Ein Netz aus Lügen

Cara Black: Mord am Montmartre

Nach längerer Zeit habe ich mal wieder eine Krimireihe entdeckt, die mir vom ersten Band an gefallen hat – und dies nicht nur, weil sie in meiner Lieblingsstadt Paris und darüber hinaus – wie in dem hier vorgestellten Roman Mord am Montmartre – in meinem favorisierten Viertel spielt. Die von der amerikanischen Bestsellerautorin Cara Black konzipierte Romanserie hat meines Erachtens alles, was gute und fesselnde Thriller ausmacht: Eine packende Story mit unvorhersehbarem Ende, viele nebulöse und falsche Fährten, die es dem Leser schwer machen, den Täter zu entlarven und eine ganz spezielle Protagonistin, die nicht dem Superwoman-Ideal entspricht. Nachdem ihr Vater, ein ehemaliger Polizist und Detektiv, bei einem Sprengstoffanschlag auf tragische Weise ums Leben kam, übernimmt die Privatermittlerin Aimée Leduc gemeinsam mit dem kleinwüchsigen Computerspezialisten René seine Detektei Leduc Détective, die sich auf Computersicherheit spezialisiert hat. Während Aimée in ihrem Job aufgeht und auch dank René immer mehr Aufträge für ihre Detektei an Land ziehen kann, steht ihre Beziehung zu Guy vor dem Aus. Der angesehene Augenarzt hat keinerlei Verständnis für Aimées Arbeitseifer und ihr daraus resultierendes privates Chaos, obwohl er selbst als Mitglied von Ärzte ohne Grenzen beruflich sehr eingespannt ist. Er verlässt sie vom einen auf den anderen Tag, womit Aimée nur sehr schwer umgehen kann.

Mysteriöser Mord an einem Polizisten

Da kommt der Anruf ihrer besten Freundin Laure, eine Streifenpolizistin, die sie zur Abschiedsfeier eines alten Kollegen einlädt, gerade recht. Während Laures Vater als hochdekorierter Polizist in den Ruhestand ging, quittierte Aimées Vater den Dienst aufgrund von Korruptionsvorwürfen – ein Verdacht, den Aimée immer noch auszuräumen versucht. Doch dies konnte ihre Freundschaft zu Laure nie trüben, und so genießt sie den feuchtfröhlichen Abend gemeinsam mit ihrer Freundin und den alten Kollegen ihrer beiden Väter. Die Party findet ein jähes Ende, als Laures Partner, Jacques Gagnard, sie bittet, ihn zu einem Treffen mit einem Informanten zu begleiten. Laure hält dies für keine gute Idee und versucht, ihn davon abzubringen. Aimée bekommt mit, wie sich die beiden draußen lautstark streiten, aber Laure versichert ihr, dass alles in Ordnung sei und sie mit Gagnard nur ganz kurz wohin müsse. Als Laure nicht zurückkehrt, macht sich Aimée große Sorgen und beschließt, sie zu suchen. Durch Zufall findet sie die beiden ganz in der Nähe über den Dächern der Stadt, wo sich ihr ein grauenvolles Bild bietet: Gagnard wurde mit mehreren Schüssen niedergestreckt und liegt im Sterben, Laure hat schwerste Kopfverletzungen und kann sich an nichts erinnern.

Ein schrecklicher Verdacht

Als die Polizei Schmauchspuren an Laures Händen findet, wird sie zur Verdächtigen Nr. 1. Aimée kann sich nicht vorstellen, dass ihre Freundin ihren Partner erschossen haben soll und nimmt sich gemeinsam mit René des Falles an – sehr zum Ärger der ermittelnden Beamten, die sich jegliche Einmischung verbieten. Und so setzt Aimée zunächst all ihre Hoffnung auf Laures Verteidiger, Maître Delambre. Doch der junge Anwalt hat seine Mandantin aufgrund der scheinbar unwiderlegbaren Beweise bereits vorverurteilt und ist nicht sehr motiviert. Als dann auch noch die Ex-Frau von Gagnard Laure in einem Presseinterview schwer belastet, wird es eng für Aimées Freundin, die mittlerweile ins Koma gefallen ist und sich nicht mehr verteidigen kann.

