Spurlos

Helen Callaghan: Dear Amy

Dieser Debütroman der britisch-amerikanischen Schriftstellerin Helen Callaghan war nach langer Zeit mal wieder ein Thriller, der mir eine schlaflose Nacht beschert hat. Ich wollte nur kurz den Anfang lesen, doch daraus wurde nichts. Die Story hat mich von der ersten Seite an derart gepackt, dass ich sie bis zum explosiven Finale nicht mehr aus der Hand legen konnte. Nicht umsonst hat man Dear Amy der Kategorie Premium Crime zugeordnet, denn diese qualitativ hochwertige und dramatische Geschichte mit ihren mysteriösen Wendungen und ihrer spektakulären Auflösung ist für mich bis jetzt definitiv d a s Highlight unter den Neuerscheinungen dieses Genres in 2017.

Mysteriöses Verschwinden einer Schülerin

Die Protagonistin des Romans ist die engagierte Lehrerin Margot Lewis, die am St. Hilda’s College in Cambridge klassische Philologie lehrt. Darüber hinaus führt sie bei der lokalen Zeitung The Examiner sehr erfolgreich die sogenannte Kummerkasten-Kolumne Dear Amy, wo sie insbesondere Heranwachsenden alle – wenn auch noch so abstrusen – Fragen des Lebens beantwortet. Als eine ihrer Schülerinnen, die 15-jährige Katie Browne, vom einen auf den anderen Tag spurlos verschwindet, ist Margot alarmiert. Da Katie als Problemkind gilt, liegt für die Polizei nahe, dass sie von zuhause ausgerissen ist, und somit hat der Fall für sie auch keine echte Priorität. Aber Margot will das nicht glauben, irgendetwas sagt ihr, dass Katie entführt wurde.

Briefe einer Toten?

Als sie eines Tages die Leserbriefe ihrer Kolumne durchgeht, stockt ihr der Atem: In einem Brief, geschrieben in einer kindlichen Schrift, fleht sie ein Mädchen um Hilfe an. Sie sei von einem fremden Mann entführt worden und fürchte nun um ihr Leben. Das Unheimliche daran ist jedoch der Name der Absenderin: Bethan Avery, ein Mädchen, das vor ca. 20 Jahren ebenso spurlose verschwand wie Katie und nach langer Suche schließlich für tot erklärt wurde, da man als Indiz ein blutiges Nachthemd gefunden hatte. Wie Katie war auch Bethan ein Problemkind, das als Tochter einer alleinerziehenden Drogensüchtigen zumeist bei ihrer Oma Peggy lebte. Als diese als Notfall ins Krankenhaus kam, wurde Bethan von einer Betreuerin sofort zu ihr gebracht, danach jedoch nie wieder gesehen.

Margot ist völlig aufgewühlt, aber nach einer Weile sagt sie sich, dass es sich hierbei nur um einen geschmacklosen Scherz handeln kann. Doch dann erhält sie weitere unheimliche Briefe von derselben Absenderin, die sie nicht loslassen und Panikattacken bei ihr auslösen. Sie beschließt, zur Polizei zu gehen, aber dort glaubt ihr niemand. Man hält es für mehr als unwahrscheinlich, dass die Briefe echt sind bzw. Bethan nach all den Jahren noch am Leben ist.

Unerwartete Hilfe

Als Margot schon beinahe aufgeben will, erhält sie eine Mail von Dr. Martin Forrester vom Institut für Kriminologie. Er bietet an, die Schrift der Briefe mit Bethans Tagebucheintragungen vergleichen und auf Authentizität prüfen zu lassen. Margot willigt ein, ihn zu treffen und übergibt ihm die Briefe. Ihr wird aber sehr schnell klar, dass auch Dr. Forrester berechtigte Zweifel an der Echtheit hat, denn wie sollte es Bethan nach so langer Zeit endlich gelungen sein, einen Brief hinter dem Rücken ihres Entführers zu versenden? Aber Dr. Forresters Gefühl sagt ihm, dass Margot Recht hat und hier etwas ganz und gar nicht stimmen kann. Er recherchiert auf eigene Faust weiter und schaltet zudem eine namhafte Psychologin ein. Die Polizei wird daraufhin hellhörig und stellt ebenfalls weitere Nachforschungen an.

