Lesehighlights der ganz besonderen Art:
Die Leo-Wechsler-Krimis von Susanne Goga

Wer meinen Blog des Öfteren liest, weiß, wie sehr ich die 20er Jahre und ausgeklügelte, nervenaufreibende Krimis mit vielen unerwarteten Wendungen liebe. Bei Susanne Gogas Krimireihe um Kommissar Leo Wechsler, die im Berlin der Zwanziger Jahre spielt, kommen beide Komponenten auf brillante Weise zusammen und sorgen mit spannenden Fällen, außergewöhnlichen Protagonisten und vielen interessanten historischen Informationen für exzellente Unterhaltung. Die Autorin hat ausführlich recherchiert und erweckt das Berlin der damaligen Zeit mit seinen politischen Wirren und sozialen Gegensätzen, kulturellen Attraktionen, moralischen Abgründen und ausschweifender Dekadenz mit großer Detailtreue wieder zum Leben. Sie nimmt die Leser mit auf eine erlebnisreiche und soghafte Zeitreise in die Roaring Twenties und zeigt auch die unglamouröse Seite dieser oftmals glorifizierten Ära, die von Inflation und bitterer Armut geprägt war.

Sehr gekonnt verbindet Goga fesselnde Kriminalfälle mit der persönlichen Lebensgeschichte ihres Protagonisten, Kommissar Leo Wechsler. Dieser ist nach dem tragischen Tod seiner Frau Dorothea mit seinen beiden Kindern Georg und Marie auf sich allein gestellt. Seine Schwester Ilse zieht zu ihm und kümmert sich um den Haushalt und die Kleinen, denn Leos Job wäre als alleinerziehender Vater sonst nicht machbar. Obwohl Leo und Ilse sich im Allgemeinen gut verstehen, gibt es des Öfteren Reibereien, denn Leo ist viel zu oft nicht zuhause, und Ilse hadert mit ihrem Privatleben, das auf der Strecke bleibt. Aber auch Leos Privatleben lässt zu wünschen übrig: Seine On-und-Off-Affäre mit Lebedame Marlen vermag seine innere Leere nicht zu füllen. Der einzige Lichtblick ist Clara, die eine kleine Leihbücherei betreibt und die er immer wieder gerne besucht, um ihr sein Herz auszuschütten. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.  Nur so viel: Die Auf und Abs in Leos Leben sind ebenso packend wie die rätselhaften Verbrechen, die er aufklären muss.

Band 1: Leo Berlin

Berlin 1922: Der Wunderheiler Gerhard Sartorius wird tot in seiner luxuriösen Wohnung in Charlottenburg aufgefunden – erschlagen mit einer schweren Buddha-Figur aus Jade. Ein Schock für die Haute Volée Berlins, denn Sartorius behandelte primär die Schönen und Reichen, die seine Dienste mit äußerster Diskretion untereinander weiterempfahlen. Kommissar Leo Wechsler steht vor einem Rätsel: Es gibt keinerlei Anhaltspunkt, keine Zeugen und nicht die geringste Spur des Täters, den Sartorius scheinbar gekannt haben muss, da es keinerlei Hinweis auf ein gewaltsames Eindringen gibt. Wechsler findet heraus, dass Sartorius seine betuchte Kundschaft nicht nur mit Händeauflegen behandelte, sondern sie ebenso mit Kokain versorgte. Doch diesbezüglich laufen seine Ermittlungen ins Leere.

Als man dann zu einem späteren Zeitpunkt die Leiche einer alternden Prostituierten im Scheunenviertel findet, die brutal erdrosselt wurde, wird Wechsler hellhörig. Sein Bauchgefühl sagt ihm, dass zwischen den Morden ein mysteriöser Zusammenhang bestehen muss, obwohl es nichts gibt, was seine These stützt. Der Täter bleibt ein nicht greifbares Phantom, bis Wechsler schließlich eine entscheidende Information erhält, die ihn über Umwege auf die Spur des rachsüchtigen Killers führt…

