Ein falsches Leben

Claire Fuller: Eine englische Ehe

Was würde passieren, wenn wir in ein Leben schlittern, das wir nie gewollt haben? Wenn wir unsere Freiheiten und Träume für eine Beziehung begraben, die in keiner Weise hält, was sie anfänglich versprochen hat. Fügen wir uns unserem Schicksal und erfüllen unsere Rolle oder brechen wir aus unserem selbst gewählten Gefängnis aus? Diesen existentiellen Fragen widmet sich die britische Autorin Claire Fuller in ihrem neuen Roman Eine englische Ehe auf eindrucksvolle Weise. Den Weg, den sie ihre Protagonistin Ingrid Torgensen beschreiten lässt, ist ein steiniger, ihrem Traum von einem selbstbestimmten Leben folgt ein bitteres Erwachen. Dabei sieht es für sie und ihre beste Freundin Louise zunächst so vielversprechend aus. Die beiden Literaturstudentinnen träumen von einer unabhängigen Existenz mit wechselnden Lovern, von einem unkonventionellen Job (am liebsten Schriftstellerin) und vielen Reisen in exotische Länder. Auf keinen Fall möchten sie so werden wie ihre Mütter, die für sie mit Heim und Herd der Inbegriff der Spießigkeit sind.

Verlorene Freiheit

Als sich Ingrid jedoch in den attraktiven, doppelt so alten Literaturprofessor Gil Coleman verliebt, gerät ihre Gefühlswelt ins Wanken und ihr beschworenes Lebensziel rückt in weite Ferne. Sie schlägt die eindringlichen Warnungen ihrer Freundin Louise in den Wind und lässt sich auf eine Affäre mit ihm ein. Als diese publik wird und Ingrid ein Kind erwartet, müssen beide wegen des Skandals die Uni verlassen – ein doppelter Schlag für Ingrid, die ihren Abschluss nicht mehr machen kann. Doch Gil bleibt positiv und will sich von nun an nur noch der Schriftstellerei widmen. Als ihre Tochter Nan auf die Welt kommt, beginnt für Ingrid ein Leben, das sie nie gewollt hat. So sehr sie sich auch bemüht, sie schafft es nicht, Muttergefühle zu entwickeln. Die Rolle der Ehefrau und Mutter erscheint ihr, der Freiheitsliebenden, seltsam fremd. Sie fühlt sich isoliert und allein in ihrem kleinen Haus an der englischen Küste – nur beim Schwimmen im Meer kann sie für eine kleine Weile sie selbst sein.

Verborgene Briefe

Als ihre zweite Tochter, Flora, auf die Welt kommt, wird die Situation für Ingrid immer unerträglicher. Das Geld ist knapp, denn Gils Durchbruch als Schriftsteller lässt auf sich warten. Ihr Mann betrügt sie mit anderen Frauen und ist in keiner Weise der Vater, den man sich für seine Kinder wünscht. Doch dann gelingt ihm endlich ein Bestseller – dank Ingrid – und ihre Geldsorgen lösen sich in Luft auf. Sein Buch Aus dem Liebesleben eines Mannes beschert ihm einen Skandalerfolg und er wird zum gern gesehenen Dauergast in Talkshows. Damit steigt auch die Anzahl seiner weiblichen, zumeist recht jungen Verehrerinnen, denen er fast nie widerstehen kann. Ingrid ist verzweifelt, doch sie scheut die direkte Konfrontation mit Gil. In den vielen Nächten, in denen sie nicht schlafen kann, schreibt sie ihm sehr persönliche Briefe, die alles Unaussprechliche beinhalten. Diese versteckt sie in den unterschiedlichsten Büchern in Gils großer Bibliothek.

