Verrückte Liebe

Olivier Bourdeaut: Warten auf Bojangles

Es gibt Geschichten, die treffen mitten ins Herz. Sie drehen die Welt auf den Kopf und lassen sie für eine kleine Weile stillstehen. Olivier Bourdeauts Debütroman Warten auf Bojangles fällt in diese Kategorie. Er beschwingt, macht glücklich und feiert das Leben und die Liebe. Und doch ist er zuweilen voller Traurigkeit und Melancholie – so wie das Lied Mr. Bojangles, wunderbar interpretiert von Nina Simone, das uns bis zum Ende der Erzählung begleitet. Im Fokus dieser aus zwei Perspektiven geschilderten tragisch-schönen Story steht die bedingungslose Liebe des Protagonisten Georges zu seiner Frau. Als er die extravagante Lady mit dem Federhut zum ersten Mal auf einer Party ekstatisch tanzen sieht, ist es um ihn geschehen. Er verfällt ihr hoffnungslos, obwohl eine innere Stimme ihm sagt, dass etwas mit ihr ganz und gar nicht stimmt.

Die Frau mit dem Federhut

Doch Georges, dessen Karriere stetig bergauf geht, hat genug von der tagtäglichen Monotonie und entscheidet sich für die Frau, die sein bis dato wohlgeordnetes Leben in ein bodenloses Chaos verwandelt. Er geht ganz auf sie ein und versucht, ihre psychische Instabilität und die damit einhergehenden Phasen zwischen Euphorie und Depression mit einem ausgelassenen, übersteigerten Lifestyle aufzufangen. Er nennt sie nie länger als zwei Tage beim gleichen Namen, feiert mit ihr und vielen Gästen opulente Parties, tanzt mit ihr zu der einzigen Platte, die sie liebt, Mr. Bojangles, mixt spritzige Cocktails und nimmt jede ihrer noch so wahnwitzigen Ideen auf.

Als ihr Sohn auf die Welt kommt, wird sie ruhiger, und Georges hofft, dass sich ihre psychischen Probleme dadurch vielleicht von selbst lösen. Doch weit gefehlt: Sie bindet den Kleinen in ihr exzentrisches Leben ein und lässt ihn an allen Events teilhaben. Als er seine Erlebnisse in der Schule erzählt, glaubt ihm niemand. Er wird zum Außenseiter, doch das macht ihm nichts, denn was sind schon die Witze seiner Schulkameraden gegen die tollen Einfälle seiner Maman? Aber auch der kleine Sohn, der seine Mutter bedingungslos liebt, entdeckt mit dem sicheren Instinkt eines Kindes, dass sie nicht so ist wie andere Mütter. Er nimmt ihre oftmals verstörenden Stimmungsschwankungen wahr und versucht, sie, wie sein Vater, vor sich und der Welt zu beschützen.

Gefährlicher Wahn

Als seine Eltern ihn nach wiederkehrenden Dissonanzen mit der Schulleitung schließlich aus der Schule nehmen, um ihn privat zu unterrichten, ist er glücklich, denn endlich können er und seine Eltern nach Spanien in ihr traumhaftes Domizil, das Wolkenschloss, fahren, wann immer sie wollen. Doch das Leben im Partytime-Modus und das innige Glück der drei ist nicht von Dauer: Vater und Sohn bemerken mit wachsender Sorge, wie ihre geliebte Frau und Mutter immer öfter außer Kontrolle gerät und in ihre eigene Welt versinkt. Darüber hinaus plagen sie finanzielle Probleme, denn Georges‘ sorgloses Geldausgeben fordert seinen Tribut. Doch noch bevor er eine Lösung finden kann, bringt sich seine Frau durch eine abstruse Aktion in höchste Lebensgefahr und setzt damit eine verhängnisvolle Abwärtsspirale in Gang, nach der nichts mehr so ist wie vorher…

Ein sehr berührender, warmherziger Roman über eine außergewöhnliche Liebe

Es gibt so viele Adjektive, um diesen wunderbaren Roman zu beschreiben – verrückt, amüsant, traurig, rührend, gefühlvoll, romantisch, skurril – jedes passt auf seine ganz eigene Weise. Olivier Bourdeaut beschreibt das durch die Krankheit der Mutter bedingte, täglich wechselnde Gefühlschaos einer in jeder Hinsicht unkonventionellen kleinen Familie sehr eindringlich und bewegend. Aus der Perspektive des Vaters Georges und seines kleinen Sohnes erhalten wir aufschlussreiche Einblicke in das Seelenleben der beiden, in dem Hoffnung und Verzweiflung nahe beieinander liegen. Während Georges tief im Inneren stets hofft, dass es seiner Frau bald bessergeht und alles tut, damit sie nicht völlig die Bodenhaftung verliert, erkennt er mit wachsender Besorgnis, wie sehr ihr Zustand seinem Sohn zu schaffen macht.

Die Kapitel, die Bourdeaut aus Sicht des Sohnes erzählt, gehen ganz besonders ans Herz. Der Kleine liebt seine Maman sehr und gibt sein Bestes, um sie glücklich zu sehen. Zunächst genießt er die lustigen Spiele, die tollen Partys und die täglichen Verrücktheiten mit seiner Mutter, die ihn vergöttert und wie einen Mini-Erwachsenen behandelt. Für ihn ist das Leben mit seinen Eltern ein einziges Abenteuer, bei dem er jeden Tag etwas Aufregendes erlebt (dies gilt im Übrigen auch für den Leser, der den dreien schmunzelnd und vergnügt durch ihren amüsanten Alltag folgt). Als die depressiven Phasen seiner Mutter jedoch überwiegen, ist er völlig überfordert. Er kann nicht verstehen, warum seine Maman plötzlich grundlos weint und tröstet sie so gut er kann. Die Szene, wo der Kleine seiner Mutter hilflos übers Gesicht streicht, als sie wieder einmal einen Zusammenbruch hat, ist mir sehr ans Herz gegangen.