Band 2: Tod in Blau

Der junge Carl Bremer, der als Verkäufer in einer Konfektionshandlung arbeitet, wird tot aus dem Landwehrkanal gezogen. Wechsler vermutet zunächst Selbstmord, doch es verdichten sich Hinweise, die auf Mord hindeuten. Insbesondere seine Korrespondenz mit der Asgard-Gesellschaft, einer rechtsextremen Organisation, deren Mitglieder ausschließlich ehemalige Offiziere sind, weckt Wechslers Interesse. Doch der Kommissar und sein Team können nichts Verwertbares gegen diese nationalistische Vereinigung in Erfahrung bringen. Da sich ein Mord ebenso wenig nachweisen lässt, ist Wechsler gezwungen, die Ermittlungen zunächst als abgeschlossen zu betrachten.

Als dann der skandalträchtige Maler Arnold Wegner, der das Establishment mit seinen Bildern gleichermaßen schockiert wie begeistert, verbrannt in seinem Atelier aufgefunden wird, führt die Spur ein weiteres Mal zur dubiosen Asgard-Gesellschaft. Doch dieses Mal lässt sich Wechsler nicht so einfach abwimmeln, insbesondere da sich Wegners Tod als brutaler Mord herausgestellt hat. Aber auch in diesem Fall kann der Kommissar nichts Belastendes gegen die aalglatten Vertreter der geheimnisvollen Organisation finden, bis ihn seine Ermittlungen schließlich zur Tänzerin Thea Pabst, das letzte Modell des Malers, und zum kleinen Paul führen, der – ohne es zu ahnen – das Motiv zum Mord an Wegner hütet: Der Maler hatte ihm sein letztes Bild mit dem Titel Die blaue Stunde zur Aufbewahrung anvertraut, weil er die Gefahr ahnte. Paul ist nicht bereit, sein Versprechen gegenüber Wegner zu brechen, und so beginnt für Wechsler ein Wettlauf mit der Zeit, denn der Kleine gerät ins Visier des Täters, der vor nichts und niemandem zurückschreckt, um sein dunkles Geheimnis zu bewahren…

Band 3: Die Tote von Charlottenburg

Berlin 1923: Leo Wechsler und seine Freundin Clara Bleibtreu verbringen entspannte Urlaubstage auf Hiddensee, wo Clara die Ärztin und engagierte Frauenrechtlerin Henriette Strauss kennenlernt. Henriette ist Clara sofort sympathisch, ihre offene und erfrischende Art findet sie äußerst wohltuend. Als Henriette einige Monate später plötzlich verstirbt, ist Clara mehr als schockiert. Die Todesursache soll ein Herzanfall gewesen sein, doch Henriettes Neffe Adrian, der sehr an seiner Tante hing, kann und will das nicht glauben, denn Henriette erfreute sich bester Gesundheit und hatte keinerlei Herzprobleme. Leo ermittelt und kommt schließlich einem perfiden Verbrechen auf die Spur: Die Ärztin wurde mit einer seltenen Substanz vergiftet.

Der Kommissar ermittelt daraufhin in alle Richtungen: Angefangen beim Krankenhaus, in dem Henriette arbeitete, wo man von nicht genehmigten Experimenten an Patienten munkelt, die die streitbare Ärztin keinesfalls mittragen wollte, bis hin zu ihrer vehementen Ablehnung des Abtreibungsparagraphen, für dessen Abschaffung sie sich stark machte. Aber auch ihr sogenannter Frauenzirkel, dem u.a. eine Arztin, eine Rechtsanwältin und eine Journalistin angehören, gerät ins Visier der Polizei. Doch dann richtet sich zu Wechslers Entsetzen der Fokus auf eine Person, der man einen solch teuflischen Mord niemals zutrauen würde. Der Kommissar glaubt an einen Irrtum, denn es lässt sich keinerlei Motiv erkennen. Doch schließlich kommt er Henriettes dunklem Geheimnis auf die Spur, das sie selbst ihrer Familie nie offenbarte…

Band 4: Mord in Babelsberg

Berlin 1926: In Kreuzberg wird die Leiche einer Frau im Hinterhof einer luxuriösen Wohnanlage gefunden, die mit einer roten Glasscherbe erstochen wurde. Leo Wechsler stockt der Atem, als er die Tote sieht: Es handelt sich um Marlen Dornow, mit der er vor einigen Jahren nach dem Tod seiner Frau Dorothea ein Verhältnis hatte. Dornow ließ sich stets von reichen Männern, darunter auch Politiker, aushalten und machte daraus auch keinen Hehl. Wechsler gelingt es nur mit Mühe, sein Entsetzen zu verbergen. Er beschließt, niemanden darüber zu informieren, dass er die Tote kannte – weder seine Kollegen noch seine Frau Clara, vor der er sich schämt.

