Bücherblogger in der Kritik

Ein am 11. Februar 2016 in der Onlineausgabe der ZEIT publizierter Artikel von Ana Maria Michel mit dem Titel Literaturblogs – Dieses Buch wird ihr Leben verändern sorgt derzeit für viel Unmut unter den Bücherbloggern – und dies zu Recht. Die Verfasserin nimmt hier neben Booktubern primär Literaturblogs und ihre Autoren ins Visier und übt harsche Kritik an deren Rezensionen und generellen Auseinandersetzung mit Literatur. Auf Basis einer äußerst dürftigen Recherche, die vermuten lässt, dass sich die Autorin noch nicht einmal einen groben Überblick über die Literaturblog-Szene verschafft hat, reiht sie eine Pauschalierung an die nächste – sehr wahrscheinlich in der Hoffnung, das zu erreichen, was sie den Bücherbloggern als primäre Intention vorwirft: Aufmerksamkeit.

Ich hatte kurzzeitig überlegt, ob ich zu diesem Artikel überhaupt Stellung nehmen soll, bin aber dann doch zu dem Entschluss gelangt, ihn zu kommentieren, weil man die Ausführungen der Verfasserin meines Erachtens so nicht stehen lassen kann. Nachfolgend habe ich für euch eine Auswahl von Michels provokantesten Äußerungen aus ihrem Artikel zitiert und sie mit meinen Anmerkungen versehen. Ich empfehle euch, den Artikel – trotz allem – ganz zu lesen, damit ihr einen umfänglichen Eindruck erhaltet.

Hochliteratur nur für Rezensionsbefähigte?

Auch die sogenannte Hochliteratur wird im Internet von Leuten rezensiert, die nicht zum Kreis der etablierten Literaturkritik gehören.

Es klingt wie eine simple Feststellung, doch der Unterton ist äußerst unschön. Natürlich besprechen Bücherblogger auch Hochliteratur. Seit wann ist es einer geistigen Elite vorbehalten, diese zu rezensieren? Und woher rührt eigentlich die Meinung der Autorin, dass Bücherblogger prinzipiell kein literaturwissenschaftliches Hintergrundwissen haben? Selbst wenn es so sein sollte, was tut es zur Sache? Es ist doch sehr erfrischend, die unterschiedlichsten Herangehensweisen und Interpretationsansätze von Bloggern – auch ohne literaturwissenschaftlichen Background – in einer Vielzahl von Blogs quer durch alle Generationen zu lesen. Das macht nicht nur Spaß, sondern erweitert auch den Horizont – auch wenn man vielleicht nicht immer alles nachvollziehen kann.

Der üble Beigeschmack, der von Michels o.g. Formulierung ausgeht, ist ihre Implikation, dass es im Grunde ein Unding ist, wenn ein unbedarfter Bücherblogger Hochliteratur bespricht. Bücherblogger „durch die Blume“ als Low Lives abzuwerten – ohne ihren Hintergrund zu kennen – und ihnen jegliche Form der Rezensionsfähigkeit abzusprechen, zeugt meines Erachtens nicht nur von Impertinenz, es zeigt auch, dass die Verfasserin sich keinen einzigen der großen Literaturblogs und deren Autoren näher angesehen hat, die man meines Erachtens durchaus in den erlauchten Kreis der Literaturkritiker aufnehmen könnte.

Von Nacherzählern und Stilignoranten

Buchbesprechungen auf Blogs sind vor allem Nacherzählungen. Lang und breit wird berichtet, worum es in dem jeweiligen Buch geht./…/

Über formale Kriterien wie Aufbau und Stil wird in den Blogs oft nur wenig geschrieben./…/

Es wird viel „ich“ gesagt, denn es geht schließlich um die ganz persönlichen Eindrücke und Gefühle.