Unheimliche Erscheinung 

Eines Tages verschwindet Ingrid spurlos. Gil und seine Kinder sind verzweifelt. Nach intensiver medienwirksamer Suche geht man von einem tragischen Schwimmunfall aus und stellt die Suche ein. Während Nan, die Pragmatische, versucht, die Situation als gegeben hinzunehmen und die Mutter zu ersetzen, kann Flora dieses traumatische Erlebnis nur schwer verkraften. Auch für Gil bricht eine Welt zusammen: Er macht sich schwere Vorwürfe, verkriecht sich in seinem Haus und schreibt kein weiteres Buch mehr. Doch dann – 12 Jahre später – geschieht etwas Seltsames: Aus dem Fenster einer Buchhandlung sieht Gil Ingrid die Straße entlanggehen. Er traut seinen Augen nicht und folgt ihr, doch ehe er sich versieht, ist sie wieder verschwunden. Als seine Kinder davon erfahren, sind sie besorgt: Während Nan am Geisteszustand ihres kranken Vaters zweifelt, ist Flora alarmiert. Sie hatte immer die leise Hoffnung, dass ihre Mutter noch am Leben ist und begibt sich auf Spurensuche, ohne zu ahnen, dass die wichtigsten Hinweise in der Bibliothek ihres Vaters versteckt sind…

Brillanter, lebenskluger Roman mit unerwartetem Ende

Claire Fullers Geschichte hat zweifellos Sogwirkung. Sie wird in zwei sich abwechselnden Handlungssträngen erzählt: Der erste Handlungsstrang spielt in der Gegenwart des Romans, eröffnet die Geschichte und setzt 12 Jahre nach dem Verschwinden von Ingrid an. Parallel hierzu präsentiert uns Fuller im zweiten Handlungsstrang Ingrids sehr persönliche Briefe und lässt uns in ihre Gedanken- und Gefühlswelt eintauchen, die sie stets vor ihrem Mann verborgen hielt. Diese schonungslosen Einblicke in das Seelenleben der Protagonistin, in ihre Träume, Wünsche und Hoffnungen, die sich alle nicht erfüllten, haben mich sehr berührt. Allerdings konnte ich nicht umhin, mich zu fragen, warum es einer derart freiheitsliebenden Frau nicht gelingt, sich ihrem Mann zu offenbaren bzw. eine Konfrontation mit ihm zu suchen. Natürlich ist Coleman ein Womanizer, ein charmanter, manipulativer Mann, dem sie schon aufgrund ihres jungen Alters und ihrer mangelnden Erfahrung nicht gewachsen ist. Andererseits sind seine zahlreichen Affären Grund genug, um eine Beziehung zu beenden, die nie wirklich funktioniert hat.

Die Entscheidung, die Ingrid am Ende trifft und die sich – zu meiner großen Überraschung – am Ende ganz ohne viel Pathos offenbart, bleibt trotz alledem mysteriöser Natur. An dieser Stelle möchte ich aber nicht mehr verraten. Festzuhalten bleibt, dass mich dieser wirklich brillante Roman sehr nachdenklich gestimmt hat, denn die Geschichte der Protagonistin ist erschreckend realitätsnah. Ihre Briefe gehen zu Herzen, rütteln auf und machen doch oft sprachlos und wütend angesichts ihrer Nachgiebigkeit und Unentschlossenheit. Obwohl ihr Dilemma nur allzu menschlich ist, da sie anfänglich aufgrund ihres Alters noch über keine ausreichende Menschenkenntnis und Weitsicht verfügen kann, fällt es im weiteren Verlauf des Romans immer schwerer, sie zu verstehen. Und dann ist sie auch schon verschwunden. Doch ganz zum Schluss eröffnet sich uns etwas, das wir klammheimlich gehofft haben und trotz alledem kaum glauben können. Aber lest selbst! Das Buch wird euch begeistern. Mein Fazit: Ein großartiger Roman, der noch lange im Gedächtnis bleibt.

Claire Fuller: Britische Schriftstellerin und Bildhauerin

Claire Fuller wurde 1967 in Oxfordshire geboren. In den achtziger Jahren studierte sie Bildhauerei an der Winchester School of Art, bevor sie als Co-Director einer Marketingagentur Karriere machte. Erst mit 40 Jahren entdeckte sie die Schriftstellerei für sich. An der University of Winchester absolvierte sie ein Studium im Bereich Creative and Critical Writing und machte hier ihren Master-Abschluss.

Gleich ihr erster Roman Our Endless Numbered Days, der 2015 erschien, wurde ein großer Erfolg und mit dem renommierten Desmond Elliott Prize ausgezeichnet. Darüber hinaus schaffte er es auf die Long List des International Dublin Literary Award, wurde für den Edinburgh First Book Award (2015) nominiert und war Finalist des ABA (American Booksellers Association) Indies Best Book Award (2016). Bisher wurde das Buch in ca. 13 Sprachen übersetzt. Deutschland und Dänemark sollen noch in diesem Jahr folgen. Ihr zweiter Roman, der hier vorgestellte Eine englische Ehe (Swimming Lessons), ist auf dem besten Wege, ein Bestseller zu werden und wird derzeit in 10 Sprachen übersetzt.

