Skurriles aus dem Paradies

Paul Theroux: Hotel Honolulu

Hotel Honolulu, der erste Roman, den ich von Paul Theroux gelesen habe, ist ein skurriles literarisches Werk, wie ich bisher keines gelesen habe. Es lässt sich in kein Genre packen, schwankt zwischen klangvoller und derber Sprache und beinhaltet eine kapriziöse Mischung aus Humor, Tragik, Erotik und Lebensklugheit. Ein stringentes Plot sucht man hier vergebens – aber man vermisst es auch nicht. Wenn man sich erst einmal auf Theroux‘ unkonventionelle Erzählform eingelassen hat, ist es allerdings schwer, sich wieder davon zu lösen, denn schon nach kurzer Zeit taucht man ein in die Welt der oftmals sonderbaren Protagonisten und ihre nicht selten verstörenden Lebensgeschichten, die berühren – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Und immer wieder trifft den Leser die ganze Wucht des Ausdrucks von Theroux, denn der Autor macht selten Schnörkel – nichts wird beschönigt oder durch die Blume mitgeteilt – alles entfaltet sich mit absoluter Klarheit und Abgeklärtheit. Aber ab und an findet man auch wunderbar poetische Passagen, die so gar nicht zum Gesamtbild passen wollen und sich doch mühelos und vor allem stimmig einfügen. Dies alles macht das Besondere des Romans aus, der im wahrsten Sinne des Wortes ungewöhnlich ist.

Vom Schriftsteller zum Hoteldirektor

Als der namenlose 57-jährige Protagonist des Romans, ein schreibblockierter Autor, sich entschließt, den ihm angebotenen Job als Direktor des heruntergekommenen Hotels Honolulu auf Hawaii anzunehmen, ahnt er nicht im geringsten, worauf er sich einlässt. Zumal ihm klar ist, dass Hotelbesitzer Buddy Hamstra ihm nur deshalb die Leitung seines Hotels anvertraut hat, weil er Schriftsteller ist. Er hat keinerlei Erfahrung im Hotelbusiness und verlässt sich daher zunächst auf seine Angestellten, eine muntere, bunt gemischte Truppe, die ihn, den haole (hawaiianisch: weißer Mann),  wie einen Exoten bestaunen. Und auch sein Chef Buddy ist mehr als gewöhnungsbedürftig: Laut bis zum Exzess und ohne jegliches Gefühl für Peinlichkeiten sprüht er vor Lebenslust und ist somit das krasse Gegenteil des Autors, der leise Momente mit einem guten Buch am Strand bevorzugt. Ehe er sich versieht, beginnt für ihn ein völlig neues Leben: Er verliebt sich in die Hotelangestellte Sweetie und wird Vater einer Tochter, Rose, die sich zu einem seltsam anmutenden, sehr belesenen Mädchen entwickelt.

Ein neues Leben: Kuriose Gäste und unkonventionelle Freunde

Nichts kann den neuen Hoteldirektor allerdings auf die Gäste und ihre Eigenarten vorbereiten, die das Hotel Honolulu tagtäglich frequentieren. Ihre Hintergründe und Geschichten scheinen wie gemacht für einen Roman, zu dem ihm aber immer noch der Antrieb fehlt. Außerdem ist er als wichtigste Ansprechperson des Hotels wohl oder übel gezwungen, sich mit den Alltags- und Privatproblemen seiner Gäste zu beschäftigen – eine Aufgabe, an die er sich erst gewöhnen muss, denn er taucht lieber in fiktionale Welten ab, als sich mit dem allzu Menschlichen auseinanderzusetzen. Aber zu seiner Überraschung wächst er an seiner neuen Herausforderung und die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, ihr Glück und ihre Tragödien, prägen ihn und lassen eine Seite von ihm zum Vorschein kommen, die er bisher nicht kannte.

Und auch seine unkonventionellen Freundschaften mit seinem übersprudelnden Chef Buddy Hamstra, mit dem er rein gar nichts gemein hat, dem introvertierten Henry-James Biographen Leon Edel, der seine Passion für die Schriftstellerei teilt oder dem megareichen Einsiedler Royce Lionberg, den er für den „glücklichsten Mann auf Hawaii“ hält, bis etwas Undenkbares geschieht, schärfen seinen Sinn für das Wesentliche, der ihm als verschlossener Schriftsteller abhanden gekommen war. Doch gerade als er sich in seinem paradiesischen Zuhause so richtig heimisch fühlt, passiert etwas, das ihm eine weitere Entscheidung abverlangt: Hat er den Mut, seinem Leben eine erneute Wendung zu geben oder wählt er den leichten Weg zurück in seine vertraute, alte Welt?

