Martyrium eines Freigeistes

Nell Leyshon: Die Farbe von Milch

Selten hat mich ein Roman in jüngster Zeit so berührt wie Nell Leyshons stilles Meisterwerk Die Farbe von Milch. Dies liegt nicht nur an der ganz besonderen Story, die in den Jahren 1830-31 spielt, sondern vor allem an der singulären Protagonistin Mary, eine junge Bauernmagd, deren tragisches Schicksal aus ihrer Perspektive auf ungewöhnliche Weise erzählt wird. Mit viel Einfühlungsvermögen, Empathie und Imagination lässt uns die Autorin an der Gedankenwelt der 15-jährigen teilhaben, die die dramatischen Begebenheiten ihres jungen Lebens in ihren eigenen Worten schildert. Wie sie gleich zu Anfang mitteilt, ist es ihr wichtigstes Anliegen, das, was ihr widerfahren ist, aufzuschreiben. Dies fällt ihr unsagbar schwer, denn sie kann noch nicht lange lesen und schreiben, da sie nie eine Schule besucht hat. Und so finden wir eine Geschichte vor, die – bis auf Punkte und Fragezeichen am Ende jeden Satzes – keinerlei Interpunktion beinhaltet und eine ungeschliffene Sprache aufweist. Und doch ziehen uns Marys Aufzeichnungen beinahe sogartig ins Geschehen, um uns dann bis zum Ende nicht mehr loszulassen.

Ein karges Leben

Die 14-jährige Mary lebt mit ihren Eltern, ihren drei Schwestern Violet, Beatrice und Hope sowie ihrem schwerkranken Großvater auf einem Bauernhof. Ihr Leben ist geprägt von schwerer Arbeit und bitterer Armut. Sie leidet sehr unter ihrem tyrannischen Vater, der sie, ihre Mutter und ihre Schwestern wie Sklaven behandelt und auch vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckt, um seine Position als despotischer Patriarch zu behaupten. Seine Töchter zur Schule zu schicken, fiele ihm nicht im Traum ein, zumal das Geld knapp ist und er so auf drei seiner wichtigsten Arbeitskräfte verzichten müsste, die er nach seinem Ermessen schikanieren kann. Insbesondere Mary bekommt seinen Zorn und seine Schläge des Öfteren zu spüren, denn sie ist durch ihr verkrüppeltes Bein körperlich eingeschränkt und kann nicht so hart arbeiten, wie er es gerne hätte. Zum anderen ist sie ein Freigeist, der die Natur liebt, gerne träumt und das Herz auf der Zunge trägt – ganz im Gegensatz zu ihren Schwestern, die sich stillschweigend fügen. Marys einzige Bezugsperson und ihr Seelenverwandter ist ihr kranker Großvater, den sie sehr liebt und den sie oft heimlich mit zusätzlichem Essen versorgt.

Ein neues Zuhause

Trotz all ihrer Entbehrungen ist Mary auf ihre Art glücklich und genießt ihre Momente der Stille und Harmonie in der Natur. Und so ist sie denn auch gar nicht begeistert, als ihr ihr Vater nach ihrem 15. Geburtstag verkündet, dass sie nicht mehr zuhause wohnen, sondern unter einem Dach mit Dorfpfarrer Graham und seiner Frau leben soll, die sehr krank ist und Hilfe benötigt. Am schlimmsten trifft Mary die Trennung von ihrem Großvater, doch ihre neue Aufgabe bringt sie schnell auf andere Gedanken. Während sie auf dem Bauernhof stets rund um die Uhr arbeitete, hat sie hier alle Zeit der Welt, denn die Pflege der Pfarrersfrau ist nicht sehr aufwendig. Mary weiß anfänglich nichts mit ihrer ungewohnten Freizeit anzufangen, aber nach und nach genießt sie ihre Gespräche mit der feinfühligen Pfarrersgattin, die sie nicht von oben herab behandelt, sondern wie eine Vertraute. Und auch die zumeist ans Bett gefesselte Schwerkranke blüht auf durch Mary Lebendigkeit und ihre Alltagsgeschichten vom Bauernhof, die sie frank und frei von der Seele (und mit mancherlei Kraftausdrücken) erzählt, und gewinnt neuen Lebensmut. Als der Pfarrer Mary dann auch noch erlaubt, ab und an ihre Familie zu besuchen, ist ihr Glück perfekt, denn ihren Großvater vermisst sie sehr und kann es nie erwarten, ihn wiederzusehen.

Ein dramatischer Leidensweg

Als die Pfarrersfrau plötzlich stirbt, ist Mary am Boden zerstört. Der Pfarrer bittet sie jedoch zu bleiben und verspricht, ihr nach der Arbeit Lesen und Schreiben beizubringen. Mary ist zögerlich, hat aber keine Wahl, denn sie selbst darf keine Entscheidungen treffen. Dies obliegt ihrem querulantischen Vater, der natürlich sofort einverstanden ist, denn er geifert nach jedem Cent, um sich und seine Familie durchzubringen. Und so beginnt für Mary nach kurzer Zeit ein unsagbares Martyrium, das sie – rückblickend – kaum in Worte fassen kann. Dass sie es dennoch mit den ihr gegebenen limitierten sprachlichen  Mitteln versucht, ist einzig und allein der Tatsache geschuldet, dass sie allen mitteilen möchte, wie sich die Tragödie, in die ihr junges Leben mündete, anbahnte und wie sie schließlich nur einen Ausweg sah, um sich zu befreien. Für diese Freiheit und Selbstbestimmung ist Mary bereit, den höchsten Preis zu zahlen, auch wenn er ihr das Kostbarste nimmt…

