschiedlichen Eindrücken ihrer Hochzeitsreise nach Granbois/Dominica. Für Rochester war es keine Liebesheirat, und er gibt zu, dass seine Frau für ihn eine Fremde ist, deren Ansichten und Umfeld er nicht versteht. Für ihn ist sie ein „Produkt“ der Karibik, das absolut unenglisch ist und mit dem er nicht das Geringste gemeinsam hat. Als er dann auch noch einen Brief erhält, in dem Antoinette und ihre Mutter auf das Übelste diffamiert werden, steht seine Meinung fest: Er muss diese ungezähmte Wilde, deren Sinnlichkeit ihm unheimlich ist, in ihre Schranken weisen. Doch Antoinette, die sich in Rochester verliebt hat, ist nicht gewillt, so schnell aufzugeben. Sie bittet ihre alte Nanny Christophine, die Vodoo praktiziert und Antoinettes Ehemann verabscheut, ihm ein Mittel unterzumischen, das ihn in leidenschaftlicher Liebe zu ihr entbrennen lässt. Doch ihr Plan geht schief und Rochester setzt alles daran, um seine Frau endgültig zu brechen.

Die Gefangene

Teil 3 ist der kürzeste und für mich berührendste Teil des Romans, der besonders unter die Haut geht. Rhys lässt uns in Antoinettes Bewußtseinsstrom eintauchen, die von Rochester nach England gebracht wurde und nun in einem geheimen kalten Dachzimmer auf seinem englischen Landsitz vor sich hin vegetiert. Erinnerungsfetzen an die besonderen Blumendüfte, das Meer, die Wärme und die wunderbaren Farben der Karibik vermischen sich mit abgrundtiefer Verzweiflung und Aussichtslosigkeit. Doch ein Funke Rebellion in ihr ist geblieben:  Immer wenn ihre strenge Aufpasserin, die Dienstmagd Grace Poole, schläft, verlässt sie ihr Gefängnis und erkundet das Haus, obwohl sie weiß, dass es für sie kein Entkommen gibt. Und so entschließt sie sich letztendlich, den einzigen Ausweg auf Selbstbestimmung zu wählen, der ihr geblieben ist..

Ein Meisterwerk von berührender psychologischer Tiefe

Dieser Roman ist ein großartiges Psychogramm einer Frau des 19. Jahrhunderts, deren innere Zerrissenheit durch die destruktiven Mechanismen ihres gleichgültigen und vorurteilsbehafteten Ehemanns forciert wird und sie schließlich zu einem einsamen und verzweifelten Wesen macht, dem man nur allzu gerne das Etikett „wahnsinnig“ anheftet. Von der leidenschaftlichen Frau, die ihr leuchtend rotes Kleid mit so viel Stolz trug, ist nichts geblieben – außer der Erinnerung an glückliche Momente, die mehr und mehr verblassen. Die weite Sargassosee ist aber auch ein ebenso gelungenes Psychogramm Rochesters, das ungewöhnliche Einblicke in die männliche Gedankenwelt der damaligen Zeit eröffnet und dieser literarischen Figur eine ganz andere Dimension gibt. Alles in allem ist Jean Rhys mit diesem Roman ein Meisterwerk gelungen, das für mich ein absolutes Must Read ist – auch wenn ihr Jane Eyre nicht gelesen habt.

Jean Rhys: Das bewegte Leben einer ungewöhnlichen Schriftstellerin

Jean Rhys wurde als Ella Gwendolyn Rhys Williams 1890 in Roseau auf der Karibikinsel Dominica als Tochter eines walisischen Arztes und einer kreolischen Mutter geboren. Im Alter von 16 Jahren schickten ihre Eltern sie nach England, wo sie bei ihrer Tante lebte und in Cambridge zur Schule ging. Aufgrund ihres Akzents wurde sie ausgegrenzt und zur Außenseiterin. Als ihr Traum, Schauspielerin zu werden, scheiterte, arbeitete sie zunächst als Revuegirl. Nach dem Tod ihres Vaters im Jahre 1910 lebte sie am existentiellen Limit und arbeitete u.a. als Aktmodell, um sich zu finanzieren.

