Machtspiele: Das Polit-Drama Marseille

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Es gibt nur wenige Polit-Dramen, die mich von Anfang an in ihren Bann ziehen. Die Netflix-Produktion Marseille mit Frankreichs Schauspieler-Urgestein Gérard Depardieu in der Hauptrolle ist eine solche Serie, denn sie ist – en tout – brillant konzipiert. Die Scripts für alle acht Episoden der ersten Staffel schrieb der französische Schriftsteller und Drehbuchautor Dan Franck, der mit renommierten Serien wie Carlos – Der Schakal und Spin – Paris im Schatten der Macht bereits sein Talent unter Beweis stellte. Als Regisseure konnten Florent-Emilio Siri und Samuel Benchetrit gewonnen werden, die die einzigartige Story, die ausschließlich in der südfranzösischen Hafenstadt spielt, gekonnt in Szene setzten. Im letzten Jahr feierte Marseille Premiere und wurde von den Zuschauern so gut angenommen, dass man bereits eine 2. Staffel in Auftrag gegeben hat. Eine weise Entscheidung, denn Marseille hat meines Erachtens enormes Entwicklungspotential, sowohl auf inhaltlicher als auch auf Figuren-Ebene, das unbedingt ausgeschöpft werden sollte.

Letzte Amtshandlung

Robert Taro (Gérard Depardieu), seit 20 Jahren Bürgermeister von Marseille, ist amtsmüde und will sich zurückziehen. Er hat das ganze Polittheater und vor allem die Presse satt und will sich nunmehr endlich wieder Zeit für seine Familie, Ehefrau Rachel (Géraldine Pailhas), eine berühmte Cellistin, und Tochter Julia (Stéphanie Caillard), eine engagierte Journalistin, nehmen. Als seinen Nachfolger hat er den charismatischen Lucas Barrès (Benoît Magimel), seinen Protégé und politischen Ziehsohn, auserkoren, der in seine Fußstapfen treten und das Amt in seinem Sinne fortführen soll. Als letzte Profilierung will Taro ein Prestige-Projekt realisieren: Der Umbau der Marina zu einem exklusiven Yachthafen mit einem Casino, Hotels und Restaurants soll Marseille – angelehnt an Marbella – zur mondänen Hauptstadt Südeuropas machen. Doch im Stadtrat wird dieses Vorhaben kontrovers diskutiert: Seine Gegner werfen Taro vor, dass dieses Projekt unweigerlich kriminelle Organisationen anlocke, um dort Geld im großen Stil zu waschen, doch der Bürgermeister schmettert jegliche Kritik ab. Gemeinsam mit Barrès setzt er alles daran, um seinen ehrgeizigen Plan zu verwirklichen.

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Robert Taro (Gérard Depardieu)

Der Verrat

Als eine Mehrheit im Stadtrat für ihn stimmt, sieht sich Taro am Ziel, doch ihm ist klar, dass es noch eine wichtige Hürde zu überwinden gilt: Der Hafen-Aufsichtsrat muss dem Verkauf des Grundstücks zustimmen. Alles in allem ist er jedoch zuversichtlich: Mit einer namhaften Richterin, ebenfalls Mitglied des Stadtrats, die ihren Einfluss beim Hafen-Aufsichtsrat für Taros Projekt geltend machen will, und einem engagierten, ihm wohlgesonnenen Bauunternehmer auf seiner Seite fühlt er sich siegesgewiss. Doch dann wendet sich das Blatt: Die Richterin kommt bei einem mysteriösen Unfall ums Leben, und sein Hoffnungsträger Barrès stimmt ohne mit der Wimper zu zucken gegen ihn. Taro ist fassungslos und kann nicht glauben, dass sein Protégé ihm in den Rücken fällt. Was für ihn jedoch noch viel schwerer wiegt, ist Barrès offene Verachtung, mit der er ihm plötzlich ohne ersichtlichen Grund entgegentritt.

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Lucas Barrès (Benoît Magimel) und Robert Taro (Gérard Depardieu)

Erbitterte Schlacht

Als dann auch noch der befreundete Bauunternehmer bei einem Autounfall ums Leben kommt, steht für Taro zweifelsfrei fest, dass es Mord war. Auch den mysteriösen Unglücksfall, der die Richterin das Leben kostete, sieht er plötzlich in einem ganz anderen Licht. Er beschließt, wider den Rat seiner Entourage erneut als Bürgermeister zu kandidieren und trotz aller Widrigkeiten gegen seinen Ziehsohn anzutreten. Aus den beiden Freunden werden erbitterte Feinde, und Barrès lässt nichts unversucht, um Taro zu diskreditieren. Als wäre das nicht schon Ärger genug, erhält Taro anonyme E-Mails, die auf einen dunklen Punkt in seiner Vergangenheit hinweisen und die er nicht einordnen kann. Auch Taros Kokain-Konsum, der in der Zwischenzeit beängstigende Ausmaße angenommen hat, schlachtet Barrès medial aus. Doch schnell muss er feststellen, dass Taro das Spiel um die Macht besser beherrscht als er und selbst den größten Skandal zu seinen Gunsten wenden kann.

