Aufstieg eines literarischen Revolutionärs

Lesley M. M. Blume: Und alle benehmen sich daneben

Ernest Hemingways Meisterwerk Fiesta (The Sun Also Rises) brachte ihm 1926 den lang ersehnten literarischen Durchbruch und machte ihn zur Stimme der Lost Generation, einer desillusionierten Nachkriegsgeneration, die durch ihren exzessiven Lebensstil einen Ausweg aus der Sinnleere suchte. Sein Roman, der sich nicht nur durch einen innovativen minimalistischen Erzähl- und Sprachstil auszeichnete, sondern auch Protagonisten in den Vordergrund stellte, die bar jeder Moralvorstellung agierten, wurde als Paradebeispiel der Amerikanischen Moderne gefeiert. Fiesta schockierte und begeisterte das Establishment gleichermaßen und katapultierte den 27-jährigen Hemingway über Nacht in die Rolle des literarischen Revolutionärs, der seine verstaubten Schriftsteller-Vorgänger und Kollegen weit hinter sich ließ. Es entstand ein regelrechter Hemingway-Hype: Scharen von Bewunderern fuhren nach Paris und Pamplona, um die Schauplätze seiner Geschichte zu besuchen und den von ihm erdachten Hauptfiguren – nicht nur im Trinken – nachzueifern.

Wie alles begann

Die amerikanische Schriftstellerin und Journalistin Lesley M. M. Blume erzählt in ihrem einzigartigen biografischen Werk Und alle benehmen sich daneben von Hemingways schriftstellerischen Anfängen in Paris und von der unvergleichlichen Entstehungs- und Erfolgsgeschichte seines außergewöhnlichen Debütromans Fiesta. Obwohl es ein steiniger, oftmals von bitterer Armut geprägter Weg war, verlor der junge Hemingway, der zunächst als Journalist und Reporter tätig war, sein wichtigstes Lebensziel nie aus den Augen: Er wollte ein gefeierter Autor werden und war bereit, dafür jeden Preis zu zahlen.

Als er 1921 gemeinsam mit Gattin Hadley dem Ratschlag des renommierten Schriftstellers Sherwood Andersen folgt und nach Paris zieht, um dort seine schriftstellerische Karriere zu forcieren, sind seine Aussichten nicht gerade rosig. Die Wohnung der Hemingways über einer Sägemühle ist karg, es fehlt am nötigsten und Hemingway ist gezwungen, nebenbei wieder als Reporter für den Toronto Star zu arbeiten, um für sich und Hadley den Lebensunterhalt zu bestreiten. Obwohl ihm dies widerstrebt, macht er sich bald als kritischer Journalist und streitbarer Kolumnist einen Namen: Mit nur 22 interviewt er Mussolini und demaskiert ihn als größenwahnsinnigen Diktator. Darüber hinaus verfasst er Kolumnen aus Paris und kritisiert die Expats, die sich als Künstlerpersönlichkeiten in der französischen Metropole aufspielen, jedoch in seinen Augen nur nichtskönnerische Poseure sind, die den ganzen Tag in den angesagtesten Cafés und Bars herumhängen und sich wichtig nehmen.

Die Clique

Hemingways schriftstellerischer Arbeitseifer ist ebenfalls nicht zu bremsen, und er schreibt Kurzgeschichten und Gedichte. Es gelingt ihm schließlich, einige dieser Frühwerke bei zwei in Paris ansässigen amerikanischen Verlagen zu veröffentlichen, die sich auf experimentelle Literatur spezialisiert haben. Hemingway ist bewusst, dass ihm nur ein Roman den gewünschten Durchbruch bescheren kann, doch ein solches Vorhaben erscheint ihm zunächst noch zu gewagt. Und so beschließt er, die Empfehlungsschreiben, die Sherwood Anderson ihm für die literarische Haute Volée der Expats mitgegeben hat, zu benutzen. Er macht die Bekanntschaft schriftstellerischer Größen wie Ezra Pound, der schon T. S. Eliot mit The Waste Land zum Erfolg verholfen hatte, und erhält – dank Andersons Empfehlung – sogar Einlass zum exklusiven Literatursalon der amerikanischen Autorin Gertrude Stein in der Rue de Fleurus, die gemeinsam mit Lebensgefährtin Alice B. Toklas alles um sich schart, was im künstlerischen Bereich Rang und Namen hat. Und es gelingt dem charismatischen Hemingway das, was vor ihm nur wenige schafften: Die strenge Ikone Gertrude Stein ist von ihm und seinen schriftstellerischen Experimenten begeistert. Gleiches gilt für Sylvia Beach, Eigentümerin der berühmten Buchhandlung Shakespeare & Company, die von Hemingways charismatischer Persönlichkeit fasziniert ist.

