Die Frauen an seiner Seite:
Leben mit einem Mythos

HemingwayNaomi Wood: Als Hemingway mich liebte

Nachdem Paula McLain in ihrem erfolgreichen Roman Madame Hemingway (The Paris Wife) bereits Hemingways erster Frau Hadley Richardson eine Stimme gab und Erika Robuck in ihrem Buch Hemingway’s Girl seine zweite Frau Pauline Pfeiffer sehr gekonnt mit einbezog, geht die englische Schriftstellerin und literarische Newcomerin Naomi Wood noch einen Schritt weiter: Sie macht gleich alle vier Ehefrauen Hemingways zu Protagonistinnen ihres o.g. Romans und lässt sie ihre Geschichte vom Leben mit dem weltberühmten Schriftsteller und notorischen Frauenhelden erzählen. In dem aus vier Teilen bestehenden Roman, den Wood so meisterhaft erdacht hat, berichten Hemingways Frauen Hadley Richardson (Ehedauer: 1921-1927), Pauline Pfeiffer (1927-1940), Martha Gellhorn (1940-1945) und Mary Welsh (1946-1961) von den Höhen und Tiefen ihrer Ehe mit Hemingway, die zum Zeitpunkt ihres Erzählens bereits gescheitert ist bzw. im letzten Falle mit seinem Selbstmord endet. Mit diesem beeindruckenden, exzellent konzipierten Roman ist Naomi Wood eine glänzende literarische Komposition gelungen: Ihre hervorragend recherchierten Porträts der Ehefrauen Hemingways geben aufschlussreiche – wenn auch fiktive – Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt der vier Persönlichkeiten, die unterschiedlicher nicht hätten sein können.

Ehefrau Nr. 1 – Hadley Richardson: Die Bodenständige

Den Auftakt der chronologischen Ehe-Berichte macht Gattin Nr. 1, Hadley Richardson (The Paris Wife). Die aus St. Louis stammende Hadley war sieben Jahre älter als Hemingway und gilt als die bodenständigste unter Hemingways Frauen, die in ihrer Rolle als liebende Ehefrau und treusorgende Mutter aufging. Sie durchlebte mit Hemingway die „mageren Jahre“ in Paris, als sie noch arm waren und sein Durchbruch als Schriftsteller auf sich warten ließ. Den Glamour und die Dekadenz der goldenen Zwanziger, die Hemingway mit seinen Freunden, wie z.B. dem Schriftsteller F. Scott Fitzgerald (Der große Gatsby), dessen Frau Zelda und den reichen Murphys, ausgiebig zelebrierte, waren Hadley völlig fremd, und sie fühlte sich nicht selten fehl am Platz.

Schon bald beginnt Hemingway eine Affäre mit der weltgewandten, eleganten und sehr vermögenden VOGUE-Korrespondentin Pauline Pfeiffer, neben der sich Hadley unscheinbar und nichtssagend vorkommt. In ihrer Verzweiflung setzt sie alles auf eine Karte und lädt die Rivalin zu einem gemeinsamen Urlaub ins südfranzösische Antibes ein, um Hemingway zu einer Entscheidung zu zwingen. Doch ihr Plan geht nicht auf, und Hadley entschließt sich schweren Herzens, ihn freizugeben.