Bourdeauts Roman hat mich zum Lachen und zum Weinen gebracht. Dies liegt vor allem an der einzigartigen Fähigkeit des Autors, den Menschen tief in die Seele zu schauen und ihre widersprüchlichen Gefühle in liebevolle Worte zu fassen. Warten auf Bojangles ist eine rührende Hymne an die Liebe, die das Leben in all seiner Tragik zu einem grandiosen Ereignis macht. Mein Fazit: D a s literarische Highlight des Jahres – unbedingt lesenswert!

Olivier Bourdeaut: Frankreichs literarischer Shooting Star

Olivier Bourdeaut wurde 1989 als Sohn eines Notars in Nantes geboren. Nachdem sein Studium nicht den gewünschten Erfolg brachte, arbeitete er zunächst als Erntehelfer, später dann als Immobilienmakler in seiner Heimatstadt. Als er im Alter von 30 Jahren seinen Job verlor, beschloss er, sich der Schriftstellerei zu widmen. Er schrieb zunächst zwei Jahre an seinem ersten Roman, ein düsteres und zynisches Werk, für das er von den Verlagen nur Absagen erhielt, obwohl man ihm riet, unbedingt mit dem Schreiben weiterzumachen.

Sein zweiter literarischer Versuch sollte ein heiteres-melancholisches Buch werden. Er schrieb es bei seinen Eltern in Spanien und stellte es in nur sieben Wochen fertig. Heraus kam der hier vorgestellte Roman Warten auf Bojangles, den der französische Verlag Éditions Finitude veröffentlichte. Mit seinem Erstlingswerk avancierte Bourdeaut sogleich zum literarischen Shooting Star, denn seine einzigartige Geschichte wurde ein sensationeller Erfolg. Die Presse überschlug sich – zu Recht – mit Lobpreisungen, allen voran Jérôme Garcin vom Le Nouvel Observateur, der mit seiner begeisternden Rezension1 die Lawine ins Rollen brachte und dem Buch einen hohen Bekanntheitsgrad bescherte.

Darüber hinaus erhielt Bourdeaut zahlreiche Preise – den Prix France Culture-Télérama 2016, den Grand Prix RTL-Lire 2016, den Prix Emmanuel Roblès 2016 und den Prix Roman France Télévisions 2016. Das Highlight war jedoch seine Nominierung als einer der vier Finalisten des renommierten Prix Goncourt – eine ganz besondere Ehre für den Debütautor.

Weitere Informationen über Olivier Bourdeaut findet ihr auf den Verlagsseiten www.piper.de und www.finitude.fr, denen ich neben der französischen Wikipédiaseite seine biografischen Angaben entnommen habe


Originalausgabe: Bourdeaut, Olivier. En attendant Bojangles. Bordeaux: Éditions Finitude, 2016.
Deutsche Ausgabe: Bourdeaut, Olivier. Warten auf Bojangles. Aus dem Französischen von Norma Cassau. München/Berlin: Piper Verlag GmbH, 2017.
Buchcover: www.piper.de

Interview1:
http://bibliobs.nouvelobs.com/l-humeur-de-jerome-garcin/20160108.OBS2469/retenez-bien-ce-nom-olivier-bourdeaut.html

6 Antworten

  1. Liebe Rosa,

    ich werde das Buch auf alle Fälle lesen 🙂 Klingt sehr dramatisch und lesenswert.

    Deine Rezensionen sind unschlagbar.

    Liebe Grüße,
    Lisa

    • Liebe Lisa,

      herzlichen Dank für deinen Kommentar!

      Ja, der Roman ist absolut lesenswert. Ich bin mir sicher, dass er dir gefällt. Ich bin schon sehr gespannt auf Bourdeauts zweites Buch :).

      Und vielen lieben Dank für das nette Kompliment!

      Liebe Grüße

      Rosa

  2. Liebe Rosa,
    Das Buch hat mich schon neugierig gemacht, als ich es in der Buchhandlung gesehen habe. Nach deiner begeisterten Rezension wandert es jetzt direkt auf meine Wunschliste. Das klingt ja wirklich nach einem tollen Buch mit einem sehr interessanten Thema. Ich bin gespannt.
    Liebe Grüße, Julia

    • Liebe Julia,

      es ist wirklich ein ganz tolles Buch. So etwas habe ich bisher noch nicht gelesen. Ich bin sicher, dass es dir gefallen wird.

      Liebe Grüße

      Rosa

  3. Hallo Rosa,
    ich fand dieses Buch einfach nur wunderbar. Ich weiß nicht wie es Dir nach der Lektüre ging, aber ich hatte danach noch tagelang dieses Lied im Kopf und am Ende des Buches Tränen in den Augen.
    Ganz liebe Grüße und großes Kompliment für diese wunderschöne Rezension zu einem wunderschönen Buch,
    Heike

    • Hallo Heike,

      ich liebe das Buch! Wie bei dir, ging mir das Lied auch nicht mehr aus dem Kopf. Der Roman ist witzig und traurig zugleich – am Ende war ich auch total gerührt.

      Vielen Dank! Deine Rezensionen gefallen mir auch sehr. Daher habe ich deinen Blog abonniert :). #litnetzwerk ist schon eine tolle Aktion. Man wird auf Blogs aufmerksam, die man sonst nicht gefunden hätte.

      Liebe Grüße

      Rosa

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