Späte Romanze

Karine Lambert: Und jetzt lass uns tanzen

Die Liebe trifft uns immer dann, wenn wir es am wenigsten erwarten. Zu banal? Gleichwohl absolut zutreffend auf Marguerite und Marcel, die Protagonisten des wunderbaren Romans von Karine Lambert Und jetzt lass uns tanzen, denn die beiden einsamen Seelen trifft Amors Pfeil aus heiterem Himmel – und das, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Die 78-jährige Marguerite Delorme, wohlhabende Notarswitwe, ist der Inbegriff der fügsamen Ehefrau und Mutter. Ihre arrangierte, lieb- und leidenschaftslose Ehe mit dem angesehenen Notar Henri, die nach 55 pflichtbewussten Jahren durch seinen plötzlichen Tod ein jähes Ende findet, ist nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Sie, die sich nie als Individuum wahrnahm und stets die Bedürfnisse und Interessen ihres Mannes und ihres Sohnes Frédéric über ihre eigenen stellte, weiß nun nichts mit sich anzufangen. Henri, der immer alle Entscheidungen traf und ihr Leben bis ins kleinste Detail durchplante, lebt nicht mehr und nun ist es an ihr, aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwachen. Doch das ist gar nicht so einfach, denn ihre Einsamkeit macht ihr schwer zu schaffen – einzig ihr aufgeweckter Enkel Ludovic vermag es, etwas Licht in ihren grauen Alltag zu bringen.

Plötzlich Witwe

Sohn Frédéric, der an Spießigkeit und Borniertheit selbst seinen verstorbenen Vater noch übertrifft, übernimmt nun dessen Rolle und versucht, über das Leben seiner immer fragiler werdenden Mutter zu bestimmen. Doch Marguerite hat genug davon, sich unterdrücken und vorschreiben zu lassen. wie ihr Leben zu verlaufen hat. Da kommt der Vorschlag ihres Arztes, sich doch mal eine Thermalkur in dem kleinen Pyrenäenort Bagnères de Bigorre zu gönnen, gerade recht. Obwohl sie anfangs noch recht unsicher ist und sich vor dem Alleinreisen fürchtet, gewinnt sie schnell an Selbstvertrauen. Sie genießt ihren Aufenthalt und die Anwendungen in der erlesenen Kurklinik und nimmt sich und ihren Körper zum ersten Mal richtig wahr, obwohl sie mit ihrem Alter hadert. Sie blüht auf und fühlt sich ganz sie selbst.

Zurück ins Leben?

Dies trifft jedoch in keiner Weise auf den 73-jährigen Algerienfranzosen Marcel Guedj zu, dessen Tochter Manou ihm diese Kur förmlich aufzwingen musste. Durch einen Schwimmunfall hatte er seine Frau Nora nach 50 liebevollen Ehejahren auf tragische Weise verloren und findet seitdem nicht mehr ins Leben zurück. Der ehemalige Tierpfleger, dessen bester Freund Nashorn Hector ist, fühlt sich in der Klinik mehr als fehl am Platz. Die ganzen alten Leute, zu denen er sich nicht zählt. und die wohltuenden Anwendungen sind ihm zuwider, das gesunde Essen ist dem Schokoladenfan ein Graus. Der freiheitsliebende Naturfreund hasst es, sich nach der Uhr zu richten und macht lieber lange Spaziergänge als in einer solchen Institution eingesperrt zu sein.

Mektoub

Als er eines Tages auf Marguerite trifft, ändert sich alles. Obwohl der temperamentvolle, offene Marcel und die scheue, introvertierte Marguerite auf den ersten Blick nichts gemein haben, fühlen sie sich auf unerklärliche Weise zueinander hingezogen. Es entwickelt sich eine innige Liebesbeziehung zwischen den beiden, die sie völlig überrascht und ihnen eine ganz neue Welt eröffnet. Marcel lässt Marguerite sein, wie sie all die Jahre nicht sein durfte. Sie machen Ausflüge und tanzen zusammen nach Marcels geliebter Chaâbi-Musik und Marguerites Line Renauds Chansons. Sie lassen es sich gut gehen, reisen nach Paris und sind dankbar für die zweite Chance, die das Schicksal (Mektoub in Marcels Heimatsprache) ihnen gewährt hat.

Die zweite große Liebe

Während Marcels Tochter Manou sich für ihren Vater und sein neues Glück freut, ist Marguerites Sohn Frédéric außer sich. Er zweifelt am Geisteszustand seiner Mutter und beabsichtigt, sie ihn ein Heim zu stecken. Als Marguerite einen kleinen Haushaltsunfall hat, sieht sich Frédéric im Recht und lässt seine Mutter einweisen. Wider Erwarten fügt sich Marguerite ihrem Schicksal – sie ist noch geschwächt und fühlt sich außerstande, einen Versuch zur Gegenwehr zu starten. Doch sie hat nicht mit Marcel gerechnet, der alles daran setzt, um die zweite große Liebe seines Lebens zurückzuholen…

Ein wunderschöner Roman über eine späte Amour Tendre

Dieser zauberhafte Roman ist das beste Mittel gegen Angst vor dem Alter. Er beschwingt, stimmt glücklich, amüsiert mit subtiler Situationskomik und hält uns vor Augen, wie das Leben trotz zunehmender altersbedingter Unpässlichkeiten durch eine neue, innige und zärtliche Liebe nochmals auf den Kopf gestellt werden kann. Denn die größten Geschenke des Alters sind die Freiheit und die Liebe: Die Freiheit, so zu sein, wie man ist, ohne sich verstellen zu müssen und sich darum zu scheren, was die Leute sagen. Die Liebe, weil sie die Einsamkeit durchbricht und die Seele strahlen lässt.