1919 heiratete Rhys ihren ersten Mann (insgesamt war sie drei Mal verheiratet), den französisch-holländischen Journalisten Willem Lenglet, mit dem sie Europa bereiste. Sie hatten zwei Kinder –  einen Sohn, der jung starb, und eine Tochter. In den 20er Jahren, in denen sie u.a. auch in Paris lebte, begann sie zu schreiben. Der renommierte englische Schriftsteller/Verleger Ford Madox Ford, mit dem sie eine Affäre hatte, förderte sie. 1927 veröffentlichte sie ihre Kurzgeschichten The Left Bank and Other Stories, 1929 ihr Buch Quartet. Es folgten Romane wie After Leaving Mr. Mackenzie, Voyage in the Dark. Good Morning Midnight und Let Them Call it Jazz, von denen viele autobiografisch geprägt sind. Ich habe fast alle ihre Romane gelesen, denn ich mag ihre Art zu schreiben sehr. Besonders Voyage in the Dark kann ich euch sehr empfehlen.

Nachdem Rhys in den 40er Jahren komplett von der Bildfläche verschwand und nach Cornwall bzw. Devon in England gezogen war, gelang ihr 1966 mit dem hier vorgestellten Die weite Sargassosee (Wide Sargasso Sea) der endgültige Durchbruch als Schriftstellerin. Mit ihrem Erfolg, der in ihren Augen viel zu spät kam, haderte sie stets und blieb unbeeindruckt. Sie starb 1979 im Alter von 88 Jahren in Exeter, bevor sie ihre Autobiografie Smile Please: An Unfinished Autobiography vollenden konnte.

Weitere Einzelheiten über Jean Rhys findet ihr in der exzellenten Biografie Jean Rhys von Sanford Sternlicht (Syracuse University), die in der Reihe Twayne’s English Authors Series 1997 publiziert wurde und der ich die biografischen Details über die Schriftstellerin entnommen habe.


Originalausgabe: Rhys, Jean. Wide Sargasso Sea. London: André Deutsch Limited, 1966.
Deutsche Ausgabe: Rhys, Jean. Die weite Sargassosee. Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek. Frankfurt: Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, 2015.
Buchcover:
www.schoeffling.de

1Titel des Buches von Sandra Gilbert und Susan Gubar: The Mad Woman in the Attic: The Woman Writer and the Nineteenth-Century Literary Imagination. New Haven: Yale University Press, 2000.

Zerstörerische Liebe

9783866474314Emily Brontë: Sturmhöhe

Romantisch-verstörendes Meisterwerk des Viktorianismus

Dieser Roman zählt für mich zu den bedeutsamsten tragischen Liebesgeschichten aller Zeiten. Als ich diesen Klassiker der englischen Literatur damals zu Beginn meines Studiums gelesen habe, fand ich die fesselnde Geschichte zugleich romantisch und verstörend. Dieser Eindruck ist bis heute geblieben. Ich lese den Roman gerne von Zeit zu Zeit immer mal wieder, und er hat für mich trotz mehrmaliger Lektüre nichts von seiner Faszination verloren. Im Übrigen verbinde ich auch mit diesem Meisterwerk der Gothic Tradition immer Kate Bushs gleichlautendes Lied Wuthering Heights, das sie mit ihrer geisterhaft hohen Stimme perfekt interpretiert.

