Im Übermaß

Barbara Landes: Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers

„Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren Lieblingen ganz, alle Freuden, die unendlichen, alle Schmerzen, die unendlichen, ganz1.“ Dieses kurze Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe kam mir nach Lektüre der brillanten Romanbiografie von Barbara Landes sofort in den Sinn. Somit muss die amerikanische Ausnahme-Schriftstellerin Carson McCullers, die Protagonistin des Buchs, wahrlich ein Liebling der Götter gewesen sein, denn ihr viel zu kurzes Leben glich einer rasanten emotionalen Achterbahnfahrt, die von Liebe, Schmerz, Verlust und schwerer Krankheit geprägt war. Mit hoher Detailtreue lässt Landes das Leben der außergewöhnlichen Literatin Revue passieren, bei der sich privates Glück, Erfolg und künstlerische Selbstverwirklichung nie in Einklang bringen ließen. Dies führte unweigerlich zu einer schleichenden Selbstzerstörung, die sie mit Alkohol forcierte, bis ihre immer fragiler werdende körperliche Konstitution, geschwächt durch gravierende gesundheitliche Einschläge, schließlich ihr Ende einläuteten.

Wunderkind wider Willen

Schon vor Lula Carson Smiths Geburt im Jahre 1917 ist ihre Mutter Marguerite, die auf einen Sohn hofft, überzeugt, dass ihr Kind etwas ganz Besonderes wird. Auch als sie eine Tochter zur Welt bringt, kann sie dies nicht von ihrer Überzeugung abbringen, dass ihr Wunderkind es einmal sehr weit bringt. Vater Lamar, ein etablierter Uhrmacher in Columbus/Georgia, hält nichts von den Voraussagungen seiner Frau – ihm ist wichtig, dass seine Kleine behütet aufwächst. Doch dann zeigt Lula in ganz jungen Jahren plötzlich ein Talent, das alle verblüfft: Sie beginnt Klavier zu spielen, einfach so, als beherrschte sie es schon seit Jahren. Das ist Wasser auf die Mühlen ihrer Mutter, die ihre Wunderkind-Theorie bestätigt sieht und Lula sofort zum Klavierunterricht anmeldet.

Lula liebt die Musik und geht ganz darin auf, doch ansonsten ist sie eher eine Außenseiterin. Sie ist keine Southern Belle, sondern eher schlaksig und ist mit 13 bereits größer als mancher Junge. Sie hadert mit den großen Erwartungen ihrer Mutter und ist oftmals peinlich berührt, wenn sie sie mal wieder vor allen in den Himmel lobt. Aber Fieberschübe und damit einhergehende ernstzunehmende gesundheitliche Probleme bremsen die hohen Ambitionen aus: Die völlig entkräftete Lula ist gezwungen, für geraume Zeit das Bett zu hüten. Um sie aufzumuntern, schenkt ihr Vater ihr eine Schreibmaschine und setzt damit, ohne es zu ahnen, eine alles verändernde Wende in ihrem Leben in Gang.

New York: Anfänge als Schriftstellerin

Nach ihrer Genesung setzt Lula, die von nun an nur noch Carson genannt werden will, den Klavierunterricht fort, bis schließlich ihr großer Traum (oder treffender, der Traum ihrer Mutter) in greifbare Nähe rückt – ein Studium an der berühmten New Yorker Juilliard Musikschule. Um das Schulgeld zusammenzubekommen, versetzt ihr Vater einen wertvollen Ring ihrer Großmutter, doch Carson verliert die 600 Dollar bereits am ersten Tag in der Subway im Big Apple. Ein Wink des Schicksals? Stattdessen belegt sie einen Creative Writing Kurs an der Columbia Universität, was sie ihren Eltern aber nicht mitteilt. Carson hält sich mit Gelegenheitsjobs finanziell über Wasser und schreibt an ihren ersten Kurzgeschichten. Ihre Dozentin, die ihr literarisches Talent schnell erkennt, fördert sie und schafft es schließlich, ihre Stories an etablierte Magazine zu verkaufen.