Die Ermittlungen führen zunächst ins Leere, es gibt keine Zeugen und keine Spur des Täters. Doch dann wird der berühmte Regisseur Viktor König, dessen neuestes Werk Die Insel des Magiers sein Publikum zu Begeisterungsstürmen hingerissen hat, tot aufgefunden – ebenfalls mit einer roten Glasscherbe erstochen. Nunmehr erhält der Fall eine ganz neue, dringliche Aktualität, denn die Öffentlichkeit will den Täter so schnell wie möglich hinter Gittern sehen. Wechsler ermittelt mit Hochdruck, aber wo liegt die Verbindung zwischen Marlen Dornow und Viktor König? Bei Marlen hatte er zunächst vermutet, dass einer ihrer namhaften Sugar Daddys der Täter ist, doch dies erwies sich scheinbar als unbegründet. Als Leo dann nach detaillierten Recherchen endlich einen Hinweis auf den möglichen Täter findet, erwartet ihn ein weiterer Schock…

Band 5: Es geschah in Schöneberg

Berlin 1927: Der Modesalon Morgenstern & Fink, dessen Inhaber das Ehepaar Lotte Morgenstern und Carl Fink ist, hat für seine neueste Modenschau eine ganz besondere Location gewählt: Das Romanische Café in Berlin, in dem sich das Who is Who der Künstlerszene trifft, scheint wie geschaffen für die extravagante Mode des Fashion Hauses, zu dessen Kunden auch bekannte Filmschauspielerinnen zählen. Doch das bis ins Detail geplante Event endet in einer Katastrophe: Zwei der Kleider wurden mit einem Kontaktgift präpariert, die jeweiligen Models kommen mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus. Wechsler, der mittlerweile zum Oberkommissar ernannt wurde, ermittelt zunächst bei der Konkurrenz des aufstrebenden Modesalons, der für die alteingesessenen Modehäuser durch die innovativen, kapriziös-eleganten Entwürfe von Fink mehr und mehr zu einer existentiellen Bedrohung geworden ist.

Noch bevor sich Wechsler allerdings näher mit den Wettbewerbern befassen kann, wird er zu einem weiteren Tatort gerufen: Rainer Vogt, ein Mitarbeiter von Dr. Markus Hirschfeld am Institut für Sexualwissenschaft, liegt erschlagen in seiner Wohnung. Dort findet Wechsler zu seiner Überraschung auch einen Flyer des Modesalons Morgenstern & Fink. Für den Kommissar ist offensichtlich, dass es zwischen dem Anschlag auf das Modehaus und dem brutalen Mord an Vogt eine Verbindung geben muss, doch wie hängen die Fälle zusammen? Als sich Carl Fink nach Übermittlung der Todesnachricht von Vogt völlig verzweifelt abkapselt, glaubt Wechsler, den Hintergrund zu kennen, nicht ahnend, dass er von der Lösung des Falles noch meilenweit entfernt ist…

***

Der neue Fall von Leo Wechsler und gleichzeitig der sechste Band dieser Krimireihe trägt den Titel Nachts am Askanischen Platz und erscheint am 9. Februar 2018. Ich bin schon sehr gespannt, denn dieses Mal ermittelt Leo Wechsler im „Cabaret des Bösen“…

Ich empfehle euch die o.g. Krimireihe von Susanne Goga wirklich sehr, denn ihre Romane sind nicht nur äußerst klug konzipiert und sehr gehaltvoll, sondern vermitteln darüber hinaus ein lebendiges Bild vom Berlin der Zwanziger Jahre, dessen Mythos als Sünden-Babel lediglich an der schillernden Oberfläche kratzt. Goga zeigt die Menschen im Schatten, die Schicksale der verelendeten Bevölkerung, die hungernden, herumstreunenden Kinder (z.B. der kleine Paul aus Tod in Blau), für die es nirgends einen Platz gibt. Ebenso exponiert sie die Welt der Mächtigen und Reichen der damaligen Zeit (z. B. Protagonist Viktor König aus Mord in Babelsberg) und ihr sorgloses Leben im Überfluss, das angesichts der inflationären Verarmung mehr als dekadent erscheint.

