Kampf der Buchgenres
Fokus: Fremdsprachige Bücher

Nunmehr geht die einzigartige Blogparade Kampf der Buchgenres, die Nicole von Smalltownadventure und Jana von Lifetime Hours ins Leben gerufen haben, leider zu Ende. Das letzte Genre, das im Dezember/Januar ansteht, ist Fremdsprachige Bücher. Und auch hier bin ich gerne nochmals dabei.

Für alle, die vielleicht jetzt erst auf diese Blogparade gestoßen sind, hier kurz zum Prozedere: Wie ihr an das Thema herangeht, bleibt euch überlassen. Ob ihr generell über das Genre schreibt oder eure Lieblingsbücher dieses speziellen Literaturbereichs vorstellt, könnt ihr selbst entscheiden. Am 15. eines Monats wird über das entsprechende Genre gebloggt, und ihr habt dann vier Wochen Zeit, um euren Beitrag zu veröffentlichen – natürlich mit Verlinkung zu Nicoles und Janas Blogs. Am 15. Januar 2017 ziehen die beiden Initiatorinnen dann ein Fazit und berichten u.a., welches Genre das beliebteste unter den Bloggern ist und welche genrespezifischen Bücher bzw. welche Autoren empfohlen wurden. Ich bin schon sehr gespannt auf die Auswertung.

Das Thema in diesem Monat ist, wie oben aufgeführt, Fremdsprachige Bücher. Und da ist es für mich ein Muss mitzumachen, denn – wenn ich mittlerweile nicht den Überblick verloren habe – besitze ich beinahe genau so viele englische und französische Bücher wie deutsche. Für diese Blogparade habe ich drei englische Romane ausgewählt, die zu meinen All-Time Favourites zählen und bei denen es mir völlig unverständlich ist, warum sie (bis auf eine Ausnahme) noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden.

© PenguinRandomHouse

Erika Robuck: Call Me Zelda

Dieses großartige Buch der US-Schriftstellerin Erika Robuck liebe ich sehr. Es handelt von Zelda Fitzgerald, Autorin, Malerin, Tänzerin und Ehefrau des berühmten amerikanischen Schriftstellers F. Scott Fitzgerald, und ist meisterhaft geschrieben. Was mir an den Geschichten von Erika Robuck, die sich als historical fiction writer bezeichnet, so gut gefällt, ist, dass sie in ihren Romanen stets zwei Welten miteinander verknüpft: Die eines/r berühmten Schriftstellers/in mit der eines „unbekannten“ Menschen. Darüber hinaus sind ihre Romane exzellent recherchiert, und man erfährt sehr viel über die von ihr ausgewählten literarischen Persönlichkeiten und ihr Leben jenseits des Mythos. Die Autorin vermischt Facts & Fiction so geschickt, dass der Leser glaubt, die von ihr erdachte Verknüpfung der beiden Charaktere hätte es wirklich gegeben. Die Schriftsteller/innen, die sie in den Fokus ihrer Romane stellt, sind detailliert skizziert, die Atmosphäre der jeweiligen Zeit ist brillant eingefangen. Alles in allem bieten Robucks Romane einen außergewöhnlichen – manchmal bestürzenden – Blick hinter die schillernde Fassade der literarischen Größen, der sie jedoch in keiner Weise entzaubert.

Zelda Fitzgerald: Die Frau in seinem Schatten

Ich habe einige Biografien über F. Scott Fitzgerald gelesen und versucht, mir so ein Bild des exaltierten Schriftstellers zu machen. Seine Frau Zelda wird zumeist auf das glamouröse Flapper Girl reduziert, das als Muse und schmuckes Beiwerk an der Seite ihres berühmten Mannes die Titelseiten schmückt. Nach ihren diversen Nervenzusammenbrüchen und mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken drückte man ihr den Stempel schizophren auf und bedauerte ihren Mann, der Tag und Nacht schrieb, nur um ihre Arztrechnungen bezahlen zu können. Ich hätte es bei diesen Informationen belassen, wenn ich nicht auf die exzellente Biografie von Nancy Milford Zelda und Zeldas einzigen, durchscheinend autobiografischen Roman Save Me The Waltz gestoßen wäre. Das Bild, das ich hier von Zelda und auch von F. Scott Fitzgerald erhielt, war ein völlig anderes. Es zeigt eine verzweifelte Frau, deren Mann alles tat, damit sie in seinem Schatten blieb, denn Zelda Fitzgerald war nicht nur eine äußerst begabte Balletttänzerin und Malerin – auch als Schriftstellerin war sie – sehr zum Missfallen ihres Mannes – ausgesprochen talentiert. Und so sabotierte F. Scott augenscheinlich alle Versuche Zeldas, sich als Künstlerin zu etablieren, bis schließlich nichts mehr von ihr übrig war. Was bleibt sind ihr einzigartiger o.g. sehr aufschlussreicher Roman, ihre Briefe und einige ihrer ungewöhnlichen Bilder, die bereits zu ihren Lebzeiten ausgestellt wurden.

