Kein Weg zurück

Charlotte Link: Die Entscheidung

Charlotte Link zählt für mich zu den besten zeitgenössischen Kriminalautorinnen. Ich habe bisher alle ihre Romane verschlungen und bin jedes Mal überrascht, wie unterschiedlich ihre Werke sind, obwohl sie schon eine Vielzahl veröffentlicht hat. Keine Geschichte gleicht der anderen, und ihre Protagonisten sind weit davon entfernt, den für das Genre üblichen Klischees bzw. Stereotypen zu entsprechen. Ihr spezieller Erzählstil, mehrere Handlungsstränge letztendlich zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen und den Leser dabei gekonnt immer wieder auf falsche Fährten zu führen, trägt meines Erachtens maßgeblich dazu bei, dass jedes ihrer Bücher in nur kurzer Zeit den Sprung auf die Bestseller-Listen schafft. Gleiches gilt auch für ihren neuesten Thriller Die Entscheidung, der mich absolut gefesselt und mir wieder Stunden hochspannender Unterhaltung beschert hat.

Im Dilemma

Simon Lemberger freut sich darauf, Weihnachten mit seinen beiden Kindern im Ferienhaus seines Vaters in La Cadière/Südfrankreich zu verbringen. Doch die Kids sagen trotz fester Zusage kurzfristig ab, weil sie den hippen Freund ihrer Mutter ihrem spießigen Vater vorziehen. Simon ist enttäuscht und wütend, aber er traut sich nicht, seiner Ex-Frau Maya, die so gerne über seinen Kopf hinweg entscheidet, und seinen wankelmütigen Sprösslingen einmal so richtig die Meinung zu sagen. Er geht Konflikten lieber aus dem Weg, da er es sich mit niemandem verderben möchte.

Seine neue Partnerin, Kristina Dembrowski, hat er mit dieser Einstellung bereits vergrault. Sie ist es leid, nur die Frau im Hintergrund zu sein, denn Simon hatte bisher immer noch nicht den Mut, sie seiner Familie und seinen Freunden offiziell vorzustellen. Als Simon Kristina eröffnet, dass er Weihnachten lieber allein mit seinen Kindern feiern möchte, um sie nicht mit seiner neuen Lebensgefährtin zu überfordern, reicht es ihr endgültig, und sie beschließt, ihm keine zweite Chance zu geben. Simon, dessen Weihnachts- und Beziehungspläne sich von jetzt auf gleich in Rauch aufgelöst haben, hadert mit sich und seiner Situation.

Eine folgenschwere Begegnung

Auf einem seiner Strandspaziergänge eilt Simon der verängstigten und bis auf die Knochen abgemagerten Französin Nathalie Boudon zur Hilfe. Die scheinbar obdachlose und entkräftete junge Frau war aus lauter Verzweiflung in ein Apartment eingebrochen, um dort wenigstens für einige Tage ein Dach über dem Kopf zu haben. Er beruhigt den aufgebrachten Hausmeister, zahlt ihre Mietschulden und nimmt sie bei sich auf – eine folgenschwere Entscheidung, denn Nathalie ist auf der Flucht vor der Polizei. Doch mehr ist aus ihr nicht herauszubekommen. Als sie merkt, dass sie Simon trauen kann, fasst sie sich schließlich ein Herz und erzählt ihm, was passiert ist. Nachdem sie es vor Hunger nicht mehr ausgehalten hatte, war sie in Lyon mit einem Unbekannten in seine Wohnung gegangen, der ihr Essen versprochen hatte, anschließend jedoch über sie hergefallen ist. In ihrer Panik hatte sie ihm eine Flasche über den Kopf geschlagen, worauf er regungslos liegen blieb. In der Annahme, er sei tot, verließ sie fluchtartig seine Wohnung, ohne ihre Tasche und ihr Handy mitzunehmen.

Die Gejagten

Obwohl Simon eigentlich nichts lieber täte, als Nathalie mit etwas Geld wieder vor die Tür zu setzen, entschließt er sich, ihr noch ein letztes Mal zu helfen und mit ihr nach Lyon in die Wohnung des Angreifers zu fahren, um ihre Handtasche zu holen. Ein wahnwitziger Plan, wie er erst viel zu spät erkennt, denn der Mann ist tatsächlich tot – jedoch nicht von einem Schlag auf den Kopf, sondern durch brutale Folterung. Nathalie schwört, nichts damit zu tun zu haben, doch Simon kommen erste Zweifel. Und ehe sich beide versehen, geraten sie ins Visier brutaler Menschenhändler, die vor nichts zurückschrecken, um Nathalie in ihre Gewalt zu bringen. Simon ahnt, dass Nathalie ihm nicht die ganze Wahrheit erzählt hat. Als sie endlich mit offenen Karten spielt, ist es viel zu spät, denn die Killer sind ihnen längst auf der Spur…

Hochspannender Thriller um ein brisantes Thema

Das brisante Thema Menschenhandel steht im Fokus von Links spannungsgeladener Geschichte. Und, wie immer, hat sie exzellent recherchiert: Beängstigend realitätsnah katapultiert sie uns in die Welt dieser kriminellen Banden, die Menschen zu Ware degradieren und sie jeglicher Würde berauben. So wird denn auch in zwei weiteren Handlungssträngen dieses Romans das tragische Schicksal der jungen Bulgarin Selina geschildert, die in die Fänge einer solchen Organisation gerät, und ebenso das mysteriöse Verschwinden des bulgarischen Mädchens Ninka beleuchtet. die auf eine Modelkarriere im Westen hoffte.

