Books to remember
Bücher, die in Erinnerung bleiben

Anita Shreve: Das Gewicht des Wassers

In meiner neuen Rubrik Books to remember – Bücher, die in Erinnerung bleiben möchte ich euch Romane vorstellen, die zu meinen Lieblingswerken zählen, die mich begeistert, bewegt, gefesselt, zum Lachen und zum Weinen gebracht haben und die ich von Zeit zu Zeit immer wieder gerne lese. Ein solches Buch ist auch Das Gewicht des Wassers von Anita Shreve. Die amerikanische Autorin zählt zu meinen literarischen Favoriten. Ich habe alle ihre Romane gelesen und bin immer wieder aufs Neue angetan von ihrem einzigartigen Schreibstil und ihrer sprachlichen Ausdruckskraft. Ihre Geschichten sind ausgefallen, dramatisch, romantisch, spannend, schockierend und berührend – sie schwirren noch lange in den Gedanken, selbst wenn man sich schon längst einer neuen Lektüre zugewandt hat. All diese Attribute machen Shreves Romane für mich zu ganz besonderen Lesehighlights, die ihresgleichen suchen.

Ein lang zurückliegendes Verbrechen

Die Fotoreporterin Jean soll für eine Zeitung die grausamen Morde an zwei norwegischen Immigrantinnen, die 1873 die kleine Insel Smuttynose vor der Küste Neuenglands erschütterten, erneut recherchieren und mit der Kamera dokumentieren. Anethe und Karen Christensen waren damals mit einer Axt regelrecht niedergemetzelt worden. Eine dritte Frau, Maren Hontvedt, überlebte den Angriff schwer verletzt, weil sie sich in einer Höhle versteckte. Als Täter hatte man in Windeseile Louis Wagner, einen 28-jährigen preußischen Einwanderer und Hilfsarbeiter, ausgemacht, der jedoch bis zu seiner Hinrichtung vehement seine Unschuld beteuerte.

Jean verbindet ihren Auftrag mit einem Segeltörn zu den Isles of Shoals gemeinsam mit ihrem Mann Thomas, einem berühmten Dichter, ihrer fünfjährigen Tochter Billie, ihrem Schwager Rich und seiner neuen Freundin Adaline. Ihr ist zwar klar, dass es auf Smuttynose nicht mehr viel zu fotografieren gibt, denn nach einem Brand existieren von dem Mordhaus nicht mal mehr die Grundmauern, aber sie hofft, in den lokalen Archiven weitergehende Informationen über die Mordnacht und den für die damalige Zeit spektakulären Prozess zu finden.

Die Suche nach der Wahrheit

Jean freut sich auf die gemeinsame Zeit mit ihrer Familie, doch schon nach kurzer Zeit macht sich Ernücherung breit. Ihr wird klar, wie verfahren ihre Ehe mit Thomas ist, dessen Alkoholkonsum ein besorgniserregendes Ausmaß angenommen hat. Sie haben sich nicht mehr viel zu sagen, nur Tochter Billie scheint die beiden noch zusammenzuhalten. Erste Konflikte und Spannungen treten auf, die sich auf engstem Raum noch verstärken. Rich, durchtrainierter Bonvivant und das krasse Gegenteil seines blassen Bruders, hat kein Verständnis für Thomas‘ selbstzerstörerische Ader und hält zu Jean, während Thomas für Jeans Geschmack viel zu häufig die Nähe von Richs attraktiver Begleiterin Adaline sucht.

In Portsmouth angekommen, begibt sich Jean als erstes in die städtische Bibliothek und hat Glück im ersten Anlauf: Die Archivschriften der Isles of Shoals sind gerade eingetroffen – allerdings komplett durcheinander und unsortiert, doch das tut Jeans Freude keinen Abbruch. Sie sichtet Seite um Seite und versinkt in ihren Recherchen. Schließlich stößt sie auf etwas, was sie nie auch nur zu finden hoffte: Die privaten Aufzeichnungen von Maren Hontvedt, die einzig Überlebende, die ihr Leben und die Mordnacht, die sie schwer traumatisierte, Revue passieren lässt. Da Jean weiß, dass man ihr nie erlauben würde, diese Unterlagen, auf die noch niemand vor ihr aufmerksam geworden ist, mitzunehmen, stiehlt sie sie kurzerhand.