Auf dem Tiefpunkt

Hier setzt auch Erika Robucks Roman an. Der Leser begegnet Zelda auf dem Tiefpunkt ihres Lebens, als sie 1932 in die Phipps Psychiatric Clinic in Baltimore eingeliefert wird. Vom ersten Moment ihrer Begegnung fühlt sich die ihr zugeteilte Krankenschwester Anne Howard auf unerklärliche Weise mit Zelda verbunden, in deren Augen sie eine Leere erkennt, die ihrer eigenen ähnelt. Anne kann den Tod ihres Mannes und ihrer Tochter nicht verwinden, die sie auf tragische Weise verloren hat, und stürzt sich in die Arbeit, um nicht von ihrer Einsamkeit erdrückt zu werden. Doch trotz ihres Engagements für die psychisch-kranken Menschen, die sie tagtäglich umsorgt, schafft sie es nicht, einen Neuanfang zu wagen. Sie ist völlig ausgebrannt und weigert sich, Erinnerungen zuzulassen. Ihre kleine Wohnung in einem Haus voller Künstler hält sie bewusst karg: Sie stellt keine Bilder ihrer Familie auf – nur ein altes Klavier erinnert an ihren verstorbenen Mann.

Seelenverwandte

Doch die Begegnung mit Zelda bringt Annes so kontrolliert-geordnete Welt ins Wanken. Sie erkennt schnell, dass Zelda nicht die hysterische Schizophrene ist, zu der ihr Mann sie gerne machen möchte. Zelda, die zu niemandem in ihrer Umgebung Kontakt aufbaut, fasst Vertrauen zu Anne. Als Anne merkt, wie schwer es für Zelda ist, ihre Geschichte zu erzählen, bittet sie sie, ihr Leben aufzuschreiben. Hierauf lässt sich Zelda ein und gibt Anne immer wieder persönliche Aufzeichnungen, die nur für ihre Augen bestimmt sind. Und so erfährt Anne, wie die unglamouröse Wirklichkeit des Celebrity-Paares aussieht: Scott ist schwerer Alkoholiker, der Zelda am laufenden Band betrügt und auch zur Gewalt neigt, wenn er getrunken hat. Nüchtern ist er angabengemäß der netteste Mann, den man sich denken kann – aber er trinkt fast jeden Tag. Zeldas Talente tut er gerne als Hobbies ab und legt ihr Steine in den Weg, wo er nur kann. Er übernimmt sogar ganze Passagen aus ihrem Tagebuch und baut sie in seine Romane ein. Zelda ist schockiert, denn sie weiß nun, dass es Scott war, der ihr Tagebuch entwendete, das sie lange verzweifelt gesucht hat. Doch es gibt auch liebevolle, sehr vertraute Momente zwischen den beiden, die Anne bei Scotts Besuchen immer wieder beobachten kann. Aber alles in allem bleibt Anne die turbulente Beziehung der beiden Exzentriker ein Rätsel.

