In Extremis

Andrew Miller: Nachts ist das Meer nur ein Geräusch

Sonderbar. Brillant geschrieben und doch seltsam befremdlich. Das war mein erster Eindruck nach Lektüre des neuen Romans von Andrew Miller Nachts ist das Meer nur ein Geräusch. Gleichwohl konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen – und das, obwohl die Protagonistin mehr als gewöhnungsbedürftig ist und sich mir fast bis zum Ende der Geschichte nicht erschlossen hat. Nichtsdestotrotz ertappte ich mich dabei, wie ich des Öfteren über diesen unnahbaren fiktiven Charakter nachdenken musste, zu dem ich – bis auf einen ganz kurzen Moment – keinen wirklichen Zugang finden konnte. Die weibliche Hauptfigur ist eine echte Herausforderung, der sich die Leser – wie auch die weiteren Protagonisten des Romans – stellen müssen, auch wenn es beinahe unmöglich ist. Ihr verzweifelter Kampf mit sich selbst verlangt auch uns einiges ab: Ob sie ihn für sich gewinnen kann und will, bleibt am Ende einzig und allein ihre Entscheidung.

Sturz ins Leben

Als die junge eigenbrötlerische Naturwissenschaftlerin Maud Stamp vom Deck eines aufgebockten Segelbootes sieben Meter in die Tiefe stürzt, rechnet Tim Rathbone, Student aus gutem Hause und – wie sie – Mitglied des Uni-Segelclubs, mit dem schlimmsten. Regungslos liegt sie auf den harten Ziegelsteinen, nur um kurz danach zur Überraschung aller wieder aufzustehen. Doch nach einigen Schritten kollabiert sie erneut. Der unter Schock stehende Tim kann nicht fassen, was er da sieht. Er begleitet Maud ins Krankenhaus und ist beeindruckt von ihrem unbändigen Überlebenswillen. Er kümmert sich um die verschlossene, distanzierte Forscherin, die seine Fürsorge – wenn auch teilnahmslos – annimmt. Sie beginnen eine Affäre, die nur seitens Tim von Zuneigung und Leidenschaft erfüllt ist. Als die beiden beschließen zusammenzuziehen, hegt Tim für einen kurzen Moment Zweifel an seiner Entscheidung: Mauds Gefühlskälte und ihre Art, die Liebesbeziehung der beiden und insbesondere ihre gemeinsamen Nächte als Pflichtveranstaltung anzusehen, machen ihm zu schaffen. Doch er ist zuversichtlich, dass Maud schon aus sich herausgehen wird, wenn sie erst einmal ein gemeinsames Zuhause haben.

Eine komische Nudel

Doch Maud bleibt Maud. Als Tim sie seinen Eltern vorstellt, sind diese nicht begeistert. Das überrascht ihn in keiner Weise, denn ihm ist bewusst, wie merkwürdig Maud mit ihrer verschrobenen, gleichgültigen Art auf ihre Umgebung wirkt. Während sein Bruder Magnus sie als komische Nudel bezeichnet, tituliert sie eine Freundin der Familie sogar als Bruja, Hexe. Einen ähnlichen Eindruck vermittelt Maud auch bei der Jobsuche: Man hält sie für arrogant und nicht teamfähig. Sogar von autistischen Zügen ist die Rede. Trotzdem gelingt es ihr, eine gut bezahlte Anstellung bei Fenniman Laboratories zu erhalten, die von nun an ihr ganzer Lebensinhalt wird. Während Tim den Hausmann gibt und krampfhaft versucht, sein Hobby, das Gitarrespielen, zum Beruf zu machen, geht Maud ganz in ihrer Forschung auf. Das ändert sich auch nicht, als sie erfährt, dass sie schwanger ist. Sie macht mit ihrem Leben weiter wie bisher und kann Tims Enthusiasmus nicht teilen.

Der schlimmste Verlust

Als Tochter Zoe geboren wird, könnte Tim nicht glücklicher sein. Er vergöttert die Kleine und ist ein Bilderbuchvater. Maud hingegen kann keine echten Muttergefühle entwickeln. Sie nimmt schnellstmöglich wieder ihre Arbeit auf und überlässt Tim Zoes Erziehung. Als Zoe eingeschult wird, kommt es zum ersten handfesten Streit der beiden: Maud sieht nicht ein, warum sie dabei sein soll, Tim wirft ihr vor, nicht im geringsten an ihrer Tochter interessiert zu sein. Maud lenkt ein, doch ihre Beziehung bekommt erste Risse. Tim beginnt eine Affäre mit der verheirateten Bella, weil er Mauds Lieblosigkeit nicht länger ertragen kann. Doch dann passiert etwas Furchtbares: Als ein betrunkener Busfahrer Tims Auto mit Zoe an Bord frontal rammt, kommt die Kleine ums Leben, Tim überlebt schwerverletzt. Er zerbricht fast am Tod seiner Tochter, während Maud so weitermacht wie bisher. Tim hat endgültig genug und verlässt sie. Maud nimmt das Scheitern ihrer Beziehung teilnahmslos hin und geht wieder zur Arbeit. Ihre Kollegen sind schockiert und auch ihr Chef ist fassungslos: Er besteht darauf, dass sie zu Hause bleibt und gewährt ihr einen längeren Urlaub.

