Das Geheimnis der „Göttin“

Jonathan Galassi: Die Muse

Dieser Debütroman des amerikanischen Schriftstellers, Poeten und Verlegers Jonathan Galassi hat mich begeistert. Allein schon wegen des pointierten, hervorragend formulierten und in jeder Hinsicht wahrhaftigen Vorwortes lohnt es sich, das Buch zu lesen, denn es verheißt eine einzigartige Geschichte – und hält sein Versprechen auf bestmögliche Weise. Die Story beginnt im New York der 60er Jahre und gewährt einen sehr unterhaltsamen und aufschlussreichen Blick hinter die Kulissen des Verlagswesens mit seinen exzentrischen Gentleman-Verlegern, launenhaften Autoren und unscheinbaren, aber brillanten Lektoren, die mit Instinkt und einem besonderen Gespür für außergewöhnliche Manuskripte die Literaturwelt nachhaltig veränderten. Protagonist des Romans ist der introvertierte Enddreißiger Paul Dukach, der sich ganz der Literatur und insbesondere der Lyrik verschrieben hat. Als Schöngeist ist er in seiner Familie ein Außenseiter, denn er lässt sich nicht in das Männlichkeitsideal pressen, das sein strenger Vater schon seinen Brüdern auferlegt hat, die alle erfolgreiche Sportler sind.

Ein schöngeistiger Außenseiter

Schon früh geht Paul seinen eigenen Weg und nimmt während seines Studiums einen Aushilfsjob im Buchladen Pages von Morgan Dickerman an, die eine Art Ersatzmutter für ihn wird. Sie ist es auch, die sein Talent erkennt und ihn an Literatur und ihre vielfältigen (Stil-)Richtungen heranführt. Vor allem aber initiiert sie seine Liebe zur Lyrik, als sie ihm den Gedichtband Striptease der gefeierten und divahaften Dichterin, Ida Perkins, schenkt. Paul ist fasziniert von Idas innovativen, teilweise schockierend direkten Stil und verschlingt jedes ihrer Werke – eine Obsession, die fortan einen großen Teil seines Lebens bestimmt, denn es spricht sich schnell herum, dass der scheue Nerd d e r Experte ist, wenn es um Ida Perkins geht. Obwohl die renommierte Poetin als unzugänglich, arrogant und äußerst reserviert gilt, sind ihre schonungslos offenen Gedichte in aller Munde. Die Verlage reißen sich um die Göttin der Dichtkunst, die zum Superstar der Lyrik avanciert und auch mit ihrem für die damalige Zeit skandalösen Privatleben – vier Ehen und zahlreiche Geliebte – für Schlagzeilen sorgt.

Ein großmäuliger Mentor

Durch Morgans Beziehungen gelingt es Paul schließlich, einen Job bei einem der angesagtesten Independent-Verlage, Purcell & Stern (P&S), als Lekor zu erhalten. Obwohl sein Chef, der laute, großmäulige und aufschneiderische Verlagsinhaber Homer Stern, sehr gewöhnungsbedürftig ist, könnte Paul keinen besseren Lehrmeister und Mentor haben. Der überlebensgroße, nicht sehr belesene Verleger-Casanova mit einem Faible für kubanische Zigarren und Mercedes-Cabrios zeigt seinem Schützling auf seine ganz eigene Weise, worauf es in diesem speziellen Business ankommt. Und Paul lernt schnell: Gemeinsam mit seinen erfahrenen Kollegen – Romanautoren, Literaturkritikern und Querdenkern – entdeckt er viele neuartige, erfolgversprechende Autoren, die den Verlag als eine wichtige Instanz auf dem umkämpften Büchermarkt etablieren. Darüber hinaus erkennt er aber auch, worauf es neben aller Kompetenz und Liebe zur Literatur bei diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten noch ankommt: Sich von den Befindlichkeiten, Intrigen und Extravaganzen der Entscheidungsträger und Schriftsteller nicht beeindrucken lassen, sondern unbeirrt seinen eigenen Weg zu gehen und seinem Instinkt zu vertrauen. Und so wird Paul langsam aber sicher zu Sterns rechter Hand und Nr. 2 des Verlages.