Am Ende gelingt es der Autorin wieder einmal auf brillante Weise, die unterschiedlichen Erzählfäden so zu verknüpfen, dass sich auf einmal der Gesamtkontext und alle Zusammenhänge für uns wie von selbst erschließen. Bis es allerdings soweit ist, müssen wir dem rasanten Tempo dieses hochexplosiven Thrillers, den man nicht aus der Hand legen kann, folgen, einige falsche Fährten entlarven und zu guter Letzt beim nervenaufreibenden Showdown wieder einmal feststellen, wie trügerisch Vertrauen sein kann. Mein Fazit: Ein absolutes Must Read!

Charlotte Link: Erfolgreiche Bestseller-Autorin mit Rekordauflagen

Charlotte Link wurde 1963 in Frankfurt am Main geboren und studierte Geschichte und Literaturwissenschaft. Ihren ersten Roman Cromwells Traum oder Die schöne Helena schrieb sie schon im Alter von 16 Jahren, bereits drei Jahre später – 1985 – wurde er publiziert. Es folgten Gesellschaftsromane wie z.B. die Trilogie Sturmzeit, Wilde Lupinen und Die Stunde der Erben, die für das ZDF verfilmt wurden. Dies gilt ebenso für ihre Werke Das Haus der Schwestern, Die Rosenzüchterin und Das andere Kind u.v.m., die ebenfalls fürs Fernsehen mit namhaften Schauspielern adaptiert wurden.

Deutschlands Queen of Crime

Der Schwerpunkt von Charlotte Links schriftstellerischem Schaffen liegt jedoch meines Erachtens auf ihren psychologischen Kriminalromanen, die – wie ihre Gesellschaftsromane – stets nach Erscheinen sofort die Bestseller-Listen stürmen. Bis auf Das Haus der Schwestern kenne ich allerdings nur Links Kriminalromane, die ich alle gelesen habe. Mein Favorit unter ihren Thrillern ist und bleibt Das andere Kind, aber jedes ihrer einzigartigen Werke – z.B. Am Ende des Schweigens, Der Beobachter, Im Tal des Fuchses, Die Betrogene und natürlich Die Entscheidung – ist für mich ein Lesegenuss.

Neuedition ihrer Jugendbuchreihe

Darüber hinaus ist Charlotte Link auch die Verfasserin der Jugendbuchreihe Reiterhof Eulenburg mit den Romanen Mondscheingeflüster, Diamantenraub, Mitternachtspicknick und Gefährlicher Sommer, die 2010 neu herausgegeben wurden.

Ein sehr persönliches Buch

In ihrem sehr persönlichen Buch Sechs Jahre: Der Abschied von meiner Schwester, das 2014 veröffentlicht wurde, berichtet sie über das Schicksal ihrer krebskranken Schwester Franziska, die sie durch alle Phasen ihrer Erkrankung bis zu ihrem Tod begleitete.

National und international anerkanntes Renommee

Charlotte Links Romane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, sind sowohl nationale als auch internationale Bestseller. Allein in Deutschland wurden über 26 Millionen ihrer Bücher verkauft.

Für ihr herausragendes literarisches Schaffen erhielt Charlotte Link 2007 den Medienpreis Goldene Feder.

Die Schriftstellerin lebt mit ihrer Familie in Frankfurt und engagiert sich aktiv für den Tierschutz.


Originalausgabe: Link, Charlotte. Die Entscheidung. München: Blanvalet Verlag/Verlagsgruppe Random House GmbH, 2016.
Informationsquelle über Charlotte Link: Artikel von Stefan Locke: Die Frau mit der Formel. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2012:
http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/charlotte-link-die-frau-mit-der-formel-12009250.html
Buchcover: www.randomhouse.de

4 Antworten

  1. Liebe Rosa, ich liebe Charlotte Link und habe auch schon einiges von ihr gelesen. Die Plots sind in meinen Augen super aufgezogen und ich stimme dir zu, sie bedient keine Stereotypen. Ich wusste gar nicht, dass sie auch Jugendbücher schreibt, da werde ich für meine Tochter auf jeden Fall mal gucken. Eine sehr gelungene Rezension, Rosa 🙂

    Liebe Grüße, Bee

    • Liebe Bee,

      vielen Dank :)!

      Ja, ich war auch bei der Recherche total überrascht, dass Link Jugendbücher schreibt. Ich hab mal reingelesen, sie sind auch sehr spannend.

      Liebe Grüße

      Rosa

  2. Hallo Rosa,
    Bisher dachte ich immer die Bücher dieser Autorin wären eher umspannend und etwas für meine Mutter.
    Jetzt werde ich doch mal das Hörbuch hören, dass ich vor einem Jahr geschenkt bekam.
    Alles Gute
    Silvia

    • Hallo Silvia,

      es tut mir leid, dass ich erst so spät antworte, aber eine schwere Bronchitis hat mich völlig „lahmgelegt“.

      Herzlichen Dank für deinen Kommentar! Ich kenne kein Buch von Charlotte Link, das „unspannend“ ist. Als Hörbuch ist mir nur „Die letzte Spur“ bekannt, das von Gudrun Landgrebe gelesen wird. Es hat mir auch sehr gefallen.

      Liebe Grüße

      Rosa

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