Durch seine Gespräche mit Pound und Stein lernt Hemingway sehr viel, vor allem aber verschaffen ihm diese Begegnungen weitere wichtige Kontakte, die ihm auf seinem Weg nach oben sehr nützlich sind. Er lernt den amerikanischen Verleger und Journalisten Bill Bird und den Schriftsteller und Publizisten Robert McAlmon kennen, der Hemingways erweiterte Kurzgeschichtensammlung schließlich unter dem Titel In Our Time veröffentlichen wird, wodurch Hemingway erste Aufmerksamkeit erhält.

Faszination Corrida

Doch bei aller Arbeitsamkeit darf auch der Spaß am Leben nicht zu kurz kommen. Angesteckt von Steins Stierkampf-Begeisterung beschließen Hemingway und seine Entourage, nach Pamplona zu fahren und sich dort das Spektakel einmal live anzuschauen. Während Hemingway von der Corrida, dem gefährlichen Spiel auf Leben und Tod, sofort fasziniert ist, sind einige seiner Begleiter von der Grausamkeit des Stierkampfes abgestossen. Doch das tut dem Ganzen keinen Abbruch. Man trinkt exzessiv, schlägt sich die Nächte um die Ohren und ist auch den schönen Señoritas nicht abgeneigt. Alle sind sich einig, dass dies nicht die letzte Spanienreise gewesen ist, denn wo sonst kann man sich als Mann so sehr beweisen, wie Auge in Auge mit einem Stier, ist Hemingways Devise, die er später auch in seinen Roman Tod am Nachmittag mit einfließen lassen wird.

Berühmte Mentoren

Wieder zurück in Frankreich lernt Hemingway zwei weitere Persönlichkeiten kennen, die ihm den Weg ebnen und seine Mentoren werden sollen: Sara und Gerald Murphy, der Inbegriff der Reichen und Schönen der damaligen Zeit, deren exquisiter Stil und Sinn für Kunst und Literatur ebenso einzigartig waren wie ihre legendären Parties, die sie mit dem Who is Who der literarischen und künstlerischen Größen in ihrem exklusiven südfranzösischen Domizil, Villa America, glamourös feierten. Doch trotz allem waren sie bodenständig, eine Eigenschaft, die Hemingway sehr schätzt. Er lernt über sie auch F. Scott Fitzgerald kennen, der mit seinem Romanklassiker Der große Gatsby zum kritischen Chronisten des Jazz Age und Star der Flapper-Generation avancierte. Fitzgerald hatte In Our Time gelesen und sofort das große Potential Hemingways erkannt. Obwohl sie streng genommen Konkurrenten waren, machte Fitzgerald Maxwell Perkins vom etablierten New Yorker Scribner Verlag auf Hemingway aufmerksam, der sich sehr interessiert zeigte und schließlich auch seinen ersten Roman veröffentlicht.

Die zündende Idee und ein bahnbrechender Erfolg

Hemingways literarische Versuche plätschern so dahin, bis ihm nach seiner dritten Spanienreise, die mit Affären, Eifersuchtsszenen und wüsten Trinkgelagen in einem Eklat endet, endlich die zündende Idee kommt. Er greift alle noch so schmutzigen Details dieses Pamplona-Trips auf und macht seine Begleiter, die britische Adelige und Femme Fatale Lady Duff Twysden und ihren Lover Patrick Guthrie, seinen Gönner Harold Loeb und dessen Freundin Kitty Cannell, Bestsellerautor Donald Ogden Stewart sowie Bill Smith, Hemingways Freund aus Kindertagen, zu Protagonisten seines neuen Romans und ändert dabei lediglich ihre Namen. Er wählt ein passendes Zitat von Gertrude Stein You are all a lost generation und einen Titel aus der Bibel The Sun Also Rises und sein Erfolgsrezept geht tatsächlich auf: Der Roman wird ein absoluter Überraschungserfolg. Hemingway wird nicht nur zum Sprachrohr einer neuen Generation, sein Roman markiert auch den Beginn seines kometenhaften Aufstiegs als literarischer Innovator, der eine neue, vielversprechende Ära einläutet.

Dass bei allem Erfolg seine Freunde und Fürsprecher auf der Strecke bleiben und ins Lächerliche gezogen werden, weil man sie – trotz geänderter Namen – im Roman sofort erkennt, nimmt Hemingway in Kauf, denn Rücksicht und Diskretion zählen offenbar nicht zu seinen Stärken. Auch viele seiner Mentoren wie Gertrude Stein oder Sherwood Anderson, über die er in den Medien ganz nonchalant hergezogen hatte, brachen mit ihrem berühmten Schützling und machten aus ihrem Verdruss über sein ungebührliches Verhalten keinen Hehl.

