Über Bord

Ruth Ware: Woman in Cabin 10

Nachdem mich bereits ihr erster Roman Im tiefen, tiefen Wald begeistert hat, war ich sehr gespannt auf Ruth Wares neuestes Werk, Woman in Cabin 10. Und ich wurde nicht enttäuscht: Auch dieser hochdramatische Psychothriller ist wieder erstklassig und garantiert mit vielen falschen Fährten, spektakulären Wendungen und einem fulminanten Show-down Hochspannung pur. Ein weiteres Mal hat die Autorin eine erstrangige, nervenaufreibende Story erdacht, die bis zur letzten Seite in Atem hält. Dies liegt nicht nur an der gewöhnungsbedürftigen und überaus unverlässlichen Protagonistin, die eine echte Herausforderung für den Leser darstellt, sondern auch an dem klaustrophobischen Setting, das sein Übriges tut, um Thrill und Suspense zu erzeugen.

Traumauftrag zum schlechten Zeitpunkt

Als Laura „Lo“ Blacklock, Journalistin beim angesagten Reisemagazin Velocity, von ihrer Chefin gebeten wird, an ihrer Stelle die Jungfernfahrt des Luxuskreuzfahrtschiffs Aurora Borealis anzutreten und von dort exklusiv zu berichten, könnte der Zeitpunkt nicht schlechter sein: Lo leidet immer noch an Panikattacken, die von einem Einbruch in ihre Wohnung herrühren, bei dem sie nur mit knapper Not einem Übergriff des Täters entgangen ist. Wie gewohnt, greift Lo zum Alkohol, um ihre Angst zu betäuben, obwohl sie danach nur noch verwirrter ist als zuvor. Auch in ihrer Beziehung zu Freund Judah kriselt es, was sie in ihrer derzeitigen fragilen Verfassung nur noch mehr herunterzieht. Doch trotz aller Probleme will sich Lo den o.g. Traumauftrag auf gar keinen Fall entgehen lassen, und so bereitet sie sich in aller Eile auf ihre Schiffsreise zu den norwegischen Fjorden vor.

Mord oder Halluzination?

Das Schiff könnte nicht exklusiver sein, aber Lo fühlt sich angesichts des ganzen Luxus völlig deplatziert. Obwohl ihre Kabine keine Wünsche offenlässt, empfindet Lo eine seltsame Beengheit, die ihr Angst macht. Und wieder greift sie zum Alkohol, wenngleich ihr nur wenig Zeit bleibt, um sich für den exklusiven Empfang zu stylen, den Schiffseigner, Lord Bullmer, und seine Frau Anne, für die ausgewählten Gäste am Abend arrangiert haben. Da sich Lo mit ihrem Spiegelbild nicht anfreunden kann, klopft sie an ihre benachbarte Kabine 10, um sich Wimperntusche zu leihen. Die junge, lässige Frau mit dem Pink-Floyd-T-Shirt, die ihr öffnet, ist Lo sofort sympathisch, obwohl sie sich äußerst merkwürdig verhält. Sie schenkt Lo die Wimperntusche und schließt dann nahezu panisch die Tür. Lo denkt nicht weiter über die mysteriöse Begegnung nach und gesellt sich zum elitären Empfang. Neben den Gastgebern lernt Lo das Who is Who der Reisejournalisten, Fotografen und Investmentgrößen kennen. Zu ihrem Entsetzen ist auch Ex-Freund Ben unter den Gästen, was sie völlig aus dem Konzept bringt. Sofort greift sie wieder zu ihrem Allheilmittel Alkohol – und dieses Mal übertreibt sie es maßlos.

Als sie nachts durch ein Geräusch aus dem Schlaf schreckt, steckt ihr der Rausch noch vollends in den Knochen. Sie ist sofort hellwach, als sie zu hören meint, wie ein Körper ins Wasser geworfen wird. Als sie auch noch Blut an der Reling entdeckt, alarmiert sie das Sicherheitspersonal, doch nach erneuter Sichtung des Geländers ist der Blutfleck verschwunden. Auch die Frau in Kabine 10 scheint es laut Bordpersonal nie gegeben zu haben, denn die Nobelkajüte war angabegemäß gar nicht belegt. Lo ist sich sicher, dass sie Zeugin eines Mordes geworden ist, obwohl ihr niemand glaubt, denn ihr enormer Alkoholkonsum ist keinem an Bord verborgen geblieben.

Gegen jede Chance

Trotz allem lässt Jo nicht locker, auch wenn sie mehr und mehr an ihrem Verstand zweifelt. Als sie eines Abends auf ihrem Spiegel die Warnung „Halt dich raus“ findet, siegt ihr journalistischer Spürsinn über ihre Angst, und sie beschließt, sich Lord Bullmer anzuvertrauen. Obwohl Bullmer ihr als einziger Gehör schenkt, gelingt es ihm mit Leichtigkeit, ihre Geschichte Stück für Stück auseinander zu nehmen, so dass Lo zum ersten Mal Bedenken kommen. Aber ihr Bauchgefühl sagt ihr, dass sie Recht hat und so forscht sie weiter, bis sie schließlich einem teuflischen Komplott auf die Spur kommt, dessen Perfidität Los schlimmste Befürchtungen übersteigt…

Effektvoller Thriller par excellence

Ruth Wares neuestes Werk ist für mich bereits jetzt eines der Highlights seines Genres in diesem Jahr, denn der Roman ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Protagonistin Lo ist  der Autorin meines Erachtens ganz besonders gut gelungen, denn ihre alkoholvernebelten Wahrnehmungsstörungen und häufigen Panikreaktionen machen sie zu einer echten literarischen „Wackelfigur“, der man als Leser nicht trauen kann. Man weiß nie, ob sie Dinge wirklich erlebt oder ob sie halluziniert, aber andererseits macht dies auch den ganz besonderen Reiz dieser Geschichte aus. Das undurchsichtige Puzzle aus Gedankenfragmenten und Erinnerungsstücken der Antiheldin zusammenzusetzen, ist für den Leser nicht nur ein sehr komplexes Unterfangen, sondern vor allem eine hochspannende und sehr unterhaltsame Herausforderung.