Und erneut verliert sich die Autorin in Pauschalaussagen, die jeglicher Substanz entbehren und zeigen, dass sie sich mit der Thematik allenfalls marginal beschäftigt hat. Es gibt so viele qualitativ gute Bücherblogs, für die ihre o.g. Ausführungen schlicht nicht greifen. Der Sinn des von Michels‘ eigens für Bücherblogs angelegten Bewertungsmaßstabs erschließt sich mir ebenfalls nicht. Für viele, die Literatur lieben, ist Bloggen einfach ein wunderbares Hobby und ein hervorragender Ausgleich zu ihrem Job (dies trifft übrigens auch auf mich zu). Ob Bücherblogger somit lang und breit ein Buch nacherzählen oder nur den Klappentext mit einem Satz zur persönlichen Meinung wiedergeben, ist daher völlig ohne Belang. Dass sie darüber hinaus vielleicht auch die Form, den Stil u.ä. außer Acht lassen, liegt ebenfalls in ihrem eigenen Ermessen. Wir sind ja nicht in der Schule, wo spezifische Bewertungskriterien angewandt werden.

Ich finde es einfach wichtig, dass Menschen lesen bzw. sich überhaupt mit Literatur beschäftigten – und das ist ja in der heutigen handydominierten Zeit auch nicht mehr selbstverständlich. Wie sie dann auf ihrem Blog letztendlich ihre Leseerfahrungen teilen, bleibt ausschließlich ihnen überlassen. Die Blogleser, die im Übrigen nicht alle selbst Blogger sind, können sich dann aus der schier unerschöpflichen Vielfalt der Bücherblogs diejenigen aussuchen, die ihren Vorstellungen entsprechen.

Das ungeliebte „Ich“

Eine Buchempfehlung reflektiert ohne Frage immer auch die eigenen Impressionen und Empfindungen. Daher ist es meines Erachtens auch ganz natürlich, häufig „ich“ zu verwenden. Aber auch dafür müssen sich Blogger in keiner Weise rechtfertigen oder gar entschuldigen. Da aber jede Formulierung der Verfasserin wie ein unterschwelliger Vorwurf klingt, frage ich mich, was sie generell mit ihren fragwürdigen Ausführungen bezweckt. Und wieder fällt mir dazu nur Aufmerksamkeit ein.

Lobpreisungen en masse?

Trotzdem fallen die meisten Rezensionen von Bloggern positiv aus. Viele Buchblogger wählen Bücher ohnehin nur dann aus, wenn sie annehmen, dass sie ihnen gefallen.

Auch diese Aussage trifft so nicht zu. Viele Bücherblogger setzen sich durchaus kritisch mit den gelesenen Büchern auseinander. Ich kann aber gut nachvollziehen, wenn Literaturblogger nur Bücher empfehlen, die ihnen gefallen. Warum sollten sie sich auch durch Bücher quälen bzw. über Werke schreiben, die ihnen nicht zusagen? Die Freizeit der meisten Blogger, die ihren Blog als Hobby betreiben, ist zumeist begrenzt, so dass sie sich dann auf die Bücher fokussieren, die ihren Geschmack treffen.

Bücherblogger: Dummies ohne literarischen Anspruch?

Die Kriterien, die ein Buch zu einem guten oder schlechten machen, sind bei den meisten Bloggern ähnlich: Die Lektüre darf nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Geschichte muss leicht verständlich sein. Werden verschiedene Zeitebenen verschränkt, kommt das bei vielen Bloggern schon mal nicht gut an. Die Figuren müssen sympathisch und ihre Handlungen nachvollziehbar sein. Der Leser will sich mit ihnen identifizieren können.

Woher bezieht die Autorin hier ihre Informationen? Sicherlich nicht aus einer detaillierten Analyse des breit gefächerten Literaturblog-Sektors. Übersetzt heißt es ja nichts anderes, als dass Bücherblogger prinzipiell dumm sind und nur Trash lesen, weil sie diese Art der Literatur gerade noch mit ihrem IQ erfassen können. Das ist derart unverschämt, dass sich jeder Kommentar erübrigt. Lassen wir doch die Autorin einfach in Cloud Cuckoo Land, in dem es von tumben Bücherbloggern nur so wimmelt, für die leicht verständliche Literatur mit vielen total sympathischen Protagonisten auf Bäumen wächst.

Ein „empfindliches“ Kulturgut

Auch viele der Buchblogger sind sich darüber bewusst, dass der Gegenstand, über den sie schreiben, ein heikler ist. Literatur gilt als Kulturgut, sie ist, anders als zum Beispiel ein Kosmetikprodukt, kein Gebrauchsartikel.

