Doppelleben

Maggie Mitchell: The Other Girl – Du kannst niemals ganz entkommen

Dieses Romandebüt der amerikanischen Schriftstellerin Maggie Mitchell zählt meines Erachtens zu den besten Erstlingswerken dieses Jahres. Es wäre vermessen, das Buch lediglich in die Sparte Psychothriller einzuordnen, denn The Other Girl fällt nur allzu leicht aus diesem Rahmen, da es mit den heute so populären reißerisch-blutrünstigen Schockern nichts gemein hat. Es ist vielmehr ein leises Buch, dessen ungewöhnliche, äußerst spannende  Story um zwei zentrale Fragen kreist: Was tun wir, wenn unser schlimmster Albtraum wahrgeworden ist, und wie machen wir weiter, wenn wir ihn überlebt haben?

Eine seltsame Entführung

Als die beiden Protagonistinnen des Romans, Lois Lonsdale und Carly May Smith, im Alter von 12 von einem Unbekannten entführt und zwei Monate lang in einer einsamen Waldhütte gefangen gehalten werden, betrachten sie es zunächst als großes Abenteuer. Carly May ist froh, ihrem lethargischen Vater und ihrer ehrgeizigen Stiefmutter zu entkommen, die sie von Schönheitswettbewerb zu Schönheitsbewerb zerrt, Lois leidet unter der Lieblosigkeit ihrer exzentrischen Eltern, die nur damit beschäftigt sind, das von ihnen geleitete exklusive Landhotel zu einem Erfolg zu machen. Und so hat der Entführer, der sich Zed nennt, denn auch leichtes Spiel, als er beiden Mädchen zeitversetzt anbietet, sie ein Stück mitzunehmen, sie dann jedoch in eine abgelegene Hütte bringt. Völlig unbedarft gehen die schüchterne, kluge Lois und die hübsche, eigensinnige Carly May zunächst mit der Situation um, zumal ihr gutaussehender Entführer die Mädchen wie Prinzessinnen behandelt und es ihnen an nichts fehlt. Doch aus der anfänglichen Erlebnislaune wird schnell Angst, denn die Mädchen werden aus Zeds Verhalten immer weniger schlau – sie rechnen täglich mit dem Schlimmsten, obwohl ihr Entführer sie weder belästigt noch gewalttätig ist. Nach einer großangelegten Suchaktion gelingt es der Polizei schließlich, die Mädchen unversehrt zu befreien, Zed endet mit einer Kugel im Kopf – ein Trauma für Lois und Carly May, die unfähig sind zu verstehen, was mit ihnen geschehen ist, warum gerade sie ausgewählt wurden und warum der Entführer sie entgegen aller Vermutungen gut behandelt hat.

Der Albtraum kehrt zurück…

Zwanzig Jahre später: Lois Lonsdale ist als Anglistikdozentin auf einem ländlichen College tätig, Carly May fristet ein einsames Dasein als erfolglose Schauspielerin. Trotz des gemeinsam Erlebten haben sie keinen Kontakt mehr zueinander. Was sie jedoch verbindet, ist die Tatsache, dass sie ihr traumatisches Erlebnis vor ihrer Umwelt geheimhalten und sich ein neues Leben aufgebaut haben, in dem kein Platz mehr für Vergangenes zu sein scheint. Das Trauma ihrer Kindheit lässt sie jedoch nicht los: Während Lois unter dem Pseudonym Lucy Ledger versucht, mit dem von ihr verfassten Thriller Der Wald so still das Geschehene aufzuarbeiten, ertränkt Carly May, die ihren Namen zwischenzeitlich in Chloe Savage geändert hat, ihre Ängste im Alkohol. Als Lois‘ Roman verfilmt werden soll, erhält Carly May eine der Hauptrollen. Doch nach Studium des Drehbuchs ist sie schockiert, und ihr ist sofort klar, das nur Lois hinter Lucy Ledger stecken kann.

Je näher die Dreharbeiten rücken, umso häufiger und vehementer kehren die Erinnerungen und Albträume bei Lois und Carly May zurück. Doch insbesondere Lois, deren Unbehagen und Zweifel angesichts des Filmprojektes täglich zunehmen, hat kaum Zeit zum Durchatmen, denn Sean McDougal, ein angsteinflößender, undurchsichtiger Student, behauptet, ihre wahre Identität zu kennen und sie der Öffentlichkeit preiszugeben, wenn sie ihm nicht alles über die damalige Entführung und insbesondere über Zed erzählt. Aber all das ist nichts gegen den Schock, den Lois und Carly May erleiden, als während der Dreharbeiten die beiden kleinen Schauspielerinnen, die sie darstellen sollen, plötzlich spurlos im Wald verschwinden…

Exzellenter Thriller und psychologische Tour de Force

Der Roman hat mich von der ersten bis zur letzten Seite absolut gefesselt. Dies liegt nicht nur an dem langsam ansteigenden Spannungsbogen, den Mitchell so klug konzipiert hat, sondern vor allem an den Psychogrammen, die die Autorin von ihren Protagonistinnen zeichnet. Der Leser kann sich zu keinem Zeitpunkt sicher sein, welchen Erinnerungsfragmenten er trauen kann, er weiß nie, was Lois und Carly May von ihrem Kindheitstrauma behalten, ausgelassen, dazugedichtet oder verdrängt haben. Mitchells außergewöhnlicher Schreibstil katapultiert uns in die verworrene Gedanken- und Erinnerungswelt ihrer Hauptfiguren und hält uns somit an, uns selbst ein Bild zu machen. Dies trifft ebenso auf Zed zu, der in keiner Weise dem Bild eines Entführers entspricht, wenn wir den Aussagen der Mädchen Glauben schenken können. Alles in allem ist Mitchell mit ihrem Debütroman eine psychologische Tour de Force gelungen, die auf eindrucksvolle Weise nicht nur zeigt, was tief im Verborgenen liegt, sondern auch wie Vergangenheit und Gegenwart trotz Verdrängung stets interagieren. Fazit: Sehr lesenswert!