Ehefrau Nr. 2 – Pauline „Fife“ Pfeiffer: Die Mondäne

Mit seiner zweiten Ehefrau Pauline Pfeiffer (The Key West Wife) beginnt für Hemingway, dem mittlerweile der Durchbruch als Schriftsteller gelungen ist, ein ganz neues Leben. Er residiert mit Pauline in ihrer exklusiven Villa in Key West/Florida, die keine Wünsche offen lässt. Seine neue Gattin ist nicht nur äußerst glamourös, sie bewegt sich auch stilsicher auf jedem gesellschaftlichen Parkett und passt ausgezeichnet zu seinem extravaganten Freundeskreis. Doch anstatt im Luxus zu schwelgen, zieht es Hemingway weiter. Als Kriegsberichterstatter im Spanischen Bürgerkrieg lernt er die Korrespondentin und Schriftstellerin Martha Gellhorn kennen – und lieben. Doch Pauline ist nicht Hadley, die die Affäre stillschweigend duldet und hofft, dass Hemingway bei ihr bleibt. Sie macht ihm die Hölle heiß und wehrt sich mit allen Mitteln gegen die drohende Trennung, die sie auf keinen Fall akzeptieren will. Aber angesichts der wachsenden – öffentlichen – Demütigungen Hemingways resigniert schließlich auch Pauline und lässt ihn ziehen.

Ehefrau Nr. 3 – Martha Gellhorn: Die Freiheitsliebende

Martha Gellhorn (The Spanish Civil War Wife) ist meines Erachtens die Ausnahme unter den Hemingway Frauen, denn sie war für die damalige Zeit sehr emanzipiert. Äußerst selbstständig und freiheitsliebend, ist die Ehe für sie kein erstrebenswertes Ziel – auch dann nicht, wenn der Zukünftige Ernest Hemingway heißt. Folglich lehnt sie Hemingways Antrag auch zunächst erst einmal ab, obwohl sie später doch einwilligt. Aber es wird schon früh deutlich, dass ihre Beziehung nicht von Dauer sein kann, denn beide sind starke Charaktere, die sich viel zu ähnlich sind: Martha ist ebenso energisch und ambitioniert wie Hemingway, der mit ihrer Stärke nicht umgehen kann. Sie ist darüber hinaus auch nicht häuslich, es zieht sie – wie Hemingway – stets an gefährliche Schauplätze. Als er sich schließlich der jungen Mary Welsh, einer Reporterin der Times, zuwendet und mit ihr eine Affäre beginnt, kommt dies Martha gerade recht, denn sie wartete schon seit langem auf eine passende Gelegenheit, um ihn zu verlassen.

Ehefrau Nr. 4 – Mary Welsh: Die Beschützende

Mary Welsh vergöttert ihren Schriftstellerehemann, obwohl sie im Laufe ihrer Beziehung mehr und mehr erkennen muss, wie schlecht es um ihn steht: Seine Alkoholsucht und der damit einhergehende körperliche Verfall haben tiefe Spuren hinterlassen. Sie versucht ihr Bestes, um ihn aus seinen immer wiederkehrenden Depressionen zu holen, doch dies erweist sich als hoffnungslos. Als Hemingway auch noch seinen Lebensmotor, die Fähigkeit zu schreiben, verliert, sieht er keinen anderen Ausweg mehr, als seinem Leben ein Ende zu setzen. Mary will ihn auch über den Tod hinaus noch beschützen und stellt seinen Selbstmord zunächst als Unfall dar. Doch nach und nach kommt die Wahrheit ans Licht, und Mary kämpft mit ihrer überwältigenden Trauer und ihren Erinnerungen.

Beeindruckender Roman über die Frauen im Schatten des großen Schriftstellers

Naomi Wood rückt mit ihrem einzigartigen Roman die Frauen in Hemingways Leben in den Vordergrund, die stets in seinem Schatten standen. Jede ihrer Geschichten ist großartig erzählt, so dass man als Leser das Gefühl hat, nicht nur ein Teil des Geschehens, sondern auch Zeitzeuge zu sein. So beschreibt die Autorin z.B. in Hadleys Geschichte das bohemianische Paris und das glamouröse Südfrankreich der 20er Jahre mit all seinen schillernden Künstlerpersönlichkeiten, für die das Leben eine einzige Champagnerparty war.