Ja, Literatur ist in der Tat ein Kulturgut. Somit ist es nicht nur Auserwählten vorbehalten, sich mit ihr zu beschäftigen. Heikel ist hier lediglich die Tatsache, wie sehr es der Autorin missfällt, dass es jedem freisteht, im Web Bücher zu rezensieren. Ginge es nach ihr, dürften dies nur Literaturkritiker bzw. Feuilletonisten. Eine derart antiquierte Einstellung in der heutigen Zeit befremdet mich sehr, denn in einer pluralistischen Gesellschaft sollte doch eigentlich Vielfalt und nicht Einfalt gelten. Gerade bei einem Kulturgut…

It’s lonely at the top: Das einsame Feuilleton

Der Gang in die Buchhandlung wird seltener, im Feuilleton informieren sich die wenigsten über Literatur.

Den Eindruck teile ich nicht. Buchhandlungen sind zumeist gut besucht, viele Blogger entdecken interessante Bücher im Übrigen beim Stöbern. Natürlich lässt es sich nicht leugnen, dass sehr viele Bücher – aus Zeitmangel oder Bequemlichkeit – online gekauft werden.

Was aber zutrifft, ist, dass sich die wenigsten im Feuilleton über Neuerscheinungen u.v.m. informieren. Doch woran liegt das? Aus Gesprächen mit anderen Bloggern höre ich des Öfteren, dass die Feuilleton-Artikel oftmals zu schwer verständlich und literaturwissenschaftlich geprägt sind und man sich aus diesem Grund lieber anderer Medien bedient. Hier bin ich anderer Meinung. Ich lese das Feuilleton genauso gerne wie ich das BÜCHERmagazin, Lesart, buch aktuell etc. lese, denn nur durch die Lektüre unterschiedlicher Quellen erhält man meines Erachtens zumindest einen kleinen Überblick über die Fülle an Neuerscheinungen oder wiederentdeckte Klassiker. Aber auch das ist Ansichtssache und bleibt jedem selbst überlassen.

Natürlich gibt es auch Blogger, die sich von den Verlagen unabhängig machen, die sich die Bücher, die sie besprechen, selbst kaufen und die sich nichr nur für Neuerscheinungen interessieren. Doch lauter zu hören sind solche, denen vor allem Aufmerksamkeit wichtig ist.

Viele Blogger kaufen sich ihre Bücher selbst. Sollte man ein Rezensionsexemplar erhalten – was angesichts der begrenzten Anzahl nicht einfach ist -, besteht kein Verlag meines Wissens auf einer ausschließlich positiven Rezension. Wenn das Buch gar nicht zugesagt hat, ist man auch nicht verpflichtet, es zu besprechen. Somit kann ich hier auch keine sklavische Abhängigkeit von Verlagen erkennen. Zudem trifft es ebenfalls nicht zu, dass sich die Mehrheit der Bücherblogger ausschließlich für Neuerscheinungen interessiert, denn viele Blogs haben zum Beispiel auch eine Rubrik Klassiker. Dies wüsste die Autorin, wenn sie sich mehr als vier Bücherblogs angesehen hätte. Und zum Thema Aufmerksamkeit kann ich nur sagen: „Wer im Glashaus sitzt….“

Alles in allem muss ich sagen, dass ich schon erstaunt bin, einen solchen Artikel in einer renommierten Zeitung wie die ZEIT zu lesen. Worin liegt der Sinn, Bücherblogger zu verunglimpfen und darüber hinaus einen Graben zwischen Literaturkritikern/Feuilletonisten und Bücherbloggern zu generieren, der per se gar nicht existiert? Die Mehrheit der Bücherblogger versteht sich überhaupt nicht als Kritiker, obwohl einige unter ihnen sind, die wirklich sehr gut rezensieren und analysieren können.

Dass die Autorin Bücherblogs größtenteils ablehnt und sie für minderwertig hält, ist ihre persönliche Meinung, auf die sie natürlich ein Recht hat. Die in ihren Augen hochliteraturunwürdigen Blogger werden jedoch auch weiterhin Superlativ an Superlativ reihen, um ihre „Buchjuwelen“ anzupreisen. «A chacun le sien.»


Foto: © Bee – myeverydaylife.de

6 Antworten

  1. Liebe Rosa,

    ich habe diesen Artikel ebenfalls gelesen und habe mich beim Lesen wirklich gewundert, wie eine renommierte Zeitung wie die ZEIT so offensiv und dazu schlecht recherchiert vorgeht.