Heilende Erinnerungen

Und so langsam schleichen sich gegen Annes Willen lang unterdrückte Erinnerungen an ihren Mann und ihre Tochter ein, die sie schließlich zulässt. Sie stellt Bilder ihrer Lieben auf und spielt sogar auf dem alten Piano. Mit Zelda geht es ebenfalls aufwärts, so scheint es – sie schreibt weiter an ihrem Roman Save Me The Waltz und arbeitet auch mit den Psychiatern, insbesondere mit der aufgeschlossenen Ärztin Mildred Squires, zusammen. Gegen den ausdrücklichen Rat ihres Chefs, der freundschaftliche Beziehungen zwischen Krankenschwestern und Patienten für äußerst gefährlich hält, öffnet sich auch Anne gegenüber Zelda und erzählt ihr von ihrem Leben. Anne hält es für eine gute Idee, Zelda langsam wieder ins normale Leben einzugliedern und schafft es schließlich, selbst ihren skeptischen Chef davon zu überzeugen. Als Anne merkt, dass dies eine fatale Fehleinschätzung war, versucht sie alles Menschenmögliche, um Zelda zu helfen, aber zu ihrem Entsetzen muss sie erkennen, dass es keinen Weg zurück gibt…

Sehr berührender Roman mit lebensnahen Charakteren

Angesichts der Geschichte könnte man meinen, der Roman habe einen prinzipiell deprimierenden Touch. Doch das ist keineswegs der Fall. Im Gegenteil: Er ist sehr berührend, aber gleichzeitig auch sehr hoffnungsvoll und lebendig, denn die Charaktere sind sehr lebensnah. Die tragische Geschichte Zeldas geht ans Herz, aber mitzuerleben, wie Anne aus ihrer selbst gewählten Isolation wieder neuen Lebensmut fasst und ein neues Glück findet, ist wunderbar. Für mich ist Call Me Zelda ein absolutes Must Read.

Bislang ist keiner von Erika Robucks Romanen ins Deutsche übersetzt worden. Dies kann ich nicht nachvollziehen, denn ich bin mir sicher, dass sie auch hier bei uns sehr erfolgreich wären. Wer über gutes Schulenglisch verfügt, sollte sich auf jeden Fall an ihre Bücher trauen. Sie sind wirklich brillant. Ich habe ihre völlig unterschiedlichen Romane (Receive Me Falling, Hemingway’s Girl, Call Me Zelda, Fallen Beauty, The House of Hawthorne) alle gelesen und warte immer schon mit Spannung auf den neuesten.

© HarperCollinsPublishers

Stephen P. Kiernan: The Curiosity

Selten habe ich einen Roman gelesen, der mich derart beeindruckt und nachdenklich gestimmt hat wie Stephen P. Kiernans The Curiosity. Er ist so brillant geschrieben, dass ich ihn nach der ersten Lektüre sofort ein zweites Mal gelesen habe, denn dieser grandiose Roman enthält so viele Wahrheiten, die man gar nicht alle auf einmal aufnehmen kann. Das Großartige einiger Werke kann man manchmal einfach nicht in Worte fassen. Man muss es bei der Lektüre selbst erleben.

Erschreckend reale Science Fiction

Obwohl mich Science-Fiction-Geschichten eigentlich nicht sonderlich ansprechen, hat mich diese Story sofort gepackt. Dies liegt u.a. daran, dass sie nicht, wie viele andere SF-Romane, in einem Universum fernab unserer Zeit, sondern in relativ naher Zukunft in den USA spielt. Dies macht die Handlung so glaubwürdig und bewegend. Der sich langsam aber stetig aufbauende Spannungsbogen tut sein Übriges dazu und macht den Roman zu einem Abenteuer, das den Leser gleichermaßen schockiert und berührt, ihn aber vor allem zur Reflexion anregt. Die Themen, die Kiernan mit dieser realitätsnahen und zugleich fantasievollen Erzählung in den Vordergrund stellt, sind zutiefst existentiell: Der Autor hält uns, die wir in einer medien- und sensationsgeprägten Gesellschaft fest verankert sind, schonungslos den Spiegel vor und zeigt uns auf seine ganz eigene unnachahmliche Weise, wie wichtig es ist, an Grundprinzipien und Werten wie Moral, Ethik und Anstand gegen alle Widerstände festzuhalten. Es ist eine großartige Parabel über den Wert des Lebens und die Würde des Menschen, die uns vor Augen führt, was wir in unserer Welt bewahren müssen.

