Luxusleben

Liza Klaussmann: Villa America

Sie waren der Inbegriff der Reichen und Schönen in den Goldenen Zwanzigern und zelebrierten das Leben und den Luxus. Ihr exquisiter Stil und ihr Sinn für Kunst und Literatur waren ebenso einzigartig wie ihre legendären Parties, die sie mit dem Who is Who der literarischen und künstlerischen Größen in ihrem exklusiven südfranzösischen Domizil, Villa America, glamourös feierten. Und doch waren die Murphys, die im Fokus von Liza Klaussmanns zweitem Roman stehen, hinter der Glitzerfassade eine bodenständige amerikanische Expatriate-Familie: Yale-Absolvent Gerald, Sohn eines reichen Lederwarenhändlers aus New York, und Sara, geb. Wiborg, Tochter eines vermögenden Tintenherstellers, führten mit ihren drei Kindern Patrick, Boath und Honoria trotz ihres immensen Wohlstandes ein relativ normales Leben, das jedoch von zwei tragischen Schicksalsschlägen erschüttert wurde, die beide nie verkrafteten.

Die Priviligierten

In drei Teilen (Teil 1: Das Erwachen – Teil 2: Die goldene Schale – Teil 3: Was gefunden wurde) mit verschiedenen Handlungssträngen und aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt Klaussmann die Geschichte des berühmtesten VIP-Paares seiner Zeit auf sehr berührende Weise. Sie beginnt jedoch nicht in medias res, sondern setzt bei der Kindheit und Jugend der beiden Protagonisten an, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Während der introvertierte, feinfühlige Gerald von einem schikanösen Kindermädchen erzogen wird und sehr unter der Lieblosigkeit und Strenge seines erfolgreichen Vaters leidet, wachsen Sarah und ihre zwei Schwestern wohlbehütet und umsorgt auf. Ihre Mutter, eine bekannte High Society Lady, lässt es ihnen an nichts fehlen und führt sie in die feine Gesellschaft ein, wo sie Ausschau nach einem passenden Ehemann halten sollen. Doch Sarah liebt ihre Freiheit und ist auch im Alter von 29 noch unverheiratet – ein absolutes No-Go in der damaligen Zeit.

Ehe mit Hindernissen

Da sich Geralds und Saras Familien kennen, treffen sich die beiden des Öfteren im Urlaub in den exklusiven Hamptons. Aus der anfänglichen Freundschaft erwächst eine tiefe Zuneigung und schließlich Liebe. Beide sind sehr literatur- und kunstinteressiert, äußerst ästhetisch-orientiert und teilen ihre Begeistung für ausgefallene Dinge. Als sie schließlich ihren Eltern von ihren Heiratsabsichten berichten, sind diese nicht begeistert: Saras Familie möchte keinen Schwiegersohn aus einer Händlerfamilie, und Geralds Vater ist mit den Entscheidungen seines Sohnes prinzipiell nie einverstanden, weil ihm in seinen Augen jeglicher Geschäftssinn und die gebührende Lebenshärte fehlt. Doch beide setzen sich durch und beschließen nach ihrer Heirat und Geburt ihrer drei Kinder, den USA den Rücken zu kehren.

Glückliche Ex-Patriates

Sie ziehen nach Paris, wo Gerald sich endlich seiner heißgeliebten Malerei widmen kann, ohne dafür von seinem Vater gedemütigt zu werden. Dort machen sie schnell Bekanntschaft mit der literarischen und künstlerischen Ex-Patriate-Bohème: Sie treffen u.a. auf F. Scott Fitzgerald und seine Frau Zelda, Ernest Hemingway, John Dos Passos, Jean Cocteau, Pablo Picasso, Dorothy Parker und Cole Porter, ein enger Studienfreund von Gerald. Als sie schließlich eine luxuriöse Villa am südfranzösischen Cap d’Antibes beziehen, die sie Villa America nennen, wird diese schnell zum kulturellen Dreh- und Angelpunkt der Schriftsteller- und Künstlerszene: Die Murphy-Parties sind nicht zu übertreffen, eine Einladung gleicht einem Ritterschlag. Gerald und Sara unterscheiden sich wohltuend von der reichen Schickeria, denn sie sind äußerst belesen und künstlerisch sehr gebildet, so dass ein Gedankenaustausch mit ihnen für die Schriftsteller, Maler und Musiker immer sehr inspirierend ist. Doch auch der Spaß darf natürlich nicht zu kurz kommen: Saras Kostümparties sind ein Hit, für die Skandale sorgen die Gäste – sei es nun der sturzbetrunkene Fitzgerald, der die Gäste anpöbelt, seine oftmals theatralische Gattin Zelda, die in einem pinken Tütü Rad schlägt oder Hemingway, bei dem Eifersuchtsszenen mit seinen wechselnden Ehefrauen an der Tagesordnung sind.