    Mein Blogthema ist nicht die Literatur, aber neben deinem Blog lese ich noch ein paar andere Literaturblogs und kann der Dame nur widersprechen. Wie bei allen Themen über die Blogger berichten, gibt es die Qualitäts-Spanne von schlecht bis hin zu exzellent. Jeder bloggt mit anderer Motivation und auf eine andere Art und Weise. Generalisierungen finde ich extrem schwierig. Was treibt einen an eine solche Offensive gegen Blogger zu starten? Ich vermute es geht hier um Aufmerksamkeit, was an sich ja ok ist, aber bitte nicht auf diese Art.

    Zu deinem Blog kann ich auf jeden Fall sagen, dass ich deine Rezensionen extrem gut recherchiert und formuliert finde. Es macht Spaß sie zu lesen und wie schön, dass du auch den Inhalt in eigene Wort fasst und nicht einfach nur den Klappentext zitierst.

    Liebe Grüße, Bee

    • Liebe Bee,

      du hast absolut Recht: Man kann den Artikel wirklich nur als Offensive gegen Bücherblogger verstehen. Und Aufmerksamkeit ist ja auch ein breites Feld. Jeder Blogger wünscht sich Aufmerksamkeit, d.h. er möchte, dass seine Artikel auch gelesen werden. Wenn man aber auf der anderen Seite außer Provokationen nichts zu bieten hat, wird es langweilig. Dabei sind Bücherblogs doch ein spannendes Thema für einen Artikel – ob man sie nun mag oder nicht. Schade, dass die Thematik auf Generalisierungen reduziert wurde!

      Und noch eins: Vielen Dank, liebe Bee. Ein Lob von dir zählt doppelt :).

      Liebe Grüße

      Rosa

  2. Besonders schockiert bin ich von der Ich-Kritik, weil ich (da ist es wieder), meine Rezensionen immer in dieser Form schreibe, um zu zeigen, dass es sich eben um MEINE Meinung handelt.

    Auf jeden Fall, danke für diesen Blogbeitrag, weil du mir damit aus der Seele sprichst. Ich bin entsetzt, dass ein Artikel (?) auf diesem (geringem) Niveau überhaupt in der ZEIT erscheint.

    • Hallo Nicole,

      herzlichen Dank für dein Feedback.

      Die Ich-Kritik finde ich auch unmöglich. Eine Rezension beinhaltet immer die persönliche Meinung des Verfassers. Wie soll man diese ohne Verwendung von „ich“ ausdrücken? Eine Alternative zeigt die Autorin nicht auf, es geht ihr hier meines Erachtens ausschließlich darum, Literaturblogger in ein schlechtes Licht zu rücken.

      Dieser Artikel ist in der Tat kein Aushängeschild für die renommierte ZEIT.

      Liebe Grüße

      Rosa

  3. Hallo Bee – was für eine ausführliche Meinung 🙂
    Ich sehe es ganz ähnlich wie du. Die Autorin des Artikels hat sich darauf eingeschossen über die relativ wenig gehaltvollen Bücherblogs zu schreiben. Die existieren und machen sicherlich auch einen großen Teil der Blogszene aus. Allerdings lese ich persönlich kaum einen dieser Blogs (mehr). Allerdings ist es immer wieder schade, wenn alle über einen Kamm geschert werden. Man sollte annehmen, dass das journalistische Know-How ausreicht, um eine etwas distanziertere Form zu wählen, die auch die vielen vielen Buchblogger berücksichtigt, die sich bemühen, die Fachwissen haben, die nicht alles geschenkt bekommen etc.
    Aber die Story hat sich wahrscheinlich besser verkauft.
    Viele Grüße,
    Steffi

    • Hallo Miss Booleana, liebe Steffi,

      vielen Dank für deinen Kommentar.

      Ich stimme mit dir überein, dass dieser Artikel mit seinen unsäglichen Verallgemeinerungen sehr wahrscheinlich nur viele Klicks erzielen sollte. Guter Journalismus basiert immer auf einer fundierten Recherche, doch dies lässt sich in diesem Fall leider nicht erkennen.

      Ich lese quer durch alle Blogs, auch wenn manche vielleicht nicht so gehaltvoll sind, denn ich habe auch hier schon manchen guten Lesetipp erhalten.

      Viele Grüße

      Rosa

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