Die vier Ehe-Narrationen, die aus der Ich-Perspektive der jeweiligen Gattin geschildert werden, sind eine Klasse für sich, denn sie wirken unglaublich authentisch, obwohl sie fiktiver Natur sind. Dies liegt meines Erachtens in den extensiven Vorarbeiten der Autorin begründet, die – so scheint es – jede kleinste Information über diese vier Ehen u.a. in den Briefwechseln Hemingways mit seinen Frauen recherchiert hat. Das macht diesen Roman zu einem ganz besonderen Lesegenuss, der darüber hinaus auch dazu verleitet, Ernest Hemingways Werke – erneut oder zum ersten Mal – zu lesen.

Mythos Hemingway 

Obwohl Naomi Wood in erster Linie Hemingways Frauen eine Stimme gibt, gelingt ihr darüber hinaus eine einzigartige Annäherung an den Ausnahmeschriftsteller Ernest Hemingway, der seinen eigenen überlebensgroßen Mythos von Männlichkeit und Heldentum schuf, dem er nie gerecht werden konnte und an dem er schließlich scheiterte. Seine Selbstinszenierung in der Öffentlichkeit als unwiderstehlicher Frauenheld, verwegener Draufgänger und unkonventioneller Schriftsteller mit einer Vorliebe für Stierkampf und Safaris verbarg – wenn man den unzähligen Biografien Glauben schenken darf – einen widersprüchlichen, zutiefst unsicheren Menschen, der von Ängsten und Depressionen gequält wurde, die er mit Alkohol zu bekämpfen versuchte.

Sein kontradiktorischer Charakter zeigte sich auch in seiner von Hassliebe geprägten Beziehung zu seinen Kritikern: Einerseits verabscheute er sie, andererseits wollte er ihnen um jeden Preis gefallen. Doch auch die bedeutendste Auszeichnung, der Nobelpreis für Literatur, den er für sein Meisterwerk Der alte Mann und das Meer erhielt, konnte ihm seine Selbstzweifel nicht nehmen. Nachdem er seine Kreativität und seine Fähigkeit zu schreiben verloren hatte, ist ihm am Ende nichts geblieben. Uns Lesern aber bleibt sein bedeutendes literarisches Vermächtnis, das seine schriftstellerische Brillanz auf beeindruckende Weise manifestiert.

Naomi Wood: Vielversprechende literarische Neuentdeckung

Naomi Wood wurde 1983 in Yorkshire/England geboren. Im Alter von acht Jahren zog sie mit ihren Eltern nach Hong Kong, wo sie zehn Jahre lebte. Mit 18 kehrte sie zurück nach England und studierte Englische Literatur an der renommierten University of Cambridge. Danach arbeitete sie zunächst für Random House und studierte dann Creative Writing an der University of East Anglia in Norwich (UEA). Neben ihrem Studium entstand ihr erster Roman The Godless Boys, der 2011 in England und Norwegen veröffentlicht wurde und demnächst sogar verfilmt wird.

Nachdem sie an der UEA ein volles Promotionsstipendium erhalten hatte, begann sie mit den Recherchen zu ihrem zweiten Buch, dem hier vorgestellten Roman Als Hemingway mich liebte (Mrs. Hemingway). Sie besuchte die Schauplätze und Lebensschwerpunkte Hemingways in Chicago, Boston, Key West, Cuba, Antibes und Paris und recherchierte als Stipendiatin zudem einige Zeit an der Library of Congress in Washington D.C.

Wie die Autorin in einem Interview mit Kate Braithwaite von der Historical Novel Society mitteilte, näherte sie sich ihrem Thema durch Hemingways Briefwechsel mit seinen Frauen an. Doch mehr Aufschluss gewann sie durch Bernice Kerts Biografie The Hemingway Women, die sehr lesenswert ist. Außerdem verriet sie, dass es ihr besonders wichtig war, Hemingways zweiter Frau, Pauline Pfeiffer, eine Stimme zu geben, da sie in vielen Biografien oft nur als Teufelin beschrieben wurde, die Hemingways erste Ehe mit Hadley Richardson so aggressiv gestört hatte, bis es schließlich zur Scheidung kam. Zudem war Pfeiffer die einzige Frau des Schriftstellers, die vor ihm starb und somit keine Chance mehr hatte, ihre Sicht der Dinge zu erzählen.