The Frozen Man: Sensationsfund unter dem Eis

Die renommierte Biologin Dr. Kate Philo und ihr Team befinden sich im Auftrag des exzentrischen Wissenschaftlers und Leiters des berühmten Carthage Institute, Erastus Carthage, auf einer Forschungsreise in der Arktis, um ein geheimes Projekt weiter voranzubringen. Nachdem es bereits gelungen ist, im (Hart-)-Eis gefrorene tote Krabben, Plankton, Krill u.ä. mittels spezieller elektro-magnetischer Verfahren – wenn auch nur kurzzeitig – wieder zum Leben zu erwecken, soll diese Forschungsreihe nun mit Hochdruck weiter forciert und an größeren Lebewesen (zunächst Tieren) getestet werden. Als man nahe eines Eisbergs ein größeres Objekt in einem übergroßen Eisstück entdeckt, glaubt man zunächst an einen toten Wal, der ein einzigartiges Versuchsobjekt wäre und bereitet die Bergung vor. Dr. Philo und ihr Team sind mehr als schockiert als sich bei der schwierigen Hebung herausstellt, dass es sich bei dem Fund um eine männliche Leiche handelt, die aus einer längst vergangenen Zeit zu stammen scheint, wie es bereits die Kleidung verrät.

Subject One: Versuchsobjekt Mensch

Der Sensationsfund ist Musik in den Ohren des zynischen Forschungsleiters Carthage, dessen unerträgliche Hybris nur noch von seiner Gier nach Erfolg übertroffen wird. Parallelen zu Mary Shelleys Victor Frankenstein Figur werden hier überdeutlich. Carthage ist jedoch um Längen ehrgeiziger und verschlagener. Er gefällt sich in der Rolle des gottgleichen Wissenschaftlers, geschickten Manipulators und unsichtbaren Puppenspielers, der der Masse stets überlegen ist und vor allem die Presse geschickt zu seinen Gunsten beeinflusst. Für ihn ist Subject One, wie er den gefrorenen Mann nennt, nichts weiter als ein Versuchsobjekt, das er zu Forschungszwecken benutzt. Natürlich schlachtet er seinen Fund auch medial aus. Er informiert jede ihm bekannte Zeitung und jeden Radio- und TV-Sender, bis sein Ruf als glorreicher Forscher schließlich zum Präsidenten durchsickert.

Gegen die ethischen Bedenken von Dr. Philo und den anderen Wissenschaftlern geht Carthage schließlich bis zum Äußersten bzw. an die Grenzen der wissenschaftlichen Methodik, um Subject One wieder zum Leben zu erwecken. Zum großen Erstaunen und Entsetzen aller gelingt dies tatsächlich, und Carthage sieht sich am Ziel seiner Träume. Er nennt das Experiment Lazarus-Projekt und zeigt auf einer eigens dafür eingerichteten Website die 24-Stunden-Überwachung des völlig entkräfteten Mannes. Wütende Proteste von aufgebrachten religiösen Gruppen und Gegnern des Experimentes finden daraufhin täglich vor Carthages Institut statt. Ebenso kritisieren einige Wissenschaftler das Projekt in aller Offenheit und melden große ethische Bedenken an. Doch Carthage könnte es nicht weniger interessieren.

Ein zweites Leben

Dr. Kate Philo kommen immer häufiger Zweifel an der moralisch-ethischen Richtigkeit des Experimentes, das schon längst alle Grenzen überschritten hat. Als Subject One nach und nach zu Kräften kommt, öffnet er sich nur Dr. Philo, deren Gesicht er als erstes beim Wiedererwachen sah und der er vertraut wie keinem anderen Menschen. Als er ihr seine Geschichte erzählt, kann sie es kaum glauben: Sein Name ist Jeremiah Rice, und er war Richter um die Jahrhundertwende. Mit seiner Frau Joan und Tochter Agnes lebte er in Lynn, bis er bei einer Expedition in der Arktis, die außer Kontrolle geriet, über Bord fiel und sein Leben verlor.