Im Auge des Sturms

Zurück auf dem Boot nimmt Jean mit wachsendem Missfallen zur Kenntnis, wie gut Thomas, Adaline und Billie sich verstehen und wie sehr sie es genießen, Zeit miteinander zu verbringen. Im Gegenzug wendet sie sich verstärkt Rich zu und wird immer abweisender zu Adaline und Thomas, der den Grund für ihren Unmut in keiner Weise nachvollziehen kann. Doch Marens Lebensgeschichte zieht Jean zunehmend in ihren Bann: Ihre arrangierte, lieblose Ehe mit ihrem Mann John, ihre abgöttische Liebe zu ihrem Bruder Evan, ihre Abneigung gegenüber ihrer Schwester Karen und ihre Zurückhaltung gegenüber der naiven Schwägerin Anethe offenbaren ein schwelendes Beziehungsgeflecht, von dem kein Außenstehender wusste. Als Jean schließlich kurz davor ist, den wahren Tätet anhand von Marens Aufzeichnungen zu entlarven, geraten sie und ihre Familie mit ihrem Segelboot in einen schweren Sturm, der ihr Leben auf tragische Weise für immer verändert…

Bewegende Beziehungstragödie mit Schauereffekten

In zwei Handlungssträngen erzählt Shreve sowohl Jeans als auch Marens tragische Geschichte und generiert einen Spannungsbogen mit wohl dosierten Schauereffekten, der bis zur überraschenden, hochdramatischen Auflösung fesselt. Der Roman ist Beziehungstragödie und Thriller zugleich, der darüber hinaus von der Autorin detailliert recherchierte und sehr aufschlussreiche historische Informationen über das karge und entbehrungsreiche Leben der norwegischen Fischer, die nach Amerika immigrierten, beinhaltet.

Die Axtmorde auf Smuttynose im Jahre 1873 sind tatsächlich geschehen, die Stories um Jean und Maren hat die Autorin sehr klug und äußerst packend dazu erdacht. Diese gelungene Mischung aus Facts & Fiction macht das Besondere dieses brillant geschriebenen Romans aus. Auch die Protagonisten sind sehr einprägsam: Die bodenständige Jean, die mit ihrer Ehekrise und ihrer Eifersucht überfordert ist, der von einem schrecklichen Erlebnis traumatisierte Dichter Thomas Janes, der versucht, seine Verzweiflung im Alkohol zu ertränken und nicht zuletzt Maren, deren spartanisches Leben mit ihrem ungeliebten Ehemann John in der Einöde und Kargheit der neuen Heimat zu einem Albtraum wird.

Die Konstellation der Hauptfiguren – in der Gegenwart und in der Vergangenheit – machen die aufkommenden Spannungen für den Leser spürbar. Der schwere Sturm und das aufbrausende Meer, die in der Mordnacht tobten und auch den gegenwärtigen Segeltörn auf tragische Weise beenden, reflektieren das aufgewühlte Seelenleben der Protagonisten. Die Naturgewalten sind zudem Vorboten der schrecklichen Ereignisse, die folgen und nach denen nichts mehr so ist wie vorher.

Nach Lektüre des Romans fragt man sich als Leser unweigerlich, wie es wohl weitergeht. Eine Antwort lässt sich nur schwerlich finden. Allerdings begegnet uns der unglückliche Poet Thomas Janes noch ein weiteres Mal: In Shreves Roman Der weiße Klang der Wellen (The Last Time They Met), der ebenso wie Das Gewicht des Wassers ein Must Read ist.