Früher Erfolg und schicksalhafte Liebe

Mit Hochdruck versucht sich Carson an ihrem ersten Roman, und dann funkt auch noch die Liebe dazwischen: Der gut aussehende Sergeant James Reeves McCullers wird eine der Obsessionen ihres Lebens. Auch Reeves will Schriftsteller werden und sieht sich mit Carson an seiner Seite am Ziel seiner Träume. Gleiches gilt für Carson, die endlich ihren Seelenverwandten gefunden zu haben scheint. Die beiden heiraten, und Carson vollendet mit nie gekanntem Arbeitseifer ihr Debütwerk. Und es geschieht das Undenkbare: Gleich mit ihrem ersten Roman Das Herz ist ein einsamer Jäger, der 1940 erscheint, avanciert sie zum literarischen Newcomer ihrer Zeit. Der frühe Erfolg im Alter von nur 23 Jahren lässt sie auf Wolken schweben und entzieht ihr gleichermaßen den Boden unter den Füßen. Und wieder hypt man sie als wundersame Neuentdeckung und bugsiert sie damit erneut in eine Rolle, die ihr absolut widerstrebt.

Wildes Künstlerleben

Allerdings genießt sie auch die Vorteile, die ein Leben als schriftstellerischer Shooting Star zu bieten hat: Sie gründet eine Künstler-WG, das Februarhaus in Brooklyn Heights, in dem sie gemeinsam mit renommierten Literaten und Künstlern wie W. H. Auden, Tennessee Williams, Christopher Isherwood, Salvador Dalí und Gala u.v.m. ein unkonventionelles, exzessives Leben führt. Dabei rückt Reeves immer mehr in den Hintergrund. Er hasst es, nur der Mann an ihrer Seite zu sein und greift immer häufiger zur Flasche, denn seine eigene schriftstellerische Karriere liegt brach. Hinzu kommen Carsons romantische Gefühle für Annemarie Schwarzenbach, Mitglied der Entourage um Erika Mann, die jedoch ihre Liebe nicht erwidert. Als Reeves Carson gegenüber handgreiflich wird, lässt sie sich scheiden, nur um ihn vier Jahre später ein weiteres Mal zu heiraten.

Doch nichts ist mehr, wie es einmal war. Ihr wildes Leben, gepaart mit übersteigertem Arbeitswahn und übermäßigem Alkohol- und Drogenkonsum, fordert seinen Tribut: Mehrere Schlaganfälle (der erste mit 24) und daraus resultierende schwere gesundheitliche Probleme machen aus ihr ein körperliches Wrack. Mit nur 50 Jahren ist sie am Ende ihres Lebens angelangt – ein Leben, das ihr größtes Glück, größten Erfolg und größten Schmerz bescherte.

Exzellente Romanbiografie über eine einzigartige, tormentierte Literatin

Ich habe selten eine so eindrucksvolle Künstlerbiografie gelesen wie diese. Geschickt webt Landes Facts & Fiction zusammen. Dass die Autorin das Leben von Carson McCullers bis ins kleinste recherchiert hat, wird schnell klar, wenn man McCullers‘ unvollendete Autobiografie Illumination and Night Glare gelesen hat, die ich sehr empfehle. Einiges hat die Autorin allerdings auch hinzuerdacht – so wie die Figur des ehemaligen Schriftstellers und jetzigen Lektors Ben Jacksen, der nach Carsons Tod ihre Grabrede halten soll und damit völlig überfordert ist. Er sieht sich dieser Aufgabe nicht gewachsen, obwohl ihm Carson „zwei Mal das Leben rettete“, doch am Ende findet er genau die richtigen Worte voller Poesie und Weisheit, die die Essenz von Carsons Wesen treffen:

„Ein Wunderkind, ein wildes Kind. Freude, Angst, Schmerz und Liebe, immer maßlos, das Kind immer ausgeliefert. Wenn Carson liebte, dann jedes Mal zum ersten Mal/…/Sie legte ihr Herz zu Füßen, wo es Staub und Blessuren empfing, glühte, barst, in die Nacht versank – um sich beim nächsten Mal wieder genauso rein und frisch zu verschenken.“2

In zwei Erzählsträngen lässt uns Landes an McCullers‘ tragischem Lebensweg teilhaben. Zum einen sehen wir sie in der Retrospektive durch Bens Augen, dem sie sein existentielles Dilemma mehr als einmal verdeutlicht und der durch sie wieder Halt findet. Zum anderen betrachten wir sie mittels des anonymen Erzählers, der uns durch alle Lebenshöhen und -tiefen dieser einzigartigen Schriftstellerin führt, so dass sie uns am Ende seltsam vertraut ist. Mit ihrer beeindruckenden Rückschau auf das überschwängliche Leben der tormentierten Literatin gelingt Landes das, was sie selbst als ihre schwerste Aufgabe bezeichnete: McCullers, ihrem Leben und ihrem Werk gerecht zu werden.