Ein einsamer Kampf

Zuhause weiß Maud nichts mit sich anzufangen. Sie fühlt sich seltsam fremd und heimatlos in ihrer gewohnten Umgebung. Es zieht sie ans Meer und zu ihrem Segelboot Lodestar. Ihre schleichende Entwurzelung wird ihr schmerzlich bewusst, und sie beschließt, ohne Begleitung von England über den Atlantik zu segeln, obwohl sie nicht viel Erfahrung hat. Sie ahnt nicht, dass der Kampf, der sie auf dem Meer – allein mit den Elementen – erwartet, über ihre Kräfte gehen und ihr alles abverlangen wird. Doch noch härter als die Konfrontation mit der unbezähmbaren Naturgewalt des Ozeans ist ihre schonungslose Begegnung mit dem eigenen Ich, der sie sich nicht entziehen kann und die sie fast den Verstand verlieren lässt. Als ein schwerer Sturm aufkommt, zeigt sich noch einmal ihr fast übermenschlicher Überlebenswille, aber reicht er aus, um sie erneut ins Leben zurück zu manövrieren?

Außergewöhnlicher Roman über das Schicksal einer unnahbaren Einzelgängerin

Diese einzigartige Geschichte hat mich trotz der merkwürdig lethargischen Protagonistin in ihren Bann gezogen. Ich wollte Maud so gerne verstehen, doch gelungen ist es mir nicht. Als sie ganz am Ende für einen flüchtigen Moment ihr Innerstes offenbart, schwankt man zwischen Mitleid und Gleichgültigkeit. Ihre Erkenntnis kommt viel zu spät, um auf der Gefühlsebene noch etwas retten zu können. Eine Erklärung für ihr sonderbares Verhalten erhalten wir nicht – es ist an uns, sie zu dechiffrieren. Zu gerne stellen wir uns als Leser dabei auf die Seite von Mauds Kontrahenten – Tim, Tims Eltern, seine Freunde -, weil es so viel leichter ist, als auch nur den Versuch zu machen, sie zu verstehen.

Hier zeigt sich für mich auch die einmalige schriftstellerische Leistung von Andrew Miller, der nicht nur eine bemerkenswerte Geschichte erdacht, sondern mit Maud auch eine Figur geschaffen hat, die es in ihrer Singularität sicherlich in der Literatur in dieser Form nicht oft gibt. Sie ist eine Provokation und ein Ärgernis. Aber warum eigentlich? Weil sie nicht unserer Vorstellung einer Frau und Mutter entspricht? Weil sie sich traut, sie selbst zu sein, obwohl sie weiß, wie bizarr man sie findet? Oder weil sie nicht die typische Trauerreaktion zeigt, die man beim Verlust eines Kindes von ihr erwartet? Am Ende des Romans musste ich mir eingestehen, dass es genau diese Dinge waren, die auch mich irritierten. Und ich habe den Spieß herumgedreht und mich gefragt, warum Tim sich nicht mal ansatzweise die Mühe gemacht hat, das Gespräch mit Maud zu suchen, um sie mit ihrem Verhalten zu konfrontieren. Die Antwort darauf ist simpel: Es ist leichter, wütend zu sein, viel leichter, eine Affäre zu beginnen, als einem Problem auf den Grund zu gehen.

Nachts ist das Meer nur ein Geräusch ist nicht nur ein ganz besonderer Roman über Liebe, Verlust, Einsamkeit und Trauer. Schonungslos hält er auch einer Gesellschaft den Spiegel vor, die alles und jeden ausgrenzt, der anders ist und nicht ins Schema passt. Millers Buch regt auf ganz besondere Weise zur Selbstreflexion an, daher mein Fazit: Ein brillanter Roman und ein absolutes Must Read!