Maggie Mitchell: Schriftstellerin und Dozentin mit einem Faible für das Unheimliche

Über die in New York geborene amerikanische Schriftstellerin Maggie Mitchell ist noch nicht sehr viel bekannt. Bevor ihr erster, hier vorgestellter Roman publiziert wurde, schrieb sie zahlreiche Kurzgeschichten, die in diversen Literaturmagazinen wie New Ohio Review, American Literary Review and Green Mountains Review veröffentlicht wurden. Ihre Kurzgeschichte It Would Be Different If ist in der Bedford Introduction to Literature enthalten. Sie ist Dozentin an der Universität in West Georgia, wo sie mit ihrem Mann auch lebt.

Wie Mitchell der New York Times/USA Today Bestseller-Autorin und Bloggerin Caroline Lea Vittville in einem Interview1 verriet, kam ihr die Idee zu ihrem Erstlingswerk, als sie sich an einen Zeitungsartikel aus den 90er Jahren erinnerte, der über das gleichzeitige Verschwinden zweier Mädchen berichtete. Obwohl sie sich nicht mehr an Details erinnern konnte, ließ sie diese Geschichte nicht mehr los, und so bettete sie ihre Protagonistinnen in dieses Storygerüst und entwickelte ein fiktives Szenario, das nicht besser hätte gelingen können.

Wie Mitchell im o.g. Interview weiter ausführte, spielt sie derzeit mit dem Gedanken, einen Roman über Geister zu schreiben – auch wenn sie in keiner Weise an sie glaubt. Das Phänomen der Geister, wenn man die gängigen Clichés mal beiseite lässt, spiegelt in ihren Augen primär die trügerische Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart wider. Der neue Roman, der ihr vorschwebt, soll von psychiatrischen Anstalten, Geistern und Geschichte handeln. Das klingt sehr mysteriös und vielversprechend, so dass ich schon mehr als gespannt bin, was die Autorin aus diesen Fragmenten generieren wird.


Originalausgabe: Mitchell, Maggie. Pretty Is. New York: Henry Holt, 2015.
Deutsche Ausgabe: Mitchell, Maggie. The Other Girl. Du kannst niemals ganz entkommen. Aus dem amerikanischen Englisch von Sybille Uplegger. Berlin: List Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH, 2016.
Buchcover: www.ullsteinbuchverlage.de

1Interview von Caroline Lea Vittville vom 2. Juli 2015 – http://carolineleavittville.blogspot.de/2015/07/maggie-mitchell-talks-about-pretty-is.html

4 Antworten

  1. Das Buch hört sich echt ziemlich spannend an. Ich bin ja ein großer Fan von Thrillern und finde das ein guter Thriller auch überhaupt nicht blutig sein muss, die Storyline muss einfach überzeugen und die scheint hier echt sehr interessant zu sein. Du hast mich wirklich neugierig gemacht, zumal ich die Art von Geschichte sowieso immer sehr spannend finde.

    Danke auch für dein liebes Kommentar.
    Uih das freut mich natürlich zu hören, vor allem das ich jemand Gleichgesinntes gefunden habe, der auch die Tudors und Ripper Street mag :). Freut mich sehr, dass du wieder mit dabei bist und ich bin schon sehr gespannt auf deinen Beitrag.

    • Liebe Nicole,

      bitte entschuldige meine späte Antwort, aber ich bin gerade erst wieder aus dem Urlaub zurückgekommen.

      Herzlichen Dank für deinen Kommentar! Das Buch ist wirklich spannend aufgebaut und sehr fesselnd geschrieben. Ich habe es auch im Kollegenkreis empfohlen und ausschließlich positives Feedback bekommen.

      Ich arbeite gerade an meinen Beitrag für deine Blogparade – der Schwerpunkt wird hier im Bereich „Historische Krimis“ liegen. Ich freue mich sehr, wieder dabei zu sein.

      Sonnige Grüße

      Rosa

  2. Liebe Rosa,

    das Buch ist direkt auf meine Liste gewandert. Das klingt wirklich sehr spannend. In letzter Zeit habe ich tatsächlich sehr viele Bücher erwischt, die mir teilweise zu „blutig“ waren. Wenn die Story drumherum nicht spannend ist, hilft auch so ein Gemetzel nicht 😉 Ein echter Psychothriller ist da schon wieder eher nach meinem Geschmack.

    Liebe Grüße
    Sarah

    • Liebe Sarah,

      ich freue mich, wieder mal von dir zu hören.

      Schön auch, dass das Buch nach deinem Geschmack ist. Mir geht es da genauso wie dir: Ich finde, es gibt mittlerweile so viele Thriller, die derart blutrünstig sind, dass es keinen Spaß macht, sie zu lesen. Ich mag die leisen, aber unheimlichen Psychothriller auch viel lieber. Und genau so ein Buch ist auch „The Other Girl“.

      Liebe Grüße

      Rosa

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.