An sein zweites Leben gewöhnt sich Richter Rice nur sehr langsam, doch es gelingt ihm dank Dr. Philo, sich bald zurechtzufinden. Er avanciert zum Medienstar, zu einem Kuriosum, das man in Talk Shows herumreicht. In seiner anfänglichen Naivität ist Rice dankbar für die Aufmerksamkeit und all die Freundlichkeit, die man ihm entgegenbringt, doch schon bald kommt er sich wie ein Tier im Zoo vor, denn Carthage erlaubt ihm nur selten, sein Zimmer im Institut zu verlassen – zumeist nur für mediale Auftritte. Aber Dr. Philo widersetzt sich heimlich ihrem dominanten Chef und nimmt Rice immer häufiger mit auf Entdeckungstour in die normale Welt. Rice und Philo fühlen sich mehr und mehr zueinander hingezogen, doch die ständige Überwachung macht eine Annäherung kaum möglich.

Vom Kuriosum zum Gejagten

Als Rice beschließt, bei dem Experiment nicht mehr länger mitzumachen, eskaliert die ohnehin angespannte Situation und das einstige Kuriosum wird zum Gejagten. Nur Kate bleibt an seiner Seite, um ihn vor der Presse und Carthage zu beschützen, der alle Hebel in Bewegung setzt, um Rice zu finden. Aber Kate ahnt nicht, dass Carthage und Rice ihr ein alles veränderndes Geheimnis vorenthalten, das sie den Boden unter den Füßen verlieren lässt…

Die moderne Welt aus altem Blickwinkel

Was mir an diesem wunderbaren Roman, der aus vier Perspektiven (Dr. Philo, Carthage, Rice und Dixon/Journalist) erzählt wird, so gut gefallen hat, ist vor allem die Reaktion des Protagonisten, Richter Jeremiah Rice, auf unsere moderne Welt. Es gibt so viele Szenen, die ich sofort nachvollziehen konnte, wie z.B. als er sich voller Freude sein Lieblingsobst, eine Orange, kauft und dann enttäuscht feststellen muss, dass sie eigentlich gar keinen Geschmack hat, seine Abscheu vor Fast Food, seine Bestürzung über all die vereinsamten Menschen, die entweder vor dem Computer sitzen oder auf ihr Handy starren anstatt sich miteinander auszutauschen. Doch letztendlich überwiegt für Rice die Schönheit, die er in allem, insbesondere in der Natur, sieht. Sein zweites Leben empfindet er als Geschenk, wie es wunderbarer nicht sein könnte. In seine Gedankenwelt einzutauchen, ist mehr als bewegend und führt uns zu einer Erkenntnis, die simpler nicht sein könnte: Es gibt nichts Kostbareres als das Leben.

© PenguinRandomHouse

Valerie Martin: Mary Reilly

Diese herausragende Neuerzählung des Klassikers Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson ist ein Roman der Extraklasse. Die amerikanische Schriftstellerin Valerie Martin erzählt die Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde aus Sicht von Dr. Jekylls Dienstmädchen, Mary Reilly. Der in Tagebuchform verfasste Roman ist für mich eine exzellente Re-Narration der bekannten englischen Novelle aus einem neuen, aufschlussreichen Blickwinkel, der die fesselnde Geschichte aus ungewohnter Perspektive beleuchtet. Martins leiser Thriller geht unter die Haut und führt uns das ganze Ausmaß der schrecklichen Tragödie um Dr. Jekyll erneut vor Augen. Diese berührt uns umso mehr, da sie uns von Mary, seinem loyalen, ihn über alle Maßen schätzenden Dienstmädchen, nahe gebracht wird. In diesem Sinne ist Mary Reilly eine außergewöhnliche literarische Komposition, die Stevensons Novelle neuen Glanz verleiht.

Mary Reilly: Dienstmädchen und Vertraute

Die scheue Mary Reilly arbeitet als Dienstmädchen im Haushalt des angesehenen Londoner Arztes Dr. Henry Jekyll. Sehr zum Missfallen des Butlers Poole besteht zwischen dem reservierten, introvertierten Jekyll und der zurückhaltenden Mary ein ganz besonderes Band. Jekyll vertraut Mary wie keinem anderen Menschen, und die sonst so in sich gekehrte Mary offenbart ihrem Arbeitgeber sogar ihr dunkelstes Geheimnis, als er sie nach der Ursache ihrer Narben fragt: Sie stammen von den brutalen Misshandlungen ihres alkoholkranken Vater, denen sie als Kind ständig ausgesetzt war, bis ihre Mutter sie schließlich als Hilfskraft in Dr. Jekylls Haushalt unterbrachte.