Andrew Miller: Britischer Autor mit einem Faible für das Morbide

Andrew Miller wurde 1960 als Sohn eines Arztes in Bristol geboren und wuchs im Westen Großbritanniens auf. Wie der Autor Kira Cochrane von The Guardian in einem Interview1 verriet, beschloss er nach Lektüre von D. H. Lawrences Roman Der Regenbogen bereits im Alter von 18 Jahren, Schriftsteller zu werden. Er schrieb Kurzgeschichten und Gedichte, nahm aber zunächst einen Job in einem völlig anderen Bereich an: Er arbeitete in einem Heim mit lernbehinderten Menschen. Mit 22 erhielt er aufgrund seines brillanten Essays über Lawrence einen Studienplatz an der Middlesex Polytec, wo er auch seinen Abschluss machte. Danach lehrte er mehrere Jahre Englisch als Fremdsprache und lebte in Spanien, Japan, Irland und Frankreich.

Mit 30 erhielt er ein Stipendium für ein Creative Writing Studium an der University of East Anglia, wo er u.a. von dem berühmten britischen Romancier und Literaturwissenschaftler Malcolm Bradbury unterrichtet wurde. Nach seinem erfolgreichen Abschluss schrieb er seinen ersten Roman Ingenious Pain (Die Gabe des Schmerzes), der 1997 erschien und für den er mit dem renommierten International IMPAC Dublin Literary Award ausgezeichnet wurde. Völlig überraschend hatte der literarische Newcomer hier berühmte Schriftsteller wie Don DeLillo, Ian McEwan und Haruki Murakami aus dem Rennen geworfen. Und als wäre das für einen Debütautor mit seinem Erstlingswerk nicht Erfolg genug, erhielt er noch zwei weitere Preise – den James Tait Black Memorial Award for Fiction und den italienischen Premio Grinzane Cavour. Das Buch wurde mittlerweile in mehr als 36 Sprachen übersetzt.

Zwischenzeitlich hat der Autor noch weitere fünf Romane publiziert – Casanova (Die kleine Geschichte, die meist von Liebe handelt), Oxygen (Zehn oder fünfzehn glücklichste Momente des Lebens), The Optimists (Die Optimisten), One Morning Like a Bird (Nach dem großen Beben), Pure (Friedhof der Unschuldigen) und das hier vorgestellte Buch The Crossing (Nachts ist das Meer nur ein Geräusch). Für Pure erhielt Miller 2011 den angesehenen Costa Book Award – zum einen für den besten Roman, zum anderen für das beste Buch des Jahres.

Millers Faible für alles Morbide, das ganz besonders in seinem o.g. Roman Pure zum Ausdruck kommt, scheint seines Erachtens daher zu rühren, dass er bedingt durch den Einfluss seines Vaters, ein engagierter Mediziner, schon früh mit Krankheit, fleischlichem Verfall und Tod konfrontiert wurde, so dass diese Themen ihn eher interessierten und faszinierten als ängstigten. Und so ist es natürlich auch nicht verwunderlich, dass er sie in seinen Werken des Öfteren aufgreift und verarbeitet.

Andrew Miller lebt und arbeitet in Witham Friary, Somerset.

Seine biografischen Angaben sind den Verlagsinformationen, der englischen Wikipedia-Seite und dem o.g. Interview entnommen.


Originalausgabe: Miller, Andrew. The Crossing. London: Sceptre, 2015.
Deutsche Ausgabe: Miller, Andrew. Nachts ist das Meer nur ein Geräusch. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Wien/München: Paul Zsolnay Verlag/Hanser Literaturverlage, 2017.
Buchcover: www.hanser-literaturverlage.de

1Interview von Kira Cochrane, The Guardian, 25.01.2012:
https://www.theguardian.com/books/2012/jan/25/andrew-miller-interview

4 Antworten

  1. Ich kenne das, wenn man einen Charakter in einem Buch hat, der sich einem bis zum Schluß nicht wirklich ergründet. Woran liegt es? Am Autor? Ist es intentioniert? Es freut mich auf jeden Fall, dass das Buch dir so außergewöhnlich gut gefiel, liebe Rosa.

    Herzliche Grüße, Bee

    • Liebe Bee,

      ich hatte jedenfalls den Eindruck. es ist intentioniert. Ich mag das Spiel des Autors mit dem Leser sehr – hier hat sich mein Lesegeschmack in den letzten Jahren auch sehr verändert.

      Liebe Grüße

      Rosa

  2. Hallo Rosa,
    ich habe nur das Intro der Rezension gelesen und dachte mir direkt: das ist was für mich.
    Und dann dieser wunderschöne Titel. Ich kaufe ja gerne nach Titel/Cover…
    Gelernt habe ich auch noch etwas (intentionieren musste ich nachschlagen).
    Ich schreibe das Buch auf meine Geburtstagswunschliste.
    Viele Grüße
    Silvia

    • Hallo Silvia,

      ja, der Titel hatte es mir auch sofort angetan – und das Cover auch (obwohl ich sonst nie ein Buch nur wegen des Covers kaufe). Ich bin gespannt, ob dir der Roman gefällt.

      Viele Grüße

      Rosa

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