Darüber hinaus schreibt Claire Fuller auch sehr erfolgreich Kurzgeschichten, die in literarischen Magazinen veröffentlicht werden. Für ihre Short Story Baker, Emily and Me gewann sie 2014 die BBC Opening Lines Short Story Competition, für A Quiet Tidy Man erhielt sie 2016 den Royal Academy/Pin Drop Short Story Award.

Die Autorin, die mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Winchester lebt, arbeitet derzeit an ihrem dritten Roman.

Weitere Informationen über Claire Fuller (inkl. ihres Blogs) findet ihr auf ihrer Website https://clairefuller.co.uk, der ich – ebenso wie der britischen Wikipedia-Seite – ihre biografischen Angaben entnommen habe.


Originalausgabe: Fuller, Claire. Swimming Lessons. London: Fig Tree, 2017.
Deutsche Ausgabe: Fuller, Claire. Eine englische Ehe. Aus dem Englischen von Susanne Höbel. München/Berlin: Piper Verlag GmbH, 2017.
Buchcover: www.piper.de

Mein herzlicher Dank gilt dem Piper Verlag, der mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

6 Antworten

  1. Hallo Rosa,

    Ich bin über das #litnetzwerk zu dir gestoßen. Schön, dass du den Weg zum Bloggen gefunden hast. Unser Buchgeschmack ist total unterschiedlich, aber deine Rezension finde ich sehr schön geschrieben. So toll kann ich das tatsächlich nicht.

    LG, Moni

    • Liebe Moni,

      ja, das #litnetzwerk ist schon eine tolle Aktion. Ich freue mich auch, dass ich deinen Blog gefunden habe.

      Ich lese immer auch Rezensionen auf Blogs, die einen unterschiedlichen Buchgeschmack haben und bin hier schon auf so manchen Geheimtipp gestoßen.

      Danke! Ich finde, du schreibst ebenfalls sehr ansprechend :).

      Liebe Grüße

      Rosa

  2. Hallo Rosa,
    ich bin auf der Buchmesse schon um dieses Buch herumgeschlichen, war mir aber immer unschlüssig ob es etwas für mich ist oder nicht. Mit mir nach Hause gewandert ist dann „Warten auf Bojangles“, ebenfalls von Piper. Deine Rezension hat mich nun überzeugt. Werde mir das Buch auf jeden Fall besorgen. Bin schon sehr gespannt darauf.

    Ganz liebe Grüße,
    Heike

    • Hallo Heike,

      ich habe mir das Buch auch nicht sofort gekauft, sondern mir erst mal eine Leseprobe heruntergeladen, die mir dann sehr gefiel. Danach habe ich es nochmals für eine Freundin gekauft, die auch sehr begeistert war.

      Ich bin gespannt, wie du den Roman findest.

      Liebe Grüße

      Rosa

  3. Huhu liebe Rosa,

    ich hatte von dem Buch bisher noch nichts gehört, aber du machste einen so so neugierig drauf, weil ich jetzt sofort wissen will, was es mit diesem mysteriösen Geschehen aufsich hat!!! Allgemein finde ich den Ansatz der Geschichte sehr spannend, da es wirklich kein so seltenes Phänomen ist, dass man in irgendeiner Art und Weise in einem Leben feststeckt, dass man sich so nicht erträumt oder ertäumt hatte und manchmal nicht weiß, wie man ausbrechen kann, manchmal sieht man ja selber nicht, wei einfach der Weg wäre oder hat nicht den Mut den entscheideneden Schritt zu gehen. Bin so gespannt auf das Buch und hoffe, ich kann es mir möglichst bald holen. Danke für den Tipp!

    glg Franzi

    • Liebe Franzi,

      herzlichen Dank für deinen Kommentar.

      Ja, diese mysteriöse Geschichte hatte mich auch sofort in ihren Bann gezogen. Ich bin mir sicher, dass sie dir gefallen wird. Mit der Auflösung am Ende hätte ich nie gerechnet.

      Liebe Grüße

      Rosa

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