Ein dämonischer Assistent

Trotz ihres harten Arbeitsalltags fühlt sich Mary in Dr. Jekylls Haus sicher und geborgen. Doch dann wendet sich das Blatt: Dr. Jekyll stellt den dämonischen Edward Hyde als seinen Assistenten ein. Die gesamte Dienerschaft inkl. Mary ist in heller Aufregung, denn niemand kann Dr. Jekylls Entscheidung verstehen. Mary fürchtet sich vor Hyde, fühlt sich aber auf der anderen Seite magisch von ihm angezogen. Hyde stellt Mary nach, er ist direkt, aufdringlich und unverschämt, und doch sieht Mary etwas in ihm, dass ihr bekannt vorkommt.

Außer Kontrolle

Immer öfter hört Mary schreckliche Schreie aus Dr. Jekylls Labor. Er ist nicht mehr er selbst, und seine physische Verfassung verschlechtert sich von Tag zu Tag. Mary ahnt, dass etwas Furchtbares vor sich geht, aber sie tut alles, um Dr. Jekyll und seinen guten Namen zu schützen. Doch nach dem brutalen Mord an einem prominenten Parlamentsabgeordneten geraten die Dinge völlig außer Kontrolle, denn Hyde wird zum Hauptverdächtigen und somit gerät auch Dr. Jekyll ins Visier der Polizei. Mary weiß nicht mehr, wem sie trauen kann, aber sie hält an ihrer Loyalität zu Dr. Jekyll fest. Doch tief in ihrem Inneren spürt sie, dass es aus diesem Alptraum kein Erwachen gibt…

Brillanter Pageturner: Ein Klassiker aus neuer Perspektive 

Dieser Roman hat mich von der ersten bis zur letzten Seite völlig in seinen Bann gezogen. Ich mag Stevensons Klassiker sehr, aber Valerie Martins neue Version hat mich begeistert. Die Autorin greift das Spiel mit Gut und Böse sowie das dominierende Doppelgänger-Motiv auf und bettet es in einen differenzierten Kontext. Auf den ersten Blick impliziert der Roman – ebenso wie Stevensons Werk – Kritik an den rigiden moralischen Werten und Normen des Viktorianismus, denen Dr. Jekyll um jeden Preis entfliehen möchte. Unter seiner kontrollierten Oberfläche brodelt es, er sehnt sich nach Freiheit, Enthemmung und Ungezwungenheit.

Doch Martin macht nicht Jekyll zu ihrem primären Protagonisten, sondern Mary, die trotz ihres niederen gesellschaftlichen Standings seine Vertraute wird. Und im Laufe des Romans stellen wir fest, dass sie ihm gar nicht so unähnlich ist: Auch sie hat manchmal das Bedürfnis, aus allem auszubrechen und einfach nur sie selbst zu sein. Aber anders als Jekyll akzeptiert sie ihren Platz im Leben, es reicht ihr, in Jekylls Nähe zu sein, für den sie mehr empfindet, als sie sich eingestehen will. Sie kennt ihre Grenzen und würde sie niemals überschreiten. Umso hilfloser muss sie zusehen, wie Jekyll alles entgleitet und ihr sicheres Zuhause zu einem Haus des Schreckens mutiert. Die Tragödie Jekylls ist längst zu ihrer eigenen geworden – ein verhängnisvoller Schritt zum Abgrund, der ihr Leben für immer verändert.

Leider ist dieses hochspannende Buch in deutscher Sprache (Titel: Im Haus des Dr. Jekyll) nur noch gebraucht zu bekommen. In englischer Sprache ist es allerdings nach wie vor erhältlich. Ich empfehle euch dieses Buch wirklich sehr: Es ist ein grandios erzählter Pageturner.

***

Diese Blogparade hat mich wirklich begeistert. Ich hoffe, dass Nicole und Jana auch im nächsten Jahr wieder eine ähnliche Aktion starten.

Jetzt seid ihr gefragt: Welche Bücher im fremdsprachlichen Original haben euch begeistert? Gibt es spezielle Autoren, deren Werke man eures Erachtens schon längst ins Deutsche hätte übersetzen sollen? Ich bin gespannt auf euer Feedback.