Bei Braithwaites Frage, welches Buch von Hemingway denn ihr liebstes sei, musste Wood nicht lange überlegen: Es ist die 1952 veröffentlichte Novelle Der alte Mann und das Meer (The Old Man and The Sea), für das er zwei Jahre später den Nobelpreis für Literatur erhielt und das zugleich auch sein letztes Buch ist, das zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde. Wood sieht in diesem großartigen Werk der Weltliteratur eine eindeutige Parallele zu Hemingways Biografie, die die ganze Tragik seines Niedergangs offenbart. Für sie symbolisiert der Kampf des alten Fischers Santiago mit seinem besten Fang, einem übergroßen Marlin, gleichermaßen Hemingways verzweifeltes Aufbegehren gegen seine zunehmenden Depressionen, seine Ängste und den damit einhergehenden Verlust seiner Fähigkeit zu schreiben.

Darüber hinaus empfiehlt Wood ihren Lesern Hemingways A Moveable Feast (Paris, ein Fest fürs Leben), in dem er die anglo-amerikanische Schriftstellerszene und ihren bohemianischen Lebensstil im Paris der 20er Jahre lebendig werden lässt. Und hier kann ich ihr nur beipflichten: Ich liebe dieses Buch, seit ich es an der Uni zum ersten Mal gelesen habe.

Das ganze Interview mit Naomi Wood – Talking Mrs. Hemingway with Naomi Wood – findet ihr hier: https://historicalnovelsociety.org/talking-mrs-hemingway-with-naomi-wood/. Dort könnt ihr euch auch einige Bilder der Hemingway-Frauen anschauen.

Mit Mrs. Hemingway, der 2014 in England erschien und inzwischen in mehr als 10 Ländern publiziert wurde, gelang ihr der literarische Durchbruch. Der Roman wurde bereits in seinem Erscheinungsjahr mit dem Jerwood Fiction Uncovered Prize ausgezeichnet und erhielt eine exzellente Besprechung in der namhaften New York Times.

Neben der Schriftstellerei unterrichtet Naomi Wood Creative Writing an der Goldsmiths University in London, wo sie auch lebt.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website naomiwood.com. der ich auch die biografischen Informationen über die Schriftstellerin entnommen habe.


Originalausgabe: Wood, Naomi. Mrs. Hemingway. London: Picador/Pan Macmillan, 2014.
Deutsche Ausgabe: Wood, Naomi. Als Hemingway mich liebte. Aus dem Englischen von Gerlinde Schermer-Rauwolf und Robert A. Weiß, Kollektiv-Druck Reif. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, 2016.
Buchcover:
www.hoffmann-und-campe.de

Zusätzliche Quelle
Braithwaite, Kate. Talking Mrs. Hemingway with Naomi Wood. In: Historical Novel Society (Línk s.o.).

Mein herzlicher Dank gilt dem Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, der mir diesen Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

2 Antworten

  1. Das Buch ist mir letztens aufgefallen und es hat auf jeden Fall seinen Reiz. Grad von Hemingway möchte ich etwas mehr erfahren und werde auf jeden Fall näher anschauen. Die Rezension ist sehr gelungen!

    • Liebe Nicole,

      herzlichen Dank für dein Feedback. Es freut mich sehr, dass dir meine Rezension gefällt. Das Buch ist wirklich außergewöhnlich und eine sehr ansprechende Lektüre.

      Wenn dich Hemingway und seine Zeit interessieren, empfehle ich dir auch sein Buch „Paris – ein Fest fürs Leben“. Ich denke, es würde dir gefallen.

      Liebe Grüße

      Rosa

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