Skandal und Zumutung für die Leser der damaligen Zeit

Als der Roman 1847 unter Emily Brontës männlichem Pseudonym Ellis Bell erschien, war die hochmoralische viktorianische Gesellschaft schockiert: Die Schilderung dieser leidenschaftlichen, unkonventionellen und letztendlich zerstörerischen Liebe der beiden Protagonisten Catherine und Heathcliff, die in den Augen der Leser in ihrer Intensität und Grausamkeit nur von einem verdorbenen männlichen Autor erdacht sein worden konnte, empfand man als Skandal und Zumutung. Und so verkaufte sich der Roman anfänglich nicht sehr gut und wurde trotz einiger verhalten positiver Rezensionen weitestgehend ignoriert. Selbst Charlotte Brontë, Emilys berühmte Schwester und Autorin des Klassikers Jane Eyre, verwies in ihrem Vorwort zur Neuausgabe des Werks ihrer Schwester unmissverständlich darauf, dass es ihr unbegreiflich sei, wie man eine solche Kreatur wie Heathcliff erfinden konnte1.

Heute zählt Sturmhöhe zu den Literaturklassikern, während Emily Brontë als eine der besten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts gilt, die mit ihrem für die viktorianische Zeit innovativen Schreibstil ein einmaliges Werk geschaffen hat, das von Generation zu Generation begeistert rezipiert wird.

Das tragisch verknüpfte Schicksal der Familien Earnshaw und Linton

Der Roman spielt im englischen Yorkshire und erzählt die Geschichte der Familien Earnshaw und Linton über zwei Generationen. Der große soziale Unterschied der Familien spiegelt sich bereits in ihrem Lebensumfeld wider: Während sich das Anwesen der Earnshaws – Wuthering Heights – auf einer Anhöhe in der wild anmutenden Hochmoor-Landschaft der Region befindet, liegt das Herrenhaus der reichen Lintons – Thrushcross Grange – in einem idyllischen Tal.

Als Mr. Earnshaw eines Tages den kleinen aus Liverpool stammenden Waisenjungen Heathcliff als neues Familienmitglied mit nach Hause bringt, ist seine Familie alles andere als begeistert. Während Earnshaws Sohn Hindley Heathcliff schikaniert, wo er nur kann, nimmt Catherine (Cathy) ihn mit offenen Armen auf. Die beiden Kinder sind unzertrennlich und spielen in jeder freien Minute zusammen. Die Haushälterin Nelly, die Heathcliff anfangs sehr merkwürdig findet, nimmt sich ebenfalls seiner an und behütet ihn.

Doch dann stirbt der alte Earnshaw, der Heathcliff immer vor Hindleys Schikanen beschützt hatte, und Heathcliffs heile Welt zerfällt. Hindley sieht sich am Ziel seiner Wünsche: Er degradiert Heathcliff zum Knecht und behandelt ihn wie Abschaum. Cathys enge Bindung zu Heathcliff ist Hindley ein besonderer Dorn im Auge, aber Cathy lässt sich von Hindley nichts vorschreiben und trifft sich auch weiterhin mit Heathcliff, der in ihren Augen nicht nur ihre andere Hälfte, sondern auch ihr Seelenverwandter ist, denn beide sind wilde, ungestüme Wesen, die sich nicht einschränken lassen.

Heathcliff und Catherine: Obsessive Liebe und grenzenloser Hass

Heathcliffs Liebe zu Cathy manifestiert sich und auch Cathys Gefühle für Heathcliff werden stärker. Als jedoch der junge Linton-Erbe Edgar Cathy einen Heiratsantrag macht, nimmt sie diesen zur Überraschung aller an. Vor allem Haushälterin Nelly ist klar, dass Cathy Edgar nicht liebt, sondern die Ehe lediglich als Ausweg sieht, um sich von ihrem mittlerweile stets alkoholisierten Bruder zu befreien. Heathcliff ist entsetzt und zutiefst getroffen. Als er dann noch zufällig hört, wie Cathy Nelly anvertraut, dass sie Edgar zwar nicht liebt, aber eine Ehe mit Heathcliff aufgrund des gesellschaftlichen Unterschiedes für sie ausgeschlossen ist, verlässt er Wuthering Heights völlig verzweifelt und außer sich vor Wut, ohne nochmals mit Cathy zu sprechen. Cathy verfällt daraufhin in eine tiefe Depression, heiratet Edgar aber trotz allem und zieht mit ihm nach Thrushcross Grange.