Aber Aimée bleibt hartnäckig und recherchiert in alle Richtungen. Schon bald stößt sie auf einige seltsam verschlossene Zeugen: Zoé Tardou, die ihre Dach-Wohnung nie verlässt, der kleine Paul, der von seiner alkoholkranken Mutter vernachlässigt wird und sich heimlich aufs Dach schleicht, die Prostituierte Chlochlo, die mehr weiß, als sie zugibt und schließlich der Barbesitzer Zette, dem ebenfalls nicht nach Reden zumute ist. Sie alle schweben nach einem Gespräch mit Aimée plötzlich in Lebensgefahr. Als einer von ihnen brutal ermordet wird, weiß Aimée, dass sie auf der richtigen Spur ist. Diese führt in allerhöchste Kreise und zu scheinbar übermächtigen Gegnern, die immer einen Schritt voraus sind. Aimée läuft die Zeit davon, und so entschließt sie sich, das höchstmögliche Risiko einzugehen, um Laure zu entlasten und die wahren Täter und ihre Hintermänner zur Strecke zu bringen…

Erstklassiger, sehr lesenswerter Thriller mit Lokalkolorit

Cara Black ist mit Mord am Montmartre ein wirklich sehr guter Thriller gelungen, der nicht in der Tradition der heute so üblichen blutrünstigenden Reißer steht, sondern mit einer glaubwürdigen, hochspannenden Story überzeugt, die sowohl gesellschaftskritische als auch politische Aspekte beinhaltet. Darüber hinaus lässt die Autorin die Leser in das Künstlerviertel Montmartre mit all seinen Facetten abtauchen und gewährt mit viel Liebe zum Detail aufschlussreiche Einblicke in das geschichtsträchtige Quartier, das nach wie vor die Bohème anzieht. So entstaubt sie nicht nur alte Klischées, sondern zeigt auch die Brennpunkte, die sich hinter dem Glamour der Butte verbergen.

Die Protagonisten und Nebenfiguren sind äußerst gut erdacht und fernab jeglicher Stereotypen. Vor allem die Bad Guys sind beängstigend realitätsnah. Aimée Leduc, die chaotische Privatermittlerin mit dem untrüglichen Instinkt, wird dem Leser schnell vertraut. Sie ist weder ein Supercop noch eine sexy Detektivin, die mit High Heels den bösen Jungs hinterherstöckelt, sondern eine ganz normale Frau, die in ihrem Job nicht immer alles richtig macht: Sie irrt, geht falschen Spuren nach und zweifelt des Öfteren an ihrer Menschenkenntnis. Und sie hadert vor allem mit ihrem nicht funktionierenden Privatleben, das bei ihrem Job stets hinten ansteht. Das alles macht sie zu einer eher unspektukulären Heldin, der wir aber gerade deshalb gerne folgen. Mein Fazit: Ein erstklassiger, sehr lesenswerter Thriller mit Lokalkolorit!

Cara Black: Amerikanische Bestseller-Autorin mit einem Faible für Paris

Die amerikanische Schriftstellerin Cara Black wurde 1951 in Chicago/Illinois geboren. Bevor sie sich der Schriftstellerei widmete, war sie in diversen Jobs tätig: Sie arbeitete als Barista in der Schweiz, lehrte Englisch in Japan und studierte Buddhismus in Nordindien. Nach ihrem Chinesisch-Studium in Tokio, bei dem sie auch ihren Mann, einen Buchhändler, kennenlernte, machte sie schließlich ihren Master und Bachelor in Pädagogik am San Francisco State College. Nach ihrem Studium arbeitete sie zunächst als Vorschullehrerin, bevor sie zur Schulleiterin ernannt wurde und kümmerte sich darüber hinaus im Rahmen des Head Start Programms um bedürftige – zumeist chinesische – Familien in den Bereichen Erziehung und Sprachvermittlung.

Ihre Liebe zu Frankreich und zur französischen Literatur wurde in ihrer katholischen, von französischen Nonnen geleiteten Highschool geweckt. Der französische Schriftsteller und Prix Goncourt Gewinner Romain Gary hatte es ihr dabei besonders angetan. Sie schrieb ihm aus einer Laune heraus einen Fanbrief und erhielt tatsächlich eine Antwort, die sie zu ihrem ersten Trip nach Paris inspirierte, wo sie ihr Idol dann auch tatsächlich treffen durfte. Und so fuhr sie dann immer wieder nach Paris und „inspizierte“ jedes Mal ein neues Viertel der charmanten Metropole, bis sie die Stadt schließlich in- und auswendig kannte.