Eine folgenschwere Begegnung

Zu dieser bunten Gesellschaft stößt eines Tages der scheue Pilot Owen Chambers, der nach seinem Einsatz im 1. Weltkrieg nunmehr für ein kleines Gehalt Luxusgüter transportiert. Durch Zufall lernen er und die Murphys sich kennen und schätzen. Besonders er und Gerald fühlen sich sofort eng verbunden. Die Murphys geben ihm Transportaufträge und laden ihn auch zu ihren Parties ein. Dass Owen auf Männer steht, wird schnell deutlich, man ist jedoch diskret und tolerant genug, um daraus kein Thema zu machen. Gerald, dessen feminine Seite schon oftmals Anlass zu Spekulationen gab, fühlt sich mehr und mehr zu Owen hingezogen, der seine Gefühle – wenn auch zögerlich – erwidert. Sie beginnen schließlich eine Affäre in aller Heimlichkeit, doch beide können ihr Glück nicht genießen, denn zu sehr plagt sie das schlechte Gewissen wegen Sara. Sie merkt natürlich, dass etwas im Gange ist, doch ihre tiefe Liebe zu Gerald ist für sie entscheidend. Als dann ihre Familie von zwei tragischen Schicksalsschlägen erschüttert wird, die Gerald und Sara kaum verkraften können, trifft Owen eine folgenschwere Entscheidung, nach der nichts mehr so ist wie vorher…

Ein beeindruckender Roman über das Leben eines berühmten It-Paares

Mit Villa America ist Liza Klaussmann ein eindrucksvoller Roman über das Leben und Schicksal der berühmten Murphys gelungen. Ihr äußerst detailliert recherchiertes Werk ist nicht nur eine großartig erzählte Rückschau auf das Leben der beiden Protagonisten, sondern lässt auch die glamourösen 20er Jahre voll sprühender Lebensfreude und Esprit wieder lebendig werden. Die glorreichen Parties des It-Paares beschreibt die Autorin derart lebhaft, dass man meint, mitten im Geschehen zu sein, was ein wahrer Lesegenuss ist. Es gelingt der Schriftstellerin meisterhaft, den Leser am Ende des Romans mit dem Gefühl zurückzulassen, alle Personen des Buches schon lange und gut gekannt zu haben. Und genau auf diese Weise entfalten Facts & Fiction ihre ganz besondere Wirkung.

Da tut es auch gar nichts zur Sache, dass Klausssmann Pilot Owen Chambers frei erfunden hat. Da schon sehr früh Gerüchte kursierten, dass Gerald eventuell homosexuell sein könnte, kreierte Klaussmann Owen als Murphys männliches Pendant. Chambers ist darüber hinaus eine tragische Figur, dessen schicksalhafte Lebensgeschichte in separaten Handlungssträngen erzählt wird – ein weiteres Highlight dieser erstklassig komponierten Geschichte, die nach Lektüre noch lange nachhallt. Mein Fazit: Ein absolutes Must Read!

Liza Klaussmann: Ur-Ur-Urenkelin von Herman Melville und Fan der Roaring Twenties

Liza Klaussmann wurde 1976 in Brooklyn/New York geboren. Sie ist die Urururenkelin von Herman Melville, der u.a. den Klassiker Moby Dick schrieb. Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte sie auf Martha’s Vinyard, einer exklusiven idyllischen Insel an der Südküste von Cape Cod/Massachusetts. Sie studierte Kreatives Schreiben in den USA und in England und arbeitete danach zunächst als Journalistin. Für die renommierte Zeitung International Herald Tribune war sie zehn Jahre als Korrespondentin in Paris tätig. Im Jahre 2001 wechselte sie dann zur namhaften New York Times, wo sie im Bereich Financial News arbeitete.

Der literarische Durchbruch gelangt ihr gleich mit ihrem ersten Roman, Zeit der Raubtiere (Tigers in Red Weather), der 2012 erschien und mit dem British National Book Award und dem ELLE Grand Prix for Fiction ausgezeichnet wurde. Darüber hinaus ernannte sie Amazon UK zum literarischen Rising Star des Veröffentlichungsjahres.

Wie Klaussmann Gemma Kappala-Ramsamy von The Guardian in einem Interview1 verriet, liebt sie nicht nur die Literatur ihres Urururgroßvaters, sondern ist darüber hinaus auch ein großer Fan des amerikanisch-britischen Schriftstellers Henry James, dessen Werke sie sehr beeindruckt haben. Darüber hinaus liest sie mit der gleichen Begeisterung die hochspannenden Krimis von PD James, Martha Grimes und Patricia Cornwall, die sie sehr bewundert.

Die Schriftstellerin lebt mit ihrer Familie in London, wo sie auch arbeitet.

Die biografischen Angaben der Autorin sind den Verlagsinformationen entnommen.


Originalausgabe: Klaussmann, Liza. Villa America. London: Picador/Pan Macmillan/Macmillan Publishers Ltd., 2015.
Deutsche Ausgabe: Klaussmann, Liza. Villa America. Aus dem amerikanischen Englisch con Michaela Grabinger. München: Droemer Knaur GmbH & Co. KG, 2016.
Buchcover: www.droemer-knaur.de
1Interview von Gemma Kappala-Ramsamy, The Guardian, 12.08.2012: https://www.theguardian.com/books/2012/aug/12/liza-klaussmann-interview-tigers-red-weather

2 Antworten

  1. Liebe Rosa,

    und wieder ein toller Tipp von dir aus meiner Lieblingsepoche!!!

    Nachdem ich von Emily Waltons „Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte“ schon total begeistert war, bin ich jetzt sehr gespannt, wie Liza Klaussmann das Thema angeht. Auch an der Uni kann ich damit punkten :).

    Wie immer, eine hochwertige Rezension von dir, sehr ansprechend zu lesen.

    Liebe Grüße

    Chloé

    • Liebe Chloé,

      herzlichen Dank für deinen Kommentar!

      Toll, dass dir Waltons Roman auch so gut gefallen hat. Ich bin mir sicher, du wirst Klaussmanns Roman lieben. Und punkten kannst du damit allemal :).

      Liebe Grüße

      Rosa

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