Anita Shreve: Amerikanische Bestsellerautorin und Journalistin

Anita Shreve wurde 1946 in Dedham (nahe Boston)/Massachusetts als älteste von drei Töchtern eines Piloten und einer Hausfrau geboren. Sie studierte an der Tufts University und arbeitete nach ihrem Abschluss zunächst viele Jahre als High School Lehrerin in Reading. Während dieser Zeit begann sie zu schreiben. Einige ihrer Kurzgeschichten wurden in Literaturmagazinen veröffentlicht – für die Short Story Past the Island, Drifting erhielt sie den O. Henry Prize.

Ihr wurde allerdings schnell klar, dass sie von der Schriftstellerei allein ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten konnte, und so wandte sie sich parallel dem Journalismus zu. Sie arbeitete drei Jahre als Journalistin für ein afrikanisches Magazin in Nairobi/Kenia. Nach ihrer Rückkehr in die USA lehrte sie Kreatives Schreiben am Amherst College und war freiberuflich für eine Reihe von namhaften Magazinen wie The New York Times Magazine, The New York Magazine etc. tätig.

1989 veröffentlichte sie ihren ersten Roman Eden Close. Ein erster durchschlagender literarischer Erfolg gelang ihr neun Jahre später – 1997 – mit ihrem fünften Buch, Das Gewicht des Wassers (The Weight of Water), für das sie mit dem PEN New England Award/L. L. Winship ausgezeichnet wurde. Der Roman wurde 2000 von Regisseurin Kathryn Bigelow mit Sean Penn, Sarah Polley und Elizabeth Hurley in den Hauptrollen sehr erfolgreich verfilmt.

Ihr darauffolgender Roman Die Frau des Piloten (The Pilot’s Wife) brachte ihr 1998 auch den internationalen Durchbruch als Schriftstellerin. Das Buch avancierte in kürzester Zeit zum Bestseller: Die berühmte amerikanische Talkmasterin Ophrah Winfrey empfahl es in ihrem namhaften Book Club als Buch des Monats, was seine Bekanntheit noch immens förderte. Der Roman wurde 2002 von Robert Markowitz mit Christine Lathi, Campbell Scott und John Heard verfilmt. 2003 adaptierte dann Regisseur Todd Marnicki einen weiteren Roman der Autorin: Im Herzen des Winters (Resistance) mit Bill Paxton und Julia Ormond.

Insgesamt hat Anita Shreve bisher 17 Romane veröffentlicht, die sich millionenfach verkauften. Ihr neuestes Buch The Stars Are Fire erscheint im April dieses Jahres in den USA.

Weitere Informationen findet ihr auf der Website der Autorin www.anitashreve.com, der ich auch ihre biografischen Angaben entnommen haben.


Originalausgabe: Shreve, Anita. The Weight of Water. Toronto/Canada: Little, Brown & Company, 1997.
Deutsche Ausgabe: Shreve, Anita. Das Gewicht des Wassers. Aus dem Amerikanischen von Mechtild Sandberg. München: Piper Verlag GmbH, 1997.
Buchcover: www.piper.de

2 Antworten

  1. Liebe Rosa,

    ich habe deinen Blog erst vor kurzem entdeckt und bin „hängengeblieben“, weil ich ihn sehr ansprechend finde.

    Shreve ist auch die Lieblingsautorin meiner Schwester – ich hab mir dann das vorgestellte Buch mal ausgeliehen und war überrascht, weil ich dachte das wäre Frauenliteratur. Ich bin jetzt auf Seite 120 und finde, es ist toll geschrieben.

    Danke für den Tipp.

    Viele Grüße

    Benedikt

    • Lieber Benedikt,

      herzlichen Dank! Ich freue mich sehr, dass dir mein Blog gefällt.

      Ja, komisch, bei Shreve denken viele Männer, das sei reine Frauenliteratur – das stimmt aber überhaupt nicht. Toll, dass dir der Roman so gut gefällt.

      Viele Grüße

      Rosa

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