Ein ungewöhnlicher Roman mit existenzieller Tiefe

In 80 Geschichten, die mit den 80 Zimmern des Hotels korrespondieren, entwirft Theroux ein kurioses Mosaik aus exzentrischen Charakteren, deren tragikomische Lebensbeschreibungen nicht immer leicht verdaulich sind. Die Abgründe, die sich hinter vielen Fassaden auftuen, gehen oftmals ins Bodenlose und schockieren. Doch nach jeder Erschütterung gewährt der Autor seinen Lesern eine kurze Atempause, in der guter Humor und Poesie aufblitzen, bevor erneut dunkle Wolken aufziehen. Diese Auf und Abs bzw. dieser ganz besondere Mix, der mit viel Lebensklugheit serviert wird, hat mich sehr beeindruckt. Ich muss wirklich sagen, dass ich noch nie ein Buch gelesen habe, das so ungewöhnlich ist wie dieses. Es verlangt den Lesern zwar einiges ab, gibt ihnen aber im Gegenzug auch vieles zurück. Hotel Honolulu ist ein sehr beachtenswerter Roman, der mit kunstvoller Metaphorik vom Suchen und Finden des Glücks in einer Welt erzählt, in der kein Paradies mehr Bestand hat.

Paul Theroux: Provokanter amerikanischer Autor und Reiseschriftsteller

Paul Theroux wurde 1941 in Medford/Massachusetts, USA, geboren. Er studierte an der University of Maine, der University of Massachusetts und an der Syracuse University. Nach seinem Abschluss, dem Bachelor of Arts, arbeitete er zunächst als Lehrer und lebte in Italien, Malawi und  Uganda. Zudem hatte er für einige Zeit einen Lehrstuhl an der Universität von Singapur inne. Heute lebt er mit seiner Familie abwechselnd auf Hawaii und Cape Cod.

Theroux verfasste zunächst Kurzgeschichten, Zeitungsartikel und Romane. Zu seinen bekanntesten Werken zählen u.a. The Mosquito Coast, der mit Harrison Ford, Helen Mirren und River Phoenix verfilmt wurde sowie Half Moon Street, dessen Verfilmung mit Sigourney Weaver und Michael Caine sehr sehenswert ist. Vor allem aber machte sich Theroux auch als Reiseschriftsteller mit sehr eigenwilligem Stil einen Namen und erlangte so ein internationales Renommee. Leider wurde von seinen insgesamt mehr als 30 Büchern nur ein geringer Teil ins Deutsche übersetzt.

Hotel Honolulu zählt ebenso wie Mein geheimes Leben zu den halbbiografischen Werken des Schriftstellers.

Seit 2013 ist Paul Theroux Mitglied der American Academy of Science and Arts.

Weitere Informationen zum Autor findet ihr auf seiner Website www.paultheroux.com, der ich ebenso wie der amerikanischen Wikipedia Site seine biografischen Informationen entnommen habe.


Originalausgabe: Theroux, Paul. Hotel Honolulu. New York: Houghton Mifflin, 2001.
Deutsche Ausgabe: Theroux, Paul. Hotel Honolulu. Aus dem amerikanischen Englisch von Theda Krohm-Linke. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, 2016.
Buchcover: www.hoffmann-und-campe.de

Mein herzlicher Dank gilt dem Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, der mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

2 Antworten

  1. Hallo Rosa,

    ich lese deinen Blog schon länger, weil mir deine Rezensionen bzw. Empfehlungen immer sehr gut gefallen.

    „Hotel Honolulu“ habe ich gerade zu Ende gelesen, und ich bin wirklich begeistert. Deine Rezension trifft absolut ins Schwarze: Theroux hat einen eigenwilligen Schreibstil mit sehr poetischen Passagen, die ich genauso mag wie seine skurrilen Charaktere.

    Herzlichen Dank für den Tipp!

    Viele Grüße

    Chloé

    • Hallo Chloé,

      vielen lieben Dank für dein Feedback! Es freut mich sehr, dass dir mein Blog gefällt.

      Du hast es auf den Punkt gebracht: Theroux‘ Schreibstil ist wirklich eigenwillig und poetisch zugleich – diese Kombination macht auch diesen Romane aus. Und natürlich ebenso seine bizarren Charaktere.

      Liebe Grüße

      Rosa

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