Hinzu kommt die ganz besondere Atmosphärik des Schauplatzes, ein luxuriöses Kreuzfahrtschiff, das wir jedoch durch Los Augen als düster-beengten Locus Terribilis, einen Ort des Schreckens, wahrnehmen. Die klaustrophobischen Schwingungen sind fühlbar und übertragen sich schleichend auf den Leser, der die mentalen Aufs und Abs der Hauptfigur mit wachsendem Argwohn zur Kenntnis nimmt. Immer wenn man sicher ist, der Auflösung ein Stück näher gekommen zu sein, belehren uns die Autorin – und ihre Protagonistin – eines Besseren. Das ist Crime & Thrill at its best. Daher mein Fazit: Ein grandioser, unbedingt lesenswerter Pageturner, der exzellent geschrieben ist.

© Paul Harmer Photography

Ruth Ware: Englische Bestseller-Autorin und Expertin für Psychothriller

Ruth Ware wurde 1977 in West Sussex geboren und wuchs in Lewes an der Südküste Englands auf. Sie studierte Englisch an der Manchester Universität, wo sie ihre Liebe zu alt- und mittelenglischen Texten entdeckte. Bevor sie sich der Schriftstellerei widmete, arbeitete sie als Kellnerin und Buchhändlerin. Darüber hinaus unterrichtete sie Englisch als Fremdsprache in Paris und war nach ihrer Rückkehr 14 Jahre lang als Pressereferentin für einen Verlag tätig. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder arbeitete sie zunächst in Teilzeit und begann dann zu schreiben.

Unter dem Pseudonym Ruth Warburton verfasste sie fünf Romane für junge Erwachsene, bevor sie sich dem Genre der Psychothriller zuwandte. Mit ihrem Debütroman In a Dark, Dark Wood (Im tiefen, tiefen Wald), der 2015 erschien, gelang ihr nicht nur der Sprung auf die Bestsellerlisten in Großbritannien und den USA, sondern auch der Durchbruch als Schriftstellerin. Die Verfilmung des Buches soll von Hollywood-Star Reese Witherspoon produziert werden. Auch Wares darauf folgender Thriller, der hier vorgestellte The Woman in Cabin 10, wurde ein internationaler Bestseller und schaffte es sogar auf Platz 1 der amerikanischen Top Seller. Die Rechte für die Verfilmung des Pageturners hat sich bereits CBS Films gesichert.

Ihr dritter Roman, The Lying Game, der noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, erschien im Juli 2017 und wurde ebenfalls von Kritikern und Lesern begeistert aufgenommen. Auch dieser Thriller soll von der Gotham Group verfilmt werden. Im Sommer 2018 erscheint nunmehr ihr viertes Werk, das den Titel The Death of Mrs. Westaway trägt und mit Sicherheit wieder ein Bestseller wird.

In ihrer Freizeit ist die Autorin eine begeisterte Leserin. Ihre ganz private Top Five Booklist beinhaltet folgende Romane: 1. Miss Pym Disposes von Josephine Tey, 2. The Secret History von Donna Tartt, 3. Gaudy Night von Dorothy L. Sayers, 4. Murder Most Unladylike von Robin Stevens sowie 5. Note on a Scandal von Zoe Heller.

Weitere Informationen über die Schriftstellerin findet ihr auf ihrer Website www.ruthware.com, der Verlags- und der englischen Wikipedia-Seite, denen ich auch die o.g. biografischen Details entnommen habe.


Originalausgabe: Ware, Ruth. The Woman in Cabin 10. London: Harvill Secker/Vintage Publishing/Penguin Random House, 2016.
Deutsche Ausgabe: Ware, Ruth. Woman in Cabin 10. Aus dem Englischen von Stefanie Ochel. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2017.
Buchcover: www.dtv.de

Autorenfoto: ©  Paul Harmer Photography – Mein herzlicher Dank gilt der dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, die mir dieses Foto zur Verfügung gestellt hat.

2 Antworten

  1. Liebe Rosa,

    wie immer, eine tolle Rezension.

    Ich fand den Roman von Anfang an sehr spannend, nur Lo fand ich etwas gewöhnungsbedürftig – genau wie die Hauptfigur von „Girl on the Train“. Aber das gab sich schnell, und das Ende war wirklich rasant.

    Jetzt lese ich „Im tiefen, tiefen Wald“. Auch super!!!

    Liebe Grüße

    Chloé

    • Liebe Chloé,

      vielen Dank für deinen Kommentar und dein Lob :)! Ich freue mich sehr darüber.

      „Im tiefen, tiefen Wald“ ist großartig.

      Herzliche Grüße

      Rosa

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