Selbstinszenierung und Mythos

Genauso wichtig wie sein schriftstellerisches Wirken war Hemingway jedoch auch seine öffentliche Selbstinszenierung als unwiderstehlicher Frauenheld, verwegener Draufgänger und unkonventioneller Schriftsteller mit einer Vorliebe für Stierkampf und Safaris. Mit traumwandlerischer Sicherheit bediente er sich dabei der Medien, die seinem Wunsch nur zu gerne entsprachen und ihn als Inkarnation des Männlichen, unwiderstehlichen Teufelskerl und literarischen Erneuerer porträtierten. Als er im späteren Verlauf seiner Karriere die Kontrolle über die Medien verlor und ihm sein selbst geschaffener Mythos im wahrsten Sinne des Wortes durch die Finger rann, entwickelte er eine Art Haßliebe zu seinen einst so dienlichen medialen Instrumenten: Einerseits wollte er ihre Aufmerksamkeit und als Autor und Persönlichkeit um jeden Preis gefallen, andererseits veranscheute er ihre Wortverdrehungstaktiken und ihre in seinen Augen unqualifizierte Kritik.

Nach The Sun Also Rises schrieb Hemingway noch einige unvergessliche Werke, darunter auch die großartige Novelle Der alte Mann und das Meer, für die er 1954 den Nobelpreis für Literatur erhielt. In seiner verlesenen Ansprache konstatierte er:

Ein wahrer Schriftsteller sollte sich immer um etwas bemühen, das noch nie gemacht wurde oder was andere ohne Erfolg versucht haben. Dann erreicht er manchmal, mit großem Glück, sein Ziel.“1

Dies ist Hemingway mit seiner brillanten, neuartigen Fiktion meisterhaft gelungen, nicht zuletzt, weil ihm neben seinem großen Talent und seiner charismatischen Persönlichkeit auch das große Glück, die richtigen Menschen zur richtigen Zeit kennengelernt zu haben, beschert war.

Ein brillantes biografisches Werk über die Anfänge eines großen Schriftstellers

Mit Und alle benehmen sich daneben ist Lesley M. M. Blume eine großartige biografische Erzählung über die Entstehungsgeschichte von Hemingways erstem Roman Fiesta gelungen. Die Autorin hat bis ins kleinste Detail recherchiert, was dieses Buch neben der packenden Story zu einem abenteuerlichen Leseerlebnis macht. Als Leser hat man das Gefühl, in das aufregende Paris, das exotische Pamplona und das pulsierende New York der 20er Jahre einzutauchen und Hemingway bei seinem Werdegang über die Schulter zu sehen. Wie er, treffen wir hier auf viele künstlerische Persönlichkeiten, deren Bekanntschafft wir selbst nur zu gerne gemacht hätten.

Aber Blume beleuchtet natürlich vor allem die unglamourösen Zeiten in Paris, die Hemingway und seine Gattin Hadley, die ihren Mann vergötterte und die sich stets mit jeder noch so misslichen Lange abfand, meistern müssen, bevor sie sprichwörtlich auf die Rosen des Ruhms gebettet werden. Diesen langen Weg zum Erfolg beschreibt Blume sehr anschaulich und mit vielen Anekdoten, Events und Erlebnissen, die das Buch nicht nur zu einer aufregenden Zeitreise machen, sondern das künstlerische Schaffen und den Charakter des genialen Schriftstellers illuminieren, dessen Werke die Zeit überdauern. Daher mein Fazit: Ein Must Read – nicht nur für Hemingway-Fans!

Lesley M. M. Blume: Renommierte Schriftstellerin, Journalistin und Kolumnistin

Lesley M. Blume wurde als Tochter einer Pianistin und eines Journalisten in New York geboren. Sie besuchte das Williams College und graduierte mit einem B.A. in Geschichte. Darüber hinaus absolvierte sie ein Studium an der renommierten Cambridge University und machte dort ihr Master’s Degree – ebenfalls im Studienfach Geschichte. Nach ihrem Studium trat sie beruflich in die Fußstapfen ihres Vaters und arbeitete zunächst für The Jordan Times in Amman und Cronkile Productions in New York. Später war sie dann als Reporterin und Researcherin für ABC News gemeinsam mit Ted Koppel in Washington D.C. tätig, wo sie im Jahre 2000 über die Präsidentschaftswahlen und später dann u.a. über die 9/11-Anschläge und die Kriege im Irak und Afghanistan berichtete.