Als Margot einen weiteren Brief erhält, in dem die mysteriöse Absenderin den Namen des Entführers offenbart, verliert sie komplett die Fassung. Ihre Panikattacken häufen sich, sie scheint nicht mehr sie selbst. Die beiden Entführungsfälle vereinnahmen sie zusehends, sie wird immer nervöser und hat rätselhafte Blackouts. Dr. Forrester erkennt, wie schlecht es um sie steht und möchte ihr um jeden Preis helfen. Aber Margot traut niemandem mehr, ihre einzige Sorge gilt Katie, die sie unbedingt retten will. Doch Margots Zustand ist besorgniserregend, sie hat sich nicht mehr unter Kontrolle, so dass Dr. Forrester, der sich in sie verliebt hat, schließlich nur einen – äußerst gefährlichen Ausweg – sieht, um Katie zu retten und das Geheimnis um Bethan zu entschlüsseln…

Grandioser Thriller mit spektakulärer Auflösung

Mit Dear Amy ist Helen Callaghan ein grandioses Romandebüt gelungen. In unterschiedlichen Handlungssträngen und aus unterschiedlichen Perspektiven (Margot, Katie, Entführer etc.) erzählt sie uns eine Geschichte, die anfangs schlicht unglaublich, am Ende jedoch so klar ist, dass man es als Leser kaum fassen kann. Wir (ver)zweifeln mit Margot, leiden mit Katie und tauchen darüber hinaus in die bizarre Gedankenwelt des Entführers ein, der scheinbar keine Fehler macht und mit allem davonkommt.

Während wir Margot zu Beginn als starke Persönlichkeit wahrnehmen, müssen wir im Laufe des Romans feststellen, dass sie immer undurchsichtiger und unglaubwürdiger wird. Wir können uns ihrer nicht mehr sicher sein und wissen – wie sie – nicht mehr, wem wir überhaupt trauen können. Da kommt Dr. Forrester als Fels in der Brandung gerade recht, doch ist es nicht gerade er, der uns an Margots Zurechnungsfähigkeit zweifeln lässt? Ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem Leser beginnt, das uns vereinnahmt und bis zum finalen Show-down nicht mehr loslässt.

Das ist ein Thriller ganz nach meinem Geschmack: Eine klug konzipierte, außergewöhnliche Geschichte, realitätsnahe Protagonisten und Hochspannung bis zur letzten Seite. Daher mein Fazit: Ein brillanter Pageturner, den man gelesen haben muss!

Helen Callaghan: Mit dem Erstlingswerk zur Bestseller-Autorin

Helen Callaghan wurde in Los Angeles als Tochter britischer Eltern geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend abwechselnd in den USA und Großbritannien. Als junge Erwachsene konnte sie sich nur schwer auf einen Beruf festlegen und testete zunächst unterschiedliche Jobs und Tätigkeiten aus – Krankenschwester, Barfrau und Schauspielschülerin -, bis sie schließlich als Buchhändlerin ihre Erfüllung fand. Sie arbeitete für unterschiedliche Buchhandlungen und war dort primär für den Belletristik-Bereich verantwortlich. Parallel dazu holte sie ihr Abitur auf der Abendschule nach und erhielt schließlich sogar einen Studienplatz für Archäologie an der renommierten University of Cambridge.

Die Schriftstellerei blieb jedoch ihr Steckenpferd, mit dem ihr der Durchbruch als Autorin schneller gelang als erwartet: Ihr Debütroman, Dear Amy, wurde zu einem absoluten Überraschungserfolg in Großbritannien, in nur kurzer Zeit gelang ihr der Sprung auf die Bestsellerlisten. Ich bin fest davon überzeugt, dass ihr dies mit ihrem erstklassigen Thriller auch in Deutschland mühelos gelingen wird, denn ihr Crime Drama ist einfach brillant.