Ein verhasster Konkurrent

Als Paul eines Tages Sterns direkten Konkurrenten, Sterling Wainwright, Eigentümer des renommierten Impetus-Verlages,  kennen- und schätzen lernt, ist sein Chef alles andere als begeistert, denn die beiden hassen sich bis aufs Blut – nur ihre gemeinsame Liebe zu Ida Perkins verbindet sie. Stern ist ganz besonders neidisch darauf, dass Perkins bei Wainwright unter Vertrag steht, was aber nicht überrascht, denn sie ist seine Cousine – eine Tatsache, die Stern widerwillig akzeptiert, denn auch für ihn ist die Familie heilig. Trotz Sterns Einwände und Bedenken schätzt Paul die regelmäßigen Treffen mit dem feinfühligen, erfahrenen und einflussreichen Geschäftsmann Wainwright sehr. Und tatsächlich gelingt ihm das Unmögliche: Ungeachtet der Dauerfehde der beiden ungleichen Wettbewerber schafft er es, mit beiden Mentoren ein freundschaftliches Verhältnis aufzubauen, ohne den jeweils anderen vor den Kopf zu stoßen. Paul ist in seinem Element und fühlt sich zum ersten Mal akzeptiert und angenommen.

Schicksalhafte Begegnung mit einer Göttin

Als Wainwright Paul eines Tages die Notizbücher von Perkins‘ ehemaligen, mittlerweile verstorbenen Liebhaber und Literaten, Arnold Outerbridge, überlässt, ist er zunächst ratlos, denn sie sind in einer Geheimsprache verfasst, die er nicht entschlüsseln kann. Als ihm dies schließlich nach langem Tüfteln doch gelingt, ist er enttäuscht: Die Notizbücher scheinen nichts als banale Termine zu enthalten. Als Wainwright ihm vor diesem Hintergrund ein Treffen mit Perkins an ihrem Rückzugsort, einem alten Palazzo in Venedig, vorschlägt, sieht sich Paul am Ziel seiner Träume. Was er nicht ahnt, ist, dass das Gespräch mit der in Würde gealterten Diva sein Leben für immer verändern wird, denn sie überlässt ihm ihr letztes Manuskript, das ihr gut gehütetes Lebensgeheimnis offenbart und sowohl ihr nahestehende Freunde als auch die Literaturwelt überraschen und verstören wird…

Ein überragendes literarisches Debüt mit unvergleichlichen Charakteren und einem Blick hinter die Kulissen der kapriziösen Verlagswelt

Galassis Erstlingswerk zählt für mich zu den besten Romanen des Jahres. Ich habe selten einen so fundierten, informativen und lehrreichen Einblick in die Verlagswelt erhalten wie in diesem literarischen Debüt. Angefangen von den 60er Jahren, in denen Bücher noch kostbare Preziosen waren, die wertgeschätzt wurden, bis hin zum unumgänglichen digitalen Umbruch, der das Verlagswesen mit Büchern als Massenware und E-Readern „entzauberte“, zeigt uns der Autor mit viel Insiderwissen, wie dieses ganz spezielle Business funktioniert, wie Verleger und Entscheidungsträger ticken und wie nachhaltige Trends und Veränderungen schließlich einen Wandel hervorbrachten, den man in seiner Dimension nicht voraussehen konnte.

Darüber hinaus hat Galassi Protagonisten erschaffen, über die man liebend gerne noch viel mehr erfahren hätte. Seine Dichterikone Ida Perkins ist ihm so lebensecht gelungen, dass viele Leser (mich eingeschlossen) sie gegoogelt haben, um zu erfahren, ob sie eine reale Person war, was aber nicht der Fall ist. Ihre Gedichte, die natürlich auch vom Autor stammen, sind ebenfalls eine Klasse für sich. Sie sind Poesie par excellence – unvergleichliche Verse, die beim ersten Lesen etwas befremdlich anmuten, die sich aber dann nach Auflösung am Ende wunderbar in das Gesamtbild einfügen. Auch mit dem Hauptcharakter Paul Dukach ist Galassi ein außergewöhnlicher Protagonist geglückt, der sehr wirklichkeitsnah und dessen Liebe zur Literatur spürbar ist. Gleiches gilt für weitere Charaktere seines Romans wie den großspurigen Homer Stern, den feinsinnigen Wainwright oder die vielen mehr oder weniger zartbesaiteten Verlagskollegen von Paul, die uns alle am Ende des Romans sehr vertraut geworden sind. Mein Fazit: Dieses Buch ist Leseabenteuer und Lesegenuss zugleich. Absolut lesenswert!