Originalausgabe: Robuck, Erika. Call Me Zelda. New York: PenguinRandomHouse, 2013.
Quelle 1 über Zelda Fitzgeralds Leben: Milford, Nancy. Zelda – A Biography. New York: Harper Perennial – Modern Classics, 2001.
Quelle 2: Fitzgerald, Zelda. Save Me The Waltz. London: Vintage Classics/Penguin Random House Group, 2011.
Book Cover: http://www.penguinrandomhouse.com/books/310633/call-me-zelda-by-erika-robuck/

Originalausgabe: Kiernan, Stephen P. The Curiosity. New York: William Morrow Paperback Edition / HarperCollinsPublishers, 2014.
Book Cover:  www.harpercollins.com

Originalausgabe: Martin, Valerie. Mary Reilly. New York: Vintage Contemporaries/PenguinRandomHouse, 2001.
Book Coverhttp://www.penguinrandomhouse.com/books/108552/mary-reilly-by-valerie-martin/9780375725999/

Bildnachweis: Shutterstock – © Roman Motizov

4 Antworten

  1. Sehr schön, ich lese auch sehr gerne Bücher in englischer Sprache, sowohl Romane als auch Fachbücher. Ich bin manchmal erstaunt, dass gerade Amerikaner vieles zum Thema Ernährung haben, das durchaus lesenswert ist. Auch Serien schaue ich ausschließlich in Englisch, die deutsche Vertonung ist meist ein Albtraum.

    Liebe Grüße, Bee

    • Liebe Bee,

      vielen Dank für deinen Kommentar.

      Mit Sachbüchern kenne ich mich nicht gut aus, mit Romanen dafür umso mehr.

      Ich schaue auch fast alle Serien im Original. Da bleibt man immer auf dem neuesten Stand der Sprache.

      Liebe Grüße

      Rosa

  2. Erstmal möchte ich mich auch hier für deinen tollen Beitrag zur Parade bedanken. Ich bin immer wieder begeistert, wie ausführlich deine Rezensionen sind. Da merkt man einfach, wie viel Mühe dahinter steckt. Auf The Curiosity (ich hoffe den Titel habe ich richtig geschrieben) hast du mich gerade ziemlich neugierig gemacht und das, obwohl ich das Genre auch nicht unbedingt lese (wobei ich Serien und Filme davon immer sehr mag, vielleicht sollte ich mich dann auch mal an Büchern versuchen). Die Thematik hat mich aber sofort angesprochen, auch dass man unserer Gesellschaft den Spiegel vorhält reizt mich sehr. Hatte aber auch beim lesen der Handlung auch sofort Frankenstein im Kopf, nur halt noch moderner, weil man ja das Spiel mit den Medien mit einbringt.

    Danke auch für dein liebes Kommentar.
    Dankeschön für deine lieben Worte :).
    Uih das freut mich aber sehr zu hören, dass du The Creation of Anne Boleyn kennst, die Bücher sind hier ja doch eher unbekannt. Ich hoffe natürlich, dass du „The Lady in the Tower“ dann genauso sehr magst wie ich. Aber Allison Weir kann ich dir wirklich generell was die Tudors angeht wärmstens empfehlen. Sie recherchiert wirklich sehr gut und ist auf dem Gebiet auch eine der gefragtesten Autorinnen.

    Dankeschön, es freut mich, dass ihr so viel Spaß an der Aktion hattet (wir übrigens auch)und auch immer so zahlreich teilgenommen habt. Denn vor jeder Blogparade hat man ja immer erstmal etwas Angst, dass niemand mitmacht und die Idee nicht ankommt. Freut mich also sehr, dass diese hier super aufgenommen wurde und man sich so auch vernetzten konnte und vor allem neue Bücher auf die Wunschlisten gewandert sind. Meine ist zumindest prall gefüllt.

    • Liebe Nicole,

      danke, danke, danke :)!!! Eure Blogparade hat einfach riesigen Spaß gemacht.

      „The Curiosity“ ist wirklich ein ganz besonderer Roman, der dir bestimmt gefallen wird.

      Nach Weihnachten werde ich dann hoffentlich „The Lady in the Tower“ erhalten. Ich bin wirklich gespannt.

      Ich wünsche dir und Jana schöne Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Bis bald!

      Liebe Grüße

      Rosa

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