Blume schreibt nunmehr schwerpunktmäßig über kulturhistorische Themen und Künstlerpersönlichkeiten wie den exzentrischen Maler Jackson Pollock, das schriftstellerische Enfant Terrible Truman Capote oder über den mythenbeladenen Literaten Ernest Hemingway. den Modeschöpfer und Filmemacher Tom Ford, den legendären New York Times Fotografen Bill Cunningham oder den launenhaften Kunstschöpfer Pablo Picasso. Ihre Essays, Artikel und Kolumnen erscheinen in etablierten Zeitungen und Magazinen wie u.a. Vanity Fair, The New York Times, The New York Times Style Magazine, Huffington Post, The Wall Street Journal, VOGUE, Departures, Town & Country und The Paris Review Daily.

Darüber hinaus hat die Autorin mit ihrer Let’s bring back Buchreihe eine nostalgische Serie ins Leben gerufen, die sich u.a. Kuriositäten, Mode, Cocktails, sprachlichen Gepflogenheiten etc. vergangener Zeiten widmet. Ihr Faible für Geschichte zeigt sich auch in ihrem Non-Fiction Buch It Happened Here, in dem sie das alte New York unter sozio-kulturellen Gesichtspunkten beleuchtet und sich insbesondere auf das berühmte Grandhotel St. Regis im Big Apple fokussiert, in dem schon Alfred Hitchcock und Salvador Dalí nächtigten.

Daneben schreibt Blume auch sehr erfolgreich Kinder- und Jugendbücher. Hier hat sie zwischenzeitlich bereits fünf Romane und eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht: Modern Fairies, Dwarves, Goblins, and Other Nasties, Cornelia and the Audacious Escapades of the Somerset Sisters, Tennyson, Julia and the Art of Practical Travel, The Wondrous Journals of Dr. Wendell Wellington Wiggins und The Rising Star of Rusty Nail.

Die hier vorgestellte biografische Publikation Und alle benehmen sich daneben (Everybody behaves badly) ist Blumes erste große Veröffentlichung in diesem Bereich. Sie wurde von den amerikanischen Lesern begeistert aufgenommen und schaffte mühelos den Sprung auf die New York Times Bestsellerliste – ein großer Erfolg, den die brillante Erzählerin mehr als verdient hat.

Die Autorin lebt mit ihrem Mann (ebenfalls Journalist) in Los Angeles.

Weitere Informationen über Lesley M. M. Blume findet ihr auf ihrer Website, lesleymmblume.com, der ich neben den Verlagsangaben auch ihre biografischen Details entnommen habe.


Originalausgabe: Blume, Lesley M. M. Everybody behaves badly: the true story behind Hemingway’s masterpiece The Sun Also Rises. Boston/New York: Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company, 2016.
Deutsche Ausgabe: Blume, Lesley M. M. Und alle benehmen sich daneben. Wie Hemingway seine Legende erschuf. Aus dem amerikanischen Englisch von Jochen Stremmel. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2017.
Buchcover: www.dtv.de

1Ernest Hemingway – Banquet Speech – Nobel Prize – 10.12.1954 – zitiert v. Blume, s.o., S. 495.

5 Antworten

  1. Ganz wunderbar, ich liebe Fiesta von Hemingway. Diese zum einen glamourösen, aber auch schwierigen 20er für Künstler und Literaten. Eine meiner liebsten Epochen in der amerikanischen Literatur.

    Herzliche Grüße, Bee

    • Liebe Bee,

      vielen Dank!

      Die 20er Jahre sind auch eine meiner favorisierten Literaturepochen. Fitzgerald und Hemingway sind unerreicht.

      Liebe Grüße

      Rosa

  2. Ich liebe die Kurzgeschichten von Hemingway, habe aber noch keinen Roman von ihm gelesen. Das muss ich unbedingt noch nachholen! Ich finde die Zeit der 20er Jahre und den Kreis rund um Fitzgerald und Hemingway unfassbar faszinierend. Das Buch werde ich mir auf jeden Fall merken 🙂
    Liebste Grüße, Cora

    • Liebe Cora,

      schön, wieder mal von dir zu lesen.

      Hemingways Short Stories mag ich auch sehr, aber seine Romane sind unübertroffen. Mein erstes Buch von ihm war „Wem die Stunde schlägt“ – ich war sofort begeistert.

      Ich bin gespannt, wie dir seine Romane gefallen.

      Liebe Grüße

      Rosa

  3. Hallöchen Rosa,
    Ich finde Hemingway sehr beeindruckend, weiß aber eigentlich gar nicht sehr viel über ihn. Und Biografien lese ich sowieso sehr gerne. Wenn sie dann noch gut geschrieben und genau recherchiert sind, dann klingt das nach einem Kandidaten für die Wunschliste.
    Danke für den Tipp.
    Liebe Grüße und eine schöne Woche, Julia

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