Die Geschichte um Marguerite und Marcel ist deshalb so berührend, weil sie von großer Einfühlungsgabe, bewegender Emotionalität und von profundem menschlichem Verständnis zeugt. Als Leser durchleben wir zunächst die dunklen, einsamen Stunden mit den Protagonisten, in denen sie in ihrem Alleinsein nichts mehr vom Leben erwarten. Umso schöner ist es dann, sie angesichts ihres neu gefundenen Glücks plötzlich aufblühen zu sehen. Gerne begleiten wir die liebgewonnenen Senioren ein Stück auf ihrem Weg und hoffen mit ihnen, dass sie diese späte Liebe noch lange genießen werden.

Mein Fazit: Einer der außergewöhnlichsten Romane dieses Jahres! Unbedingt lesenswert!

Karine Lambert: Erfolgreiche Schriftstellerin und Fotografin

Über die belgische Autorin ist nicht sehr viel bekannt. Sie wurde 1958 in Uccle/Brüssel geboren. Sie arbeitete zunächst als Fotografin und bereiste viele Länder, bevor sie sich auch der Schriftstellerei zuwandte. Gleich mit ihrem ersten Roman L’immeuble des femmes qui ont renoncé aux hommes, der leider noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, gelang ihr ein Bestseller und der literarische Durchbruch: Für ihr Erstlingswerk wurde sie mit dem renommierten Prix Saga Café (Bestes Debüt) ausgezeichnet.

Wie Karine Lambert in einem Interview1 mit dem Diana Verlag verriet, kam ihr die Idee zu ihrem zweiten Roman, der hier vorgestellte Und jetzt lass uns tanzen, als die Mutter ihres besten Freundes nach 50 Jahren Ehe plötzlich ihren Mann verlor und sich dann völlig überraschend nochmals verliebte. Hieraus entwickelte die Autorin diese wunderbar einfühlsame Geschichte um Marguerite und Marcel, die sich ganz leise in die Herzen vieler Leser geschlichen hat und die mit ziemlicher Sicherheit zu einem weiteren Bestseller avancieren wird. Das Hörbuch kann ich euch im Übrigen auch sehr empfehlen: Es wird von der großartigen Iris Berben gelesen – ein Ohrenschmaus!

Für Lambert ist Fotografie und Schreiben im Übrigen wunderbar vereinbar, wie sie im o.g. Interview weiter ausführte, denn ihre beiden Passionen haben ihres Erachtens viel gemeinsam. Während sie mit ihren Bildern Momentaufnahmen schafft, die Gefühle transportieren, kann sie beim Schreiben tiefer in die Charaktere und ihre Hintergründe hineintauchen. In einem Dialog mit Livre d’après2 hob sie zudem hervor, dass man als Fotografin und als Schriftstellerin immer auch eine gute Beobachterin sein muss. Wenn sie ein Kapital schreibe, so die Autorin, dann habe sie meistens eine Filmszene vor Augen, die sie dann schriftlich fixiere.

Neben ihren o.g. Hauptaktivitäten ist Lambert eine begeisterte Leserin. Zu ihrer Lieblingslektüre zählen zum einen die großen Klassiker von Oscar Wilde, Albert Camus, Boris Vian und diversen russischen Autoren. Zum anderen liest sie natürlich auch die Werke zeitgenössischer Schriftsteller: Zu ihren literarischen Favoriten zählen hier u.a. Alessandro Baricco, Philip Roth, Amin Maalouf, Francesca Melandri und Julie Otsuka.

Karine Lambert lebt und arbeitet in Brüssel.

Die biografischen Angaben und entsprechende weitere Informationen der Autorin habe ich der Verlagsseite und den o.g. Interviews entnommen.


Originalausgabe: Lambert, Karine. Eh bien, dansons maintenant! Paris: Éditions Jean-Claude Lattès, 2016.
Deutsche Ausgabe: Lambert, Karine. Und jetzt lass uns tanzen. Aus dem Französischen von Pauline Kurbasik. München: Diana Verlag/Verlagsgruppe Random House GmbH, 2017.
Buchcover: www.randomhouse.de

1Interview Diana Verlaghttps://www.randomhouse.de/Iris-Berben-&-Karine-Lambert-im-Interview-/Karine-Lambert-ueber-ihren-Roman/aid74404_14298.rhd

2Interview Le Livre D’Aprèshttps://lelivredapres.wordpress.com/2015/07/18/une-belle-rencontre-avec-karine-lambert-auteur-de-limmeuble-des-femmes-qui-ont-renonce-aux-hommes/

Mein herzlicher Dank gilt dem Diana Verlag bzw. der Verlagsgruppe Random House GmbH, München, die mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

2 Antworten

  1. Liebe Rosa,

    Du weißt, dass ich kaum noch Romane lese, mir fehlt einfach die Zeit durch mein Hobby, das Fotografieren. Schön zu lesen, dass die Autorin ebenfalls fotografiert und schreibt, beneidenswert. Doch das Buch hört sich wirklich toll an, deine Rezension ist – wie immer – treffsicher formuliert und sie macht Lust aufs Buch.

    Herzliche Grüße, Bee

    • Liebe Bee,

      ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Fotografieren sehr viel Zeit in Anspruch nimmt und du somit nicht mehr oft zum Lesen kommst, was sehr schade ist. Aber irgendwann muss man Prioritäten setzen, und die Fotografie ist nun mal dein Steckenpferd.

      Schön, dass dich das Buch ansprichst. Vielleicht liest du es ja doch mal – es hat nur 222 Seiten. Das Hörbuch ist auch super – es wird von Iris Berben gelesen.

      Liebe Grüße und schöne Ostern

      Rosa

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.