Alles in allem sind Gogas Romane spannende, erstrangige Lesehighlights der ganz besonderen Art, die sich von der Masse der historischen Kriminalromane erfolgreich abheben. Sehr lesenswert!

© Myriam Topel

Susanne Goga: Schriftstellerin und Literaturübersetzerin

Susanne Goga wurde 1967 in Mönchengladbach geboren und studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf mit den Schwerpunkten Englisch und Französisch. Zunächst arbeitete sie hauptberuflich als Übersetzerin und hat seit 1995 ca. 100 Romane (u.a. von Gillian Flynn, Chris Cleave, Elizabeth Gilbert, Peter James u.v.m.), Kurzgeschichten und Sachbücher aus dem Englischen und Französischen ins Deutsche übersetzt.

Seit 2001 ist sie ebenfalls sehr erfolgreich als Schriftstellerin tätig. Neben der o.g. einzigartigen und äußerst spannenden Kriminalromanreihe um den Berliner Kommissar Leo Wechsler schreibt Goga auch historische Romane: Das Leonardo-Papier, Die Sprache der Schatten, Der verbotene Fluss, Der dunkle Weg, Das Haus in der Nebelgasse und ihr neuestes Werk, Die vergessene Burg, das am 10. September 2018 erscheint.

Mit ihrer Kurzgeschichte Der Sparkasten belegte Susanne Goga 2006 Platz 2 des Moerser Literaturpreises. Ein Jahr später gelang ihr mit ihrer Kurzgeschichte Zigarettenmädchen der Sprung auf Platz 1 des Moerser Literaturpreises. 2012 erhielt sie für ihren o.g. historischen Roman Die Sprache der Schatten den DeLia-Literaturpreis. Drei Jahre später wurde der Autorin eine ganz besondere Ehre zuteil: Für Band 4 ihrer Leo-Wechsler Reihe – Mord in Babelsberg – erhielt sie den Goldenen HOMER für den besten historischen Kriminalroman.

Susanne Goga ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, das zu PEN International, einem Verbund von über 140 Schriftstellerorganisationen aus 101 Ländern, gehört.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website susannegoga.de, der ich auch ihre biografischen Informationen entnommen habe.


Goga, Susanne. Leo Berlin. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2005.
Goga, Susanne. Tod in Blau. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2007.
Goga, Susanne. Die Tote von Charlottenburg. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2012.
Goga, Susanne. Mord in Babelsberg. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2014.
Goga, Susanne. Es geschah in Schöneberg. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2016.
Goga, Susanne. Nachts am Askanischen Platz. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 9.2.2018.

Buchcover: www.dtv.de
Autorenfoto: © Myriam Topel – Mein herzlicher Dank gilt der dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, die mir dieses Foto zur Verfügung gestellt hat.

Foto unter dem Artikeltitel: © Jake William Heckey, www.pixabay.com

2 Antworten

  1. Liebe Rosa,

    was für ein toller Artikel!!!

    Ich habe „Tod in Blau“ gelesen, der mir sehr gut gefallen hat. Ich wusste gar nicht, dass es eine ganze Reihe ist. Ich werde mir jetzt „Es geschah in Schöneberg“ bestellen. Die Geschichte mit dem Modesalon klingt spannend.

    Liebe Grüße

    Chloé

    • Liebe Chloé,

      vielen Dank :)!

      Ja, „Tod in Blau“ war sehr spannend. Ich habe alle Romane in der „richtigen“ Reihenfolge gelesen, weil ich unbedingt wissen wollte, wie sich die Hauptfigur Wechsler entwickelt. Das ist genauso packend wie die Mordfälle.

      Liebe Grüße

      Rosa

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