Nach drei Jahren kehrt Heathcliff als reicher Mann und nobler Gentleman zurück und ist fest entschlossen, Cathy allen Widerständen zum Trotz zu seiner Frau zu machen. Er taucht unangemeldet bei Cathy und Edgar auf und macht aus seinen Absichten keinen Hehl. Während Edgar außer sich ist, verfällt Catherine Heathcliff erneut. Doch sie weiß, dass es für sie und Heathcliff kein Happyend geben darf, denn sie ist von Edgar schwanger. Als sie Heathcliff dies mitteilt, beginnt er in rasender Wut einen gnadenlosen und grausamen Rachefeldzug gegen die Familien Earnshaw und Linton, der auch vor der Liebe seines Lebens keinen Halt macht…

Kontroverse Charaktere im Spiegel ihrer Zeit

Während Emily Brontës Werk in unserer heutigen Zeit vor allem durch seine sehr individuell und modern gezeichneten Charaktere Heathcliff und Cathy überzeugt, waren die beiden Protagonisten für die zeitgenössischen Leser ein Affront. Man konnte sich in keiner Weise mit ihnen identifizieren, denn die willensstarken und unkonventionellen literarischen Figuren passten nicht in das moralische Schema des Viktorianismus.

Heathcliff: Düsterer Byronic Hero und charismatischer Antiheld

Dies gilt vor allem für Heathcliff, der als Inbegriff des Byronic Hero (benannt nach dem berühmten Dichter Lord Byron) gilt, ein zynisch-arroganter Antiheld, für den nur seine Regeln in der Welt gelten und der auf seine Umwelt aufgrund seiner egozentrischen Ausstrahlung und seines Charismas zugleich abstoßend und faszinierend wirkt. Doch obwohl Brontë Heathcliff primär als dunklen Charakter angelegt hat, zeigt vor allem seine bedingungslose Liebe zu Cathy, die ihn zu einem Gefangenen seiner selbst macht und ihn schließlich ins Verderben führt, dass seine leidenschaftlichen Gefühle trotz seiner kalten und schroffen äußeren Hülle nie erloschen sind.

Catherine: Weibliche Antiheldin und aufbegehrender Freigeist

Auch die weibliche Hauptfigur entspricht in keiner Weise dem damaligen Frauenbild. Mit Cathy als wilder, aufbegehrender Freigeist hat Emily Brontës zwar eine starke Protagonistin geschaffen, doch am Ende lässt sie ihre Figur an den strengen Konventionen ihrer Zeit und an ihrer tragischen Liebe zu Heathcliff scheitern. Dies macht die einzigartige Liebesgeschichte umso berührender, denn Brontë veranschaulicht auf beeindruckende Weise, dass es für leidenschaftliche Individuen keinen Platz in der damaligen Gesellschaft gab und man ihnen jedes Recht auf Liebe und Glück verwehrte.

Wilde Natur als Seelenspiegel

Was ich neben der außergewöhnlichen Geschichte besonders beeindruckend finde, ist, dass Emily Brontë ihr gewähltes Setting der wilden, schroffen und winddurchzogenen Hochmoorlandschaft Yorkshires als Seelenspiegel zur inneren Aufruhr und Zerrissenheit ihrer beiden Hauptcharaktere verwendet. Das ist ihr derart exzellent gelungen, dass der Leser bei vielen Landschaftsbeschreibungen das Gefühl hat, sie beschreibe gleichzeitig den aufgewühlten Gemütszustand ihrer Charaktere.