In einem Interview mit ihrer Schriftsteller-Kollegin Gilly Macmillan (Perfect Girl) verriet Callaghan im Übrigen, dass sie bei der Konzeption ihrer Protagonistin Margot Lewis stets Sigourney Weaver als furchtlose Offizierin Ellen Ripley (Alien) vor Augen hatte. Das komplette Interview findet ihr hier: https://www.droemer-knaur.de/leselounge/9298142/.

Wie die Autorin auf ihrer Website www.helencallaghan.co.uk berichtet, lebt sie mit ihrem Hamster Aleister und Unmengen von Büchern in Cambridge, wo sie auch arbeitet. Sie hat darüber hinaus einen Blog, den ihr auf ihrer Homepage findet und auf dem sie über ihren Roman, die Schriftstellerei an sich und über Dinge, die sie gelesen oder recherchiert hat, berichtet. So erfährt man u.a., dass Callaghan ein Faible für alte Herrenhäuser hat, mit denen sie literaturbedingt immer etwas Unheimliches bzw. Schauriges verbindet (z.B. Thornfield Hall aus Charlotte Brontës Jane Eyre oder Manderley aus Daphne du Mauriers Rebecca). Ein solches hat sie natürlich auch in ihren Roman Dear Amy eingebaut. Lasst euch überraschen und lest selbst.


Originalausgabe: Callaghan, Helen. Dear Amy. London: Penguin, 2016.
Deutsche Ausgabe: Callaghan, Helen. Dear Amy. Aus dem Englischen von Heike Reissig. München: Droemer Knaur GmbH & Co. KG, 2017.
Buchcover: www.droemer-knaur.de

6 Antworten

  1. Liebe Rosa,

    aufgrund deiner sehr spannenden und ansprechenden Rezension habe ich mir das Buch gekauft und ich muss sagen – wirklich super. Ich habe schon lange keinen so guten Krimi mehr gelesen.

    Gruß

    Benedikt

    • Lieber Benedikt,

      es freut mich sehr, dass dir der Thriller gefallen hat. Ich konnte das Buch auch nicht mehr aus der Hand legen. Ich bin schon sehr gespannt auf den zweiten Roman der Autorin und hoffe, es wird auch wieder ein Thriller :).

      Viele Grüße

      Rosa

  2. Mit der Rezension machst du mich gleich neugierig, weil das ja auch komplett mein Genre ist und die Storyline hat mich auf Anhieb angesprochen. Das mit den Briefen finde ich wirklich eine spannende Idee, weil ich gleich die gleichen Fragen hatte: Lebt das Mädchen noch oder ist es nur ein Scherz? Dazu mag ich es, wenn man aus verschiedenen Perspektiven liest und sich dadurch die Puzzleteile nach und nach zusammenfügen.

    Wandert gleich mal auf meine Wunschliste.

    • Liebe Nicole,

      schön, wieder mal von dir zu lesen.

      Ich bin mir sicher, dass dir der Roman gefallen wird. Und am Ende wirst du sehr überrascht sein…

      Übrigens habe ich gesehen, dass du wieder eine neue Blogparade gestartet hast. Mal schauen, ob ein Thema für mich dabei ist. Dann mache ich gerne wieder mit.

      Liebe Grüße

      Rosa

  3. Ha, ich habe gehofft, so einen Buchtipp bei dir zu finden, nachdem Du meine Rezi zu „The Couple Next Door“ kommentiert hast! Darf ich davon ausgehen, dass der Thriller weitestgehend gewalt- und blutfrei ist? Klingt jedenfalls nicht nach Gemetzel, das ist nämlich so gar nichts für mich. Ich pack das Buch jetzt erst mal sofort auf die Merkliste.

    LG
    Mona

    • Liebe Mona,

      es ist ein echter Psychothriller und kein Gemetzel-Roman. So etwas ist nämlich auch gar nichts für mich.

      Lies doch mal rein. Mich hat der Roman sofort gepackt. Ich bin sehr gespannt auf „The Couple Next Door“.

      Liebe Grüße

      Rosa

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