Barbara Landes: Autorin, Lektorin und Literaturwissenschaftlerin

Barbara Landes wurde 1970 in Hindelang/Allgäu geboren. Sie studierte Literaturwissenschaften in München, Berlin und Nottingham und arbeitete zunächst in den unterschiedlichsten Bereichen, z.B. bei diversen Fernsehsendern, als Museumsarchivarin, Köchin und Lektorin, bevor sie als freie Autorin tätig wurde und sich der Schriftstellerei zuwandte. Gleich ihr Debütroman, der hier vorgestellte Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers, der bei ebersbach & simon im letzten Jahr erschien, wurde ein beachtenswerter literarischer Erfolg.

Wie die Autorin in einem Interview3 mit dem WDR 5-Moderator Matthias Brügge in der Reihe Bücher – Autoren im Gespräch verriet, las sie 1993 auf der Rückfahrt von einem einjährigen Englandaufenthalt ihren ersten Roman von McCullers, Die Ballade vom traurigen Café, und war begeistert – von der Story und von dem einzigartigen Schreibstil der singulären Literatin. Dieses Werk ist bis heute ihr Lieblingsbuch geblieben, obwohl sie anschließend alle anderen Romane der amerikanischen Schriftstellerin gelesen hat.

Was Landes an McCullers‘ Geschichten so fasziniert, ist zum einen ihre „Suggestivkraft, die das Tor zum Unterbewusstsein öffnet.“ Zum anderen ist es ihre „einfache Sprache„, die eine tiefe Symbolik aufweist und nach Landes‘ Auffassung mit einer „Traumsprache bzw. einer universellen assoziativen Sprache“ gleichzusetzen ist.

13 Jahre später ließ Landes all ihr Wissen und ihre Erkenntnisse über McCullers in diese außergewöhnliche, exzellent konzipierte Romanbiografie einfließen, die auch den damaligen Zeitgeist auf beeindruckende Weise reflektiert.

Barbara Landes lebt und arbeitet in München. Ihre o.g. biografischen und alle weiteren Angaben sind den Verlagsinformationen und dem unten aufgeführten WDR 5-Interview entnommen.


Originalausgabe: Landes, Barbara. Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers. Berlin: ebersbach & simon, 2016.
Buchcover: www.ebersbach-simon.de

1Goethe, Johann Wolfgang von. Alles geben die Götter. Gedichte. Nachlese. Aus einem Brief an Auguste zu Stolberg, Weimar 17.7.1777.

2Landes, Barbara. Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers. s.o., S. 216.

3Interview von Matthias Brügge, WDR 5: Bücher – Autoren im Gespräch. 21.01.2017.
http://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-buecher-autoren-im-gespraech/audio-barbara-landes-ueber-die-ballade-vom-wunderkind-carson-mccullers-100.html

2 Antworten

  1. Ich muss sagen, das Cover finde ich wunderschön und erinnert mich an Doris Day oder Rock Hudson-Filme. Ganz positiv gestimmt ist der Inhalt des Buchs doch wohl nicht ganz so positiv, eher eine Mischung aus Kunst und Exzess. Ich sehe da durchaus Parallelen zu anderen Autoren, es erinnnert ein bisschen an das Leben eines Henry Miller oder Anaiis Nin.

    Ich musste erst einmal googlen, wann Mc Cullers gelebt hat und stelle fest, dass es zeitlich etwas später als die Roaring Twenties war. Exzess und Kunst liegt für Künstler oft nah beieinander.

    Wirklich sehr interessant, liebe Grüße, Bee

    • Liebe Bee,

      ja, die Parallelen zu exzentrischen Künstlern wie Miller oder Nin sind nicht von der Hand zu weisen. Kunst und Exzess waren schon in der damaligen Zeit eine gefährliche Kombination.

      Das Cover hat mich übrigens auch sofort angesprochen. Es ist sehr gut gewählt.

      Liebe Grüße

      Rosa

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