Und das Krokodil, wie Taro sich selbst bezeichnet, schlägt zurück. Mit aller Härte – und mit Tochter Julia, die angesichts ihrer maßlosen Enttäuschung über Barrès hinterhältige Vorgehensweise in dessen Vergangenheit recherchiert und dabei herausfindet, dass seine rührselige Geschichte der armen Vollwaise, mit der er die Presse und seine Anhänger eingelullt hat, vollständig erlogen ist. Zum anderen unterhält er gefährliche Kontakte zur Unterwelt, die sich von ihm im Gegenzug eine wohlwollende Politik erhofft. Auch auf der menschlichen Seite ist Barrès nicht untätig: Er erschläft sich einen Gefallen nach dem anderen und macht dabei auch vor Vanessa d’Abrantes (Nadia Farès), Präsidentin des Regionalrats, keinen Halt, die ihn für ihre Zwecke einbinden will. Sie ahnt nicht, dass sie für den teuflisch berechnenden Barrès nur Mittel zum Zweck ist, um seine eigenen ehrgeizigen Ziele in die Tat umzusetzen.

© polyband Medien GmbH – Vanessa d’Abrantes (Nadia Farès)

Als über Taro eine familiäre Katastrophe hineinbricht, scheint die Schlacht für ihn verloren. Barrès sonnt sich im Blitzlichtgewitter und genießt die Aufmerksamkeit, die man ihm, dem Kronprinzen, der die Zukunft von Marseille in den Händen zu halten scheint, entgegenbringt. Doch das Krokodil bäumt sich ein letztes Mal auf, und es gelingt das Undenkbare – bis Julia auf ein Geheimnis der beiden Kontrahenten stößt, das ihre Welt und ihre gesamte Familie ins Wanken bringt und nachdem nichts mehr so ist wie vorher…

Marseille: Polit-Serie der Extraklasse

Marseille ist für mich eine der besten Polit-Serien, die ich bisher gesehen habe. Was mir neben der spannenden Story besonders gefällt, ist, dass sich das Drama nicht nur mit den Geschehnissen auf den Korridoren der Macht beschäftigt, sondern darüber hinaus auch eine beängstigend realitätsnahe Milieustudie der Cités, der Armenviertel und sozialen Brennpunkte der Stadt, ohne jegliche Sozialromantik präsentiert. Aus der Perspektive von Julia, die dort im kriminellen Milieu recherchiert, werden wir auf die Probleme aufmerksam gemacht, die nicht kameratauglich sind: Hohe Arbeitslosigkeit, Drogen und ein großes Gewaltpotential unter den Jugendlichen, die sich angesichts ihrer aussichtslosen Lage schon längst aufgegeben haben und vor nichts zurückschrecken, um aus dem täglichen Überlebenskampf nicht als Verlierer hervorzugehen.

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Was Marseille überdies so sehenswert macht, ist die schauspielerische Glanzleistung der beiden Hauptdarsteller Gérard Depardieu und Benoît Magimel, die in ihren Rollen brillieren. Depardieu gibt dem amts- und machtmüden Taro ein sympathisches, leicht überhebliches Flair, das jedoch von seiner aus langjähriger politischer Erfahrung resultierenden Kaltschnäuzigkeit relativiert wird. Er weiß genau, wie er sich den Medien zu präsentieren hat und spielt mit ihnen; seine Abscheu vor dem Pressezirkus verbirgt er hinter einem charmanten Lächeln, auf das auch nach 20 Jahren noch immer alle reinfallen.

Nur innerhalb der Familie lässt Depardieu die menschlichen Züge seiner Hauptfigur aufblitzen: Beim Frühstück mit Tochter Julia, die er vergöttert, oder im zärtlichen Tête-à-tête mit Gattin Rachel, um die er ständig besorgt ist. Außerhalb der Familie ist Depardieus Taro jedoch ein Kämpfer, der sich in jede noch so aussichtslose Schlacht stürzt, um seine Ziele zu erreichen und dabei nicht zimperlich ist, auch wenn er stets wie ein gutmütiger Tanzbär wirkt. Depardieu versteht es exzellent, Taros Dualität herauszustellen und ihn so zu einem schwer einschätzbaren Charakter zu machen.

Die eigentliche schauspielerische Entdeckung dieser Serie ist für mich allerdings César-Preisträger Benoît Magimel, der in Filmen wie Die Klavierspielerin, La Tête Haute oder My Way – Ein Leben für das Chanson bereits bewiesen hat, dass er zu den besten französischen Schauspielern seiner Generation zählt. Sein Porträt von Lucas Barrès ist herausragend: Er spielt den emphatie-und rücksichtslosen Emporkömmling mit abstoßender Berechnung. Seine absolute Geringschätzung von Frauen tut sein Übriges dazu, um ihn als Bad Guy der Serie zu klassifizieren.

Als Zuschauer haben wir uns über Barrès schnell ein vernichtendes Urteil gebildet. Doch was, wenn wir falsch liegen? Magimel hält uns in seiner Rolle schonungslos den Spiegel vor und sät mehr und mehr Zweifel an der abgrundtiefen Verdorbenheit seiner Figur. Und nach einiger Zeit bemerken wir es auch – an Gesten, an Blicken -, doch wir können es uns nicht erklären. Immer wenn wir denken, ihn endgültig einordnen zu können, zeigt er eine komplett andere Seite seines Charakters. Dies macht Magimels Barrès und Depardieus Taro gleichermaßen undurchschaubar. Das Zusammenspiel der beiden Schauspiel-Giganten stellt den ganz speziellen Reiz dieser Serie dar und katapultiert sie in die erste Riege der Polit-Dramen, die ganz besonders sehenswert sind.


Marseille
Produktionsland: Frankreich
Regie: Florent-Emilio Siri und Samuel Benchetrit
Drehbuch: Dan Franck
Produktion: Sue Vertue

Deutscher Vertrieb: polyband Medien GmbH, München

Mein herzlicher Dank gilt der polyband Medien GmbH, München, www.polyband.de, die mir alle o.g. Fotos inkl. DVD-Cover zur Verfügung gestellt hat.

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