Ein tiefgründiger Roman über eine unbeugsame Libertine

Mit Die Farbe von Milch ist Nell Leyshon ein tiefgründiger Roman über eine mutige, unbeugsame Libertine in einer patriarchalisch geprägten Welt gelungen, der unter die Haut geht. Das Martyrium ihrer jungen Protagonistin Mary, die trotz aller äußeren Restriktionen, die ihre Standeslosigkeit und ihre Rolle als Frau in der damaligen Zeit mit sich bringen, innerlich frei ist und bis zum Ende bleibt, erzählt sie mit viel Feingefühl, Wärme und menschlicher Anteilnahme. Sehr gekonnt versetzt sich die Autorin in die Haut der freiheitsliebenden Analphabetin, die nicht nur aufgrund ihres verkrüppelten Beins in ihrem rohen Lebensumfeld als andersartig gilt.

Für ihren gesellschaftlichen Schlüssel zur Welt, das Lesen und Schreiben, wird von ihr das größte Opfer verlangt – eines, das sie nicht bereit ist zu geben, aber zu dem sie mit absoluter Rücksichtslosigkeit gezwungen wird. Doch Mary erkennt schnell, wie viel Macht das geschriebene Wort hat und nutzt dies in einem allerletzten Akt der Verzweiflung, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen, auch wenn sie ahnt, dass ihre Stimme ungehört bleibt. Die Gewissheit, die Freiheit für sich selbstbestimmt gewählt zu haben, erfüllt sie mit einem inneren Frieden, der ihr hilft, ihr Schicksal zu akzeptieren – so unbarmherzig es auch sein mag.

Mein Fazit: Ein großartiger, sehr bewegender Roman in einer schlichten, klaren und poetischen Sprache mit einer einzigartigen Protagonistin, die man nicht so schnell vergisst. Sehr lesenswert!

Nell Leyshon: Preisgekrönte Schriftstellerin und Theaterautorin

© Scott Lavene

Nell Leyshon wurde in Somerset/England geboren und wuchs in Glastonbury und Somerset Levels auf. Sie besuchte zunächst ein Kunst-College, bevor sie nach London zog und dort als Produzentin von TV-Werbespots arbeitete. Nach einem einjährigen Aufenthalt in Spanien begann sie ein Studium an der Universität von Southampton.

Der Schriftstellerei widmete sich Leyshon erst 1995. Gleich ihr erster Roman Black Dirt, der 2004 erschien, wurde ein voller Erfolg und schaffte den Sprung auf die Long List des renommierten Orange Prize und auf die Short List des angesehenen Commonwealth Prize. Darüber hinaus verfasst Leyshon Hörspiele. Ihr erstes Stück Milk erhielt den Richard Imision Award als bestes Debüt-Radio-Hörspiel.

2008 erschien ihr zweiter Roman Devotion, 2012 ihr hier vorgestelltes Werk The Colour of Milk, das ein durchschlagender literarischer Erfolg wurde und mit dem namhaften Prix de l’Union Intéralliée in Frankreich ausgezeichnet wurde. In Spanien wählte man die brillante Erzählung sogar zum Libro del Ano (Buch des Jahres). 2015 erschien ihr nächster Roman Memoirs of a Dipper, der leider noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde.

Parallel hierzu ist Leyshon auch als Theaterautorin sehr erfolgreich. Ihr Stück Comfort me with Apples gewann den Evening Standard Theatre Award und wurde für den Laurence Olivier Award nominiert, eine ganz besondere Ehre für die außergewöhnliche Dramatikerin. Sie adaptierte darüber hinaus sehr gelungen Daphne du Mauriers Don’t look now und erreichte mit ihrem Drama Bedlam schließlich etwas, was vor ihr noch keiner Frau gelungen ist: Ihr Stück wurde in Shakespeare’s Globe in London aufgeführt, in dem man bis dato ausschließlich Theaterstücke von männlichen Dramatikern inszenierte.

Neben der Schriftstellerei ist Nell Leyshon sozial sehr engagiert und unterstützt Organisationen, die sich um Obdachlose und Randgruppen kümmern.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website www.nellleyshon.com, der ich neben den Verlagsinformationen und der englischen Wikipedia-Seite ihre o.g. biografischen Details entnommen habe.


Originalausgabe: Leyshon, Nell. The Colour of Milk. London: Fig Tree/Penguin Books Ltd., 2013.
Deutsche Ausgabe: Leyshon, Nell. Die Farbe von Milch. Aus dem Englischen von Wibke Kuhn. München: Julia Eisele Verlags GmbH, 2017.
Buchcover: eisele-verlag.de

Mein herzlicher Dank gilt der Julia Eisele Verlags GmbH bzw. dem Literatur- und Pressebüro Politycki & Partner, die mir das Buchcover und das Autorenfoto (© Scott Lavene) zur Verfügung gestellt haben.

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