Dies animierte Cara Black denn auch zum Start ihrer Thriller-Reihe um die französische Privatdetektivin Aimée Leduc, die mittlerweile 16 Bände umfasst und alle in unterschiedlichen Quartiers von Paris spielen. Sie wurden zu Bestsellern in den Staaten. Ihr neuester Krimi Murder on the Quai ist in diesem Jahr in den USA erschienen. Inzwischen ist die Autorin auch international sehr erfolgreich – ihre Romane werden mittlerweile in diverse Sprachen übersetzt.

In Deutschland sind leider nur ihre ersten drei Romane erhältlich: Die dunklen Lichter von Paris (Murder in the Marais), Die langen Schatten der Bastille (Murder in the Bastille) und der hier vorgestellte Band Mord am Montmartre (Murder in Montmartre). Das ist wirklich sehr schade, denn Cara Black ist eine sehr gute Erzählerin, die ihre spannenden Geschichten mit viel Lokalkolorit anreichert. Ich hoffe, dass peu à peu auch noch die andere Bände übersetzt werden, damit die deutschen Leser ebenfalls in den Genuss ihrer fesselnden Krimis kommen.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website carablack.com, der ich auch ihre biografischen Informationen entnommen habe.


Originalausgabe: Black, Cara. Murder in Montmartre. New York: Soho Press, Inc., 2003.
Deutsche Ausgabe: Black, Cara. Mord am Montmartre. Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet. München/Berlin: Piper Verlag GmbH, 2016.
Buchcover: www.piper.de

4 Antworten

  1. Liebe Rosa,

    oh super, ein weiterer Cara Black Roman! Ich kenne von ihr bisher nur „Die langen Schatten der Bastille“, der mir sehr gefallen hat. Die Thriller sind sehr gut geschrieben und als angehende Romanistin ? finde ich es ganz besonders toll, dass man viel über die Stadt und die einzelnen Viertel erfährt.

    Schon wieder ein Buch für meine Weihnachtsliste! Herzlichen Dank für den Tipp!

    Liebe Grüße

    Chloé

    • Liebe Chloé,

      es tut mir leid, dass ich erst so spät antworte, aber ich lag zwei Wochen mit einer schweren Grippe flach.

      „Die Schatten der Bastille“ ist auch ein toller Thriller.

      Und noch eine Romanistin – wie schön!

      Liebe Grüße

      Rosa

  2. Bisher kannte ich die Autorin noch gar nicht, aber der Thriller hört sich echt sehr interessant an, vor allem deshalb weil die Protagonisten einfach mal normale Menschen und nicht perfekt sind. Das finde ich bei Krimis auch sehr wichtig und gerade von den typischen Stereotypen bin ich sehr genervt. Somit hast du mich mit deiner tollen Rezension definitiv neugierig gemacht.

    Danke auch für dein liebes Kommentar.
    Das freut mich natürlich riesig zu hören, auch das ich dir eine Freude machen konnte, aber deine Rezensionen sind auch immer sehr informativ und wirklich toll geschrieben.

    Dann erstmal gute Besserung von mir und mach dir da keinen Stress, Jana und ich sind da nicht so streng. Der kann auch gerne etwas später online kommen. Uns ist wichtig, dass der Spaß im Vordergrund steht.

    • Liebe Nicole,

      wie schön, wieder von dir zu lesen.

      Ich bin absolut mit dir einer Meinung: Thriller mit Superhelden sind auf Dauer ziemlich langweilig. Deshalb ist diese Krimireihe auch so besonders.

      Danke für das Kompliment, über das ich mich sehr freue und das ich nur zurückgeben kann. Bei dir lese ich sehr, sehr gerne.

      Meinen Beitrag „Kinderbücher“ zu deiner Blogparade poste ich definitiv nächste Woche. Fest versprochen :)! Und ja, der Spaß steht hier wirklich im Vordergrund!!!

      Liebe Grüße

      Rosa

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