Emily Brontë: Exzentrische Eigenbrötlerin und passionierte Schriftstellerin

Emily Brontë wurde 1818 in Thornton/Yorkshire als mittlere Schwester der berühmten Brontë-Schriftstellerinnen Charlotte und Anne geboren. Nach dem Tod ihrer Mutter zogen sie nach Haworth, das im Herzen von Yorkshires wilder Hochmoorlandschaft liegt, und wurden von ihrem Vater, einem strengen irischen Pfarrer, und einer sehr religiösen Tante erzogen. Zusammen mit ihren verbliebenen Geschwistern (ihre Schwestern Maria und Elizabeth starben bereits in früher Kindheit), Charlotte und Anne, sowie ihrem Bruder Branwell schrieb Emily schon früh Geschichten und Gedichte. Die Kinder wurden von ihrem Vater zuhause unterrichtet und insbesondere Emily, Charlotte und Anne verfügten über eine für die damalige Zeit sehr gute Bildung für Frauen.

Lehrerin und Hausfrau

Mit 20 arbeitete Emily zunächst als Lehrerin an der Law Hill School in Halifax, doch aus gesundheitlichen Gründen musste sie ihre Stelle bereits ein Jahr später aufgeben. Danach widmete sie sich erst mal ausschließlich dem heimischen Haushalt, bevor sie 1842 gemeinsam mit ihrer Schwester Charlotte einen Auslandsaufenthalt im Héger Pensionnat in Brüssel wagte, wo sie Französisch und Deutsch studierten. Nach dem Tod ihrer Tante mussten sie jedoch zu ihrem Vater nach England zurückkehren.

Erste Veröffentlichung

1846 veröffentlichten die Schwestern unter ihren männlichen Pseudonymen Currer, Ellis und Acton Bell den gemeinsamen Gedichtband Poems, der jedoch keinen Anklang fand. Ein Jahr später wurde Emilys einziger Roman Sturmhöhe (Wuthering Heights) unter ihrem o.g. Pseudonym publiziert, der die viktorianische Öffentlichkeit schockierte. Die Autorin ließ sich zwar davon nicht entmutigen, doch einen weiteren Roman konnte sie leider nicht mehr verfassen: Sie starb 1848 im Alter von nur 30 Jahren an einer Lungenentzündung bzw. an Tuberkulose, da sie jegliche ärztliche Behandlung verweigerte.

Das kostbare Vermächtnis der naturverbundenen Einsiedlerin

Emily Brontë galt als introvertierte, willensstarke und manchmal schroffe Persönlichkeit, die es ihrer Umwelt nicht immer einfach gemacht haben soll. Sie liebte Tiere, die Natur und wanderte oft durch die windige Moorlandschaft. Ihr einziger Roman Wuthering Heights bleibt ihr kostbares Vermächtnis: Er spiegelt nicht nur ihre ganz besondere Sicht der menschlichen Natur und den fatalen Einfluss rigider gesellschaftlicher Zwänge wider, sondern ist zugleich Ausdruck ihres Wunsches nach Freiheit und Eigenbestimmung. Der späte große Erfolg ihres Romans, den sie leider nicht mehr miterleben durfte, reflektiert die immense Würdigung ihres Werkes, dessen leidenschaftliche Ausdrucksstärke die Zeit überdauert hat.2


Originalausgabe: Brontë, Emily. Wuthering Heights. Ware/GB: Wordsworth Classics/Wordsworth Editions Limited, 2000.
Deutsche Ausgabe: Brontë, Emily. Sturmhöhe. Aus dem Englischen von Gisela Etzel. Köln: Anaconda Verlag GmbH, 2009.
Informationsquellen über Emily Brontë und Wuthering Heights:
1Brontë, Emily. Wuthering Heights: Authoritative Text, Backgrounds, Criticism. Ed. William M. Sale, Jr. and Richard J. Dunn. 3rd ed. A Norton Critical Edition. New York: Norton, 1990.
2Maletzke, Elsemarie/Schütz, Christel (Hrsg.). Die Schwestern Brontë. Frankfurt am Main: insel taschenbuch, 2007.
Buchcover: www.anacondaverlag.com