Jonathan Galassi: Amerikanischer Verleger, Übersetzer, Lyriker und Schriftsteller

Jonathan Galassi wurde 1949 in Seattle/Washington geboren und wuchs in Plympton/Massachusetts auf. Er absolvierte seinen Abschluss an der Phillips Exeter Academy, wo sich sein Interesse an Literatur, Lyrik und der Schriftstellerei fundierte. 1971 graduierte er am berühmten Harvard College. Seine Verlagskarriere startete er bei Houghton Mifflin in Boston, später wechselte er zur Random House Gruppe nach New York. Heute ist er selbst Verleger und Präsident des renommierten New Yorker Verlags Farrar, Strauss und Klein, der bereits einige literarische Highlights – wie z.B. Die Korrekturen von Jonathan Franzen oder Middlesex von Jeffrey Eugenides – entdeckt und sehr erfolgreich publiziert hat. Er lebt und arbeitet in Brooklyn/New York.

Galassi ist zudem als Übersetzer von Lyrik tätig und hat so beispielsweise die Werke der italienischen Dichter Giacomo Leopardi, Eugenio Mortale und Primo Levi ins Amerikanische übertragen. Er arbeitete darüber hinaus 10 Jahre als Poetry Editor für das renommierte Literaturmagazin The Paris Review. Er verfasst ebenso eigene Gedichte, die in bekannten Lyrikjournalen veröffentlicht werden.

Die Muse (Muse) ist sein erster Roman und wurde von den Kritikern begeistert aufgenommen. Sehr gute Besprechungen in renommierten Zeitungen wie New York Times und Observer etc. zeigen, dass Galassi nicht nur ein exzellenter Verleger, sondern auch ein hervorragender Debütschriftsteller ist. Derzeit arbeitet er an einem neuen Buch – ich bin schon sehr gespannt auf sein zweites Werk, das ich ganz bestimmt lesen werde.

Die o.g. biografischen Angaben sind den Verlagsinformationen und der amerikanischen Wikipedia-Page über den Autor entnommen.


Originalausgabe: Galassi, Jonathan. Muse. London: Jonathan Cape/Random House Company, 2015.
Deutsche Ausgabe: Galassi, Jonathan. Die Muse. Aus dem Amerikanischen von Uljana Wolf. Frankfurt: S. Fischer Verlag GmbH, 2016.
Buchcover: www.fischerverlage.de

4 Antworten

    • Liebe Silvia,

      herzlichen Dank für deinen Kommentar!

      Das ist wirklich ein richtig guter Vergleich mit Mad Men. Passt absolut.

      Liebe Grüße

      Rosa

  1. Liebe Rosa,

    ich habe den Roman vor ca. einer Woche gelesen und war auch total begeistert. Obwohl ich kein großer Fan von Lyrik bin, haben mir Galassis Ida Perkins‘ Gedichte sehr gut gefallen. Das ist mal etwas völlig anderes – so schön!!!

    Und deine Rezension – großartig! Ich kann mich nur wiederholen: Du solltest für ein Literaturmagazin arbeiten.

    Liebe Grüße

    Chloé

    • Liebe Chloé,

      wie schön, wieder mal von dir zu lesen.

      Ja, die Gedichte sind wirklich sehr, sehr schön. Ich werde mir zu Weihnachten auch mal einen Gedichtband von Jonathan Galassi wünschen.

      Vielen, vielen Dank – für ein Literaturmagazin zu arbeiten, wäre schon toll.

      Liebe Grüße

      Rosa

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.